Abitur NRW Deutsch 2021 · GK · Nachtermin

Abiturprüfung Deutsch in Nordrhein-Westfalen 2021, GK · Nachtermin: 7 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Interpretation lyrischer Texte. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Interpretation lyrischer Texte · Interpretation epischer Texte · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Analyse pragmatischer Texte · Sprachreflexion und Sprachtheorien

Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1: Analyse pragmatischer… · Analyse pragmatischer Texte

Vorbemerkung:

Viele Artikel des von Peter Honnen herausgegebenen „Herkunftswörterbuchs der Umgangssprache an Rhein und Ruhr“ stammen aus dem „Rheinische[n] Mitmachwörterbuch“, einem interaktiven Angebot des Landschaftsverbands Rheinland (LVR), das seit 2007 im Netz steht und sich an alle Sprecherinnen und Sprecher des rheinischen Regiolekts als potenzielle Beitragende richtet: Kommentare werden unmittelbar online veröffentlicht, außerdem lassen sich neue Stichwörter und Wortartikel vorschlagen. Vor der Aufnahme ins Wörterbuch werden diese von der Redaktion des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte überprüft. Erwünscht sind ausdrücklich Beispielsätze zur Anwendung, die die Wortartikel ergänzen.

Peter Honnen

Wo kommt dat her? Herkunftswörterbuch der Umgangssprache an Rhein und Ruhr (Textauszug)

Einleitung

Die gesprochene Sprache – seien es die allgemeine Umgangssprache, die Regiolekte oder

auch die Dialekte – gilt für gewöhnlich als die etwas schmuddelige Schwester des Hochdeut-

schen. So wie man im Alltag lieber mit legerer Kleidung herumläuft und sich nur zu bestimm-

ten Gelegenheiten in Schale wirft, bedient man sich im sprachlichen Alltag einer Sprach-

5 variante, die weniger strengen Regeln unterliegt und sich nicht an den im Duden kodifizierten

Wortschatz hält und die deshalb – wie ein sprachlicher Trainingsanzug – ein geringeres Pres-

tige hat, oft sogar als falsch oder zumindest fehlerhaft gilt. Dialektsprecherinnen und -sprecher

können (oder besser: konnten) davon ein Lied singen.

So alt diese Einschätzung ist, so falsch ist sie auch. Die Dialekte sind keineswegs primitive

10 Varianten des Hochdeutschen, sondern alte Vorgängersprachen, die sich bis ins erste Jahr-

tausend zurückverfolgen lassen. Sie sind im Grunde Sprachmuseen, die einen Sprachstand

archivieren, der die Grundlage für die Herausbildung der Hochsprache im 16. Jahrhundert

war.

Auch die regionale Umgangssprache, die immer mehr die alten Dialekte ablöst, ist nicht unbe-

15 dingt falsch, nur weil sie sich nicht an den kodifizierten Regeln orientiert. Die gesprochene

Sprache ging der geschriebenen Sprache immer schon voraus, sie ist das Experimentierfeld,

auf dem ausgelotet wird, wie stark etwa grammatische Konventionen gedehnt oder sogar über

Bord geworfen werden können, wie konsensfähig Regelverstöße in einer Sprachgemeinschaft

sind und wie oder ob die Weichen für künftige Sprachentwicklungen gestellt werden. Ohne

20 die gesprochene Alltagssprache gäbe es keine Sprachentwicklung (was der eine oder die

andere vielleicht sogar befürworten würde). Das gilt sowohl für die Grammatik als auch für

den Wortschatz. Die gesprochene Sprache ist so etwas wie ein Meiler 1, der ununterbrochen

die Hochsprache befeuert und für deren Anpassung an die Sprachwirklichkeit sorgt.

Sie ist aber nicht nur innovativ, sondern auch konservativ. Der umgangssprachliche Wort-

25 schatz bewahrt wie die Dialekte unzählige Wörter, die – aus welchen Gründen auch immer –

nicht den Weg in die Hochsprache gefunden haben. Die sind zwar aus standardsprachlicher

Perspektive im Grunde Abfallprodukte der Sprachentwicklung, aber dennoch sprachgeschicht-

lich hochinteressant, ja oft sogar weitaus älter als ihr hochsprachliches Pendant. Kurz: Dass

ein Wort nicht im Duden zu finden ist, bedeutet nicht, dass es in irgendeiner Weise „weniger

30 wichtig“, „weniger wert“ oder „weniger interessant“ ist. […]

Noch heute lässt die Umgangssprache, die die Menschen zwischen Westfalen und der Pfalz

sprechen, im Wortschatz die zweitausend Jahre alte Eroberungs-, Siedlungs- und Migrations-

geschichte des Rheinlands aufscheinen. Wenn eine Niederrheinerin vom Söller 2 spricht, wenn

ein Kind fimmelich ist und den Teller nicht leer isst, sich eine rheinische Kaffeerunde ein

35 Köppken Kaffee genehmigt, ein Bergmann im Ruhrgebiet in die Waschkaue 3 geht oder die

Nachbarn auf dem Dörpel 4 tratschen, dann benutzen sie Wörter, die in ähnlicher Form schon

die römischen Soldaten im kaiserlichen Trier oder in der großen Metropole Köln gesprochen

haben. […]

Weniger Siedlungsgeschichte als Sprache gewordene Sozialgeschichte steckt dagegen in den

40 vielen französischen und jiddischen Lehnwörtern oder den ungezählten Übernahmen aus dem

Rotwelschen, der berühmten deutschen Gaunersprache. Denn anders als vielfach angenom-

men sind die Französismen 5 in der gesprochenen Sprache keine Relikte der napoleonischen

Besatzungszeit, sondern vielmehr anschauliche Beispiele dafür, wie modische Überreiztheiten

der „gehobenen Kreise“ irgendwann auch das einfache Volk erreichen. […] Diese Brocken

45 wurden nicht nur in den Salons populär (!), sondern schließlich auch auf der Straße, wo sie,

zum Teil lustig entstellt, bis heute quicklebendig geblieben sind; dazu gehören etwa Amarasch

„Aufwand, Getue“, Bagaasch „Familienanhang“, blümerant „benommen“, Dääz „Kopf“,

malad „kränklich“ und Plümmo „Federbett“.

Mit Sprachmoden haben dagegen die Jiddismen 6 in der Alltagssprache nichts zu tun, im

50 Gegenteil: Schon im 19. Jahrhundert wollte das jüdische Bürgertum von solchen Wörtern

nichts mehr wissen und hat sich dafür eher geschämt. Wenn sich dennoch zahlreiche jüdische

Lehnwörter im Rheinischen finden, sind sie zu einem nicht geringen Teil im Kontakt zwischen

jüdischen Viehhändlern, Metzgern oder Hausierern und der rheinischen Landbevölkerung

entstanden. Dazu gehören etwa Daffke „Trotz“, Kaff, Kahn „Gefängnis“, Keiloff „Hund“,

55 Kippe machen „Halbe-Halbe“, malochen, meimeln „regnen, pinkeln“, stickum „leise“ oder

das im Ruhrgebiet bekannte Zachel „Messer“. […]

Aber das Rheinland war nicht nur römische Kolonie, fränkisches Siedlungsgebiet, mittel-

alterliche jüdische Migrationsregion oder französisches Departement, es war auch immer eine

Grenzregion mit vielen Nachbarstaaten und damit Sprachgrenze zum Niederländischen und

60 Französischen – Sprachen, die einen nicht unwesentlichen Einfluss auf das Rheinische hat-

ten. So ist die deutsche Handelssprache stark durch die intensiven flandrisch-brabantischen

Geschäftsbeziehungen des Rheinlands beeinflusst worden. […]

Die rheinische Alltagssprache ist ganz offensichtlich ein Spiegel der für den deutschen Sprach-

raum ungewöhnlich langen und wechselvollen Geschichte des Rheinlands und seiner unge-

65 wöhnlichen geografischen Situation entlang zweier Sprachgrenzen. Doch das ist nur ein

Aspekt. Das Rheinische ist als Regiolekt, als regionale Umgangssprache, auch Erbe der alten

Dialekte, die im sprachlichen Alltag in ihrer eigentlichen Form kaum noch zu hören sind.

Oft als Hochdeutsch auf Klompen oder noch drastischer als Hochdeutsch mit Streifen ver-

unglimpft, ist die aktuelle gesprochene Sprache im Rheinland dennoch das letzte Refugium

70 für manche regionaltypischen Mundartwörter. Und es ist manchmal sogar erstaunlich, welch

wirklich exklusiv rheinische Begriffe mit nur geringer Reichweite heute noch von Menschen

zu hören sind, die nie Dialekt gesprochen haben. Dazu gehören etwa Fumm „dickes Butter-

brot“, die Eifler Wendung int Gewatt kommen „sich einspielen“, kiwief „reaktionsschnell,

intelligent“, […] oder Ambach in der Frage Wat is Ambach? „Was ist los?“. „Exklusiv rhei-

75 nisch“ muss dabei nicht unbedingt bedeuten, dass die entsprechenden Wörter rheinische

„Erfindungen“ sind, im Gegenteil können auch sie Lehnwörter sein, die wie […] Ambach

eine vorgermanische Wortgeschichte haben. Im Fall von Letzterem ist die sogar eine ganz

besondere, denn Ambach ist eines der ganz wenigen keltischen Wörter, die wir kennen (gal-

lisch ambactus „Dienstmann“). Warum sich im nördlichen Rheinland, und nur hier, die alte

80 Form (die im Hochdeutschen zu Amt geworden ist) nahezu unverändert gehalten hat, ist eine

bislang unbeantwortete Frage.

Wie überhaupt der umgangssprachliche Wortschatz manches Rätsel birgt. […]

Das ist bei einer Sprache, die nur gesprochen und ganz selten einmal aufgeschrieben wird,

nicht anders zu erwarten. Das macht sie eigentlich erst spannend. Aber auch wenn viele Rätsel

85 bleiben, kann ein etymologisches Wörterbuch des Rheinischen die gesprochene Sprache in

einem ungewohnten oder gar neuen Licht erscheinen und ihr Gerechtigkeit widerfahren las-

sen. […]

So ist, wenn man so will, die Rehabilitation des alltagssprachlichen Wortschatzes und seiner

Sprecherinnen und Sprecher im Rheinland das eigentliche Anliegen dieses Buches. Es will

90 zeigen, dass die gesprochene Sprache ebenso alte Wurzeln wie die Hochsprache hat, dass das

Rheinische noch heute, anders als die alles vereinheitlichende Standardsprache, ein sprechen-

des Zeugnis der außergewöhnlichen rheinischen Geschichte ist und als sprachliches Kleid

deshalb weit besser zu seinen Sprecherinnen und Sprechern passt als der im Duden kodifi-

zierte Wortschatz. Sie sollten es deshalb nicht ablegen, sondern im Gegenteil bei allen sich

95 bietenden Gelegenheiten selbstbewusst vorführen.

Worterläuterungen:

1 Meiler: ein mit Erde, Rasenstücken u. a. abgedeckter Holzhaufen zur Gewinnung von Holzkohle durch einen kontrollierten Brand

2 Söller: rheinisch Dachboden, Speicher

3 Waschkaue: Bergmannssprache Waschraum

4 Dörpel: rheinisch Treppenabsatz vor der Haustür

5 Französismen: ähnlich wie in Anglizismen Anlehnung an die französische Sprache

6 Jiddismen: ähnlich wie in Anglizismen Anlehnung an die jüdische Sprache

Anmerkung zum Autor:

Peter Honnen, geb. 1954, ist ein deutscher Sprachwissenschaftler.

Aufgabenstellung 1

1. Analysieren Sie die „Einleitung“ von Peter Honnen zu seinem „Herkunftswörterbuch der Umgangssprache an Rhein und Ruhr“ und legen Sie dabei einen besonderen Schwerpunkt auf das Sprachverständnis, das ihr zugrunde liegt. [36 Punkte]

Aufgabe 1 - Teilaufgabe 2: Sprachreflexion und Sp… · Sprachreflexion und Sprachtheorien

Vorbemerkung:

Viele Artikel des von Peter Honnen herausgegebenen „Herkunftswörterbuchs der Umgangssprache an Rhein und Ruhr“ stammen aus dem „Rheinische[n] Mitmachwörterbuch“, einem interaktiven Angebot des Landschaftsverbands Rheinland (LVR), das seit 2007 im Netz steht und sich an alle Sprecherinnen und Sprecher des rheinischen Regiolekts als potenzielle Beitragende richtet: Kommentare werden unmittelbar online veröffentlicht, außerdem lassen sich neue Stichwörter und Wortartikel vorschlagen. Vor der Aufnahme ins Wörterbuch werden diese von der Redaktion des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte überprüft. Erwünscht sind ausdrücklich Beispielsätze zur Anwendung, die die Wortartikel ergänzen.

Peter Honnen

Wo kommt dat her? Herkunftswörterbuch der Umgangssprache an Rhein und Ruhr (Textauszug)

Einleitung

Die gesprochene Sprache – seien es die allgemeine Umgangssprache, die Regiolekte oder

auch die Dialekte – gilt für gewöhnlich als die etwas schmuddelige Schwester des Hochdeut-

schen. So wie man im Alltag lieber mit legerer Kleidung herumläuft und sich nur zu bestimm-

ten Gelegenheiten in Schale wirft, bedient man sich im sprachlichen Alltag einer Sprach-

5 variante, die weniger strengen Regeln unterliegt und sich nicht an den im Duden kodifizierten

Wortschatz hält und die deshalb – wie ein sprachlicher Trainingsanzug – ein geringeres Pres-

tige hat, oft sogar als falsch oder zumindest fehlerhaft gilt. Dialektsprecherinnen und -sprecher

können (oder besser: konnten) davon ein Lied singen.

So alt diese Einschätzung ist, so falsch ist sie auch. Die Dialekte sind keineswegs primitive

10 Varianten des Hochdeutschen, sondern alte Vorgängersprachen, die sich bis ins erste Jahr-

tausend zurückverfolgen lassen. Sie sind im Grunde Sprachmuseen, die einen Sprachstand

archivieren, der die Grundlage für die Herausbildung der Hochsprache im 16. Jahrhundert

war.

Auch die regionale Umgangssprache, die immer mehr die alten Dialekte ablöst, ist nicht unbe-

15 dingt falsch, nur weil sie sich nicht an den kodifizierten Regeln orientiert. Die gesprochene

Sprache ging der geschriebenen Sprache immer schon voraus, sie ist das Experimentierfeld,

auf dem ausgelotet wird, wie stark etwa grammatische Konventionen gedehnt oder sogar über

Bord geworfen werden können, wie konsensfähig Regelverstöße in einer Sprachgemeinschaft

sind und wie oder ob die Weichen für künftige Sprachentwicklungen gestellt werden. Ohne

20 die gesprochene Alltagssprache gäbe es keine Sprachentwicklung (was der eine oder die

andere vielleicht sogar befürworten würde). Das gilt sowohl für die Grammatik als auch für

den Wortschatz. Die gesprochene Sprache ist so etwas wie ein Meiler 1, der ununterbrochen

die Hochsprache befeuert und für deren Anpassung an die Sprachwirklichkeit sorgt.

Sie ist aber nicht nur innovativ, sondern auch konservativ. Der umgangssprachliche Wort-

25 schatz bewahrt wie die Dialekte unzählige Wörter, die – aus welchen Gründen auch immer –

nicht den Weg in die Hochsprache gefunden haben. Die sind zwar aus standardsprachlicher

Perspektive im Grunde Abfallprodukte der Sprachentwicklung, aber dennoch sprachgeschicht-

lich hochinteressant, ja oft sogar weitaus älter als ihr hochsprachliches Pendant. Kurz: Dass

ein Wort nicht im Duden zu finden ist, bedeutet nicht, dass es in irgendeiner Weise „weniger

30 wichtig“, „weniger wert“ oder „weniger interessant“ ist. […]

Noch heute lässt die Umgangssprache, die die Menschen zwischen Westfalen und der Pfalz

sprechen, im Wortschatz die zweitausend Jahre alte Eroberungs-, Siedlungs- und Migrations-

geschichte des Rheinlands aufscheinen. Wenn eine Niederrheinerin vom Söller 2 spricht, wenn

ein Kind fimmelich ist und den Teller nicht leer isst, sich eine rheinische Kaffeerunde ein

35 Köppken Kaffee genehmigt, ein Bergmann im Ruhrgebiet in die Waschkaue 3 geht oder die

Nachbarn auf dem Dörpel 4 tratschen, dann benutzen sie Wörter, die in ähnlicher Form schon

die römischen Soldaten im kaiserlichen Trier oder in der großen Metropole Köln gesprochen

haben. […]

Weniger Siedlungsgeschichte als Sprache gewordene Sozialgeschichte steckt dagegen in den

40 vielen französischen und jiddischen Lehnwörtern oder den ungezählten Übernahmen aus dem

Rotwelschen, der berühmten deutschen Gaunersprache. Denn anders als vielfach angenom-

men sind die Französismen 5 in der gesprochenen Sprache keine Relikte der napoleonischen

Besatzungszeit, sondern vielmehr anschauliche Beispiele dafür, wie modische Überreiztheiten

der „gehobenen Kreise“ irgendwann auch das einfache Volk erreichen. […] Diese Brocken

45 wurden nicht nur in den Salons populär (!), sondern schließlich auch auf der Straße, wo sie,

zum Teil lustig entstellt, bis heute quicklebendig geblieben sind; dazu gehören etwa Amarasch

„Aufwand, Getue“, Bagaasch „Familienanhang“, blümerant „benommen“, Dääz „Kopf“,

malad „kränklich“ und Plümmo „Federbett“.

Mit Sprachmoden haben dagegen die Jiddismen 6 in der Alltagssprache nichts zu tun, im

50 Gegenteil: Schon im 19. Jahrhundert wollte das jüdische Bürgertum von solchen Wörtern

nichts mehr wissen und hat sich dafür eher geschämt. Wenn sich dennoch zahlreiche jüdische

Lehnwörter im Rheinischen finden, sind sie zu einem nicht geringen Teil im Kontakt zwischen

jüdischen Viehhändlern, Metzgern oder Hausierern und der rheinischen Landbevölkerung

entstanden. Dazu gehören etwa Daffke „Trotz“, Kaff, Kahn „Gefängnis“, Keiloff „Hund“,

55 Kippe machen „Halbe-Halbe“, malochen, meimeln „regnen, pinkeln“, stickum „leise“ oder

das im Ruhrgebiet bekannte Zachel „Messer“. […]

Aber das Rheinland war nicht nur römische Kolonie, fränkisches Siedlungsgebiet, mittel-

alterliche jüdische Migrationsregion oder französisches Departement, es war auch immer eine

Grenzregion mit vielen Nachbarstaaten und damit Sprachgrenze zum Niederländischen und

60 Französischen – Sprachen, die einen nicht unwesentlichen Einfluss auf das Rheinische hat-

ten. So ist die deutsche Handelssprache stark durch die intensiven flandrisch-brabantischen

Geschäftsbeziehungen des Rheinlands beeinflusst worden. […]

Die rheinische Alltagssprache ist ganz offensichtlich ein Spiegel der für den deutschen Sprach-

raum ungewöhnlich langen und wechselvollen Geschichte des Rheinlands und seiner unge-

65 wöhnlichen geografischen Situation entlang zweier Sprachgrenzen. Doch das ist nur ein

Aspekt. Das Rheinische ist als Regiolekt, als regionale Umgangssprache, auch Erbe der alten

Dialekte, die im sprachlichen Alltag in ihrer eigentlichen Form kaum noch zu hören sind.

Oft als Hochdeutsch auf Klompen oder noch drastischer als Hochdeutsch mit Streifen ver-

unglimpft, ist die aktuelle gesprochene Sprache im Rheinland dennoch das letzte Refugium

70 für manche regionaltypischen Mundartwörter. Und es ist manchmal sogar erstaunlich, welch

wirklich exklusiv rheinische Begriffe mit nur geringer Reichweite heute noch von Menschen

zu hören sind, die nie Dialekt gesprochen haben. Dazu gehören etwa Fumm „dickes Butter-

brot“, die Eifler Wendung int Gewatt kommen „sich einspielen“, kiwief „reaktionsschnell,

intelligent“, […] oder Ambach in der Frage Wat is Ambach? „Was ist los?“. „Exklusiv rhei-

75 nisch“ muss dabei nicht unbedingt bedeuten, dass die entsprechenden Wörter rheinische

„Erfindungen“ sind, im Gegenteil können auch sie Lehnwörter sein, die wie […] Ambach

eine vorgermanische Wortgeschichte haben. Im Fall von Letzterem ist die sogar eine ganz

besondere, denn Ambach ist eines der ganz wenigen keltischen Wörter, die wir kennen (gal-

lisch ambactus „Dienstmann“). Warum sich im nördlichen Rheinland, und nur hier, die alte

80 Form (die im Hochdeutschen zu Amt geworden ist) nahezu unverändert gehalten hat, ist eine

bislang unbeantwortete Frage.

Wie überhaupt der umgangssprachliche Wortschatz manches Rätsel birgt. […]

Das ist bei einer Sprache, die nur gesprochen und ganz selten einmal aufgeschrieben wird,

nicht anders zu erwarten. Das macht sie eigentlich erst spannend. Aber auch wenn viele Rätsel

85 bleiben, kann ein etymologisches Wörterbuch des Rheinischen die gesprochene Sprache in

einem ungewohnten oder gar neuen Licht erscheinen und ihr Gerechtigkeit widerfahren las-

sen. […]

So ist, wenn man so will, die Rehabilitation des alltagssprachlichen Wortschatzes und seiner

Sprecherinnen und Sprecher im Rheinland das eigentliche Anliegen dieses Buches. Es will

90 zeigen, dass die gesprochene Sprache ebenso alte Wurzeln wie die Hochsprache hat, dass das

Rheinische noch heute, anders als die alles vereinheitlichende Standardsprache, ein sprechen-

des Zeugnis der außergewöhnlichen rheinischen Geschichte ist und als sprachliches Kleid

deshalb weit besser zu seinen Sprecherinnen und Sprechern passt als der im Duden kodifi-

zierte Wortschatz. Sie sollten es deshalb nicht ablegen, sondern im Gegenteil bei allen sich

95 bietenden Gelegenheiten selbstbewusst vorführen.

Worterläuterungen:

1 Meiler: ein mit Erde, Rasenstücken u. a. abgedeckter Holzhaufen zur Gewinnung von Holzkohle durch einen kontrollierten Brand

2 Söller: rheinisch Dachboden, Speicher

3 Waschkaue: Bergmannssprache Waschraum

4 Dörpel: rheinisch Treppenabsatz vor der Haustür

5 Französismen: ähnlich wie in Anglizismen Anlehnung an die französische Sprache

6 Jiddismen: ähnlich wie in Anglizismen Anlehnung an die jüdische Sprache

Anmerkung zum Autor:

Peter Honnen, geb. 1954, ist ein deutscher Sprachwissenschaftler.

Aufgabenstellung 2

2. Stellen Sie zusätzliche Strukturmerkmale und Funktionen von Dialekten dar und grenzen Sie diese dabei von anderen Sprachvarietäten ab. Erläutern Sie, welche grundlegende Rolle ein gemeinsames Engagement für eine möglichst vollständige Erfassung von Sprachvarietäten spielt. Gehen Sie dabei auch darauf ein, inwiefern sich das gewählte Verfahren besonders für die Dialektforschung eignet. Beurteilen Sie abschließend, welchen Stellenwert die Beteiligung an einem solchen Projekt für die Teilnehmenden haben kann. [36 Punkte]

Aufgabe 2 · Interpretation lyrischer Texte

Aufgabenstellung:

1.

Analysieren Sie Josef von Eichendorffs Gedicht „Wanderlied“. (36 Punkte)

2.

Erschließen Sie den Inhalt des Gedichts „Vagabendenspruch“ von Mascha Kaléko. Vergleichen Sie danach beide Gedichte daraufhin, welche Bedeutung das Wandern und die Heimat jeweils haben. (36 Punkte)

Materialgrundlage

Josef von Eichendorff: Wanderlied. In: Ders.: Sämtliche Gedichte und Versepen. Hrsg. von Hartwig Schultz. Frankfurt am Main: Insel 2001, S. 274 f.

Mascha Kaléko: Vagabendenspruch. In: Dies.: In meinen Träumen läutet es Sturm. Gedichte und Epigramme aus dem Nachlaß. Hrsg. von Gisela Zoch-Westphal. München: dtv 2017, S. 53

Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung

Josef von Eichendorff

Wanderlied (1830)

Vom Grund bis zu den Gipfeln,

So weit man sehen kann,

Jetzt blühts in allen Wipfeln,

Nun geht das Wandern an 1.

5 Die Quellen von den Klüften 2,

Die Ström auf grünem Plan 3,

Die Lerchen 4 hoch in Lüften,

Der Dichter frisch voran.

Und die im Tal verderben

10 In trüber Qualme Haft,

Er will sie alle werben

Zu dieser Wanderschaft.

Und von den Bergen nieder

Erschallt sein Lied ins Tal,

15 Und die zerstreuten Brüder

Faßt Heimweh allzumal.

Da wird die Welt so munter

Und nimmt die Reiseschuh,

Sein Liebchen mitten drunter

20 Die nickt ihm heimlich zu.

Und über Felsenwände

Und auf dem grünen Plan

Das wirrt und jauchzt ohn Ende –

Nun geht das Wandern an!

Anmerkung zum Autor: Josef von Eichendorff lebte von 1788 bis 1857.

1 angehen: im Sinne von beginnen, anfangen | 2 Klüften: Felsen | 3 Plan: Ebene | 4 Lerche: Singvogel

Mascha Kaléko

Vagabendenspruch 1 (1945)

Man soll seinen Mantel nicht zu lang an den gleichen Nagel hängen,

Weil es so oft dieser Nagel nur ist, der uns am Ende noch hält.

– Wer von uns weiß es denn noch, daß auch die düsteren, engen

Gassen ins Offene führen, in die unendliche Welt …

5 Bleib du in keiner Stadt; denn ihre Türme und Mauern

Sind Menschenwerk und haben nicht Bestand.

Doch Wälder, Berg und Strom schuf Gottes Hand.

Sie werden uns ein Weilchen überdauern

Auf diesem Stern, wo man so rasch vergißt.

10 – Wer sollte wohl um unsereinen trauern,

Der überall ein Zugereister ist;

Ein Herbergsschild vielleicht? Ein Polizist?

Was mich betrifft, ich weiß, es grünt das Feld,

Wenn längst kein räudiger 2 Hund mehr nach mir bellt.

15 Und Schiffe ziehn, und Küsten blühn für andre.

Wer weiß das nicht? … Weil sich das so verhält

Auf dieser tollen, Wunder vollen Welt,

Nimm deinen Mantel von der Wand und wandre.

Anmerkung zur Autorin: Mascha Kaléko (1907 – 1975) war eine deutschsprachige jüdische Schriftstellerin. Sie wuchs in Berlin auf und emigrierte 1938 in die USA, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entkommen.

1 Vagabund: Landstreicher, Nichtsesshafter, Herumtreiber | 2 Räude: Hautkrankheit, von der auch Hunde befallen werden

1.

2.

Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1: Interpretation epische… · Interpretation epischer Texte

Gotthold Ephraim Lessing

Die Parabel

Ein weiser tätiger König eines großen großen Reiches, hatte in seiner Hauptstadt einen

Palast von ganz unermeßlichem Umfange, von ganz besonderer Architektur.

Unermeßlich war der Umfang, weil er in selbem alle um sich versammelt hatte, die er als

Gehülfen oder Werkzeuge seiner Regierung brauchte.

5 Sonderbar war die Architektur: denn sie stritt so ziemlich mit allen angenommenen Regeln;

aber sie gefiel doch, und entsprach doch.

Sie gefiel: vornehmlich durch die Bewunderung, welche Einfalt und Größe erregen, wenn

sie Reichtum und Schmuck mehr zu verachten, als zu entbehren scheinen.

Sie entsprach: durch Dauer und Bequemlichkeit. Der ganze Palast stand nach vielen vielen

10 Jahren noch in eben der Reinlichkeit und Vollständigkeit da, mit welcher die Baumeister die

letzte Hand angelegt hatten: von außen ein wenig unverständlich; von innen überall Licht und

Zusammenhang.

Was Kenner von Architektur sein wollte, ward besonders durch die Außenseiten beleidi-

get, welche mit wenig hin und her zerstreuten, großen und kleinen, runden und viereckten

15 Fenstern unterbrochen waren; dafür aber desto mehr Türen und Tore von mancherlei Form

und Größe hatten.

Man begriff nicht, wie durch so wenige Fenster in so viele Gemächer genugsames Licht

kommen könne. Denn daß die vornehmsten derselben ihr Licht von oben empfingen, wollte

den wenigsten zu Sinne.

20 Man begriff nicht, wozu so viele und vielerlei Eingänge nötig wären, da ein großes Portal

auf jeder Seite ja wohl schicklicher wäre, und eben die Dienste tun würde. Denn daß durch

die mehreren kleinen Eingänge ein jeder, der in den Palast gerufen würde, auf dem kürzesten

und unfehlbarsten Wege, gerade dahin gelangen solle, wo man seiner bedürfe, wollte den

wenigsten zu Sinne.

25 Und so entstand unter den vermeinten Kennern mancherlei Streit, den gemeiniglich die-

jenigen am hitzigsten führten, die von dem Innern des Palastes viel zu sehen, die wenigste

Gelegenheit gehabt hatten.

Auch war da etwas, wovon man bei dem ersten Anblicke geglaubt hätte, daß es den Streit

notwendig sehr leicht und kurz machen müsse, was ihn aber gerade am meisten verwickelte,

30 was ihm gerade zur hartnäckigsten Fortsetzung die reichste Nahrung verschaffte. Man glaubte

nämlich verschiedne alte Grundrisse zu haben, die sich von den ersten Baumeistern des Palas-

tes herschreiben sollten: und diese Grundrisse fanden sich mit Worten und Zeichen bemerkt,

deren Sprache und Charakteristik so gut als verloren war.

Ein jeder erklärte sich daher diese Worte und Zeichen nach eignem Gefallen. Ein jeder

35 setzte sich daher aus diesen alten Grundrissen einen beliebigen Neuen zusammen; für welchen

Neuen nicht selten dieser und jener sich so hinreißen ließ, daß er nicht allein selbst darauf

schwor, sondern auch andere darauf zu schwören, bald beredte, bald zwang.

Nur wenige sagten: „was gehen uns eure Grundrisse an? Dieser oder ein andrer: sie sind

uns alle gleich. Genug, daß wir jeden Augenblick erfahren, daß die gütigste Weisheit den gan-

40 zen Palast erfüllet, und daß sich aus ihm nichts als Schönheit und Ordnung und Wohlstand

auf das ganze Land verbreitet.“

Sie kamen oft schlecht an, diese Wenigen! Denn wenn sie lachenden Muts manchmal

einen von den besondern Grundrissen ein wenig näher beleuchteten, so wurden sie von denen,

welche auf diesen Grundriß geschworen hatten, für Mordbrenner des Palastes selbst ausge-

45 schrien.

Aber sie kehrten sich daran nicht, und wurden gerade dadurch am geschicktesten, denje-

nigen zugesellet zu werden, die innerhalb des Palastes arbeiteten, und weder Zeit noch Lust

hatten, sich in Streitigkeiten zu mengen, die für sie keine waren.

Einsmals, als der Streit über die Grundrisse nicht sowohl beigelegt, als eingeschlummert

50 war, – einsmals um Mitternacht erscholl plötzlich die Stimme der Wächter: Feuer! Feuer in

dem Palaste!

Und was geschah? Da fuhr jeder von seinem Lager auf; und jeder, als wäre das Feuer nicht

in dem Palaste, sondern in seinem eignen Hause, lief nach dem Kostbarsten, was er zu haben

glaubte, – nach seinem Grundrisse. „Laßt uns den nur retten! dachte jeder. Der Palast kann

55 dort nicht eigentlicher verbrennen, als er hier stehet!“

Und so lief ein jeder mit seinem Grundrisse auf die Straße, wo, anstatt dem Palaste zu

Hülfe zu eilen, einer dem andern es vorher in seinem Grundrisse zeigen wollte, wo der Palast

vermutlich brenne. „Sieh, Nachbar! hier brennt er! Hier ist dem Feuer am besten beizukom-

men. – Oder hier vielmehr, Nachbar; hier! – Wo denkt ihr beide hin? Er brennt hier! – Was

60 hätt es für Not, wenn er da brennte? Aber er brennt gewiss hier! – Lösch ihn hier, wer da will.

Ich lösch ihn hier nicht. – Und ich hier nicht! – Und ich hier nicht! –

Über diese geschäftigen Zänker hätte er denn auch wirklich abbrennen können, der Palast;

wenn er gebrannt hätte. – Aber die erschrocknen Wächter hatten ein Nordlicht für eine Feuers-

brunst gehalten.

Anmerkungen:

Diese Parabel veröffentlichte Lessing 1778 im dritten Buch seines Anti-Goeze, einer Sammlung von Streitschriften zwischen Lessing und dem Hamburger Hauptpastor Goeze, einem orthodoxen Lutheraner. Anlass der Auseinandersetzung – des sogenannten Fragmentenstreits – war die Veröffentlichung religionskritischer Schriften von Hermann Samuel Reimarus durch Lessing.

1. Analysieren Sie Gotthold Ephraim Lessings „Die Parabel“ und beziehen Sie dabei sowohl die Bildebene als auch die Sachebene des Textes mit ein. [42 Punkte]

Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2: Literarische Erörterun… · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre

Gotthold Ephraim Lessing

Die Parabel

Ein weiser tätiger König eines großen großen Reiches, hatte in seiner Hauptstadt einen

Palast von ganz unermeßlichem Umfange, von ganz besonderer Architektur.

Unermeßlich war der Umfang, weil er in selbem alle um sich versammelt hatte, die er als

Gehülfen oder Werkzeuge seiner Regierung brauchte.

5 Sonderbar war die Architektur: denn sie stritt so ziemlich mit allen angenommenen Regeln;

aber sie gefiel doch, und entsprach doch.

Sie gefiel: vornehmlich durch die Bewunderung, welche Einfalt und Größe erregen, wenn

sie Reichtum und Schmuck mehr zu verachten, als zu entbehren scheinen.

Sie entsprach: durch Dauer und Bequemlichkeit. Der ganze Palast stand nach vielen vielen

10 Jahren noch in eben der Reinlichkeit und Vollständigkeit da, mit welcher die Baumeister die

letzte Hand angelegt hatten: von außen ein wenig unverständlich; von innen überall Licht und

Zusammenhang.

Was Kenner von Architektur sein wollte, ward besonders durch die Außenseiten beleidi-

get, welche mit wenig hin und her zerstreuten, großen und kleinen, runden und viereckten

15 Fenstern unterbrochen waren; dafür aber desto mehr Türen und Tore von mancherlei Form

und Größe hatten.

Man begriff nicht, wie durch so wenige Fenster in so viele Gemächer genugsames Licht

kommen könne. Denn daß die vornehmsten derselben ihr Licht von oben empfingen, wollte

den wenigsten zu Sinne.

20 Man begriff nicht, wozu so viele und vielerlei Eingänge nötig wären, da ein großes Portal

auf jeder Seite ja wohl schicklicher wäre, und eben die Dienste tun würde. Denn daß durch

die mehreren kleinen Eingänge ein jeder, der in den Palast gerufen würde, auf dem kürzesten

und unfehlbarsten Wege, gerade dahin gelangen solle, wo man seiner bedürfe, wollte den

wenigsten zu Sinne.

25 Und so entstand unter den vermeinten Kennern mancherlei Streit, den gemeiniglich die-

jenigen am hitzigsten führten, die von dem Innern des Palastes viel zu sehen, die wenigste

Gelegenheit gehabt hatten.

Auch war da etwas, wovon man bei dem ersten Anblicke geglaubt hätte, daß es den Streit

notwendig sehr leicht und kurz machen müsse, was ihn aber gerade am meisten verwickelte,

30 was ihm gerade zur hartnäckigsten Fortsetzung die reichste Nahrung verschaffte. Man glaubte

nämlich verschiedne alte Grundrisse zu haben, die sich von den ersten Baumeistern des Palas-

tes herschreiben sollten: und diese Grundrisse fanden sich mit Worten und Zeichen bemerkt,

deren Sprache und Charakteristik so gut als verloren war.

Ein jeder erklärte sich daher diese Worte und Zeichen nach eignem Gefallen. Ein jeder

35 setzte sich daher aus diesen alten Grundrissen einen beliebigen Neuen zusammen; für welchen

Neuen nicht selten dieser und jener sich so hinreißen ließ, daß er nicht allein selbst darauf

schwor, sondern auch andere darauf zu schwören, bald beredte, bald zwang.

Nur wenige sagten: „was gehen uns eure Grundrisse an? Dieser oder ein andrer: sie sind

uns alle gleich. Genug, daß wir jeden Augenblick erfahren, daß die gütigste Weisheit den gan-

40 zen Palast erfüllet, und daß sich aus ihm nichts als Schönheit und Ordnung und Wohlstand

auf das ganze Land verbreitet.“

Sie kamen oft schlecht an, diese Wenigen! Denn wenn sie lachenden Muts manchmal

einen von den besondern Grundrissen ein wenig näher beleuchteten, so wurden sie von denen,

welche auf diesen Grundriß geschworen hatten, für Mordbrenner des Palastes selbst ausge-

45 schrien.

Aber sie kehrten sich daran nicht, und wurden gerade dadurch am geschicktesten, denje-

nigen zugesellet zu werden, die innerhalb des Palastes arbeiteten, und weder Zeit noch Lust

hatten, sich in Streitigkeiten zu mengen, die für sie keine waren.

Einsmals, als der Streit über die Grundrisse nicht sowohl beigelegt, als eingeschlummert

50 war, – einsmals um Mitternacht erscholl plötzlich die Stimme der Wächter: Feuer! Feuer in

dem Palaste!

Und was geschah? Da fuhr jeder von seinem Lager auf; und jeder, als wäre das Feuer nicht

in dem Palaste, sondern in seinem eignen Hause, lief nach dem Kostbarsten, was er zu haben

glaubte, – nach seinem Grundrisse. „Laßt uns den nur retten! dachte jeder. Der Palast kann

55 dort nicht eigentlicher verbrennen, als er hier stehet!“

Und so lief ein jeder mit seinem Grundrisse auf die Straße, wo, anstatt dem Palaste zu

Hülfe zu eilen, einer dem andern es vorher in seinem Grundrisse zeigen wollte, wo der Palast

vermutlich brenne. „Sieh, Nachbar! hier brennt er! Hier ist dem Feuer am besten beizukom-

men. – Oder hier vielmehr, Nachbar; hier! – Wo denkt ihr beide hin? Er brennt hier! – Was

60 hätt es für Not, wenn er da brennte? Aber er brennt gewiss hier! – Lösch ihn hier, wer da will.

Ich lösch ihn hier nicht. – Und ich hier nicht! – Und ich hier nicht! –

Über diese geschäftigen Zänker hätte er denn auch wirklich abbrennen können, der Palast;

wenn er gebrannt hätte. – Aber die erschrocknen Wächter hatten ein Nordlicht für eine Feuers-

brunst gehalten.

Anmerkungen:

Diese Parabel veröffentlichte Lessing 1778 im dritten Buch seines Anti-Goeze, einer Sammlung von Streitschriften zwischen Lessing und dem Hamburger Hauptpastor Goeze, einem orthodoxen Lutheraner. Anlass der Auseinandersetzung – des sogenannten Fragmentenstreits – war die Veröffentlichung religionskritischer Schriften von Hermann Samuel Reimarus durch Lessing.

2. Setzen Sie diese Parabel zur Ringparabel aus Lessings „Nathan der Weise“ in Beziehung. Deuten Sie beide Parabeln unter Rückgriff auf Ihr Wissen über Lessings Auffassung von Aufklärung und Religion. [30 Punkte]

Aufgabe 4 - Teilaufgabe 1: Interpretation epische… · Interpretation epischer Texte

Aufgabe 4 – Teilaufgabe 1: Interpretation epischer Texte

Heinrich von Kleist

Die Marquise von O.... (Textauszug)

Die Marquise lag noch, mit unruhig sich hebender Brust, in den Armen ihrer Mutter, als

diese Frau erschien, und die Obristin ihr, an welcher seltsamen Vorstellung ihre Tochter

krank liege, eröffnete. Die Frau Marquise schwöre, daß sie sich tugendhaft verhalten habe,

und gleichwohl halte sie, von einer unbegreiflichen Empfindung getäuscht, für nötig, daß

5 eine sachverständige Frau ihren Zustand untersuche. Die Hebamme, während sie sich von

demselben unterrichtete, sprach von jungem Blut und der Arglist der Welt; äußerte, als sie

ihr Geschäft vollendet hatte, dergleichen Fälle wären ihr schon vorgekommen; die jungen

Witwen, die in ihre Lage kämen, meinten alle auf wüsten Inseln gelebt zu haben; beruhigte

inzwischen die Frau Marquise, und versicherte sie, daß sich der muntere Korsar, der zur

10 Nachtzeit gelandet, schon finden würde. Bei diesen Worten fiel die Marquise in Ohnmacht.

Die Obristin, die ihr mütterliches Gefühl nicht überwältigen konnte, brachte sie zwar, mit

Hülfe der Hebamme, wieder ins Leben zurück. Doch die Entrüstung siegte, da sie erwacht

war. Julietta! rief die Mutter mit dem lebhaftesten Schmerz. Willst du dich mir entdecken,

willst du den Vater mir nennen? Und schien noch zur Versöhnung geneigt. Doch als die

15 Marquise sagte, daß sie wahnsinnig werden würde, sprach die Mutter, indem sie sich vom

Diwan erhob: geh! geh! du bist nichtswürdig! Verflucht sei die Stunde, da ich dich gebar!

und verließ das Zimmer.

Die Marquise, der das Tageslicht von neuem schwinden wollte, zog die Geburtshelferin

vor sich nieder, und legte ihr Haupt heftig zitternd an ihre Brust. Sie fragte, mit gebrochener

20 Stimme, wie denn die Natur auf ihren Wegen walte? Und ob die Möglichkeit einer unwissent-

lichen Empfängnis sei? – Die Hebamme lächelte, machte ihr das Tuch los, und sagte, das

würde ja doch der Frau Marquise Fall nicht sein. Nein, nein, antwortete die Marquise, sie

habe wissentlich empfangen, sie wolle nur im allgemeinen wissen, ob diese Erscheinung im

Reiche der Natur sei? Die Hebamme versetzte, daß dies, außer der heiligen Jungfrau, noch

25 keinem Weibe auf Erden zugestoßen wäre. Die Marquise zitterte immer heftiger. Sie glaubte,

daß sie augenblicklich niederkommen würde, und bat die Geburtshelferin, indem sie sich mit

krampfhafter Beängstigung an sie schloß, sie nicht zu verlassen. Die Hebamme beruhigte sie.

Sie versicherte, daß das Wochenbett noch beträchtlich entfernt wäre, gab ihr auch die Mittel

an, wie man, in solchen Fällen, dem Leumund der Welt ausweichen könne, und meinte, es

30 würde noch alles gut werden. Doch da diese Trostgründe der unglücklichen Dame völlig wie

Messerstiche durch die Brust fuhren, so sammelte sie sich, sagte, sie befände sich besser, und

bat ihre Gesellschafterin sich zu entfernen.

Kaum war die Hebamme aus dem Zimmer, als ihr ein Schreiben von der Mutter gebracht

ward, in welchem diese sich so ausließ: „Herr von G… wünsche, unter den obwaltenden Um-

35 ständen, daß sie sein Haus verlasse. Er sende ihr hierbei die über ihr Vermögen lautenden

Papiere, und hoffe daß ihm Gott den Jammer ersparen werde, sie wieder zu sehen.“ – Der

Brief war inzwischen von Tränen benetzt; und in einem Winkel stand ein verwischtes Wort:

diktiert. – Der Marquise stürzte der Schmerz aus den Augen. Sie ging, heftig über den Irrtum

ihrer Eltern weinend, und über die Ungerechtigkeit, zu welcher diese vortrefflichen Menschen

40 verführt wurden, nach den Gemächern ihrer Mutter. Es hieß, sie sei bei ihrem Vater; sie

wankte nach den Gemächern ihres Vaters. Sie sank, als sie die Türe verschlossen fand, mit

jammernder Stimme, alle Heiligen zu Zeugen ihrer Unschuld anrufend, vor derselben nieder.

Sie mochte wohl schon einige Minuten hier gelegen haben, als der Forstmeister daraus her-

vortrat, und zu ihr mit flammendem Gesicht sagte: sie höre daß der Kommandant sie nicht

45 sehen wolle. Die Marquise rief: mein liebster Bruder! unter vielem Schluchzen; drängte sich

ins Zimmer, und rief: mein teuerster Vater! und streckte die Arme nach ihm aus. Der Kom-

mandant wandte ihr, bei ihrem Anblick, den Rücken zu, und eilte in sein Schlafgemach. Er

rief, als sie ihn dahin verfolgte, hinweg! und wollte die Türe zuwerfen; doch da sie, unter

Jammern und Flehen, daß er sie schließe, verhinderte, so gab er plötzlich nach und eilte, wäh-

50 rend die Marquise zu ihm hineintrat, nach der hintern Wand. Sie warf sich ihm, der ihr den

Rücken zugekehrt hatte, eben zu Füßen, und umfaßte zitternd seine Kniee, als ein Pistol, das

er ergriffen hatte, in dem Augenblick, da er es von der Wand herabriß, losging, und der Schuß

schmetternd in die Decke fuhr. Herr meines Lebens! rief die Marquise, erhob sich leichen-

blaß von ihren Knieen, und eilte aus seinen Gemächern wieder hinweg. Man soll sogleich

55 anspannen, sagte sie, […]

Analysieren Sie den abgedruckten Textauszug aus Heinrich von Kleists Erzählung „Die Marquise von O....“ und erschließen Sie, wie die Konflikte innerhalb der Familie dargestellt werden. Beziehen Sie dabei ebenso erzählerische wie sprachliche Gestaltungsmittel ein. [42 Punkte]

Aufgabe 4 - Teilaufgabe 2: Literarische Erörterun… · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre

Aufgabe 4 – Teilaufgabe 2: Literarische Erörterung und Pflichtlektüre

Heinrich von Kleist

Die Marquise von O.... (Textauszug)

Die Marquise lag noch, mit unruhig sich hebender Brust, in den Armen ihrer Mutter, als

diese Frau erschien, und die Obristin ihr, an welcher seltsamen Vorstellung ihre Tochter

krank liege, eröffnete. Die Frau Marquise schwöre, daß sie sich tugendhaft verhalten habe,

und gleichwohl halte sie, von einer unbegreiflichen Empfindung getäuscht, für nötig, daß

5 eine sachverständige Frau ihren Zustand untersuche. Die Hebamme, während sie sich von

demselben unterrichtete, sprach von jungem Blut und der Arglist der Welt; äußerte, als sie

ihr Geschäft vollendet hatte, dergleichen Fälle wären ihr schon vorgekommen; die jungen

Witwen, die in ihre Lage kämen, meinten alle auf wüsten Inseln gelebt zu haben; beruhigte

inzwischen die Frau Marquise, und versicherte sie, daß sich der muntere Korsar, der zur

10 Nachtzeit gelandet, schon finden würde. Bei diesen Worten fiel die Marquise in Ohnmacht.

Die Obristin, die ihr mütterliches Gefühl nicht überwältigen konnte, brachte sie zwar, mit

Hülfe der Hebamme, wieder ins Leben zurück. Doch die Entrüstung siegte, da sie erwacht

war. Julietta! rief die Mutter mit dem lebhaftesten Schmerz. Willst du dich mir entdecken,

willst du den Vater mir nennen? Und schien noch zur Versöhnung geneigt. Doch als die

15 Marquise sagte, daß sie wahnsinnig werden würde, sprach die Mutter, indem sie sich vom

Diwan erhob: geh! geh! du bist nichtswürdig! Verflucht sei die Stunde, da ich dich gebar!

und verließ das Zimmer.

Die Marquise, der das Tageslicht von neuem schwinden wollte, zog die Geburtshelferin

vor sich nieder, und legte ihr Haupt heftig zitternd an ihre Brust. Sie fragte, mit gebrochener

20 Stimme, wie denn die Natur auf ihren Wegen walte? Und ob die Möglichkeit einer unwissent-

lichen Empfängnis sei? – Die Hebamme lächelte, machte ihr das Tuch los, und sagte, das

würde ja doch der Frau Marquise Fall nicht sein. Nein, nein, antwortete die Marquise, sie

habe wissentlich empfangen, sie wolle nur im allgemeinen wissen, ob diese Erscheinung im

Reiche der Natur sei? Die Hebamme versetzte, daß dies, außer der heiligen Jungfrau, noch

25 keinem Weibe auf Erden zugestoßen wäre. Die Marquise zitterte immer heftiger. Sie glaubte,

daß sie augenblicklich niederkommen würde, und bat die Geburtshelferin, indem sie sich mit

krampfhafter Beängstigung an sie schloß, sie nicht zu verlassen. Die Hebamme beruhigte sie.

Sie versicherte, daß das Wochenbett noch beträchtlich entfernt wäre, gab ihr auch die Mittel

an, wie man, in solchen Fällen, dem Leumund der Welt ausweichen könne, und meinte, es

30 würde noch alles gut werden. Doch da diese Trostgründe der unglücklichen Dame völlig wie

Messerstiche durch die Brust fuhren, so sammelte sie sich, sagte, sie befände sich besser, und

bat ihre Gesellschafterin sich zu entfernen.

Kaum war die Hebamme aus dem Zimmer, als ihr ein Schreiben von der Mutter gebracht

ward, in welchem diese sich so ausließ: „Herr von G… wünsche, unter den obwaltenden Um-

35 ständen, daß sie sein Haus verlasse. Er sende ihr hierbei die über ihr Vermögen lautenden

Papiere, und hoffe daß ihm Gott den Jammer ersparen werde, sie wieder zu sehen.“ – Der

Brief war inzwischen von Tränen benetzt; und in einem Winkel stand ein verwischtes Wort:

diktiert. – Der Marquise stürzte der Schmerz aus den Augen. Sie ging, heftig über den Irrtum

ihrer Eltern weinend, und über die Ungerechtigkeit, zu welcher diese vortrefflichen Menschen

40 verführt wurden, nach den Gemächern ihrer Mutter. Es hieß, sie sei bei ihrem Vater; sie

wankte nach den Gemächern ihres Vaters. Sie sank, als sie die Türe verschlossen fand, mit

jammernder Stimme, alle Heiligen zu Zeugen ihrer Unschuld anrufend, vor derselben nieder.

Sie mochte wohl schon einige Minuten hier gelegen haben, als der Forstmeister daraus her-

vortrat, und zu ihr mit flammendem Gesicht sagte: sie höre daß der Kommandant sie nicht

45 sehen wolle. Die Marquise rief: mein liebster Bruder! unter vielem Schluchzen; drängte sich

ins Zimmer, und rief: mein teuerster Vater! und streckte die Arme nach ihm aus. Der Kom-

mandant wandte ihr, bei ihrem Anblick, den Rücken zu, und eilte in sein Schlafgemach. Er

rief, als sie ihn dahin verfolgte, hinweg! und wollte die Türe zuwerfen; doch da sie, unter

Jammern und Flehen, daß er sie schließe, verhinderte, so gab er plötzlich nach und eilte, wäh-

50 rend die Marquise zu ihm hineintrat, nach der hintern Wand. Sie warf sich ihm, der ihr den

Rücken zugekehrt hatte, eben zu Füßen, und umfaßte zitternd seine Kniee, als ein Pistol, das

er ergriffen hatte, in dem Augenblick, da er es von der Wand herabriß, losging, und der Schuß

schmetternd in die Decke fuhr. Herr meines Lebens! rief die Marquise, erhob sich leichen-

blaß von ihren Knieen, und eilte aus seinen Gemächern wieder hinweg. Man soll sogleich

55 anspannen, sagte sie, […]

Die Literaturwissenschaftlerin Sabine Doering äußert sich zur Darstellung von Familie in Kleists Erzählung „Die Marquise von O....“ wie folgt:

„Wie so oft bei Kleist erweist sich ‚Familie‘ also auch hier als ein fragiles Konstrukt, dessen Fortbestand nicht selbstverständlich gegeben ist.“

Prüfen Sie abwägend, inwieweit diese Einschätzung zutreffend ist. Beziehen Sie dabei den weiteren Verlauf der familiären Situation in Kleists Erzählung ein und berücksichtigen Sie zudem Eigenheiten der Erzählweise Kleists. [30 Punkte]

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