Aufgabe 4 - Teilaufgabe 1: Interpretation epische… · Abitur NRW Deutsch GK · Nachtermin 2021
Thema: Interpretation epischer Texte · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2021)
Aufgabenstellung
Aufgabe 4 – Teilaufgabe 1: Interpretation epischer Texte
Heinrich von Kleist
Die Marquise von O.... (Textauszug)
Die Marquise lag noch, mit unruhig sich hebender Brust, in den Armen ihrer Mutter, als
diese Frau erschien, und die Obristin ihr, an welcher seltsamen Vorstellung ihre Tochter
krank liege, eröffnete. Die Frau Marquise schwöre, daß sie sich tugendhaft verhalten habe,
und gleichwohl halte sie, von einer unbegreiflichen Empfindung getäuscht, für nötig, daß
5 eine sachverständige Frau ihren Zustand untersuche. Die Hebamme, während sie sich von
demselben unterrichtete, sprach von jungem Blut und der Arglist der Welt; äußerte, als sie
ihr Geschäft vollendet hatte, dergleichen Fälle wären ihr schon vorgekommen; die jungen
Witwen, die in ihre Lage kämen, meinten alle auf wüsten Inseln gelebt zu haben; beruhigte
inzwischen die Frau Marquise, und versicherte sie, daß sich der muntere Korsar, der zur
10 Nachtzeit gelandet, schon finden würde. Bei diesen Worten fiel die Marquise in Ohnmacht.
Die Obristin, die ihr mütterliches Gefühl nicht überwältigen konnte, brachte sie zwar, mit
Hülfe der Hebamme, wieder ins Leben zurück. Doch die Entrüstung siegte, da sie erwacht
war. Julietta! rief die Mutter mit dem lebhaftesten Schmerz. Willst du dich mir entdecken,
willst du den Vater mir nennen? Und schien noch zur Versöhnung geneigt. Doch als die
15 Marquise sagte, daß sie wahnsinnig werden würde, sprach die Mutter, indem sie sich vom
Diwan erhob: geh! geh! du bist nichtswürdig! Verflucht sei die Stunde, da ich dich gebar!
und verließ das Zimmer.
Die Marquise, der das Tageslicht von neuem schwinden wollte, zog die Geburtshelferin
vor sich nieder, und legte ihr Haupt heftig zitternd an ihre Brust. Sie fragte, mit gebrochener
20 Stimme, wie denn die Natur auf ihren Wegen walte? Und ob die Möglichkeit einer unwissent-
lichen Empfängnis sei? – Die Hebamme lächelte, machte ihr das Tuch los, und sagte, das
würde ja doch der Frau Marquise Fall nicht sein. Nein, nein, antwortete die Marquise, sie
habe wissentlich empfangen, sie wolle nur im allgemeinen wissen, ob diese Erscheinung im
Reiche der Natur sei? Die Hebamme versetzte, daß dies, außer der heiligen Jungfrau, noch
25 keinem Weibe auf Erden zugestoßen wäre. Die Marquise zitterte immer heftiger. Sie glaubte,
daß sie augenblicklich niederkommen würde, und bat die Geburtshelferin, indem sie sich mit
krampfhafter Beängstigung an sie schloß, sie nicht zu verlassen. Die Hebamme beruhigte sie.
Sie versicherte, daß das Wochenbett noch beträchtlich entfernt wäre, gab ihr auch die Mittel
an, wie man, in solchen Fällen, dem Leumund der Welt ausweichen könne, und meinte, es
30 würde noch alles gut werden. Doch da diese Trostgründe der unglücklichen Dame völlig wie
Messerstiche durch die Brust fuhren, so sammelte sie sich, sagte, sie befände sich besser, und
bat ihre Gesellschafterin sich zu entfernen.
Kaum war die Hebamme aus dem Zimmer, als ihr ein Schreiben von der Mutter gebracht
ward, in welchem diese sich so ausließ: „Herr von G… wünsche, unter den obwaltenden Um-
35 ständen, daß sie sein Haus verlasse. Er sende ihr hierbei die über ihr Vermögen lautenden
Papiere, und hoffe daß ihm Gott den Jammer ersparen werde, sie wieder zu sehen.“ – Der
Brief war inzwischen von Tränen benetzt; und in einem Winkel stand ein verwischtes Wort:
diktiert. – Der Marquise stürzte der Schmerz aus den Augen. Sie ging, heftig über den Irrtum
ihrer Eltern weinend, und über die Ungerechtigkeit, zu welcher diese vortrefflichen Menschen
40 verführt wurden, nach den Gemächern ihrer Mutter. Es hieß, sie sei bei ihrem Vater; sie
wankte nach den Gemächern ihres Vaters. Sie sank, als sie die Türe verschlossen fand, mit
jammernder Stimme, alle Heiligen zu Zeugen ihrer Unschuld anrufend, vor derselben nieder.
Sie mochte wohl schon einige Minuten hier gelegen haben, als der Forstmeister daraus her-
vortrat, und zu ihr mit flammendem Gesicht sagte: sie höre daß der Kommandant sie nicht
45 sehen wolle. Die Marquise rief: mein liebster Bruder! unter vielem Schluchzen; drängte sich
ins Zimmer, und rief: mein teuerster Vater! und streckte die Arme nach ihm aus. Der Kom-
mandant wandte ihr, bei ihrem Anblick, den Rücken zu, und eilte in sein Schlafgemach. Er
rief, als sie ihn dahin verfolgte, hinweg! und wollte die Türe zuwerfen; doch da sie, unter
Jammern und Flehen, daß er sie schließe, verhinderte, so gab er plötzlich nach und eilte, wäh-
50 rend die Marquise zu ihm hineintrat, nach der hintern Wand. Sie warf sich ihm, der ihr den
Rücken zugekehrt hatte, eben zu Füßen, und umfaßte zitternd seine Kniee, als ein Pistol, das
er ergriffen hatte, in dem Augenblick, da er es von der Wand herabriß, losging, und der Schuß
schmetternd in die Decke fuhr. Herr meines Lebens! rief die Marquise, erhob sich leichen-
blaß von ihren Knieen, und eilte aus seinen Gemächern wieder hinweg. Man soll sogleich
55 anspannen, sagte sie, […]
Analysieren Sie den abgedruckten Textauszug aus Heinrich von Kleists Erzählung „Die Marquise von O....“ und erschließen Sie, wie die Konflikte innerhalb der Familie dargestellt werden. Beziehen Sie dabei ebenso erzählerische wie sprachliche Gestaltungsmittel ein. [42 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie den abgedruckten Textauszug aus Heinrich von Kleists Erzählung „Die Marquise von O....“ und erschließen Sie, wie die Konflikte innerhalb der Familie dargestellt werden. Beziehen Sie dabei ebenso erzählerische wie sprachliche Gestaltungsmittel ein. (42 Punkte)
Lösung: Individuelle textanalytische Ausarbeitung gemäß den Kriterien des amtlichen Erwartungshorizonts.
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