Abitur NRW Deutsch 2021 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg
Abiturprüfung Deutsch in Nordrhein-Westfalen 2021, LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 7 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Interpretation lyrischer Texte.
Themen der Prüfung: Interpretation lyrischer Texte · Interpretation epischer Texte · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Analyse pragmatischer Texte · Sprachreflexion und Sprachtheorien
Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 1: Analyse pragmatischer Texte · Analyse pragmatischer Texte
Friedrich Schiller
Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?
(Textauszug) 1 (Rede 1784, veröffentlicht 1785)
[…] Menschlichkeit und Duldung fangen an, der herrschende Geist unsrer Zeit zu werden;
ihre Strahlen sind bis in die Gerichtssäle und noch weiter – in das Herz unsrer Fürsten gedrun-
gen. Wieviel Anteil an diesem göttlichen Werk gehört unsern Bühnen? Sind sie es nicht, die
den Menschen mit dem Menschen bekannt machten und das geheime Räderwerk aufdeckten,
5 nach welchem er handelt?
 Eine merkwürdige 2 Klasse von Menschen hat Ursache, dankbarer als alle übrigen gegen
die Bühne zu sein. Hier nur hören die Großen der Welt, was sie nie oder selten hören – Wahr-
heit; was sie nie oder selten sehen, sehen sie hier – den Menschen. […]
 Die Schaubühne ist der gemeinschaftliche Kanal, in welchen von dem denkenden bessern
10 Teile des Volks das Licht der Weisheit herunterströmt und von da aus in milderen Strahlen
durch den ganzen Staat sich verbreitet. Richtigere Begriffe, geläuterte Grundsätze, reinere
Gefühle fließen von hier durch alle Adern des Volks; der Nebel der Barbarei, des finstern
Aberglaubens verschwindet, die Nacht weicht dem siegenden Licht. […] Wie allgemein ist
nur seit wenigen Jahren die Duldung der Religionen und Sekten geworden? – Noch ehe uns
15 Nathan der Jude und Saladin der Sarazene beschämten und die göttliche Lehre uns predigten,
daß Ergebenheit in Gott von unserm Wähnen 3 über Gott so gar nicht abhängig sei – ehe noch
Joseph der Zweite 4 die fürchterliche Hyder 5 des frommen Hasses bekämpfte, pflanzte die
Schaubühne Menschlichkeit und Sanftmut in unser Herz, die abscheulichen Gemälde heid-
nischer Pfaffenwut 6 lehrten uns Religionshaß vermeiden […]. […]
20  Die menschliche Natur erträgt es nicht, ununterbrochen und ewig auf der Folter der Ge-
schäfte zu liegen, die Reize der Sinne sterben mit ihrer Befriedigung. Der Mensch, überla-
den von tierischem Genuß, der langen Anstrengung müde, vom ewigen Triebe nach Tätig-
keit gequält, dürstet nach bessern, auserlesnern Vergnügungen, oder stürzt zügellos in wilde
Zerstreuungen, die seinen Hinfall beschleunigen und die Ruhe der Gesellschaft zerstören.
25 Bacchantische 7 Freuden, verderbliches Spiel, tausend Rasereien, die der Müßiggang ausheckt,
sind unvermeidlich, wenn der Gesetzgeber diesen Hang des Volks nicht zu lenken weiß. Der
Mann von Geschäften ist in Gefahr, ein Leben, das er dem Staat so großmütig hinopferte, mit
dem unseligen Spleen 8 abzubüßen – der Gelehrte, zum dumpfen Pedanten herabzusinken –
der Pöbel zum Tier. Die Schaubühne ist die Stiftung, wo sich Vergnügen mit Unterricht, Ruhe
30 mit Anstrengung, Kurzweil mit Bildung gattet 9, wo keine Kraft der Seele zum Nachteil der
andern gespannt, kein Vergnügen auf Unkosten des Ganzen genossen wird. Wenn Gram an
dem Herzen nagt, wenn trübe Laune unsre einsame Stunden vergiftet, wenn uns Welt und
Geschäfte anekeln, wenn tausend Lasten unsre Seele drücken und unsre Reizbarkeit unter
Arbeiten des Berufs zu ersticken droht, so empfängt uns die Bühne – in dieser künstlichen
35 Welt träumen wir die wirkliche hinweg, wir werden uns selbst wiedergegeben, unsre Empfin-
dung erwacht, heilsame Leidenschaften erschüttern unsre schlummernde Natur und treiben das
Blut in frischeren Wallungen. […]
1 Es handelt sich um einen Auszug aus einer von Schiller 1784 gehaltenen Rede. In der Rede, die 1785 veröffentlicht wurde, geht es um das Theater als „stehende Schaubühne“, d. h. um das Theater als ständige Einrichtung, und um mögliche Funktionen des Theaters. Schiller hielt die Rede vor der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, die das intellektuelle Zentrum in der Pfalz bildete.
2 merkwürdige: von Schiller hier in der ursprünglichen Bedeutung im Sinne von bemerkenswert verwendet
3 Wähnen: Denken, Glauben
4 Joseph der Zweite: Kaiser Joseph II (1741 – 1790), auch Erzherzog von Habsburg-Lothringen, war einer der bekanntesten Vertreter des aufgeklärten Absolutismus.
5 Hyder: eigentlich Hydra: vielköpfiges, schlangenähnliches Ungeheuer der griechischen Mythologie
6 Pfaffenwut: von Schiller hier gebraucht etwa im Sinne von einer fanatischen Wut der „Pfaffen“, d. h. der Geistlichen, auf Andersdenkende und Andersgläubige
7 bacchantisch: ausgelassen, trunken (Bacchus: griechischer Gott des Weines)
8 Spleen: seltsamer Einfall, wunderliche Neigung
9 gattet: „sich gatten mit“ im Sinne von „sich paaren mit“
1. Analysieren Sie den vorliegenden Ausschnitt aus Friedrich Schillers Schrift „Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?“ im Hinblick auf die dort entwickelten theatertheoretischen Gedanken. Erschließen Sie hierbei die zentralen Aussagen des Textes und deren gedanklichen Aufbau. Berücksichtigen Sie zudem die Metaphorik sowie die sprachlich-stilistische Gestaltung. [39 Punkte]
Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 2: Literarische Erörterung und… · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre
Friedrich Schiller
Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?
(Textauszug) 1 (Rede 1784, veröffentlicht 1785)
[…] Menschlichkeit und Duldung fangen an, der herrschende Geist unsrer Zeit zu werden;
ihre Strahlen sind bis in die Gerichtssäle und noch weiter – in das Herz unsrer Fürsten gedrun-
gen. Wieviel Anteil an diesem göttlichen Werk gehört unsern Bühnen? Sind sie es nicht, die
den Menschen mit dem Menschen bekannt machten und das geheime Räderwerk aufdeckten,
5 nach welchem er handelt?
 Eine merkwürdige 2 Klasse von Menschen hat Ursache, dankbarer als alle übrigen gegen
die Bühne zu sein. Hier nur hören die Großen der Welt, was sie nie oder selten hören – Wahr-
heit; was sie nie oder selten sehen, sehen sie hier – den Menschen. […]
 Die Schaubühne ist der gemeinschaftliche Kanal, in welchen von dem denkenden bessern
10 Teile des Volks das Licht der Weisheit herunterströmt und von da aus in milderen Strahlen
durch den ganzen Staat sich verbreitet. Richtigere Begriffe, geläuterte Grundsätze, reinere
Gefühle fließen von hier durch alle Adern des Volks; der Nebel der Barbarei, des finstern
Aberglaubens verschwindet, die Nacht weicht dem siegenden Licht. […] Wie allgemein ist
nur seit wenigen Jahren die Duldung der Religionen und Sekten geworden? – Noch ehe uns
15 Nathan der Jude und Saladin der Sarazene beschämten und die göttliche Lehre uns predigten,
daß Ergebenheit in Gott von unserm Wähnen 3 über Gott so gar nicht abhängig sei – ehe noch
Joseph der Zweite 4 die fürchterliche Hyder 5 des frommen Hasses bekämpfte, pflanzte die
Schaubühne Menschlichkeit und Sanftmut in unser Herz, die abscheulichen Gemälde heid-
nischer Pfaffenwut 6 lehrten uns Religionshaß vermeiden […]. […]
20  Die menschliche Natur erträgt es nicht, ununterbrochen und ewig auf der Folter der Ge-
schäfte zu liegen, die Reize der Sinne sterben mit ihrer Befriedigung. Der Mensch, überla-
den von tierischem Genuß, der langen Anstrengung müde, vom ewigen Triebe nach Tätig-
keit gequält, dürstet nach bessern, auserlesnern Vergnügungen, oder stürzt zügellos in wilde
Zerstreuungen, die seinen Hinfall beschleunigen und die Ruhe der Gesellschaft zerstören.
25 Bacchantische 7 Freuden, verderbliches Spiel, tausend Rasereien, die der Müßiggang ausheckt,
sind unvermeidlich, wenn der Gesetzgeber diesen Hang des Volks nicht zu lenken weiß. Der
Mann von Geschäften ist in Gefahr, ein Leben, das er dem Staat so großmütig hinopferte, mit
dem unseligen Spleen 8 abzubüßen – der Gelehrte, zum dumpfen Pedanten herabzusinken –
der Pöbel zum Tier. Die Schaubühne ist die Stiftung, wo sich Vergnügen mit Unterricht, Ruhe
30 mit Anstrengung, Kurzweil mit Bildung gattet 9, wo keine Kraft der Seele zum Nachteil der
andern gespannt, kein Vergnügen auf Unkosten des Ganzen genossen wird. Wenn Gram an
dem Herzen nagt, wenn trübe Laune unsre einsame Stunden vergiftet, wenn uns Welt und
Geschäfte anekeln, wenn tausend Lasten unsre Seele drücken und unsre Reizbarkeit unter
Arbeiten des Berufs zu ersticken droht, so empfängt uns die Bühne – in dieser künstlichen
35 Welt träumen wir die wirkliche hinweg, wir werden uns selbst wiedergegeben, unsre Empfin-
dung erwacht, heilsame Leidenschaften erschüttern unsre schlummernde Natur und treiben das
Blut in frischeren Wallungen. […]
1 Es handelt sich um einen Auszug aus einer von Schiller 1784 gehaltenen Rede. In der Rede, die 1785 veröffentlicht wurde, geht es um das Theater als „stehende Schaubühne“, d. h. um das Theater als ständige Einrichtung, und um mögliche Funktionen des Theaters. Schiller hielt die Rede vor der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, die das intellektuelle Zentrum in der Pfalz bildete.
2 merkwürdige: von Schiller hier in der ursprünglichen Bedeutung im Sinne von bemerkenswert verwendet
3 Wähnen: Denken, Glauben
4 Joseph der Zweite: Kaiser Joseph II (1741 – 1790), auch Erzherzog von Habsburg-Lothringen, war einer der bekanntesten Vertreter des aufgeklärten Absolutismus.
5 Hyder: eigentlich Hydra: vielköpfiges, schlangenähnliches Ungeheuer der griechischen Mythologie
6 Pfaffenwut: von Schiller hier gebraucht etwa im Sinne von einer fanatischen Wut der „Pfaffen“, d. h. der Geistlichen, auf Andersdenkende und Andersgläubige
7 bacchantisch: ausgelassen, trunken (Bacchus: griechischer Gott des Weines)
8 Spleen: seltsamer Einfall, wunderliche Neigung
9 gattet: „sich gatten mit“ im Sinne von „sich paaren mit“
2. In Schillers Abhandlung steht folgende Aussage:
„[...] so empfängt uns die Bühne – in dieser künstlichen Welt träumen wir die wirkliche hinweg, wir werden uns selbst wiedergegeben [...]“ (Z. 34 f.)
Setzen Sie diese Äußerung Friedrich Schillers zu G. E. Lessings Drama „Nathan der Weise“ in Beziehung, indem Sie prüfen, inwieweit Lessings Stück bereits Schillers später dargelegten Vorstellungen entspricht. Berücksichtigen Sie dabei die Gestaltung der Handlung, die Anlage der Figur „Nathan“ sowie die beabsichtigte Wirkung des Dramas auf das Publikum. [33 Punkte]
Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 1: Analyse pragmatischer Texte · Analyse pragmatischer Texte
Steven Pinker
Der Stoff, aus dem das Denken ist. Was die Sprache über unsere Natur verrät (Textauszug)
Nachstehend wird eine weitere aufschlussreiche Variante der Whorf’schen Hypothese dargestellt:
[...] Jede Sprache zwingt ihre Sprecher, ihre Aufmerksamkeit bestimmten Aspekten der Welt
zuzuwenden, sobald sie Sätze bilden oder interpretieren. So müssen wir uns im Deutschen,
sobald wir den Mund zum Äußern eines Satzes öffnen, Gedanken über das Tempus machen –
über die Zeitrelation zwischen dem Ereignis, über das wir sprechen, und dem Moment, in dem
5 wir sprechen. Andere Sprachen, etwa Türkisch, verlangen von ihren Sprechern anzugeben, ob
sie dem Ereignis beigewohnt oder nur über Hörensagen davon erfahren haben. Ein weiteres
Beispiel: Räumliche Begriffe wie in und auf unterscheiden im Deutschen, grob gesagt, Um-
schließen von Stützen 1; koreanische Raumverben ignorieren diese Differenzierung und beach-
ten ihrerseits, ob ein Inhalt lose in einem Behälter sitzt (wie Obst in einer Schale und Blumen
10 in einer Vase) oder fest (wie ein Legostein, der auf einem anderen steckt, eine Kassette in ihrer
Hülle oder ein Ring an einem Finger). Und noch eins: Deutsche Verben (wie treiben) können
die Bewegung an sich mit einer speziellen Art von Bewegung kombinieren, während sie die
Angabe der Bewegungsrichtung einer Präpositionalphrase überlassen, wie in Das Kanu trieb
in die Höhle. Spanische und griechische Verben kombinieren die Bewegung an sich häufig
15 mit einer Bewegungsrichtung und hängen die Art der Bewegung in einem Nachsatz an, etwa
wie Das Kanu gelangte-in die Höhle, treibend.
Somit muss die Sprache das Denken insofern beeinflussen, als die Sprecher verschiedene
Dinge beachten, wenn sie Wörter auswählen und sie zu einem Satz zusammenfügen; diesen
Effekt nennt man „Denken zum Sprechen“ („ thinking for speaking “). 2 Die Frage ist, ob sich
20 die lebenslange Gewohnheit, auf bestimmte Unterscheidungen zu achten und andere zu igno-
rieren, auch auf das Denken zum Denken ausweitet – das heißt, auf logische Überlegungen zu
Gegenständen und Ereignissen, die über den bloßen Zweck, sie zu beschreiben, hinausgehen.
Haben Deutschsprecher, im Vergleich zu den Sprechern anderer Sprachen, Probleme damit,
den Unterschied zwischen selbst erlebten und erzählten Ereignissen zu erfassen oder den zwi-
25 schen lose und fest sitzenden Behältern oder das Bewegen in eine Richtung? Die Antwort auf
diese Frage erübrigt sich – natürlich beherrschen wir diese Differenzierungen in unserem Um-
gang mit der sozialen und physikalischen Welt. Obwohl also das „Denken zum Sprechen“
vermutlich das Thema ist, das im Rahmen des Neo-Whorfianismus 3 am aktivsten erforscht
wird, sind die Wissenschaftler bislang davor zurückgeschreckt, den Sprachlichen Determinis-
30 mus diesen Tests zu unterziehen, und zielen auf weitaus schwächere Behauptungen ab. So
fragen sie, ob Englischsprecher, denen man vage Aufgaben stellt, wie das Benennen des nicht
passenden Beispiels in einer Reihe von Handlungen, größere Probleme als Koreanischspre-
cher damit haben, diejenige Handlung herauszupicken, bei der der Unterschied von der Enge
des Behälters abhängt. Einige Experimente bestätigen einen Einfluss der Sprache auf diese
35 Beurteilungen, andere nicht. 4
Es sollte uns nicht überraschen, dass die Auswirkungen des Denkens zum Sprechen auf das
Denken selbst bestenfalls geringfügig sind. Konzepte wie das Ineinanderpassen von Dingen
und ob man etwas mit eigenen Augen gesehen oder nur davon gehört hat, sind für das mensch-
liche Leben von so großer Bedeutung, dass die historischen Zufälligkeiten, die eine bestimmte
40 Sprache geformt haben, wohl kaum die kulturellen und kognitiven Ressourcen überwiegen,
mit deren Hilfe wir mit diesen Konzepten umgehen. Und es liegt nicht einmal auf der Hand,
dass das lebenslange sprachliche Codieren einer Unterscheidung diese Unterscheidung bei
sonstigen Überlegungen präsenter macht. Genauso wahrscheinlich könnte das Gegenteil ge-
schehen. Sobald sich nämlich ein Denkprozess automatisiert, wird er als kognitiver Reflex tief
45 ins Sprachsystem eingebettet, und seine inneren Mechanismen sind dem Bewusstsein nicht
mehr zugänglich – ebenso wenig, wie wir bewusst über die Bewegungen unserer Finger nach-
denken, wenn wir uns die Schuhe binden.
Ein paar Beispiele aus dem wirklichen Leben illustrieren, warum das Denken zum Sprechen
vielleicht nur wenig Einfluss auf das Denken selbst hat. Nehmen wir die Semantik des Tem-
50 pus. In der deutschen wie auch der englischen Grammatik spielt das Tempus eine wichtige
Rolle, und nach der Whorf’schen Logik sollten Englischsprecher aufgrund ihrer lebenslangen
Sprachpraxis ganz besonders sensibel für die zahlreichen Relationen zwischen einem Ereig-
nis und dem Zeitpunkt des Sprechens sein. Detektive und Staatsanwälte können das jedoch
nicht bestätigen: Die automatische Berechnung der Reihenfolge von Ereignissen ist im Sprach-
55 system verankert und verleitet Verdächtige dazu, sich mit ihren Worten selbst zu verraten.
Susan Smith, die ihre beiden Söhne 1994 ertränkt und dann behauptet hatte, sie seien entführt
worden, belastete sich selbst, als sie zu Reportern sagte: „Meine Kinder verlangten nach mir.
Sie brauchten mich. Und nun kann ich ihnen nicht helfen.“ Die reflexhafte Verwendung der
Vergangenheitsform verriet ihr Wissen, dass die Kinder zu dem Zeitpunkt bereits tot waren.
60 Die gleiche Grammatikkomponente brachte Scott Peterson womöglich die tödliche Giftspritze
ein: Die Staatsanwälte schlossen auf seine Schuld, als er schon in der Vergangenheitsform
über seine Frau und seinen ungeborenen Sohn sprach, bevor ihre Leichen gefunden wurden.
Demzufolge half die Gewohnheit von Englischsprechern, das Tempus zu bestimmen, ihnen
nicht dabei, spontan das Richtige zu sagen oder zu verschweigen – und das, obwohl sie außer-
65 ordentlich motiviert hätten sein müssen, bewusst über die Reihenfolge der Ereignisse nach-
zudenken, denn es ging für sie buchstäblich um Leben oder Tod.
Anmerkungen und Worterläuterungen
1 Gemeint ist, dass die Präpositionen „in“ und „auf“, die im Zusammenhang mit den Verben „umschließen“ und „stützen“ verwendet werden, die beiden Tätigkeiten unterscheiden (z. B.: „In dem Topf ist Wasser.“; „Ich stütze mich auf den Spazierstock.“).
2 Steven Pinker bezieht sich hier auf eine Unterscheidung des US-amerikanischen Sprachwissenschaftlers Dan Slobin (*1939).
3 Neo-Whorfianismus: Pinker bezieht sich hier auf aktuellere Forschungen, die die Annahmen von Whorf zu stützen versuchen.
4 Pinker bezieht sich hier u. a. auf Veröffentlichungen der Psychologin Dedre Genter.
Steven Pinker (geb. 1954) ist ein amerikanisch-kanadischer Sprachwissenschaftler und Psychologe. In seiner Studie „Der Stoff, aus dem das Denken ist. Was die Sprache über unsere Natur verrät“ setzt er sich mit dem Verhältnis von Sprache und Denken auseinander. Im vorliegenden Auszug knüpft er an eine bestimmte Version der Hypothese von Whorf an und entwickelt auf dieser Grundlage seine eigene Position.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurden die Fußnoten aus dem Originaltext nicht übernommen.
1. Analysieren Sie den vorliegenden Auszug aus Steven Pinkers Studie „Der Stoff, aus dem das Denken ist“ mit Blick auf die Haltung des Autors sowie auf den Gedankengang und die Aussagen des Textes. Beziehen Sie dabei ein, wie argumentiert wird und auf welche Weise die Leserinnen und Leser gelenkt werden. [40 Punkte]
Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 2: Sprachreflexion und Spracht… · Sprachreflexion und Sprachtheorien
Steven Pinker
Der Stoff, aus dem das Denken ist. Was die Sprache über unsere Natur verrät (Textauszug)
Nachstehend wird eine weitere aufschlussreiche Variante der Whorf’schen Hypothese dargestellt:
[...] Jede Sprache zwingt ihre Sprecher, ihre Aufmerksamkeit bestimmten Aspekten der Welt
zuzuwenden, sobald sie Sätze bilden oder interpretieren. So müssen wir uns im Deutschen,
sobald wir den Mund zum Äußern eines Satzes öffnen, Gedanken über das Tempus machen –
über die Zeitrelation zwischen dem Ereignis, über das wir sprechen, und dem Moment, in dem
5 wir sprechen. Andere Sprachen, etwa Türkisch, verlangen von ihren Sprechern anzugeben, ob
sie dem Ereignis beigewohnt oder nur über Hörensagen davon erfahren haben. Ein weiteres
Beispiel: Räumliche Begriffe wie in und auf unterscheiden im Deutschen, grob gesagt, Um-
schließen von Stützen 1; koreanische Raumverben ignorieren diese Differenzierung und beach-
ten ihrerseits, ob ein Inhalt lose in einem Behälter sitzt (wie Obst in einer Schale und Blumen
10 in einer Vase) oder fest (wie ein Legostein, der auf einem anderen steckt, eine Kassette in ihrer
Hülle oder ein Ring an einem Finger). Und noch eins: Deutsche Verben (wie treiben) können
die Bewegung an sich mit einer speziellen Art von Bewegung kombinieren, während sie die
Angabe der Bewegungsrichtung einer Präpositionalphrase überlassen, wie in Das Kanu trieb
in die Höhle. Spanische und griechische Verben kombinieren die Bewegung an sich häufig
15 mit einer Bewegungsrichtung und hängen die Art der Bewegung in einem Nachsatz an, etwa
wie Das Kanu gelangte-in die Höhle, treibend.
Somit muss die Sprache das Denken insofern beeinflussen, als die Sprecher verschiedene
Dinge beachten, wenn sie Wörter auswählen und sie zu einem Satz zusammenfügen; diesen
Effekt nennt man „Denken zum Sprechen“ („ thinking for speaking “). 2 Die Frage ist, ob sich
20 die lebenslange Gewohnheit, auf bestimmte Unterscheidungen zu achten und andere zu igno-
rieren, auch auf das Denken zum Denken ausweitet – das heißt, auf logische Überlegungen zu
Gegenständen und Ereignissen, die über den bloßen Zweck, sie zu beschreiben, hinausgehen.
Haben Deutschsprecher, im Vergleich zu den Sprechern anderer Sprachen, Probleme damit,
den Unterschied zwischen selbst erlebten und erzählten Ereignissen zu erfassen oder den zwi-
25 schen lose und fest sitzenden Behältern oder das Bewegen in eine Richtung? Die Antwort auf
diese Frage erübrigt sich – natürlich beherrschen wir diese Differenzierungen in unserem Um-
gang mit der sozialen und physikalischen Welt. Obwohl also das „Denken zum Sprechen“
vermutlich das Thema ist, das im Rahmen des Neo-Whorfianismus 3 am aktivsten erforscht
wird, sind die Wissenschaftler bislang davor zurückgeschreckt, den Sprachlichen Determinis-
30 mus diesen Tests zu unterziehen, und zielen auf weitaus schwächere Behauptungen ab. So
fragen sie, ob Englischsprecher, denen man vage Aufgaben stellt, wie das Benennen des nicht
passenden Beispiels in einer Reihe von Handlungen, größere Probleme als Koreanischspre-
cher damit haben, diejenige Handlung herauszupicken, bei der der Unterschied von der Enge
des Behälters abhängt. Einige Experimente bestätigen einen Einfluss der Sprache auf diese
35 Beurteilungen, andere nicht. 4
Es sollte uns nicht überraschen, dass die Auswirkungen des Denkens zum Sprechen auf das
Denken selbst bestenfalls geringfügig sind. Konzepte wie das Ineinanderpassen von Dingen
und ob man etwas mit eigenen Augen gesehen oder nur davon gehört hat, sind für das mensch-
liche Leben von so großer Bedeutung, dass die historischen Zufälligkeiten, die eine bestimmte
40 Sprache geformt haben, wohl kaum die kulturellen und kognitiven Ressourcen überwiegen,
mit deren Hilfe wir mit diesen Konzepten umgehen. Und es liegt nicht einmal auf der Hand,
dass das lebenslange sprachliche Codieren einer Unterscheidung diese Unterscheidung bei
sonstigen Überlegungen präsenter macht. Genauso wahrscheinlich könnte das Gegenteil ge-
schehen. Sobald sich nämlich ein Denkprozess automatisiert, wird er als kognitiver Reflex tief
45 ins Sprachsystem eingebettet, und seine inneren Mechanismen sind dem Bewusstsein nicht
mehr zugänglich – ebenso wenig, wie wir bewusst über die Bewegungen unserer Finger nach-
denken, wenn wir uns die Schuhe binden.
Ein paar Beispiele aus dem wirklichen Leben illustrieren, warum das Denken zum Sprechen
vielleicht nur wenig Einfluss auf das Denken selbst hat. Nehmen wir die Semantik des Tem-
50 pus. In der deutschen wie auch der englischen Grammatik spielt das Tempus eine wichtige
Rolle, und nach der Whorf’schen Logik sollten Englischsprecher aufgrund ihrer lebenslangen
Sprachpraxis ganz besonders sensibel für die zahlreichen Relationen zwischen einem Ereig-
nis und dem Zeitpunkt des Sprechens sein. Detektive und Staatsanwälte können das jedoch
nicht bestätigen: Die automatische Berechnung der Reihenfolge von Ereignissen ist im Sprach-
55 system verankert und verleitet Verdächtige dazu, sich mit ihren Worten selbst zu verraten.
Susan Smith, die ihre beiden Söhne 1994 ertränkt und dann behauptet hatte, sie seien entführt
worden, belastete sich selbst, als sie zu Reportern sagte: „Meine Kinder verlangten nach mir.
Sie brauchten mich. Und nun kann ich ihnen nicht helfen.“ Die reflexhafte Verwendung der
Vergangenheitsform verriet ihr Wissen, dass die Kinder zu dem Zeitpunkt bereits tot waren.
60 Die gleiche Grammatikkomponente brachte Scott Peterson womöglich die tödliche Giftspritze
ein: Die Staatsanwälte schlossen auf seine Schuld, als er schon in der Vergangenheitsform
über seine Frau und seinen ungeborenen Sohn sprach, bevor ihre Leichen gefunden wurden.
Demzufolge half die Gewohnheit von Englischsprechern, das Tempus zu bestimmen, ihnen
nicht dabei, spontan das Richtige zu sagen oder zu verschweigen – und das, obwohl sie außer-
65 ordentlich motiviert hätten sein müssen, bewusst über die Reihenfolge der Ereignisse nach-
zudenken, denn es ging für sie buchstäblich um Leben oder Tod.
Anmerkungen und Worterläuterungen
1 Gemeint ist, dass die Präpositionen „in“ und „auf“, die im Zusammenhang mit den Verben „umschließen“ und „stützen“ verwendet werden, die beiden Tätigkeiten unterscheiden (z. B.: „In dem Topf ist Wasser.“; „Ich stütze mich auf den Spazierstock.“).
2 Steven Pinker bezieht sich hier auf eine Unterscheidung des US-amerikanischen Sprachwissenschaftlers Dan Slobin (*1939).
3 Neo-Whorfianismus: Pinker bezieht sich hier auf aktuellere Forschungen, die die Annahmen von Whorf zu stützen versuchen.
4 Pinker bezieht sich hier u. a. auf Veröffentlichungen der Psychologin Dedre Genter.
Steven Pinker (geb. 1954) ist ein amerikanisch-kanadischer Sprachwissenschaftler und Psychologe. In seiner Studie „Der Stoff, aus dem das Denken ist. Was die Sprache über unsere Natur verrät“ setzt er sich mit dem Verhältnis von Sprache und Denken auseinander. Im vorliegenden Auszug knüpft er an eine bestimmte Version der Hypothese von Whorf an und entwickelt auf dieser Grundlage seine eigene Position.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurden die Fußnoten aus dem Originaltext nicht übernommen.
2. Stellen Sie die zentralen Annahmen verschiedener Theorien zum Zusammenhang von Sprache, Denken und Wirklichkeit dar. Bringen Sie Pinkers Konzeption mit diesen Vorstellungen in Beziehung. Nehmen Sie zu Pinkers Standpunkt abwägend Stellung. [32 Punkte]
Aufgabe HT 3: Interpretation lyrischer Texte · Interpretation lyrischer Texte
Aufgabenstellung:
1.
Analysieren Sie das Gedicht „Der verspätete Wanderer“ von Joseph von Eichendorff und legen Sie dabei einen besonderen Schwerpunkt auf die Bildlichkeit. [36 Punkte]
2.
Analysieren Sie das Gedicht „Straßen“ von Günter Kunert und vergleichen Sie es mit dem Gedicht Eichendorffs. Gehen Sie dabei vor allem auf das Motiv des Unterwegsseins sowie auf die verschiedenen Entstehungszeiten der beiden Gedichte ein. [36 Punkte]
Materialgrundlage
Joseph von Eichendorff
Der verspätete Wanderer
1 Wo aber werd ich sein im künftgen Lenze?
So frug ich sonst wohl, wenn beim Hüteschwingen
Ins Tal wir ließen unser Lied erklingen,
Denn jeder Wipfel bot mir frische Kränze 1.
5 Ich wußte nur, daß rings der Frühling glänze,
Daß nach dem Meer die Ströme leuchtend gingen,
Vom fernen Wunderland die Vögel singen,
Da hatt das Morgenrot noch keine Grenze.
Jetzt aber wirds schon Abend, alle Lieben
10 Sind wandermüde längst zurückgeblieben,
Die Nachtluft rauscht durch meine welken Kränze,
Und heimwärts rufen mich die Abendglocken,
Und in der Einsamkeit frag ich erschrocken:
Wo werde ich wohl sein im künftgen Lenze?
Anmerkungen zum Autor: Eichendorff lebte von 1788 – 1857. Die Erstveröffentlichung des Gedichts war 1859.
1 Kränze: hier als Belohnung für erreichte Ziele
Günter Kunert
Straßen
1 Straßen: begehbar, gesperrte, verschlammte, zu viele,
ansteigend, abfallend, grade und krumme zum Ziele,
gepflastert und steinig, nicht endend, so scheint es;
bis man da anlangt, ist man schon Aas und beweintes,
5 hat einen Platz an der Straße erhalten, doch unter
dem Boden. Drüber und weiter und unaufhaltsam und munter
gehen und laufen, marschieren, die leben, die blicken
nicht rechts, links und rückwärts, spüren die Tücken
der Straßen erst später, selber schon müde vom Laufen
10 harren des Zieles noch, und ohne Verschnaufen
tappen sie weiter, stürzen wo nieder und fragen vergebens
den leeren Himmel: Ob denn das Leben der Sinn allen Lebens.
Anmerkungen zum Autor: Kunert lebte von 1929 bis 2019, bis 1979 in der DDR, danach in der Bundesrepublik. Das Gedicht aus der erstmals im Jahr 1970 erschienenen Sammlung „Warnung vor Spiegeln“ entstand zwischen 1965 und 1969 in der DDR.
Aufgabe HT 4 - Teilaufgabe 1: Interpretation epischer Tex… · Interpretation epischer Texte
Botho Strauß
Die Möbel
Ein junger Telefontechniker, Züchter von Dalmatinern im Nebenberuf, kam am frühen Nach-
mittag, etwas zu früh, von seiner Arbeit nach Hause. Er fand seine Wohnung kahl, vollkom-
men ausgeräumt. Seine Frau aber stand an der nackten Wand, lehnte mit dem Rücken an, und
ihr gegenüber, ebenfalls mit dem Rücken an die Wand gelehnt, stand ein Mann, den er nie
5 zuvor gesehen hatte. Beide atmeten erschöpft in den letzten Zügen eines langen Streits, eines
die Affäre beendenden, wie es schien, denn die Worte, die sie jetzt noch wechselten, troffen
wie aus einer ausgepreßten Leidenschaftsfrucht und ihr Sinn entglitt ins Abstruse.
Er, dieser Fremde, sagte: Wenn wir die Möbel tiefer ins Zimmer gerückt hätten … Tiefer,
ganz tief, nach hinten, noch tiefer …
10 Seine ihm nicht weniger fremde Frau sagte: Das Zimmer ist nicht so tief, daß man sich
irgend etwas hätte vom Leib rücken können. Und schon gar nicht, um es genau zu sagen, mich
etwa.
Da bemerkte er an seiner Frau ein vorher nie gesehenes Rucken des Kopfes, und zwar zu
dem anderen hin, dem Fremden, so wie man jemanden mit angehobenem Kinn auf- oder her-
15 ausfordert: Komm Komm Komm! … Ich zeig es dir! Aber nichts kam mehr von der anderen
Seite. Sie ruckte den Kopf auffordernd, ohne noch etwas zu erwarten, als sei es ihr schon zur
Marotte geworden.
Der Mann, der heimkehren wollte, drehte dieser ihm vollkommen unbegreiflichen oder
unzugänglichen Realität kurz entschlossen den Rücken, verließ die Wohnung und unternahm
20 erst Stunden später einen zweiten Versuch nach Hause zu kommen. Tatsächlich fand er dies-
mal seine Wohnung getreu so eingerichtet, wie er sie am Morgen verlassen hatte. Auch be-
grüßte ihn wie an jedem Feierabend seine Frau, wenn auch die Zeichen der Erschöpfung nicht
ganz von ihr gewichen waren. Doch ein dritter Mensch befand sich augenscheinlich nicht
mehr in seinen vier Wänden. Also ließ er die Sache auf sich beruhen.
Anmerkungen zum Autor:
Botho Strauß (geb. 1944) ist ein deutscher Schriftsteller. Er trat 1972 erstmals als Dramatiker in Erscheinung. Seitdem etablierte sich Strauß als Dramatiker sowie auch als Erzähler und Essayist. Sein Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. 1989 mit dem Georg-Büchner-Preis.
Aufgabenstellung:
1. Analysieren Sie den Kurzprosatext „Die Möbel“ von Botho Strauß, indem Sie herausarbeiten, wie die Eheleute und ihre Beziehung dargestellt werden. Beziehen Sie dabei die erzählerischen und sprachlichen Gestaltungsmittel mit ein. [42 Punkte]
Aufgabe HT 4 - Teilaufgabe 2: Literarische Erörterung und… · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre
Botho Strauß
Die Möbel
Ein junger Telefontechniker, Züchter von Dalmatinern im Nebenberuf, kam am frühen Nach-
mittag, etwas zu früh, von seiner Arbeit nach Hause. Er fand seine Wohnung kahl, vollkom-
men ausgeräumt. Seine Frau aber stand an der nackten Wand, lehnte mit dem Rücken an, und
ihr gegenüber, ebenfalls mit dem Rücken an die Wand gelehnt, stand ein Mann, den er nie
5 zuvor gesehen hatte. Beide atmeten erschöpft in den letzten Zügen eines langen Streits, eines
die Affäre beendenden, wie es schien, denn die Worte, die sie jetzt noch wechselten, troffen
wie aus einer ausgepreßten Leidenschaftsfrucht und ihr Sinn entglitt ins Abstruse.
Er, dieser Fremde, sagte: Wenn wir die Möbel tiefer ins Zimmer gerückt hätten … Tiefer,
ganz tief, nach hinten, noch tiefer …
10 Seine ihm nicht weniger fremde Frau sagte: Das Zimmer ist nicht so tief, daß man sich
irgend etwas hätte vom Leib rücken können. Und schon gar nicht, um es genau zu sagen, mich
etwa.
Da bemerkte er an seiner Frau ein vorher nie gesehenes Rucken des Kopfes, und zwar zu
dem anderen hin, dem Fremden, so wie man jemanden mit angehobenem Kinn auf- oder her-
15 ausfordert: Komm Komm Komm! … Ich zeig es dir! Aber nichts kam mehr von der anderen
Seite. Sie ruckte den Kopf auffordernd, ohne noch etwas zu erwarten, als sei es ihr schon zur
Marotte geworden.
Der Mann, der heimkehren wollte, drehte dieser ihm vollkommen unbegreiflichen oder
unzugänglichen Realität kurz entschlossen den Rücken, verließ die Wohnung und unternahm
20 erst Stunden später einen zweiten Versuch nach Hause zu kommen. Tatsächlich fand er dies-
mal seine Wohnung getreu so eingerichtet, wie er sie am Morgen verlassen hatte. Auch be-
grüßte ihn wie an jedem Feierabend seine Frau, wenn auch die Zeichen der Erschöpfung nicht
ganz von ihr gewichen waren. Doch ein dritter Mensch befand sich augenscheinlich nicht
mehr in seinen vier Wänden. Also ließ er die Sache auf sich beruhen.
Anmerkungen zum Autor:
Botho Strauß (geb. 1944) ist ein deutscher Schriftsteller. Er trat 1972 erstmals als Dramatiker in Erscheinung. Seitdem etablierte sich Strauß als Dramatiker sowie auch als Erzähler und Essayist. Sein Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. 1989 mit dem Georg-Büchner-Preis.
Aufgabenstellung:
2. Stellen Sie in knapper Form dar, wie sich das Verhältnis der Eheleute Klausen in Hartmut Langes Novelle „Das Haus in der Dorotheenstraße“ entwickelt. Vergleichen Sie danach, wie Lange und Strauß in ihren Texten Paarbeziehungen gestalten, und berücksichtigen Sie dabei auch die Erzählperspektive. [30 Punkte]
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