Abitur NRW Deutsch 2021 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg

Abiturprüfung Deutsch in Nordrhein-Westfalen 2021, GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 7 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Interpretation lyrischer Texte.

Themen der Prüfung: Interpretation lyrischer Texte · Interpretation epischer Texte · Interpretation dramatischer Texte · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Analyse pragmatischer Texte · Sprachreflexion und Sprachtheorien

Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1 · Analyse pragmatischer Texte

Marius Buhl

Zwischen Schwund und Renaissance. Warum Dialekte nicht aussterben

[...] Dass es die deutschen Dialekte schwer haben, das ist, wie man heute sagen würde,

common knowledge, weeß jeda. Die Entwicklung ist nicht neu, schon 1988 sagte Gerhard

Polt 1 dem Magazin „Tempo“: „Ein Münchner Kind ist heute praktisch vom Dialekt entsorgt.“

Und wenn man in den Archiven kramt, findet man schon in den 30er-Jahren Bedenkenträger.

5 Die Dialekte leiden also schon lange. Wann sie tot sind?

Vielleicht gar nicht so bald, zumindest wenn man den anderen glaubt. Jenen, die eine Renais-

sance des Dialekts versprechen und Anzeichen dafür überall entdecken. Nachrichtensprecher

lassen plötzlich Sprachfärbungen zu, im „Tatort“ sächseln und schwäbeln immerhin die Sekre-

tärinnen, und sowohl Heimatkrimis als auch Landlustmagazine sind schon lang der Renner.

10 Wer jetzt recht hat?

Ein Anruf beim Sprachwissenschaftler Sebastian Kürschner 2. Der erforscht die deutschen

Dialekte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. [...]

„Dass die Zahl der Dialektsprecher schrumpft, ist schwer von der Hand zu weisen“, sagt er.

Zwar beherrschten 60 Prozent der Deutschen bis heute einen Dialekt. „Seit der Nachkriegs-

15 zeit ist die Nutzung aber stark zurückgegangen.“ Während in Ostdeutschland 1991 noch

41 Prozent der Menschen „fast immer“ Dialekt sprachen, sank der Anteil der aktiven Sprecher

bis 2008 auf 33 Prozent – und dürfte bis heute weiter gesunken sein.

Im Westen verkleinerte sich die Zahl im selben Zeitraum von 28 auf 24 Prozent. Für Rhein-

land-Pfalz fand eine Studie heraus, dass neun Prozent des dialektalen Wortschatzes pro Gene-

20 ration verloren gingen.

Ein Schwarzer, der Platt spricht, wird zum Star

Mütter, Medien, Mobilität seien schuld, sagen Sprachforscher. Erstere 3, weil sie ihren Kin-

dern Mundart vorenthielten (Väter übrigens auch). Zweitere, weil sie die Standardsprache

noch ins letzte Loch verbreiteten. Und Letztere, weil sie zu Austausch führt und [...] stets der

25 Feind des Status Quo ist. [...]

Vielleicht gibt eine Anekdote aus Ostfriesland Aufschluss. Dort lebt Keno Veith, ein Lohner,

so nennen sie dort die Arbeiter in der Landwirtschaft. Neulich blieb Veith stecken, bei der

Maisernte grub sich sein Trecker in den Klei. Er sprang von seiner Maschine und begutach-

tete den Schlamassel (süddeutsch übrigens: das Schlamassel).

30 Und weil ihm beim Begutachten, wie er später sagen würde, langweilig wurde, kramte er

sein Handy aus der Tasche und nahm eine Videobotschaft auf. „Mooooin“, sagte Veith in

die Kamera. „Nu mööt wi luern luern luern, bit en kummt un uns ruttrecken deit.“ Er müsse

also warten, warten, warten, bis einer komme und ihn rausziehe. Dann lud Veith das Video

bei YouTube hoch.

35 Innerhalb weniger Tage wurde er zum Star. Zehntausende klickten seinen Clip, Jan Böhmer-

mann empfahl ihn, Zeitungen schickten Reporter, „Bauer sucht Frau“ wollte ihn fürs Fernsehen

verpflichten. Keno Veith sagte ab, was seiner Beliebtheit nicht schadete: 200.000 Klicks hat das

Filmchen bis heute gesammelt, und er hat dutzende weitere gedreht. Immer op Platt.

Veith glaubt, der Erfolg des Videos liege an seinem Äußeren. Seine Haut ist schwarz, sein

40 Vater stammt aus Kamerun. „Ich bin waschechter Ostfriese, nur in anderer Verpackung“,

sagt er.

Vielleicht hat er recht. Ein Schwarzer, der Platt spricht, ist ungewöhnlich. Vielleicht kann man

aus dem Erfolg von Veiths Video aber noch etwas Zweites ableiten: Es gibt da draußen im

Land einen großen Hunger auf Dialekt. Weil er echt ist. Weil ihm der Zauber eines besseren

45 Frühers innewohnt. Und weil er klare Zuordnung ermöglicht, in einer Welt, die immer unor-

dentlicher zu werden scheint. Buy local, speak local. [...]

Könnte der Dialekt also zurückkehren, weil er unsere kalte Welt ein bisschen wärmer macht?

So einfach ist es auch wieder nicht. Davon kann Patricia Kühfuss erzählen. Sie ist Fotografin,

30 Jahre alt – und Schwäbin. Kühfuss ist ein besonderer Fall: Sie studierte in Hamburg, und

50 weil sie es nicht anders konnte, sprach sie in Seminaren und Vorlesungen Schwäbisch. Kein

besonders breites Schwäbisch, aber doch so, dass jeder erkannte, wo sie herkommt.

„Meine Kommilitonen“, sagt Kühfuss, „haben mich ausgelacht.“ Sie begann zu zweifeln. Dass

es Studien gibt, die belegen, dass Dialektsprecher weniger intellektuell scheinen, davon hatte

sie gehört. [...]

55 Kühfuss’ Geschichte ist beides – Regel und Ausnahme. Das zeigt die größte Studie zum

Thema Dialekt, erhoben 2008 vom Institut für deutsche Sprache. Zuerst zur Regel: Die meis-

ten Dialektsprecher kommen aus dem deutschen Süden, hier geben 59 Prozent der Befragten

an, ihren Dialekt „immer“ oder „oft“ anzuwenden. Im Norden – wo es ohnehin weniger Dia-

lektsprecher gibt – sind es nur 15 Prozent. Besonders Brandenburg und Sachsen-Anhalt sind

60 laut Studie Notstandsgebiete.

Auch dass Kühfuss für ihren Dialekt ausgelacht wurde, passt zur Erhebung. Schwäbisch,

Bairisch und Sächsisch polarisieren. Je weiter weg man sich von der Heimat befindet, desto

unsympathischer bewerten andere den Dialekt. Krassestes Beispiel: Ostdeutsche finden Säch-

sisch viel sympathischer als Westdeutsche, die Witze über die zu Goethes Zeiten edelste deut-

65 sche Mundart machen. [...]

Die Ausnahme ist Patricia Kühfuss, weil sie irgendwann beschloss, sich vom Lachen der

Kommilitonen nicht mehr einschüchtern zu lassen. Sie war für ein Semester nach Norwegen

gezogen, wo es vollkommen normal ist, dass Menschen auch an der Universität Mundart

sprechen. „Ich habe da begriffen, dass man kein minderwertiger Mensch ist, wenn man im

70 Hörsaal Dialekt spricht“, sagt Kühfuss.

Unreiner Dialekt und unreine Standardsprache

Der klassische Fall wäre wohl ein anderer. Nehmen wir eine Frau aus Hessen. In ihrer Kind-

heit hört sie Sätze wie „Hald de Sabbel“, wenn sie zu laut schreit, spricht selbst aber in Wort-

wahl und Grammatik nicht mehr so ausgeprägt wie ihre Großeltern. In der Schule wechselt

75 sie zu einem gefärbten Standarddeutsch, das wirkt professioneller, zum Studium in München

oder Berlin legt sie den Dialekt ganz ab.

Fährt sie heute zu ihren Eltern, freut sie sich in der Regionalbahn schon über die Schaffner-

ansagen. Sie weiß: Jetzt ist es Zeit, die Mundart wieder auszupacken.

„Die Dialekte sterben nicht, eher ändert sich das Konzept“, sagt auch Sprachforscher Kürsch-

80 ner. „Wir wenden sie an, wenn es situativ passt.“ Zwei Pfeile im Köcher. Zwischen Schwund

und Renaissance sieht er keinen Widerspruch.

Zwar verschwinde – im Norden schneller als im Süden – der tiefe Dialekt, der sich von Dorf

zu Dorf unterscheide. An seine Stelle trete dafür eine Art Regiolekt. „Man wird in Deutsch-

land noch lange hören können, woher jemand kommt“, sagt Kürschner. Gleichzeitig verliere

85 auch die Standardsprache an Perfektion, lasse regionale Schnörkel zu. Unreiner Dialekt und

unreine Standardsprache – Heimathype und das Bedürfnis, verstanden zu werden, existieren

parallel. [...]

Anmerkungen zum Autor

Marius Buhl (geb. 1992) ist Journalist beim Tagesspiegel.

1 Gerhard Polt: geb. 1942 in München; deutscher Kabarettist, Autor, Fernseh- und Filmschauspieler

2 Sebastian Kürschner: geb. 1976, seit 2016 Professor für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Eichstätt; einer seiner Forschungsschwerpunkte ist der Sprach- und Dialektkontakt

3 „Erstere“ bezieht sich auf Mütter, „Zweitere“ auf Medien und „Letztere“ auf Mobilität.

1. Analysieren Sie den Artikel „Zwischen Schwund und Renaissance. Warum Dialekte nicht aussterben“ von Marius Buhl, indem Sie die Hauptaussagen und die Weise ihrer Entfaltung darstellen und außerdem die sprachliche Gestaltung des Textes untersuchen. (36 Punkte)

Aufgabe 1 - Teilaufgabe 2 · Sprachreflexion und Sprachtheorien

Marius Buhl

Zwischen Schwund und Renaissance. Warum Dialekte nicht aussterben

[...] Dass es die deutschen Dialekte schwer haben, das ist, wie man heute sagen würde,

common knowledge, weeß jeda. Die Entwicklung ist nicht neu, schon 1988 sagte Gerhard

Polt 1 dem Magazin „Tempo“: „Ein Münchner Kind ist heute praktisch vom Dialekt entsorgt.“

Und wenn man in den Archiven kramt, findet man schon in den 30er-Jahren Bedenkenträger.

5 Die Dialekte leiden also schon lange. Wann sie tot sind?

Vielleicht gar nicht so bald, zumindest wenn man den anderen glaubt. Jenen, die eine Renais-

sance des Dialekts versprechen und Anzeichen dafür überall entdecken. Nachrichtensprecher

lassen plötzlich Sprachfärbungen zu, im „Tatort“ sächseln und schwäbeln immerhin die Sekre-

tärinnen, und sowohl Heimatkrimis als auch Landlustmagazine sind schon lang der Renner.

10 Wer jetzt recht hat?

Ein Anruf beim Sprachwissenschaftler Sebastian Kürschner 2. Der erforscht die deutschen

Dialekte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. [...]

„Dass die Zahl der Dialektsprecher schrumpft, ist schwer von der Hand zu weisen“, sagt er.

Zwar beherrschten 60 Prozent der Deutschen bis heute einen Dialekt. „Seit der Nachkriegs-

15 zeit ist die Nutzung aber stark zurückgegangen.“ Während in Ostdeutschland 1991 noch

41 Prozent der Menschen „fast immer“ Dialekt sprachen, sank der Anteil der aktiven Sprecher

bis 2008 auf 33 Prozent – und dürfte bis heute weiter gesunken sein.

Im Westen verkleinerte sich die Zahl im selben Zeitraum von 28 auf 24 Prozent. Für Rhein-

land-Pfalz fand eine Studie heraus, dass neun Prozent des dialektalen Wortschatzes pro Gene-

20 ration verloren gingen.

Ein Schwarzer, der Platt spricht, wird zum Star

Mütter, Medien, Mobilität seien schuld, sagen Sprachforscher. Erstere 3, weil sie ihren Kin-

dern Mundart vorenthielten (Väter übrigens auch). Zweitere, weil sie die Standardsprache

noch ins letzte Loch verbreiteten. Und Letztere, weil sie zu Austausch führt und [...] stets der

25 Feind des Status Quo ist. [...]

Vielleicht gibt eine Anekdote aus Ostfriesland Aufschluss. Dort lebt Keno Veith, ein Lohner,

so nennen sie dort die Arbeiter in der Landwirtschaft. Neulich blieb Veith stecken, bei der

Maisernte grub sich sein Trecker in den Klei. Er sprang von seiner Maschine und begutach-

tete den Schlamassel (süddeutsch übrigens: das Schlamassel).

30 Und weil ihm beim Begutachten, wie er später sagen würde, langweilig wurde, kramte er

sein Handy aus der Tasche und nahm eine Videobotschaft auf. „Mooooin“, sagte Veith in

die Kamera. „Nu mööt wi luern luern luern, bit en kummt un uns ruttrecken deit.“ Er müsse

also warten, warten, warten, bis einer komme und ihn rausziehe. Dann lud Veith das Video

bei YouTube hoch.

35 Innerhalb weniger Tage wurde er zum Star. Zehntausende klickten seinen Clip, Jan Böhmer-

mann empfahl ihn, Zeitungen schickten Reporter, „Bauer sucht Frau“ wollte ihn fürs Fernsehen

verpflichten. Keno Veith sagte ab, was seiner Beliebtheit nicht schadete: 200.000 Klicks hat das

Filmchen bis heute gesammelt, und er hat dutzende weitere gedreht. Immer op Platt.

Veith glaubt, der Erfolg des Videos liege an seinem Äußeren. Seine Haut ist schwarz, sein

40 Vater stammt aus Kamerun. „Ich bin waschechter Ostfriese, nur in anderer Verpackung“,

sagt er.

Vielleicht hat er recht. Ein Schwarzer, der Platt spricht, ist ungewöhnlich. Vielleicht kann man

aus dem Erfolg von Veiths Video aber noch etwas Zweites ableiten: Es gibt da draußen im

Land einen großen Hunger auf Dialekt. Weil er echt ist. Weil ihm der Zauber eines besseren

45 Frühers innewohnt. Und weil er klare Zuordnung ermöglicht, in einer Welt, die immer unor-

dentlicher zu werden scheint. Buy local, speak local. [...]

Könnte der Dialekt also zurückkehren, weil er unsere kalte Welt ein bisschen wärmer macht?

So einfach ist es auch wieder nicht. Davon kann Patricia Kühfuss erzählen. Sie ist Fotografin,

30 Jahre alt – und Schwäbin. Kühfuss ist ein besonderer Fall: Sie studierte in Hamburg, und

50 weil sie es nicht anders konnte, sprach sie in Seminaren und Vorlesungen Schwäbisch. Kein

besonders breites Schwäbisch, aber doch so, dass jeder erkannte, wo sie herkommt.

„Meine Kommilitonen“, sagt Kühfuss, „haben mich ausgelacht.“ Sie begann zu zweifeln. Dass

es Studien gibt, die belegen, dass Dialektsprecher weniger intellektuell scheinen, davon hatte

sie gehört. [...]

55 Kühfuss’ Geschichte ist beides – Regel und Ausnahme. Das zeigt die größte Studie zum

Thema Dialekt, erhoben 2008 vom Institut für deutsche Sprache. Zuerst zur Regel: Die meis-

ten Dialektsprecher kommen aus dem deutschen Süden, hier geben 59 Prozent der Befragten

an, ihren Dialekt „immer“ oder „oft“ anzuwenden. Im Norden – wo es ohnehin weniger Dia-

lektsprecher gibt – sind es nur 15 Prozent. Besonders Brandenburg und Sachsen-Anhalt sind

60 laut Studie Notstandsgebiete.

Auch dass Kühfuss für ihren Dialekt ausgelacht wurde, passt zur Erhebung. Schwäbisch,

Bairisch und Sächsisch polarisieren. Je weiter weg man sich von der Heimat befindet, desto

unsympathischer bewerten andere den Dialekt. Krassestes Beispiel: Ostdeutsche finden Säch-

sisch viel sympathischer als Westdeutsche, die Witze über die zu Goethes Zeiten edelste deut-

65 sche Mundart machen. [...]

Die Ausnahme ist Patricia Kühfuss, weil sie irgendwann beschloss, sich vom Lachen der

Kommilitonen nicht mehr einschüchtern zu lassen. Sie war für ein Semester nach Norwegen

gezogen, wo es vollkommen normal ist, dass Menschen auch an der Universität Mundart

sprechen. „Ich habe da begriffen, dass man kein minderwertiger Mensch ist, wenn man im

70 Hörsaal Dialekt spricht“, sagt Kühfuss.

Unreiner Dialekt und unreine Standardsprache

Der klassische Fall wäre wohl ein anderer. Nehmen wir eine Frau aus Hessen. In ihrer Kind-

heit hört sie Sätze wie „Hald de Sabbel“, wenn sie zu laut schreit, spricht selbst aber in Wort-

wahl und Grammatik nicht mehr so ausgeprägt wie ihre Großeltern. In der Schule wechselt

75 sie zu einem gefärbten Standarddeutsch, das wirkt professioneller, zum Studium in München

oder Berlin legt sie den Dialekt ganz ab.

Fährt sie heute zu ihren Eltern, freut sie sich in der Regionalbahn schon über die Schaffner-

ansagen. Sie weiß: Jetzt ist es Zeit, die Mundart wieder auszupacken.

„Die Dialekte sterben nicht, eher ändert sich das Konzept“, sagt auch Sprachforscher Kürsch-

80 ner. „Wir wenden sie an, wenn es situativ passt.“ Zwei Pfeile im Köcher. Zwischen Schwund

und Renaissance sieht er keinen Widerspruch.

Zwar verschwinde – im Norden schneller als im Süden – der tiefe Dialekt, der sich von Dorf

zu Dorf unterscheide. An seine Stelle trete dafür eine Art Regiolekt. „Man wird in Deutsch-

land noch lange hören können, woher jemand kommt“, sagt Kürschner. Gleichzeitig verliere

85 auch die Standardsprache an Perfektion, lasse regionale Schnörkel zu. Unreiner Dialekt und

unreine Standardsprache – Heimathype und das Bedürfnis, verstanden zu werden, existieren

parallel. [...]

Anmerkungen zum Autor

Marius Buhl (geb. 1992) ist Journalist beim Tagesspiegel.

1 Gerhard Polt: geb. 1942 in München; deutscher Kabarettist, Autor, Fernseh- und Filmschauspieler

2 Sebastian Kürschner: geb. 1976, seit 2016 Professor für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Eichstätt; einer seiner Forschungsschwerpunkte ist der Sprach- und Dialektkontakt

3 „Erstere“ bezieht sich auf Mütter, „Zweitere“ auf Medien und „Letztere“ auf Mobilität.

2. Erläutern Sie den Begriff der Standardsprache und grenzen Sie ihn dabei von den Begriffen Dialekt und Regiolekt ab. Stellen Sie anhand von Beispielen weitere Veränderungen in der Standardsprache dar und erläutern Sie, welche Funktionen diese möglicherweise erfüllen, auch unter Berücksichtigung des jeweiligen Verwendungszusammenhangs. Nehmen Sie abwägend Stellung zu der Frage, ob das Niveau der Standardsprache sinkt. (36 Punkte)

Aufgabe 2 · Interpretation lyrischer Texte

Aufgabenstellung

1.

Analysieren Sie Ludwig Uhlands Gedicht „Reisen“. Gehen Sie dabei besonders darauf ein, welche Rolle das Verhältnis zwischen Innen- und Außenwelt spielt. (42 Punkte)

2.

Novalis (1772 – 1801), ein Schriftsteller der Frühromantik, äußert:

„Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unsers Geistes kennen wir nicht. – Nach Innen geht der geheimnißvolle Weg.“

Erläutern Sie das Zitat von Novalis. Setzen Sie seine Gedanken im Hinblick auf das Verhältnis von Innen- und Außenwelt zu Uhlands Gedicht in Beziehung. Erläutern Sie, inwiefern sich im Gedicht und im Zitat unterschiedliche Arten des „Unterwegsseins“ zeigen. (30 Punkte)

Materialgrundlage

Ludwig Uhland: Reisen (1834)

Reisen soll ich, Freunde! reisen,

Lüften soll ich mir die Brust?

Aus des Tagwerks 1 engen Gleisen

Lockt ihr mich zu Wanderlust?

5 Und doch hab ich tiefer eben

In die Heimat mich versenkt,

Fühle mich, ihr hingegeben,

Freier, reicher, als ihr denkt.

Nie erschöpf ich diese Wege,

10 Nie ergründ ich dieses Tal,

Und die altbetretnen Stege

Rühren neu mich jedes Mal;

Öfters, wenn ich selbst mir sage,

Wie der Pfad doch einsam sei,

15 Streifen hier am lichten Tage

Teure Schatten mir vorbei.

Wann 2 die Sonne fährt von hinnen,

Kennt mein Herz noch keine Ruh,

Eilt mit ihr von Bergeszinnen 3

20 Fabelhaften Inseln zu;

Tauchen dann hervor die Sterne,

Drängt es mächtig mich hinan,

Und in immer tiefre Ferne

Zieh ich helle Götterbahn 4.

25 Alt’ und neue Jugendträume,

Zukunft und Vergangenheit,

Uferlose Himmelsräume

Sind mir stündlich hier bereit.

Darum, Freunde! will ich reisen;

30 Weiset Straße mir und Ziel!

In der Heimat stillen Kreisen

Schwärmt 5 das Herz doch allzu viel.

Anmerkungen zum Autor: Johann Ludwig Uhland (1787 – 1862) war ein deutscher Dichter, Jurist und Politiker.

1 Tagwerk: hier: die innerhalb eines Tages zu erledigende Arbeit, die an einem Tag zu erfüllenden Aufgaben

2 Wann: wenn

3 Zinne: Felszacke, Spitze eines Berges im Hochgebirge

4 Götterbahn: Weg der Götter in einem den Menschen eigentlich nicht zugänglichen Raum

5 schwärmen: sich für jemanden oder etwas – mitunter wirklichkeitsfern – begeistern

Novalis: Blüthenstaub. Auszug aus Fragment Nr. 16. In: Ders.: Werke, Tagebücher und Briefe Friedrich von Hardenbergs. Hrsg. von Hans-Joachim Mähl und Richard Samuel. Bd. 2. München: Hanser 1978, S. 233

Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1 · Interpretation epischer Texte

John von Düffel

Houwelandt (Textauszug)

Der 2004 veröffentlichte Roman zeichnet ein Bild der Familie Houwelandt und umfasst dabei drei Generationen. Der Großvater und Patriarch Jorge lebt gemeinsam mit seiner Frau Esther nicht mehr auf dem Familiensitz im Norden Deutschlands, sondern an der spanischen Küste, wo er bald seinen achtzigsten Geburtstag feiert. Sein Sohn Thomas kümmert sich währenddessen um das Elternhaus. Der Auszug gibt den Anfang des vierten Kapitels wieder. Vorher wird erzählt, dass Thomas verschlafen hat und durch die Türklingel des Postboten aufgeweckt wird. Als es erneut klingelt, beschließt er schließlich, aufzustehen und dem Postboten die Tür zu öffnen.

Thomas

Er erwischte den Postboten auf halbem Weg über den Hof vor der „Hundehütte“, wie die

Geschwister ihr Elternhaus nannten, einen zweistöckigen Bau aus der Vorgründerzeit, der zu

schmal, zu grau und zu verwinkelt geraten war, um eine Villa am Stadtrand zu sein. Fast schien

es, als habe ihr Erbauer seinerzeit voller Mißtrauen in die Zukunft geblickt und für sich und die

5 Seinen keine Vermehrung von Reichtum und Ansehen erwartet. Die „Hundehütte“ war eine

Trutzburg 1 des Erreichten. Weder Personal noch Gäste hatten in ihr Platz, weshalb sämtliche

de Houwelandts, deren Geschäfte prosperierten 2, mit Anbauten wie dem Gesindehaus 3 um

1900 und dem Kinderhaus Anfang der siebziger Jahre eine Spur von Großzügigkeit in die

gotische Verschmocktheit 4 und pastorale Enge ihres Familiensitzes zu bringen versuchten.

10 Doch Bedienstete gab es, wenn Thomas von sich selbst einmal absah, schon lange nicht mehr.

Soweit seine Erinnerung reichte, wohnten im Gesindehaus ältliche Paare und einsame Pen-

sionäre, die geräuschlos vor sich hinstarben. Auch wurde das Kinderhaus entgegen seiner

Bestimmung nie von ihm oder den Geschwistern bezogen. Sie alle hatten das steingewordene

Angebot, sich mit ihren Familien an der Seite ihres Vaters niederzulassen, abgelehnt. Zwar

15 standen pro Wohnung zwei Kinderzimmer bereit, was einer Aufforderung zur Fortpflanzung

gleichkam, doch mieteten sich auch dort wiederum nur alte Leute ein, die offenbar zu schwach

und hinfällig waren, um gegen die reizlosen schuhkartonförmigen Siebziger-Jahre-Räume

aufzubegehren. Thomas war nicht nur der einzige de Houwelandt, der hier lebte. Er war mit

seinen siebenundfünfzig Jahren auch der Jüngste, was ihm noch immer das Gefühl gab, ein

20 Rebell zu sein.

Jetzt stand er in Bademantel und Pantoffeln auf dem Hof, den Blicken der argwöhnischen

Mieterschaft preisgegeben, die vermutlich noch Tage von diesem Auftritt reden würde. Thomas

knotete die Enden des Frotteegürtels notdürftig vor seinem Bauch zusammen und fuhr sich

mit einer flüchtigen Geste durchs Haar, um wenigstens den Willen zu einer Frisur erkennen

25 zu lassen. Es war fast zehn, hellichter Tag. Die Sonne blendete, und das Unkraut zwischen

den Steinplatten schoß unverschämt grün bis auf Knöchelhöhe empor. Ein leichter Niesreiz

lag in der Luft. Vom Garten her roch es nach blühender Wiese und Gräserpollen. Es roch, mit

einem Wort, ungemäht. Thomas versuchte, den Postboten möglichst unauffällig in eine Ecke

zu ziehen, die den Mietern ringsum weniger Einsicht bot, doch die Gesten, die er aus den

30 Ärmeln seines Bademantels schüttelte, wurden von dem Beamten nicht verstanden. Mutlos

schaute er die grauen, moosbefleckten Mauern der Hundehütte hinauf und hoffte insgeheim,

der Giebel würde sich ein Stück weit vor die Sonne schieben, um ihn mit seinem spitzen

Schatten zu verschlucken. Doch auch diesen Gefallen tat ihm sein Vaterhaus nicht. Stattdessen

schaute es ungerührt mit seinen vor Staub und Wasserflecken erblindenden Fenstern auf ihn

35 herab.

„Hier unterschreiben“, forderte ihn der Postbote auf. Thomas ergriff den gezückten Kugel-

schreiber wortlos. Ihm war auf einmal kalt, trotz der sommerlichen Temperaturen. Seine

Hände zitterten. Er überlegte kurz, ob er nicht besser versuchen sollte, als erste Handlung des

Tages eine Zigarette zu schnorren, doch sein Gegenüber machte ein zutiefst entmutigendes

40 Nichtrauchergesicht.

Es war kein Wunder, daß er es nicht aushielt an diesem unwirtlichen 5 und von der Zeit ver-

gessenen Ort, wenn sogar sein zäher, unbeugsamer Vater hier nicht länger leben wollte und

in südliche Gefilde gezogen war, nachdem er seine Kinder und Kindeskinder allesamt ver-

trieben hatte. Niemand blieb aus freien Stücken hier, weder die greisen Pärchen und Pensio-

45 näre, für die es zu spät war, um zum Sterben das Land zu verlassen, noch er, Thomas, der

Erstgeborene. Ihn ereilte der Auftrag, hier nach dem Rechten zu sehen, ausgerechnet zu einem

Zeitpunkt, als er seinem Vater nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Er war so gut wie geschie-

den, ohne Bleibe und feste Anstellung, so daß er nun die Leere und den Tod auf dem einsti-

gen Familiensitz verwaltete, als hätte er nie ein eigenes Leben gelebt. [...]

Worterklärungen

1 Trutzburg: in der mittelalterlichen Verwendung Bezeichnung für einen Burgentyp, der zur Sicherung von Machtansprüchen oder zur Belagerung errichtet wurde; heutzutage wird das Wort oft als Metapher für Dinge, die sich als besonders widerständig erweisen, verwendet

2 prosperieren: sich günstig entwickeln, gut vorankommen

3 Gesindehaus: Bezeichnung für das Haus auf einem Gutshof, in dem das Gesinde (z. B. Mägde und Knechte) übernachtete

4 verschmockt: auf die vordergründige Wirkung, den Effekt hin angelegt

5 unwirtlich: durch Kargheit, Öde, Kälte unattraktiv, abstoßend

Anmerkungen zum Autor

John von Düffel ist ein deutscher Schriftsteller und Dramaturg. Er wurde 1966 in Göttingen geboren.

1. Analysieren Sie den abgedruckten Auszug aus John von Düffels Roman „Houwelandt“. Beziehen Sie dabei ein, welche Bedeutung die Gestaltung der Räume für die Darstellung von Thomas’ Lebenssituation hat. [45 Punkte]

Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2 · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre

John von Düffel

Houwelandt (Textauszug)

Der 2004 veröffentlichte Roman zeichnet ein Bild der Familie Houwelandt und umfasst dabei drei Generationen. Der Großvater und Patriarch Jorge lebt gemeinsam mit seiner Frau Esther nicht mehr auf dem Familiensitz im Norden Deutschlands, sondern an der spanischen Küste, wo er bald seinen achtzigsten Geburtstag feiert. Sein Sohn Thomas kümmert sich währenddessen um das Elternhaus. Der Auszug gibt den Anfang des vierten Kapitels wieder. Vorher wird erzählt, dass Thomas verschlafen hat und durch die Türklingel des Postboten aufgeweckt wird. Als es erneut klingelt, beschließt er schließlich, aufzustehen und dem Postboten die Tür zu öffnen.

Thomas

Er erwischte den Postboten auf halbem Weg über den Hof vor der „Hundehütte“, wie die

Geschwister ihr Elternhaus nannten, einen zweistöckigen Bau aus der Vorgründerzeit, der zu

schmal, zu grau und zu verwinkelt geraten war, um eine Villa am Stadtrand zu sein. Fast schien

es, als habe ihr Erbauer seinerzeit voller Mißtrauen in die Zukunft geblickt und für sich und die

5 Seinen keine Vermehrung von Reichtum und Ansehen erwartet. Die „Hundehütte“ war eine

Trutzburg 1 des Erreichten. Weder Personal noch Gäste hatten in ihr Platz, weshalb sämtliche

de Houwelandts, deren Geschäfte prosperierten 2, mit Anbauten wie dem Gesindehaus 3 um

1900 und dem Kinderhaus Anfang der siebziger Jahre eine Spur von Großzügigkeit in die

gotische Verschmocktheit 4 und pastorale Enge ihres Familiensitzes zu bringen versuchten.

10 Doch Bedienstete gab es, wenn Thomas von sich selbst einmal absah, schon lange nicht mehr.

Soweit seine Erinnerung reichte, wohnten im Gesindehaus ältliche Paare und einsame Pen-

sionäre, die geräuschlos vor sich hinstarben. Auch wurde das Kinderhaus entgegen seiner

Bestimmung nie von ihm oder den Geschwistern bezogen. Sie alle hatten das steingewordene

Angebot, sich mit ihren Familien an der Seite ihres Vaters niederzulassen, abgelehnt. Zwar

15 standen pro Wohnung zwei Kinderzimmer bereit, was einer Aufforderung zur Fortpflanzung

gleichkam, doch mieteten sich auch dort wiederum nur alte Leute ein, die offenbar zu schwach

und hinfällig waren, um gegen die reizlosen schuhkartonförmigen Siebziger-Jahre-Räume

aufzubegehren. Thomas war nicht nur der einzige de Houwelandt, der hier lebte. Er war mit

seinen siebenundfünfzig Jahren auch der Jüngste, was ihm noch immer das Gefühl gab, ein

20 Rebell zu sein.

Jetzt stand er in Bademantel und Pantoffeln auf dem Hof, den Blicken der argwöhnischen

Mieterschaft preisgegeben, die vermutlich noch Tage von diesem Auftritt reden würde. Thomas

knotete die Enden des Frotteegürtels notdürftig vor seinem Bauch zusammen und fuhr sich

mit einer flüchtigen Geste durchs Haar, um wenigstens den Willen zu einer Frisur erkennen

25 zu lassen. Es war fast zehn, hellichter Tag. Die Sonne blendete, und das Unkraut zwischen

den Steinplatten schoß unverschämt grün bis auf Knöchelhöhe empor. Ein leichter Niesreiz

lag in der Luft. Vom Garten her roch es nach blühender Wiese und Gräserpollen. Es roch, mit

einem Wort, ungemäht. Thomas versuchte, den Postboten möglichst unauffällig in eine Ecke

zu ziehen, die den Mietern ringsum weniger Einsicht bot, doch die Gesten, die er aus den

30 Ärmeln seines Bademantels schüttelte, wurden von dem Beamten nicht verstanden. Mutlos

schaute er die grauen, moosbefleckten Mauern der Hundehütte hinauf und hoffte insgeheim,

der Giebel würde sich ein Stück weit vor die Sonne schieben, um ihn mit seinem spitzen

Schatten zu verschlucken. Doch auch diesen Gefallen tat ihm sein Vaterhaus nicht. Stattdessen

schaute es ungerührt mit seinen vor Staub und Wasserflecken erblindenden Fenstern auf ihn

35 herab.

„Hier unterschreiben“, forderte ihn der Postbote auf. Thomas ergriff den gezückten Kugel-

schreiber wortlos. Ihm war auf einmal kalt, trotz der sommerlichen Temperaturen. Seine

Hände zitterten. Er überlegte kurz, ob er nicht besser versuchen sollte, als erste Handlung des

Tages eine Zigarette zu schnorren, doch sein Gegenüber machte ein zutiefst entmutigendes

40 Nichtrauchergesicht.

Es war kein Wunder, daß er es nicht aushielt an diesem unwirtlichen 5 und von der Zeit ver-

gessenen Ort, wenn sogar sein zäher, unbeugsamer Vater hier nicht länger leben wollte und

in südliche Gefilde gezogen war, nachdem er seine Kinder und Kindeskinder allesamt ver-

trieben hatte. Niemand blieb aus freien Stücken hier, weder die greisen Pärchen und Pensio-

45 näre, für die es zu spät war, um zum Sterben das Land zu verlassen, noch er, Thomas, der

Erstgeborene. Ihn ereilte der Auftrag, hier nach dem Rechten zu sehen, ausgerechnet zu einem

Zeitpunkt, als er seinem Vater nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Er war so gut wie geschie-

den, ohne Bleibe und feste Anstellung, so daß er nun die Leere und den Tod auf dem einsti-

gen Familiensitz verwaltete, als hätte er nie ein eigenes Leben gelebt. [...]

Worterklärungen

1 Trutzburg: in der mittelalterlichen Verwendung Bezeichnung für einen Burgentyp, der zur Sicherung von Machtansprüchen oder zur Belagerung errichtet wurde; heutzutage wird das Wort oft als Metapher für Dinge, die sich als besonders widerständig erweisen, verwendet

2 prosperieren: sich günstig entwickeln, gut vorankommen

3 Gesindehaus: Bezeichnung für das Haus auf einem Gutshof, in dem das Gesinde (z. B. Mägde und Knechte) übernachtete

4 verschmockt: auf die vordergründige Wirkung, den Effekt hin angelegt

5 unwirtlich: durch Kargheit, Öde, Kälte unattraktiv, abstoßend

Anmerkungen zum Autor

John von Düffel ist ein deutscher Schriftsteller und Dramaturg. Er wurde 1966 in Göttingen geboren.

2. Stellen Sie dar, welchen Stellenwert das Landhaus in Kleists Novelle „Die Marquise von O....“ bei der Darstellung der Lebenssituation der Marquise einnimmt. Vergleichen Sie diesen Stellenwert mit der Rolle, die das Wohnhaus für die Darstellung der Lebenssituation von Thomas spielt. [27 Punkte]

Aufgabe 4 - Teilaufgabe 1 · Interpretation dramatischer Texte

Aufgabenstellung 1

Gotthold Ephraim Lessing

Nathan der Weise

5. Aufzug, 3. Auftritt (3227 – 3286)

Ort der Handlung: Unter den Palmen vor Nathans Haus, wo der TEMPELHERR hin und her geht.

Ins Haus nun will ich einmal nicht. – Er wird

Sich endlich doch wohl sehen lassen! – Man

Bemerkte mich ja sonst so bald, so gern! –

3230 Will's noch erleben, dass er sich's verbittet,

Vor seinem Hause mich so fleißig finden

Zu lassen. – Hm! – ich bin doch aber auch

Sehr ärgerlich. – Was hat mich denn nun so

Erbittert gegen ihn? – Er sagte ja:

3235 Noch schlüg' er mir nichts ab. Und Saladin

Hat's über sich genommen 1, ihn zu stimmen. –

Wie? sollte wirklich wohl in mir der Christ

Noch tiefer nisten, als in ihm der Jude? –

Wer kennt sich recht? Wie könnt ich ihm denn sonst

3240 Den kleinen Raub nicht gönnen wollen, den

Er sich's zu solcher Angelegenheit

Gemacht, den Christen abzujagen? – Freilich;

Kein kleiner Raub, ein solch Geschöpf! – Geschöpf?

Und wessen? – Doch des Sklaven nicht, der auf

3245 Des Lebens öden Strand den Block 2 geflößt 3,

Und sich davongemacht? Des Künstlers doch

Wohl mehr, der in dem hingeworfnen Blocke

Die göttliche Gestalt sich dachte, die

Er dargestellt? – Ach! Rechas wahrer Vater

3250 Bleibt, trotz dem Christen, der sie zeugte – bleibt

In Ewigkeit der Jude. – Wenn ich mir

Sie lediglich als Christendirne 4 denke,

Sie sonder alles 5 das mir denke, was

Allein ihr so ein Jude geben konnte: –

3255 Sprich, Herz, – was wär an ihr, das dir gefiel?

Nichts! Wenig! Selbst ihr Lächeln, wär es nichts

Als sanfte schöne Zuckung ihrer Muskeln;

Wär, was sie lächeln macht, des Reizes unwert,

In den es sich auf ihrem Munde kleidet: –

3260 Nein; selbst ihr Lächeln nicht! Ich hab es ja

Wohl schöner noch an Aberwitz 6, an Tand 7,

An Höhnerei 8, an Schmeichler und an Buhler 9,

Verschwenden sehn! – Hat's da mich auch bezaubert?

Hat's da mir auch den Wunsch entlockt, mein Leben

3265 In seinem Sonnenscheine zu verflattern? –

Ich wüsste nicht. Und bin auf den doch launisch,

Der diesen höhern Wert allein ihr gab?

Wie das? warum? – Wenn ich den Spott verdiente,

Mit dem mich Saladin entließ! Schon schlimm

3270 Genug, dass Saladin es glauben konnte!

Wie klein ich ihm da scheinen musste! wie

Verächtlich! – Und das alles um ein Mädchen? –

Curd! Curd! das geht so nicht. Lenk ein! Wenn vollends

Mir Daja nur was vorgeplaudert hätte,

3275 Was schwerlich zu erweisen stünde? – Sieh,

Da tritt er endlich, in Gespräch vertieft,

Aus seinem Hause! – Ha! mit wem! – Mit ihm?

Mit meinem Klosterbruder? – Ha! so weiß

Er sicherlich schon alles! ist wohl gar

3280 Dem Patriarchen schon verraten! – Ha!

Was hab ich Querkopf nun gestiftet! – Dass

Ein einz'ger Funken dieser Leidenschaft

Doch unsers Hirns so viel verbrennen kann! –

Geschwind entschließ dich, was nunmehr zu tun!

3285 Ich will hier seitwärts ihrer warten; – ob

Vielleicht der Klosterbruder ihn verlässt.

1 über sich genommen: auf sich genommen

2 Block: hier: massives (rohes unbearbeitetes) Material

3 geflößt: mit dem Floß transportiert

4 Christendirne: Christenmädchen (zu Lessings Zeit nicht abwertend)

5 sonder alles: ohne alles

6 Aberwitz: Torheit, Wahnsinn

7 Tand: wertloses Zeug

8 Höhnerei: Spott

9 Buhler: Liebhaber

Analysieren Sie den vorliegenden Auszug aus Lessings Drama „Nathan der Weise“ und achten Sie dabei besonders darauf, welche Funktion das monologische Sprechen für die Darstellung innerer Konflikte und für die gedankliche Entwicklung des Dramas hat. [42 Punkte]

Aufgabe 4 - Teilaufgabe 2 · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre

Aufgabenstellung 2

Gotthold Ephraim Lessing

Nathan der Weise

5. Aufzug, 3. Auftritt (3227 – 3286)

Ort der Handlung: Unter den Palmen vor Nathans Haus, wo der TEMPELHERR hin und her geht.

Ins Haus nun will ich einmal nicht. – Er wird

Sich endlich doch wohl sehen lassen! – Man

Bemerkte mich ja sonst so bald, so gern! –

3230 Will's noch erleben, dass er sich's verbittet,

Vor seinem Hause mich so fleißig finden

Zu lassen. – Hm! – ich bin doch aber auch

Sehr ärgerlich. – Was hat mich denn nun so

Erbittert gegen ihn? – Er sagte ja:

3235 Noch schlüg' er mir nichts ab. Und Saladin

Hat's über sich genommen 1, ihn zu stimmen. –

Wie? sollte wirklich wohl in mir der Christ

Noch tiefer nisten, als in ihm der Jude? –

Wer kennt sich recht? Wie könnt ich ihm denn sonst

3240 Den kleinen Raub nicht gönnen wollen, den

Er sich's zu solcher Angelegenheit

Gemacht, den Christen abzujagen? – Freilich;

Kein kleiner Raub, ein solch Geschöpf! – Geschöpf?

Und wessen? – Doch des Sklaven nicht, der auf

3245 Des Lebens öden Strand den Block 2 geflößt 3,

Und sich davongemacht? Des Künstlers doch

Wohl mehr, der in dem hingeworfnen Blocke

Die göttliche Gestalt sich dachte, die

Er dargestellt? – Ach! Rechas wahrer Vater

3250 Bleibt, trotz dem Christen, der sie zeugte – bleibt

In Ewigkeit der Jude. – Wenn ich mir

Sie lediglich als Christendirne 4 denke,

Sie sonder alles 5 das mir denke, was

Allein ihr so ein Jude geben konnte: –

3255 Sprich, Herz, – was wär an ihr, das dir gefiel?

Nichts! Wenig! Selbst ihr Lächeln, wär es nichts

Als sanfte schöne Zuckung ihrer Muskeln;

Wär, was sie lächeln macht, des Reizes unwert,

In den es sich auf ihrem Munde kleidet: –

3260 Nein; selbst ihr Lächeln nicht! Ich hab es ja

Wohl schöner noch an Aberwitz 6, an Tand 7,

An Höhnerei 8, an Schmeichler und an Buhler 9,

Verschwenden sehn! – Hat's da mich auch bezaubert?

Hat's da mir auch den Wunsch entlockt, mein Leben

3265 In seinem Sonnenscheine zu verflattern? –

Ich wüsste nicht. Und bin auf den doch launisch,

Der diesen höhern Wert allein ihr gab?

Wie das? warum? – Wenn ich den Spott verdiente,

Mit dem mich Saladin entließ! Schon schlimm

3270 Genug, dass Saladin es glauben konnte!

Wie klein ich ihm da scheinen musste! wie

Verächtlich! – Und das alles um ein Mädchen? –

Curd! Curd! das geht so nicht. Lenk ein! Wenn vollends

Mir Daja nur was vorgeplaudert hätte,

3275 Was schwerlich zu erweisen stünde? – Sieh,

Da tritt er endlich, in Gespräch vertieft,

Aus seinem Hause! – Ha! mit wem! – Mit ihm?

Mit meinem Klosterbruder? – Ha! so weiß

Er sicherlich schon alles! ist wohl gar

3280 Dem Patriarchen schon verraten! – Ha!

Was hab ich Querkopf nun gestiftet! – Dass

Ein einz'ger Funken dieser Leidenschaft

Doch unsers Hirns so viel verbrennen kann! –

Geschwind entschließ dich, was nunmehr zu tun!

3285 Ich will hier seitwärts ihrer warten; – ob

Vielleicht der Klosterbruder ihn verlässt.

1 über sich genommen: auf sich genommen

2 Block: hier: massives (rohes unbearbeitetes) Material

3 geflößt: mit dem Floß transportiert

4 Christendirne: Christenmädchen (zu Lessings Zeit nicht abwertend)

5 sonder alles: ohne alles

6 Aberwitz: Torheit, Wahnsinn

7 Tand: wertloses Zeug

8 Höhnerei: Spott

9 Buhler: Liebhaber

Erläutern Sie, welche Bedeutung diese Szene für die Hinführung auf den Schluss des Dramas hat. Nehmen Sie Stellung dazu, inwiefern sich in der Gestaltung der Figur des Tempelherrn das Aufklärungsverständnis zeigt, das Lessings Drama zugrunde liegt. [30 Punkte]

Du kannst auch nach Themen lernen

Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen und dem IQB-Pool aller Jahre.

Alle 8 Themen ansehen

Andere Prüfungen und Aufgaben 2021

GK · Bächler/Kunert (2021) · GK · Haupttermin (2021) · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021) · GK · Hesse/Heine (2021) · GK · Nachtermin (2021) · GK · regulierende Eingriffe in den Gebrauch der deutschen Sprache aus Gründen der Gendergerechtigkeit (2021) · GK · Uhland: Reisen (2021) · GK · Umgang mit digital vermittelten Sprachnachrichten (2021) · LK · Deutung der Figur Mephisto (2021) · LK · Domin/Kunert (2021) · LK · Framing (2021) · LK · gesellschaftliche und sprachpraktische Auswirkungen einer genderneutralen Sprachverwendung (2021) · LK · Handke: Die linkshändige Frau (2021) · LK · Haupttermin (2021) · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021) · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021) · LK · Hesse: Der Maler (2021) · LK · Motiv der Großstadt in der Literatur der frühen Moderne am Beispiel Berlins (2021) · LK · Nachtermin (2021) · LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg (2021) · LK · Sprachkritik und Sprachpflege im aktuellen und historischen Kontext (2021) · LK · Sprachveränderungen infolge des Gebrauchs geschlechtergerechter Sprache (2021) · LK · Verwendung einer genderneutralen Sprache in Schulen (2021)