Abitur NRW Deutsch 2021 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg)

Abiturprüfung Deutsch in Nordrhein-Westfalen 2021, LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg): 6 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Interpretation lyrischer Texte · Interpretation epischer Texte · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Analyse pragmatischer Texte · Sprachreflexion und Sprachtheorien

Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte · Analyse pragmatischer Texte

Aufgabenstellung

David Friedrich Strauß

Lessing’s Nathan der Weise. Ein Vortrag

[...]

Auf die Vorwürfe einzugehen, die man gegen diesen Standpunkt Lessing’s 1 von Seiten einer

strengern – oder engern – religiösen Denkart erhebt, wäre hier nicht am Orte; lieber lassen Sie

mich über einige ästhetische Ausstellungen 2, die man an seinem Drama gemacht hat, schließ-

lich noch ein paar Worte sagen: Man hat ein Mißverhältniß darin gefunden, daß es, ursprüng-

5 lich auf den großen geschichtlichen Konflikt zwischen christlichem Fanatismus und reiner

Vernunftreligion angelegt, zuletzt auf die ordinäre Rührung eines bürgerlichen Familienstücks

auslaufe. Allerdings ist es eine Familie, die sich am Schlusse, vermöge einer jener Wieder-

kennungen, in denen schon Aristoteles eines der wirksamsten dramatischen Motive sah, aus

der Zerstreuung wieder zusammenfindet; aber was für eine Familie? Eine Familie, die ihre

10 Angehörigen bei den drei Religionen herum verzettelt hatte, und sie nun wieder sammelt, nicht

unter den Fittigen 3 einer bestimmten positiven Religion 4, sondern in den Armen der Einen

allgemeinen Religion, der Religion der Vernunft und Humanität, deren versprengte und sich

entfremdete Kinder die einzelnen Religionen sind. Durch diese gewissermaßen symbolische

Bedeutung der Personen und Schicksale in unserem Drama erledigt sich auch der Tadel, den

15 die Wendung am Schlusse erfahren hat, daß zwei Liebende sich als Geschwister erkennen,

sich folglich entsagen müssen. Dem Dichter wäre es ein Leichtes gewesen, durch eine kleine

Wendung seiner Fabel das Paar als liebendes zu beglücken, wenn er es seiner Absicht gemäß

gefunden hätte. Allein eben weil sein Absehen über alles Persönliche hinausging, durfte er es

nicht. Er muß jede sinnliche Befriedigung versagen, um desto nachdrücklicher auf die ideelle

20 hinauszuweisen, die er uns gewähren will.

Doch eben diese ideelle, gedankenhafte Haltung des Schauspiels hat man getadelt, hat mehr

Handlung und Kampf darin gewünscht. Der Patriarch, hat man gesagt, hätte müssen gegen

den Juden zum Aeußersten schreiten, der Templer in einem Augenblick furchtbarer Gefahr

als Retter Nathan’s auftreten und dadurch zugleich seine eigene Läuterung, seine Erhebung

25 aus dem Dunkel des religiösen Vorurtheils vollenden. Dieser Tadel hat viel Einleuchtendes,

ja er ist, den Nathan nur als Drama schlechtweg betrachtet, nicht zu widerlegen. Drastischer,

erschütternder wäre das Stück sicher geworden, hätte der Dichter die Kräfte, die er darin in

Bewegung setzt, ganz entfesselt in ihrer vollen Macht auf einander stoßen eine an der anderen

zerbrechen lassen, als so, wo es vom Vorsatz zur wirklichen That gar nicht kommt, das Feuer

30 schon als Funke wieder erstickt wird. Allein durch eine solche Aenderung wäre, selbst bei

glücklichem Ausgang, der ganze Charakter, die ganze Grundstimmung des Lessing’schen

Stücks alterirt 5 worden. Diese Grundstimmung ist die Selbst- und Sieges-Gewißheit der Ver-

nunft, das heitere Licht, das jede Wolke in sich verzehrt, keine sich zum verderblichen Gewit-

ter zusammenballen läßt. In dieser Stimmung erscheinen Wahn und Finsterniß schon zum

35 Voraus als besiegt; die Waffen fallen den Gegnern, indem sie sie ergreifen wollen, aus den

Händen; selbst ein Fürst der Finsterniß 6, wie der Patriarch, wird zur machtlosen, halbkomi-

schen Figur, fast wie in den kirchlichen Schauspielen des Mittelalters der wirkliche Fürst der

Finsterniß zu erscheinen pflegte. Den Kampf, können wir sagen, hatte Lessing in seinen Streit-

schriften wider Göze vorweggenommen: im Nathan, der zu diesem Kampfe das Nachspiel bil-

40 det, wollte er nur noch die Versöhnung geben, gleichsam den Triumphgesang der Vernunft

über den Wahn, des Lichtes über die Finsterniß anstimmen. Dabei mußte natürlich, wie der

Streit ein Streit um Gedanken gewesen war, so auch in dem versöhnenden Schauspiel der

Gedanke überwiegen, konnte die Handlung überhaupt nur so weit zur Entfaltung kommen,

als es zur Unterlage des idealen Elementes nöthig war. In diesem „dramatischen Gedicht“,

45 wie er den Nathan, seiner freieren Form wegen, im Unterschied von der strenger geschlos-

senen des eigentlichen Drama nannte, – in diesem dramatischen Gedicht wollte Lessing nicht

blos, wie im eigentlichen Drama geschieht, durch Mitleid und Furcht unsere Leidenschaften,

sondern zugleich durch ausdrückliche Belehrung unsere Vorstellungen reinigen: der Nathan

ist, mit Einem Wort, ein didaktisches Drama.

50 Die didaktische Poesie genießt in der neueren Aesthetik wenig Gunst, sie gilt nicht als volle,

ächte Poesie, und daher fürchtet man wohl, dem Nathan zu nahe zu treten, wenn man ihn ein

didaktisches Drama nennt. [...]

Worterklärungen

1 Standpunkt Lessing’s: einen Standpunkt des Vorrangs der Humanität vor der Religiosität

2 Ausstellungen: hier: Ausarbeitungen

3 Fittige: jemanden unter seine Fittiche nehmen: sich um ihn kümmern, ihm Schutz gewähren

4 Positive Religion: (im Gegensatz zu einer konstruierten Vernunftreligion) gegebene, wirklich existierende Religion

5 alterirt: verändert

6 Fürst der Finsterniß: Teufel

Anmerkungen zum Autor

David Friedrich Strauß (1808 – 1874) war ein deutscher Philosoph, Schriftsteller und Theologe, der vor allem durch seine religionskritischen Schriften große Aufmerksamkeit erhielt.

1.

Analysieren Sie den vorliegenden Auszug aus dem Vortrag von David Friedrich Strauß über Lessings „Nathan“. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang außerdem, mit welchen Strategien das Publikum gelenkt wird und welchen Deutungsansatz der Autor verfolgt. (36 Punkte)

Aufgabe 1 - Literarische Erörterung und Pflichtle… · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre

Aufgabenstellung

David Friedrich Strauß

Lessing’s Nathan der Weise. Ein Vortrag

[...]

Auf die Vorwürfe einzugehen, die man gegen diesen Standpunkt Lessing’s 1 von Seiten einer

strengern – oder engern – religiösen Denkart erhebt, wäre hier nicht am Orte; lieber lassen Sie

mich über einige ästhetische Ausstellungen 2, die man an seinem Drama gemacht hat, schließ-

lich noch ein paar Worte sagen: Man hat ein Mißverhältniß darin gefunden, daß es, ursprüng-

5 lich auf den großen geschichtlichen Konflikt zwischen christlichem Fanatismus und reiner

Vernunftreligion angelegt, zuletzt auf die ordinäre Rührung eines bürgerlichen Familienstücks

auslaufe. Allerdings ist es eine Familie, die sich am Schlusse, vermöge einer jener Wieder-

kennungen, in denen schon Aristoteles eines der wirksamsten dramatischen Motive sah, aus

der Zerstreuung wieder zusammenfindet; aber was für eine Familie? Eine Familie, die ihre

10 Angehörigen bei den drei Religionen herum verzettelt hatte, und sie nun wieder sammelt, nicht

unter den Fittigen 3 einer bestimmten positiven Religion 4, sondern in den Armen der Einen

allgemeinen Religion, der Religion der Vernunft und Humanität, deren versprengte und sich

entfremdete Kinder die einzelnen Religionen sind. Durch diese gewissermaßen symbolische

Bedeutung der Personen und Schicksale in unserem Drama erledigt sich auch der Tadel, den

15 die Wendung am Schlusse erfahren hat, daß zwei Liebende sich als Geschwister erkennen,

sich folglich entsagen müssen. Dem Dichter wäre es ein Leichtes gewesen, durch eine kleine

Wendung seiner Fabel das Paar als liebendes zu beglücken, wenn er es seiner Absicht gemäß

gefunden hätte. Allein eben weil sein Absehen über alles Persönliche hinausging, durfte er es

nicht. Er muß jede sinnliche Befriedigung versagen, um desto nachdrücklicher auf die ideelle

20 hinauszuweisen, die er uns gewähren will.

Doch eben diese ideelle, gedankenhafte Haltung des Schauspiels hat man getadelt, hat mehr

Handlung und Kampf darin gewünscht. Der Patriarch, hat man gesagt, hätte müssen gegen

den Juden zum Aeußersten schreiten, der Templer in einem Augenblick furchtbarer Gefahr

als Retter Nathan’s auftreten und dadurch zugleich seine eigene Läuterung, seine Erhebung

25 aus dem Dunkel des religiösen Vorurtheils vollenden. Dieser Tadel hat viel Einleuchtendes,

ja er ist, den Nathan nur als Drama schlechtweg betrachtet, nicht zu widerlegen. Drastischer,

erschütternder wäre das Stück sicher geworden, hätte der Dichter die Kräfte, die er darin in

Bewegung setzt, ganz entfesselt in ihrer vollen Macht auf einander stoßen eine an der anderen

zerbrechen lassen, als so, wo es vom Vorsatz zur wirklichen That gar nicht kommt, das Feuer

30 schon als Funke wieder erstickt wird. Allein durch eine solche Aenderung wäre, selbst bei

glücklichem Ausgang, der ganze Charakter, die ganze Grundstimmung des Lessing’schen

Stücks alterirt 5 worden. Diese Grundstimmung ist die Selbst- und Sieges-Gewißheit der Ver-

nunft, das heitere Licht, das jede Wolke in sich verzehrt, keine sich zum verderblichen Gewit-

ter zusammenballen läßt. In dieser Stimmung erscheinen Wahn und Finsterniß schon zum

35 Voraus als besiegt; die Waffen fallen den Gegnern, indem sie sie ergreifen wollen, aus den

Händen; selbst ein Fürst der Finsterniß 6, wie der Patriarch, wird zur machtlosen, halbkomi-

schen Figur, fast wie in den kirchlichen Schauspielen des Mittelalters der wirkliche Fürst der

Finsterniß zu erscheinen pflegte. Den Kampf, können wir sagen, hatte Lessing in seinen Streit-

schriften wider Göze vorweggenommen: im Nathan, der zu diesem Kampfe das Nachspiel bil-

40 det, wollte er nur noch die Versöhnung geben, gleichsam den Triumphgesang der Vernunft

über den Wahn, des Lichtes über die Finsterniß anstimmen. Dabei mußte natürlich, wie der

Streit ein Streit um Gedanken gewesen war, so auch in dem versöhnenden Schauspiel der

Gedanke überwiegen, konnte die Handlung überhaupt nur so weit zur Entfaltung kommen,

als es zur Unterlage des idealen Elementes nöthig war. In diesem „dramatischen Gedicht“,

45 wie er den Nathan, seiner freieren Form wegen, im Unterschied von der strenger geschlos-

senen des eigentlichen Drama nannte, – in diesem dramatischen Gedicht wollte Lessing nicht

blos, wie im eigentlichen Drama geschieht, durch Mitleid und Furcht unsere Leidenschaften,

sondern zugleich durch ausdrückliche Belehrung unsere Vorstellungen reinigen: der Nathan

ist, mit Einem Wort, ein didaktisches Drama.

50 Die didaktische Poesie genießt in der neueren Aesthetik wenig Gunst, sie gilt nicht als volle,

ächte Poesie, und daher fürchtet man wohl, dem Nathan zu nahe zu treten, wenn man ihn ein

didaktisches Drama nennt. [...]

Worterklärungen

1 Standpunkt Lessing’s: einen Standpunkt des Vorrangs der Humanität vor der Religiosität

2 Ausstellungen: hier: Ausarbeitungen

3 Fittige: jemanden unter seine Fittiche nehmen: sich um ihn kümmern, ihm Schutz gewähren

4 Positive Religion: (im Gegensatz zu einer konstruierten Vernunftreligion) gegebene, wirklich existierende Religion

5 alterirt: verändert

6 Fürst der Finsterniß: Teufel

Anmerkungen zum Autor

David Friedrich Strauß (1808 – 1874) war ein deutscher Philosoph, Schriftsteller und Theologe, der vor allem durch seine religionskritischen Schriften große Aufmerksamkeit erhielt.

2.

Stellen Sie in knapper Form die zentralen Gedanken dar, mit denen Strauß den Schluss von Lessings „Nathan“ verteidigt, und beurteilen Sie, wie tragfähig diese sind. Nehmen Sie zum Schluss abwägend dazu Stellung, ob Strauß’ Aussage, der „Nathan“ reinige unsere Vorstellungen (vgl. Z. 48), auch für die heutige Wirkung von Lessings Drama eine passende Beschreibung sein kann. (36 Punkte)

Aufgabe 2 - Analyse pragmatischer Texte · Analyse pragmatischer Texte

Heinrich Böll

Die Sprache als Hort der Freiheit (1959)

Rede, gehalten anläßlich der Entgegennahme des Eduard-von-der-Heydt-Preises der Stadt Wuppertal am 24.1.1959

Die Ehrung, die mir heute durch die Stadt Wuppertal zuteil wird, zitiert den freudig Betroffe-

nen vor die einzige Instanz, die entscheiden könnte, ob die Ehre angemessen sei: das Gewis-

sen. [...]

Wer mit Worten Umgang pflegt, auf eine leidenschaftliche Weise, wie ich es von mir beken-

5 nen möchte, wird, je länger er diesen Umgang pflegt, immer nachdenklicher, weil nichts ihn

von der Erkenntnis rettet, welch gespaltene Wesen Worte in unserer Welt sind. Kaum aus-

gesprochen oder hingeschrieben, verwandeln sie sich und laden dem, der sie aussprach oder

schrieb, eine Verantwortung auf, deren volle Last er nur selten tragen kann: wer das Wort

Brot hinschreibt oder ausspricht, weiß nicht, was er damit angerichtet, Kriege sind um dieses

10 Wortes willen geführt worden, Morde geschehen, es trägt eine gewaltige Erbschaft auf sich,

und wer es hinschreibt, sollte wissen, welche Erbschaft es trägt und welcher Verwandlungen

es fähig ist. Würden wir uns, dieser Erbschaft, die auf jedem Wort ruht, bewußt, unsere Wör-

terbücher vornehmen, diesen Katalog unseres Reichtums studieren, wir würden entdecken,

daß hinter jedem Wort eine Welt steht, und wer mit Worten umgeht, wie es jeder tut, der eine

15 Zeitungsnachricht verfaßt oder eine Gedichtzeile zu Papier bringt, sollte wissen, daß er Welten

in Bewegung setzt, gespaltene Wesen losläßt: was den einen trösten mag, kann den anderen

zu Tode verletzen.

Es ist kein Zufall, daß immer da, wo der Geist als eine Gefahr angesehen wird, als erstes

die Bücher verboten, die Zeitungen und Zeitschriften, Rundfunkmeldungen einer strengen

20 Zensur ausgeliefert werden; zwischen zwei Zeilen, auf dieser winzigen weißen Schußlinie des

Druckers, kann man Dynamit genug anhäufen, um Welten in die Luft zu sprengen. In allen

Staaten, in denen Terror herrscht, ist das Wort fast noch mehr gefürchtet als bewaffneter Wider-

stand, und oft ist das letzte die Folge des ersten. Die Sprache kann der letzte Hort der Freiheit

sein. Wir wissen, daß ein Gespräch, daß ein heimlich weitergereichtes Gedicht kostbarer wer-

25 den kann als Brot, nach dem in allen Revolutionen die Aufständischen geschrien haben.

So wird Ihnen vielleicht verständlich, daß ich hier, als freier Bürger von dieser freien Stadt

geehrt als einer, der mit Worten umgeht, eine Instanz zitierte, die mit Kunst anscheinend nichts

zu tun hat: das Gewissen, nicht das künstlerische Gewissen [...], sondern das Gewissen des

Menschen als gesellschaftlichen Wesens. Worte wirken, wir wissen es, haben es am eigenen

30 Leib erfahren, Worte können Krieg vorbereiten, ihn herbeiführen, nicht immer sind es Worte,

die Frieden stiften. Das Wort, dem gewissenlosen Demagogen ausgeliefert, dem puren Takti-

ker, dem Opportunisten, es kann zur Todesursache für Millionen werden, die meinungsbilden-

den Maschinen können es ausspucken wie ein Maschinengewehr seine Geschosse: vierhun-

dert, sechshundert, achthundert in der Minute; eine beliebig zu klassifizierende Gruppe von

35 Mitbürgern kann durch Worte dem Verderben ausgeliefert werden. Ich brauche nur ein Wort

zu nennen: Jude. Es kann morgen ein anderes sein: das Wort Atheist oder das Wort Christ

oder das Wort Kommunist, das Wort Konformist oder Nonkonformist. Der Spruch: Wenn

Worte töten könnten, ist längst aus dem Irrealis in den Indikativ geholt worden: Worte können

töten, und es ist einzig und allein eine Gewissensfrage, ob man die Sprache in Bereiche ent-

40 gleiten läßt, wo sie mörderisch wird. [...]

Es mag Ihnen merkwürdig erscheinen, daß einer, der sich als leidenschaftlicher Liebhaber

der Sprache bekannt hat, hier eine Rede hält, die nur düstere politische Prognosen zu enthalten

scheint, aus Vergangenheit und Gegenwart Worte auswählt, die tödlich gewirkt haben oder

tödlich wirken können, die Zukunft aus Worten beschwört; aber der politische Akzent solcher

45 Beschwörungen und Erinnerungen, das Mahnende und Drohende, kommt aus dem Wissen,

daß Politik mit Worten gemacht wird, daß es Worte sind, die den Menschen zum Gegenstand

der Politik machen und ihn Geschichte erleiden lassen, Worte, die geredet, gedruckt werden,

und es kommt aus dem Wissen, daß Meinungsbildung, Stimmungsmache sich immer des Wor-

tes bedienen. Die Maschinen sind da: Presse, Rundfunk, Fernsehen, von freien Menschen be-

50 dient, bieten sie uns Harmloses an, beschränken sich aufs Kommerzielle, Werbung, Unterhal-

tung – aber nur eine geringe Drehung am Schalter der Macht, und wir würden erkennen, daß

die Harmlosigkeit der Maschinen nur eine scheinbare ist. Sie preisen uns heute ein Waschmit-

tel an oder eine Zigarette, was würde geschehen, wenn sie mit gleicher Intensität uns Atheisten

oder Christen, Konformisten oder Kommunisten anbieten oder uns einhämmern würden [...]?

Anmerkungen zum Autor:

Heinrich Böll wurde 1917 in Köln geboren und starb 1985 in Kreuzau-Langenbroich. Er zählt zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern der Nachkriegszeit und wurde 1972 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Als Jugendlicher und junger Erwachsener erlebte er die Schrecken der NS-Zeit und des Krieges.

Weitere Anmerkungen:

Eduard-von-der-Heydt-Preis: Der Kulturpreis der Stadt Wuppertal wird an Künstlerinnen und Künstler in Anerkennung ihres Lebenswerks vergeben.

Aufgabenstellung

1.

Analysieren Sie den abgedruckten Auszug „Die Sprache als Hort der Freiheit“ von Heinrich Böll. (38 Punkte)

Aufgabe 2 - Sprachreflexion und Sprachtheorien · Sprachreflexion und Sprachtheorien

Heinrich Böll

Die Sprache als Hort der Freiheit (1959)

Rede, gehalten anläßlich der Entgegennahme des Eduard-von-der-Heydt-Preises der Stadt Wuppertal am 24.1.1959

Die Ehrung, die mir heute durch die Stadt Wuppertal zuteil wird, zitiert den freudig Betroffe-

nen vor die einzige Instanz, die entscheiden könnte, ob die Ehre angemessen sei: das Gewis-

sen. [...]

Wer mit Worten Umgang pflegt, auf eine leidenschaftliche Weise, wie ich es von mir beken-

5 nen möchte, wird, je länger er diesen Umgang pflegt, immer nachdenklicher, weil nichts ihn

von der Erkenntnis rettet, welch gespaltene Wesen Worte in unserer Welt sind. Kaum aus-

gesprochen oder hingeschrieben, verwandeln sie sich und laden dem, der sie aussprach oder

schrieb, eine Verantwortung auf, deren volle Last er nur selten tragen kann: wer das Wort

Brot hinschreibt oder ausspricht, weiß nicht, was er damit angerichtet, Kriege sind um dieses

10 Wortes willen geführt worden, Morde geschehen, es trägt eine gewaltige Erbschaft auf sich,

und wer es hinschreibt, sollte wissen, welche Erbschaft es trägt und welcher Verwandlungen

es fähig ist. Würden wir uns, dieser Erbschaft, die auf jedem Wort ruht, bewußt, unsere Wör-

terbücher vornehmen, diesen Katalog unseres Reichtums studieren, wir würden entdecken,

daß hinter jedem Wort eine Welt steht, und wer mit Worten umgeht, wie es jeder tut, der eine

15 Zeitungsnachricht verfaßt oder eine Gedichtzeile zu Papier bringt, sollte wissen, daß er Welten

in Bewegung setzt, gespaltene Wesen losläßt: was den einen trösten mag, kann den anderen

zu Tode verletzen.

Es ist kein Zufall, daß immer da, wo der Geist als eine Gefahr angesehen wird, als erstes

die Bücher verboten, die Zeitungen und Zeitschriften, Rundfunkmeldungen einer strengen

20 Zensur ausgeliefert werden; zwischen zwei Zeilen, auf dieser winzigen weißen Schußlinie des

Druckers, kann man Dynamit genug anhäufen, um Welten in die Luft zu sprengen. In allen

Staaten, in denen Terror herrscht, ist das Wort fast noch mehr gefürchtet als bewaffneter Wider-

stand, und oft ist das letzte die Folge des ersten. Die Sprache kann der letzte Hort der Freiheit

sein. Wir wissen, daß ein Gespräch, daß ein heimlich weitergereichtes Gedicht kostbarer wer-

25 den kann als Brot, nach dem in allen Revolutionen die Aufständischen geschrien haben.

So wird Ihnen vielleicht verständlich, daß ich hier, als freier Bürger von dieser freien Stadt

geehrt als einer, der mit Worten umgeht, eine Instanz zitierte, die mit Kunst anscheinend nichts

zu tun hat: das Gewissen, nicht das künstlerische Gewissen [...], sondern das Gewissen des

Menschen als gesellschaftlichen Wesens. Worte wirken, wir wissen es, haben es am eigenen

30 Leib erfahren, Worte können Krieg vorbereiten, ihn herbeiführen, nicht immer sind es Worte,

die Frieden stiften. Das Wort, dem gewissenlosen Demagogen ausgeliefert, dem puren Takti-

ker, dem Opportunisten, es kann zur Todesursache für Millionen werden, die meinungsbilden-

den Maschinen können es ausspucken wie ein Maschinengewehr seine Geschosse: vierhun-

dert, sechshundert, achthundert in der Minute; eine beliebig zu klassifizierende Gruppe von

35 Mitbürgern kann durch Worte dem Verderben ausgeliefert werden. Ich brauche nur ein Wort

zu nennen: Jude. Es kann morgen ein anderes sein: das Wort Atheist oder das Wort Christ

oder das Wort Kommunist, das Wort Konformist oder Nonkonformist. Der Spruch: Wenn

Worte töten könnten, ist längst aus dem Irrealis in den Indikativ geholt worden: Worte können

töten, und es ist einzig und allein eine Gewissensfrage, ob man die Sprache in Bereiche ent-

40 gleiten läßt, wo sie mörderisch wird. [...]

Es mag Ihnen merkwürdig erscheinen, daß einer, der sich als leidenschaftlicher Liebhaber

der Sprache bekannt hat, hier eine Rede hält, die nur düstere politische Prognosen zu enthalten

scheint, aus Vergangenheit und Gegenwart Worte auswählt, die tödlich gewirkt haben oder

tödlich wirken können, die Zukunft aus Worten beschwört; aber der politische Akzent solcher

45 Beschwörungen und Erinnerungen, das Mahnende und Drohende, kommt aus dem Wissen,

daß Politik mit Worten gemacht wird, daß es Worte sind, die den Menschen zum Gegenstand

der Politik machen und ihn Geschichte erleiden lassen, Worte, die geredet, gedruckt werden,

und es kommt aus dem Wissen, daß Meinungsbildung, Stimmungsmache sich immer des Wor-

tes bedienen. Die Maschinen sind da: Presse, Rundfunk, Fernsehen, von freien Menschen be-

50 dient, bieten sie uns Harmloses an, beschränken sich aufs Kommerzielle, Werbung, Unterhal-

tung – aber nur eine geringe Drehung am Schalter der Macht, und wir würden erkennen, daß

die Harmlosigkeit der Maschinen nur eine scheinbare ist. Sie preisen uns heute ein Waschmit-

tel an oder eine Zigarette, was würde geschehen, wenn sie mit gleicher Intensität uns Atheisten

oder Christen, Konformisten oder Kommunisten anbieten oder uns einhämmern würden [...]?

Anmerkungen zum Autor:

Heinrich Böll wurde 1917 in Köln geboren und starb 1985 in Kreuzau-Langenbroich. Er zählt zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern der Nachkriegszeit und wurde 1972 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Als Jugendlicher und junger Erwachsener erlebte er die Schrecken der NS-Zeit und des Krieges.

Weitere Anmerkungen:

Eduard-von-der-Heydt-Preis: Der Kulturpreis der Stadt Wuppertal wird an Künstlerinnen und Künstler in Anerkennung ihres Lebenswerks vergeben.

Aufgabenstellung

2.

Stellen Sie die Grundzüge der Theorie von Edward Sapir und Benjamin Whorf über den Zusammenhang von Sprache, Denken und Wirklichkeit dar und vergleichen Sie diese mit den Überlegungen von Heinrich Böll. Beziehen Sie dabei ebenfalls ein, wie beide Seiten jeweils methodisch an die Frage nach dem Zusammenhang von Sprache, Denken und Wirklichkeit herangehen. (34 Punkte)

Aufgabe 3 · Interpretation lyrischer Texte

Abiturprüfung 2021 – Deutsch, Leistungskurs

Aufgabenart: Vergleichende Analyse literarischer Texte

Aufgabenstellung:

1.

Analysieren Sie das Gedicht „Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen“ von Max Herrmann-Neiße. (34 Punkte)

2.

Untersuchen Sie das Gedicht „Lebensfahrt“ von Heinrich Heine hinsichtlich seines Inhalts und seiner sprachlichen Gestaltung. Vergleichen Sie es danach mit dem Gedicht von Max Herrmann-Neiße unter dem Aspekt, wie sich beide literarisch mit Heimatverlust und Exil auseinandersetzen. (38 Punkte)

Textgrundlage 1

Max Herrmann-Neiße

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen (1936)

1 Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,

die Heimat klang in meiner Melodie,

ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,

das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.

5 Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,

sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,

so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,

der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.

9 In ferner Fremde mal ich ihre Züge

10 zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,

die Abendgiebel und die Schwalbenflüge

und alles Glück, was einst mir dort geschah.

13 Doch hier wird niemand meine Verse lesen,

ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;

15 ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,

jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.

Anmerkungen zum Autor:

Max Herrmann-Neiße, geboren 1886 in Neiße, war ein deutscher Schriftsteller. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 floh er über Umwege nach England. Er starb 1941 im Londoner Exil.

Textgrundlage 2

Heinrich Heine

Lebensfahrt (1843)

1 Ein Lachen und Singen! Es blitzen und gaukeln 1

Die Sonnenlichter. Die Wellen schaukeln

Den lustigen Kahn. Ich saß darin

Mit lieben Freunden und leichtem Sinn.

5 Der Kahn zerbrach in eitel Trümmer,

Die Freunde waren schlechte Schwimmer,

Sie gingen unter, im Vaterland;

Mich warf der Sturm an den Seinestrand 2.

9 Ich hab ein neues Schiff bestiegen,

10 Mit neuen Genossen 3; es wogen und wiegen

Die fremden Fluten mich hin und her –

Wie fern die Heimat! mein Herz wie schwer!

13 Und das ist wieder ein Singen und Lachen –

Es pfeift der Wind, die Planken krachen –

15 Am Himmel erlischt der letzte Stern –

Wie schwer mein Herz! die Heimat wie fern!

Worterklärungen und Anmerkungen zum Autor:

1 gaukeln: leicht schaukeln

2 Seinestrand: Paris liegt an der Seine

3 Genosse: Kamerad, politischer Freund

Heinrich Heine, geboren 1797 in Düsseldorf, war einer der bedeutendsten deutschen Dichter des 19. Jahrhunderts. Die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte der politisch engagierte Autor in Frankreich im Pariser Exil. Er lebte dort von 1831 bis zu seinem Tod 1856.

1.

2.

Aufgabe 4 · Interpretation epischer Texte

Schreiben Sie Ihre Antwort in zusammenhängenden Sätzen auf. Diese Aufgabe ist offen gestellt und kann nicht automatisch ausgewertet werden; Ihre Lösung wird mit der Musterlösung abgeglichen.

Teilaufgabe 1

Analysieren Sie den abgedruckten Textauszug aus dem Roman "Effi Briest" von Theodor Fontane. [36 Punkte]

Theodor Fontane: Effi Briest (1894/95; Kapitel 30 f.)

Effi ist eine Tochter aus adeligem Hause. Sehr jung geht sie die standesgemäß arrangierte Ehe mit dem viel älteren Baron Innstetten ein und zieht mit ihm vom elterlichen Gut Hohen-Cremmen in die (ereignislose) Provinz. Beide bekommen ein Kind, Effi jedoch vereinsamt in der fremden Umgebung und aufgrund langer Abwesenheiten ihres Ehemannes. Sie beginnt eine kurze Affäre, von der nach dem Umzug der Familie nach Berlin nur eine Anzahl Briefe zurückbleibt. Diese Briefe findet Jahre später während eines Kuraufenthalts Effis ihr Ehemann, tötet den vormaligen Liebhaber im Duell und sagt sich von ihr los. Der folgende Textauszug gibt den Brief der Eltern wieder, den Effi in dieser Situation erhält.

1 Effi hörte nicht hin; sie drehte den ihrerseits empfangenen Brief zwischen den Fingern und

hatte eine ihr unerklärliche Scheu, ihn zu öffnen. Eingeschrieben und mit zwei großen Siegeln

gesiegelt und ein dickes Kuvert. Was bedeutete das? Poststempel: „Hohen-Cremmen", und die

Adresse von der Handschrift der Mutter. Von Innstetten, es war der fünfte Tag, keine

5 Zeile.

Sie nahm eine Stickschere mit Perlmuttgriff und schnitt die Längsseite des Briefes langsam

auf. Und nun harrte ihrer eine neue Überraschung. Der Briefbogen, ja, das waren eng-

geschriebene Zeilen von der Mama, darin eingelegt aber waren Geldscheine mit einem breiten

Papierstreifen drum herum, auf dem mit Rotstift, und zwar von des Vaters Hand, der Betrag

10 der eingelegten Summe verzeichnet war. Sie schob das Konvolut 1 zurück und begann zu lesen,

während sie sich in den Schaukelstuhl zurücklehnte. Aber sie kam nicht weiter, die Zeilen

entfielen ihr, und aus ihrem Gesicht war alles Blut fort. Dann bückte sie sich und nahm den

Brief wieder auf. [...]

Und nun erhob sie sich und trat in den Salon zurück, wo sie sichtlich froh war, einen Halt

15 gewinnen und sich an dem Polysanderflügel 2 entlangfühlen zu können. So kam sie bis an ihr

nach rechts hin gelegenes Zimmer, und als sie hier, tappend und suchend, die Tür geöffnet

und das Bett an der Wand gegenüber erreicht hatte, brach sie ohnmächtig zusammen.

[Kapitelgrenze: EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL]

Minuten vergingen. Als Effi sich wieder erholt hatte, setzte sie sich auf einen am Fenster ste-

20 henden Stuhl und sah auf die stille Straße hinaus. Wenn da doch Lärm und Streit gewesen

wäre; aber nur der Sonnenschein lag auf dem chaussierten 3 Wege und dazwischen die Schatten,

die das Gitter und die Bäume warfen. Das Gefühl des Alleinseins in der Welt überkam

sie mit seiner ganzen Schwere. Vor einer Stunde noch eine glückliche Frau, Liebling aller,

24 die sie kannten, und nun ausgestoßen. Wohin? Sie hatte keine Antwort darauf [...].

25 Auf dem Tisch vor ihr lag der Brief; aber ihr fehlte der Mut, weiterzulesen. Endlich sagte

sie: „Wovor bange ich mich noch? Was kann noch gesagt werden, das ich mir nicht schon

selber sagte? Der, um den all dies kam, ist tot, eine Rückkehr in mein Haus gibt es nicht, in

ein paar Wochen wird die Scheidung ausgesprochen sein, und das Kind wird man dem Vater

29 lassen. Natürlich. Ich bin schuldig, und eine Schuldige kann ihr Kind nicht erziehen. Und wo-

30 von auch? Mich selbst werde ich wohl durchbringen. Ich will sehen, was die Mama darüber

schreibt, wie sie sich mein Leben denkt."

Und unter diesen Worten nahm sie den Brief wieder, um auch den Schluß zu lesen.

„... Und nun Deine Zukunft, meine liebe Effi. Du wirst Dich auf Dich selbst stellen müssen

35 und darfst dabei, soweit äußere Mittel mitsprechen, unserer Unterstützung sicher sein. Du wirst

am besten in Berlin leben (in einer großen Stadt vertut sich 4 dergleichen am besten) und wirst

da zu den vielen gehören, die sich um freie Luft und lichte Sonne gebracht haben. Du wirst

einsam leben, und wenn Du das nicht willst, wahrscheinlich aus Deiner Sphäre 5 herabsteigen

müssen. Die Welt, in der Du gelebt hast, wird Dir verschlossen sein. Und was das Traurigste

40 für uns und für Dich ist (auch für Dich, wie wir Dich zu kennen vermeinen) – auch das elterli-

che Haus wird Dir verschlossen sein; wir können Dir keinen stillen Platz in Hohen-Cremmen

anbieten, keine Zuflucht in unserem Hause, denn es hieße, dies Haus von aller Welt ab-

schließen, und das zu tun, sind wir entschieden nicht geneigt. Nicht weil wir zu sehr an der

Welt hingen und ein Abschiednehmen von dem, was sich,Gesellschaft' nennt, uns als etwas

45 unbedingt Unerträgliches erschiene; nein, nicht deshalb, sondern einfach, weil wir Farbe be-

kennen und vor aller Welt, ich kann Dir das Wort nicht ersparen, unsere Verurteilung Deines

Tuns, des Tuns unsres einzigen und von uns so sehr geliebten Kindes, aussprechen wollen

…"

Effi konnte nicht weiterlesen; ihre Augen füllten sich mit Tränen, und nachdem sie vergeb-

50 lich dagegen angekämpft hatte, brach sie zuletzt in ein heftiges Schluchzen und Weinen aus,

darin sich ihr Herz erleichterte.

1 Konvolut: Bündel von Schriftstücken, hier: Bündel mit Geldscheinen

2 Polysanderflügel: konzerttaugliches Klavier aus Tropenholz (Palisander)

3 chaussiert: als befestigte Landstraße (franz. Chaussee) ausgebaut

4 vertut sich: hier im Sinne von: untergehen, unauffällig werden

5 Sphäre: hier im Sinne von: gesellschaftliches Umfeld

Teilaufgabe 2

Untersuchen Sie den Textausschnitt aus Kleists Erzählung "Die Marquise von O…." hinsichtlich des Verhaltens der Protagonistin. Vergleichen Sie die beiden Frauenfiguren Effi und die Marquise von O…. in ihrer jeweiligen Lage. Beziehen Sie dabei ein, wie die jeweiligen Briefe erzählerisch eingebunden sind. [36 Punkte]

Heinrich von Kleist: Die Marquise von O….

1 Kaum war die Hebamme aus dem Zimmer, als ihr ein Schreiben von der Mutter gebracht

ward, in welchem diese sich so ausließ: „Herr von G… wünsche, unter den obwaltenden

Umständen, daß sie sein Haus verlasse. Er sende ihr hierbei die über ihr Vermögen lautenden

Papiere, und hoffe daß ihm Gott den Jammer ersparen werde, sie wieder zu sehen." – Der Brief

5 war inzwischen von Tränen benetzt; und in einem Winkel stand ein verwischtes Wort: dik-

tiert. – Der Marquise stürzte der Schmerz aus den Augen. Sie ging, heftig über den Irrtum

ihrer Eltern weinend, und über die Ungerechtigkeit, zu welcher diese vortrefflichen Menschen

verführt wurden, nach den Gemächern ihrer Mutter. Es hieß, sie sei bei ihrem Vater; sie wankte

nach den Gemächern ihres Vaters. Sie sank, als sie die Türe verschlossen fand, mit jammern-

10 der Stimme, alle Heiligen zu Zeugen ihrer Unschuld anrufend, vor derselben nieder. Sie

mochte wohl schon einige Minuten hier gelegen haben, als der Forstmeister daraus hervor-

trat, und zu ihr mit flammendem Gesicht sagte: sie höre daß der Kommandant sie nicht sehen

wolle. Die Marquise rief: mein liebster Bruder! Unter vielem Schluchzen; drängte sich ins

Zimmer, und rief: mein teuerster Vater! streckte die Arme nach ihm aus. Der Kommandant

15 wandte ihr, bei ihrem Anblick, den Rücken zu, und eilte in sein Schlafgemach. Er rief, als

sie ihn dahin verfolgte, hinweg! und wollte die Türe zuwerfen; doch da sie, unter Jammern

und Flehen, daß er sie schließe, verhinderte, so gab er plötzlich nach und eilte, während die

Marquise zu ihm hineintrat, nach der hintern Wand. Sie warf sich ihm, der ihr den Rücken

zugekehrt hatte, eben zu Füßen, und umfaßte zitternd seine Kniee, als ein Pistol, das er ergriffen

20 hatte, in dem Augenblick, da er es von der Wand herabriß, losging, und der Schuß schmet-

ternd in die Decke fuhr. Herr meines Lebens! rief die Marquise, erhob sich leichenblaß

von ihren Knieen, und eilte aus seinen Gemächern wieder hinweg. Man soll sogleich anspannen,

sagte sie, indem sie in die ihrigen trat; setzte sich, matt bis in den Tod, auf einen Sessel nie-

der, und ließ die Sachen einpacken. Sie hatte eben ihr Kleinstes

25 zwischen den Knieen, und schlug ihm noch ein Tuch um, um nunmehr, da alles zur Abreise

bereit war, in den Wagen zu steigen: als der Forstmeister eintrat, und auf Befehl des Komman-

danten die Zurücklassung und Überlieferung der Kinder von ihr forderte. Dieser Kinder?

fragte sie; und stand auf. Sag deinem unmenschlichen Vater, daß er kommen, und mich nie-

derschießen, nicht aber mir meine Kinder entreißen könne! Und hob, mit dem ganzen Stolz

30 der Unschuld gerüstet, ihre Kinder auf, trug sie ohne daß der Bruder gewagt hätte, sie anzu-

halten, in den Wagen, und fuhr ab.

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