Abitur NRW Deutsch 2023 · GK · Nachtermin

Abiturprüfung Deutsch in Nordrhein-Westfalen 2023, GK · Nachtermin: 5 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Interpretation lyrischer Texte. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Interpretation lyrischer Texte · Interpretation epischer Texte · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Materialgestütztes Verfassen von Texten

Aufgabe 1 · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre

Abiturprüfung 2023 · Deutsch, Grundkurs

Aufgabenstellung:

1.

Analysieren Sie den vorliegenden Textauszug daraufhin, welche Rolle die Schauplätze für den Verlauf der dramatischen Handlung spielen. [37 Punkte]

2.

Stellen Sie knapp dar, welche Stellung der Tempelherr im Handlungsgefüge des Dramas einnimmt. Erschließen Sie unter Berücksichtigung der Ausführungen von Pütz anhand der Gespräche „unter den Palmen“, welche besondere Bedeutung dieser Ort für das Dramengeschehen und für die Gestaltung der Figur des Tempelherrn hat. [35 Punkte]

Materialgrundlage

Peter Pütz: Die Leistung der Form. Lessings Dramen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986, S. 261 – 265. Die Seitenzahlen im Text beziehen sich auf den zweiten Band der Lessing-Werkausgabe von Herbert G. Göpfert, München: Hanser 1971.

Peter Pütz

Die Leistung der Form (1986)

Eng verknüpft mit der strukturellen Zuordnung von Szenen und ebenso formkonstitutiv für die dramatische Darstellung ist der räumliche Wechsel der Auftritte. Wir verfolgen ihn zunächst im Nacheinander der Aufzüge, um dann in einem Überblick zu resümieren. Der erste Akt beginnt in Nathans Haus und zeigt in den beiden Eingangsszenen nur die drei Bewohner, deren Gespräche allerdings schon Hinweise auf andere Personenkreise (Tempelherr, Saladin) enthalten. In der dritten Szene betritt dann mit dem Derwisch ein Angehöriger des noch fremden Kreises Nathans Haus. In der fünften und sechsten Szene wechselt der Schauplatz unter die Palmen […]. Hier unter den Palmen meldet sich zum erstenmal neben Nathans Haus und dem Sultanspalast ein dritter handlungstragender Personenkreis: der des Patriarchen in Gestalt des Klosterbruders. Somit verknüpft der erste Akt bereits alle drei Religionen durch den Auftritt ihrer Angehörigen, wobei ganz im Stile der expositorischen Diener- und Botenszenen außer Nathan noch keine Hauptvertreter der Kreise (Saladin, der Patriarch), sondern erst deren Abgesandte (Derwisch, Klosterbruder) in Erscheinung treten. […]

Im ersten Akt treten zwar mit dem Derwisch und dem Klosterbruder Angehörige zweier politischer Machtzentren auf; ansonsten aber konzentriert er sich anfangs auf die Privatsphäre des ersten dramatischen Zentrums: auf Nathans Heimkehr, seine Beziehung zu Recha, deren Gläubigkeit und Verlangen, ihren Retter wiederzusehen, auf Dajas Gewissens- und des Sultans Geldnot, und lediglich der Klosterbruder lenkt den Blick auf übergreifende politische Zusammenhänge. Diese beherrschen dann ganz den Beginn des zweiten Aktes, der sie von höherer Warte aus, nämlich im Sultanspalast, vorstellt. Nunmehr überwiegt das Öffentliche das Private oder besser: Das Private ist zugleich auch immer das Öffentliche; denn wenn von vorerst gescheiterten Heiratsplänen Saladins und Sittahs die Rede ist, dann handelt es sich dabei um hochpolitische Angelegenheiten. […]

Der erste Akt beginnt in Nathans Haus und endet unter Palmen; der zweite beginnt in dem anderen Zentrum, im Sultanspalast, und endet ebenfalls unter Palmen. Der dritte Akt wiederholt die Reihenfolge der Schauplätze aus den beiden ersten Aufzügen, spielt also erst in Nathans Haus, dann im Palast und endet wieder unter Palmen. Im Zentrum aller drei Akte steht eine Belehrungs- und Bekehrungshandlung durch Nathan an Recha, dem Tempelherrn und Saladin. Es handelt sich um Vertreter aller drei Religionen (Ringe), und die Steigerung der strukturell einander zugeordneten Szenen liegt sowohl im ansteigenden sozialen Rang der Belehrten und Bekehrten als auch in der Ausweitung und Vertiefung der jeweils erörterten religiösen Thematik. Der vierte Akt führt den Zuschauer an die Schauplätze aller drei Zentren: Kloster, Palast, Nathans Haus. Der fünfte Akt schließlich beginnt beim Sultan, wechselt dann zum letztenmal unter die Palmen, um in der Rückkehr zum Palast dann auch den Zwischenbereich des Draußen und damit den Tempelherrn durch die sinnfällige räumliche Umklammerung in sich einzugliedern.

Bei der räumlichen Gestaltung des Dramas regiert im wesentlichen der Wechsel zwischen Nathans Haus und Saladins Palast. Abgesehen von den beiden Klosterszenen im vierten Akt kommt nur noch ein weiterer, allerdings sehr wichtiger Schauplatz hinzu: der Platz mit Palmen. Nathans Haus, Palast und Kloster versinnbildlichen die Ausgangs- und Kristallisationspunkte, gleichsam die drei Kraftzentren des dramatischen Geschehens. Die drei Orte markieren räumlich die Relationen zwischen den drei Religionen. Auffallend ist, daß die meisten Szenen im Nathan-Zentrum nicht eigentlich im Innern, sondern im Flur des Hauses spielen. Das Interesse richtet sich also offensichtlich weniger auf seine Interna als auf die externen Beziehungen, so daß der Flur mit halber Wendung nach draußen der passende Ort für Nathans Ankunft ist, der dann auch für lange Zeit gar nicht erst ins Innere seines Hauses gelangt, so daß er sich noch am Ende der vierten Szene wie eben erst vom »Kamele / Gestiegen« (224) vorkommt. Am selben Ort werden Abgesandte aus den übrigen Zentren (Derwisch und Klosterbruder) empfangen und abgefertigt. Hier werden auch die mitgebrachten Waren ausgebreitet. Der Flur ist der Platz für das ständige Kommen und Gehen, für Nathans unermüdliche Geschäftigkeit als Kaufmann wie als Erforscher der Familienzusammenhänge. Nur zu Beginn des dritten Aktes sehen wir ins Innere des Hauses, als endlich der lang ersehnte Ritter seinen ersten und letzten Besuch abstattet. Nun ist das Interieur der angemessene Ort für Herzensangelegenheiten. […]

Im Verlaufe des Dramas verlagern sich die Hauptorte des Geschehens vom Ausgangspunkt (Nathans Haus) nach etlichen Wechseln zum Palast und wieder zurück, mehrfach unterbrochen durch den Zwischenbereich unter den Palmen, dann immer häufiger zum Sitz des Sultans, an dem im fünften Akte alle wichtigen Personen mit Ausnahme derer des Klosterzentrums zusammentreffen, so daß hier sowohl alle Fäden miteinander verknüpft als auch Knoten aufgelöst werden können. Daß das Geschehen in Nathans Haus, genauer: in dessen Flur, seinen Anfang nimmt, verhält sich analog zur Vorgeschichte des Dramas; denn auch in ihr hat sich Nathan gleichsam als erster der drei Ringbesitzer durch eine herausragende Tat bewährt.

Der ständige Wechsel der Schauplätze spiegelt das Widerspiel und die argumentierende Wechselrede zwischen den drei Religionen, verkörpert durch die drei räumlichen und personellen Kräftezentren. Jerusalem bietet sich als umfassender Schauplatz für die unwahrscheinlichsten Begegnungen an; denn, wie der Tempelherr bemerkt: »Die ganze Welt / Drängt sich ja hier zusammen« (289).

Anmerkungen zum Autor: Peter Pütz (1935 – 2003) war deutscher Professor für Germanistik. Die Dramentheorie zählte zu den zentralen Schwerpunkten seiner Forschung.

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1 · Interpretation epischer Texte

In seinem Roman „Tadellöser & Wolff“ erzählt Walter Kempowski (1929 – 2007) vom Alltag der erfundenen, aber klar autobiografisch geprägten Familie Kempowski, die von 1938 bis 1945 in Rostock lebt. Der Vater arbeitet als Reeder, die Mutter führt den Haushalt. Zu den drei Kindern zählen Robert, Ulla und der jüngste Sohn Walter, aus dessen Sicht erzählt wird. Robert begeistert sich besonders für Jazz, den die Nationalsozialisten verboten haben. Der Roman beschränkt sich im Kern auf das, was die Familie in Rostock erlebt.

Die abgedruckte Episode ereignet sich im Jahr 1942. Der Vater ist inzwischen als Soldat eingezogen. Walter versucht mit wechselndem Erfolg, sich der Hitlerjugend weitgehend zu entziehen. Ulla fühlt sich offenbar zu Sörensen hingezogen, einem dänischen Angestellten der Firma Kempowski, der im Mittelpunkt dieser Episode steht. Später heiratet er Ulla, und beide siedeln nach Dänemark über.

Walter Kempowski

Tadellöser & Wolff (Kapitel 19)

Sörensen, den Dänen, sperrten die Nazis ein.

„Weg vom Fenster“ oder „verreist“, hieß es. Eingelocht.

„Der arme Mensch.“

„Ob sie ihn sehr schlagen?“

5 Wir hörten, daß er im Hotel Schröder zerstörte Grundstücke in seinen Stadtplan eingetragen habe. In aller Öffentlichkeit.

Ausgebrannte Häuser schraffiert, Sprengbomben-Reihenwürfe angekreuzt. Mal eine Übersicht kriegen.

„Ein unverzeihlicher Leichtsinn, woll verrückt geworden… Ein richtiger Blödmann. Völlig 10 iben.“ 1

Dummheit müsse bestraft werden.

Ein Soldat sei mit dem Seitengewehr auf ihn losgegangen.

„Kommen Sie mal unauffällig mit.“

Der Wirt habe quasi das Bier überlaufen lassen. Stielaugen. Wunder, daß sie ihn nicht gleich 15 totschlugen.

Aber: „Als ob ein Spion sich mitten in ein Lokal setzt“, sagte meine Mutter. Das allein wäre schon ein Beweis seiner Unschuld. Spione gingen doch ganz anders vor, nachts, mit einer Taschenlampe. Spione erkenne man nicht gleich, die seien raffinierter. Und die erforschten auch nicht das Kaputte, sondern umgekehrt. Flugplätze meldeten die und Gasometer.

20 Jenssen 2 saß auf dem Sofa und Berg 3 lief hin und her und rief: „Das können sie doch nicht machen!“

(„Haben Sie eine Ahnung, was die können.“)

Sie müßten gleich an ihren König telegrafieren.

„Nu man longsam, longsam“, sagte Jenssen, den meine Mutter nicht sehr schätzte. Der habe 25 so weibische Hände und kucke immer so lauernd. „Wenn einer ein Spion ist, dann der…“

Bei dem könne sie sich das schon eher vorstellen.

Jenssen schob die Gardine zur Seite und blickte auf die Straße. „Immer longsam.“ Jetzt müsse man kaltes Blut bewahren.

„Ja“, sagte mein Bruder, „kalt’ Blut und warm’ Untergewand.“ Er spuckte Tabaksreste auf 30 den Teppich und wollte eine Platte auflegen.

Deep in the heart of Texas. 4

Das sei in diesem Augenblick doch wohl nicht das richtige, wurde gesagt. Das solle er man lassen. Vielleicht lebe Sörensen gar nicht mehr, und wir seien hier lustig.

Am nächsten Tag machte meine Mutter sich fein und brachte belegte Brote zur Gestapo. Jagd- 35 wurst. „Hoffentlich kriegt er das auch.“

„Ja“, das kriege er schon, sagte der Pförtner, aber das Vergißmeinnicht da drauf, das dürfe er nicht aushändigen, das könne ja was bedeuten.

Das solle ja auch was bedeuten, antwortete da meine Mutter.

Sie ließ sich nicht abwimmeln und drang sogar zum Gestapo-Führer durch. Sie sei Deut- 40 sche, ihr Mann Reeder und jetzt Oberleutnant, der habe den ganzen Weltkrieg mitgemacht: keine einzige Verwundung und immer in der vordersten Linie. Sörensen ein ganz harmloser Junge aus guter Familie, die Sache mit dem Stadtplan eine Kinderei, ein Irrtum, weiter nichts.

Das könne er ihr glauben. Er wisse doch, wie junge Menschen seien, impulsiv, lebhaft…

45 „Nein“, sagte der Gestapo-Mann, so sei das ja nun nicht.

Am 9. April, das sei festgestellt worden, habe Sörensen sogar einen Trauerflor getragen.

„Am 9. April? Einen Trauerflor?“

Nunja, am Jahrestag des Einmarsches der deutschen Truppen in Dänemark.

Aber das sei doch durchaus verständlich, rief meine Mutter, eine patriotische Liebe zum Hei- 50 matland und zum König, das sei doch nicht gegen Deutschland gerichtet… Die Dänen liebten eben ihren König und alles, was damit zusammenhängt. Glühend! So wie wir unsern Führer, oder, früher, sie, in ihrer Jugend, den Kaiser. Oh, sie wisse noch, wie sie gejubelt habe, als der Kaiser zum Rennen nach Wandsbek gekommen sei. Ganz außer sich gewesen. „Bitte, bitte, lassen Sie ihn doch ‘raus!“

55 Da habe der Beamte so gelächelt, so fein vor sich hingelächelt und habe auf dem Schreibtisch herumgekuckt, ob vielleicht was nicht in Ordnung ist.

„Ich lege meine Hand dafür ins Feuer“, habe sie noch gesagt, „daß er keine Dummheiten mehr macht.“

Da habe sich der Gestapomann erhoben und sei ans Fenster getreten.

60 „Was glauben Sie, Frau Kempowski“, habe er gesagt, „wie viel schlechte Menschen es gibt. Es wimmelt in Deutschland von Spionen…“

Aber sie habe immer wieder gesagt: „Bitte lassen Sie ihn doch ‘raus, wir bürgen für ihn.“

Er sei bestimmt unschuldig, „glauben Sie mir das.“

Schließlich raffte sich auch Denzer auf, unser Teilhaber. Rühmte Umsicht und Pflichteifer 65 des jungen, temperamentvollen dänischen Mitarbeiters und wies auf dessen Unersetzlichkeit hin. Man arbeite am Tonnageeinsatz-Ost 5, er müsse wohl nicht deutlicher werden. Da stehe was auf dem Spiel, das könne man ihm glauben.

Nach 14 Tagen tauchte Sörensen also wieder auf. Sichtlich abgemagert saß er am Wohnzimmertisch und erzählte.

70 Über dem Flügel das Schiffsbild von Konsul Discher. Die weinroten Übergardinen.

Frühling läßt sein blaues Band

wieder flattern durch die Lüfte. 6

Wahnsinnige Angst. An der Wand gestanden und dauernd das Vaterunser gebetet…

1 „Völlig iben“: eine der vielen im Roman schon zuvor eingeführten, oft sprachspielerischen Redewendungen, die in der Familie üblich sind; es bedeutet so etwas wie völlig kaputt oder verrückt.

2 Jenssen: ebenfalls ein dänischer Mitarbeiter der Firma Kempowski

3 Berg: ein weiterer dänischer Mitarbeiter der Firma Kempowski

4 Deep in the heart of Texas: populärer amerikanischer Song aus dem Jahr 1942

5 Tonnageeinsatz-Ost: Hinweis auf die Funktion der Firma im Umgang mit Schiffsladekapazitäten, die bedeutsam für die Kriegsführung und Versorgung der Truppen gewesen sein dürften

6 „Frühling läßt sein blaues Band…“: die ersten beiden Verse eines berühmten Frühlingsgedichts von Eduard Mörike

Robert Seethaler

Der Trafikant

[…] Jeden Tag um Punkt zwölf Uhr mittags sperrte er die Trafik ab, nahm einen kleinen Umweg über die Berggasse (wo er insgeheim hoffte, die gebeugte Silhouette des Professors hinter einem der Vorhänge im ersten Stock zu entdecken), ging danach über den Franz-Josefs-Kai zum ehemaligen Hotel Metropol hinüber, marschierte durch die hohe Eingangshalle, trat vor 5 den Portier und sagte: „Grüß Gott, ich hätte gerne etwas über den Aufenthaltsort des Trafikanten Otto Trsnjek gewusst!“

In den ersten Tagen hatte der Portier sich noch bemüht, hatte unter Aufbringung seiner ganzen verbeamteten Geduldsfähigkeit versucht zu antworten und allerhand von amtlichen Eingaben, behördlichen Anträgen, vorgefertigten Formularen und vorschriftsmäßigen Dienstwe- 10 gen erzählt. Doch da dieser impertinente Bursche zu alldem zwar immerzu freundlich nickte, sich ansonsten aber ziemlich ungerührt gab und sich, nachdem er ungefähr eine Viertelstunde stur wie ein Esel dagestanden war, höflich verabschiedete, nur um am nächsten Tag pünktlich um Viertel nach zwölf wieder dazustehen und nach diesem Trafikanten zu fragen, begann der mühselig über viele Dienstjahre ausgebildete Berufsgleichmut des Portiers zu bröckeln, bis 15 er endgültig in sich zusammenbrach. Und als Franz an einem flirrenden Montagmittag erneut vor ihm stand und sagte: „Grüß Gott, ich hätte gerne etwas über den Aufenthaltsort des Trafikanten Otto Trsnjek gewusst!“, antwortete der Portier nur mehr mit einem kaum wahrnehmbaren Zucken seiner Schultern. Dann griff er zum Hörer des schwarzen Telefons, das hinter ihm an der Wand angebracht war, wählte eine zweistellige Nummer und murmelte ein paar 20 unverständliche Worte hinein. Etwa zehn schweigsame Sekunden später flog neben dem Telefon eine Tapetentür auf, und ein Mann in einem beigefarbenen Leinenanzug kam heraus. Er schien zu lächeln, als er auf Franz zuging, doch bei genauerem Hinsehen war es nur ein Schatten unter seinem hellblonden, fast weißen Oberlippenbärtchen. Ein Schattenlächeln, dachte Franz noch, da war der Mann schon bei ihm, riss ihm den Kopf an den Haaren zurück, drehte 25 ihm mit einem blitzschnellen Griff einen Arm auf den Rücken und schleifte ihn durch die Eingangshalle ins Freie.

Franz spürte das Pflaster unter seinen Fersen und die Hand des Mannes, die sich wie eine Holzklemme um seinen Unterarm spannte, er sah den leicht bewölkten Himmel über sich und die drei Hakenkreuzstandarten. Dann gab es einen Ruck, sein Arm war plötzlich frei, und im 30 nächsten Moment knallte er mit dem Gesicht auf den Boden. Er taumelte in ein schwarzes Loch und hörte ein merkwürdiges Geräusch. Wie ein feuchtes Zweiglein in der Glut, dachte er noch, bevor er versank. Als er einige Augenblicke später wieder ins Licht zurücktauchte, blickte er direkt auf die Schuhe des Blonden. Es waren glänzend geputzte Halbschuhe, aus weichem Leder gearbeitet und aufwändig vernäht. Kein Riss, kein Fleck, kein Staubkorn, nur 35 feines, glattes, makelloses Leder. Franz hob den Kopf und blickte in das Gesicht des Mannes. Von hier unten, im Gegenlicht des Mittagshimmels, sah das Bärtchen aus wie flimmernder Bast. Neben ihm tauchte der blau bemützte Kopf des Portiers auf.

„Besser wird vielleicht sein, der junge Herr kommt nicht mehr hierher. Es könnte nämlich sonst passieren…“ Er machte eine Pause, in der er sich umständlich räusperte und ein paar 40 unsichtbare Körnchen aus den Augen blinzelte, „sonst könnte es nämlich passieren, dass er länger im Hotel Metropol zu Gast bleibt, als es ihm angenehm ist. Hat der junge Herr das denn verstanden?“ Franz nickte. Der Portier zog ein schneeweißes Taschentuch aus seiner Brusttasche. Er entfaltete es sorgfältig, hielt es gegen das Licht wie ein Sonnensegel und betastete mit der Spitze seines Ringfingers den fein gestickten Saum und die akkurat gebügelten Falten. 45 Dann bückte er sich, drückte es Franz zwischen die Finger und sagte: „Wisch dir das Blut aus dem Gesicht, Burschi. Und geh nach Hause.“

1. Interpretieren Sie den Ausschnitt aus Walter Kempowskis Roman „Tadellöser & Wolff“ und gehen Sie dabei vor allem auf die erzählerische und sprachliche Gestaltung sowie auf die darin dargestellten Zeitumstände ein. (39 Punkte)

Ihre Ausarbeitung wurde erfasst. Vergleichen Sie Ihre Lösung mit den Kriterien der amtlichen Vorgaben.

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2 · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre

In seinem Roman „Tadellöser & Wolff“ erzählt Walter Kempowski (1929 – 2007) vom Alltag der erfundenen, aber klar autobiografisch geprägten Familie Kempowski, die von 1938 bis 1945 in Rostock lebt. Der Vater arbeitet als Reeder, die Mutter führt den Haushalt. Zu den drei Kindern zählen Robert, Ulla und der jüngste Sohn Walter, aus dessen Sicht erzählt wird. Robert begeistert sich besonders für Jazz, den die Nationalsozialisten verboten haben. Der Roman beschränkt sich im Kern auf das, was die Familie in Rostock erlebt.

Die abgedruckte Episode ereignet sich im Jahr 1942. Der Vater ist inzwischen als Soldat eingezogen. Walter versucht mit wechselndem Erfolg, sich der Hitlerjugend weitgehend zu entziehen. Ulla fühlt sich offenbar zu Sörensen hingezogen, einem dänischen Angestellten der Firma Kempowski, der im Mittelpunkt dieser Episode steht. Später heiratet er Ulla, und beide siedeln nach Dänemark über.

Walter Kempowski

Tadellöser & Wolff (Kapitel 19)

Sörensen, den Dänen, sperrten die Nazis ein.

„Weg vom Fenster“ oder „verreist“, hieß es. Eingelocht.

„Der arme Mensch.“

„Ob sie ihn sehr schlagen?“

5 Wir hörten, daß er im Hotel Schröder zerstörte Grundstücke in seinen Stadtplan eingetragen habe. In aller Öffentlichkeit.

Ausgebrannte Häuser schraffiert, Sprengbomben-Reihenwürfe angekreuzt. Mal eine Übersicht kriegen.

„Ein unverzeihlicher Leichtsinn, woll verrückt geworden… Ein richtiger Blödmann. Völlig 10 iben.“ 1

Dummheit müsse bestraft werden.

Ein Soldat sei mit dem Seitengewehr auf ihn losgegangen.

„Kommen Sie mal unauffällig mit.“

Der Wirt habe quasi das Bier überlaufen lassen. Stielaugen. Wunder, daß sie ihn nicht gleich 15 totschlugen.

Aber: „Als ob ein Spion sich mitten in ein Lokal setzt“, sagte meine Mutter. Das allein wäre schon ein Beweis seiner Unschuld. Spione gingen doch ganz anders vor, nachts, mit einer Taschenlampe. Spione erkenne man nicht gleich, die seien raffinierter. Und die erforschten auch nicht das Kaputte, sondern umgekehrt. Flugplätze meldeten die und Gasometer.

20 Jenssen 2 saß auf dem Sofa und Berg 3 lief hin und her und rief: „Das können sie doch nicht machen!“

(„Haben Sie eine Ahnung, was die können.“)

Sie müßten gleich an ihren König telegrafieren.

„Nu man longsam, longsam“, sagte Jenssen, den meine Mutter nicht sehr schätzte. Der habe 25 so weibische Hände und kucke immer so lauernd. „Wenn einer ein Spion ist, dann der…“

Bei dem könne sie sich das schon eher vorstellen.

Jenssen schob die Gardine zur Seite und blickte auf die Straße. „Immer longsam.“ Jetzt müsse man kaltes Blut bewahren.

„Ja“, sagte mein Bruder, „kalt’ Blut und warm’ Untergewand.“ Er spuckte Tabaksreste auf 30 den Teppich und wollte eine Platte auflegen.

Deep in the heart of Texas. 4

Das sei in diesem Augenblick doch wohl nicht das richtige, wurde gesagt. Das solle er man lassen. Vielleicht lebe Sörensen gar nicht mehr, und wir seien hier lustig.

Am nächsten Tag machte meine Mutter sich fein und brachte belegte Brote zur Gestapo. Jagd- 35 wurst. „Hoffentlich kriegt er das auch.“

„Ja“, das kriege er schon, sagte der Pförtner, aber das Vergißmeinnicht da drauf, das dürfe er nicht aushändigen, das könne ja was bedeuten.

Das solle ja auch was bedeuten, antwortete da meine Mutter.

Sie ließ sich nicht abwimmeln und drang sogar zum Gestapo-Führer durch. Sie sei Deut- 40 sche, ihr Mann Reeder und jetzt Oberleutnant, der habe den ganzen Weltkrieg mitgemacht: keine einzige Verwundung und immer in der vordersten Linie. Sörensen ein ganz harmloser Junge aus guter Familie, die Sache mit dem Stadtplan eine Kinderei, ein Irrtum, weiter nichts.

Das könne er ihr glauben. Er wisse doch, wie junge Menschen seien, impulsiv, lebhaft…

45 „Nein“, sagte der Gestapo-Mann, so sei das ja nun nicht.

Am 9. April, das sei festgestellt worden, habe Sörensen sogar einen Trauerflor getragen.

„Am 9. April? Einen Trauerflor?“

Nunja, am Jahrestag des Einmarsches der deutschen Truppen in Dänemark.

Aber das sei doch durchaus verständlich, rief meine Mutter, eine patriotische Liebe zum Hei- 50 matland und zum König, das sei doch nicht gegen Deutschland gerichtet… Die Dänen liebten eben ihren König und alles, was damit zusammenhängt. Glühend! So wie wir unsern Führer, oder, früher, sie, in ihrer Jugend, den Kaiser. Oh, sie wisse noch, wie sie gejubelt habe, als der Kaiser zum Rennen nach Wandsbek gekommen sei. Ganz außer sich gewesen. „Bitte, bitte, lassen Sie ihn doch ‘raus!“

55 Da habe der Beamte so gelächelt, so fein vor sich hingelächelt und habe auf dem Schreibtisch herumgekuckt, ob vielleicht was nicht in Ordnung ist.

„Ich lege meine Hand dafür ins Feuer“, habe sie noch gesagt, „daß er keine Dummheiten mehr macht.“

Da habe sich der Gestapomann erhoben und sei ans Fenster getreten.

60 „Was glauben Sie, Frau Kempowski“, habe er gesagt, „wie viel schlechte Menschen es gibt. Es wimmelt in Deutschland von Spionen…“

Aber sie habe immer wieder gesagt: „Bitte lassen Sie ihn doch ‘raus, wir bürgen für ihn.“

Er sei bestimmt unschuldig, „glauben Sie mir das.“

Schließlich raffte sich auch Denzer auf, unser Teilhaber. Rühmte Umsicht und Pflichteifer 65 des jungen, temperamentvollen dänischen Mitarbeiters und wies auf dessen Unersetzlichkeit hin. Man arbeite am Tonnageeinsatz-Ost 5, er müsse wohl nicht deutlicher werden. Da stehe was auf dem Spiel, das könne man ihm glauben.

Nach 14 Tagen tauchte Sörensen also wieder auf. Sichtlich abgemagert saß er am Wohnzimmertisch und erzählte.

70 Über dem Flügel das Schiffsbild von Konsul Discher. Die weinroten Übergardinen.

Frühling läßt sein blaues Band

wieder flattern durch die Lüfte. 6

Wahnsinnige Angst. An der Wand gestanden und dauernd das Vaterunser gebetet…

1 „Völlig iben“: eine der vielen im Roman schon zuvor eingeführten, oft sprachspielerischen Redewendungen, die in der Familie üblich sind; es bedeutet so etwas wie völlig kaputt oder verrückt.

2 Jenssen: ebenfalls ein dänischer Mitarbeiter der Firma Kempowski

3 Berg: ein weiterer dänischer Mitarbeiter der Firma Kempowski

4 Deep in the heart of Texas: populärer amerikanischer Song aus dem Jahr 1942

5 Tonnageeinsatz-Ost: Hinweis auf die Funktion der Firma im Umgang mit Schiffsladekapazitäten, die bedeutsam für die Kriegsführung und Versorgung der Truppen gewesen sein dürften

6 „Frühling läßt sein blaues Band…“: die ersten beiden Verse eines berühmten Frühlingsgedichts von Eduard Mörike

Robert Seethaler

Der Trafikant

[…] Jeden Tag um Punkt zwölf Uhr mittags sperrte er die Trafik ab, nahm einen kleinen Umweg über die Berggasse (wo er insgeheim hoffte, die gebeugte Silhouette des Professors hinter einem der Vorhänge im ersten Stock zu entdecken), ging danach über den Franz-Josefs-Kai zum ehemaligen Hotel Metropol hinüber, marschierte durch die hohe Eingangshalle, trat vor 5 den Portier und sagte: „Grüß Gott, ich hätte gerne etwas über den Aufenthaltsort des Trafikanten Otto Trsnjek gewusst!“

In den ersten Tagen hatte der Portier sich noch bemüht, hatte unter Aufbringung seiner ganzen verbeamteten Geduldsfähigkeit versucht zu antworten und allerhand von amtlichen Eingaben, behördlichen Anträgen, vorgefertigten Formularen und vorschriftsmäßigen Dienstwe- 10 gen erzählt. Doch da dieser impertinente Bursche zu alldem zwar immerzu freundlich nickte, sich ansonsten aber ziemlich ungerührt gab und sich, nachdem er ungefähr eine Viertelstunde stur wie ein Esel dagestanden war, höflich verabschiedete, nur um am nächsten Tag pünktlich um Viertel nach zwölf wieder dazustehen und nach diesem Trafikanten zu fragen, begann der mühselig über viele Dienstjahre ausgebildete Berufsgleichmut des Portiers zu bröckeln, bis 15 er endgültig in sich zusammenbrach. Und als Franz an einem flirrenden Montagmittag erneut vor ihm stand und sagte: „Grüß Gott, ich hätte gerne etwas über den Aufenthaltsort des Trafikanten Otto Trsnjek gewusst!“, antwortete der Portier nur mehr mit einem kaum wahrnehmbaren Zucken seiner Schultern. Dann griff er zum Hörer des schwarzen Telefons, das hinter ihm an der Wand angebracht war, wählte eine zweistellige Nummer und murmelte ein paar 20 unverständliche Worte hinein. Etwa zehn schweigsame Sekunden später flog neben dem Telefon eine Tapetentür auf, und ein Mann in einem beigefarbenen Leinenanzug kam heraus. Er schien zu lächeln, als er auf Franz zuging, doch bei genauerem Hinsehen war es nur ein Schatten unter seinem hellblonden, fast weißen Oberlippenbärtchen. Ein Schattenlächeln, dachte Franz noch, da war der Mann schon bei ihm, riss ihm den Kopf an den Haaren zurück, drehte 25 ihm mit einem blitzschnellen Griff einen Arm auf den Rücken und schleifte ihn durch die Eingangshalle ins Freie.

Franz spürte das Pflaster unter seinen Fersen und die Hand des Mannes, die sich wie eine Holzklemme um seinen Unterarm spannte, er sah den leicht bewölkten Himmel über sich und die drei Hakenkreuzstandarten. Dann gab es einen Ruck, sein Arm war plötzlich frei, und im 30 nächsten Moment knallte er mit dem Gesicht auf den Boden. Er taumelte in ein schwarzes Loch und hörte ein merkwürdiges Geräusch. Wie ein feuchtes Zweiglein in der Glut, dachte er noch, bevor er versank. Als er einige Augenblicke später wieder ins Licht zurücktauchte, blickte er direkt auf die Schuhe des Blonden. Es waren glänzend geputzte Halbschuhe, aus weichem Leder gearbeitet und aufwändig vernäht. Kein Riss, kein Fleck, kein Staubkorn, nur 35 feines, glattes, makelloses Leder. Franz hob den Kopf und blickte in das Gesicht des Mannes. Von hier unten, im Gegenlicht des Mittagshimmels, sah das Bärtchen aus wie flimmernder Bast. Neben ihm tauchte der blau bemützte Kopf des Portiers auf.

„Besser wird vielleicht sein, der junge Herr kommt nicht mehr hierher. Es könnte nämlich sonst passieren…“ Er machte eine Pause, in der er sich umständlich räusperte und ein paar 40 unsichtbare Körnchen aus den Augen blinzelte, „sonst könnte es nämlich passieren, dass er länger im Hotel Metropol zu Gast bleibt, als es ihm angenehm ist. Hat der junge Herr das denn verstanden?“ Franz nickte. Der Portier zog ein schneeweißes Taschentuch aus seiner Brusttasche. Er entfaltete es sorgfältig, hielt es gegen das Licht wie ein Sonnensegel und betastete mit der Spitze seines Ringfingers den fein gestickten Saum und die akkurat gebügelten Falten. 45 Dann bückte er sich, drückte es Franz zwischen die Finger und sagte: „Wisch dir das Blut aus dem Gesicht, Burschi. Und geh nach Hause.“

2. Vergleichen Sie den Auszug aus Robert Seethalers Roman „Der Trafikant“ mit dem Auszug aus „Tadellöser & Wolff“. Berücksichtigen Sie dabei vor allem, wie beide Texte die Zeitumstände sowie das Motiv von Verhaftung und Gewalt darstellen. (33 Punkte)

Ihre Ausarbeitung wurde erfasst. Vergleichen Sie Ihre Lösung mit den Kriterien der amtlichen Vorgaben.

Aufgabe 3 · Interpretation lyrischer Texte

Aufgabenstellung:

1. Interpretieren Sie das hier abgedruckte Gedicht von Nelly Sachs. (39 Punkte)

2. Vergleichen Sie das Gedicht von Nelly Sachs mit Irmgard Keuns Gedicht „Die fremde Stadt“ und legen Sie den Schwerpunkt auf den Umgang mit Fremdheit. Berücksichtigen Sie dabei sowohl inhaltliche als auch einzelne sprachliche und formale Gesichtspunkte. (33 Punkte)

Materialgrundlage 1

Nelly Sachs (1959)

KOMMT EINER

KOMMT EINER

von ferne

mit einer Sprache

die vielleicht die Laute

5 verschließt

mit dem Wiehern der Stute

oder

dem Piepen

junger Schwarzamseln

10 oder

auch wie eine knirschende Säge

die alle Nähe zerschneidet –

Kommt einer

von ferne

15 mit Bewegungen des Hundes

oder

vielleicht der Ratte

und es ist Winter

so kleide ihn warm

20 kann auch sein

er hat Feuer unter den Sohlen

(vielleicht ritt er

auf einem Meteor)

so schilt 1 ihn nicht

25 falls dein Teppich durchlöchert schreit –

Ein Fremder hat immer

seine Heimat im Arm

wie eine Waise

für die er vielleicht nichts

30 als ein Grab sucht.

Anmerkungen zur Autorin: Nelly Sachs (1891 – 1970) war eine jüdische deutsch-schwedische Schriftstellerin. Nach jahrelanger Bedrohung ihres Lebens im nationalsozialistischen Deutschland konnte sie im Mai 1940 nach Schweden fliehen. Sie kehrte nicht nach Deutschland zurück.

1 schilt: Imperativ Singular von schelten: schimpfen

Materialgrundlage 2

Irmgard Keun

Die fremde Stadt (1939)

Fremde Stadt,

Ich liebe dich um deiner Fremdheit willen.

Du könntest das Verlangen nach Verlorenem mir stillen,

Nach dem, was ich verließ.

5 Lass mich vollenden, was ich einst verhieß,

Einmal als Kind.

Lass mich noch einmal sein, wie Kinder sind,

Die eines Menschen Fuß noch nicht getreten hat,

Fremde Stadt.

10 Berge mich hinter deinen Mauern,

Fremde Stadt.

Lass mich in deiner Sicherheit trauern,

Fremde Stadt,

Nur eine Stunde,

15 Nur kurze Zeit.

Hunger und Hunde

Jagen das Leid,

Jage nicht du mich auch, fremde Stadt.

Lass mich ruhn unter deines Himmels Regen,

20 Fremdes Land.

Gott gab dir den Himmel, mir gab er den Segen

Für dich, fremdes Land.

Nur eine Stunde, nur kurze Zeit

Wärme uns Arme die Ewigkeit:

25 Der Himmel über dir, fremdes Land.

Anmerkungen zur Autorin: Irmgard Keun (1905 – 1982) war eine deutsche Schriftstellerin. 1936 bis 1940 verbrachte sie im belgischen und niederländischen Exil. Ab Mai 1940 lebte sie in Köln in der Illegalität.

1.

2.

Aufgabe 4 · Materialgestütztes Verfassen von Texten

An Ihrer Schule soll die Verbundenheit mit der Heimatregion gefördert werden. Dazu werden auf der Schulhomepage in der Rubrik „Unsere Heimat" Beiträge von Schülerinnen und Schülern aus unterschiedlichen Fächern veröffentlicht. Ihr Deutsch-Grundkurs behandelt im Unterricht das Thema „Dialekte" und diskutiert dabei, ob Schülerinnen und Schüler der Oberstufe künftig jedes Jahr an Ihrer Schule einen „Poetry Slam" im Dialekt Ihrer Region planen und veranstalten sollten.

Verfassen Sie für die Internetseite Ihrer Schule einen argumentativen Beitrag, in dem Sie zur Frage, ob an Ihrer Schule jedes Jahr ein „Poetry Slam" im Dialekt Ihrer Region veranstaltet werden sollte, abwägend Stellung nehmen.

Greifen Sie dafür auf die folgenden Materialien 1 bis 5 zurück und berücksichtigen Sie zusätzlich Ihr Unterrichtswissen sowie eigene Erfahrungen.

Formulieren Sie eine geeignete Überschrift.

Wenn Sie auf Materialien verweisen, nennen Sie den Namen der Autorin bzw. des Autors und gegebenenfalls den Titel.

Der Umfang Ihres Beitrags sollte ungefähr 1 000 Wörter umfassen.

Materialgrundlage

Material 1: Alexander Willrich: Was ist Poetry Slam? In: Ders.: Poetry Slam für Deutschland. Die Sprache. Die Slam-Kultur. Die mediale Präsentation. Die Chancen für den Unterricht. Paderborn: Lektora 2010, S. 13 f.

Material 2: Anja Blum: Poetry Slam. „Dialekt ist seit einiger Zeit wieder sehr in Mode". Interview mit Moses Wolff. In: Süddeutsche Zeitung, 09.08.2021

Material 3: Lothar Müller: Dialekt in der Literatur. Mer lischt! In: Süddeutsche Zeitung, 12.11.2010

Material 4: Ingo Schulze: Kaugummikauen mit geschlossenem Mund. Sächsisch und Hochdeutsch. In: Valerio 13/2011, S. 24-27

Material 5: Alexandra N. Lenz: Vom Dialekt zur regionalen Umgangssprache - Zur Vielfalt regionaler Sprechweisen. In: Horst Haider Munske (Hrsg.): Sterben die Dialekte aus? Vorträge im Interdisziplinären Zentrum für Dialektforschung an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, 22.10.-10.12.2007, S. 3

Material 1 - Alexander Willrich: Was ist Poetry Slam?

Poetry Slams sind regelmäßig stattfindende, offene Bühnen, auf denen professionelle Performance-Poeten auf Amateurschriftsteller, Kabarettisten, Rapper und literarische Komiker treffen. Gleichermaßen nutzen sie die Slam-Bühnen als Podium, um ihre Texte zu präsentieren. Der Austragungsort ist meist eine Kleinkunstbühne, eine Kneipe oder ein Club. In jedem Fall finden Poetry Slams in einem ungezwungenen Rahmen statt, bei dem Bier getrunken und manchmal auch geredet wird, wenn der Poet es nicht schafft, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Diesen clubähnlichen Rahmen runden mitunter DJs oder Liedermacher ab, die in den Pausen für die musikalische Gestaltung zuständig sind.

Bei einem Poetry Slam treten zwischen 8 und 14 Poeten im Wettkampf gegeneinander an, indem jeder seine selbstgeschriebenen Texte vorliest. [...]

Doch egal welchen Slam man besucht, in jeder Stadt gibt es nur vier Regeln: So muss der Text erstens aus der eigenen Feder stammen, es dürfen zweitens keine Requisiten genutzt werden, es darf drittens nur auszugsweise gesungen werden, da es sich um keinen Gesangswettbewerb handelt, und viertens muss die vorgegebene Zeitdauer eingehalten werden, die i.d.R. fünf bis sieben Minuten beträgt. Der Slam besteht meist aus zwei bis vier Vorrundengruppen und einem Finale, in dem die Vorrundensieger bzw. die Erst- und Zweitplatzierten aufeinandertreffen. Am Ende jeder Vorrunde oder nach jedem Vortrag stimmt das Publikum über die zwei bis vier Finalisten ab [...] und kürt im Anschluss an die Finalrunde auch den Sieger des Abends.

Neben den Slam-Poeten kommt dem Slam-Master eine wichtige Funktion zu, da er durch den Abend führt. Er hat die Aufgabe, die Veranstaltung zu moderieren, auf die Einhaltung der Regeln zu achten, sie durchzusetzen und diese auch den Gästen zu erklären. Er sollte das Publikum einstimmen und bei Laune halten. Denn im Gegensatz zu klassischen Lesungen ist das Publikum bei Poetry Slams stark involviert. [...]

Anmerkungen zum Autor: Alexander Willrich (* 1985 in Görlitz) ist Veranstalter, Moderator und Slam-Poet.

Material 2 - Anja Blum: Poetry Slam. „Dialekt ist seit einiger Zeit wieder sehr in Mode" (Interview mit Moses Wolff)

[...]

SZ: Herr Wolff, 2018 haben Sie zusammen mit Ko Bylanzky in München den ersten „Bairischen Poetry Slam" ins Leben gerufen. Seltsam eigentlich, dass nicht schon früher jemand auf diese geniale Idee gekommen ist, oder?

Moses Wolff: Ja, das haben wir uns auch gedacht, schließlich ist Dialekt seit einiger Zeit wieder sehr in Mode. Sei es in der Literatur oder im Hip Hop. Genau wie das Format des Poetry Slams. Was also lag näher, als beides zu kombinieren?

SZ: Was unterscheidet einen Mundart-Slam von einem herkömmlichen Dichterwettstreit?

So einiges! Zunächst einmal ist es ja so, dass bei uns Künstler aus allen sieben bayerischen Regierungsbezirken auftreten, und diese Vielfalt der Dialekte mit ihren einzigartigen Färbungen ist per se sehr abwechslungsreich. Sprechen beispielsweise ein Allgäuer und ein Stuttgarter denselben Text, wird es sich völlig anders anhören, obwohl beide aus Schwaben stammen. Außerdem finde ich, dass Mundart sich sehr gut dazu eignet, Stimmungen zu transportieren. Humor ist damit genauso gut möglich wie großes Pathos. Eine Eigenheit des Dialekts ist zudem, dass sich mit wenigen Worten viel sagen lässt. [...]

SZ: Es gibt ja Menschen, die sich sogar in Vereinen für den Erhalt des Bairischen einsetzen...

Richtig. Und solche Dialektliebhaber sitzen manchmal auch bei uns im Publikum. Hochwertige Tracht mit Gamsbart, Schariwari und allem Drumrum - da weiß man dann gleich, dass derjenige vermutlich noch nie auf einem Poetry Slam war. Aber diese Leute sind meist sehr gesellig, und das passt wunderbar zu uns. Schließlich soll auch unser Publikum an den Abenden mitwirken, etwa, indem es uns auf die Schippe nimmt. Gute Stimmung ist uns wichtig, deswegen fliegt auch zwischen den Runden keiner der Poeten raus. Der Sieger wird bei uns erst ganz am Ende gewählt. [...]

SZ: Als Organisatoren des Slams sind Sie und Bylanzky auch Talentscouts, richtig?

Ja, aber es ist wirklich nicht leicht, gute Mundart-Slammer zu finden. Denn viele Künstler wollen auf der Bühne kein Bairisch sprechen. Und jene, die es schon tun, haben oftmals Berührungsängste mit dem Format. [...] Ich kann das gut verstehen, ich würde schließlich auch nicht gerne in einer französischen Komödie mitwirken, weil ich diese Sprache nicht kann. Man muss sich schon wohlfühlen, mit dem, was man tut. Deshalb sind wir oft unterwegs, schauen uns Kabarettisten, Rapper und andere Künstler an, um neue bayerische Poeten zu finden. Überredet wird aber niemand, wir bieten nur eine Chance. [...]

Anmerkungen zum Interviewten: Moses Wolff (* 1969 in München) ist ein deutscher Schauspieler, Kabarettist und Musiker.

Material 3 - Lothar Müller: Dialekt in der Literatur. Mer lischt!

In der deutschen Literatur kommt der Dialekt nur selten vor - nicht einmal im Heimatroman ist er richtig zu Hause. Dabei kann er etwas ausdrücken, was die Hochsprache nicht vermag.

Ein etwas alberner Goethe-Witz behauptet, die letzten Worte des Dichters seien nicht „Mehr Licht!" gewesen. Vielmehr habe auch auf dem Totenbett in Weimar der Frankfurter seine Herkunft nicht verleugnet. Doch habe ihm die hessische Zunge mitten im Satz den Dienst versagt, als er sagen wollte: „Mer lischt die Deck so schwer uf de Brust". Ein schönes Wort: Mundart. Aber die Literatur, nach den Buchstaben benannt, ist mit der Schrift im Bunde, und mit der Hochsprache, und je moderner die Zeiten wurden, desto mächtiger wurde das Gleichheitszeichen zwischen Hochsprache und Schriftsprache.

Natürlich, es gab im Gegenzug die Mimikry mit dem Mündlichen in der Literatur, die Sprache des Volkes zu bewahren gehörte zum großen romantischen Projekt, in Georg Büchners Woyzeck floss das Hessische in die Sprache des Helden und in das trostlose Märchen der Großmutter, später das Schlesische in Hauptmanns Weber, und das Volkstheater wurde zur Hochburg des Dialekts, gerade weil er dort dem Siegeszug von Hochsprache und Schriftsprache eine lange Nase drehen konnte.

Aber es hilft nichts. Mag der Dialekt auch nach wie vor im Karneval seinen Heimvorteil ausspielen und im Kabarett zwischen Schwaben und Ostwestfalen Triumphe feiern, in der Literatur führt er meist Auswärtsspiele, und wenn auch zum Beispiel das Plattdeutsche eine reiche schriftsprachliche Tradition hat und gern darauf verweist, es sei eine eigene Sprache und nicht lediglich ein Dialekt, so wirkt doch auch hier der noch so virtuos in die Schrift übertragene Zungenschlag wie hineinzitiert.

Moderne Romane, auch wenn sie sich der Provinz zuwenden, legen kaum einmal ihren Erzählern den Dialekt in den Mund, mögen sie auch noch so munter reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Meist eröffnet der Dialog einen mehr oder weniger breiten Spalt, durch den die Mundart in den Text hineinschlüpfen kann: „ausgerechnet für unsre letzte Sau ließ sich partout keen Schlachter offtreiben. Die ganzen Dörfer von hier bis Leipzsch sin weg", sächselt die Mutter in Patrick Hofmanns Roman Die letzte Sau (2010), der in einem Dorf südlich von Leipzig spielt.

Aber zur Heimat der Dialekte kann die Literatur auch im Heimatroman nicht werden. Und da sie nun einmal nicht in Lautschrift verfasst wird, klingen die dialektalen Einsprengsel in Prosatexten immer ein wenig nach „als ob". Ihre Wirkung entfalten sie nicht zuletzt durch den Kontrast zur hochdeutschen Schriftsprache, in der sie auftauchen wie durchreisende Fremde. [...]

Das mag auch heutzutage noch so aussehen, als bewahrte die moderne Literatur dem Dialekt immer noch aus romantischen Motiven die Treue oder als wüchse der Dialekt, wie geschwächt auch immer durch das Hochdeutsche, stets „von unten" in die Literatur hinein, von der gesprochenen Sprache des Volkes her. Es ist aber eher umgekehrt: der modernen, fest in der Schriftsprache verwurzelten Literatur macht es gelegentlich Spaß, vom Plateau der Hochsprache wieder in die Dialekte hineinzuwachsen.

[...] Der Hauptschauplatz dieses vorsätzlichen Hineinwachsens ist in der neueren Literatur nicht die erzählende Prosa, sondern die Lyrik. [...]

Anmerkungen zum Autor: Lothar Müller (* 1954 in Dortmund) ist ein deutscher Journalist, Literaturkritiker, Kultur- und Literaturwissenschaftler.

Material 4 - Ingo Schulze: Kaugummikauen mit geschlossenem Mund. Sächsisch und Hochdeutsch

In gewisser Weise bin ich zweisprachig aufgewachsen, zu Hause hochdeutsch, auf dem Hof und in der Schule sprach ich, wie alle sprachen: sächsisch. Von Hochdeutsch zu reden ist sicher nicht ganz richtig, denn meine Großmutter stammte aus Siebenbürgen, mein Großvater aus dem Badischen. Seit Mitte der Dreißiger lebten sie in Mitteldeutschland. Meine Mutter empfand Halle an der Saale als ihre Heimatstadt.

Mir fiel es nicht nur nicht schwer, von dem einen Deutsch zum anderen zu wechseln, ich merkte es gar nicht.

Die verschiedenen Sprachorte hatten zur Folge, dass Themen wie Fußball, Popmusik, Filme oder Mädchen eher auf Sächsisch besprochen wurden, ob ich die Hausaufgaben gemacht und Flöte geübt hatte, wurde auf Hochdeutsch gefragt. Auf Hochdeutsch wurde über die Dinge diskutiert, die außerhalb der eigenen vier Wände nicht oder nur mit Zurückhaltung Erwähnung fanden. Ich könnte auch sagen, das Politische fand auf Hochdeutsch statt, denn letztlich war fast alles politisch lesbar. Und auch die Koseworte waren keine sächsischen.

An ihnen bemerkte ich zuerst, wie unübersetzbar sie waren. Wurde ein Klassenkamerad von seiner Großmutter „mei Schneggl" genannt, ließ sich das weder mit „mein Schneckchen" übersetzen noch mit „mein Süßchen", wie es meine Großmutter formuliert hätte.

Meine Großmutter war ratlos, als ich ihr auf die Frage, warum ein Freund von mir jetzt kaum noch komme, antwortete: Der hat eine Kirsche. Ich merkte selbst, dass es auf Hochdeutsch falsch klang, denn eigentlich hieß es: Der had ne Girsche, also eine Freundin. Hochdeutsch fühlte sich dann oft an, als würde ich mit geschlossenem Mund Kaugummi kauen müssen. [...]

Manchmal ließ sich der Unterschied zwischen Sächsisch und Hochdeutsch kaum in der Schriftsprache ausdrücken. „Bärisch" - ebenfalls ein Ausdruck für Bewunderung, klingt im korrekten Deutsch nach nichts, auf Sächsisch, ganz weich und langgezogen als bährisch, versteht man sofort, auch wenn man nicht weiß, was dieses Wort eigentlich soll.

Ganz schlimm wurde es, wenn meine Mutter versuchte, sich mit meiner sächsischen Welt gemein zu machen. „Isch geh ma bäbbeln" ließ sich nicht so einfach mit „Ich gehe Fußball spielen" übersetzen. Das meinte: „Ich gehe mal auf den Hof oder auf den Sportplatz. Vielleicht findet sich dort jemand, mit dem ich herumbolzen kann." Ich hätte jede Umschreibung akzeptiert, aber nicht das unsächsisch ausgesprochene: Gehst du päppeln? Oder noch schlimmer, nämlich vor anderen: Geht ihr päppeln?

Andererseits wäre es mir schwergefallen, unsere Familiengespräche ins Sächsische zu übertragen. Damit meine ich nicht nur die Diskussion „kritikwürdiger Zustände", sondern eine bestimmte Art der Unterhaltung, der Umgangsformen. Nicht dass das Hochdeutsche eher erhaben und das Sächsische eher profan wäre. Aber auf Sächsisch war und bin ich ein anderer als auf Hochdeutsch. Es ist nicht nur die Stimme, die anders klingt, es ist nicht nur eine andere Tonfärbung, ein anderes Tempo, eine andere Mimik und Gestik. Man fühlt im Dialekt anders, man ist letztlich ein anderer Mensch.

Deshalb wundere ich mich, dass wir uns offenbar damit abgefunden haben, den Dialekt nicht in unserer Schriftsprache zu verwenden. Was geben wir preis, indem wir darauf verzichten! Es sind mehr als nur Nuancen. Es sind ganze Welten, die wir durch die Hochsprache verdunkeln. [...]

Anmerkungen zum Autor: Ingo Schulze (* 1962 in Dresden) ist ein deutscher Schriftsteller.

Material 5 - Alexandra N. Lenz: Vom Dialekt zur regionalen Umgangssprache

Du kannst auch nach Themen lernen

Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen und dem IQB-Pool aller Jahre.

Alle 8 Themen ansehen

Andere Prüfungen und Aufgaben 2023

GK · „Woyzeck“ als zum Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse aufrufendes politisches Drama (2023) · GK · Brockes: Ein alter umgeweheter Kirsch-Baum (2023) · GK · gendergerechte Sprachverwendung (2023) · GK · Haupttermin (2023) · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023) · GK · Haupttermin (2) (2023) · GK · Keun: Gilgi - eine von uns (2023) · GK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg (2023) · GK · Potenzial von Lyrik (2023) · GK · Sinnhaftigkeit und Umsetzungsmöglichkeiten von diskriminierungsfreiem Schimpfen und Fluchen (2023) · GK · Strauß: Verlorene Liebesmüh (2023) · LK · Aichinger: Seegeister (2023) · LK · Auftreten und Auswirkungen von Hasssprache (2023) · LK · Auswirkungen des Genderns auf die Kommunikation in privaten und beruflichen Zusammenhängen (2023) · LK · Figur Mia Holl (2023) · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023) · LK · Landau/Althaus (2023) · LK · Mörike/Krüger (2023) · LK · Nachtermin (2023) · LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg (2023) · LK · Novak/Lenau (2023) · LK · Polgar: Der Eremit (2023) · LK · Potenzial des Streamens von abgefilmten Theateraufführungen (2023) · LK · Seethaler: Der letzte Satz (2023) · LK · Verständnis und Funktionen von Literatur (2023) · LK · Verwendung von Metaphern im öffentlichen Sprachgebrauch (2023) · LK · Zustand des deutschen Sprachsystems (2023)