Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1: Analyse pragmatischer… · Abitur NRW Deutsch GK · Nachtermin 2021

Thema: Analyse pragmatischer Texte · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2021)

Aufgabenstellung

Vorbemerkung:

Viele Artikel des von Peter Honnen herausgegebenen „Herkunftswörterbuchs der Umgangssprache an Rhein und Ruhr“ stammen aus dem „Rheinische[n] Mitmachwörterbuch“, einem interaktiven Angebot des Landschaftsverbands Rheinland (LVR), das seit 2007 im Netz steht und sich an alle Sprecherinnen und Sprecher des rheinischen Regiolekts als potenzielle Beitragende richtet: Kommentare werden unmittelbar online veröffentlicht, außerdem lassen sich neue Stichwörter und Wortartikel vorschlagen. Vor der Aufnahme ins Wörterbuch werden diese von der Redaktion des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte überprüft. Erwünscht sind ausdrücklich Beispielsätze zur Anwendung, die die Wortartikel ergänzen.

Peter Honnen

Wo kommt dat her? Herkunftswörterbuch der Umgangssprache an Rhein und Ruhr (Textauszug)

Einleitung

Die gesprochene Sprache – seien es die allgemeine Umgangssprache, die Regiolekte oder

auch die Dialekte – gilt für gewöhnlich als die etwas schmuddelige Schwester des Hochdeut-

schen. So wie man im Alltag lieber mit legerer Kleidung herumläuft und sich nur zu bestimm-

ten Gelegenheiten in Schale wirft, bedient man sich im sprachlichen Alltag einer Sprach-

5 variante, die weniger strengen Regeln unterliegt und sich nicht an den im Duden kodifizierten

Wortschatz hält und die deshalb – wie ein sprachlicher Trainingsanzug – ein geringeres Pres-

tige hat, oft sogar als falsch oder zumindest fehlerhaft gilt. Dialektsprecherinnen und -sprecher

können (oder besser: konnten) davon ein Lied singen.

So alt diese Einschätzung ist, so falsch ist sie auch. Die Dialekte sind keineswegs primitive

10 Varianten des Hochdeutschen, sondern alte Vorgängersprachen, die sich bis ins erste Jahr-

tausend zurückverfolgen lassen. Sie sind im Grunde Sprachmuseen, die einen Sprachstand

archivieren, der die Grundlage für die Herausbildung der Hochsprache im 16. Jahrhundert

war.

Auch die regionale Umgangssprache, die immer mehr die alten Dialekte ablöst, ist nicht unbe-

15 dingt falsch, nur weil sie sich nicht an den kodifizierten Regeln orientiert. Die gesprochene

Sprache ging der geschriebenen Sprache immer schon voraus, sie ist das Experimentierfeld,

auf dem ausgelotet wird, wie stark etwa grammatische Konventionen gedehnt oder sogar über

Bord geworfen werden können, wie konsensfähig Regelverstöße in einer Sprachgemeinschaft

sind und wie oder ob die Weichen für künftige Sprachentwicklungen gestellt werden. Ohne

20 die gesprochene Alltagssprache gäbe es keine Sprachentwicklung (was der eine oder die

andere vielleicht sogar befürworten würde). Das gilt sowohl für die Grammatik als auch für

den Wortschatz. Die gesprochene Sprache ist so etwas wie ein Meiler 1, der ununterbrochen

die Hochsprache befeuert und für deren Anpassung an die Sprachwirklichkeit sorgt.

Sie ist aber nicht nur innovativ, sondern auch konservativ. Der umgangssprachliche Wort-

25 schatz bewahrt wie die Dialekte unzählige Wörter, die – aus welchen Gründen auch immer –

nicht den Weg in die Hochsprache gefunden haben. Die sind zwar aus standardsprachlicher

Perspektive im Grunde Abfallprodukte der Sprachentwicklung, aber dennoch sprachgeschicht-

lich hochinteressant, ja oft sogar weitaus älter als ihr hochsprachliches Pendant. Kurz: Dass

ein Wort nicht im Duden zu finden ist, bedeutet nicht, dass es in irgendeiner Weise „weniger

30 wichtig“, „weniger wert“ oder „weniger interessant“ ist. […]

Noch heute lässt die Umgangssprache, die die Menschen zwischen Westfalen und der Pfalz

sprechen, im Wortschatz die zweitausend Jahre alte Eroberungs-, Siedlungs- und Migrations-

geschichte des Rheinlands aufscheinen. Wenn eine Niederrheinerin vom Söller 2 spricht, wenn

ein Kind fimmelich ist und den Teller nicht leer isst, sich eine rheinische Kaffeerunde ein

35 Köppken Kaffee genehmigt, ein Bergmann im Ruhrgebiet in die Waschkaue 3 geht oder die

Nachbarn auf dem Dörpel 4 tratschen, dann benutzen sie Wörter, die in ähnlicher Form schon

die römischen Soldaten im kaiserlichen Trier oder in der großen Metropole Köln gesprochen

haben. […]

Weniger Siedlungsgeschichte als Sprache gewordene Sozialgeschichte steckt dagegen in den

40 vielen französischen und jiddischen Lehnwörtern oder den ungezählten Übernahmen aus dem

Rotwelschen, der berühmten deutschen Gaunersprache. Denn anders als vielfach angenom-

men sind die Französismen 5 in der gesprochenen Sprache keine Relikte der napoleonischen

Besatzungszeit, sondern vielmehr anschauliche Beispiele dafür, wie modische Überreiztheiten

der „gehobenen Kreise“ irgendwann auch das einfache Volk erreichen. […] Diese Brocken

45 wurden nicht nur in den Salons populär (!), sondern schließlich auch auf der Straße, wo sie,

zum Teil lustig entstellt, bis heute quicklebendig geblieben sind; dazu gehören etwa Amarasch

„Aufwand, Getue“, Bagaasch „Familienanhang“, blümerant „benommen“, Dääz „Kopf“,

malad „kränklich“ und Plümmo „Federbett“.

Mit Sprachmoden haben dagegen die Jiddismen 6 in der Alltagssprache nichts zu tun, im

50 Gegenteil: Schon im 19. Jahrhundert wollte das jüdische Bürgertum von solchen Wörtern

nichts mehr wissen und hat sich dafür eher geschämt. Wenn sich dennoch zahlreiche jüdische

Lehnwörter im Rheinischen finden, sind sie zu einem nicht geringen Teil im Kontakt zwischen

jüdischen Viehhändlern, Metzgern oder Hausierern und der rheinischen Landbevölkerung

entstanden. Dazu gehören etwa Daffke „Trotz“, Kaff, Kahn „Gefängnis“, Keiloff „Hund“,

55 Kippe machen „Halbe-Halbe“, malochen, meimeln „regnen, pinkeln“, stickum „leise“ oder

das im Ruhrgebiet bekannte Zachel „Messer“. […]

Aber das Rheinland war nicht nur römische Kolonie, fränkisches Siedlungsgebiet, mittel-

alterliche jüdische Migrationsregion oder französisches Departement, es war auch immer eine

Grenzregion mit vielen Nachbarstaaten und damit Sprachgrenze zum Niederländischen und

60 Französischen – Sprachen, die einen nicht unwesentlichen Einfluss auf das Rheinische hat-

ten. So ist die deutsche Handelssprache stark durch die intensiven flandrisch-brabantischen

Geschäftsbeziehungen des Rheinlands beeinflusst worden. […]

Die rheinische Alltagssprache ist ganz offensichtlich ein Spiegel der für den deutschen Sprach-

raum ungewöhnlich langen und wechselvollen Geschichte des Rheinlands und seiner unge-

65 wöhnlichen geografischen Situation entlang zweier Sprachgrenzen. Doch das ist nur ein

Aspekt. Das Rheinische ist als Regiolekt, als regionale Umgangssprache, auch Erbe der alten

Dialekte, die im sprachlichen Alltag in ihrer eigentlichen Form kaum noch zu hören sind.

Oft als Hochdeutsch auf Klompen oder noch drastischer als Hochdeutsch mit Streifen ver-

unglimpft, ist die aktuelle gesprochene Sprache im Rheinland dennoch das letzte Refugium

70 für manche regionaltypischen Mundartwörter. Und es ist manchmal sogar erstaunlich, welch

wirklich exklusiv rheinische Begriffe mit nur geringer Reichweite heute noch von Menschen

zu hören sind, die nie Dialekt gesprochen haben. Dazu gehören etwa Fumm „dickes Butter-

brot“, die Eifler Wendung int Gewatt kommen „sich einspielen“, kiwief „reaktionsschnell,

intelligent“, […] oder Ambach in der Frage Wat is Ambach? „Was ist los?“. „Exklusiv rhei-

75 nisch“ muss dabei nicht unbedingt bedeuten, dass die entsprechenden Wörter rheinische

„Erfindungen“ sind, im Gegenteil können auch sie Lehnwörter sein, die wie […] Ambach

eine vorgermanische Wortgeschichte haben. Im Fall von Letzterem ist die sogar eine ganz

besondere, denn Ambach ist eines der ganz wenigen keltischen Wörter, die wir kennen (gal-

lisch ambactus „Dienstmann“). Warum sich im nördlichen Rheinland, und nur hier, die alte

80 Form (die im Hochdeutschen zu Amt geworden ist) nahezu unverändert gehalten hat, ist eine

bislang unbeantwortete Frage.

Wie überhaupt der umgangssprachliche Wortschatz manches Rätsel birgt. […]

Das ist bei einer Sprache, die nur gesprochen und ganz selten einmal aufgeschrieben wird,

nicht anders zu erwarten. Das macht sie eigentlich erst spannend. Aber auch wenn viele Rätsel

85 bleiben, kann ein etymologisches Wörterbuch des Rheinischen die gesprochene Sprache in

einem ungewohnten oder gar neuen Licht erscheinen und ihr Gerechtigkeit widerfahren las-

sen. […]

So ist, wenn man so will, die Rehabilitation des alltagssprachlichen Wortschatzes und seiner

Sprecherinnen und Sprecher im Rheinland das eigentliche Anliegen dieses Buches. Es will

90 zeigen, dass die gesprochene Sprache ebenso alte Wurzeln wie die Hochsprache hat, dass das

Rheinische noch heute, anders als die alles vereinheitlichende Standardsprache, ein sprechen-

des Zeugnis der außergewöhnlichen rheinischen Geschichte ist und als sprachliches Kleid

deshalb weit besser zu seinen Sprecherinnen und Sprechern passt als der im Duden kodifi-

zierte Wortschatz. Sie sollten es deshalb nicht ablegen, sondern im Gegenteil bei allen sich

95 bietenden Gelegenheiten selbstbewusst vorführen.

Worterläuterungen:

1 Meiler: ein mit Erde, Rasenstücken u. a. abgedeckter Holzhaufen zur Gewinnung von Holzkohle durch einen kontrollierten Brand

2 Söller: rheinisch Dachboden, Speicher

3 Waschkaue: Bergmannssprache Waschraum

4 Dörpel: rheinisch Treppenabsatz vor der Haustür

5 Französismen: ähnlich wie in Anglizismen Anlehnung an die französische Sprache

6 Jiddismen: ähnlich wie in Anglizismen Anlehnung an die jüdische Sprache

Anmerkung zum Autor:

Peter Honnen, geb. 1954, ist ein deutscher Sprachwissenschaftler.

Aufgabenstellung 1

1. Analysieren Sie die „Einleitung“ von Peter Honnen zu seinem „Herkunftswörterbuch der Umgangssprache an Rhein und Ruhr“ und legen Sie dabei einen besonderen Schwerpunkt auf das Sprachverständnis, das ihr zugrunde liegt. [36 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1: Analyse pragmatischer… · Abitur NRW Deutsch GK · Nachtermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie die „Einleitung“ von Peter Honnen zu seinem „Herkunftswörterbuch der Umgangssprache an Rhein und Ruhr“ und legen Sie dabei einen besonderen Schwerpunkt auf das Sprachverständnis, das ihr zugrunde liegt.

Lösung: Individuelle textanalytische Ausarbeitung gemäß den Kriterien des ministeriellen Erwartungshorizonts.

Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium

Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.

‹ Aufgabe HT 1 - Aufgabe 1 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021 · Aufgabe · GK · Umgang mit digital vermittelten Spr 2021 ›

Mehr Aufgaben zu Analyse pragmatischer Texte