Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2: Literarische Erörterun… · Abitur NRW Deutsch GK · Nachtermin 2021
Thema: Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2021)
Aufgabenstellung
Gotthold Ephraim Lessing
Die Parabel
Ein weiser tätiger König eines großen großen Reiches, hatte in seiner Hauptstadt einen
Palast von ganz unermeßlichem Umfange, von ganz besonderer Architektur.
Unermeßlich war der Umfang, weil er in selbem alle um sich versammelt hatte, die er als
Gehülfen oder Werkzeuge seiner Regierung brauchte.
5 Sonderbar war die Architektur: denn sie stritt so ziemlich mit allen angenommenen Regeln;
aber sie gefiel doch, und entsprach doch.
Sie gefiel: vornehmlich durch die Bewunderung, welche Einfalt und Größe erregen, wenn
sie Reichtum und Schmuck mehr zu verachten, als zu entbehren scheinen.
Sie entsprach: durch Dauer und Bequemlichkeit. Der ganze Palast stand nach vielen vielen
10 Jahren noch in eben der Reinlichkeit und Vollständigkeit da, mit welcher die Baumeister die
letzte Hand angelegt hatten: von außen ein wenig unverständlich; von innen überall Licht und
Zusammenhang.
Was Kenner von Architektur sein wollte, ward besonders durch die Außenseiten beleidi-
get, welche mit wenig hin und her zerstreuten, großen und kleinen, runden und viereckten
15 Fenstern unterbrochen waren; dafür aber desto mehr Türen und Tore von mancherlei Form
und Größe hatten.
Man begriff nicht, wie durch so wenige Fenster in so viele Gemächer genugsames Licht
kommen könne. Denn daß die vornehmsten derselben ihr Licht von oben empfingen, wollte
den wenigsten zu Sinne.
20 Man begriff nicht, wozu so viele und vielerlei Eingänge nötig wären, da ein großes Portal
auf jeder Seite ja wohl schicklicher wäre, und eben die Dienste tun würde. Denn daß durch
die mehreren kleinen Eingänge ein jeder, der in den Palast gerufen würde, auf dem kürzesten
und unfehlbarsten Wege, gerade dahin gelangen solle, wo man seiner bedürfe, wollte den
wenigsten zu Sinne.
25 Und so entstand unter den vermeinten Kennern mancherlei Streit, den gemeiniglich die-
jenigen am hitzigsten führten, die von dem Innern des Palastes viel zu sehen, die wenigste
Gelegenheit gehabt hatten.
Auch war da etwas, wovon man bei dem ersten Anblicke geglaubt hätte, daß es den Streit
notwendig sehr leicht und kurz machen müsse, was ihn aber gerade am meisten verwickelte,
30 was ihm gerade zur hartnäckigsten Fortsetzung die reichste Nahrung verschaffte. Man glaubte
nämlich verschiedne alte Grundrisse zu haben, die sich von den ersten Baumeistern des Palas-
tes herschreiben sollten: und diese Grundrisse fanden sich mit Worten und Zeichen bemerkt,
deren Sprache und Charakteristik so gut als verloren war.
Ein jeder erklärte sich daher diese Worte und Zeichen nach eignem Gefallen. Ein jeder
35 setzte sich daher aus diesen alten Grundrissen einen beliebigen Neuen zusammen; für welchen
Neuen nicht selten dieser und jener sich so hinreißen ließ, daß er nicht allein selbst darauf
schwor, sondern auch andere darauf zu schwören, bald beredte, bald zwang.
Nur wenige sagten: „was gehen uns eure Grundrisse an? Dieser oder ein andrer: sie sind
uns alle gleich. Genug, daß wir jeden Augenblick erfahren, daß die gütigste Weisheit den gan-
40 zen Palast erfüllet, und daß sich aus ihm nichts als Schönheit und Ordnung und Wohlstand
auf das ganze Land verbreitet.“
Sie kamen oft schlecht an, diese Wenigen! Denn wenn sie lachenden Muts manchmal
einen von den besondern Grundrissen ein wenig näher beleuchteten, so wurden sie von denen,
welche auf diesen Grundriß geschworen hatten, für Mordbrenner des Palastes selbst ausge-
45 schrien.
Aber sie kehrten sich daran nicht, und wurden gerade dadurch am geschicktesten, denje-
nigen zugesellet zu werden, die innerhalb des Palastes arbeiteten, und weder Zeit noch Lust
hatten, sich in Streitigkeiten zu mengen, die für sie keine waren.
Einsmals, als der Streit über die Grundrisse nicht sowohl beigelegt, als eingeschlummert
50 war, – einsmals um Mitternacht erscholl plötzlich die Stimme der Wächter: Feuer! Feuer in
dem Palaste!
Und was geschah? Da fuhr jeder von seinem Lager auf; und jeder, als wäre das Feuer nicht
in dem Palaste, sondern in seinem eignen Hause, lief nach dem Kostbarsten, was er zu haben
glaubte, – nach seinem Grundrisse. „Laßt uns den nur retten! dachte jeder. Der Palast kann
55 dort nicht eigentlicher verbrennen, als er hier stehet!“
Und so lief ein jeder mit seinem Grundrisse auf die Straße, wo, anstatt dem Palaste zu
Hülfe zu eilen, einer dem andern es vorher in seinem Grundrisse zeigen wollte, wo der Palast
vermutlich brenne. „Sieh, Nachbar! hier brennt er! Hier ist dem Feuer am besten beizukom-
men. – Oder hier vielmehr, Nachbar; hier! – Wo denkt ihr beide hin? Er brennt hier! – Was
60 hätt es für Not, wenn er da brennte? Aber er brennt gewiss hier! – Lösch ihn hier, wer da will.
Ich lösch ihn hier nicht. – Und ich hier nicht! – Und ich hier nicht! –
Über diese geschäftigen Zänker hätte er denn auch wirklich abbrennen können, der Palast;
wenn er gebrannt hätte. – Aber die erschrocknen Wächter hatten ein Nordlicht für eine Feuers-
brunst gehalten.
Anmerkungen:
Diese Parabel veröffentlichte Lessing 1778 im dritten Buch seines Anti-Goeze, einer Sammlung von Streitschriften zwischen Lessing und dem Hamburger Hauptpastor Goeze, einem orthodoxen Lutheraner. Anlass der Auseinandersetzung – des sogenannten Fragmentenstreits – war die Veröffentlichung religionskritischer Schriften von Hermann Samuel Reimarus durch Lessing.
2. Setzen Sie diese Parabel zur Ringparabel aus Lessings „Nathan der Weise“ in Beziehung. Deuten Sie beide Parabeln unter Rückgriff auf Ihr Wissen über Lessings Auffassung von Aufklärung und Religion. [30 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Setzen Sie diese Parabel zur Ringparabel aus Lessings „Nathan der Weise“ in Beziehung. Deuten Sie beide Parabeln unter Rückgriff auf Ihr Wissen über Lessings Auffassung von Aufklärung und Religion.
Lösung: Individuelle vergleichende und erörternde Ausarbeitung unter Einbezug von Lessings „Nathan der Weise“ und dessen aufklärerischem Religionsverständnis.
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