Abitur NRW Deutsch 2021 · GK · regulierende Eingriffe in den Gebrauch der deutschen Sprache aus Gründen der Gendergerechtigkeit
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2021, GK · regulierende Eingriffe in den Gebrauch der deutschen Sprache aus Gründen der Gendergerechtigkeit: 1 Teilaufgabe…
Themen der Prüfung: Materialgestütztes Verfassen von Texten
Aufgabe · Materialgestütztes Verfassen von Texten
Aufgabenstellung
Eine überregionale Tageszeitung veröffentlicht regelmäßig Artikel über Entwicklungstendenzen der Gegenwartssprache. Verfassen Sie als Gastbeitrag zu dieser Reihe einen Kommentar, in dem Sie sich zur folgenden Frage begründet positionieren: „Sollte in den Gebrauch der deutschen Sprache aus Gründen der Gendergerechtigkeit regulierend eingegriffen werden?“
Nutzen Sie dazu die folgenden Materialien (M1–M8) und beziehen Sie unterrichtliches Wissen und eigene Erfahrungen ein.
Formulieren Sie eine geeignete Überschrift.
Ihr Kommentar sollte etwa 800 Wörter umfassen.
Materialien
Material 1: Matthias Heine: Warum die Gendersternchen-Debatte so deprimierend ist (2018)
Spätere Zeitalter werden unsere Debatten über Gender und gerechte Sprache vielleicht einmal genauso distanziert belächeln, wie wir es heute nicht mehr nachvollziehen können, dass einmal Religionskriege sich an unterschiedlichen Auffassungen darüber, was beim Abendmahl geschieht, entzündeten. Vor allem wird man darüber lachen, wie versucht wurde, Glaubensbehauptungen mithilfe der Wissenschaften zu beweisen. […]
In Deutschland herrscht seit Wilhelm von Humboldt¹ der quasireligiöse Glaube, Sprache lenke unsere Sicht auf die Welt. Daher die besonders krasse German Linguistic Angst vor dem falschen Sprachgebrauch. Es gibt aber Grund zu der Annahme, dass auch hier – marxistisch² gesprochen – die Basis den Überbau bestimmt. Wenn also Kinder sich unter Astronauten auch Frauen vorstellen sollen, müssten mehr Astronautinnen ins All geschickt werden, statt sie sprachlich hervorzuheben. Bei den Pluralen Lehrer oder Bundeskanzler denken Kinder schon jetzt vor allem an Frauen.
Die Debatte zeigt aber auch sonst die Linguistik in einem trostlosen Licht. Beide Parteien gebrauchen unhinterfragt den Begriff „generisches Maskulinum“ für Formen wie Lehrer oder Astronauten. Es handelt sich aber um neutrale Formen, die aus sprachhistorischen Gründen die gleiche Gestalt haben wie Maskulina – so wie das Pluralpronomen sie die gleiche Form hat wie das weibliche Pronomen für die dritte Person Singular, ohne dass deshalb jemand glaubt, es bedeute das Gleiche. […]
¹ Wilhelm von Humboldt: Der deutsche Gelehrte und Politiker Wilhelm von Humboldt (1767–1835) war der Ansicht, dass die Sprache das Denken bestimme, weil jede Einzelsprache aufgrund ihrer jeweiligen Besonderheiten die Erfahrungen und Weltwahrnehmung ihrer Nutzerinnen und Nutzer anders beeinflusse.
² marxistisch: Die nach dem deutschen Philosophen Karl Marx (1818–1883) benannte Lehre des Marxismus basiert auf der Annahme, dass das Sein, d. h. die ökonomische Basis, das Bewusstsein und somit den Überbau, d. h. die rechtlichen und politischen Einrichtungen des Staatsapparates, bestimmt.
Heine, Matthias (08.06.2018): Warum die Gendersternchen-Debatte so deprimierend ist. <https://www.welt.de/kultur/article177239024/Gerechte-Sprache-Warum-die-Gendersternchen-Debatte-so-deprimierend-ist.html>. 21.01.2020
Matthias Heine (*1961) ist Feuilletonredakteur der Zeitung „Die Welt“.
Material 2: Anatol Stefanowitsch: Wir müssen unsere Sprache ändern (2018)
Gendergerechte Sprache ist eine gesellschaftliche Forderung, mit der man sich auseinandersetzen muss – egal ob man ihr zustimmt oder nicht. Je weiter die Gleichstellung voranschreitet, desto lauter werden auch die Stimmen, die sich eine Änderung der Sprache wünschen. Und das ist berechtigt, wie Studien belegen.
Das sogenannte generische Maskulinum, die männliche Form im Plural wie bei „die Studenten“ oder „die Beamten“, wird meist als ein tatsächliches Maskulinum gelesen, also eben nicht geschlechtsneutral. Man liest es, und vor dem inneren Auge erscheint eine Gruppe Männer. Das zeigen Dutzende wissenschaftliche Experimente. Aus ihnen geht hervor, dass maskuline Formen, selbst mit der generischen Intention, häufiger männlich interpretiert werden. Bis erkannt wird, dass nur oder auch Frauen im entsprechenden Kontext gemeint sind, braucht es Zeit. Ob sich Frauen vom generischen Maskulinum angesprochen fühlen, ist zweitrangig. Tatsache ist, dass sie nicht angesprochen werden. […]
Die Aufregung bei diesem Thema liegt zum Teil an den Sprachgewohnheiten der Leute. Sie wollen nicht ändern, was sie sich jahrelang angewöhnt haben. Doch Bequemlichkeit ist für mich kein Argument. Schlechte Gewohnheiten müssen wir uns abgewöhnen – so wie Rauchen inzwischen oft verpönt ist und wir gelernt haben, von „Studierenden“ zu sprechen.
Manche akzeptieren diesen Schritt grundsätzlich nicht, halten ihn für ideologisch – das ist ihr gutes Recht. Doch ich bin der Meinung, jeder sollte sich über geschlechtergerechte Sprache Gedanken machen. Was ich ablehne: eine amtliche oder gesetzliche Regelung. Es gibt nicht nur eine richtige Variante. Wir sollten aber unsere Mitmenschen ermutigen, ihre Sprache zu hinterfragen – wie es der Dudenverlag mit einer Auswahl an Möglichkeiten als Empfehlung zum „richtigen Gendern“ getan hat.
Stefanowitsch, Anatol: Wir müssen unsere Sprache ändern. In: Der SPIEGEL, aufgezeichnet von Vivien Krüger (13.08.2018): Kann Sprache die Gesellschaft ändern? <https://www.spiegel.de/spiegel/unispiegel/geschlechtergerechte-sprache-brauchen-wir-das-a-1219042.html>. 09.04.2020
Anatol Stefanowitsch (*1970) hat eine Professur für Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin.
Material 3: Johanna Usinger: Das Genderwörterbuch. Geschickt gendern (2015)
Die für eine Veröffentlichung erforderlichen Nutzungsrechte wurden für Material 3 nicht erteilt. Der Text kann über folgenden Link abgerufen werden: https://geschicktgendern.de/tipps-und-tricks/geschicktes-gendergerechtes-formulieren/
Material 4: Würfel für Unentschlossene (2017)
Gäckle, Annelene (2017): ÜberzeuGENDERe Sprache. Leitfaden für eine geschlechtersensible und inklusive Sprache. <https://gedim.uni-koeln.de/sites/genderqm/user_upload/Leitfaden_geschlechtersensible_Sprache_5.Auflage_2017.pdf>. 03.09.2019
Material 5: Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, Artikel 3, Absatz 2 (1994)
Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (1949; Fassung vom 15. November 1994). <https://www.bundestag.de/parlament/aufgaben/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_01/245122>. 03.09.2019
Material 6: Thomas Wagner: Ein Zwang darf nicht entstehen (2018)
Ich wünsche mir eine gerechtere Gesellschaft. Wenn Frauen aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt werden, finde ich das schwierig. Aber ich glaube nicht, dass diese Nachteile wegfallen, nur weil wir eine geschlechtsneutrale Sprache einführen. […]
Eine große Gruppe von Menschen fühlt sich benachteiligt. Ihnen müssen wir helfen: alleinstehende Mütter unterstützen, unser Bildungssystem gerechter gestalten. Das finde ich wichtiger. Erst wenn wir sozialpolitisch einen gewissen Standard erreicht haben, sollten wir uns über die Sprache Gedanken machen.
Die Gefahr, Menschen durch gendergerechte Sprache auszuschließen, besteht aber auch dann weiterhin. Während meiner Arbeit mit geistig behinderten Jugendlichen habe ich das Konzept der leichten Sprache kennengelernt. Die Idee: Wort- und Schriftsprache so zu vereinfachen, dass sie für Personen mit Lernschwierigkeiten zu erfassen ist, aber trotzdem nichts Wesentliches auslässt.
Das Problem von sprachpolitischen Varianten – wie dem Binnen-I oder dem Gendersternchen – ist, dass sie keine leichte Sprache mehr sind, sondern superschwer. Wie soll man die Wörter denn aussprechen, wenn man sie liest? Das heißt: Für geistig Behinderte oder Analphabeten sind sie extrem schwierig zu verstehen.
Ich bin nicht generell gegen eine Sprachveränderung. Wir sollten immer versuchen, mit Sprache zu experimentieren, Neues zu entdecken und Bekanntes zu hinterfragen. Aber sobald Sprache angepasst wird, um moralische Vorstellungen durchzusetzen, und alle, die sich dem widersetzen, verurteilt werden, spaltet das die Gesellschaft. Ein Zwang entsteht. Wird dieser Zwang von Behörden übernommen, also institutionalisiert, sehe ich darin ein Problem. Dann geht es nicht mehr um den Inhalt, sondern um bürokratische Vorgaben von oben herab.
Wagner, Thomas: Ein Zwang darf nicht entstehen. In: Der SPIEGEL, aufgezeichnet von Vivien Krüger (13.08.2018): Kann Sprache die Gesellschaft ändern? <https://www.spiegel.de/spiegel/unispiegel/geschlechtergerechte-sprache-brauchen-wir-das-a-1219042.html>. 09.04.2020
Thomas Wagner (*1967) ist Kultursoziologe und hat zahlreiche politisch-soziologische Sachbücher verfasst.
Material 7: Heidi Aichinger: Wirklichkeiten konstruieren (2018)
Sprache, sagt Lera Boroditsky¹, ist Teil unserer universellen menschlichen Erfahrung. Es gibt nichts, worüber wir Menschen nicht sprechen können – und so formt Sprache auch die Art, wie wir über Dinge, Beobachtungen oder Erfahrungen denken. Und es ist nicht nur so, dass die Verschiedenheiten der Wahrnehmung etwa im Vergleich unterschiedlicher Kulturen und Sprachen groß sind – sie sind auch erheblich in der Konversation zwischen Individuen der gleichen Sprache und Kultur. „Als Methode der Kommunikation ist Sprache nicht perfekt“, sagt Boroditsky, „und gleichzeitig ist es die beste, die wir haben.“ […]
Sprache ist laut Boroditsky in der Lage, Bereiche wie Orientierung (Zeit und Raum), aber auch Zahlen oder Geschlechter im Gehirn zu formen. „Das kann starke Auswirkungen haben, zum Beispiel auch dann, wenn man Geschlechter zuschreibt“, sagt sie. „Etwa bei ‚die Brücke‘ im Deutschen und ‚el puente‘ (,der Brücke‘) im Spanischen.“ Bitte man Probanden, diesen Dingen drei Eigenschaften zuzuschreiben, würden Deutsch sprechende Menschen die Brücke als elegant, filigran oder schön beschreiben, während Spanisch sprechende Menschen mit männlichen Attributen wie stark oder mächtig arbeiten würden. Bemerkenswert dabei sei, so Boroditsky, dass die Menschen glauben, dieses zugeschriebene, konstruierte Geschlecht sage tatsächlich etwas über das Objekt aus. Es gebe Anhaltspunkte dafür, fährt sie fort, dass diese Geschlechtszuweisungen auch Auswirkungen auf die Politik haben. So wurde etwa beschrieben, dass es in Ländern mit weiblichen und männlichen sprachlichen Geschlechtszuschreibungen höhere Tendenzen zu einem Gender Pay Gap oder einer Unterrepräsentanz von Frauen in den Regierungen gebe, so die Forscherin weiter. […]
¹ Lera Boroditsky (*1976) ist Professorin für Kognitions- und Sprachwissenschaft.
Aichinger, Heidi (24.09.2018): Wirklichkeiten konstruieren. <https://www.forbes.at/artikel/wirklichkeiten-konstruieren.html>. 21.01.2020
Heidi Aichinger ist Herausgeberin der deutschsprachigen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Forbes.
Material 8: Richard Schröder: Genus ist nicht sexus (2018)
Ein Lehrer ist eine Person, die lehrt. Dieses Wort hat das grammatische Geschlecht (= genus) „männlich“ oder lateinisch „maskulin“. Wäre ein Lehr-er eine Person, die lehrt, und außerdem nach dem biologischen Geschlecht (= sexus) männlich ist, wäre die Lehr-er-in eine Person, die lehrt, männlichen (-er-) und zudem weiblichen (-in) Geschlechts (sexus) ist, also ein biologischer Zwitter. Das ist aber offenbar nicht gemeint. Im Deutschen gibt es nur eine Täter-Endung, nämlich -er, und die ist männlich (qua genus, nicht qua sexus). Weder der Hocker noch der Seufzer haben einen Penis. Sind wir inzwischen vielleicht so heftig sexualisiert, dass wir den Unterschied zwischen genus und sexus gar nicht mehr wahrnehmen? Merke: Genus ist nicht sexus. Im Lateinischen ist das anders. Da heißt der männliche (sexus) Sieger victor und der weibliche (sexus) Sieger victrix. Wenn wir das nachmachen wollten, müsste aus der Lehrerin die Lehrin werden. Ärztin ginge ja, Rechtsanwältin auch, bloß die Malerin, das wäre schon wieder ein Zwitter. […]
Ein genus indefinitum, das wäre doch die Lösung. Eine Endung für eine Person, die studiert, egal ob männlichen oder weiblichen Geschlechts; ein Mensch, der (oder die) im Besitz der Bürgerrechte ist, egal ob männlich oder weiblich, das würde für die Studenten, die nun Studierende heißen sollen, auch im Singular Klarheit schaffen („jeder Studierende“ ist ja nicht gendergerecht!) und das Geklapper von „Bürgerinnen und Bürger“ entbehrlich machen.
Machen wir doch einmal den Versuch. E, i, a sind in „der, die, das“ schon vergeben, das U in du auch, bleibt also als möglicher Artikel nur übrig: do, Plural dos. Do Studento: eine bestimmte studierende Person beliebigen Geschlechts; dos studentos: die studierenden Personen beliebigen Geschlechts. Das wäre doch die sauberste Lösung. Bloß: Diese Lautfolgen sind in der deutschen Phonetik nicht vorgesehen. Das klingt nicht deutsch, sondern (für uns) eher spanisch oder nach Esperanto. Und so gewaltige Eingriffe in die Sprache wie die Einführung eines vierten genus („liebe Einwohnos“) sind nur diktatorisch durch Strafen durchsetzbar (wenn überhaupt), also freiheitsfeindlich. Sprachen übrigens bestehen aus Regeln – und Ausnahmen. Es ist da nicht alles immer ganz konsequent – wie im wirklichen Leben. […]
Schröder, Richard (17.12.2018): Genus ist nicht sexus. <https://www.welt.de/print/die_welt/debatte/article185627376/Essay-Genus-ist-nicht-sexus.html>. 21.01.2020
Richard Schröder (*1943) ist promovierter Philosoph und Theologe.
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen und dem IQB-Pool aller Jahre.
- Analyse pragmatischer Texte · 62 Aufgaben · 40 % Wahrscheinlichkeit
- Interpretation lyrischer Texte · 45 Aufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
- Erörterung pragmatischer Texte · 30 Aufgaben · 30 % Wahrscheinlichkeit
- Interpretation epischer Texte · 35 Aufgaben · 25 % Wahrscheinlichkeit
- Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · 45 Aufgaben · 20 % Wahrscheinlichkeit
- Materialgestütztes Verfassen von Texten · 15 Aufgaben · 15 % Wahrscheinlichkeit
Andere Prüfungen und Aufgaben 2021
GK · Bächler/Kunert (2021) · GK · Haupttermin (2021) · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021) · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021) · GK · Hesse/Heine (2021) · GK · Nachtermin (2021) · GK · Uhland: Reisen (2021) · GK · Umgang mit digital vermittelten Sprachnachrichten (2021) · LK · Deutung der Figur Mephisto (2021) · LK · Domin/Kunert (2021) · LK · Framing (2021) · LK · gesellschaftliche und sprachpraktische Auswirkungen einer genderneutralen Sprachverwendung (2021) · LK · Handke: Die linkshändige Frau (2021) · LK · Haupttermin (2021) · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021) · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021) · LK · Hesse: Der Maler (2021) · LK · Motiv der Großstadt in der Literatur der frühen Moderne am Beispiel Berlins (2021) · LK · Nachtermin (2021) · LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg (2021) · LK · Sprachkritik und Sprachpflege im aktuellen und historischen Kontext (2021) · LK · Sprachveränderungen infolge des Gebrauchs geschlechtergerechter Sprache (2021) · LK · Verwendung einer genderneutralen Sprache in Schulen (2021)