Abitur NRW Deutsch 2021 · LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg

Abiturprüfung Deutsch in Nordrhein-Westfalen 2021, LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg: 6 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Interpretation lyrischer Texte.

Themen der Prüfung: Interpretation lyrischer Texte · Interpretation epischer Texte · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Analyse pragmatischer Texte · Sprachreflexion und Sprachtheorien

Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1 · Analyse pragmatischer Texte

Heinrich von Kleist

Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden 1 (Textauszug)

An R[ühle] v[on] L[ilienstern]

Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein

lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen.

Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob

du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen. Ich

5 sehe dich zwar große Augen machen, und mir antworten, man habe dir in frühern Jahren den

Rat gegeben, von nichts zu sprechen, als nur von Dingen, die du bereits verstehst. Damals

aber sprachst du wahrscheinlich mit dem Vorwitz, andere, ich will, daß du aus der verstän-

digen Absicht sprechest, dich zu belehren, und so könnten, für verschiedene Fälle verschie-

den, beide Klugheitsregeln vielleicht gut neben einander bestehen. Der Franzose sagt, l’appétit

10 vient en mangeant², und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodiert, und sagt,

l’idée vient en parlant³. Oft sitze ich an meinem Geschäftstisch über den Akten, und erforsche,

in einer verwickelten Streitsache, den Gesichtspunkt, aus welchem sie wohl zu beurteilen

sein möchte. Ich pflege dann gewöhnlich ins Licht zu sehen, als in den hellsten Punkt, bei

dem Bestreben, in welchem mein innerstes Wesen begriffen ist, sich aufzuklären. Oder ich

15 suche, wenn mir eine algebraische Aufgabe vorkommt, den ersten Ansatz, die Gleichung, die

die gegebenen Verhältnisse ausdrückt, und aus welcher sich die Auflösung nachher durch

Rechnung leicht ergibt. Und siehe da, wenn ich mit meiner Schwester davon rede, welche

hinter mir sitzt, und arbeitet, so erfahre ich, was ich durch ein vielleicht stundenlanges Brüten

nicht herausgebracht haben würde. Nicht, als ob sie es mir, im eigentlichen Sinne sagte; denn

20 sie kennt weder das Gesetzbuch, noch hat sie den Euler, oder den Kästner⁴ studiert. Auch nicht,

als ob sie mich durch geschickte Fragen auf den Punkt hinführte, auf welchen es ankommt,

wenn schon dies letzte häufig der Fall sein mag. Aber weil ich doch irgend eine dunkle Vor-

stellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt,

wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in

25 der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung

zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis, zu meinem Erstaunen, mit der

Periode fertig ist. Ich mische unartikulierte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die

Länge, gebrauche auch wohl eine Apposition⁵, wo sie nicht nötig wäre, und bediene mich

anderer, die Rede ausdehnender, Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte

30 der Vernunft, die gehörige Zeit zu gewinnen. Dabei ist mir nichts heilsamer, als eine Bewe-

gung meiner Schwester, als ob sie mich unterbrechen wollte; denn mein ohnehin schon ange-

strengtes Gemüt wird durch diesen Versuch von außen, ihm die Rede, in deren Besitz es sich

befindet, zu entreißen, nur noch mehr erregt, und in seiner Fähigkeit, wie ein großer General,

wenn die Umstände drängen, noch um einen Grad höher gespannt. In diesem Sinne begreife

35 ich, von welchem Nutzen Molière⁶ seine Magd sein konnte; denn wenn er derselben, wie er

vorgibt, ein Urteil zutraute, das das seinige berichten konnte, so ist dies eine Bescheidenheit,

an deren Dasein in seiner Brust ich nicht glaube. Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeiste-

rung für denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegenübersteht; und

ein Blick, der uns einen halbausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt, schenkt

40 uns oft den Ausdruck für die ganze andere Hälfte desselben. Ich glaube, daß mancher große

Redner, in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde.

Aber die Überzeugung, daß er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen, und

der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug,

den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen. Mir fällt jener „Donnerkeil“ des Mirabeau⁷ ein,

45 mit welchem er den Zeremonienmeister⁸ abfertigte, der nach Aufhebung der letzten monarchi-

schen Sitzung des Königs am 23. Juni, in welcher dieser den Ständen auseinander zu gehen

anbefohlen hatte, in den Sitzungssaal, in welchem die Stände noch verweilten, zurückkehrte,

und sie befragte, ob sie den Befehl des Königs vernommen hätten? „Ja“, antwortete Mirabeau,

„wir haben des Königs Befehl vernommen“ – ich bin gewiß, daß er, bei diesem humanen An-

50 fang, noch nicht an die Bajonette dachte, mit welchen er schloß: „ja, mein Herr“, wiederholte

er, „wir haben ihn vernommen“ – man sieht, daß er noch gar nicht recht weiß, was er will.

„Doch was berechtigt Sie“ – fuhr er fort, und nun plötzlich geht ihm ein Quell ungeheurer

Vorstellungen auf – „uns hier Befehle anzudeuten? Wir sind die Repräsentanten der Nation.“ –

Das war es was er brauchte! „Die Nation gibt Befehle und empfängt keine.“ – um sich gleich

55 auf den Gipfel der Vermessenheit zu schwingen. „Und damit ich mich Ihnen ganz deutlich

erkläre“ – und erst jetzo findet er, was den ganzen Widerstand, zu welchem seine Seele ge-

rüstet dasteht, ausdrückt: „so sagen Sie Ihrem Könige, daß wir unsre Plätze anders nicht, als

auf die Gewalt der Bajonette verlassen werden.“ Worauf er sich, selbstzufrieden, auf einen

Stuhl niedersetzte. – Wenn man an den Zeremonienmeister denkt, so kann man sich ihn bei

60 diesem Auftritt nicht anders, als in einem völligen Geistesbankerott vorstellen; nach einem

ähnlichen Gesetz, nach welchem in einem Körper, der von dem elektrischen Zustand Null ist,

wenn er in eines elektrisierten Körpers Atmosphäre kommt, plötzlich die entgegengesetzte

Elektrizität erweckt wird. Und wie in dem elektrisierten dadurch, nach einer Wechselwirkung,

der ihm innewohnende Elekrizitätsgrad wieder verstärkt wird, so ging unseres Redners Mut,

65 bei der Vernichtung seines Gegners, zur verwegensten Begeisterung über. Vielleicht, daß

es auf diese Art zuletzt das Zucken einer Oberlippe war, oder ein zweideutiges Spiel an der

Manschette, was in Frankreich den Umsturz der Ordnung der Dinge bewirkte. Man liest, daß

Mirabeau, sobald der Zeremonienmeister sich entfernt hatte, aufstand, und vorschlug: 1) sich

sogleich als Nationalversammlung, und 2) als unverletzlich, zu konstituieren. Denn dadurch,

70 daß er sich, einer Kleistischen Flasche⁹ gleich, entladen hatte, war er nun wieder neutral ge-

worden, und gab, von der Verwegenheit zurückgekehrt, plötzlich der Furcht vor dem Chate-

let¹⁰, und der Vorsicht, Raum. – […]

Ein solches Reden ist ein wahrhaftes lautes Denken. Die Reihen der Vorstellungen und ihrer

Bezeichnungen gehen neben einander fort, und die Gemütsakten für eins und das andere, kon-

75 gruieren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des

Geistes, sondern wie ein zweites, mit ihm parallel fortlaufendes, Rad an seiner Achse. […]

1 Der in Briefform verfasste Aufsatz aus dem Jahr 1805 sollte, so wird vermutet, ursprünglich in der Zeitschrift Phöbus oder aber dem Morgenblatt für gebildete Stände erscheinen, wurde dann aber erst posthum in der Zeitschrift Nord und Süd publiziert.

2 l’appétit vient en mangeant (franz.): der Appetit kommt mit dem Essen

3 l’idée vient en parlant (franz.): die Idee kommt beim Reden

4 Leonhard Euler (1707 – 1783); Abraham Gotthelf Kästner (1719 – 1800): Mathematiker

5 Apposition: substantivisches Attribut, das sein Bezugswort näher beschreibt

6 Molière (1622 – 1673): französischer Dramatiker

7 Marquis de Mirabeau, Honoré Gabriel de Riqueti (1749 – 1791): französischer Politiker, Schriftsteller und Publizist in der Zeit der Aufklärung, Anhänger der Revolution

8 Zeremonienmeister: für die Einhaltung des Hofzeremoniells verantwortliche Person

9 Kleistische Flasche: Flaschenkonstruktion, mit der eine elektrische Spannung aufgebaut werden kann

10 Chatelet: gemeint ist hier ein Gefängnis in Paris

1. Analysieren Sie den Auszug aus Heinrich von Kleists Brief „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ daraufhin, wie darin das Verhältnis von Sprache und Denken dargestellt wird. Untersuchen Sie dabei ebenso den Gedankengang des Textes wie auch dessen formale und sprachlich-stilistische Gestaltung. [42 Punkte]

Aufgabe 1 - Teilaufgabe 2 · Sprachreflexion und Sprachtheorien

Heinrich von Kleist

Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden 1 (Textauszug)

An R[ühle] v[on] L[ilienstern]

Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein

lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen.

Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob

du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen. Ich

5 sehe dich zwar große Augen machen, und mir antworten, man habe dir in frühern Jahren den

Rat gegeben, von nichts zu sprechen, als nur von Dingen, die du bereits verstehst. Damals

aber sprachst du wahrscheinlich mit dem Vorwitz, andere, ich will, daß du aus der verstän-

digen Absicht sprechest, dich zu belehren, und so könnten, für verschiedene Fälle verschie-

den, beide Klugheitsregeln vielleicht gut neben einander bestehen. Der Franzose sagt, l’appétit

10 vient en mangeant², und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodiert, und sagt,

l’idée vient en parlant³. Oft sitze ich an meinem Geschäftstisch über den Akten, und erforsche,

in einer verwickelten Streitsache, den Gesichtspunkt, aus welchem sie wohl zu beurteilen

sein möchte. Ich pflege dann gewöhnlich ins Licht zu sehen, als in den hellsten Punkt, bei

dem Bestreben, in welchem mein innerstes Wesen begriffen ist, sich aufzuklären. Oder ich

15 suche, wenn mir eine algebraische Aufgabe vorkommt, den ersten Ansatz, die Gleichung, die

die gegebenen Verhältnisse ausdrückt, und aus welcher sich die Auflösung nachher durch

Rechnung leicht ergibt. Und siehe da, wenn ich mit meiner Schwester davon rede, welche

hinter mir sitzt, und arbeitet, so erfahre ich, was ich durch ein vielleicht stundenlanges Brüten

nicht herausgebracht haben würde. Nicht, als ob sie es mir, im eigentlichen Sinne sagte; denn

20 sie kennt weder das Gesetzbuch, noch hat sie den Euler, oder den Kästner⁴ studiert. Auch nicht,

als ob sie mich durch geschickte Fragen auf den Punkt hinführte, auf welchen es ankommt,

wenn schon dies letzte häufig der Fall sein mag. Aber weil ich doch irgend eine dunkle Vor-

stellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt,

wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in

25 der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung

zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis, zu meinem Erstaunen, mit der

Periode fertig ist. Ich mische unartikulierte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die

Länge, gebrauche auch wohl eine Apposition⁵, wo sie nicht nötig wäre, und bediene mich

anderer, die Rede ausdehnender, Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte

30 der Vernunft, die gehörige Zeit zu gewinnen. Dabei ist mir nichts heilsamer, als eine Bewe-

gung meiner Schwester, als ob sie mich unterbrechen wollte; denn mein ohnehin schon ange-

strengtes Gemüt wird durch diesen Versuch von außen, ihm die Rede, in deren Besitz es sich

befindet, zu entreißen, nur noch mehr erregt, und in seiner Fähigkeit, wie ein großer General,

wenn die Umstände drängen, noch um einen Grad höher gespannt. In diesem Sinne begreife

35 ich, von welchem Nutzen Molière⁶ seine Magd sein konnte; denn wenn er derselben, wie er

vorgibt, ein Urteil zutraute, das das seinige berichten konnte, so ist dies eine Bescheidenheit,

an deren Dasein in seiner Brust ich nicht glaube. Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeiste-

rung für denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegenübersteht; und

ein Blick, der uns einen halbausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt, schenkt

40 uns oft den Ausdruck für die ganze andere Hälfte desselben. Ich glaube, daß mancher große

Redner, in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde.

Aber die Überzeugung, daß er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen, und

der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug,

den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen. Mir fällt jener „Donnerkeil“ des Mirabeau⁷ ein,

45 mit welchem er den Zeremonienmeister⁸ abfertigte, der nach Aufhebung der letzten monarchi-

schen Sitzung des Königs am 23. Juni, in welcher dieser den Ständen auseinander zu gehen

anbefohlen hatte, in den Sitzungssaal, in welchem die Stände noch verweilten, zurückkehrte,

und sie befragte, ob sie den Befehl des Königs vernommen hätten? „Ja“, antwortete Mirabeau,

„wir haben des Königs Befehl vernommen“ – ich bin gewiß, daß er, bei diesem humanen An-

50 fang, noch nicht an die Bajonette dachte, mit welchen er schloß: „ja, mein Herr“, wiederholte

er, „wir haben ihn vernommen“ – man sieht, daß er noch gar nicht recht weiß, was er will.

„Doch was berechtigt Sie“ – fuhr er fort, und nun plötzlich geht ihm ein Quell ungeheurer

Vorstellungen auf – „uns hier Befehle anzudeuten? Wir sind die Repräsentanten der Nation.“ –

Das war es was er brauchte! „Die Nation gibt Befehle und empfängt keine.“ – um sich gleich

55 auf den Gipfel der Vermessenheit zu schwingen. „Und damit ich mich Ihnen ganz deutlich

erkläre“ – und erst jetzo findet er, was den ganzen Widerstand, zu welchem seine Seele ge-

rüstet dasteht, ausdrückt: „so sagen Sie Ihrem Könige, daß wir unsre Plätze anders nicht, als

auf die Gewalt der Bajonette verlassen werden.“ Worauf er sich, selbstzufrieden, auf einen

Stuhl niedersetzte. – Wenn man an den Zeremonienmeister denkt, so kann man sich ihn bei

60 diesem Auftritt nicht anders, als in einem völligen Geistesbankerott vorstellen; nach einem

ähnlichen Gesetz, nach welchem in einem Körper, der von dem elektrischen Zustand Null ist,

wenn er in eines elektrisierten Körpers Atmosphäre kommt, plötzlich die entgegengesetzte

Elektrizität erweckt wird. Und wie in dem elektrisierten dadurch, nach einer Wechselwirkung,

der ihm innewohnende Elekrizitätsgrad wieder verstärkt wird, so ging unseres Redners Mut,

65 bei der Vernichtung seines Gegners, zur verwegensten Begeisterung über. Vielleicht, daß

es auf diese Art zuletzt das Zucken einer Oberlippe war, oder ein zweideutiges Spiel an der

Manschette, was in Frankreich den Umsturz der Ordnung der Dinge bewirkte. Man liest, daß

Mirabeau, sobald der Zeremonienmeister sich entfernt hatte, aufstand, und vorschlug: 1) sich

sogleich als Nationalversammlung, und 2) als unverletzlich, zu konstituieren. Denn dadurch,

70 daß er sich, einer Kleistischen Flasche⁹ gleich, entladen hatte, war er nun wieder neutral ge-

worden, und gab, von der Verwegenheit zurückgekehrt, plötzlich der Furcht vor dem Chate-

let¹⁰, und der Vorsicht, Raum. – […]

Ein solches Reden ist ein wahrhaftes lautes Denken. Die Reihen der Vorstellungen und ihrer

Bezeichnungen gehen neben einander fort, und die Gemütsakten für eins und das andere, kon-

75 gruieren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des

Geistes, sondern wie ein zweites, mit ihm parallel fortlaufendes, Rad an seiner Achse. […]

1 Der in Briefform verfasste Aufsatz aus dem Jahr 1805 sollte, so wird vermutet, ursprünglich in der Zeitschrift Phöbus oder aber dem Morgenblatt für gebildete Stände erscheinen, wurde dann aber erst posthum in der Zeitschrift Nord und Süd publiziert.

2 l’appétit vient en mangeant (franz.): der Appetit kommt mit dem Essen

3 l’idée vient en parlant (franz.): die Idee kommt beim Reden

4 Leonhard Euler (1707 – 1783); Abraham Gotthelf Kästner (1719 – 1800): Mathematiker

5 Apposition: substantivisches Attribut, das sein Bezugswort näher beschreibt

6 Molière (1622 – 1673): französischer Dramatiker

7 Marquis de Mirabeau, Honoré Gabriel de Riqueti (1749 – 1791): französischer Politiker, Schriftsteller und Publizist in der Zeit der Aufklärung, Anhänger der Revolution

8 Zeremonienmeister: für die Einhaltung des Hofzeremoniells verantwortliche Person

9 Kleistische Flasche: Flaschenkonstruktion, mit der eine elektrische Spannung aufgebaut werden kann

10 Chatelet: gemeint ist hier ein Gefängnis in Paris

2. Stellen Sie dar, wie Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf in ihrer Theorie das Verhältnis zwischen Sprache, Denken und Wirklichkeit fassen, und vergleichen Sie diesen Ansatz mit den Überlegungen Heinrich von Kleists. Beziehen Sie dabei auch ein, wie sich die beiden Zugänge methodisch voneinander unterscheiden. [30 Punkte]

Aufgabe 2 · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre

Aufgabenstellung

1. Untersuchen Sie die Argumentationsführung in Todorovs Text. Erschließen Sie dabei vor allem, was unter dem Fantastischen zu verstehen ist und welche Rolle der Leserin / dem Leser bei der Entstehung des Fantastischen zugewiesen wird. (30 Punkte)

2. Erörtern Sie, ob E. T. A. Hoffmanns „Sandmann“ nach Todorovs Verständnis als fantastischer Text gelten kann. Prüfen Sie dazu sowohl eindeutige Deutungen im Sinne des Unheimlichen und des Wunderbaren als auch eine Lektüre, die von Unschlüssigkeit bestimmt ist. Gehen Sie zum Schluss auf den literaturgeschichtlichen Zusammenhang ein. (42 Punkte)

Materialgrundlage

Tzvetan Todorov: Einführung in die fantastische Literatur. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 1992, S. 25–31

Tzvetan Todorov

Einführung in die fantastische Literatur (Textauszug)

Definition des Fantastischen

Alvares, die Hauptperson in Cazottes Le Diable amoureux, lebt seit Monaten mit einem Wesen weiblichen Geschlechts zusammen, das er für einen bösen Geist hält: für den Teufel oder einen seiner Diener. Die Art, wie dieses Wesen erschienen ist, weist deutlich darauf hin, daß es ein Vertreter der anderen Welt ist. Sein spezifisch menschliches (mehr noch (weibliches)) Betragen jedoch, die realen Verletzungen, die ihm zugefügt werden, scheinen im Gegenteil zu beweisen, daß es sich schlicht um eine Frau handelt, und zwar um eine liebende Frau. Als Alvares Biondetta fragt, woher sie komme, antwortet sie: „Ich bin ursprünglich eine Sylphide, und zwar eine der ansehnlichsten“. Aber gibt es denn Sylphiden? „Ich begriff nichts von dem, was ich hörte“, fährt Alvares fort. „Aber was war denn überhaupt Begreifliches in meinem Abenteuer? Es kommt mir alles wie ein Traum vor, sprach ich zu mir, jedoch was ist das ganze menschliche Leben anderes als ein Traum? Ich träume nur ungewöhnlicher als ein anderer, das ist alles. Wo ist das Mögliche, wo das Unmögliche?“

So ist Alvares unschlüssig, fragt sich (und der Leser mit ihm), ob das wahr sei, was ihm geschieht, ob, was ihn umgibt, tatsächlich Realität sei (die Sylphiden also wirklich existieren) oder ob es sich einfach um eine Sinnestäuschung handelt, die hier die Gestalt eines Traumes annimmt. Alvares geht später soweit, mit eben dieser Frau zu schlafen, die vielleicht der Teufel ist, und fragt sich, durch diese Vorstellung erschreckt, von neuem: „Habe ich geschlafen? Sollte ich so glücklich sein, daß all dies nur ein Traum gewesen ist?“. Seine Mutter wird genauso darüber denken: „… du hast die Meierei und ihre Bewohner sicherlich nur erträumt“. Die Ambiguität bleibt bis zum Ende des Abenteuers gewahrt: Wirklichkeit oder Traum? Wahrheit oder Illusion?

Wir sehen uns ins Zentrum des Fantastischen geführt. In einer Welt, die durchaus die unsere ist, die, die wir kennen, eine Welt ohne Teufel, Sylphiden oder Vampire, geschieht ein Ereignis, das sich aus den Gesetzen eben dieser vertrauten Welt nicht erklären läßt. Der, der das Ereignis wahrnimmt, muß sich für eine der zwei möglichen Lösungen entscheiden: entweder handelt es sich um eine Sinnestäuschung, ein Produkt der Einbildungskraft, und die Gesetze der Welt bleiben, was sie sind, oder das Ereignis hat wirklich stattgefunden, ist integrierender Bestandteil der Realität. Dann aber wird diese Realität von Gesetzen beherrscht, die uns unbekannt sind. Entweder der Teufel ist eine Täuschung, ein imaginäres Wesen, oder aber er existiert wirklich, genau wie die anderen Lebewesen – nur daß man ihm selten begegnet.

Das Fantastische liegt im Moment dieser Ungewißheit; sobald man sich für die eine oder die andere Antwort entscheidet, verläßt man das Fantastische und tritt in ein benachbartes Genre ein, in das des Unheimlichen oder das des Wunderbaren. Das Fantastische ist die Unschlüssigkeit, die ein Mensch empfindet, der nur die natürlichen Gesetze kennt und sich einem Ereignis gegenübersieht, das den Anschein des Übernatürlichen hat.

Der Begriff des Fantastischen definiert sich also aus seinem Verhältnis zu den Begriffen des Realen und des Imaginären […].

Ist eine solche Definition wenigstens originell? Man kann sie, wenn auch anders formuliert, seit dem 19. Jahrhundert finden.

Zuerst bei dem russischen Philosophen und Mystiker Wladimir Solowjow: „Beim wirklichen Fantastischen bleibt die äußerliche und formale Möglichkeit einer einfachen Erklärung der Erscheinungen stets gewahrt; zur gleichen Zeit ist diese Erklärung jedoch bar jeder inneren Wahrscheinlichkeit“. Es gibt eine unheimliche Erscheinung, die man auf zweierlei Weise erklären kann, nämlich entweder aus natürlichen Ursachen oder aber übernatürlichen. Die Möglichkeit der Unschlüssigkeit angesichts dieser Alternative schafft die Wirkung des Fantastischen.

Einige Jahre später gebraucht der englische Autor Montagu Rhodes James, Spezialist für Gespenstergeschichten, fast dieselben Wendungen: „Es ist manchmal notwendig, daß die Ausgangstür zu einer natürlichen Erklärung offenbleibt, aber ich muß wohl hinzufügen, daß diese Tür so eng sein muß, daß man von ihr keinen Gebrauch machen kann“. Wieder wird also auf zwei mögliche Lösungen hingewiesen.

„… ich war nun fast bereit, zu glauben“: in dieser Formel findet der Geist des Fantastischen komprimiert Ausdruck. Der uneingeschränkte Glaube ebenso wie die absolute Ungläubigkeit würden uns aus dem Fantastischen herausführen; es ist die Unschlüssigkeit, die es ins Leben ruft. Wer ist in dieser Geschichte unschlüssig? Ohne Zweifel Alfons, d. h. der Held, die handelnde Person. Er hat, solange die Handlung während, zwischen zwei Interpretationen zu wählen. Aber wenn dem Leser die „Wahrheit“ schon bekannt wäre, wenn er wüßte, worauf alles hinausläuft, dann wäre die Situation eine ganz andere. Das Fantastische impliziert also die Integration des Lesers in die Welt der Personen. Es definiert sich aus der ambivalenten Wahrnehmung der berichteten Ereignisse durch den Leser selbst. Wir müssen sogleich präzisieren, daß wir dabei nicht diesen oder jenen bestimmten wirklichen Leser im Auge haben, sondern eine „Funktion“ des Lesers, die im Text impliziert ist (so wie er die Funktion des Erzählers impliziert). Die Wahrnehmungen dieses implizierten Lesers sind dem Text mit der gleichen Präzision eingeschrieben, wie die Haltung der Personen.

Die Unschlüssigkeit des Lesers ist also die erste Bedingung des Fantastischen. […]

Anmerkung zum Autor:

Tzvetan Todorov (1939–2017) war ein bulgarisch französischer Literaturwissenschaftler. Die „Einführung in die fantastische Literatur“ erschien ursprünglich auf Französisch im Jahr 1970.

Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung; herkunftssprachliches Wörterbuch; unkommentierte Ausgabe von E. T. A. Hoffmann „Der Sandmann“ (lag im Prüfungsraum zur Einsichtnahme vor).

Aufgabe 3 · Interpretation lyrischer Texte

Abiturprüfung 2021 – Deutsch, Leistungskurs

Aufgabenstellung: Vergleichende Analyse literarischer Texte

1.

Analysieren Sie das von Hannah Arendt verfasste Gedicht „Dies war der Abschied“ (1947). (30 Punkte)

2.

Analysieren Sie das von Nelly Sachs verfasste Gedicht „Welt, frage nicht die Todentrissenen“ (1949). Vergleichen Sie danach die beiden Gedichte hinsichtlich der Art, wie sich die Autorinnen literarisch mit der Shoah auseinandersetzen. (42 Punkte)

Materialgrundlage: Text 1

Hannah Arendt

Dies war der Abschied (1947)

1 Dies war der Abschied.

Manche Freunde kamen mit

und wer nicht mitkam war ein Freund nicht mehr.

Dies war der Abend.

5 Zögernd senkte er den Schritt

und zog zum Fenster unsre Seelen raus.

Dies war der Zug.

Vermass das Land im Fluge

und stockte durch die Enge mancher Stadt.

10 Dies ist die Ankunft.

Brot heisst Brot nicht mehr

und Wein in fremder Sprache ändert das Gespräch.

Materialgrundlage: Text 2

Nelly Sachs

Welt, frage nicht die Todentrissenen (1949)

1 WELT, FRAGE NICHT die Todentrissenen

wohin sie gehen,

sie gehen immer ihrem Grabe zu.

Das Pflaster der fremden Stadt

5 war nicht für die Musik von Flüchtlingsschritten gelegt worden –

Die Fenster der Häuser, die eine Erdenzeit spiegeln

mit den wandernden Gabentischen der Bilderbuchhimmel –

wurden nicht für Augen geschliffen

die den Schrecken an seiner Quelle tranken.

10 Welt, die Falte ihres Lächelns hat ihnen ein starkes Eisen ausgebrannt;

sie möchten so gerne zu dir kommen

um deiner Schönheit wegen,

aber wer heimatlos ist, dem welken alle Wege

wie Schnittblumen hin –

15 Aber, es ist uns in der Fremde

eine Freundin geworden: die Abendsonne.

Eingesegnet von ihrem Marterlicht

sind wir geladen zu ihr zu kommen mit unserer Trauer,

die neben uns geht:

20 Ein Psalm der Nacht.

Anmerkungen zu den Autorinnen:

Hannah Arendt war eine jüdische deutsch-US-amerikanische Philosophin, Publizistin und Schriftstellerin und wurde 1906 in Linden, einem heutigen Stadtteil von Hannover, geboren. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und einer kurzen Inhaftierung durch die Gestapo entschied sie sich 1933 zur Emigration. Sie lebte in Karlsbad, Genf, Paris und zog schließlich in die USA. 1951 erhielt sie dort die Staatsbürgerschaft. Sie starb 1975 in New York City.

Nelly Sachs war eine jüdische deutsch-schwedische Schriftstellerin und wurde 1891 in Schöneberg, einem heutigen Stadtteil von Berlin, geboren. Sachs entschied sich erst spät zur Flucht und konnte mit ihrer Mutter im Jahre 1940 Deutschland noch in Richtung Stockholm verlassen. Im Jahre 1953 erhielt sie die schwedische Staatsbürgerschaft. Im Jahre 1966 wurde sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Sie starb 1970 in Stockholm.

Anmerkungen zu den Texten:

Bei den Titeln der beiden Gedichte handelt es sich um die Anfangsverse. Bei dem Gedicht von Hannah Arendt wurde das Entstehungsjahr, bei dem Gedicht von Nelly Sachs das Jahr der Erstveröffentlichung angegeben.

1.

2.

Aufgabe 4 - Teilaufgabe 1 · Interpretation epischer Texte

Walter Benjamin

Die drei Religionssucher (1910)

Drei Jünglinge standen unter der großen Tanne auf dem Hügel und hatten ihre Hände ineinan-

der gelegt. Sie blickten hinunter auf das Heimatdorf da drunten und weiter hinaus, wo die

Straßen sich hinzogen, die sie nun gehen wollten... ins Leben hinaus. Und der eine sprach:

„In dreißig Jahren also werden wir uns hier wiederfinden, und dann wollen wir sehen, wer

5 von uns die Religion gefunden hat, die einzige und wahre Religion.“ Die anderen stimmten

zu und nach einem Händedruck schieden sie nach drei verschiedenen Seiten, auf drei verschie-

denen Straßen ins Leben hinaus.

Als der eine einige Wochen gewandert war, sah er eines Tages die Türme und Kuppeln einer

gewaltigen Stadt vor sich auftauchen. Und kurz entschlossen ging er auf die Stadt zu, denn

10 Wunderdinge hatte er von den großen Städten gehört: alle Schätze der Kunst sollten dort auf-

gespeichert sein, mächtige Bücher voll tausendjähriger Weisheit und endlich doch auch viele

Kirchen, in denen allen die Menschen zu Gott beteten. Da musste wohl auch die Religion sein.

Voll mutiger Hoffnung schritt er bei Sonnenaufgang durchs Stadttor... Und dreißig Jahre

blieb er in der Stadt und forschte und suchte nach der wahren und einzigen Religion.

15 Eine andere Straße, die durch schattige Täler und niedrige Waldgebirge sich schlängelte, hatte

der zweite eingeschlagen. Heiter singend und sorglos wanderte er, und wo er einen schönen

Ort sah, da legte er sich nieder, ruhte aus und träumte. Und wenn er so in die Schönheit der

untergehenden Sonne versunken war, wenn er im Gras lag und die weißen Wolken am blauen

Himmel dahinziehn, wenn er im Walde plötzlich einen versteckten See dunkel hinter den Bäu-

20 men aufblitzen sah, so war er glücklich und meinte, er habe die Religion gefunden... Dreißig

Jahre zog er so umher, wandernd und ruhend, träumend und schauend.

Schlechter erging’s dem Dritten. Der war arm und konnte nicht lange lustig umherwandern,

sondern mußte viel eher daran denken, sich sein tägliches Brot zu verdienen. Und so zögerte er

auch nicht lange – nach ein paar Tagen schon hatte er sich in einem Dorfe bei einem Schmied

25 in Dienst gegeben, um sein Handwerk zu erlernen. Das war eine harte Zeit für ihn, und jeden-

falls hatte er keine Gelegenheit, sich auf die Suche nach der Religion zu begeben. Und das war

nicht nur das erste Jahr so, sondern es blieb so, die ganze Zeit über. Denn als er seine Lehrzeit

beendet hatte, durchzog er nicht lange auf der Wanderschaft die Welt, sondern ging in Dienst

in einer großen Stadt. Da arbeitete er angestrengt eine lange Reihe von Jahren, und als das

30 dreißigste Jahr zu Ende ging, da war er wohl ein selbständiger Handwerker geworden, aber

nach der Religion hatte er nicht forschen können und er hatte sie nicht gefunden. Und gegen

Ende des dreißigsten Jahres machte er sich auf die Wanderschaft nach seinem Heimatdorfe.

Durch eine mächtige, wilde Berglandschaft führte sein Weg. Da wanderte er tagelang, ohne

einem Menschen zu begegnen. Am Morgen des Wiedersehens aber wollte er einmal einen

35 von jenen großen Bergen besteigen, deren Häupter er während der ganzen Wanderung über

sich gesehen hatte. Ganz früh, mehrere Stunden vor Sonnenaufgang, machte er sich auf den

Weg; doch nur mühsam gelang ihm der Aufstieg, so ganz ohne Rüstung zu einer Bergtour,

wie er es war. Weit Atem holend blieb er auf dem Gipfel stehen. Da sah er im Glanze der

Morgensonne, die sich eben erhob, eine weite, weite Ebene vor sich liegen... mit all den Dör-

40 fern, in denen er einst gearbeitet hatte – und mit der Stadt, in der er es zum Meister gebracht

hatte. Und all die Wege sah er deutlich vor sich, die Wege, die er gegangen war, und die

Stätten seiner Arbeit.

Garnicht satt sehen konnte er sich daran!

Aber wie er den Blick abwendete und höher hinauf, in den Glanz der Sonne sah, da sah er

45 langsam in den Wolken in zitterndem Schein eine neue Welt vor seinen Augen erstehen.

Bergesspitzen, flimmernd weiße Bergspitzen gewahrte er, die hoch in die Wolken hinein-

ragten.

Aber ein überirdisch hohes Licht blendete dort droben und deutlich konnte er in dem Glanz

nichts erkennen, aber doch glaubte er, Gestalten darin leben zu sehen und krystallne Dome

50 klangen fern im Morgenlicht herüber.

Als er das sah, fiel er zu Boden, drückte seine Stirn gegen den Felsen und schluchzte und

atmete tief.

Nach einer Weile erhob er sich und warf noch einen Blick auf die wunderbare Welt dort dro-

ben, die jetzt im vollsten Glanze der Sonne vor ihm lag. Und da gewahrte er auch ganz klein,

55 schwach in der Ferne Wege, die hinaufführten auf die blühenden, leuchtenden Gebirge.

Dann wandte er sich ab und stieg hinunter. Und schwer wurde es ihm, sich wieder zurecht

zu finden, dort drunten in Tale. Am Abend des Tages aber hatte er das Heimatdorf erreicht,

und auf dem Hügel überm Dorfe traf er seine Freunde. Dann setzten sie sich zu Füßen der

großen Tanne und erzählten einander ihre Schicksale, und wie sie ihre Religion gefunden.

60 Der Erste erzählte sein Leben in der großen Stadt, wie er geforscht und studiert habe, in den

Bibliotheken und Hörsälen, wie er die bedeutendsten Professoren gehört habe. Und er selbst

hatte wohl keine Religion gefunden, aber doch meinte er am meisten geleistet zu haben.

„Denn“, sprach er, „in der ganzen großen Stadt ist nicht eine Kirche, deren Dogmen und

Grundsätze ich nicht widerlegen könnte.“

65 Dann erzählte der Zweite die Schicksale seines Wanderlebens, und manches war darunter, das

die beiden Zuhörer hell auflachen oder gespannt lauschen ließ. Aber trotz aller Bemühungen

gelang es ihm nicht, den anderen seine Religion begreiflich zu machen, und er kam nie recht

über die Worte hinaus: „Ja, seht Ihr, das muß man fühlen!“ Und wieder: „So etwas muß man

fühlen!“ Und die anderen verstanden ihn nicht, und am Ende lächelten sie fast.

70 Ganz langsam und noch immer von seinem großen Erlebnis ergriffen, begann der Dritte seine

Schicksale zu erzählen. Aber nicht so wie die anderen die ihrigen geschildert hatten, erzählte

er sie, nicht so wie er sie wohl erlebt hatte, sondern so wie er seine Wege am Morgen über-

sehen hatte, als er auf der Spitze des Berges stand.

Und ganz zuletzt und zögernd erwähnte er jene leuchtenden weißen Bergspitzen. „Ich glaube,

75 wenn man den ganzen Weg seines Lebens so überschaut, dann sieht man wohl auch den Weg

zu jenen Bergen und den blendenden Gipfeln. Was aber in jenem Feuer gebannt ist, das kön-

nen wir wohl nur ahnen, und müssen es jeder zu formen suchen nach unseren Schicksalen.“

Dann schwieg er.

Die anderen verstanden ihn wohl nicht ganz, aber keiner erwiderte ein Wort, sondern sie sahen

80 hinaus in die sinkende Nacht, ob sie vielleicht die leuchtenden Spitzen in der Ferne gewahrten.

1. Analysieren Sie Walter Benjamins Erzählung „Die drei Religionssucher“ und beziehen Sie dabei ebenso die Gestaltung auf der erzählerischen und der sprachlichen Ebene ein. [36 Punkte]

Aufgabe 4 - Teilaufgabe 2 · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre

Walter Benjamin

Die drei Religionssucher (1910)

Drei Jünglinge standen unter der großen Tanne auf dem Hügel und hatten ihre Hände ineinan-

der gelegt. Sie blickten hinunter auf das Heimatdorf da drunten und weiter hinaus, wo die

Straßen sich hinzogen, die sie nun gehen wollten... ins Leben hinaus. Und der eine sprach:

„In dreißig Jahren also werden wir uns hier wiederfinden, und dann wollen wir sehen, wer

5 von uns die Religion gefunden hat, die einzige und wahre Religion.“ Die anderen stimmten

zu und nach einem Händedruck schieden sie nach drei verschiedenen Seiten, auf drei verschie-

denen Straßen ins Leben hinaus.

Als der eine einige Wochen gewandert war, sah er eines Tages die Türme und Kuppeln einer

gewaltigen Stadt vor sich auftauchen. Und kurz entschlossen ging er auf die Stadt zu, denn

10 Wunderdinge hatte er von den großen Städten gehört: alle Schätze der Kunst sollten dort auf-

gespeichert sein, mächtige Bücher voll tausendjähriger Weisheit und endlich doch auch viele

Kirchen, in denen allen die Menschen zu Gott beteten. Da musste wohl auch die Religion sein.

Voll mutiger Hoffnung schritt er bei Sonnenaufgang durchs Stadttor... Und dreißig Jahre

blieb er in der Stadt und forschte und suchte nach der wahren und einzigen Religion.

15 Eine andere Straße, die durch schattige Täler und niedrige Waldgebirge sich schlängelte, hatte

der zweite eingeschlagen. Heiter singend und sorglos wanderte er, und wo er einen schönen

Ort sah, da legte er sich nieder, ruhte aus und träumte. Und wenn er so in die Schönheit der

untergehenden Sonne versunken war, wenn er im Gras lag und die weißen Wolken am blauen

Himmel dahinziehn, wenn er im Walde plötzlich einen versteckten See dunkel hinter den Bäu-

20 men aufblitzen sah, so war er glücklich und meinte, er habe die Religion gefunden... Dreißig

Jahre zog er so umher, wandernd und ruhend, träumend und schauend.

Schlechter erging’s dem Dritten. Der war arm und konnte nicht lange lustig umherwandern,

sondern mußte viel eher daran denken, sich sein tägliches Brot zu verdienen. Und so zögerte er

auch nicht lange – nach ein paar Tagen schon hatte er sich in einem Dorfe bei einem Schmied

25 in Dienst gegeben, um sein Handwerk zu erlernen. Das war eine harte Zeit für ihn, und jeden-

falls hatte er keine Gelegenheit, sich auf die Suche nach der Religion zu begeben. Und das war

nicht nur das erste Jahr so, sondern es blieb so, die ganze Zeit über. Denn als er seine Lehrzeit

beendet hatte, durchzog er nicht lange auf der Wanderschaft die Welt, sondern ging in Dienst

in einer großen Stadt. Da arbeitete er angestrengt eine lange Reihe von Jahren, und als das

30 dreißigste Jahr zu Ende ging, da war er wohl ein selbständiger Handwerker geworden, aber

nach der Religion hatte er nicht forschen können und er hatte sie nicht gefunden. Und gegen

Ende des dreißigsten Jahres machte er sich auf die Wanderschaft nach seinem Heimatdorfe.

Durch eine mächtige, wilde Berglandschaft führte sein Weg. Da wanderte er tagelang, ohne

einem Menschen zu begegnen. Am Morgen des Wiedersehens aber wollte er einmal einen

35 von jenen großen Bergen besteigen, deren Häupter er während der ganzen Wanderung über

sich gesehen hatte. Ganz früh, mehrere Stunden vor Sonnenaufgang, machte er sich auf den

Weg; doch nur mühsam gelang ihm der Aufstieg, so ganz ohne Rüstung zu einer Bergtour,

wie er es war. Weit Atem holend blieb er auf dem Gipfel stehen. Da sah er im Glanze der

Morgensonne, die sich eben erhob, eine weite, weite Ebene vor sich liegen... mit all den Dör-

40 fern, in denen er einst gearbeitet hatte – und mit der Stadt, in der er es zum Meister gebracht

hatte. Und all die Wege sah er deutlich vor sich, die Wege, die er gegangen war, und die

Stätten seiner Arbeit.

Garnicht satt sehen konnte er sich daran!

Aber wie er den Blick abwendete und höher hinauf, in den Glanz der Sonne sah, da sah er

45 langsam in den Wolken in zitterndem Schein eine neue Welt vor seinen Augen erstehen.

Bergesspitzen, flimmernd weiße Bergspitzen gewahrte er, die hoch in die Wolken hinein-

ragten.

Aber ein überirdisch hohes Licht blendete dort droben und deutlich konnte er in dem Glanz

nichts erkennen, aber doch glaubte er, Gestalten darin leben zu sehen und krystallne Dome

50 klangen fern im Morgenlicht herüber.

Als er das sah, fiel er zu Boden, drückte seine Stirn gegen den Felsen und schluchzte und

atmete tief.

Nach einer Weile erhob er sich und warf noch einen Blick auf die wunderbare Welt dort dro-

ben, die jetzt im vollsten Glanze der Sonne vor ihm lag. Und da gewahrte er auch ganz klein,

55 schwach in der Ferne Wege, die hinaufführten auf die blühenden, leuchtenden Gebirge.

Dann wandte er sich ab und stieg hinunter. Und schwer wurde es ihm, sich wieder zurecht

zu finden, dort drunten in Tale. Am Abend des Tages aber hatte er das Heimatdorf erreicht,

und auf dem Hügel überm Dorfe traf er seine Freunde. Dann setzten sie sich zu Füßen der

großen Tanne und erzählten einander ihre Schicksale, und wie sie ihre Religion gefunden.

60 Der Erste erzählte sein Leben in der großen Stadt, wie er geforscht und studiert habe, in den

Bibliotheken und Hörsälen, wie er die bedeutendsten Professoren gehört habe. Und er selbst

hatte wohl keine Religion gefunden, aber doch meinte er am meisten geleistet zu haben.

„Denn“, sprach er, „in der ganzen großen Stadt ist nicht eine Kirche, deren Dogmen und

Grundsätze ich nicht widerlegen könnte.“

65 Dann erzählte der Zweite die Schicksale seines Wanderlebens, und manches war darunter, das

die beiden Zuhörer hell auflachen oder gespannt lauschen ließ. Aber trotz aller Bemühungen

gelang es ihm nicht, den anderen seine Religion begreiflich zu machen, und er kam nie recht

über die Worte hinaus: „Ja, seht Ihr, das muß man fühlen!“ Und wieder: „So etwas muß man

fühlen!“ Und die anderen verstanden ihn nicht, und am Ende lächelten sie fast.

70 Ganz langsam und noch immer von seinem großen Erlebnis ergriffen, begann der Dritte seine

Schicksale zu erzählen. Aber nicht so wie die anderen die ihrigen geschildert hatten, erzählte

er sie, nicht so wie er sie wohl erlebt hatte, sondern so wie er seine Wege am Morgen über-

sehen hatte, als er auf der Spitze des Berges stand.

Und ganz zuletzt und zögernd erwähnte er jene leuchtenden weißen Bergspitzen. „Ich glaube,

75 wenn man den ganzen Weg seines Lebens so überschaut, dann sieht man wohl auch den Weg

zu jenen Bergen und den blendenden Gipfeln. Was aber in jenem Feuer gebannt ist, das kön-

nen wir wohl nur ahnen, und müssen es jeder zu formen suchen nach unseren Schicksalen.“

Dann schwieg er.

Die anderen verstanden ihn wohl nicht ganz, aber keiner erwiderte ein Wort, sondern sie sahen

80 hinaus in die sinkende Nacht, ob sie vielleicht die leuchtenden Spitzen in der Ferne gewahrten.

2. Vergleichen Sie die Erzählung Walter Benjamins mit dem Drama „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing unter dem Aspekt der „wahren Religion“. Stellen Sie dazu Lessings Ringparabel sowie deren Funktion für den Ausgang des Stücks dar. Nehmen Sie abschließend Stellung dazu, inwieweit die Konzeptionen Benjamins und Lessings heute noch Orientierung für die Lebensführung von Menschen geben können. [36 Punkte]

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