Abitur NRW Deutsch 2022 · GK · Nachtermin

Abiturprüfung Deutsch in Nordrhein-Westfalen 2022, GK · Nachtermin: 5 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Interpretation lyrischer Texte. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Interpretation lyrischer Texte · Interpretation epischer Texte · Interpretation dramatischer Texte · Analyse pragmatischer Texte · Sprachreflexion und Sprachtheorien

Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1 · Analyse pragmatischer Texte

Aufgabenstellung 1

Ilse Achilles und Gerda Pighin

Dialekt sprechen nur die Dummen?

Dialekt macht schlau!

Kurz vor seinem Rückzug aus der Politik hat der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber die Nation mit dem Ausspruch amüsiert, er werde im Ruhestand unter anderem in seinem Garten „Blumen hinrichten“. Für die meisten Deutschen klingt dies ziemlich martialisch und ruft das Bild eines Schwert schwingenden, Blütenköpfe abschlagenden Mannes hervor.

5 Gemeint hat der Politiker natürlich etwas völlig anderes und alle Dialekt sprechenden Bayern haben ihn auch richtig verstanden: Stoiber will seine Blumen nicht „hinrichten“, sondern hirichtn, ein bairischer Begriff für „in Ordnung bringen“, „arrangieren“, „hübsch dekorieren“. Hirichtn kann man nicht nur Blumen im Garten (pflegen, in Beeten arrangieren). Hirichtn lassen sich auch eine Kaffeetafel (hübsch aufdecken), die Kissen auf einem Sofa (in Form 10 bringen), das kalte Büfett für Gäste (appetitanregend aufstellen) und vieles andere.

Ein falsch ins Hochdeutsche übertragener Dialektbegriff hat also allergrößte Heiterkeit hervorgerufen. Die Medien machten sich geradezu einen Spaß daraus, den Satz immer und immer wieder zu zitieren und sie ließen es dabei nicht an versteckter bis offener Häme über die sprachliche Unbeholfenheit des Politikers fehlen. Was die Geringschätzung anbelangt, so ist in den 15 Berichten sicherlich nicht nur der Sprecher gemeint, sondern auch die Sprache – der Dialekt.

Obwohl in fast allen deutschen Regionen Dialekte gesprochen werden, haben diese nach wie vor in weiten Kreisen einen schlechten Ruf. Wer Dialekt spricht, gilt häufig als dumm, derb, rückständig, primitiv oder ungebildet. Dialekt gilt seit Langem als Erfolgsbremse – in der Schule, noch mehr im Beruf oder auf dem gesellschaftlichen Parkett. [...]

20 Was viele Kritiker und „Belächler“ nicht wissen: Dialekte sind keine minderwertige oder fehlerhafte Hochsprache. Vielmehr stellt jeder Dialekt eine eigene, vollständige Sprache dar, wie Sprachforscherin Dr. Ellen Brandner von der Universität Konstanz erklärt. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört die Dialektforschung in Hinblick auf die Syntax, also die Struktur von Sätzen. Ein Bereich, der in der traditionellen Dialektforschung bisher eher ausgeklam 25 mert wurde.

Dialektforscher erfassen, dokumentieren und beschreiben die Mundarten. Sie untersuchen Geschichte, Herkunft und Verbreitung dieser Sprachen, erstellen Dialektatlanten und sammeln Stoff für umfangreiche Wörterbücher. Die Forschungsstelle „Deutscher Sprachatlas“ in Marburg hat unlängst ein Projekt abgeschlossen, das Dialektkarten aus dem vorletzten Jahrhun 30 dert, die sogenannten Wenker-Karten, digitalisiert aufbereitet und der interessierten Öffentlichkeit im Internet zugänglich macht (www.diwa.info/main.asp).

Dialektforscher interessieren sich für Menschen, die Dialekt sprechen, und dafür, wie sich die Mundart auf die Hochsprache auswirkt. Sie erforschen auch, welche Auswirkungen der Dialekt auf das Lernen und Denken des Einzelnen hat.

35 Die Angst vieler Fachleute und Heimatpfleger, deutsche Dialekte würden demnächst aussterben, scheint neuerdings wieder weniger begründet. Das Bekenntnis zum Dialekt hat in Deutschland in den letzten Jahren wieder zugenommen. So haben Umfragen gezeigt, dass sich z. B. in Hessen über 60 Prozent, in Bayern, Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg immerhin noch mehr als 70 Prozent zu ihrem Idiom bekennen. Auch Mundarttheater, Mund 40 artbücher, Mundartcomedians, Dialekt sprechende Kabarettisten und Musikgruppen erfahren Zulauf und feiern Erfolge. Man denke etwa an die Musikgruppe BAP aus Köln 1 oder das Ohnsorg-Theater in Hamburg 2, um nur zwei Beispiele zu nennen. Viele dieser Künstler sind nicht nur auf regionalen Bühnen zu sehen, sondern auch in überregionalen Fernsehsendungen oder auf Kanälen, die von vielen TV-Zuschauern empfangen werden können, wie etwa die 45 dritten Programme im deutschen Kabelnetz – in der Regel sind dies dann aber „angepasste“ Dialektausgaben, damit sie von möglichst vielen Leuten verstanden werden. [...]

Kritiker werfen Dialektsprechern häufig mangelnde Sprachkompetenz vor. Insbesondere in der Schule bekommen Dialekt sprechende Kinder Schwierigkeiten, wenn sie beim Schreiben Fehler machen.

50 Doch Linguisten sind der Ansicht, dass Lehrer es sich und ihren Schülern viel leichter machen könnten, wenn sie sich intensiver mit der Mundart beschäftigen würden.

Die mundartbedingten Fehler sind nämlich ganz typisch. So verwechseln Kinder aus dem alemannischen und auch aus dem fränkischen Sprachraum die Buchstaben b, d, g mit p, t, k. Sie schreiben dann du griegst Brügel oder da ist die Bolizei gegommen.

55 Bei Kindern aus Niedersachsen liest man ein falsches e vor ch: necht wahr, unwahrscheinlech. Oder sie schreiben (wie sie es hören): Bahnsteich, Tach, wichtich. Im Rheinland schreiben sie ergendwo, er werft etc. Sie entsprechen damit zwar genau den systematischen lautlichen Unterscheidungen, nach denen Dialekte eingeteilt werden. Doch in der Schule müssen sie die Schreibweise der Hochsprache lernen [...].

60 Da sich die Dialekte auch in der Grammatik teilweise erheblich von der Standardsprache unterscheiden, kommt es in der Schule – und häufig auch noch später – zu oft kurios klingenden Sätzen. Dr. Brandner nennt Beispiele:

Geradezu berühmt sind Relativsätze, die (nicht nur im Schwäbischen) mit unveränderlichem „wo“ eingeleitet werden – egal ob es sich um Personen, Dinge oder eben auch Orte handelt. 65 Häufig wird dann „überkorrekt“ eine Konstruktion sowohl mit (schriftsprachlich korrektem) Relativpronomen und „wo“ gebildet, sodass Sätze entstehen wie

Die Frau, vu derre wo-n-i dir verzellt ha.

(Die Frau, von der „wo“ ich dir erzählt habe.)

Diese Konstruktion hat sich in einigen oberdeutschen Dialektgrammatiken stark durchgesetzt. 70 Die Schweizerdeutschen und die Westalemannen leisten hier noch Widerstand und zumindest die älteren Sprecher bevorzugen eindeutig:

Die Frau, wo-n-i dir verzellt ha, vu n-erre.

„Dieses Beispiel illustriert sehr schön, dass Dialekt eben nicht bedeutet: weniger Komplexität oder weniger Ausdrucksmöglichkeiten, sondern nur andere grammatische Konstruktion“, 75 sagt Dr. Brandner.

Ein weiteres Beispiel ist die tun -Einsetzung. Von Lehrern in aller Regel als stilistisch schlecht gebrandmarkt, leistet „tun“ in vielen Dialekten einen wichtigen Beitrag zur Bedeutungsunterscheidung. Beispielsweise drückt „tun“ im folgenden Satz einen sogenannten „habituellen Aspekt“ aus, d. h., dass jemand „gewohnheitsmäßig“ oder „immer wieder“ etwas macht: 80 Sie tut jetzt nicht mehr Rad fahren. (Sie hat für immer aufgehört, mit dem Rad zu fahren).

Um Fehler in der Standardsprache geschickt auszumerzen, sollten Lehrer am besten selbst die verursachende Mundart sprechen, sagen Linguisten. Jedenfalls ist Interesse hilfreicher als Geringschätzung oder Vorurteile.

Wenn sowohl Lehrern als auch Schülern klar ist, dass es sich bei Dialekt und Standardsprache 85 um zwei unterschiedliche Sprachvarianten handelt und dass der Dialekt nicht lediglich eine „Unterform“ oder eine nicht perfekte Form der Standardsprache ist, könnten die systematischen Unterschiede zwischen den beiden sogar sehr gut Unterrichtsgegenstand sein. Dies würde nebenbei noch dazu führen, dass die deutsche Grammatik im Unterricht stärker behandelt werden würde – und das wäre nicht nur für Dialektsprecher von Vorteil.

90 Über eines sind sich mittlerweile die Forscher einig: Wer Dialekt spricht, leidet nicht an einem Mangel an Sprachkompetenz. Im Gegenteil: Dialektsprecher lernen von Anfang an zwei Sprachen. Sie erwerben also eher eine größere Sprachkompetenz [...].

1 BAP: Kölschrockband

2 Ohnsorg-Theater: Hamburger Theater, das seit über hundert Jahren Aufführungen in niederdeutscher Sprache („Plattdeutsch“) realisiert

Anmerkungen zu den Autorinnen:

Ilse Achilles und Gerda Pighin sind Journalistinnen und Autorinnen zahlreicher Fachpublikationen.

Materialgrundlage: Ilse Achilles und Gerda Pighin: Vernäht und zugeflixt! Von Versprechern, Flüchen, Dialekten & Co. Mannheim u. a.: Dudenverlag 2008, S. 38 ff.

1. Analysieren Sie den Auszug aus dem Aufsatz „Dialekt sprechen nur die Dummen? Dialekt macht schlau!“ von Ilse Achilles und Gerda Pighin daraufhin, wie das Verhältnis zwischen Dialekt und Standardsprache dargestellt wird. Beziehen Sie außerdem die Lenkung der Leserschaft sowie die sprachlich-stilistische Gestaltung mit ein. [36 Punkte]

Aufgabe 1 - Teilaufgabe 2 · Sprachreflexion und Sprachtheorien

Aufgabenstellung 2

Ilse Achilles und Gerda Pighin

Dialekt sprechen nur die Dummen?

Dialekt macht schlau!

Kurz vor seinem Rückzug aus der Politik hat der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber die Nation mit dem Ausspruch amüsiert, er werde im Ruhestand unter anderem in seinem Garten „Blumen hinrichten“. Für die meisten Deutschen klingt dies ziemlich martialisch und ruft das Bild eines Schwert schwingenden, Blütenköpfe abschlagenden Mannes hervor.

5 Gemeint hat der Politiker natürlich etwas völlig anderes und alle Dialekt sprechenden Bayern haben ihn auch richtig verstanden: Stoiber will seine Blumen nicht „hinrichten“, sondern hirichtn, ein bairischer Begriff für „in Ordnung bringen“, „arrangieren“, „hübsch dekorieren“. Hirichtn kann man nicht nur Blumen im Garten (pflegen, in Beeten arrangieren). Hirichtn lassen sich auch eine Kaffeetafel (hübsch aufdecken), die Kissen auf einem Sofa (in Form 10 bringen), das kalte Büfett für Gäste (appetitanregend aufstellen) und vieles andere.

Ein falsch ins Hochdeutsche übertragener Dialektbegriff hat also allergrößte Heiterkeit hervorgerufen. Die Medien machten sich geradezu einen Spaß daraus, den Satz immer und immer wieder zu zitieren und sie ließen es dabei nicht an versteckter bis offener Häme über die sprachliche Unbeholfenheit des Politikers fehlen. Was die Geringschätzung anbelangt, so ist in den 15 Berichten sicherlich nicht nur der Sprecher gemeint, sondern auch die Sprache – der Dialekt.

Obwohl in fast allen deutschen Regionen Dialekte gesprochen werden, haben diese nach wie vor in weiten Kreisen einen schlechten Ruf. Wer Dialekt spricht, gilt häufig als dumm, derb, rückständig, primitiv oder ungebildet. Dialekt gilt seit Langem als Erfolgsbremse – in der Schule, noch mehr im Beruf oder auf dem gesellschaftlichen Parkett. [...]

20 Was viele Kritiker und „Belächler“ nicht wissen: Dialekte sind keine minderwertige oder fehlerhafte Hochsprache. Vielmehr stellt jeder Dialekt eine eigene, vollständige Sprache dar, wie Sprachforscherin Dr. Ellen Brandner von der Universität Konstanz erklärt. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört die Dialektforschung in Hinblick auf die Syntax, also die Struktur von Sätzen. Ein Bereich, der in der traditionellen Dialektforschung bisher eher ausgeklam 25 mert wurde.

Dialektforscher erfassen, dokumentieren und beschreiben die Mundarten. Sie untersuchen Geschichte, Herkunft und Verbreitung dieser Sprachen, erstellen Dialektatlanten und sammeln Stoff für umfangreiche Wörterbücher. Die Forschungsstelle „Deutscher Sprachatlas“ in Marburg hat unlängst ein Projekt abgeschlossen, das Dialektkarten aus dem vorletzten Jahrhun 30 dert, die sogenannten Wenker-Karten, digitalisiert aufbereitet und der interessierten Öffentlichkeit im Internet zugänglich macht (www.diwa.info/main.asp).

Dialektforscher interessieren sich für Menschen, die Dialekt sprechen, und dafür, wie sich die Mundart auf die Hochsprache auswirkt. Sie erforschen auch, welche Auswirkungen der Dialekt auf das Lernen und Denken des Einzelnen hat.

35 Die Angst vieler Fachleute und Heimatpfleger, deutsche Dialekte würden demnächst aussterben, scheint neuerdings wieder weniger begründet. Das Bekenntnis zum Dialekt hat in Deutschland in den letzten Jahren wieder zugenommen. So haben Umfragen gezeigt, dass sich z. B. in Hessen über 60 Prozent, in Bayern, Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg immerhin noch mehr als 70 Prozent zu ihrem Idiom bekennen. Auch Mundarttheater, Mund 40 artbücher, Mundartcomedians, Dialekt sprechende Kabarettisten und Musikgruppen erfahren Zulauf und feiern Erfolge. Man denke etwa an die Musikgruppe BAP aus Köln 1 oder das Ohnsorg-Theater in Hamburg 2, um nur zwei Beispiele zu nennen. Viele dieser Künstler sind nicht nur auf regionalen Bühnen zu sehen, sondern auch in überregionalen Fernsehsendungen oder auf Kanälen, die von vielen TV-Zuschauern empfangen werden können, wie etwa die 45 dritten Programme im deutschen Kabelnetz – in der Regel sind dies dann aber „angepasste“ Dialektausgaben, damit sie von möglichst vielen Leuten verstanden werden. [...]

Kritiker werfen Dialektsprechern häufig mangelnde Sprachkompetenz vor. Insbesondere in der Schule bekommen Dialekt sprechende Kinder Schwierigkeiten, wenn sie beim Schreiben Fehler machen.

50 Doch Linguisten sind der Ansicht, dass Lehrer es sich und ihren Schülern viel leichter machen könnten, wenn sie sich intensiver mit der Mundart beschäftigen würden.

Die mundartbedingten Fehler sind nämlich ganz typisch. So verwechseln Kinder aus dem alemannischen und auch aus dem fränkischen Sprachraum die Buchstaben b, d, g mit p, t, k. Sie schreiben dann du griegst Brügel oder da ist die Bolizei gegommen.

55 Bei Kindern aus Niedersachsen liest man ein falsches e vor ch: necht wahr, unwahrscheinlech. Oder sie schreiben (wie sie es hören): Bahnsteich, Tach, wichtich. Im Rheinland schreiben sie ergendwo, er werft etc. Sie entsprechen damit zwar genau den systematischen lautlichen Unterscheidungen, nach denen Dialekte eingeteilt werden. Doch in der Schule müssen sie die Schreibweise der Hochsprache lernen [...].

60 Da sich die Dialekte auch in der Grammatik teilweise erheblich von der Standardsprache unterscheiden, kommt es in der Schule – und häufig auch noch später – zu oft kurios klingenden Sätzen. Dr. Brandner nennt Beispiele:

Geradezu berühmt sind Relativsätze, die (nicht nur im Schwäbischen) mit unveränderlichem „wo“ eingeleitet werden – egal ob es sich um Personen, Dinge oder eben auch Orte handelt. 65 Häufig wird dann „überkorrekt“ eine Konstruktion sowohl mit (schriftsprachlich korrektem) Relativpronomen und „wo“ gebildet, sodass Sätze entstehen wie

Die Frau, vu derre wo-n-i dir verzellt ha.

(Die Frau, von der „wo“ ich dir erzählt habe.)

Diese Konstruktion hat sich in einigen oberdeutschen Dialektgrammatiken stark durchgesetzt. 70 Die Schweizerdeutschen und die Westalemannen leisten hier noch Widerstand und zumindest die älteren Sprecher bevorzugen eindeutig:

Die Frau, wo-n-i dir verzellt ha, vu n-erre.

„Dieses Beispiel illustriert sehr schön, dass Dialekt eben nicht bedeutet: weniger Komplexität oder weniger Ausdrucksmöglichkeiten, sondern nur andere grammatische Konstruktion“, 75 sagt Dr. Brandner.

Ein weiteres Beispiel ist die tun -Einsetzung. Von Lehrern in aller Regel als stilistisch schlecht gebrandmarkt, leistet „tun“ in vielen Dialekten einen wichtigen Beitrag zur Bedeutungsunterscheidung. Beispielsweise drückt „tun“ im folgenden Satz einen sogenannten „habituellen Aspekt“ aus, d. h., dass jemand „gewohnheitsmäßig“ oder „immer wieder“ etwas macht: 80 Sie tut jetzt nicht mehr Rad fahren. (Sie hat für immer aufgehört, mit dem Rad zu fahren).

Um Fehler in der Standardsprache geschickt auszumerzen, sollten Lehrer am besten selbst die verursachende Mundart sprechen, sagen Linguisten. Jedenfalls ist Interesse hilfreicher als Geringschätzung oder Vorurteile.

Wenn sowohl Lehrern als auch Schülern klar ist, dass es sich bei Dialekt und Standardsprache 85 um zwei unterschiedliche Sprachvarianten handelt und dass der Dialekt nicht lediglich eine „Unterform“ oder eine nicht perfekte Form der Standardsprache ist, könnten die systematischen Unterschiede zwischen den beiden sogar sehr gut Unterrichtsgegenstand sein. Dies würde nebenbei noch dazu führen, dass die deutsche Grammatik im Unterricht stärker behandelt werden würde – und das wäre nicht nur für Dialektsprecher von Vorteil.

90 Über eines sind sich mittlerweile die Forscher einig: Wer Dialekt spricht, leidet nicht an einem Mangel an Sprachkompetenz. Im Gegenteil: Dialektsprecher lernen von Anfang an zwei Sprachen. Sie erwerben also eher eine größere Sprachkompetenz [...].

1 BAP: Kölschrockband

2 Ohnsorg-Theater: Hamburger Theater, das seit über hundert Jahren Aufführungen in niederdeutscher Sprache („Plattdeutsch“) realisiert

Anmerkungen zu den Autorinnen:

Ilse Achilles und Gerda Pighin sind Journalistinnen und Autorinnen zahlreicher Fachpublikationen.

Materialgrundlage: Ilse Achilles und Gerda Pighin: Vernäht und zugeflixt! Von Versprechern, Flüchen, Dialekten & Co. Mannheim u. a.: Dudenverlag 2008, S. 38 ff.

2. Stellen Sie zusätzliche Merkmale und Funktionen der Sprachvarietät „Dialekt“ dar. Erläutern Sie, inwiefern es zum Auftrag der Schule gehört, den Gebrauch der Standardsprache zu bevorzugen. Nehmen Sie zum Schluss Stellung zu der Frage, ob der jeweilige regionale Dialekt im schulischen Kontext zusätzlich als Sprachvarietät vermittelt werden sollte. [36 Punkte]

Aufgabe 2 · Interpretation lyrischer Texte

Abiturprüfung 2022 – Deutsch, Grundkurs (Nachtermin)

Aufgabenstellung: Vergleichende Analyse literarischer Texte

Aufgabenstellung:

1.

Analysieren Sie Wilhelm Müllers Gedicht „Wanderschaft“. (36 Punkte)

2.

Erschließen Sie Bertolt Brechts Gedicht „Der Radwechsel“ hinsichtlich seines Inhalts und seiner formalen Gestaltung. Vergleichen Sie anschließend beide Gedichte unter Berücksichtigung der Situation des lyrischen Sprechers und des Motivs des Unterwegsseins. (36 Punkte)

Materialgrundlage 1

Wilhelm Müller

Wanderschaft (1821)

1 Das Wandern ist des Müllers Lust,

Das Wandern!

Das muß ein schlechter Müller 1 sein,

Dem niemals fiel das Wandern ein,

5 Das Wandern.

Vom Wasser haben wir’s gelernt,

Vom Wasser!

Das hat nicht Rast bei Tag und Nacht,

Ist stets auf Wanderschaft bedacht,

10 Das Wasser.

Das sehn wir auch den Rädern ab,

Den Rädern!

Die gar nicht gerne stille stehn,

Die sich mein Tag nicht müde drehn,

15 Die Räder.

Die Steine selbst, so schwer sie sind,

Die Steine!

Sie tanzen mit den muntern Reihn 2

Und wollen gar noch schneller sein,

20 Die Steine.

O Wandern, Wandern, meine Lust,

O Wandern!

Herr Meister 3 und Frau Meisterin,

Laßt mich in Frieden weiter ziehn 4

25 Und wandern.

1 Müller: hier: Bezeichnung für den Betreiber einer Mühle, in der durch Wind- oder Wasserantrieb mittels eines großen Schwungrades Kraft für einen anderen Arbeitsgang (meist zur Zerkleinerung des Getreides zu Mehl im Mahlvorgang) gewonnen wird

2 mit den muntern Reihn: Hinweis auf die damals übliche Form des Tanzes als gemeinschaftliche Bewegung in verschiedenen linearen Aufstellungen

3 Herr Meister: hier: ebenfalls Handwerksbezeichnung; Benennung des höchsten Ausbildungsgrads, Voraussetzung für die selbstständige Führung einer Mühle

4 weiter ziehn: Die Gesellenwanderung und mit ihr verbunden das Kennenlernen weiterer Handwerkstraditionen erfolgte nach Beendigung der Lehrzeit (nach der sog. Freisprechung durch den Meister) und war bis zur Industrialisierung Voraussetzung für eine Zulassung zur Meisterprüfung.

Anmerkungen zum Autor: Wilhelm Müller wurde 1794 in Dessau geboren und starb dort 1827. Während seines Studiums nahm Müller an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teil und setzte sich später auch für die Unabhängigkeit Griechenlands von der türkischen Besatzung ein. Er reiste 1817/18 nach Italien. Seine Gedichte sind heute vor allem durch ihre Vertonungen weithin bekannt.

Materialgrundlage 2

Bertolt Brecht

Der Radwechsel (1953)

1 Ich sitze am Straßenhang.

Der Fahrer wechselt das Rad.

Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.

Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.

5 Warum sehe ich den Radwechsel

Mit Ungeduld?

Anmerkungen zum Autor: Bertolt Brecht wurde 1898 in Augsburg geboren und starb 1956 in Berlin. Brecht arbeitete seit 1922 als Dramaturg in München und in Berlin, emigrierte 1933 und kehrte 1947 nach Ost-Berlin zurück, wo er die Theaterarbeit wieder aufnahm.

Teilaufgabe 1

Teilaufgabe 2

Aufgabe 3 · Interpretation epischer Texte

Aufgabenstellung

1.

Analysieren Sie den vorliegenden Ausschnitt aus Robert Seethalers Roman „Der Trafikant“.

Achten Sie dabei besonders darauf, auf welche Weise der Traum der Hauptfigur sowie deren Empfindungen und Verhalten nach dem Aufwachen dargestellt und gestaltet sind. (45 Punkte)

2.

Erläutern Sie, welche Bedeutung es für Franz in seiner aktuellen Lage hat, dass er die Traumzettel öffentlich aushängt. Erschließen Sie unter Einbeziehung des ganzen Romans, auf welche Weise die Figur durch ihre Träume literarisch gestaltet wird. Erläutern Sie zum Schluss, inwiefern der Roman die Darstellung von Träumen als Erzählstrategie nutzt. (27 Punkte)

Materialgrundlage

Robert Seethaler: Der Trafikant. Zürich/Berlin: Kein & Aber 2012, S. 172 – 176

Robert Seethaler: Der Trafikant (Textauszug)

In dieser Nacht träumte Franz von seinem seligen Vater, einem Waldarbeiter aus Bad Goisern, den er nie kennengelernt hatte, da er nur wenige Tage vor seiner Geburt von einer morschen Stieleich erschlagen worden war, und der angeblich zu Lebzeiten kaum mehr gesprochen hatte als im Tode. Im Traum gingen sie zwischen stillen Feldern einen Weg entlang. Franz

5 war noch klein und hatte Staub in den Haaren. Hoch über ihnen glühte die Sonne, und der Vater verschmolz mit seinem eigenen Schatten. Sie kamen zum großen Amt und betraten die marmorglänzende Eingangshalle. In der Mitte saß ein dicker Mann und stempelte in rasender Geschwindigkeit seine Schreibtischunterlage ab. Schnell reihte sich eine Menschenschlange vor ihm auf, jeder wollte einen Stempel, doch der Dicke hörte nicht auf das Bitten und Flehen.

10 Immer wieder ließ er den Stempel auf seine Unterlage hinuntersausen. Die Schläge hallten wie Kanonenschüsse durch den Raum, während ein goldenes Horn laut und scheppernd große Zeiten ankündigte. Der Vater nahm Franz an der Hand und versuchte sich in die Menschenschlange zu drängeln. Er hatte Angst, seine Hand war trocken und rau wie ein Stück Holz. Verzeihung, sagte er immer wieder, mehr zu sich selbst als zu den Leuten, Verzeihung, Ver-

15 zeihung, Verzeihung. Genau!, sagte der dicke Postbeamte triumphierend, und stieß dem Vater seinen Stempel auf die Stirn: ZUKUNFT stand drauf, und zwischen den Buchstaben lief in dünnen Spuren das Blut hinunter. Franz erwachte schweißüberströmt und mit einem seltsamen Flimmern hinterm Herzen. Noch während des halbbetäubten Heraustrudelns aus dem Schlaf schrieb er seinen Traum auf ein Blatt Papier:

20 Ein Spaziergang mit dem Vater, die Sonne brennt, und wir gehen ins große Amt, wo ein dicker Mann herumstempelt, der Vater drängelt und entschuldigt sich dafür, das goldene Horn plärrt, und der Dicke stempelt dem Vater das Wort ZUKUNFT mitsamt einer Platzwunde aufs Hirn.

Den ganzen Vormittag hatte er den Zettel vor sich auf der Verkaufstheke liegen und bemühte

25 sich, nicht beständig darauf zu starren. Dieser dicke Mann war doch irgendwie armselig, dachte er bei sich, trotz seiner insgesamt recht imposanten Erscheinung. Armselig und auch ein bisschen einsam in seiner eingebildeten Großartigkeit, und noch dazu gefangen im Traum eines ihm völlig unbekannten Trafikantenlehrlings. Man müsste in die Köpfe der Leute hineinschauen können, dachte er, aber nur während des Schlafes. Tagsüber wollte man ja eigent-

30 lich gar nicht wissen, was vorgeht in den Leuten, außerdem war von so einem durchschnittlichen Kopfinhalt ohnehin nicht übermäßig viel zu erwarten. In der Nacht aber, dachte er weiter, in den stillen, dunklen Stunden, sähe die Sache schon anders aus. Da stünde einem die eigene Vorsicht nicht mehr im Weg, und alle Ängste, Begehrlichkeiten, und Spinnereien könn-

ten ungehemmt durchs Hirn geistern. Franz hätte gerne mit jemandem über seine Träume ge-

35 sprochen, am liebsten mit Anezka, zur Not auch mit dem Professor oder mit Otto Trsnjek oder wenigstens mit irgendeinem Kunden. Aber bis nach Mittag betraten nur zwei Menschen die Trafik: Frau Veithammer, die sich die neue Ausgabe der Illustrierten Wochenpost holte und sich bei der Gelegenheit gleich über ihren unlängst verstorbenen Gatten beschwerte, der nicht einmal im Grab etwas Gescheites zusammenbrächte, da die Blumen über ihm schon zu ver-

40 welken begännen, bevor sie überhaupt richtig zu blühen begonnen hätten, sowie ein kleines Mädchen, das nach einem mittelweichen Bleistift fragte und mit seinen winzigen Fingern die Groschen einzeln in Franz' Hand hineinzählte. Von beiden war natürlich in Bezug auf Trauminhalte nichts Erhellendes oder sonst irgendwie Brauchbares zu erwarten. Aber vielleicht, dachte Franz, kommt es ja gar nicht drauf an, sich über Träume und deren möglichen Sinn

45 oder wahrscheinlichen Unsinn auszutauschen, vielleicht geht es einzig und alleine darum, die Träume vollkommen erwartungslos mitzuteilen, sie praktisch wie im Lichtspielhaus einfach vom Kopfinneren auf die leere Leinwand der Außenwelt zu projizieren und damit im zufällig vorbeikommenden oder absichtsvoll herantretenden Betrachter irgendetwas zu wecken, mit ein bisschen Glück sogar etwas von Belang, Bedeutung oder Dauerhaftigkeit. Er atmete schwer

50 aus und ließ sich in den Sessel zurücksinken. Das Herumtappen in derartig fremden und dunklen Gedankengängen erschöpfte ihn. Sein Blick fiel durch die Auslage auf die gegenüberliegende Häuserreihe. Eines der Fenster war fast vollständig mit Grünpflanzen zugewachsen, in der Schummrigkeit dahinter bewegte sich das weiße Unterhemd eines hin- und hergehenden Mannes. Franz seufzte. Er musste an den Wald denken, an das beruhigende Rauschen der

55 Bäume und an das Vogelgezwitscher, das trotz seiner lärmenden Allgegenwärtigkeit die Waldesruhe niemals zu stören schien. An der Auslagenscheibe klebte in Blickhöhe ein grünlicher Vogelscheißebatzen. Stadtvögel zwitschern nicht, sondern schreien, dachte er missmutig. Außerdem scheißen sie einem auf den Hut und auf die Auslage und legen sich zum Sterben in irgendeine Dachbodennische, wo sie nichts weiter hinterlassen als ihre verstaubten Gerippe,

60 ein paar Federn und ein bisschen Gestank. Er seufzte noch einmal, tiefer sogar noch als beim ersten Mal, und fast gleichzeitig mit dem Seufzer kam ihm eine Idee: Er holte etwas Klebeband aus der Schublade, nahm den Zettel mit seinem Traum, schrieb ins rechte obere Eck das Datum, ging damit auf die Straße hinaus und klebte ihn direkt über den Scheißebatzen an die Scheibe. Er trat einen Schritt zurück und betrachtete das kleine Traumplakat. Dann schloss

65 er die Augen und atmete tief die frühlingshafte Wienerluft ein. Für einen winzigen Moment flackerte das Wort ZUKUNFT rosig und hell wie eine Prater-Leuchtschrift hinter seinen Lidern auf. Da knatterte auf der Straße hinter ihm ein mit Eisblöcken beladener Lieferwagen der Vereinigten Wiener Eisfabriken vorbei, und er ging in die Trafik zurück.

1.

2.

Aufgabe 4 · Interpretation dramatischer Texte

Aufgabenstellung:

1.

Analysieren Sie den vorliegenden Ausschnitt aus Lessings Drama „Nathan der Weise“ mit Blick auf die Gestaltung der Figuren und deren jeweilige Gesprächsstrategien. (47 Punkte)

2.

Stellen Sie dar, welches Verständnis von Humanität in Lessings Drama vermittelt wird. Erläutern Sie, inwiefern das Verhalten und die Haltungen der Figur des Klosterbruders diesem Ideal entsprechen. Erläutern Sie zum Schluss vor diesem Hintergrund, welche Bedeutung die Figur hat. (25 Punkte)

Materialgrundlage

Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise. Ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen. 2. Auflage. Stuttgart: Reclam 2021, S. 29 – 32.

Gotthold Ephraim Lessing

Nathan der Weise

1. Aufzug, 5. Auftritt (605 – 714)

KLOSTERBRUDER.

605 Das Kürz'ste wird wohl sein, dass ich dem Herrn

Ganz gradezu des Patriarchen Wunsch

Eröffne.

TEMPELHERR. Wohl!

KLOSTERBRUDER.

Er hätte durch den Herrn

Ein Briefchen gern bestellt 1.

TEMPELHERR.

Durch mich? Ich bin

Kein Bote. – Das, das wäre das Geschäft,

610 Das weit glorreicher sei, als Judenmädchen

Dem Feu'r entreißen?

KLOSTERBRUDER. Muss doch wohl! Denn – sagt

Der Patriarch – an diesem Briefchen sei

Der ganzen Christenheit sehr viel gelegen.

Dies Briefchen wohl bestellt zu haben, – sagt

615 Der Patriarch, – werd einst im Himmel Gott

Mit einer ganz besondern Krone lohnen.

Und dieser Krone, – sagt der Patriarch, –

Sei niemand würd'ger, als mein Herr.

TEMPELHERR. Als ich?

KLOSTERBRUDER. Denn diese Krone zu verdienen, – sagt

620 Der Patriarch, – sei schwerlich jemand auch

Geschickter, als mein Herr.

TEMPELHERR. Als ich?

KLOSTERBRUDER.

Er sei

Hier frei; könn' überall sich hier besehn 2;

Versteh', wie eine Stadt zu stürmen und

Zu schirmen 3; könne, – sagt der Patriarch, –

625 Die Stärk' und Schwäche der von Saladin

Neu aufgeführten, innern, zweiten Mauer

Am besten schätzen, sie am deutlichsten

Den Streitern Gottes 4, – sagt der Patriarch, –

Beschreiben.

TEMPELHERR. Guter Bruder, wenn ich doch

630 Nun auch des Briefchens nähern Inhalt wüsste.

KLOSTERBRUDER.

Ja den, – den weiß ich nun wohl nicht so recht.

Das Briefchen aber ist an König Philipp. –

Der Patriarch … Ich hab mich oft gewundert,

Wie doch ein Heiliger, der sonst so ganz

635 Im Himmel lebt, zugleich so unterrichtet

Von Dingen dieser Welt zu sein herab

Sich lassen kann. Es muss ihm sauer werden.

TEMPELHERR. Nun dann? der Patriarch? –

KLOSTERBRUDER. Weiß ganz genau,

Ganz zuverlässig, wie und wo, wie stark,

640 Von welcher Seite Saladin, im Fall

Es völlig wieder losgeht, seinen Feldzug

Eröffnen wird.

TEMPELHERR. Das weiß er?

KLOSTERBRUDER. Ja, und möcht

Es gern dem König Philipp wissen lassen:

Damit der ungefähr ermessen könne,

645 Ob die Gefahr denn gar so schrecklich, um

Mit Saladin den Waffenstillstand,

Den Euer Orden schon so brav gebrochen,

Es koste was es wolle, wiederher-

Zustellen.

TEMPELHERR. Welch ein Patriarch! – Ja so!

650 Der liebe tapfre Mann will mich zu keinem

Gemeinen Boten; will mich – zum Spion. –

Sagt Euerm Patriarchen, guter Bruder,

So viel Ihr mich ergründen können, wär

Das meine Sache nicht. – Ich müsse mich

655 Noch als Gefangenen betrachten; und

Der Tempelherren einziger Beruf

Sei mit dem Schwerte dreinzuschlagen, nicht

Kundschafterei 5 zu treiben.

KLOSTERBRUDER. Dacht ich's doch! –

Will's auch dem Herrn nicht eben sehr verübeln. –

660 Zwar kömmt das Beste noch. – Der Patriarch

Hiernächst hat ausgegattert 6, wie die Veste 7

Sich nennt, und wo auf Libanon sie liegt,

In der die ungeheuern Summen stecken,

Mit welchen Saladins vorsicht'ger Vater

665 Das Heer besoldet, und die Zurüstungen 8

Des Kriegs bestreitet. Saladin verfügt 9

Von Zeit zu Zeit auf abgelegnen Wegen

Nach dieser Veste sich, nur kaum begleitet. –

Ihr merkt doch?

TEMPELHERR. Nimmermehr!

KLOSTERBRUDER. Was wäre da

670 Wohl leichter, als des Saladins sich zu

Bemächtigen? den Garaus ihm zu machen? –

Ihr schaudert? – O es haben schon ein paar

Gottsfürcht'ge Maroniten 10 sich erboten,

Wenn nur ein wackrer 11 Mann sie führen wolle,

675 Das Stück zu wagen.

TEMPELHERR. Und der Patriarch

Hätt auch zu diesem wackern Manne mich

Ersehn?

KLOSTERBRUDER. Er glaubt, dass König Philipp wohl

Von Ptolemais 12 aus die Hand hierzu

Am besten bieten könne.

TEMPELHERR. Mir? mir, Bruder?

680 Mir? Habt Ihr nicht gehört? nur erst gehört,

Was für Verbindlichkeit dem Saladin

Ich habe?

KLOSTERBRUDER. Wohl hab ich's gehört.

TEMPELHERR. Und doch?

KLOSTERBRUDER.

Ja, – meint der Patriarch, – das wär schon gut:

Gott aber und der Orden …

TEMPELHERR. Ändern nichts!

685 Gebieten mir kein Bubenstück 13 !

KLOSTERBRUDER. Gewiss nicht! –

Nur, – meint der Patriarch, – sei Bubenstück

Vor Menschen, nicht auch Bubenstück vor Gott.

TEMPELHERR. Ich wär dem Saladin mein Leben schuldig:

Und raubt ihm seines?

KLOSTERBRUDER. Pfui! – Doch bliebe, – meint

690 Der Patriarch, – noch immer Saladin

Ein Feind der Christenheit, der Euer Freund

Zu sein, kein Recht erwerben könne.

TEMPELHERR. Freund?

An dem ich bloß nicht will zum Schurken werden;

Zum undankbaren Schurken?

KLOSTERBRUDER. Allerdings! –

695 Zwar, – meint der Patriarch, – des Dankes sei

Man quitt 14, vor Gott und Menschen quitt, wenn uns

Der Dienst um unsertwillen nicht geschehen.

Und da verlauten wolle, – meint der Patriarch, –

Dass Euch nur darum Saladin begnadet,

700 Weil ihm in Eurer Mien', in Euerm Wesen,

So was von seinem Bruder eingeleuchtet 15 …

TEMPELHERR. Auch dieses weiß der Patriarch; und doch? –

Ah! wäre das gewiss! Ah, Saladin! –

Wie? die Natur hätt auch nur Einen Zug

705 Von mir in deines Bruders Form gebildet:

Und dem entspräche nichts in meiner Seele?

Was dem entspräche, könnt ich unterdrücken,

Um einem Patriarchen zu gefallen? –

Natur, so leugst 16 du nicht! So widerspricht

710 Sich Gott in seinen Werken nicht! – Geht Bruder! –

Erregt mir meine Galle 17 nicht! – Geht! geht!

KLOSTERBRUDER. Ich geh; und geh vergnügter, als ich kam.

Verzeihe mir der Herr. Wir Klosterleute

Sind schuldig, unsern Obern zu gehorchen.

1: bestellt: überbracht, abgeliefert | 2: sich hier besehn: sich hier umsehen | 3: schirmen: schützen | 4: Den Streitern Gottes: den Kreuzrittern | 5: Kundschafterei: Spionage | 6: ausgegattert: herausgefunden | 7: Veste: Festung, Burg | 8: Zurüstungen: Ausrüstung | 9: verfügt: begibt sich | 10: Maroniten: syrische Christen im Libanon | 11: wackrer: tapferer | 12: Ptolemais: syrische Hafenstadt | 13: Bubenstück: üble Tat, Schurkerei | 14: quitt: hier: man sei davon befreit, freigestellt | 15: eingeleuchtet: auffiel | 16: leugst: lügst | 17: Galle: meinen Zorn

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