Aufgabe 2 - Sprachreflexion und Sprachtheorien · Abitur NRW Deutsch LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Sprachreflexion und Sprachtheorien · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)

Aufgabenstellung

Heinrich Böll

Die Sprache als Hort der Freiheit (1959)

Rede, gehalten anläßlich der Entgegennahme des Eduard-von-der-Heydt-Preises der Stadt Wuppertal am 24.1.1959

Die Ehrung, die mir heute durch die Stadt Wuppertal zuteil wird, zitiert den freudig Betroffe-

nen vor die einzige Instanz, die entscheiden könnte, ob die Ehre angemessen sei: das Gewis-

sen. [...]

Wer mit Worten Umgang pflegt, auf eine leidenschaftliche Weise, wie ich es von mir beken-

5 nen möchte, wird, je länger er diesen Umgang pflegt, immer nachdenklicher, weil nichts ihn

von der Erkenntnis rettet, welch gespaltene Wesen Worte in unserer Welt sind. Kaum aus-

gesprochen oder hingeschrieben, verwandeln sie sich und laden dem, der sie aussprach oder

schrieb, eine Verantwortung auf, deren volle Last er nur selten tragen kann: wer das Wort

Brot hinschreibt oder ausspricht, weiß nicht, was er damit angerichtet, Kriege sind um dieses

10 Wortes willen geführt worden, Morde geschehen, es trägt eine gewaltige Erbschaft auf sich,

und wer es hinschreibt, sollte wissen, welche Erbschaft es trägt und welcher Verwandlungen

es fähig ist. Würden wir uns, dieser Erbschaft, die auf jedem Wort ruht, bewußt, unsere Wör-

terbücher vornehmen, diesen Katalog unseres Reichtums studieren, wir würden entdecken,

daß hinter jedem Wort eine Welt steht, und wer mit Worten umgeht, wie es jeder tut, der eine

15 Zeitungsnachricht verfaßt oder eine Gedichtzeile zu Papier bringt, sollte wissen, daß er Welten

in Bewegung setzt, gespaltene Wesen losläßt: was den einen trösten mag, kann den anderen

zu Tode verletzen.

Es ist kein Zufall, daß immer da, wo der Geist als eine Gefahr angesehen wird, als erstes

die Bücher verboten, die Zeitungen und Zeitschriften, Rundfunkmeldungen einer strengen

20 Zensur ausgeliefert werden; zwischen zwei Zeilen, auf dieser winzigen weißen Schußlinie des

Druckers, kann man Dynamit genug anhäufen, um Welten in die Luft zu sprengen. In allen

Staaten, in denen Terror herrscht, ist das Wort fast noch mehr gefürchtet als bewaffneter Wider-

stand, und oft ist das letzte die Folge des ersten. Die Sprache kann der letzte Hort der Freiheit

sein. Wir wissen, daß ein Gespräch, daß ein heimlich weitergereichtes Gedicht kostbarer wer-

25 den kann als Brot, nach dem in allen Revolutionen die Aufständischen geschrien haben.

So wird Ihnen vielleicht verständlich, daß ich hier, als freier Bürger von dieser freien Stadt

geehrt als einer, der mit Worten umgeht, eine Instanz zitierte, die mit Kunst anscheinend nichts

zu tun hat: das Gewissen, nicht das künstlerische Gewissen [...], sondern das Gewissen des

Menschen als gesellschaftlichen Wesens. Worte wirken, wir wissen es, haben es am eigenen

30 Leib erfahren, Worte können Krieg vorbereiten, ihn herbeiführen, nicht immer sind es Worte,

die Frieden stiften. Das Wort, dem gewissenlosen Demagogen ausgeliefert, dem puren Takti-

ker, dem Opportunisten, es kann zur Todesursache für Millionen werden, die meinungsbilden-

den Maschinen können es ausspucken wie ein Maschinengewehr seine Geschosse: vierhun-

dert, sechshundert, achthundert in der Minute; eine beliebig zu klassifizierende Gruppe von

35 Mitbürgern kann durch Worte dem Verderben ausgeliefert werden. Ich brauche nur ein Wort

zu nennen: Jude. Es kann morgen ein anderes sein: das Wort Atheist oder das Wort Christ

oder das Wort Kommunist, das Wort Konformist oder Nonkonformist. Der Spruch: Wenn

Worte töten könnten, ist längst aus dem Irrealis in den Indikativ geholt worden: Worte können

töten, und es ist einzig und allein eine Gewissensfrage, ob man die Sprache in Bereiche ent-

40 gleiten läßt, wo sie mörderisch wird. [...]

Es mag Ihnen merkwürdig erscheinen, daß einer, der sich als leidenschaftlicher Liebhaber

der Sprache bekannt hat, hier eine Rede hält, die nur düstere politische Prognosen zu enthalten

scheint, aus Vergangenheit und Gegenwart Worte auswählt, die tödlich gewirkt haben oder

tödlich wirken können, die Zukunft aus Worten beschwört; aber der politische Akzent solcher

45 Beschwörungen und Erinnerungen, das Mahnende und Drohende, kommt aus dem Wissen,

daß Politik mit Worten gemacht wird, daß es Worte sind, die den Menschen zum Gegenstand

der Politik machen und ihn Geschichte erleiden lassen, Worte, die geredet, gedruckt werden,

und es kommt aus dem Wissen, daß Meinungsbildung, Stimmungsmache sich immer des Wor-

tes bedienen. Die Maschinen sind da: Presse, Rundfunk, Fernsehen, von freien Menschen be-

50 dient, bieten sie uns Harmloses an, beschränken sich aufs Kommerzielle, Werbung, Unterhal-

tung – aber nur eine geringe Drehung am Schalter der Macht, und wir würden erkennen, daß

die Harmlosigkeit der Maschinen nur eine scheinbare ist. Sie preisen uns heute ein Waschmit-

tel an oder eine Zigarette, was würde geschehen, wenn sie mit gleicher Intensität uns Atheisten

oder Christen, Konformisten oder Kommunisten anbieten oder uns einhämmern würden [...]?

Anmerkungen zum Autor:

Heinrich Böll wurde 1917 in Köln geboren und starb 1985 in Kreuzau-Langenbroich. Er zählt zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern der Nachkriegszeit und wurde 1972 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Als Jugendlicher und junger Erwachsener erlebte er die Schrecken der NS-Zeit und des Krieges.

Weitere Anmerkungen:

Eduard-von-der-Heydt-Preis: Der Kulturpreis der Stadt Wuppertal wird an Künstlerinnen und Künstler in Anerkennung ihres Lebenswerks vergeben.

Aufgabenstellung

2.

Stellen Sie die Grundzüge der Theorie von Edward Sapir und Benjamin Whorf über den Zusammenhang von Sprache, Denken und Wirklichkeit dar und vergleichen Sie diese mit den Überlegungen von Heinrich Böll. Beziehen Sie dabei ebenfalls ein, wie beide Seiten jeweils methodisch an die Frage nach dem Zusammenhang von Sprache, Denken und Wirklichkeit herangehen. (34 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 - Sprachreflexion und Sprachtheorien · Abitur NRW Deutsch LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Stellen Sie die Grundzüge der Theorie von Edward Sapir und Benjamin Whorf über den Zusammenhang von Sprache, Denken und Wirklichkeit dar und vergleichen Sie diese mit den Überlegungen von Heinrich Böll. Beziehen Sie dabei ebenfalls ein, wie beide Seiten jeweils methodisch an die Frage nach dem Zusammenhang von Sprache, Denken und Wirklichkeit herangehen.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den Vorgaben der Lehrkraft.

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