Aufgabe 1 - Literarische Erörterung und Pflichtle… · Abitur NRW Deutsch LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)
Aufgabenstellung
Aufgabenstellung
David Friedrich Strauß
Lessing’s Nathan der Weise. Ein Vortrag
[...]
Auf die Vorwürfe einzugehen, die man gegen diesen Standpunkt Lessing’s 1 von Seiten einer
strengern – oder engern – religiösen Denkart erhebt, wäre hier nicht am Orte; lieber lassen Sie
mich über einige ästhetische Ausstellungen 2, die man an seinem Drama gemacht hat, schließ-
lich noch ein paar Worte sagen: Man hat ein Mißverhältniß darin gefunden, daß es, ursprüng-
5 lich auf den großen geschichtlichen Konflikt zwischen christlichem Fanatismus und reiner
Vernunftreligion angelegt, zuletzt auf die ordinäre Rührung eines bürgerlichen Familienstücks
auslaufe. Allerdings ist es eine Familie, die sich am Schlusse, vermöge einer jener Wieder-
kennungen, in denen schon Aristoteles eines der wirksamsten dramatischen Motive sah, aus
der Zerstreuung wieder zusammenfindet; aber was für eine Familie? Eine Familie, die ihre
10 Angehörigen bei den drei Religionen herum verzettelt hatte, und sie nun wieder sammelt, nicht
unter den Fittigen 3 einer bestimmten positiven Religion 4, sondern in den Armen der Einen
allgemeinen Religion, der Religion der Vernunft und Humanität, deren versprengte und sich
entfremdete Kinder die einzelnen Religionen sind. Durch diese gewissermaßen symbolische
Bedeutung der Personen und Schicksale in unserem Drama erledigt sich auch der Tadel, den
15 die Wendung am Schlusse erfahren hat, daß zwei Liebende sich als Geschwister erkennen,
sich folglich entsagen müssen. Dem Dichter wäre es ein Leichtes gewesen, durch eine kleine
Wendung seiner Fabel das Paar als liebendes zu beglücken, wenn er es seiner Absicht gemäß
gefunden hätte. Allein eben weil sein Absehen über alles Persönliche hinausging, durfte er es
nicht. Er muß jede sinnliche Befriedigung versagen, um desto nachdrücklicher auf die ideelle
20 hinauszuweisen, die er uns gewähren will.
Doch eben diese ideelle, gedankenhafte Haltung des Schauspiels hat man getadelt, hat mehr
Handlung und Kampf darin gewünscht. Der Patriarch, hat man gesagt, hätte müssen gegen
den Juden zum Aeußersten schreiten, der Templer in einem Augenblick furchtbarer Gefahr
als Retter Nathan’s auftreten und dadurch zugleich seine eigene Läuterung, seine Erhebung
25 aus dem Dunkel des religiösen Vorurtheils vollenden. Dieser Tadel hat viel Einleuchtendes,
ja er ist, den Nathan nur als Drama schlechtweg betrachtet, nicht zu widerlegen. Drastischer,
erschütternder wäre das Stück sicher geworden, hätte der Dichter die Kräfte, die er darin in
Bewegung setzt, ganz entfesselt in ihrer vollen Macht auf einander stoßen eine an der anderen
zerbrechen lassen, als so, wo es vom Vorsatz zur wirklichen That gar nicht kommt, das Feuer
30 schon als Funke wieder erstickt wird. Allein durch eine solche Aenderung wäre, selbst bei
glücklichem Ausgang, der ganze Charakter, die ganze Grundstimmung des Lessing’schen
Stücks alterirt 5 worden. Diese Grundstimmung ist die Selbst- und Sieges-Gewißheit der Ver-
nunft, das heitere Licht, das jede Wolke in sich verzehrt, keine sich zum verderblichen Gewit-
ter zusammenballen läßt. In dieser Stimmung erscheinen Wahn und Finsterniß schon zum
35 Voraus als besiegt; die Waffen fallen den Gegnern, indem sie sie ergreifen wollen, aus den
Händen; selbst ein Fürst der Finsterniß 6, wie der Patriarch, wird zur machtlosen, halbkomi-
schen Figur, fast wie in den kirchlichen Schauspielen des Mittelalters der wirkliche Fürst der
Finsterniß zu erscheinen pflegte. Den Kampf, können wir sagen, hatte Lessing in seinen Streit-
schriften wider Göze vorweggenommen: im Nathan, der zu diesem Kampfe das Nachspiel bil-
40 det, wollte er nur noch die Versöhnung geben, gleichsam den Triumphgesang der Vernunft
über den Wahn, des Lichtes über die Finsterniß anstimmen. Dabei mußte natürlich, wie der
Streit ein Streit um Gedanken gewesen war, so auch in dem versöhnenden Schauspiel der
Gedanke überwiegen, konnte die Handlung überhaupt nur so weit zur Entfaltung kommen,
als es zur Unterlage des idealen Elementes nöthig war. In diesem „dramatischen Gedicht“,
45 wie er den Nathan, seiner freieren Form wegen, im Unterschied von der strenger geschlos-
senen des eigentlichen Drama nannte, – in diesem dramatischen Gedicht wollte Lessing nicht
blos, wie im eigentlichen Drama geschieht, durch Mitleid und Furcht unsere Leidenschaften,
sondern zugleich durch ausdrückliche Belehrung unsere Vorstellungen reinigen: der Nathan
ist, mit Einem Wort, ein didaktisches Drama.
50 Die didaktische Poesie genießt in der neueren Aesthetik wenig Gunst, sie gilt nicht als volle,
ächte Poesie, und daher fürchtet man wohl, dem Nathan zu nahe zu treten, wenn man ihn ein
didaktisches Drama nennt. [...]
Worterklärungen
1 Standpunkt Lessing’s: einen Standpunkt des Vorrangs der Humanität vor der Religiosität
2 Ausstellungen: hier: Ausarbeitungen
3 Fittige: jemanden unter seine Fittiche nehmen: sich um ihn kümmern, ihm Schutz gewähren
4 Positive Religion: (im Gegensatz zu einer konstruierten Vernunftreligion) gegebene, wirklich existierende Religion
5 alterirt: verändert
6 Fürst der Finsterniß: Teufel
Anmerkungen zum Autor
David Friedrich Strauß (1808 – 1874) war ein deutscher Philosoph, Schriftsteller und Theologe, der vor allem durch seine religionskritischen Schriften große Aufmerksamkeit erhielt.
2.
Stellen Sie in knapper Form die zentralen Gedanken dar, mit denen Strauß den Schluss von Lessings „Nathan“ verteidigt, und beurteilen Sie, wie tragfähig diese sind. Nehmen Sie zum Schluss abwägend dazu Stellung, ob Strauß’ Aussage, der „Nathan“ reinige unsere Vorstellungen (vgl. Z. 48), auch für die heutige Wirkung von Lessings Drama eine passende Beschreibung sein kann. (36 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Stellen Sie in knapper Form die zentralen Gedanken dar, mit denen Strauß den Schluss von Lessings „Nathan“ verteidigt, und beurteilen Sie, wie tragfähig diese sind. Nehmen Sie zum Schluss abwägend dazu Stellung, ob Strauß’ Aussage, der „Nathan“ reinige unsere Vorstellungen (vgl. Z. 48), auch für die heutige Wirkung von Lessings Drama eine passende Beschreibung sein kann.
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