Aufgabe 4 · Abitur NRW Deutsch LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Interpretation epischer Texte · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)
Aufgabenstellung
Schreiben Sie Ihre Antwort in zusammenhängenden Sätzen auf. Diese Aufgabe ist offen gestellt und kann nicht automatisch ausgewertet werden; Ihre Lösung wird mit der Musterlösung abgeglichen.
Teilaufgabe 1
Analysieren Sie den abgedruckten Textauszug aus dem Roman "Effi Briest" von Theodor Fontane. [36 Punkte]
Theodor Fontane: Effi Briest (1894/95; Kapitel 30 f.)
Effi ist eine Tochter aus adeligem Hause. Sehr jung geht sie die standesgemäß arrangierte Ehe mit dem viel älteren Baron Innstetten ein und zieht mit ihm vom elterlichen Gut Hohen-Cremmen in die (ereignislose) Provinz. Beide bekommen ein Kind, Effi jedoch vereinsamt in der fremden Umgebung und aufgrund langer Abwesenheiten ihres Ehemannes. Sie beginnt eine kurze Affäre, von der nach dem Umzug der Familie nach Berlin nur eine Anzahl Briefe zurückbleibt. Diese Briefe findet Jahre später während eines Kuraufenthalts Effis ihr Ehemann, tötet den vormaligen Liebhaber im Duell und sagt sich von ihr los. Der folgende Textauszug gibt den Brief der Eltern wieder, den Effi in dieser Situation erhält.
1 Effi hörte nicht hin; sie drehte den ihrerseits empfangenen Brief zwischen den Fingern und
hatte eine ihr unerklärliche Scheu, ihn zu öffnen. Eingeschrieben und mit zwei großen Siegeln
gesiegelt und ein dickes Kuvert. Was bedeutete das? Poststempel: „Hohen-Cremmen", und die
Adresse von der Handschrift der Mutter. Von Innstetten, es war der fünfte Tag, keine
5 Zeile.
Sie nahm eine Stickschere mit Perlmuttgriff und schnitt die Längsseite des Briefes langsam
auf. Und nun harrte ihrer eine neue Überraschung. Der Briefbogen, ja, das waren eng-
geschriebene Zeilen von der Mama, darin eingelegt aber waren Geldscheine mit einem breiten
Papierstreifen drum herum, auf dem mit Rotstift, und zwar von des Vaters Hand, der Betrag
10 der eingelegten Summe verzeichnet war. Sie schob das Konvolut 1 zurück und begann zu lesen,
während sie sich in den Schaukelstuhl zurücklehnte. Aber sie kam nicht weiter, die Zeilen
entfielen ihr, und aus ihrem Gesicht war alles Blut fort. Dann bückte sie sich und nahm den
Brief wieder auf. [...]
Und nun erhob sie sich und trat in den Salon zurück, wo sie sichtlich froh war, einen Halt
15 gewinnen und sich an dem Polysanderflügel 2 entlangfühlen zu können. So kam sie bis an ihr
nach rechts hin gelegenes Zimmer, und als sie hier, tappend und suchend, die Tür geöffnet
und das Bett an der Wand gegenüber erreicht hatte, brach sie ohnmächtig zusammen.
[Kapitelgrenze: EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL]
Minuten vergingen. Als Effi sich wieder erholt hatte, setzte sie sich auf einen am Fenster ste-
20 henden Stuhl und sah auf die stille Straße hinaus. Wenn da doch Lärm und Streit gewesen
wäre; aber nur der Sonnenschein lag auf dem chaussierten 3 Wege und dazwischen die Schatten,
die das Gitter und die Bäume warfen. Das Gefühl des Alleinseins in der Welt überkam
sie mit seiner ganzen Schwere. Vor einer Stunde noch eine glückliche Frau, Liebling aller,
24 die sie kannten, und nun ausgestoßen. Wohin? Sie hatte keine Antwort darauf [...].
25 Auf dem Tisch vor ihr lag der Brief; aber ihr fehlte der Mut, weiterzulesen. Endlich sagte
sie: „Wovor bange ich mich noch? Was kann noch gesagt werden, das ich mir nicht schon
selber sagte? Der, um den all dies kam, ist tot, eine Rückkehr in mein Haus gibt es nicht, in
ein paar Wochen wird die Scheidung ausgesprochen sein, und das Kind wird man dem Vater
29 lassen. Natürlich. Ich bin schuldig, und eine Schuldige kann ihr Kind nicht erziehen. Und wo-
30 von auch? Mich selbst werde ich wohl durchbringen. Ich will sehen, was die Mama darüber
schreibt, wie sie sich mein Leben denkt."
Und unter diesen Worten nahm sie den Brief wieder, um auch den Schluß zu lesen.
„... Und nun Deine Zukunft, meine liebe Effi. Du wirst Dich auf Dich selbst stellen müssen
35 und darfst dabei, soweit äußere Mittel mitsprechen, unserer Unterstützung sicher sein. Du wirst
am besten in Berlin leben (in einer großen Stadt vertut sich 4 dergleichen am besten) und wirst
da zu den vielen gehören, die sich um freie Luft und lichte Sonne gebracht haben. Du wirst
einsam leben, und wenn Du das nicht willst, wahrscheinlich aus Deiner Sphäre 5 herabsteigen
müssen. Die Welt, in der Du gelebt hast, wird Dir verschlossen sein. Und was das Traurigste
40 für uns und für Dich ist (auch für Dich, wie wir Dich zu kennen vermeinen) – auch das elterli-
che Haus wird Dir verschlossen sein; wir können Dir keinen stillen Platz in Hohen-Cremmen
anbieten, keine Zuflucht in unserem Hause, denn es hieße, dies Haus von aller Welt ab-
schließen, und das zu tun, sind wir entschieden nicht geneigt. Nicht weil wir zu sehr an der
Welt hingen und ein Abschiednehmen von dem, was sich,Gesellschaft' nennt, uns als etwas
45 unbedingt Unerträgliches erschiene; nein, nicht deshalb, sondern einfach, weil wir Farbe be-
kennen und vor aller Welt, ich kann Dir das Wort nicht ersparen, unsere Verurteilung Deines
Tuns, des Tuns unsres einzigen und von uns so sehr geliebten Kindes, aussprechen wollen
…"
Effi konnte nicht weiterlesen; ihre Augen füllten sich mit Tränen, und nachdem sie vergeb-
50 lich dagegen angekämpft hatte, brach sie zuletzt in ein heftiges Schluchzen und Weinen aus,
darin sich ihr Herz erleichterte.
1 Konvolut: Bündel von Schriftstücken, hier: Bündel mit Geldscheinen
2 Polysanderflügel: konzerttaugliches Klavier aus Tropenholz (Palisander)
3 chaussiert: als befestigte Landstraße (franz. Chaussee) ausgebaut
4 vertut sich: hier im Sinne von: untergehen, unauffällig werden
5 Sphäre: hier im Sinne von: gesellschaftliches Umfeld
Teilaufgabe 2
Untersuchen Sie den Textausschnitt aus Kleists Erzählung "Die Marquise von O…." hinsichtlich des Verhaltens der Protagonistin. Vergleichen Sie die beiden Frauenfiguren Effi und die Marquise von O…. in ihrer jeweiligen Lage. Beziehen Sie dabei ein, wie die jeweiligen Briefe erzählerisch eingebunden sind. [36 Punkte]
Heinrich von Kleist: Die Marquise von O….
1 Kaum war die Hebamme aus dem Zimmer, als ihr ein Schreiben von der Mutter gebracht
ward, in welchem diese sich so ausließ: „Herr von G… wünsche, unter den obwaltenden
Umständen, daß sie sein Haus verlasse. Er sende ihr hierbei die über ihr Vermögen lautenden
Papiere, und hoffe daß ihm Gott den Jammer ersparen werde, sie wieder zu sehen." – Der Brief
5 war inzwischen von Tränen benetzt; und in einem Winkel stand ein verwischtes Wort: dik-
tiert. – Der Marquise stürzte der Schmerz aus den Augen. Sie ging, heftig über den Irrtum
ihrer Eltern weinend, und über die Ungerechtigkeit, zu welcher diese vortrefflichen Menschen
verführt wurden, nach den Gemächern ihrer Mutter. Es hieß, sie sei bei ihrem Vater; sie wankte
nach den Gemächern ihres Vaters. Sie sank, als sie die Türe verschlossen fand, mit jammern-
10 der Stimme, alle Heiligen zu Zeugen ihrer Unschuld anrufend, vor derselben nieder. Sie
mochte wohl schon einige Minuten hier gelegen haben, als der Forstmeister daraus hervor-
trat, und zu ihr mit flammendem Gesicht sagte: sie höre daß der Kommandant sie nicht sehen
wolle. Die Marquise rief: mein liebster Bruder! Unter vielem Schluchzen; drängte sich ins
Zimmer, und rief: mein teuerster Vater! streckte die Arme nach ihm aus. Der Kommandant
15 wandte ihr, bei ihrem Anblick, den Rücken zu, und eilte in sein Schlafgemach. Er rief, als
sie ihn dahin verfolgte, hinweg! und wollte die Türe zuwerfen; doch da sie, unter Jammern
und Flehen, daß er sie schließe, verhinderte, so gab er plötzlich nach und eilte, während die
Marquise zu ihm hineintrat, nach der hintern Wand. Sie warf sich ihm, der ihr den Rücken
zugekehrt hatte, eben zu Füßen, und umfaßte zitternd seine Kniee, als ein Pistol, das er ergriffen
20 hatte, in dem Augenblick, da er es von der Wand herabriß, losging, und der Schuß schmet-
ternd in die Decke fuhr. Herr meines Lebens! rief die Marquise, erhob sich leichenblaß
von ihren Knieen, und eilte aus seinen Gemächern wieder hinweg. Man soll sogleich anspannen,
sagte sie, indem sie in die ihrigen trat; setzte sich, matt bis in den Tod, auf einen Sessel nie-
der, und ließ die Sachen einpacken. Sie hatte eben ihr Kleinstes
25 zwischen den Knieen, und schlug ihm noch ein Tuch um, um nunmehr, da alles zur Abreise
bereit war, in den Wagen zu steigen: als der Forstmeister eintrat, und auf Befehl des Komman-
danten die Zurücklassung und Überlieferung der Kinder von ihr forderte. Dieser Kinder?
fragte sie; und stand auf. Sag deinem unmenschlichen Vater, daß er kommen, und mich nie-
derschießen, nicht aber mir meine Kinder entreißen könne! Und hob, mit dem ganzen Stolz
30 der Unschuld gerüstet, ihre Kinder auf, trug sie ohne daß der Bruder gewagt hätte, sie anzu-
halten, in den Wagen, und fuhr ab.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie den abgedruckten Textauszug aus dem Roman „Effi Briest" von Theodor Fontane.
Lösung: Eine aufgabenbezogene Einleitung mit Autor, Titel, Textsorte und Entstehungszeit; inhaltliche Zusammenfassung des Textauszugs; Erläuterung der Bedeutung des Briefes; Erläuterung der dargestellten Reaktion Effis; Untersuchung der erzählerischen und sprachlichen Gestaltung; eine reflektierende Schlussbetrachtung.
2. Untersuchen Sie den Textausschnitt aus Kleists Erzählung „Die Marquise von O…." hinsichtlich des Verhaltens der Protagonistin. Vergleichen Sie die beiden Frauenfiguren Effi und die Marquise von O…. in ihrer jeweiligen Lage. Beziehen Sie dabei ein, wie die jeweiligen Briefe erzählerisch eingebunden sind.
Lösung: Eine aufgabenbezogene Überleitung mit den Basisdaten zur Novelle von Kleist und dem Vergleichsaspekt des drohenden Ausschlusses aus der Gesellschaft; Formulierung des Themas; Untersuchung des Verhaltens der Marquise; Vergleich der Frauenfiguren hinsichtlich Ähnlichkeiten und Unterschiede; Erschließung der erzählerischen Gestaltung im Hinblick auf die Einbindung der jeweiligen Briefe; eine abschließende Deutung des dargestellten Verhaltens beider Frauen.
Darstellungsleistung (sprachlich-formale Qualität der gesamten Klausur)
Lösung: Kohärente, schlüssige, stringente und gedanklich klare Textstruktur; fachsprachlich und fachmethodisch korrekte Formulierung (Trennung von Handlungs- und Metaebene, Redewiedergabe); angemessenes und korrektes Zitieren; präzise, stilistisch sichere und begrifflich differenzierte Ausdrucksweise; lexikalisch und syntaktisch sichere, variable und komplexe Formulierung; sprachliche Richtigkeit.
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