Abitur NRW Deutsch 2023 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg
Abiturprüfung Deutsch in Nordrhein-Westfalen 2023, LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 6 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Interpretation lyrischer Texte.
Themen der Prüfung: Interpretation lyrischer Texte · Interpretation dramatischer Texte · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Analyse pragmatischer Texte · Materialgestütztes Verfassen von Texten
Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte · Analyse pragmatischer Texte
Arno Geiger
Unwiderlegbar ist die Gestalt
Rede zur Verleihung des Joseph-Breitbach-Preises 2018 (Auszug) 1
[...] „Willkommen, Grauer“, sagt in Unter der Drachenwand Veit Kolbe zu sich selbst, als
er in Mondsee am Mondsee eintrifft. Grau ist die Farbe seiner Uniform. Aber grau ist auch
die Person, nicht schwarz und nicht weiß, ein gemischter Charakter. Grau ist das Zwielicht,
der Übergang. Meine Figuren befinden sich im Übergang. So ganz wird es bei ihnen nie Tag.
5 Und so ganz wird es bei ihnen nie Nacht.
Veit Kolbe lebt das fünfte, bald sechste Jahr im Krieg, er ist vierundzwanzig Jahre alt, sein
ganzes bisheriges Erwachsenenleben hat er in Uniform verbracht. Das Prinzip der Freiwillig-
keit galt nicht in der Wehrmacht, Veit Kolbe hätte lieber studiert. Trotzdem wird er sich zum
Ende des Romans eingestehen, dass man nicht sechs Jahre im Krieg gelebt haben kann, ohne
10 sich schuldig zu machen. Obwohl er kein Interesse am Krieg hatte, „der böse Traum“, wie
Julien Green 2 den Krieg in einem Brief an Joseph Breitbach nennt, kann Veit Kolbe sich dem
Krieg nicht entziehen. Der Krieg wird zu einem Teil der Person und die Person zu einem Teil
des Krieges. Das betraf viele, nur haben die wenigsten es sich eingestanden, ein Erfahrungs-
wert.
15 Veit Kolbe ist lernfähig, mit einem bitteren Unterton: „Ja, schade, dass das, was hinter mir
liegt, nicht geändert werden kann. Was ich in den vergangenen sechs Jahren begriffen habe,
ist, dass die Weisheit hinter mir her geht und selten voraus. Am Abend kommt sie und sitzt
mit am Tisch als unnützer Esser.“
Wer über Grautöne schreibt, setzt sich zwischen die Stühle. Wer sich zwischen die Stühle
20 setzt, landet im Unbequemen. Wo’s am unbequemsten ist, da hat die Kunst ihren Platz.
Joseph Breitbach schreibt, die meisten Autorinnen und Autoren übersehen das Böse, das
sie bloßstellen und anklagen, gerade dort, wo sie es zuerst entdecken könnten, in sich selbst.
Wo wäre ich im Krieg gestanden? Das werden sich viele von uns schon einmal gefragt
haben. Ich bin nicht eingebildet genug, um davon überzeugt zu sein, dass ich mit beiden Füßen
25 auf der richtigen Seite gestanden wäre. Als ich vor Jahren bei einer Demonstration einen
Schriftstellerkollegen von seinem Rednerpult rufen hörte, „Wer jetzt nicht auf unserer Seite
steht, bei dem weiß man, wo er vor siebzig Jahren gestanden wäre!“, habe ich mir gedacht,
er ist so von sich überzeugt, dass er vor siebzig Jahren womöglich auf der falschen Seite ge-
standen wäre.
30 Ich glaube, es beschützt einen, wenn man auf der Hut ist. Überzeugtheit behindert das
Denken. Warum noch nachdenken, wenn ich schon überzeugt bin. Deshalb mag ich keine
Hundertprozentigen, egal wo sie stehen. Alles Totale ist mir verdächtig. Und so sind meine
Figuren keine Hundertprozentigen, sondern Graue, Ausdruck davon, dass auch ich mir nicht
sicher bin.
35 Bloß nicht sitzen bleiben, auch beim Schreiben, auch beim Gestalten von Charakteren. Wer
zu lange sitzen bleibt, setzt sich fest, und wer sich festsetzt, wird versessen. Wer von seiner
Versessenheit nicht loskommt, wird zum Besessenen. Die Beharrlichkeit der Wörter ist er-
staunlich. Extremisten sind besessen, sie kennen nur Schwarz und Weiß, sie weigern sich, die
Welt aus einer andern Perspektive zu betrachten als der eigenen. Deshalb meine Vorliebe für
40 Vielstimmigkeit in Romanen. Deshalb meine Vorliebe für gemischte Charaktere. [...]
Und eins noch, verehrte Damen und Herren: Wie mir jede Schwarzweißmalerei nicht be-
hagt, habe ich Vorbehalte gegen das sogenannte Perfekte. Ich empfinde einen physischen
Widerwillen, wenn ich das Wort perfekt in Zusammenhang mit Kunstwerken höre. Ich stelle
mir vor, dass diejenigen, die sich zum Perfekten hingezogen fühlen, das Leben hassen oder
45 Angst vor ihm haben. Denn alles, was perfekt ist, lebt nicht, ist Ergebnis statt Ereignis, ist
Zustand statt Vorgang. Perfection has no children, heißt es im Englischen. Perfektion hat
keine Kinder. Denn das Perfekte ist Endpunkt, ist abgeschlossen, und das Abgeschlossene
steht dem Lebendigen entgegen. Alles Lebendige ist in Bewegung, pulsiert, ist mit Schwächen
versehen. „Ich tauge etwas durch das, was mir fehlt“, schreibt Paul Valéry 3. Meine Figuren
50 taugen etwas durch das, was ihnen fehlt. Dadurch, dass ihnen etwas fehlt, sind sie unwider-
legbar.
Das größte Lob für ein Kunstwerk: Lebendig!
Wir leben in einer Gesellschaft, die sich im Umgang mit Mängeln schwertut und nach
Vollkommenheit strebt. Aber in einer Gesellschaft, die nach Vollkommenheit strebt, sucht
55 man ständig nach Schuldigen, weil die Vollkommenheit sich nicht einstellen will. Angebli-
che Vollkommenheit – Perfektion – ist in meinen Augen Kitsch, eine künstlich geordnete
Welt. Wir finden sie in Liebesromanen, in denen man sofort weiß, mit wem man es zu tun
hat, und in Romanen über das Dritte Reich, in denen man sofort weiß, mit wem man es zu tun
hat, Schafe und Böcke aufs Strengste geschieden, zum tausendsten Mal über allem die eine
60 und einzige Frage: Was habe ich mit den Tätern zu tun? Natürlich nichts! Abbild einer künst-
lichen Ordnung, die es vorzieht, den Menschen in seiner Vielschichtigkeit zu übersehen.
Das Gefährliche an einer von Kitsch geprägten Weltsicht ist in meinen Augen, dass ein
tieferes Verständnis für das Leben abhandenkommt. Und wo ein tieferes Verständnis für das
Leben abhandenkommt, sind Menschen für das Unerwartete nicht mehr gerüstet und können
65 Unzulänglichkeiten immer weniger akzeptieren. Populisten, die mit geordneten Weltbildern
hausieren, machen sich das zunutze.
Kunst bewahrt den Menschen nicht vor dem Chaos, sondern vor der Ordnung. Kunst be-
wahrt das Individuum vor dem eindimensionalen Blick. Einzigartig ist der Mensch nicht auf
einfache, sondern auf komplizierte Art. Wie schon gesagt, alles, was lebt, ist in Bewegung,
70 ist veränderlich, kann nicht festgelegt werden. Meine Bücher versuchen, den Menschen in
seiner Vielgestalt und Widersprüchlichkeit sichtbar zu machen. [...]
1 Der Joseph-Breitbach-Preis wird seit 1998 jährlich verliehen und gilt als ein bedeutender Literaturpreis. 2018 wurde er Arno Geiger verliehen. Der Preis geht zurück auf den deutschen Schriftsteller Joseph Breitbach, der von 1903 bis 1980 lebte. Er war Verfasser von Romanen und Theaterstücken.
2 Julien Green (1900 – 1998): französischer Schriftsteller
3 Paul Valéry (1871 – 1945): französischer Lyriker
1. Analysieren Sie den vorliegenden Ausschnitt aus Arno Geigers Rede „Unwiderlegbar ist die Gestalt“. (42 Punkte)
Aufgabe 1 - Literarische Erörterung und Pflichtle… · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre
Arno Geiger
Unwiderlegbar ist die Gestalt
Rede zur Verleihung des Joseph-Breitbach-Preises 2018 (Auszug) 1
[...] „Willkommen, Grauer“, sagt in Unter der Drachenwand Veit Kolbe zu sich selbst, als
er in Mondsee am Mondsee eintrifft. Grau ist die Farbe seiner Uniform. Aber grau ist auch
die Person, nicht schwarz und nicht weiß, ein gemischter Charakter. Grau ist das Zwielicht,
der Übergang. Meine Figuren befinden sich im Übergang. So ganz wird es bei ihnen nie Tag.
5 Und so ganz wird es bei ihnen nie Nacht.
Veit Kolbe lebt das fünfte, bald sechste Jahr im Krieg, er ist vierundzwanzig Jahre alt, sein
ganzes bisheriges Erwachsenenleben hat er in Uniform verbracht. Das Prinzip der Freiwillig-
keit galt nicht in der Wehrmacht, Veit Kolbe hätte lieber studiert. Trotzdem wird er sich zum
Ende des Romans eingestehen, dass man nicht sechs Jahre im Krieg gelebt haben kann, ohne
10 sich schuldig zu machen. Obwohl er kein Interesse am Krieg hatte, „der böse Traum“, wie
Julien Green 2 den Krieg in einem Brief an Joseph Breitbach nennt, kann Veit Kolbe sich dem
Krieg nicht entziehen. Der Krieg wird zu einem Teil der Person und die Person zu einem Teil
des Krieges. Das betraf viele, nur haben die wenigsten es sich eingestanden, ein Erfahrungs-
wert.
15 Veit Kolbe ist lernfähig, mit einem bitteren Unterton: „Ja, schade, dass das, was hinter mir
liegt, nicht geändert werden kann. Was ich in den vergangenen sechs Jahren begriffen habe,
ist, dass die Weisheit hinter mir her geht und selten voraus. Am Abend kommt sie und sitzt
mit am Tisch als unnützer Esser.“
Wer über Grautöne schreibt, setzt sich zwischen die Stühle. Wer sich zwischen die Stühle
20 setzt, landet im Unbequemen. Wo’s am unbequemsten ist, da hat die Kunst ihren Platz.
Joseph Breitbach schreibt, die meisten Autorinnen und Autoren übersehen das Böse, das
sie bloßstellen und anklagen, gerade dort, wo sie es zuerst entdecken könnten, in sich selbst.
Wo wäre ich im Krieg gestanden? Das werden sich viele von uns schon einmal gefragt
haben. Ich bin nicht eingebildet genug, um davon überzeugt zu sein, dass ich mit beiden Füßen
25 auf der richtigen Seite gestanden wäre. Als ich vor Jahren bei einer Demonstration einen
Schriftstellerkollegen von seinem Rednerpult rufen hörte, „Wer jetzt nicht auf unserer Seite
steht, bei dem weiß man, wo er vor siebzig Jahren gestanden wäre!“, habe ich mir gedacht,
er ist so von sich überzeugt, dass er vor siebzig Jahren womöglich auf der falschen Seite ge-
standen wäre.
30 Ich glaube, es beschützt einen, wenn man auf der Hut ist. Überzeugtheit behindert das
Denken. Warum noch nachdenken, wenn ich schon überzeugt bin. Deshalb mag ich keine
Hundertprozentigen, egal wo sie stehen. Alles Totale ist mir verdächtig. Und so sind meine
Figuren keine Hundertprozentigen, sondern Graue, Ausdruck davon, dass auch ich mir nicht
sicher bin.
35 Bloß nicht sitzen bleiben, auch beim Schreiben, auch beim Gestalten von Charakteren. Wer
zu lange sitzen bleibt, setzt sich fest, und wer sich festsetzt, wird versessen. Wer von seiner
Versessenheit nicht loskommt, wird zum Besessenen. Die Beharrlichkeit der Wörter ist er-
staunlich. Extremisten sind besessen, sie kennen nur Schwarz und Weiß, sie weigern sich, die
Welt aus einer andern Perspektive zu betrachten als der eigenen. Deshalb meine Vorliebe für
40 Vielstimmigkeit in Romanen. Deshalb meine Vorliebe für gemischte Charaktere. [...]
Und eins noch, verehrte Damen und Herren: Wie mir jede Schwarzweißmalerei nicht be-
hagt, habe ich Vorbehalte gegen das sogenannte Perfekte. Ich empfinde einen physischen
Widerwillen, wenn ich das Wort perfekt in Zusammenhang mit Kunstwerken höre. Ich stelle
mir vor, dass diejenigen, die sich zum Perfekten hingezogen fühlen, das Leben hassen oder
45 Angst vor ihm haben. Denn alles, was perfekt ist, lebt nicht, ist Ergebnis statt Ereignis, ist
Zustand statt Vorgang. Perfection has no children, heißt es im Englischen. Perfektion hat
keine Kinder. Denn das Perfekte ist Endpunkt, ist abgeschlossen, und das Abgeschlossene
steht dem Lebendigen entgegen. Alles Lebendige ist in Bewegung, pulsiert, ist mit Schwächen
versehen. „Ich tauge etwas durch das, was mir fehlt“, schreibt Paul Valéry 3. Meine Figuren
50 taugen etwas durch das, was ihnen fehlt. Dadurch, dass ihnen etwas fehlt, sind sie unwider-
legbar.
Das größte Lob für ein Kunstwerk: Lebendig!
Wir leben in einer Gesellschaft, die sich im Umgang mit Mängeln schwertut und nach
Vollkommenheit strebt. Aber in einer Gesellschaft, die nach Vollkommenheit strebt, sucht
55 man ständig nach Schuldigen, weil die Vollkommenheit sich nicht einstellen will. Angebli-
che Vollkommenheit – Perfektion – ist in meinen Augen Kitsch, eine künstlich geordnete
Welt. Wir finden sie in Liebesromanen, in denen man sofort weiß, mit wem man es zu tun
hat, und in Romanen über das Dritte Reich, in denen man sofort weiß, mit wem man es zu tun
hat, Schafe und Böcke aufs Strengste geschieden, zum tausendsten Mal über allem die eine
60 und einzige Frage: Was habe ich mit den Tätern zu tun? Natürlich nichts! Abbild einer künst-
lichen Ordnung, die es vorzieht, den Menschen in seiner Vielschichtigkeit zu übersehen.
Das Gefährliche an einer von Kitsch geprägten Weltsicht ist in meinen Augen, dass ein
tieferes Verständnis für das Leben abhandenkommt. Und wo ein tieferes Verständnis für das
Leben abhandenkommt, sind Menschen für das Unerwartete nicht mehr gerüstet und können
65 Unzulänglichkeiten immer weniger akzeptieren. Populisten, die mit geordneten Weltbildern
hausieren, machen sich das zunutze.
Kunst bewahrt den Menschen nicht vor dem Chaos, sondern vor der Ordnung. Kunst be-
wahrt das Individuum vor dem eindimensionalen Blick. Einzigartig ist der Mensch nicht auf
einfache, sondern auf komplizierte Art. Wie schon gesagt, alles, was lebt, ist in Bewegung,
70 ist veränderlich, kann nicht festgelegt werden. Meine Bücher versuchen, den Menschen in
seiner Vielgestalt und Widersprüchlichkeit sichtbar zu machen. [...]
1 Der Joseph-Breitbach-Preis wird seit 1998 jährlich verliehen und gilt als ein bedeutender Literaturpreis. 2018 wurde er Arno Geiger verliehen. Der Preis geht zurück auf den deutschen Schriftsteller Joseph Breitbach, der von 1903 bis 1980 lebte. Er war Verfasser von Romanen und Theaterstücken.
2 Julien Green (1900 – 1998): französischer Schriftsteller
3 Paul Valéry (1871 – 1945): französischer Lyriker
2. Erläutern Sie, inwiefern Veit Kolbes Denken und Handeln den Anspruch widerspiegelt, den Arno Geiger an die Gestaltung literarischer Figuren stellt. Nehmen Sie Stellung dazu, inwieweit Geigers Art, seine Figuren zu gestalten, dazu anregt, sich mit der Zeit des Nationalsozialismus zu beschäftigen. (30 Punkte)
Aufgabe 2 - Interpretation dramatischer Texte · Interpretation dramatischer Texte
Gotthold Ephraim Lessing
Nathan der Weise (2. Aufzug, 1. Auftritt)
Schauplatz ist der Palast des Sultans.
SALADIN und SITTAH sitzen beim Schachspiel.
SITTAH. Wo bist du, Saladin? Wie spielst du heut?
SALADIN. Nicht gut? Ich dächte doch.
SITTAH. Für mich; und kaum.
Nimm diesen Zug zurück.
SALADIN. Warum?
790 SITTAH. Der Springer
Wird unbedeckt 1.
SALADIN. Ist wahr. Nun so!
SITTAH. So zieh
Ich in die Gabel 2.
SALADIN. Wieder wahr. – Schach dann!
SITTAH. Was hilft dir das? Ich setze vor: und du
Bist, wie du warst.
SALADIN. Aus dieser Klemme, seh
Ich wohl, ist ohne Buße nicht zu kommen.
Mag’s! nimm den Springer nur.
SITTAH. Ich will ihn nicht.
Ich geh vorbei.
SALADIN. Du schenkst mir nichts. Dir liegt
An diesem Platze mehr, als an dem Springer.
SITTAH. Kann sein.
SALADIN. Mach deine Rechnung nur nicht ohne
800 Den Wirt. Denn sieh! Was gilt’s, das warst du nicht
Vermuten?
SITTAH. Freilich nicht. Wie konnt ich auch
Vermuten, dass du deiner Königin
So müde wärst?
SALADIN. Ich meiner Königin?
SITTAH. Ich seh nun schon: ich soll heut meine tausend
Dinar’ 3, kein Naserinchen mehr 4 gewinnen.
SALADIN. Wieso?
SITTAH. Frag noch! – Weil du mit Fleiß, mit aller
Gewalt verlieren willst. – Doch dabei find
Ich meine Rechnung nicht. Denn außer, dass
Ein solches Spiel das unterhaltendste
810 Nicht ist: gewann ich immer nicht am meisten
Mit dir, wenn ich verlor? Wenn hast du mir
Den Satz 5, mich des verlornen Spieles wegen
Zu trösten, doppelt nicht hernach geschenkt?
SALADIN. Ei sieh! so hättest d u ja wohl, wenn du
Verlorst, mit Fleiß verloren, Schwesterchen?
SITTAH. Zum wenigsten 6 kann gar wohl sein, dass deine
Freigebigkeit, mein liebes Brüderchen,
Schuld ist, dass ich nicht besser spielen lernen.
SALADIN. Wir kommen ab vom Spiele. Mach ein Ende!
SITTAH.
820 So bleibt es? Nun dann: Schach! und doppelt Schach!
SALADIN. Nun freilich; dieses Abschach 7 hab ich nicht
Gesehn, das meine Königin zugleich
Mit niederwirft.
SITTAH. War dem noch abzuhelfen?
Lass sehn.
SALADIN. Nein, nein; nimm nur die Königin.
Ich war mit diesem Steine nie recht glücklich.
SITTAH. Bloß mit dem Steine?
SALADIN. Fort damit! – Das tut
Mir nichts. Denn so ist alles wiederum
Geschützt.
SITTAH. Wie höflich man mit Königinnen
Verfahren müsse 8: hat mein Bruder mich
Zu wohl gelehrt. (Sie lässt sie stehen.)
830 SALADIN. Nimm, oder nimm sie nicht!
Ich habe keine mehr.
SITTAH. Wozu sie nehmen?
Schach! – Schach!
SALADIN. Nur weiter.
SITTAH. Schach! – und Schach! – und Schach! –
SALADIN. Und matt!
SITTAH. Nicht ganz; du ziehst den Springer noch
Dazwischen; oder was du machen willst.
Gleichviel!
SALADIN. Ganz recht! – Du hast gewonnen: und
Al-Hafi zahlt. – Man lass’ ihn rufen! gleich! –
Du hattest, Sittah, nicht so Unrecht; ich
War nicht so ganz beim Spiele; war zerstreut.
Und dann: wer gibt uns denn die glatten Steine 9
840 Beständig? die an nichts erinnern, nichts
Bezeichnen. Hab ich mit dem Iman 10 denn
Gespielt? – Doch was? Verlust will Vorwand. Nicht
Die ungeformten Steine, Sittah, sind’s
Die mich verlieren machten: deine Kunst,
Dein ruhiger und schneller Blick...
SITTAH. Auch so
Willst du den Stachel des Verlusts nur stumpfen.
Genug, du warst zerstreut; und mehr als ich.
SALADIN. Als du? Was hätte d i c h zerstreuet?
SITTAH. Deine
Zerstreuung freilich nicht! – O Saladin,
850 Wenn werden wir so fleißig wieder spielen!
SALADIN. So spielen wir um so viel gieriger 11 ! –
Ah! weil es wieder losgeht, meinst du? – Mag’s! –
Nur zu! – Ich habe nicht zuerst gezogen;
Ich hätte gern den Stillestand 12 aufs Neue
Verlängert; hätte meiner Sittah gern,
Gern einen guten Mann zugleich verschafft.
Und das muss Richards Bruder 13 sein: er ist
Ja Richards Bruder.
SITTAH. Wenn du deinen Richard 14
Nur loben kannst!
SALADIN. Wenn unserm Bruder Melek
860 Dann Richards Schwester wär zu Teile worden 15:
Ha! welch ein Haus zusammen! Ha, der ersten,
Der besten Häuser in der Welt das beste! –
Du hörst, ich bin mich selbst zu loben, auch
Nicht faul. Ich dünk 16 mich meiner Freunde wert. –
Das hätte Menschen geben sollen! das!
SITTAH. Hab ich des schönen Traums nicht gleich gelacht?
Du kennst die Christen nicht, willst sie nicht kennen.
Ihr Stolz ist: Christen sein; nicht Menschen. Denn
Selbst das, was, noch von ihrem Stifter her,
870 Mit Menschlichkeit den Aberglauben würzt,
Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist:
Weil’s Christus lehrt; weil’s Christus hat getan. –
Wohl ihnen, dass er so ein guter Mensch
Noch war! Wohl ihnen, dass sie seine Tugend
Auf Treu und Glaube nehmen können! – Doch
Was Tugend? – Seine Tugend nicht; sein Name
Soll überall verbreitet werden; soll
Die Namen aller guten Menschen schänden,
Verschlingen. Um den Namen, um den Namen
Ist ihnen nur zu tun.
880 SALADIN. Du meinst: warum
Sie sonst verlangen würden, dass auch ihr,
Auch du und Melek, Christen hießet, eh
Als Ehgemahl ihr Christen lieben wolltet?
SITTAH. Jawohl! Als wär von Christen nur, als Christen,
Die Liebe zu gewärtigen, womit
Der Schöpfer Mann und Männin ausgestattet!
SALADIN. Die Christen glauben mehr Armseligkeiten,
Als dass sie d i e nicht auch noch glauben könnten! –
Und gleichwohl irrst du dich. – Die Tempelherren,
890 Die Christen nicht, sind schuld: sind nicht, als Christen,
Als Tempelherren schuld. Durch die allein
Wird aus der Sache nichts. Sie wollen Acca 17,
Das Richards Schwester unserm Bruder Melek
Zum Brautschatz bringen müsste, schlechterdings
Nicht fahren lassen. Dass des Ritters Vorteil
Gefahr nicht laufe, spielen sie den Mönch,
Den albern Mönch. Und ob vielleicht im Fluge
Ein guter Streich gelänge: haben sie
Des Waffenstillestandes Ablauf kaum
900 Erwarten können. – Lustig! Nur so weiter!
Ihr Herren, nur so weiter! – Mir schon recht! –
Wär alles sonst nur, wie es müsste.
SITTAH. Nun?
Was irrte 18 dich denn sonst? Was könnte sonst
Dich aus der Fassung bringen?
SALADIN. Was von je
Mich immer aus der Fassung hat gebracht. –
Ich war auf Libanon, bei unserm Vater.
Er unterliegt den Sorgen noch...
SITTAH. O weh!
SALADIN. Er kann nicht durch; es klemmt 19 sich allerorten;
Es fehlt bald da, bald dort –
SITTAH. Was klemmt? was fehlt?
SALADIN.
910 Was sonst, als was ich kaum zu nennen würd’ge?
Was, wenn ich’s habe, mir so überflüssig,
Und hab ich’s nicht, so unentbehrlich scheint. –
Wo bleibt Al-Hafi denn? Ist niemand nach
Ihm aus? – Das leidige, verwünschte Geld! –
Gut, Hafi, dass du kömmst.
Worterläuterungen
1 unbedeckt: ohne Deckung
2 Gabel: Eine Figur bedroht zwei andere und kann eine schlagen.
3 Dinar: Goldmünze; die Geschwister spielen um Geld
4 kein Naserinchen mehr: Anspielung darauf, dass der Sultan seiner Schwester mehr Geld gibt, wenn sie verliert, wie sich in ihrer folgenden Äußerung herausstellt (ein Naserinchen ist eine Silbermünze)
5 Satz: Einsatz
6 Zum wenigsten: mindestens, zumindest
7 Abschach: Durch Abzug einer Figur wird die Königin bedroht.
8 Wie höflich man mit Königinnen Verfahren müsse: Anspielung auf die Großzügigkeit des historischen Saladin, der den Frauen gefangener gegnerischer Könige freien Abzug bzw. Besuch der Gefangenen gewährt haben soll; zugleich Anspielung auf das Verhalten des Sultans gegenüber Sittah selbst, der in Jerusalem (in übertragener Bedeutung) die Rolle der Königin zukommt
9 die glatten Steine: Aufgrund des islamischen Bilderverbots spielen gläubige Muslime nur mit ungeformten, unfigürlichen und lediglich mit Wertbezeichnungen versehenen Steinen.
10 Imam: geistliches Oberhaupt einer islamischen Gemeinschaft
11 gieriger: eifriger
12 Stillestand: Waffenstillstand
13 Richards Bruder: Anspielung auf einen historisch nur teilweise verbürgten Plan Saladins, durch eine Doppelhochzeit zwischen Sittah und Johann einerseits und Saladins Bruder und Richards Schwester andererseits Frieden zu stiften (der spätere König Johann Ohneland, 1166 oder 1167 – 1216, wurde nach dem Tod seines Bruders Richard Löwenherz König von England)
14 deinen Richard: Richard Löwenherz (1157 – 1199), den Saladin wegen seines Heldenmutes sehr schätzte
15 zu Teile worden: seine Ehefrau geworden
16 dünken: sich betrachten, sich halten für
17 Acca: syrische Hafenstadt, wichtiger Stützpunkt der Kreuzfahrer im Besitz der christlichen Tempelherrn
18 irrte: beunruhigen, irritieren
19 klemmt: mangeln, stocken, ein Problem darstellen; hier Anspielung auf die Geldsorgen des Vaters von Saladin und Sittah
Aufgabenstellung 1
1. Interpretieren Sie die abgedruckte Szene aus dem Drama „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing. (40 Punkte)
Aufgabe 2 - Literarische Erörterung und Pflichtle… · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre
Gotthold Ephraim Lessing
Nathan der Weise (2. Aufzug, 1. Auftritt)
Schauplatz ist der Palast des Sultans.
SALADIN und SITTAH sitzen beim Schachspiel.
SITTAH. Wo bist du, Saladin? Wie spielst du heut?
SALADIN. Nicht gut? Ich dächte doch.
SITTAH. Für mich; und kaum.
Nimm diesen Zug zurück.
SALADIN. Warum?
790 SITTAH. Der Springer
Wird unbedeckt 1.
SALADIN. Ist wahr. Nun so!
SITTAH. So zieh
Ich in die Gabel 2.
SALADIN. Wieder wahr. – Schach dann!
SITTAH. Was hilft dir das? Ich setze vor: und du
Bist, wie du warst.
SALADIN. Aus dieser Klemme, seh
Ich wohl, ist ohne Buße nicht zu kommen.
Mag’s! nimm den Springer nur.
SITTAH. Ich will ihn nicht.
Ich geh vorbei.
SALADIN. Du schenkst mir nichts. Dir liegt
An diesem Platze mehr, als an dem Springer.
SITTAH. Kann sein.
SALADIN. Mach deine Rechnung nur nicht ohne
800 Den Wirt. Denn sieh! Was gilt’s, das warst du nicht
Vermuten?
SITTAH. Freilich nicht. Wie konnt ich auch
Vermuten, dass du deiner Königin
So müde wärst?
SALADIN. Ich meiner Königin?
SITTAH. Ich seh nun schon: ich soll heut meine tausend
Dinar’ 3, kein Naserinchen mehr 4 gewinnen.
SALADIN. Wieso?
SITTAH. Frag noch! – Weil du mit Fleiß, mit aller
Gewalt verlieren willst. – Doch dabei find
Ich meine Rechnung nicht. Denn außer, dass
Ein solches Spiel das unterhaltendste
810 Nicht ist: gewann ich immer nicht am meisten
Mit dir, wenn ich verlor? Wenn hast du mir
Den Satz 5, mich des verlornen Spieles wegen
Zu trösten, doppelt nicht hernach geschenkt?
SALADIN. Ei sieh! so hättest d u ja wohl, wenn du
Verlorst, mit Fleiß verloren, Schwesterchen?
SITTAH. Zum wenigsten 6 kann gar wohl sein, dass deine
Freigebigkeit, mein liebes Brüderchen,
Schuld ist, dass ich nicht besser spielen lernen.
SALADIN. Wir kommen ab vom Spiele. Mach ein Ende!
SITTAH.
820 So bleibt es? Nun dann: Schach! und doppelt Schach!
SALADIN. Nun freilich; dieses Abschach 7 hab ich nicht
Gesehn, das meine Königin zugleich
Mit niederwirft.
SITTAH. War dem noch abzuhelfen?
Lass sehn.
SALADIN. Nein, nein; nimm nur die Königin.
Ich war mit diesem Steine nie recht glücklich.
SITTAH. Bloß mit dem Steine?
SALADIN. Fort damit! – Das tut
Mir nichts. Denn so ist alles wiederum
Geschützt.
SITTAH. Wie höflich man mit Königinnen
Verfahren müsse 8: hat mein Bruder mich
Zu wohl gelehrt. (Sie lässt sie stehen.)
830 SALADIN. Nimm, oder nimm sie nicht!
Ich habe keine mehr.
SITTAH. Wozu sie nehmen?
Schach! – Schach!
SALADIN. Nur weiter.
SITTAH. Schach! – und Schach! – und Schach! –
SALADIN. Und matt!
SITTAH. Nicht ganz; du ziehst den Springer noch
Dazwischen; oder was du machen willst.
Gleichviel!
SALADIN. Ganz recht! – Du hast gewonnen: und
Al-Hafi zahlt. – Man lass’ ihn rufen! gleich! –
Du hattest, Sittah, nicht so Unrecht; ich
War nicht so ganz beim Spiele; war zerstreut.
Und dann: wer gibt uns denn die glatten Steine 9
840 Beständig? die an nichts erinnern, nichts
Bezeichnen. Hab ich mit dem Iman 10 denn
Gespielt? – Doch was? Verlust will Vorwand. Nicht
Die ungeformten Steine, Sittah, sind’s
Die mich verlieren machten: deine Kunst,
Dein ruhiger und schneller Blick...
SITTAH. Auch so
Willst du den Stachel des Verlusts nur stumpfen.
Genug, du warst zerstreut; und mehr als ich.
SALADIN. Als du? Was hätte d i c h zerstreuet?
SITTAH. Deine
Zerstreuung freilich nicht! – O Saladin,
850 Wenn werden wir so fleißig wieder spielen!
SALADIN. So spielen wir um so viel gieriger 11 ! –
Ah! weil es wieder losgeht, meinst du? – Mag’s! –
Nur zu! – Ich habe nicht zuerst gezogen;
Ich hätte gern den Stillestand 12 aufs Neue
Verlängert; hätte meiner Sittah gern,
Gern einen guten Mann zugleich verschafft.
Und das muss Richards Bruder 13 sein: er ist
Ja Richards Bruder.
SITTAH. Wenn du deinen Richard 14
Nur loben kannst!
SALADIN. Wenn unserm Bruder Melek
860 Dann Richards Schwester wär zu Teile worden 15:
Ha! welch ein Haus zusammen! Ha, der ersten,
Der besten Häuser in der Welt das beste! –
Du hörst, ich bin mich selbst zu loben, auch
Nicht faul. Ich dünk 16 mich meiner Freunde wert. –
Das hätte Menschen geben sollen! das!
SITTAH. Hab ich des schönen Traums nicht gleich gelacht?
Du kennst die Christen nicht, willst sie nicht kennen.
Ihr Stolz ist: Christen sein; nicht Menschen. Denn
Selbst das, was, noch von ihrem Stifter her,
870 Mit Menschlichkeit den Aberglauben würzt,
Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist:
Weil’s Christus lehrt; weil’s Christus hat getan. –
Wohl ihnen, dass er so ein guter Mensch
Noch war! Wohl ihnen, dass sie seine Tugend
Auf Treu und Glaube nehmen können! – Doch
Was Tugend? – Seine Tugend nicht; sein Name
Soll überall verbreitet werden; soll
Die Namen aller guten Menschen schänden,
Verschlingen. Um den Namen, um den Namen
Ist ihnen nur zu tun.
880 SALADIN. Du meinst: warum
Sie sonst verlangen würden, dass auch ihr,
Auch du und Melek, Christen hießet, eh
Als Ehgemahl ihr Christen lieben wolltet?
SITTAH. Jawohl! Als wär von Christen nur, als Christen,
Die Liebe zu gewärtigen, womit
Der Schöpfer Mann und Männin ausgestattet!
SALADIN. Die Christen glauben mehr Armseligkeiten,
Als dass sie d i e nicht auch noch glauben könnten! –
Und gleichwohl irrst du dich. – Die Tempelherren,
890 Die Christen nicht, sind schuld: sind nicht, als Christen,
Als Tempelherren schuld. Durch die allein
Wird aus der Sache nichts. Sie wollen Acca 17,
Das Richards Schwester unserm Bruder Melek
Zum Brautschatz bringen müsste, schlechterdings
Nicht fahren lassen. Dass des Ritters Vorteil
Gefahr nicht laufe, spielen sie den Mönch,
Den albern Mönch. Und ob vielleicht im Fluge
Ein guter Streich gelänge: haben sie
Des Waffenstillestandes Ablauf kaum
900 Erwarten können. – Lustig! Nur so weiter!
Ihr Herren, nur so weiter! – Mir schon recht! –
Wär alles sonst nur, wie es müsste.
SITTAH. Nun?
Was irrte 18 dich denn sonst? Was könnte sonst
Dich aus der Fassung bringen?
SALADIN. Was von je
Mich immer aus der Fassung hat gebracht. –
Ich war auf Libanon, bei unserm Vater.
Er unterliegt den Sorgen noch...
SITTAH. O weh!
SALADIN. Er kann nicht durch; es klemmt 19 sich allerorten;
Es fehlt bald da, bald dort –
SITTAH. Was klemmt? was fehlt?
SALADIN.
910 Was sonst, als was ich kaum zu nennen würd’ge?
Was, wenn ich’s habe, mir so überflüssig,
Und hab ich’s nicht, so unentbehrlich scheint. –
Wo bleibt Al-Hafi denn? Ist niemand nach
Ihm aus? – Das leidige, verwünschte Geld! –
Gut, Hafi, dass du kömmst.
Worterläuterungen
1 unbedeckt: ohne Deckung
2 Gabel: Eine Figur bedroht zwei andere und kann eine schlagen.
3 Dinar: Goldmünze; die Geschwister spielen um Geld
4 kein Naserinchen mehr: Anspielung darauf, dass der Sultan seiner Schwester mehr Geld gibt, wenn sie verliert, wie sich in ihrer folgenden Äußerung herausstellt (ein Naserinchen ist eine Silbermünze)
5 Satz: Einsatz
6 Zum wenigsten: mindestens, zumindest
7 Abschach: Durch Abzug einer Figur wird die Königin bedroht.
8 Wie höflich man mit Königinnen Verfahren müsse: Anspielung auf die Großzügigkeit des historischen Saladin, der den Frauen gefangener gegnerischer Könige freien Abzug bzw. Besuch der Gefangenen gewährt haben soll; zugleich Anspielung auf das Verhalten des Sultans gegenüber Sittah selbst, der in Jerusalem (in übertragener Bedeutung) die Rolle der Königin zukommt
9 die glatten Steine: Aufgrund des islamischen Bilderverbots spielen gläubige Muslime nur mit ungeformten, unfigürlichen und lediglich mit Wertbezeichnungen versehenen Steinen.
10 Imam: geistliches Oberhaupt einer islamischen Gemeinschaft
11 gieriger: eifriger
12 Stillestand: Waffenstillstand
13 Richards Bruder: Anspielung auf einen historisch nur teilweise verbürgten Plan Saladins, durch eine Doppelhochzeit zwischen Sittah und Johann einerseits und Saladins Bruder und Richards Schwester andererseits Frieden zu stiften (der spätere König Johann Ohneland, 1166 oder 1167 – 1216, wurde nach dem Tod seines Bruders Richard Löwenherz König von England)
14 deinen Richard: Richard Löwenherz (1157 – 1199), den Saladin wegen seines Heldenmutes sehr schätzte
15 zu Teile worden: seine Ehefrau geworden
16 dünken: sich betrachten, sich halten für
17 Acca: syrische Hafenstadt, wichtiger Stützpunkt der Kreuzfahrer im Besitz der christlichen Tempelherrn
18 irrte: beunruhigen, irritieren
19 klemmt: mangeln, stocken, ein Problem darstellen; hier Anspielung auf die Geldsorgen des Vaters von Saladin und Sittah
Aufgabenstellung 2
Der Religionswissenschaftler Karl-Josef Kuschel schreibt:
„Bewusst lässt der Dramatiker seine beiden wichtigsten Muslime stets als Geschwister auftreten; in 11 von 13 ihnen gewidmeten Szenen treten Saladin und Sittah gemeinsam auf. […] Gewiss: Der Dramatiker Lessing ‚brauchte‘ zweifellos einen Dialogpartner für Saladin, aber hinter der Wahl einer Schwester steckt mehr als dramaturgische Notwendigkeit. Sie unterstreicht zugleich die in diesem Stück so betonte Familiarität, die hier noch einmal als Geschwisterlichkeit konkretisiert ist. Und Geschwisterlichkeit bedeutet in diesem Fall Dialogizität in Freundschaft und Zuneigung zueinander.“
2. Erläutern Sie die Aussage Karl-Josef Kuschels und beziehen Sie seine Gedanken auf die Darstellung der Geschwisterbeziehung von Saladin und Sittah. Ziehen Sie hierfür die vorliegende Szene ebenso heran wie den gesamten Handlungsverlauf, der die beiden Figuren betrifft. Prüfen Sie abwägend, inwiefern Lessings Drama insgesamt das Ideal einer Menschheitsfamilie erkennen lässt, die im Sinne Kuschels von Familiarität geprägt ist. (32 Punkte)
Aufgabe 3 · Interpretation lyrischer Texte
Aufgabenstellung:
1.
Interpretieren Sie Helga M. Novaks Gedicht „HÄUSER“. [43 Punkte]
2.
Vergleichen Sie Helga M. Novaks Gedicht „HÄUSER“ mit Nikolaus Lenaus Gedicht „Einsamkeit.“ und achten Sie dabei besonders auf die jeweilige Lage des lyrischen Sprechers. Berücksichtigen Sie neben inhaltlichen auch einige sprachliche und formale Gesichtspunkte. [29 Punkte]
Helga M. Novak (1935 – 2013): HÄUSER (1982)
Landschaft Erde Natur
alles weiblich
dahin will ich gehen
wo es trostlos ist
5 dahin will ich gehen
wo nichts ist
Natur und unangetastet
und werde in aller Stille
ein Haus bauen
10 ein Haus beziehen
und werde es – ungeliebt
und unfähig zu lieben –
mit meiner maßlosen
Liebe entzünden
15 auch diese Nacht geht vorbei
und keiner kommt
und reißt meine Zäune ein
siehst du die gelbe verrostete Bank
auf der werde ich sitzen
20 wenn ich nicht weiter weiß
also für immer wie eine
der die Augen übergegangen sind
Nikolaus Lenau (1802 – 1850): Einsamkeit. (1834)
Wild verwachsne dunkle Fichten,
Leise klagt die Quelle fort;
Herz, das ist der rechte Ort
Für dein schmerzliches Verzichten!
5 Grauer Vogel in den Zweigen!
Einsam deine Klage singt,
Und auf deine Frage bringt
Antwort nicht des Waldes Schweigen.
Wenn’s auch immer schweigen bliebe,
10 Klage, klage fort; es weht,
Der dich höret und versteht,
Stille hier der Geist der Liebe.
Nicht verloren hier im Moose,
Herz, dein heimlich Weinen geht,
15 Deine Liebe Gott versteht,
Deine tiefe, hoffnungslose!
Aufgabe 4 · Materialgestütztes Verfassen von Texten
Abiturprüfung 2023 · Deutsch, Leistungskurs
Aufgabe 4: Materialgestütztes Verfassen eines argumentierenden Textes
Aufgabenstellung
Ihr Deutschkurs arbeitet in einem Projekt zum Thema „Macht durch Sprache“. Die Ergebnisse werden in einem Themenheft zusammengestellt, das den Schülerinnen und Schülern der Oberstufe zur Verfügung gestellt wird.
Verfassen Sie für dieses Themenheft einen Beitrag, in dem Sie sich mit der Frage „Politische Rhetorik – nur Mittel zur Manipulation?“ argumentativ auseinandersetzen und dabei Ihre eigene Position entwickeln.
Greifen Sie hierfür auf die nachstehenden Materialien 1 bis 5 zurück und ziehen Sie auch Kenntnisse aus dem Unterricht sowie eigene Erfahrungen heran.
Formulieren Sie dazu eine passende Überschrift.
Belegen Sie Bezüge auf die Materialien mit dem Namen der Autorin bzw. des Autors und gegebenenfalls dem Titel.
Der Beitrag soll ungefähr 1 000 Wörter lang sein.
Materialgrundlage
Material 1: Dreieck der Rhetorik (2013)
Quelle: Politik & Unterricht 1 (2013), S. 11.
Material 2: Rhetorik: Die unsichtbare Unterkonstruktion jedes Textes (o. J.)
Die Rhetorik ist in der Antike entstanden. Damals tüftelte man erstmals an einem Instrumentarium für das Erstellen und Ausführen erfolgreicher Reden. Das Modell war das Gericht. Wie begründet man eine Anklage? Und wie eine Verteidigung? Es fiel auf, wie wichtig der Umgang mit Argumenten war: sowohl im Sinne ihrer Erfindung und Anordnung als auch in der sprachlichen Ausgestaltung mit gewissen Glanzpunkten, zum Beispiel mit kühnen Metaphern. Dies wurde rasch auf die Politik übertragen. Man wusste: Wie vor Gericht setzt sich die Wahrheit oder das Richtige nicht von selbst durch. Die Probleme sind oft zu verwickelt, die Zuhörer leicht ablenkbar oder haben vorgefasste Meinungen. Da gilt es, Aufmerksamkeit für das Thema zu erzielen, Emotionen zu wecken, die die eigene These annehmbar machen. Die Griechen und nach ihnen die Römer haben dafür einen entsprechenden Unterricht organisiert und das Wichtigste in Lehrbüchern (Rhetoriken) zusammengetragen.
Seit der Antike ist das Interesse an Rhetorik und rhetorischer Rede in Europa nie mehr erlahmt, auch wenn sich die Umstände änderten. […]
Die Erben der rhetorisch geprägten Schriftkultur sind die Kommentatoren und Essayisten in den Medien. Man lernt hier immer noch, wie man Argumente sachlich und sprachlich am besten vertritt, um Aufmerksamkeit und Zustimmung zu erzielen. Viel ist dabei von den alten „Tricks“ vorhanden, die in den Rhetoriken seit der Antike vermittelt worden sind. Eines sollte man bei alldem jedoch im Auge behalten: Ein rhetorisch guter Text muss noch lange kein „richtiger“ Text sein. Die argumentative und stilistische Kunstfertigkeit ist sozusagen wahrheitsneutral. Man kann durchaus Rhetoriker für ihr rhetorisches Talent bewundern, auch wenn sie das Gegenteil der eigenen Meinung vertreten. Es gibt sogar gute Rhetorik in Verbindung mit Verbrechen – wie bei den Nationalsozialisten. […]
Quelle: Die Rhetorik und die Medien. ZEIT für die Schule.
Material 3: Andreas Sentker: Rhetorik. Einfach überzeugen (2016)
[…] Hier kommt alles zusammen, was eine historische Rede ausmacht: die Glaubwürdigkeit des Redners, die Tragkraft seiner Argumente und die Gefühle, die er beim Publikum hervorzurufen vermag. Die drei Säulen der Rhetorik – Ethos, Logos und Pathos – beschreibt schon der griechische Philosoph Aristoteles im allerersten Lehrbuch der Rhetorik. Für ihn ist Rhetorik die Kunst der Überzeugung, nicht der Überredung. Und daher ist das Argument das entscheidende rhetorische Mittel.
Aber Aristoteles weiß auch um die Macht der Gefühle und rät dem Redner, „nicht nur darauf zu sehen, dass die Rede beweisend und überzeugend sei“, sondern auch dafür zu sorgen, „sich selbst und den Beurteiler in eine bestimmte Verfassung zu versetzen“. Dreihundert Jahre später im politischen Machtzentrum Roms setzt der erfahrene Politiker und Rhetoriker Marcus Tullius Cicero deutlich unverblümter auf das Pathos: „Nichts ist in der Beredsamkeit wichtiger, als dass der Zuhörer dem Redner geneigt sei und selbst so erschüttert werde, dass er sich mehr durch einen Drang des Gemütes und durch Leidenschaft als durch Urteil und Überlegung leiten lasse.“
Die antike Rhetoriklehre, sie wirkt bis heute fort: Ihre Regeln sind aktuell, ihre Rezepte nach wie vor alltagstauglich. Die Natur des Menschen hat sich in den Jahrtausenden offenbar nicht geändert. Dass sich gerade die politische Redekultur der Vereinigten Staaten so offensichtlich aus dem Fundus der antiken Lehrmeister bedient, hat historische Gründe. Die Rhetorik wurzelt in der Demokratie. Nur ein mündiges Publikum kann und muss vom Redner überzeugt werden. Und die Amerikaner haben eine deutlich längere demokratische Tradition als etwa die Deutschen. Schon vor 200 Jahren durfte dort der freie Bürger das Wort ergreifen, während der deutsche Untertan schwieg und gehorchte. […]
In Europa hingegen war das Ansehen der Rhetorik durch die NS-Zeit endgültig beschädigt, nachdem sie schon im 18. Jahrhundert an Bedeutung verloren hatte. Die Nazis hatten sie zur Propaganda missbraucht, mit den Mitteln der Rede war nicht das Gute, sondern das Böse durchgesetzt worden. Das erschütterte das Ansehen des Faches im Fundament. Schon im alten Griechenland hatte die Rhetorik ihrer Ambivalenz halber prominente Gegner gehabt. So kritisierte der Philosoph Platon die machtbewusste Rhetorik als Schmeichelei und warnte vor der Gefahr durch Demagogie. Sein rhetorischer Gegenentwurf setzt auf die Erkenntnis der Wahrheit, seine Kritik ist vor allem eine an der unzureichenden Moral manchen Redners.
Zur Rhetorik gehört von Beginn an die Angst vor ihrer Janusköpfigkeit. Der erfahrene und selbstbewusste Redner Otto von Bismarck weist jede Nähe zur Rhetorik von sich: „Ich bin Minister, Diplomat und Staatsmann und würde mich für gekränkt halten, wenn man mich einen Redner nennte.“ Ablehnung der Rhetorik auch beim Philosophen Immanuel Kant: Er hält sie für eine „hinterlistige Kunst“. Johann Wolfgang von Goethe schimpft über „verdammte Rednerkünste, die alles bemänteln, über alles hinweggleiten wollen, ohne das Rechte und Wahre auszusprechen“. Seinen Faust lässt er ausrufen: „Es trägt Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selber vor.“ Dabei erzieht die Rhetorik bis weit ins 18. Jahrhundert die europäischen Eliten zum guten Reden – und gehört bei der Gründung erster Universitäten zum Kerngeschäft der Akademiker. […]
In Deutschland hatte die nationalsozialistische Propaganda alle Rhetorik diskreditiert. Hitler und Goebbels haben mit ihren sprachlich primitiven, aber bis ins Detail inszenierten Brüllreden jeden Einsatz rhetorischer Mittel für die Zukunft unmöglich gemacht. Als Schulstoff bleiben allenfalls die rhetorischen Figuren übrig […]. Im Übrigen ist die Rhetorik in Deutschland ein Synonym für Manipulation, Überredung, Entfesselung und Verführung der Massen.
Walter Jens tritt 1967 in Tübingen an, die Rhetorik vom Fluch zu befreien. Ihm und seinen Nachfolgern gelingt es nach und nach tatsächlich, das Instrumentarium der Rhetorik zu reinigen und zu schärfen. „Seelenführung im Horizonte der Vernunft“ nennt Jens seine rhetorische Praxis. Und der heutige Lehrstuhlinhaber Dietmar Till weiß, warum die antiken Rhetoriklehren bis heute nichts von ihrem Reiz eingebüßt haben: „Nie zuvor und vermutlich später nie wieder hat man so intensiv über die Kunst der Rede nachgedacht wie damals.“
Dem Propagandaverdacht begegnet Till offen. Mit seinen Studenten erarbeitet er in der Vorlesung regelmäßig eine Tabelle: Was will Propaganda? Was die Rhetorik? Schnell füllen sich die Spalten: Propaganda strebt nach Totalität, möchte Meinung dominieren. Sie stellt Mediensysteme in ihren Dienst. Sie geht emotional vor. Die Rhetorik hingegen stellt das Argument in den Mittelpunkt. Aber die Studenten sehen auch: Zwischen den Tabellen liegt ein Graubereich. „Hier spielt sich der größte Teil unserer alltäglichen Kommunikation ab“, sagt Till, „irgendwo zwischen Überredung und Überzeugung.“ […]
Quelle: DIE ZEIT Nr. 20 (2016).
Material 4: Gert Ueding: Ars est artem celare – Die Lüge als rhetorische Kunst betrachtet (2014)
[…] die Rhetorik hat es mit Meinungen zu tun, nicht mit Wissen, das ist schon in der Definition enthalten, […] in der Aristoteles hervorhob, dass nämlich von rhetorischem Belang „nur solche Dinge [sind], welche sich allem Anschein nach auf zweierlei Weise verhalten können“. Ohne dass er es nach Philosophenweise ausdrücklich hervorhebt, vernehmen wir im Hintergrund Protagoras, der das nicht anders gesehen und kaum anders formuliert hatte, dass sich nämlich die Rhetorik mit Themen beschäftige, über die man mit gleichem Rechte nach beiden Seiten (also in einander entgegengesetztem Sinne) disputieren könne. […]
Dazu ist freilich eine Voraussetzung nötig, über die schon in der Antike viel diskutiert wurde. Meinung und Gegenmeinung (um den Pluralismus der Meinungen modellhaft zu vereinfachen) müssen sich nämlich in einem Verhältnis zueinander befinden, das das Konkurrieren überhaupt fruchtbar macht und einen Fortschritt in der Lösung eines, sagen wir juristischen oder politischen Problems bringt. Sie müssen sich, um es mit einer geläufigen Metapher zu sagen, auf Augenhöhe begegnen, und das ist oftmals nicht von vornherein gegeben. So befindet sich nicht nur der Redner im Nachteil, der eine sehr viel schwächere Meinung vertritt als sein Gegner, weil er z. B. die herrschende Gesetzesauslegung gegen sich hat oder der im Publikum herrschenden Meinung entgegentreten muss. Auch die Problemlösung selber gerät in Gefahr, nicht zum optimalen Ergebnis zu finden. Protagoras, der darüber nachgedacht hatte, verlangte daher vom Redner eine eigene Kunstfertigkeit, nämlich „die schwächere Sache zur stärkeren“ machen zu können. […]
Dass in der Rhetorik-Geschichte bis heute das monologische Verständnis von Rede als Gegenstand der Theorie und Unterweisung vorherrschen sollte, hat seine Gründe auch in der politischen Geschichte Europas. Öffentliche Rede verwirklichte sich in der Predigt, im Herrscherlob oder in der Kriegsrede, drei Gattungen, die keinen beratenden, sondern apodiktischen, auch propagandistischen Charakter haben: in ihnen konnte jede Lüge unwidersprochen bleiben, sie produzierte nichts als sich selber. Das Gespräch blieb dem lehrhaften, akademischen Dialog vorbehalten, der zwar für die Tradierung des Konzepts und seiner Techniken sorgte, aber praktisch folgenlos bleiben musste.
Womit ich zum Abschluss noch auf ein historisch besonders radikales Exempel monologischer Rhetorik-Theorie und -Praxis hinweisen möchte […]. Ich meine die nationalsozialistische Rhetorik, lange vorbereitet durch Rhetoriker wie Carl Schmitt, Ewald Geissler oder Maximilian Weller, die die Rhetorik total auf das Orator-Prinzip gründeten. „Das Endziel aber, dem der Redner über alle Widerstände hinweg zudrängt, ist: dass die Hörer so werden, wie er sie haben will. So denken, so fühlen, so wollen, so handeln.“ Derart werden „die Hörer der Stoff des Redners“, er selber zum „Kampfredner“. Das alles sind Maximen Geisslers. […] Erfolgreichster Schüler solcher Lehren war Adolf Hitler, in Mein Kampf kann man ihre Spuren zum Teil wörtlich nachlesen. Ich zitiere ein Beispiel: „Die Macht aber, die die großen historischen Lawinen religiöser und politischer Art ins Rollen brachte, war seit urewig nur die Zauberkraft des gesprochenen Worts.“ Vom Eingehen auf den Zuhörer, der Vertrautheit mit ihm, spricht auch Hitler, doch ist kein Dialog damit gemeint. Die andere Meinung kennen bedeutet allein, den Schlachtplan eines Gegners kennen, den es zu schlagen gilt, mit Hitlers Worten: „Ich habe […] gelernt, […] dem Feinde die Waffe seiner Entgegnung gleich selber aus der Hand zu schlagen.“ Die wenigen Belege mögen genügen, um die nationalsozialistische Rhetorik als Exzess einer auf dem Orator-Prinzip fußenden Rede-Theorie zu decouvrieren. […]
Quelle: Cahiers d’Études Germaniques [Online] 67 (2014), S. 75–90.
Material 5: Walter Jens: Über demokratische Beredsamkeit oder: Politik muß für Wahrheiten Worte finden (1989)
Blood, toil, tears and sweat, Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß: mehr habe er der Regierung, dem Parlament und dem Volk nicht zu bieten, erklärte Winston Churchill am Pfingstmontag, dem 13. Mai 1940, unmittelbar nach seiner Ernennung zum Premierminister im Unterhaus und stellte damit, formelprägend, jene beiden Hauptcharakteristika eines demokratischen Politikers unter Beweis, deren Namen Wahrheitsliebe und Prägnanz, Ehrlichkeit und sentenziöse Bannkraft sind. Während der Diktator in Berlin seinem Volk in hochtrabender, klischeebestimmter Rede ein goldenes Zeitalter versprach und noch in den finstersten Stunden die aufgehende Sonne beschwor, sprach Churchill von Elend, Bitternis und Not … und dies in einer Sentenz, deren Struktur verrät, wie lange der Redner an ihr gearbeitet hatte: vier einsilbige Wörter, die beiden Binnenbegriffe durch den Stabreim verbunden, toils and tears, die Außenglieder in einer scheinbar simplen, in Wahrheit von Raffinement und Kalkül bestimmten Technik aufeinander bezogen. Blood and sweat, derart zusammengefügt, daß hinter den Nomina das Verbum to sweat blood hindurchschien: Blut und Wasser schwitzen, sich abrackern bis zur Erschöpfung. Pathos verbindet sich mit Prägnanz; die Formel bringt die Wahrheit durch das Stakkato jener blitzartig erhellenden Zuordnungen auf den Begriff, die Eleganz und Überzeugungskraft klassischer Parlamentsberedsamkeit definiert.
Wahrheitsliebe, gepaart mit Spiritualität: So nimmt sich das Ideal jener demokratischen Beredsamkeit aus, wie sie, mit der ihm eigenen pathetischen Kargheit, Winston Churchill und, in ganz anderer Weise, Franklin Delano Roosevelt praktizierten – Roosevelt, der am Tag der Invasion, statt der Diktatoren eigenen martialischen Rhetorik, ein Gebet sprach, in dessen Zentrum die Überlegung stand, mit welchen Opfern der bevorstehende Kampf gegen das Deutschland Hitlers verknüpft sei. Viele, so Roosevelt, würden nicht mehr nach Hause zurückkehren, am Ende des Krieges – Gott möge ihnen gnädig sein. Mochte der eine, Churchill, das Parlament zu (übrigens genau und kühl vorausberechneten) Ovationen hinreißen und der andere, Roosevelt, im You-and-I-Plauderstil der Kaminansprachen den Mann auf der Straße zu überzeugen suchen: Beide, so fremd sie einander am Ende gegenüberstanden, hatten eins gemeinsam – die Überzeugung, daß die drei Worte Demokratie, Wahrhaftigkeit und Redekunst zusammengehörten.
Während Diktatoren die Wahrheit schminken und Beredsamkeit durch eine Agitation ersetzen, die, statt Argumente vorzutragen, auf die Macht, die Pistole, die Garrotte verweist, zeigt demokratische Beredsamkeit die Ambivalenz der Probleme, verdeutlicht das Dunkel, das neben dem Licht ist, und verweist auf die Kosten der Siege: Viele werden sterben, und in unzähligen Familien wird geweint werden, am Tag, da die Kirchenglocken zum Siegesfest läuten. […]
Die Wahrheit also – und zwar ungeschminkt – zu benennen, ist erste Pflicht der parlamentarischen Redner. Die zweite Aufgabe aber heißt: Für die Wahrheit Worte zu finden, klare Benennungen, präzise, aber gleichwohl phantasiebestimmte Formeln, individuelle Antworten, eigenständige Sentenzen, witzige Allegorien, geistreiche Aphorismen, Maximen, Lyrismen, Sentenzen … was immer: wenn nur endlich Schluß mit jenem basic German ist, dem lumpigen Verschnitt, der dazu herhalten muß, die Provokationen von seiten der Außenwelt zu nivellieren. […]
Quelle: Walter Jens: Über demokratische Beredsamkeit. In: Die aufgeklärte Republik (1989), S. 123–127.
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