Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 1: Analyse pragmatischer Texte · Abitur NRW Deutsch LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Analyse pragmatischer Texte · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Friedrich Schiller
Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?
(Textauszug) 1 (Rede 1784, veröffentlicht 1785)
[…] Menschlichkeit und Duldung fangen an, der herrschende Geist unsrer Zeit zu werden;
ihre Strahlen sind bis in die Gerichtssäle und noch weiter – in das Herz unsrer Fürsten gedrun-
gen. Wieviel Anteil an diesem göttlichen Werk gehört unsern Bühnen? Sind sie es nicht, die
den Menschen mit dem Menschen bekannt machten und das geheime Räderwerk aufdeckten,
5 nach welchem er handelt?
 Eine merkwürdige 2 Klasse von Menschen hat Ursache, dankbarer als alle übrigen gegen
die Bühne zu sein. Hier nur hören die Großen der Welt, was sie nie oder selten hören – Wahr-
heit; was sie nie oder selten sehen, sehen sie hier – den Menschen. […]
 Die Schaubühne ist der gemeinschaftliche Kanal, in welchen von dem denkenden bessern
10 Teile des Volks das Licht der Weisheit herunterströmt und von da aus in milderen Strahlen
durch den ganzen Staat sich verbreitet. Richtigere Begriffe, geläuterte Grundsätze, reinere
Gefühle fließen von hier durch alle Adern des Volks; der Nebel der Barbarei, des finstern
Aberglaubens verschwindet, die Nacht weicht dem siegenden Licht. […] Wie allgemein ist
nur seit wenigen Jahren die Duldung der Religionen und Sekten geworden? – Noch ehe uns
15 Nathan der Jude und Saladin der Sarazene beschämten und die göttliche Lehre uns predigten,
daß Ergebenheit in Gott von unserm Wähnen 3 über Gott so gar nicht abhängig sei – ehe noch
Joseph der Zweite 4 die fürchterliche Hyder 5 des frommen Hasses bekämpfte, pflanzte die
Schaubühne Menschlichkeit und Sanftmut in unser Herz, die abscheulichen Gemälde heid-
nischer Pfaffenwut 6 lehrten uns Religionshaß vermeiden […]. […]
20  Die menschliche Natur erträgt es nicht, ununterbrochen und ewig auf der Folter der Ge-
schäfte zu liegen, die Reize der Sinne sterben mit ihrer Befriedigung. Der Mensch, überla-
den von tierischem Genuß, der langen Anstrengung müde, vom ewigen Triebe nach Tätig-
keit gequält, dürstet nach bessern, auserlesnern Vergnügungen, oder stürzt zügellos in wilde
Zerstreuungen, die seinen Hinfall beschleunigen und die Ruhe der Gesellschaft zerstören.
25 Bacchantische 7 Freuden, verderbliches Spiel, tausend Rasereien, die der Müßiggang ausheckt,
sind unvermeidlich, wenn der Gesetzgeber diesen Hang des Volks nicht zu lenken weiß. Der
Mann von Geschäften ist in Gefahr, ein Leben, das er dem Staat so großmütig hinopferte, mit
dem unseligen Spleen 8 abzubüßen – der Gelehrte, zum dumpfen Pedanten herabzusinken –
der Pöbel zum Tier. Die Schaubühne ist die Stiftung, wo sich Vergnügen mit Unterricht, Ruhe
30 mit Anstrengung, Kurzweil mit Bildung gattet 9, wo keine Kraft der Seele zum Nachteil der
andern gespannt, kein Vergnügen auf Unkosten des Ganzen genossen wird. Wenn Gram an
dem Herzen nagt, wenn trübe Laune unsre einsame Stunden vergiftet, wenn uns Welt und
Geschäfte anekeln, wenn tausend Lasten unsre Seele drücken und unsre Reizbarkeit unter
Arbeiten des Berufs zu ersticken droht, so empfängt uns die Bühne – in dieser künstlichen
35 Welt träumen wir die wirkliche hinweg, wir werden uns selbst wiedergegeben, unsre Empfin-
dung erwacht, heilsame Leidenschaften erschüttern unsre schlummernde Natur und treiben das
Blut in frischeren Wallungen. […]
1 Es handelt sich um einen Auszug aus einer von Schiller 1784 gehaltenen Rede. In der Rede, die 1785 veröffentlicht wurde, geht es um das Theater als „stehende Schaubühne“, d. h. um das Theater als ständige Einrichtung, und um mögliche Funktionen des Theaters. Schiller hielt die Rede vor der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, die das intellektuelle Zentrum in der Pfalz bildete.
2 merkwürdige: von Schiller hier in der ursprünglichen Bedeutung im Sinne von bemerkenswert verwendet
3 Wähnen: Denken, Glauben
4 Joseph der Zweite: Kaiser Joseph II (1741 – 1790), auch Erzherzog von Habsburg-Lothringen, war einer der bekanntesten Vertreter des aufgeklärten Absolutismus.
5 Hyder: eigentlich Hydra: vielköpfiges, schlangenähnliches Ungeheuer der griechischen Mythologie
6 Pfaffenwut: von Schiller hier gebraucht etwa im Sinne von einer fanatischen Wut der „Pfaffen“, d. h. der Geistlichen, auf Andersdenkende und Andersgläubige
7 bacchantisch: ausgelassen, trunken (Bacchus: griechischer Gott des Weines)
8 Spleen: seltsamer Einfall, wunderliche Neigung
9 gattet: „sich gatten mit“ im Sinne von „sich paaren mit“
1. Analysieren Sie den vorliegenden Ausschnitt aus Friedrich Schillers Schrift „Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?“ im Hinblick auf die dort entwickelten theatertheoretischen Gedanken. Erschließen Sie hierbei die zentralen Aussagen des Textes und deren gedanklichen Aufbau. Berücksichtigen Sie zudem die Metaphorik sowie die sprachlich-stilistische Gestaltung. [39 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie den vorliegenden Ausschnitt aus Friedrich Schillers Schrift „Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?“ im Hinblick auf die dort entwickelten theatertheoretischen Gedanken. Erschließen Sie hierbei die zentralen Aussagen des Textes und deren gedanklichen Aufbau. Berücksichtigen Sie zudem die Metaphorik sowie die sprachlich-stilistische Gestaltung. (39 Punkte)
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