Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 2: Sprachreflexion und Spracht… · Abitur NRW Deutsch LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Sprachreflexion und Sprachtheorien · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)

Aufgabenstellung

Steven Pinker

Der Stoff, aus dem das Denken ist. Was die Sprache über unsere Natur verrät (Textauszug)

Nachstehend wird eine weitere aufschlussreiche Variante der Whorf’schen Hypothese dargestellt:

[...] Jede Sprache zwingt ihre Sprecher, ihre Aufmerksamkeit bestimmten Aspekten der Welt

zuzuwenden, sobald sie Sätze bilden oder interpretieren. So müssen wir uns im Deutschen,

sobald wir den Mund zum Äußern eines Satzes öffnen, Gedanken über das Tempus machen –

über die Zeitrelation zwischen dem Ereignis, über das wir sprechen, und dem Moment, in dem

5 wir sprechen. Andere Sprachen, etwa Türkisch, verlangen von ihren Sprechern anzugeben, ob

sie dem Ereignis beigewohnt oder nur über Hörensagen davon erfahren haben. Ein weiteres

Beispiel: Räumliche Begriffe wie in und auf unterscheiden im Deutschen, grob gesagt, Um-

schließen von Stützen 1; koreanische Raumverben ignorieren diese Differenzierung und beach-

ten ihrerseits, ob ein Inhalt lose in einem Behälter sitzt (wie Obst in einer Schale und Blumen

10 in einer Vase) oder fest (wie ein Legostein, der auf einem anderen steckt, eine Kassette in ihrer

Hülle oder ein Ring an einem Finger). Und noch eins: Deutsche Verben (wie treiben) können

die Bewegung an sich mit einer speziellen Art von Bewegung kombinieren, während sie die

Angabe der Bewegungsrichtung einer Präpositionalphrase überlassen, wie in Das Kanu trieb

in die Höhle. Spanische und griechische Verben kombinieren die Bewegung an sich häufig

15 mit einer Bewegungsrichtung und hängen die Art der Bewegung in einem Nachsatz an, etwa

wie Das Kanu gelangte-in die Höhle, treibend.

Somit muss die Sprache das Denken insofern beeinflussen, als die Sprecher verschiedene

Dinge beachten, wenn sie Wörter auswählen und sie zu einem Satz zusammenfügen; diesen

Effekt nennt man „Denken zum Sprechen“ („ thinking for speaking “). 2 Die Frage ist, ob sich

20 die lebenslange Gewohnheit, auf bestimmte Unterscheidungen zu achten und andere zu igno-

rieren, auch auf das Denken zum Denken ausweitet – das heißt, auf logische Überlegungen zu

Gegenständen und Ereignissen, die über den bloßen Zweck, sie zu beschreiben, hinausgehen.

Haben Deutschsprecher, im Vergleich zu den Sprechern anderer Sprachen, Probleme damit,

den Unterschied zwischen selbst erlebten und erzählten Ereignissen zu erfassen oder den zwi-

25 schen lose und fest sitzenden Behältern oder das Bewegen in eine Richtung? Die Antwort auf

diese Frage erübrigt sich – natürlich beherrschen wir diese Differenzierungen in unserem Um-

gang mit der sozialen und physikalischen Welt. Obwohl also das „Denken zum Sprechen“

vermutlich das Thema ist, das im Rahmen des Neo-Whorfianismus 3 am aktivsten erforscht

wird, sind die Wissenschaftler bislang davor zurückgeschreckt, den Sprachlichen Determinis-

30 mus diesen Tests zu unterziehen, und zielen auf weitaus schwächere Behauptungen ab. So

fragen sie, ob Englischsprecher, denen man vage Aufgaben stellt, wie das Benennen des nicht

passenden Beispiels in einer Reihe von Handlungen, größere Probleme als Koreanischspre-

cher damit haben, diejenige Handlung herauszupicken, bei der der Unterschied von der Enge

des Behälters abhängt. Einige Experimente bestätigen einen Einfluss der Sprache auf diese

35 Beurteilungen, andere nicht. 4

Es sollte uns nicht überraschen, dass die Auswirkungen des Denkens zum Sprechen auf das

Denken selbst bestenfalls geringfügig sind. Konzepte wie das Ineinanderpassen von Dingen

und ob man etwas mit eigenen Augen gesehen oder nur davon gehört hat, sind für das mensch-

liche Leben von so großer Bedeutung, dass die historischen Zufälligkeiten, die eine bestimmte

40 Sprache geformt haben, wohl kaum die kulturellen und kognitiven Ressourcen überwiegen,

mit deren Hilfe wir mit diesen Konzepten umgehen. Und es liegt nicht einmal auf der Hand,

dass das lebenslange sprachliche Codieren einer Unterscheidung diese Unterscheidung bei

sonstigen Überlegungen präsenter macht. Genauso wahrscheinlich könnte das Gegenteil ge-

schehen. Sobald sich nämlich ein Denkprozess automatisiert, wird er als kognitiver Reflex tief

45 ins Sprachsystem eingebettet, und seine inneren Mechanismen sind dem Bewusstsein nicht

mehr zugänglich – ebenso wenig, wie wir bewusst über die Bewegungen unserer Finger nach-

denken, wenn wir uns die Schuhe binden.

Ein paar Beispiele aus dem wirklichen Leben illustrieren, warum das Denken zum Sprechen

vielleicht nur wenig Einfluss auf das Denken selbst hat. Nehmen wir die Semantik des Tem-

50 pus. In der deutschen wie auch der englischen Grammatik spielt das Tempus eine wichtige

Rolle, und nach der Whorf’schen Logik sollten Englischsprecher aufgrund ihrer lebenslangen

Sprachpraxis ganz besonders sensibel für die zahlreichen Relationen zwischen einem Ereig-

nis und dem Zeitpunkt des Sprechens sein. Detektive und Staatsanwälte können das jedoch

nicht bestätigen: Die automatische Berechnung der Reihenfolge von Ereignissen ist im Sprach-

55 system verankert und verleitet Verdächtige dazu, sich mit ihren Worten selbst zu verraten.

Susan Smith, die ihre beiden Söhne 1994 ertränkt und dann behauptet hatte, sie seien entführt

worden, belastete sich selbst, als sie zu Reportern sagte: „Meine Kinder verlangten nach mir.

Sie brauchten mich. Und nun kann ich ihnen nicht helfen.“ Die reflexhafte Verwendung der

Vergangenheitsform verriet ihr Wissen, dass die Kinder zu dem Zeitpunkt bereits tot waren.

60 Die gleiche Grammatikkomponente brachte Scott Peterson womöglich die tödliche Giftspritze

ein: Die Staatsanwälte schlossen auf seine Schuld, als er schon in der Vergangenheitsform

über seine Frau und seinen ungeborenen Sohn sprach, bevor ihre Leichen gefunden wurden.

Demzufolge half die Gewohnheit von Englischsprechern, das Tempus zu bestimmen, ihnen

nicht dabei, spontan das Richtige zu sagen oder zu verschweigen – und das, obwohl sie außer-

65 ordentlich motiviert hätten sein müssen, bewusst über die Reihenfolge der Ereignisse nach-

zudenken, denn es ging für sie buchstäblich um Leben oder Tod.

Anmerkungen und Worterläuterungen

1 Gemeint ist, dass die Präpositionen „in“ und „auf“, die im Zusammenhang mit den Verben „umschließen“ und „stützen“ verwendet werden, die beiden Tätigkeiten unterscheiden (z. B.: „In dem Topf ist Wasser.“; „Ich stütze mich auf den Spazierstock.“).

2 Steven Pinker bezieht sich hier auf eine Unterscheidung des US-amerikanischen Sprachwissenschaftlers Dan Slobin (*1939).

3 Neo-Whorfianismus: Pinker bezieht sich hier auf aktuellere Forschungen, die die Annahmen von Whorf zu stützen versuchen.

4 Pinker bezieht sich hier u. a. auf Veröffentlichungen der Psychologin Dedre Genter.

Steven Pinker (geb. 1954) ist ein amerikanisch-kanadischer Sprachwissenschaftler und Psychologe. In seiner Studie „Der Stoff, aus dem das Denken ist. Was die Sprache über unsere Natur verrät“ setzt er sich mit dem Verhältnis von Sprache und Denken auseinander. Im vorliegenden Auszug knüpft er an eine bestimmte Version der Hypothese von Whorf an und entwickelt auf dieser Grundlage seine eigene Position.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurden die Fußnoten aus dem Originaltext nicht übernommen.

2. Stellen Sie die zentralen Annahmen verschiedener Theorien zum Zusammenhang von Sprache, Denken und Wirklichkeit dar. Bringen Sie Pinkers Konzeption mit diesen Vorstellungen in Beziehung. Nehmen Sie zu Pinkers Standpunkt abwägend Stellung. [32 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 2: Sprachreflexion und Spracht… · Abitur NRW Deutsch LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Stellen Sie die zentralen Annahmen verschiedener Theorien zum Zusammenhang von Sprache, Denken und Wirklichkeit dar. Bringen Sie Pinkers Konzeption mit diesen Vorstellungen in Beziehung. Nehmen Sie zu Pinkers Standpunkt abwägend Stellung.

Lösung: Ausführliche theoretisch fundierte Erörterung und Stellungnahme gemäß Bewertungskriterien: - Aufgabenbezogene Überleitung. - Darstellung von Sprachtheorien (linguistisches Relativitätsprinzip nach Sapir/Whorf, Boroditsky, Humboldt vs. Nativismus nach Chomsky, gebrauchsbasierte Linguistik nach Tomasello, neurolinguistische/evolutionsbiologische Ansätze). - Beziehungssetzung zu Pinkers Position (Zurückweisung des Determinismus, Fokus auf universelle Kognition, Nähe zu nativistischen Ansätzen). - Abwägende Stellungnahme (Würdigung der Beispiele und kulturellen Ressourcen vs. Einwände aus empirischen Studien Boroditskys oder alternative Deutungen der Kriminalfälle). - Eigenständiges abschließendes Fazit.

Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium

Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.

‹ Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 2 (Sprachreflexion und… · LK · Haupttermin 2021 · Aufgabe 2 - Sprachreflexion und Sprachtheorien · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021 ›

Mehr Aufgaben zu Sprachreflexion und Sprachtheorien