Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Deutsch LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Analyse pragmatischer Texte · Aus der Prüfung LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Heinrich von Kleist
Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden 1 (Textauszug)
An R[ühle] v[on] L[ilienstern]
Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein
lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen.
Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob
du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen. Ich
5 sehe dich zwar große Augen machen, und mir antworten, man habe dir in frühern Jahren den
Rat gegeben, von nichts zu sprechen, als nur von Dingen, die du bereits verstehst. Damals
aber sprachst du wahrscheinlich mit dem Vorwitz, andere, ich will, daß du aus der verstän-
digen Absicht sprechest, dich zu belehren, und so könnten, für verschiedene Fälle verschie-
den, beide Klugheitsregeln vielleicht gut neben einander bestehen. Der Franzose sagt, l’appétit
10 vient en mangeant², und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodiert, und sagt,
l’idée vient en parlant³. Oft sitze ich an meinem Geschäftstisch über den Akten, und erforsche,
in einer verwickelten Streitsache, den Gesichtspunkt, aus welchem sie wohl zu beurteilen
sein möchte. Ich pflege dann gewöhnlich ins Licht zu sehen, als in den hellsten Punkt, bei
dem Bestreben, in welchem mein innerstes Wesen begriffen ist, sich aufzuklären. Oder ich
15 suche, wenn mir eine algebraische Aufgabe vorkommt, den ersten Ansatz, die Gleichung, die
die gegebenen Verhältnisse ausdrückt, und aus welcher sich die Auflösung nachher durch
Rechnung leicht ergibt. Und siehe da, wenn ich mit meiner Schwester davon rede, welche
hinter mir sitzt, und arbeitet, so erfahre ich, was ich durch ein vielleicht stundenlanges Brüten
nicht herausgebracht haben würde. Nicht, als ob sie es mir, im eigentlichen Sinne sagte; denn
20 sie kennt weder das Gesetzbuch, noch hat sie den Euler, oder den Kästner⁴ studiert. Auch nicht,
als ob sie mich durch geschickte Fragen auf den Punkt hinführte, auf welchen es ankommt,
wenn schon dies letzte häufig der Fall sein mag. Aber weil ich doch irgend eine dunkle Vor-
stellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt,
wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in
25 der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung
zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis, zu meinem Erstaunen, mit der
Periode fertig ist. Ich mische unartikulierte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die
Länge, gebrauche auch wohl eine Apposition⁵, wo sie nicht nötig wäre, und bediene mich
anderer, die Rede ausdehnender, Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte
30 der Vernunft, die gehörige Zeit zu gewinnen. Dabei ist mir nichts heilsamer, als eine Bewe-
gung meiner Schwester, als ob sie mich unterbrechen wollte; denn mein ohnehin schon ange-
strengtes Gemüt wird durch diesen Versuch von außen, ihm die Rede, in deren Besitz es sich
befindet, zu entreißen, nur noch mehr erregt, und in seiner Fähigkeit, wie ein großer General,
wenn die Umstände drängen, noch um einen Grad höher gespannt. In diesem Sinne begreife
35 ich, von welchem Nutzen Molière⁶ seine Magd sein konnte; denn wenn er derselben, wie er
vorgibt, ein Urteil zutraute, das das seinige berichten konnte, so ist dies eine Bescheidenheit,
an deren Dasein in seiner Brust ich nicht glaube. Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeiste-
rung für denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegenübersteht; und
ein Blick, der uns einen halbausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt, schenkt
40 uns oft den Ausdruck für die ganze andere Hälfte desselben. Ich glaube, daß mancher große
Redner, in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde.
Aber die Überzeugung, daß er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen, und
der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug,
den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen. Mir fällt jener „Donnerkeil“ des Mirabeau⁷ ein,
45 mit welchem er den Zeremonienmeister⁸ abfertigte, der nach Aufhebung der letzten monarchi-
schen Sitzung des Königs am 23. Juni, in welcher dieser den Ständen auseinander zu gehen
anbefohlen hatte, in den Sitzungssaal, in welchem die Stände noch verweilten, zurückkehrte,
und sie befragte, ob sie den Befehl des Königs vernommen hätten? „Ja“, antwortete Mirabeau,
„wir haben des Königs Befehl vernommen“ – ich bin gewiß, daß er, bei diesem humanen An-
50 fang, noch nicht an die Bajonette dachte, mit welchen er schloß: „ja, mein Herr“, wiederholte
er, „wir haben ihn vernommen“ – man sieht, daß er noch gar nicht recht weiß, was er will.
„Doch was berechtigt Sie“ – fuhr er fort, und nun plötzlich geht ihm ein Quell ungeheurer
Vorstellungen auf – „uns hier Befehle anzudeuten? Wir sind die Repräsentanten der Nation.“ –
Das war es was er brauchte! „Die Nation gibt Befehle und empfängt keine.“ – um sich gleich
55 auf den Gipfel der Vermessenheit zu schwingen. „Und damit ich mich Ihnen ganz deutlich
erkläre“ – und erst jetzo findet er, was den ganzen Widerstand, zu welchem seine Seele ge-
rüstet dasteht, ausdrückt: „so sagen Sie Ihrem Könige, daß wir unsre Plätze anders nicht, als
auf die Gewalt der Bajonette verlassen werden.“ Worauf er sich, selbstzufrieden, auf einen
Stuhl niedersetzte. – Wenn man an den Zeremonienmeister denkt, so kann man sich ihn bei
60 diesem Auftritt nicht anders, als in einem völligen Geistesbankerott vorstellen; nach einem
ähnlichen Gesetz, nach welchem in einem Körper, der von dem elektrischen Zustand Null ist,
wenn er in eines elektrisierten Körpers Atmosphäre kommt, plötzlich die entgegengesetzte
Elektrizität erweckt wird. Und wie in dem elektrisierten dadurch, nach einer Wechselwirkung,
der ihm innewohnende Elekrizitätsgrad wieder verstärkt wird, so ging unseres Redners Mut,
65 bei der Vernichtung seines Gegners, zur verwegensten Begeisterung über. Vielleicht, daß
es auf diese Art zuletzt das Zucken einer Oberlippe war, oder ein zweideutiges Spiel an der
Manschette, was in Frankreich den Umsturz der Ordnung der Dinge bewirkte. Man liest, daß
Mirabeau, sobald der Zeremonienmeister sich entfernt hatte, aufstand, und vorschlug: 1) sich
sogleich als Nationalversammlung, und 2) als unverletzlich, zu konstituieren. Denn dadurch,
70 daß er sich, einer Kleistischen Flasche⁹ gleich, entladen hatte, war er nun wieder neutral ge-
worden, und gab, von der Verwegenheit zurückgekehrt, plötzlich der Furcht vor dem Chate-
let¹⁰, und der Vorsicht, Raum. – […]
Ein solches Reden ist ein wahrhaftes lautes Denken. Die Reihen der Vorstellungen und ihrer
Bezeichnungen gehen neben einander fort, und die Gemütsakten für eins und das andere, kon-
75 gruieren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des
Geistes, sondern wie ein zweites, mit ihm parallel fortlaufendes, Rad an seiner Achse. […]
1 Der in Briefform verfasste Aufsatz aus dem Jahr 1805 sollte, so wird vermutet, ursprünglich in der Zeitschrift Phöbus oder aber dem Morgenblatt für gebildete Stände erscheinen, wurde dann aber erst posthum in der Zeitschrift Nord und Süd publiziert.
2 l’appétit vient en mangeant (franz.): der Appetit kommt mit dem Essen
3 l’idée vient en parlant (franz.): die Idee kommt beim Reden
4 Leonhard Euler (1707 – 1783); Abraham Gotthelf Kästner (1719 – 1800): Mathematiker
5 Apposition: substantivisches Attribut, das sein Bezugswort näher beschreibt
6 Molière (1622 – 1673): französischer Dramatiker
7 Marquis de Mirabeau, Honoré Gabriel de Riqueti (1749 – 1791): französischer Politiker, Schriftsteller und Publizist in der Zeit der Aufklärung, Anhänger der Revolution
8 Zeremonienmeister: für die Einhaltung des Hofzeremoniells verantwortliche Person
9 Kleistische Flasche: Flaschenkonstruktion, mit der eine elektrische Spannung aufgebaut werden kann
10 Chatelet: gemeint ist hier ein Gefängnis in Paris
1. Analysieren Sie den Auszug aus Heinrich von Kleists Brief „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ daraufhin, wie darin das Verhältnis von Sprache und Denken dargestellt wird. Untersuchen Sie dabei ebenso den Gedankengang des Textes wie auch dessen formale und sprachlich-stilistische Gestaltung. [42 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie den Auszug aus Heinrich von Kleists Brief „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ daraufhin, wie darin das Verhältnis von Sprache und Denken dargestellt wird. Untersuchen Sie dabei ebenso den Gedankengang des Textes wie auch dessen formale und sprachlich-stilistische Gestaltung.
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