Aufgabe 4 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Deutsch LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Interpretation epischer Texte · Aus der Prüfung LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg (2021)

Aufgabenstellung

Walter Benjamin

Die drei Religionssucher (1910)

Drei Jünglinge standen unter der großen Tanne auf dem Hügel und hatten ihre Hände ineinan-

der gelegt. Sie blickten hinunter auf das Heimatdorf da drunten und weiter hinaus, wo die

Straßen sich hinzogen, die sie nun gehen wollten... ins Leben hinaus. Und der eine sprach:

„In dreißig Jahren also werden wir uns hier wiederfinden, und dann wollen wir sehen, wer

5 von uns die Religion gefunden hat, die einzige und wahre Religion.“ Die anderen stimmten

zu und nach einem Händedruck schieden sie nach drei verschiedenen Seiten, auf drei verschie-

denen Straßen ins Leben hinaus.

Als der eine einige Wochen gewandert war, sah er eines Tages die Türme und Kuppeln einer

gewaltigen Stadt vor sich auftauchen. Und kurz entschlossen ging er auf die Stadt zu, denn

10 Wunderdinge hatte er von den großen Städten gehört: alle Schätze der Kunst sollten dort auf-

gespeichert sein, mächtige Bücher voll tausendjähriger Weisheit und endlich doch auch viele

Kirchen, in denen allen die Menschen zu Gott beteten. Da musste wohl auch die Religion sein.

Voll mutiger Hoffnung schritt er bei Sonnenaufgang durchs Stadttor... Und dreißig Jahre

blieb er in der Stadt und forschte und suchte nach der wahren und einzigen Religion.

15 Eine andere Straße, die durch schattige Täler und niedrige Waldgebirge sich schlängelte, hatte

der zweite eingeschlagen. Heiter singend und sorglos wanderte er, und wo er einen schönen

Ort sah, da legte er sich nieder, ruhte aus und träumte. Und wenn er so in die Schönheit der

untergehenden Sonne versunken war, wenn er im Gras lag und die weißen Wolken am blauen

Himmel dahinziehn, wenn er im Walde plötzlich einen versteckten See dunkel hinter den Bäu-

20 men aufblitzen sah, so war er glücklich und meinte, er habe die Religion gefunden... Dreißig

Jahre zog er so umher, wandernd und ruhend, träumend und schauend.

Schlechter erging’s dem Dritten. Der war arm und konnte nicht lange lustig umherwandern,

sondern mußte viel eher daran denken, sich sein tägliches Brot zu verdienen. Und so zögerte er

auch nicht lange – nach ein paar Tagen schon hatte er sich in einem Dorfe bei einem Schmied

25 in Dienst gegeben, um sein Handwerk zu erlernen. Das war eine harte Zeit für ihn, und jeden-

falls hatte er keine Gelegenheit, sich auf die Suche nach der Religion zu begeben. Und das war

nicht nur das erste Jahr so, sondern es blieb so, die ganze Zeit über. Denn als er seine Lehrzeit

beendet hatte, durchzog er nicht lange auf der Wanderschaft die Welt, sondern ging in Dienst

in einer großen Stadt. Da arbeitete er angestrengt eine lange Reihe von Jahren, und als das

30 dreißigste Jahr zu Ende ging, da war er wohl ein selbständiger Handwerker geworden, aber

nach der Religion hatte er nicht forschen können und er hatte sie nicht gefunden. Und gegen

Ende des dreißigsten Jahres machte er sich auf die Wanderschaft nach seinem Heimatdorfe.

Durch eine mächtige, wilde Berglandschaft führte sein Weg. Da wanderte er tagelang, ohne

einem Menschen zu begegnen. Am Morgen des Wiedersehens aber wollte er einmal einen

35 von jenen großen Bergen besteigen, deren Häupter er während der ganzen Wanderung über

sich gesehen hatte. Ganz früh, mehrere Stunden vor Sonnenaufgang, machte er sich auf den

Weg; doch nur mühsam gelang ihm der Aufstieg, so ganz ohne Rüstung zu einer Bergtour,

wie er es war. Weit Atem holend blieb er auf dem Gipfel stehen. Da sah er im Glanze der

Morgensonne, die sich eben erhob, eine weite, weite Ebene vor sich liegen... mit all den Dör-

40 fern, in denen er einst gearbeitet hatte – und mit der Stadt, in der er es zum Meister gebracht

hatte. Und all die Wege sah er deutlich vor sich, die Wege, die er gegangen war, und die

Stätten seiner Arbeit.

Garnicht satt sehen konnte er sich daran!

Aber wie er den Blick abwendete und höher hinauf, in den Glanz der Sonne sah, da sah er

45 langsam in den Wolken in zitterndem Schein eine neue Welt vor seinen Augen erstehen.

Bergesspitzen, flimmernd weiße Bergspitzen gewahrte er, die hoch in die Wolken hinein-

ragten.

Aber ein überirdisch hohes Licht blendete dort droben und deutlich konnte er in dem Glanz

nichts erkennen, aber doch glaubte er, Gestalten darin leben zu sehen und krystallne Dome

50 klangen fern im Morgenlicht herüber.

Als er das sah, fiel er zu Boden, drückte seine Stirn gegen den Felsen und schluchzte und

atmete tief.

Nach einer Weile erhob er sich und warf noch einen Blick auf die wunderbare Welt dort dro-

ben, die jetzt im vollsten Glanze der Sonne vor ihm lag. Und da gewahrte er auch ganz klein,

55 schwach in der Ferne Wege, die hinaufführten auf die blühenden, leuchtenden Gebirge.

Dann wandte er sich ab und stieg hinunter. Und schwer wurde es ihm, sich wieder zurecht

zu finden, dort drunten in Tale. Am Abend des Tages aber hatte er das Heimatdorf erreicht,

und auf dem Hügel überm Dorfe traf er seine Freunde. Dann setzten sie sich zu Füßen der

großen Tanne und erzählten einander ihre Schicksale, und wie sie ihre Religion gefunden.

60 Der Erste erzählte sein Leben in der großen Stadt, wie er geforscht und studiert habe, in den

Bibliotheken und Hörsälen, wie er die bedeutendsten Professoren gehört habe. Und er selbst

hatte wohl keine Religion gefunden, aber doch meinte er am meisten geleistet zu haben.

„Denn“, sprach er, „in der ganzen großen Stadt ist nicht eine Kirche, deren Dogmen und

Grundsätze ich nicht widerlegen könnte.“

65 Dann erzählte der Zweite die Schicksale seines Wanderlebens, und manches war darunter, das

die beiden Zuhörer hell auflachen oder gespannt lauschen ließ. Aber trotz aller Bemühungen

gelang es ihm nicht, den anderen seine Religion begreiflich zu machen, und er kam nie recht

über die Worte hinaus: „Ja, seht Ihr, das muß man fühlen!“ Und wieder: „So etwas muß man

fühlen!“ Und die anderen verstanden ihn nicht, und am Ende lächelten sie fast.

70 Ganz langsam und noch immer von seinem großen Erlebnis ergriffen, begann der Dritte seine

Schicksale zu erzählen. Aber nicht so wie die anderen die ihrigen geschildert hatten, erzählte

er sie, nicht so wie er sie wohl erlebt hatte, sondern so wie er seine Wege am Morgen über-

sehen hatte, als er auf der Spitze des Berges stand.

Und ganz zuletzt und zögernd erwähnte er jene leuchtenden weißen Bergspitzen. „Ich glaube,

75 wenn man den ganzen Weg seines Lebens so überschaut, dann sieht man wohl auch den Weg

zu jenen Bergen und den blendenden Gipfeln. Was aber in jenem Feuer gebannt ist, das kön-

nen wir wohl nur ahnen, und müssen es jeder zu formen suchen nach unseren Schicksalen.“

Dann schwieg er.

Die anderen verstanden ihn wohl nicht ganz, aber keiner erwiderte ein Wort, sondern sie sahen

80 hinaus in die sinkende Nacht, ob sie vielleicht die leuchtenden Spitzen in der Ferne gewahrten.

1. Analysieren Sie Walter Benjamins Erzählung „Die drei Religionssucher“ und beziehen Sie dabei ebenso die Gestaltung auf der erzählerischen und der sprachlichen Ebene ein. [36 Punkte]

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Lösung

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1. Analysieren Sie Walter Benjamins Erzählung „Die drei Religionssucher“ und beziehen Sie dabei ebenso die Gestaltung auf der erzählerischen und der sprachlichen Ebene ein.

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