Abitur NRW Psychologie 2023 · LK · Nachtermin

Abiturprüfung Psychologie in Nordrhein-Westfalen 2023, LK · Nachtermin: 6 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Texte auswerten und Paradigmen zuordnen. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Texte auswerten und Paradigmen zuordnen · Sozialpsychologische Theorien anwenden · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen · Psychische Störungen und Psychotherapie · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl

Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1 · Texte auswerten und Paradigmen zuordnen

GUTE ENTSCHEIDUNGEN:

„Der Schlüssel ist Dissens 1 in der Gruppe“

[...]

Nicht nur in der Politik werden Expertenmeinungen einfach ignoriert. Warum? Welche Rolle spielt die Gruppe? Und was hilft bei Beratungsresistenz? Antworten gibt der Psychologe Thomas Schultze-Gerlach von der Universität Göttingen im Interview.

[...]

5 »Spektrum.de«: Angenommen, eine Gruppe von Politikern lässt sich von Fachleuten

beraten, wie eine schwierige Lage am besten zu meistern ist. Was kann bei einer solchen

Beratung schiefgehen?

Thomas Schultze-Gerlach: Die Frage ist erst mal, welche Interessen neben der eigentlichen

Lösungssuche noch im Spiel sind, etwa von Interessengruppen, die gar nicht mit am Tisch

10 sitzen. Doch nehmen wir einmal an, es geht nur um die Lösungssuche selbst. Dann müssen

Politiker dennoch an die Machbarkeit denken. Für den besten Vorschlag könnte die politische

Mehrheit fehlen, oder es sind unerwünschte Nebeneffekte zu erwarten. Dann wird die Idee

verworfen, auch wenn sie eigentlich gut ist. Im Idealfall bekommt das Beratergremium etwa-

ige Einschränkungen vorab mitgeteilt und kann sie bei der Lösungssuche einbeziehen. Ein

15 kritischer Punkt ist schließlich noch, die Beschlüsse nach außen stimmig zu kommunizieren.

Und wenn es allein darum geht, den besten Rat überhaupt zu erkennen: Was steht

dem entgegen?

Es kommt darauf an, wie die Gruppe zusammengesetzt ist. Erstens könnten Personen dabei

sein, die sich für besonders schlau halten oder sich nicht gerne etwas sagen lassen. Dann

20 wird die Gruppe als Ganzes ebenfalls weniger empfänglich sein für Ratschläge. Das ist das

größte Hindernis.

Das Problem hinter der Beratungsresistenz wäre dann also gar nicht die Gruppe.

Genau. Ein zweites Hindernis ist aber spezifisch für Gruppen: geteilte Fehlüberzeugungen.

Stellen Sie sich vor, zehn Personen sind sich relativ einig, wie man mit einem Problem umge-

25 hen sollte. Doch sie haben alle eine ähnliche Fehlinformation gelesen. So entsteht ein falsches

Sicherheitsgefühl. Der Konsens ist weniger wert, als wenn sie sich auf verschiedene Infor-

mationen stützen. Je mehr von ihnen unabhängig voneinander zum gleichen Ergebnis kom-

men, desto sicherer kann man sich sein, dass es gut ist. Die Unabhängigkeit ist auch gefähr-

det, wenn einer eine Idee äußert, die anderen das plausibel finden und gar nicht mehr selbst

30 nachdenken. Im schlimmsten Fall gibt es eine Person, die die Gruppe führt, und der Rest

stimmt immer zu.

Wie kann man das verhindern?

Indem die Führungsperson glaubhaft macht, dass Widerspruch gefragt ist. Die Gruppenfor-

schung zeigt: Der Schlüssel zu guten Entscheidungen ist Dissens in der Gruppe. Entweder

35 stellt man die Gruppe gezielt aus Menschen zusammen, die unterschiedliche Sichtweisen

haben. Oder man erklärt jemanden zum „Advocatus Diaboli“, zum Anwalt des Teufels. Er

muss die Ideen kritisch auseinandernehmen, also eine Gegenposition übernehmen. Dann ist

ein Machtgefälle in der Gruppe gar kein Problem.

Wird das in der Praxis angewendet?

40 Ja, das ist eine verbreitete Technik, um Gruppendenken vorzubeugen. Der Begriff kommt

aus der katholischen Kirche: Wenn die Kurie 2 jemanden heiligsprechen wollte, wurde einer

der ihren zum „Advocatus Diaboli“ auserkoren und musste die Gegenrede führen.

Die Rolle von Konsens in der Gruppe

Ist sich eine Gruppe schon vorher einig, lässt sie sich von einem anders lautenden Rat weni-

45 ger beeinflussen als eine Einzelperson. Das schließen Thomas Schultze-Gerlach und seine

Kollegen Stefan Schulz-Hardt und Andreas Mojzisch aus Experimenten mit 300 Zweier-

gruppen und knapp 200 Einzelpersonen. Die Psychologen hatten ihnen Fragen zum Allge-

meinwissen gestellt, etwa nach der Einwohnerzahl von Hamburg. Waren sich die Team-

mitglieder zunächst uneins, berücksichtigten sie den Rat hingegen stärker als eine einzelne

50 Person.

Kommt es auch auf die Größe der Gruppe an?

Ja. Wir beobachten, dass schon Zweierteams denselben Rat weniger stark berücksichtigen

als eine Person allein. Und wenn wir die Gruppen größer machen, dann sinkt der Einfluss

weiter. Die größte Gruppe, die wir bisher untersucht haben, umfasste allerdings sechs

55 Leute. Bei 10, 50, 100 Personen könnte es also irgendwo eine Grenze geben, wo der Ein-

fluss nicht weiter sinkt.

Könnte man mit einer ebenso großen Gruppe an Ratgebern ein Gegengewicht bilden?

Das wissen wir nicht. In unseren eigenen Studien haben wir keinen Unterschied gefunden,

wenn der Rat von zwei Personen statt von einer kam. Das kann jedoch auch daran liegen,

60 dass der Versuchsaufbau die Zahl der Ratgeber nicht sonderlich betonte. Eine Arbeit von

Albert Mannes zeigte, dass die Menge der Ratgeber einen Einfluss hatte. Das halte ich auch

für wahrscheinlich und plausibel, unter anderem aus Erfahrungen mit Online-Rezensionen:

Wir finden es überzeugender, wenn 1000 Leute ein Produkt gut bewerten, als wenn es nur

wenige tun.

65 Ganz allgemein betrachtet: Was hat in Laborexperimenten den größten Einfluss

darauf, ob wir Rat annehmen?

Es gibt zwei ähnlich starke Faktoren: für wie gut hält man das eigene Urteil und für wie gut

den Rat. Wenn ich sicher bin, dass ich Recht habe, nimmt der Einfluss des Rats ab; bin ich

mir unsicher, nimmt er zu. Und wenn ich überzeugt bin, dass der Rat nicht besonders gut

70 ist, ignoriere ich ihn eher; halte ich ihn für gut, werde ich mich anpassen. Das ist ein ver-

nünftiges Verhalten.

[...]

Und trotzdem nutzen wir Rat nicht immer so, wie es vernünftig wäre?

Problematisch wird es dann, wenn ich entweder den Rat oder mein eigenes Urteil falsch

75 einschätze. Die meisten halten sich im Vergleich zum Durchschnitt für etwas kompetenter.

Dann ergibt es für sie subjektiv Sinn, einen Rat nicht so stark zu nutzen, auch wenn sie

eigentlich davon profitieren könnten. Diese Beratungsresistenz ist ein höchst stabiler

Befund, man findet sie in allen Ländern.

Menschen zeigen sich also deshalb beratungsresistent, weil sie ihre Meinung fälschli-

80 cherweise für besser halten als den Rat, den sie bekommen? Oder gibt es noch andere

Gründe?

Die Forschung beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Beratungsresistenz, aber es ist noch immer

nicht klar, was da alles hineinspielt. Wir prüfen gerade die Arbeitshypothese, dass es auch

um das Bedürfnis nach Autonomie geht. Vor allem, wenn ich einen Rat bekomme, den ich

85 nicht aktiv eingeholt habe. Dann reagiere ich abwehrend und ignoriere ihn oder berücksich-

tige ihn nur so wenig, dass ich mir sagen kann, die Entscheidung unterm Strich doch selbst

getroffen zu haben. Oder ich erkenne an, dass der Rat eigentlich gut ist, sage aber, dass ich

meine eigenen Fehler machen will.

Wie können Berater dafür sorgen, dass sie trotz allem gehört werden?

90 Es gibt drei gesicherte Strategien und eine mögliche vierte. Die erste Strategie: Interessen-

konflikte offenlegen. Dazu gibt es Studien von meiner Kollegin Sunita Sah von der Univer-

sity of Cambridge. Sie hat gezeigt: Wenn der Berater selbst sagt, dass auch er von seinem

Rat profitiert, gewichten die Entscheidungsträger den Rat höher und nicht etwa geringer,

wie es angemessen wäre. Bekommt ein Versicherungsberater für höhere Beträge mehr Pro-

95 vision, dann sollte man weniger investieren, als er empfiehlt.

Und die anderen Strategien?

Die zweite ist, den Rat im Brustton der Überzeugung vorzutragen, denn das wird als Hinweis

auf Kompetenz bewertet. Lyn Van Swol von der University of Wisconsin-Madison und

Bahador Bahrami von der LMU München haben das unabhängig voneinander nachge-

100 wiesen. Die dritte Strategie: sehr präzise Ratschläge zu erteilen, zum Beispiel monatlich

102,73 Euro zu investieren. David Loschelder von der Universität Lüneburg und ich haben

das in einer Studie getestet: Die Präzision erweckt den Eindruck, dass der Rat besser ist –

da scheint jemand so gut zu sein oder sich so viele Gedanken gemacht zu haben, dass er die

Zahl präzise berechnen kann. Und eine mögliche weitere Strategie leitet sich aus der Hypo-

105 these des bedrohten Autonomiegefühls ab. Ich würde davon ausgehen, dass Rat besser an-

kommt, wenn mindestens zwei Optionen zur Wahl stehen. Auch wenn eine davon bewusst

schlechter ist, entsteht das Gefühl, eine eigene Wahl treffen zu können.

Welche Rolle spielt dabei die Person des Ratgebers selbst?

Expertise und Vertrauenswürdigkeit – also gute Absichten – sind die wichtigsten Faktoren.

110 Man sucht außerdem häufiger Rat bei Mitgliedern der eigenen Gruppe. Zumindest im Labor

hat es aber keinen Einfluss, ob ein Rat von einer Person der eigenen oder einer fremden

Gruppe kommt. Allerdings wird die Gruppenzugehörigkeit sehr einfach hergestellt, etwa

über vermeintliche gemeinsame Vorlieben. In der Realität dürfte das anders aussehen, man

stelle sich einmal vor, Grünen-Wählern einen Ratschlag von AFD-Wählern vorzulegen.

115 [...]

Woraus kann man schließen, ob ein Rat gut ist?

Valide Hinweise sind so etwas wie Berufserfahrung, Reputation 3 oder vergangene Leistun-

gen der Ratgeber. Doch selbst ohne solche Anhaltspunkte können wir die Qualität von Rat

grob einschätzen. Man kann zwar nicht zwischen sehr gutem, gutem und mittelgutem Rat

120 unterscheiden. Aber einen sehr schlechten Rat erkennt man auch ohne Expertise, in der Re-

gel daran, dass er sehr unplausibel ist. Was man nicht als Qualitätsmerkmal ansehen sollte,

sind die Kosten. Wenn man den Ratgeber bezahlt, folgt man seinem Rat öfter, nach dem

Motto: Was teuer ist, muss gut sein. Das trifft allerdings nicht immer zu.

Wie kann man denn dann dafür sorgen, dass man guten Rat bekommt?

125 Man muss sich die passenden Ratgeber aussuchen: Personen, die einem Gutes wollen, aber

eine ganz andere Sicht auf die Welt haben. Vorher sollte man sich fragen, was ein Rat über-

haupt leisten soll: die bestmögliche Entscheidung liefern? Oder soll er mir die Unsicherheit

nehmen, wenn ich bereits eine Idee habe, wie ich mich entscheiden will? Dann frage ich

besser Leute, die mir ähnlich sind, deren Meinung also gar nicht unabhängig ist von meiner

130 und die vielleicht dieselben Urteilsfehler machen. Mit großer Wahrscheinlichkeit sagen sie,

dass sie es genauso machen würden. Dann kann ich gut schlafen, und ob es eine andere Vari-

ante gibt, mit der ich besser gefahren wäre, werde ich in den meisten Fällen nie erfahren.

[...]

Unterscheiden sich Männer und Frauen darin, wie sie mit Rat umgehen?

135 Wir finden nur selten Unterschiede. Und wenn, dann gibt es eine einfache Erklärung. Zum

Beispiel waren Männer beratungsresistenter, wenn sie Distanzen schätzen sollten. Sie waren

sich in ihrem Urteil sicherer als Frauen – ihre Urteile waren aber gar nicht besser. Geht es um

Kalorien in Nahrungsmitteln, sind Frauen beratungsresistenter. Dahinter stecken Geschlech-

terstereotype. Außerhalb vom Labor, vor allem im Beruf, können die Geschlechterunter-

140 schiede jedoch größer ausfallen. Männer werden für Nachgiebigkeit bestraft, Frauen für

forsches Auftreten. Also kann es sein, dass Frauen, die so wenig Rat annehmen wie ihre

männlichen Kollegen, als beratungsresistenter wahrgenommen werden. Dazu kenne ich

aber keine Forschung. [...]

1 Uneinigkeit

2 Verwaltungsorgan der katholischen Kirche

3 Ansehen

Aufgabenstellung:

1. Arbeiten Sie aus dem Text in strukturierter Form heraus, unter welchen Bedingungen Beratungsresistenz entsteht und welche Maßnahmen ihr wirksam entgegenwirken, und weisen Sie nach, dass sich die zentralen Annahmen von Schultze-Gerlach größtenteils dem kognitivistischen Paradigma zuordnen lassen. (24 Punkte)

Aufgabe 1 - Teilaufgaben 2 und 3 · Sozialpsychologische Theorien anwenden

GUTE ENTSCHEIDUNGEN:

„Der Schlüssel ist Dissens 1 in der Gruppe“

[...]

Nicht nur in der Politik werden Expertenmeinungen einfach ignoriert. Warum? Welche Rolle spielt die Gruppe? Und was hilft bei Beratungsresistenz? Antworten gibt der Psychologe Thomas Schultze-Gerlach von der Universität Göttingen im Interview.

[...]

5 »Spektrum.de«: Angenommen, eine Gruppe von Politikern lässt sich von Fachleuten

beraten, wie eine schwierige Lage am besten zu meistern ist. Was kann bei einer solchen

Beratung schiefgehen?

Thomas Schultze-Gerlach: Die Frage ist erst mal, welche Interessen neben der eigentlichen

Lösungssuche noch im Spiel sind, etwa von Interessengruppen, die gar nicht mit am Tisch

10 sitzen. Doch nehmen wir einmal an, es geht nur um die Lösungssuche selbst. Dann müssen

Politiker dennoch an die Machbarkeit denken. Für den besten Vorschlag könnte die politische

Mehrheit fehlen, oder es sind unerwünschte Nebeneffekte zu erwarten. Dann wird die Idee

verworfen, auch wenn sie eigentlich gut ist. Im Idealfall bekommt das Beratergremium etwa-

ige Einschränkungen vorab mitgeteilt und kann sie bei der Lösungssuche einbeziehen. Ein

15 kritischer Punkt ist schließlich noch, die Beschlüsse nach außen stimmig zu kommunizieren.

Und wenn es allein darum geht, den besten Rat überhaupt zu erkennen: Was steht

dem entgegen?

Es kommt darauf an, wie die Gruppe zusammengesetzt ist. Erstens könnten Personen dabei

sein, die sich für besonders schlau halten oder sich nicht gerne etwas sagen lassen. Dann

20 wird die Gruppe als Ganzes ebenfalls weniger empfänglich sein für Ratschläge. Das ist das

größte Hindernis.

Das Problem hinter der Beratungsresistenz wäre dann also gar nicht die Gruppe.

Genau. Ein zweites Hindernis ist aber spezifisch für Gruppen: geteilte Fehlüberzeugungen.

Stellen Sie sich vor, zehn Personen sind sich relativ einig, wie man mit einem Problem umge-

25 hen sollte. Doch sie haben alle eine ähnliche Fehlinformation gelesen. So entsteht ein falsches

Sicherheitsgefühl. Der Konsens ist weniger wert, als wenn sie sich auf verschiedene Infor-

mationen stützen. Je mehr von ihnen unabhängig voneinander zum gleichen Ergebnis kom-

men, desto sicherer kann man sich sein, dass es gut ist. Die Unabhängigkeit ist auch gefähr-

det, wenn einer eine Idee äußert, die anderen das plausibel finden und gar nicht mehr selbst

30 nachdenken. Im schlimmsten Fall gibt es eine Person, die die Gruppe führt, und der Rest

stimmt immer zu.

Wie kann man das verhindern?

Indem die Führungsperson glaubhaft macht, dass Widerspruch gefragt ist. Die Gruppenfor-

schung zeigt: Der Schlüssel zu guten Entscheidungen ist Dissens in der Gruppe. Entweder

35 stellt man die Gruppe gezielt aus Menschen zusammen, die unterschiedliche Sichtweisen

haben. Oder man erklärt jemanden zum „Advocatus Diaboli“, zum Anwalt des Teufels. Er

muss die Ideen kritisch auseinandernehmen, also eine Gegenposition übernehmen. Dann ist

ein Machtgefälle in der Gruppe gar kein Problem.

Wird das in der Praxis angewendet?

40 Ja, das ist eine verbreitete Technik, um Gruppendenken vorzubeugen. Der Begriff kommt

aus der katholischen Kirche: Wenn die Kurie 2 jemanden heiligsprechen wollte, wurde einer

der ihren zum „Advocatus Diaboli“ auserkoren und musste die Gegenrede führen.

Die Rolle von Konsens in der Gruppe

Ist sich eine Gruppe schon vorher einig, lässt sie sich von einem anders lautenden Rat weni-

45 ger beeinflussen als eine Einzelperson. Das schließen Thomas Schultze-Gerlach und seine

Kollegen Stefan Schulz-Hardt und Andreas Mojzisch aus Experimenten mit 300 Zweier-

gruppen und knapp 200 Einzelpersonen. Die Psychologen hatten ihnen Fragen zum Allge-

meinwissen gestellt, etwa nach der Einwohnerzahl von Hamburg. Waren sich die Team-

mitglieder zunächst uneins, berücksichtigten sie den Rat hingegen stärker als eine einzelne

50 Person.

Kommt es auch auf die Größe der Gruppe an?

Ja. Wir beobachten, dass schon Zweierteams denselben Rat weniger stark berücksichtigen

als eine Person allein. Und wenn wir die Gruppen größer machen, dann sinkt der Einfluss

weiter. Die größte Gruppe, die wir bisher untersucht haben, umfasste allerdings sechs

55 Leute. Bei 10, 50, 100 Personen könnte es also irgendwo eine Grenze geben, wo der Ein-

fluss nicht weiter sinkt.

Könnte man mit einer ebenso großen Gruppe an Ratgebern ein Gegengewicht bilden?

Das wissen wir nicht. In unseren eigenen Studien haben wir keinen Unterschied gefunden,

wenn der Rat von zwei Personen statt von einer kam. Das kann jedoch auch daran liegen,

60 dass der Versuchsaufbau die Zahl der Ratgeber nicht sonderlich betonte. Eine Arbeit von

Albert Mannes zeigte, dass die Menge der Ratgeber einen Einfluss hatte. Das halte ich auch

für wahrscheinlich und plausibel, unter anderem aus Erfahrungen mit Online-Rezensionen:

Wir finden es überzeugender, wenn 1000 Leute ein Produkt gut bewerten, als wenn es nur

wenige tun.

65 Ganz allgemein betrachtet: Was hat in Laborexperimenten den größten Einfluss

darauf, ob wir Rat annehmen?

Es gibt zwei ähnlich starke Faktoren: für wie gut hält man das eigene Urteil und für wie gut

den Rat. Wenn ich sicher bin, dass ich Recht habe, nimmt der Einfluss des Rats ab; bin ich

mir unsicher, nimmt er zu. Und wenn ich überzeugt bin, dass der Rat nicht besonders gut

70 ist, ignoriere ich ihn eher; halte ich ihn für gut, werde ich mich anpassen. Das ist ein ver-

nünftiges Verhalten.

[...]

Und trotzdem nutzen wir Rat nicht immer so, wie es vernünftig wäre?

Problematisch wird es dann, wenn ich entweder den Rat oder mein eigenes Urteil falsch

75 einschätze. Die meisten halten sich im Vergleich zum Durchschnitt für etwas kompetenter.

Dann ergibt es für sie subjektiv Sinn, einen Rat nicht so stark zu nutzen, auch wenn sie

eigentlich davon profitieren könnten. Diese Beratungsresistenz ist ein höchst stabiler

Befund, man findet sie in allen Ländern.

Menschen zeigen sich also deshalb beratungsresistent, weil sie ihre Meinung fälschli-

80 cherweise für besser halten als den Rat, den sie bekommen? Oder gibt es noch andere

Gründe?

Die Forschung beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Beratungsresistenz, aber es ist noch immer

nicht klar, was da alles hineinspielt. Wir prüfen gerade die Arbeitshypothese, dass es auch

um das Bedürfnis nach Autonomie geht. Vor allem, wenn ich einen Rat bekomme, den ich

85 nicht aktiv eingeholt habe. Dann reagiere ich abwehrend und ignoriere ihn oder berücksich-

tige ihn nur so wenig, dass ich mir sagen kann, die Entscheidung unterm Strich doch selbst

getroffen zu haben. Oder ich erkenne an, dass der Rat eigentlich gut ist, sage aber, dass ich

meine eigenen Fehler machen will.

Wie können Berater dafür sorgen, dass sie trotz allem gehört werden?

90 Es gibt drei gesicherte Strategien und eine mögliche vierte. Die erste Strategie: Interessen-

konflikte offenlegen. Dazu gibt es Studien von meiner Kollegin Sunita Sah von der Univer-

sity of Cambridge. Sie hat gezeigt: Wenn der Berater selbst sagt, dass auch er von seinem

Rat profitiert, gewichten die Entscheidungsträger den Rat höher und nicht etwa geringer,

wie es angemessen wäre. Bekommt ein Versicherungsberater für höhere Beträge mehr Pro-

95 vision, dann sollte man weniger investieren, als er empfiehlt.

Und die anderen Strategien?

Die zweite ist, den Rat im Brustton der Überzeugung vorzutragen, denn das wird als Hinweis

auf Kompetenz bewertet. Lyn Van Swol von der University of Wisconsin-Madison und

Bahador Bahrami von der LMU München haben das unabhängig voneinander nachge-

100 wiesen. Die dritte Strategie: sehr präzise Ratschläge zu erteilen, zum Beispiel monatlich

102,73 Euro zu investieren. David Loschelder von der Universität Lüneburg und ich haben

das in einer Studie getestet: Die Präzision erweckt den Eindruck, dass der Rat besser ist –

da scheint jemand so gut zu sein oder sich so viele Gedanken gemacht zu haben, dass er die

Zahl präzise berechnen kann. Und eine mögliche weitere Strategie leitet sich aus der Hypo-

105 these des bedrohten Autonomiegefühls ab. Ich würde davon ausgehen, dass Rat besser an-

kommt, wenn mindestens zwei Optionen zur Wahl stehen. Auch wenn eine davon bewusst

schlechter ist, entsteht das Gefühl, eine eigene Wahl treffen zu können.

Welche Rolle spielt dabei die Person des Ratgebers selbst?

Expertise und Vertrauenswürdigkeit – also gute Absichten – sind die wichtigsten Faktoren.

110 Man sucht außerdem häufiger Rat bei Mitgliedern der eigenen Gruppe. Zumindest im Labor

hat es aber keinen Einfluss, ob ein Rat von einer Person der eigenen oder einer fremden

Gruppe kommt. Allerdings wird die Gruppenzugehörigkeit sehr einfach hergestellt, etwa

über vermeintliche gemeinsame Vorlieben. In der Realität dürfte das anders aussehen, man

stelle sich einmal vor, Grünen-Wählern einen Ratschlag von AFD-Wählern vorzulegen.

115 [...]

Woraus kann man schließen, ob ein Rat gut ist?

Valide Hinweise sind so etwas wie Berufserfahrung, Reputation 3 oder vergangene Leistun-

gen der Ratgeber. Doch selbst ohne solche Anhaltspunkte können wir die Qualität von Rat

grob einschätzen. Man kann zwar nicht zwischen sehr gutem, gutem und mittelgutem Rat

120 unterscheiden. Aber einen sehr schlechten Rat erkennt man auch ohne Expertise, in der Re-

gel daran, dass er sehr unplausibel ist. Was man nicht als Qualitätsmerkmal ansehen sollte,

sind die Kosten. Wenn man den Ratgeber bezahlt, folgt man seinem Rat öfter, nach dem

Motto: Was teuer ist, muss gut sein. Das trifft allerdings nicht immer zu.

Wie kann man denn dann dafür sorgen, dass man guten Rat bekommt?

125 Man muss sich die passenden Ratgeber aussuchen: Personen, die einem Gutes wollen, aber

eine ganz andere Sicht auf die Welt haben. Vorher sollte man sich fragen, was ein Rat über-

haupt leisten soll: die bestmögliche Entscheidung liefern? Oder soll er mir die Unsicherheit

nehmen, wenn ich bereits eine Idee habe, wie ich mich entscheiden will? Dann frage ich

besser Leute, die mir ähnlich sind, deren Meinung also gar nicht unabhängig ist von meiner

130 und die vielleicht dieselben Urteilsfehler machen. Mit großer Wahrscheinlichkeit sagen sie,

dass sie es genauso machen würden. Dann kann ich gut schlafen, und ob es eine andere Vari-

ante gibt, mit der ich besser gefahren wäre, werde ich in den meisten Fällen nie erfahren.

[...]

Unterscheiden sich Männer und Frauen darin, wie sie mit Rat umgehen?

135 Wir finden nur selten Unterschiede. Und wenn, dann gibt es eine einfache Erklärung. Zum

Beispiel waren Männer beratungsresistenter, wenn sie Distanzen schätzen sollten. Sie waren

sich in ihrem Urteil sicherer als Frauen – ihre Urteile waren aber gar nicht besser. Geht es um

Kalorien in Nahrungsmitteln, sind Frauen beratungsresistenter. Dahinter stecken Geschlech-

terstereotype. Außerhalb vom Labor, vor allem im Beruf, können die Geschlechterunter-

140 schiede jedoch größer ausfallen. Männer werden für Nachgiebigkeit bestraft, Frauen für

forsches Auftreten. Also kann es sein, dass Frauen, die so wenig Rat annehmen wie ihre

männlichen Kollegen, als beratungsresistenter wahrgenommen werden. Dazu kenne ich

aber keine Forschung. [...]

1 Uneinigkeit

2 Verwaltungsorgan der katholischen Kirche

3 Ansehen

Aufgabenstellung:

2. Erklären Sie, warum die Beratungsresistenz so stark ausgeprägt ist, und zwar anhand von konformem Verhalten, der Dissonanztheorie und aus ganzheitlich-humanistischer Perspektive; beziehen Sie dabei das dazugehörige Persönlichkeitsmodell mit ein. (32 Punkte)

3. Erörtern Sie, ob der sozialpsychologischen Erklärung der Beratungsresistenz gegenüber der persönlichkeitspsychologischen Erklärung aus Aufgabe 2 der Vorzug zu geben ist, und entwerfen Sie auf der Basis des Elaboration-Likelihood-Modells Maßnahmen zum Abbau von Beratungsresistenz. (24 Punkte)

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1 · Texte auswerten und Paradigmen zuordnen

Die dunkle Seite der Persönlichkeit

D-Faktor – Gibt es einen gemeinsamen Nenner des Bösen? Laut Psychologen hängt die Nei-

gung zu unmoralischem Handeln von einer Kombination typischer Charaktermerkmale ab.

[...]

Eine typische Konstellation von Eigenschaften, die mit unmoralischen Taten zusammen-

5 hängen, bezeichnen Psychologen als „Dunkle Triade der Persönlichkeit“: Dahinter verber-

gen sich die drei Merkmale Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie [...]. Auf den

ersten Blick unterscheiden sich diese voneinander: Ein ausgeprägter Narzisst ist selbstver-

liebt und denkt in erster Linie an sich, ein Mensch mit machiavellistischen Zügen lügt und

betrügt strategisch zum eigenen Vorteil, und Psychopathen wiederum tun oft rücksichtslos

10 einfach das, wonach ihnen gerade ist. Wie Studien belegen, treten diese dunklen Eigen-

schaften – übermäßige Eigenliebe, Hang zu Betrügereien und Rücksichtslosigkeit – jedoch

häufig gemeinsam auf. Daneben gibt es allerdings noch weitere relevante Merkmale wie

Egoismus, Gehässigkeit oder Sadismus.

Über die Jahre haben Forscher eine Reihe von „dunklen“ Persönlichkeitseigenschaften

15 zueinander in Beziehung gesetzt. Dabei zeigte sich zum einen, dass viele davon ähnlich

definiert werden und entsprechende Fragebogen oft vergleichbare Aussagen enthalten.

Zum anderen hängen solche Persönlichkeitseigenschaften statistisch eng zusammen: Wer

eine hohe Ausprägung einer dunklen Eigenschaft zeigt, sagen wir viel Machiavellismus,

weist auch eher ein beträchtliches Maß einer anderen auf, etwa Psychopathie.

20 Angesichts dieser theoretischen und empirischen Überschneidung stellt sich die Frage,

ob alle dunklen Persönlichkeitsmerkmale einen gemeinsamen Kern haben. Diesen zunächst

hypothetischen „Kern des Bösen“ bezeichnen wir als D-Faktor (in Anlehnung an den in der

Wissenschaft verbreiteten englischen Ausdruck „dark traits“ für dunkle Persönlichkeitseigen-

schaften). Die Idee des D-Faktors ist der des allgemeinen Intelligenzfaktors sehr ähnlich.

25 So gehen Forscher bereits seit gut 100 Jahren davon aus, dass dem Abschneiden in unter-

schiedlichen Fähigkeitstests – etwa bei Aufgaben zum logischen Schlussfolgern, zum

Merkvermögen oder zur räumlichen Vorstellung – ein gemeinsamer Nenner zugrunde liegt.

Analog dazu vermuten wir für den D-Faktor: Personen mit hoher Ausprägung zeigen bei

vielen oder gar allen „dunklen“ Persönlichkeitsmerkmalen höhere Ausprägungen und zu-

30 gleich recht regelmäßig sozial problematisches Verhalten.

Ähnlich wie sich Intelligenz in verschiedenen Fähigkeiten ausdrücken kann, beschreibt

auch der D-Faktor eine Tendenz, die sich unterschiedlich manifestiert (sei es etwa als star-

ker Narzissmus oder Sadismus). Der D-Faktor beschreibt die Neigung einer Person, für den

eigenen Vorteil negative Folgen für andere oder für die Gemeinschaft in Kauf zu nehmen

35 oder gar aktiv herbeizuführen. Begleitet wird dies in der Regel von Überzeugungen, die ein

solches Verhalten zu rechtfertigen helfen.

Persönliche Vorteile zu Lasten anderer

Das Streben nach persönlichen Vorteilen kann sich auf diverse Dinge beziehen, darunter

Macht, Prestige oder Geld, sowie auf die Lust, sich über andere zu erheben. Für einen ho-

40 hen D-Faktor ist es wichtig, dass dies zu Lasten der Mitmenschen geschieht. Andernfalls

hat das Verhalten nichts mit dem D-Faktor zu tun. [...]

Neben dem Streben nach eigenen Vorteilen zu Lasten anderer kennzeichnet es Men-

schen mit hohem D-Faktor, dass sie ihr Handeln mit bewussten, aber auch unbewussten

Überzeugungen rechtfertigen. Zum Beispiel könnten sie meinen, sie seien etwas Besonderes

45 und hätten Anspruch auf mehr oder besseres als andere. Oder sie glauben, jeder habe ohne-

hin nur seinen Vorteil im Blick und es sei deshalb normal, ja notwendig, das Eigeninteresse

bedingungslos zu verfolgen.

Der D-Faktor beschreibt also die Tendenz, sich zu Lasten anderer zu verhalten und

Überzeugungen zu haben, die dafür als Rechtfertigungen dienen können. Die Betreffenden

50 agieren jedoch längst nicht immer „böse“. Manchmal sind Personen mit hohem D-Faktor

freundlich und kooperativ, und umgekehrt kann auch eine Person mit niedrigem D-Faktor

manchmal egoistisch handeln. Der D-Faktor verrät jedoch, wie jemand über verschiedene

Situationen hinweg im Durchschnitt agiert.

[...]

55 Eine Frage der Impulskontrolle

[...] Ein wichtiger Unterschied zwischen Machiavellismus und Psychopathie besteht

hinsichtlich der Fähigkeit zum strategischen Handeln beziehungsweise der Impulskontrolle.

Diese bestimmt mit über eine spezifische Manifestation des D-Faktors: Bei Personen mit

guter Impulskontrolle zeigt sich ein hoher D-Faktor eher in machiavellistischen Zügen,

60 während er bei schwächer ausgeprägter Impulskontrolle vor allem mit Psychopathie einher-

geht. Was Machiavellismus und Psychopathie „böse“ macht, ist jedoch quasi vollständig im

D-Faktor enthalten. Um also zu beschreiben, wer insgesamt mehr oder weniger unmoralisch

agiert, genügt es, den allgemeinen D-Faktor zu bestimmen – das Maß an Impulskontrolle

zeigt darüber hinaus nur, wie sich die Tendenz zu egoistischem Handeln auf Kosten anderer

65 manifestiert.

In einer Studie erfassten wir Selbsteinschätzung zum Beispiel zur Aggressivität, Empa-

thie und zum Machtstreben von knapp 1000 Personen, die ziemlich repräsentativ für die

deutsche Allgemeinbevölkerung waren. Außerdem führten wir Online-Experimente durch,

in denen die Teilnehmer beispielsweise lügen konnten, um einen finanziellen Vorteil zu

70 erlangen. Dazu baten wir die Personen, unbeobachtet zweimal eine Münze zu werfen, und

teilten ihnen mit, dass sie einen zusätzlichen Geldbetrag erhalten, wenn die Münze beide

Male auf einer bestimmten Seite landete. Da die Personen die Münze gänzlich unbeobach-

tet für sich allein warfen, konnten sie dabei einfach betrügen, indem sie behaupteten, beide

Male dieselbe Seite geworfen zu haben. Statistisch gesehen landet eine Münze aber nur in

75 25 Prozent der Fälle zweimal auf ein und derselben Seite. Daher muss man gar nicht wissen,

wer wirklich lügt, sondern kann über mehrere Personen hinweg testen, ob Merkmale (wie der

D-Faktor) mit der Wahrscheinlichkeit, von einem Gewinn zu berichten, zusammenhängen.

Wie sich zeigte, sagte der D-Faktor besser als alle einzelnen dunklen Persönlichkeits-

eigenschaften (wie Egoismus oder Gehässigkeit) vorher, in welchem Maß eine Person

80 flunkerte oder in ihrem Alltag zu mangelnder Empathie oder Aggression neigte. Die Aus-

prägung einzelner dunkler Eigenschaften bot darüber hinaus statistisch nur sehr selten weitere

Informationen.

In diesen Studien folgten Fragebogen zum D-Faktor und zu anderen Merkmalen sowie

[...] Verhaltensexperimente relativ kurz hintereinander. Um den dauerhaften Einfluss des

85 D-Faktors über Jahre hinweg aufzuzeigen, brauchen wir entsprechend angelegte Studien.

Bislang liegen zur langfristigen Verhaltensvorhersage noch kaum Daten vor. Eine der weni-

gen Ausnahmen: In einer Untersuchung von 2019 bestimmten wir den D-Faktor von mehr

als 1000 Menschen zum zweiten Mal im Abstand von vier Jahren. Wie die Auswertung

ergab, sanken die Werte im Lauf der Zeit leicht. Mit anderen Worten: Die meisten von uns

90 werden mit zunehmendem Alter tendenziell weniger „böse“. Gleichzeitig blieb der D-Faktor

im Vergleich der Personen untereinander aber stabil: Wer zum ersten Messzeitpunkt einen

höheren Wert aufwies als ein anderer Teilnehmer, nahm auch vier Jahre später etwa den

gleichen Platz in der Rangfolge ein. Die Maße korrelierten dabei sogar höher miteinander,

als dies bei vielen anderen Persönlichkeitsmerkmalen der Fall ist. Das zeigt, dass es sich

95 beim D-Faktor um ein äußerst stabiles Persönlichkeitsmerkmal handelt.

Bislang wissen wir wenig darüber, wie der D-Faktor einer Person zustande kommt. Aber

fast alle stabilen Persönlichkeitseigenschaften gründen auf dem Zusammenspiel von Genen

und Umweltfaktoren. Dies dürfte beim D-Faktor ähnlich sein. Ob hier Erfahrungen in

Kindheit und Elternhaus, das soziale Umfeld oder vorherrschende gesellschaftliche Normen

100 von besonderer Bedeutung sind, lässt sich derzeit aber noch nicht wissenschaftlich fundiert

sagen.

[...]

Der D-Faktor sagt etwas darüber aus, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich jemand in

verschiedenen Situationen Vorteile auf Kosten anderer verschafft. Für die praktische Be-

105 deutung, also das konkrete Ausleben dieser Tendenz spielen jedoch weitere Dinge eine

Rolle, etwa wie wichtig der- oder diejenige ein bestimmtes Ziel nimmt oder ob er oder sie

den Schaden einer anderen Person überhaupt registriert. Aus der Forschung zu anderen

Merkmalen wie Intelligenz oder Gewissenhaftigkeit weiß man, dass die individuelle Per-

sönlichkeit unser Verhalten besonders stark beeinflusst, wenn eine gegebene Situation kein

110 spezifisches Verhalten erfordert. Bei einem Geschäftsessen herrschen beispielsweise Um-

gangsformen vor, die individuelle Unterschiede überdecken – stehen also bestimmte Kon-

ventionen im Vordergrund, handeln Menschen weniger danach, was ihnen persönlich am

ehesten entspricht. Ob jemand zur Geselligkeit neigt oder, im Sinne des D-Faktors, zur

Bösartigkeit, dürfte sich folglich eher in Situationen zeigen, die kein sehr spezifisches

115 Verhalten nahelegen.

Klar ist auch: Persönlichkeitsmerkmale sind kein Schicksal, sondern äußern sich je nach

den Umständen, Zufällen und den Menschen, denen wir begegnen, durchaus verschieden.

Zudem gilt ein gewisses Maß an Egoismus, ja sogar der Schadenfreude als durchaus normal

und ist gesellschaftlich akzeptiert. Man kann allerdings davon ausgehen, dass ein hoher

120 D-Faktor über verschiedene Situationen hinweg die Neigung zu unmoralischen Taten gut

abbildet.

Aufgabenstellung:

1. Arbeiten Sie die allgemeinen Aussagen des Textes zum D-Faktor in geordneter Form heraus und veranschaulichen Sie die dazu im Text genannten empirischen Befunde. [20 Punkte]

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2 · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen

Die dunkle Seite der Persönlichkeit

D-Faktor – Gibt es einen gemeinsamen Nenner des Bösen? Laut Psychologen hängt die Nei-

gung zu unmoralischem Handeln von einer Kombination typischer Charaktermerkmale ab.

[...]

Eine typische Konstellation von Eigenschaften, die mit unmoralischen Taten zusammen-

5 hängen, bezeichnen Psychologen als „Dunkle Triade der Persönlichkeit“: Dahinter verber-

gen sich die drei Merkmale Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie [...]. Auf den

ersten Blick unterscheiden sich diese voneinander: Ein ausgeprägter Narzisst ist selbstver-

liebt und denkt in erster Linie an sich, ein Mensch mit machiavellistischen Zügen lügt und

betrügt strategisch zum eigenen Vorteil, und Psychopathen wiederum tun oft rücksichtslos

10 einfach das, wonach ihnen gerade ist. Wie Studien belegen, treten diese dunklen Eigen-

schaften – übermäßige Eigenliebe, Hang zu Betrügereien und Rücksichtslosigkeit – jedoch

häufig gemeinsam auf. Daneben gibt es allerdings noch weitere relevante Merkmale wie

Egoismus, Gehässigkeit oder Sadismus.

Über die Jahre haben Forscher eine Reihe von „dunklen“ Persönlichkeitseigenschaften

15 zueinander in Beziehung gesetzt. Dabei zeigte sich zum einen, dass viele davon ähnlich

definiert werden und entsprechende Fragebogen oft vergleichbare Aussagen enthalten.

Zum anderen hängen solche Persönlichkeitseigenschaften statistisch eng zusammen: Wer

eine hohe Ausprägung einer dunklen Eigenschaft zeigt, sagen wir viel Machiavellismus,

weist auch eher ein beträchtliches Maß einer anderen auf, etwa Psychopathie.

20 Angesichts dieser theoretischen und empirischen Überschneidung stellt sich die Frage,

ob alle dunklen Persönlichkeitsmerkmale einen gemeinsamen Kern haben. Diesen zunächst

hypothetischen „Kern des Bösen“ bezeichnen wir als D-Faktor (in Anlehnung an den in der

Wissenschaft verbreiteten englischen Ausdruck „dark traits“ für dunkle Persönlichkeitseigen-

schaften). Die Idee des D-Faktors ist der des allgemeinen Intelligenzfaktors sehr ähnlich.

25 So gehen Forscher bereits seit gut 100 Jahren davon aus, dass dem Abschneiden in unter-

schiedlichen Fähigkeitstests – etwa bei Aufgaben zum logischen Schlussfolgern, zum

Merkvermögen oder zur räumlichen Vorstellung – ein gemeinsamer Nenner zugrunde liegt.

Analog dazu vermuten wir für den D-Faktor: Personen mit hoher Ausprägung zeigen bei

vielen oder gar allen „dunklen“ Persönlichkeitsmerkmalen höhere Ausprägungen und zu-

30 gleich recht regelmäßig sozial problematisches Verhalten.

Ähnlich wie sich Intelligenz in verschiedenen Fähigkeiten ausdrücken kann, beschreibt

auch der D-Faktor eine Tendenz, die sich unterschiedlich manifestiert (sei es etwa als star-

ker Narzissmus oder Sadismus). Der D-Faktor beschreibt die Neigung einer Person, für den

eigenen Vorteil negative Folgen für andere oder für die Gemeinschaft in Kauf zu nehmen

35 oder gar aktiv herbeizuführen. Begleitet wird dies in der Regel von Überzeugungen, die ein

solches Verhalten zu rechtfertigen helfen.

Persönliche Vorteile zu Lasten anderer

Das Streben nach persönlichen Vorteilen kann sich auf diverse Dinge beziehen, darunter

Macht, Prestige oder Geld, sowie auf die Lust, sich über andere zu erheben. Für einen ho-

40 hen D-Faktor ist es wichtig, dass dies zu Lasten der Mitmenschen geschieht. Andernfalls

hat das Verhalten nichts mit dem D-Faktor zu tun. [...]

Neben dem Streben nach eigenen Vorteilen zu Lasten anderer kennzeichnet es Men-

schen mit hohem D-Faktor, dass sie ihr Handeln mit bewussten, aber auch unbewussten

Überzeugungen rechtfertigen. Zum Beispiel könnten sie meinen, sie seien etwas Besonderes

45 und hätten Anspruch auf mehr oder besseres als andere. Oder sie glauben, jeder habe ohne-

hin nur seinen Vorteil im Blick und es sei deshalb normal, ja notwendig, das Eigeninteresse

bedingungslos zu verfolgen.

Der D-Faktor beschreibt also die Tendenz, sich zu Lasten anderer zu verhalten und

Überzeugungen zu haben, die dafür als Rechtfertigungen dienen können. Die Betreffenden

50 agieren jedoch längst nicht immer „böse“. Manchmal sind Personen mit hohem D-Faktor

freundlich und kooperativ, und umgekehrt kann auch eine Person mit niedrigem D-Faktor

manchmal egoistisch handeln. Der D-Faktor verrät jedoch, wie jemand über verschiedene

Situationen hinweg im Durchschnitt agiert.

[...]

55 Eine Frage der Impulskontrolle

[...] Ein wichtiger Unterschied zwischen Machiavellismus und Psychopathie besteht

hinsichtlich der Fähigkeit zum strategischen Handeln beziehungsweise der Impulskontrolle.

Diese bestimmt mit über eine spezifische Manifestation des D-Faktors: Bei Personen mit

guter Impulskontrolle zeigt sich ein hoher D-Faktor eher in machiavellistischen Zügen,

60 während er bei schwächer ausgeprägter Impulskontrolle vor allem mit Psychopathie einher-

geht. Was Machiavellismus und Psychopathie „böse“ macht, ist jedoch quasi vollständig im

D-Faktor enthalten. Um also zu beschreiben, wer insgesamt mehr oder weniger unmoralisch

agiert, genügt es, den allgemeinen D-Faktor zu bestimmen – das Maß an Impulskontrolle

zeigt darüber hinaus nur, wie sich die Tendenz zu egoistischem Handeln auf Kosten anderer

65 manifestiert.

In einer Studie erfassten wir Selbsteinschätzung zum Beispiel zur Aggressivität, Empa-

thie und zum Machtstreben von knapp 1000 Personen, die ziemlich repräsentativ für die

deutsche Allgemeinbevölkerung waren. Außerdem führten wir Online-Experimente durch,

in denen die Teilnehmer beispielsweise lügen konnten, um einen finanziellen Vorteil zu

70 erlangen. Dazu baten wir die Personen, unbeobachtet zweimal eine Münze zu werfen, und

teilten ihnen mit, dass sie einen zusätzlichen Geldbetrag erhalten, wenn die Münze beide

Male auf einer bestimmten Seite landete. Da die Personen die Münze gänzlich unbeobach-

tet für sich allein warfen, konnten sie dabei einfach betrügen, indem sie behaupteten, beide

Male dieselbe Seite geworfen zu haben. Statistisch gesehen landet eine Münze aber nur in

75 25 Prozent der Fälle zweimal auf ein und derselben Seite. Daher muss man gar nicht wissen,

wer wirklich lügt, sondern kann über mehrere Personen hinweg testen, ob Merkmale (wie der

D-Faktor) mit der Wahrscheinlichkeit, von einem Gewinn zu berichten, zusammenhängen.

Wie sich zeigte, sagte der D-Faktor besser als alle einzelnen dunklen Persönlichkeits-

eigenschaften (wie Egoismus oder Gehässigkeit) vorher, in welchem Maß eine Person

80 flunkerte oder in ihrem Alltag zu mangelnder Empathie oder Aggression neigte. Die Aus-

prägung einzelner dunkler Eigenschaften bot darüber hinaus statistisch nur sehr selten weitere

Informationen.

In diesen Studien folgten Fragebogen zum D-Faktor und zu anderen Merkmalen sowie

[...] Verhaltensexperimente relativ kurz hintereinander. Um den dauerhaften Einfluss des

85 D-Faktors über Jahre hinweg aufzuzeigen, brauchen wir entsprechend angelegte Studien.

Bislang liegen zur langfristigen Verhaltensvorhersage noch kaum Daten vor. Eine der weni-

gen Ausnahmen: In einer Untersuchung von 2019 bestimmten wir den D-Faktor von mehr

als 1000 Menschen zum zweiten Mal im Abstand von vier Jahren. Wie die Auswertung

ergab, sanken die Werte im Lauf der Zeit leicht. Mit anderen Worten: Die meisten von uns

90 werden mit zunehmendem Alter tendenziell weniger „böse“. Gleichzeitig blieb der D-Faktor

im Vergleich der Personen untereinander aber stabil: Wer zum ersten Messzeitpunkt einen

höheren Wert aufwies als ein anderer Teilnehmer, nahm auch vier Jahre später etwa den

gleichen Platz in der Rangfolge ein. Die Maße korrelierten dabei sogar höher miteinander,

als dies bei vielen anderen Persönlichkeitsmerkmalen der Fall ist. Das zeigt, dass es sich

95 beim D-Faktor um ein äußerst stabiles Persönlichkeitsmerkmal handelt.

Bislang wissen wir wenig darüber, wie der D-Faktor einer Person zustande kommt. Aber

fast alle stabilen Persönlichkeitseigenschaften gründen auf dem Zusammenspiel von Genen

und Umweltfaktoren. Dies dürfte beim D-Faktor ähnlich sein. Ob hier Erfahrungen in

Kindheit und Elternhaus, das soziale Umfeld oder vorherrschende gesellschaftliche Normen

100 von besonderer Bedeutung sind, lässt sich derzeit aber noch nicht wissenschaftlich fundiert

sagen.

[...]

Der D-Faktor sagt etwas darüber aus, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich jemand in

verschiedenen Situationen Vorteile auf Kosten anderer verschafft. Für die praktische Be-

105 deutung, also das konkrete Ausleben dieser Tendenz spielen jedoch weitere Dinge eine

Rolle, etwa wie wichtig der- oder diejenige ein bestimmtes Ziel nimmt oder ob er oder sie

den Schaden einer anderen Person überhaupt registriert. Aus der Forschung zu anderen

Merkmalen wie Intelligenz oder Gewissenhaftigkeit weiß man, dass die individuelle Per-

sönlichkeit unser Verhalten besonders stark beeinflusst, wenn eine gegebene Situation kein

110 spezifisches Verhalten erfordert. Bei einem Geschäftsessen herrschen beispielsweise Um-

gangsformen vor, die individuelle Unterschiede überdecken – stehen also bestimmte Kon-

ventionen im Vordergrund, handeln Menschen weniger danach, was ihnen persönlich am

ehesten entspricht. Ob jemand zur Geselligkeit neigt oder, im Sinne des D-Faktors, zur

Bösartigkeit, dürfte sich folglich eher in Situationen zeigen, die kein sehr spezifisches

115 Verhalten nahelegen.

Klar ist auch: Persönlichkeitsmerkmale sind kein Schicksal, sondern äußern sich je nach

den Umständen, Zufällen und den Menschen, denen wir begegnen, durchaus verschieden.

Zudem gilt ein gewisses Maß an Egoismus, ja sogar der Schadenfreude als durchaus normal

und ist gesellschaftlich akzeptiert. Man kann allerdings davon ausgehen, dass ein hoher

120 D-Faktor über verschiedene Situationen hinweg die Neigung zu unmoralischen Taten gut

abbildet.

Aufgabenstellung:

2. Erklären Sie den D-Faktor sowohl aus kognitivistischer als auch aus tiefenpsychologischer Perspektive und beziehen Sie dabei die zugehörigen Persönlichkeitsmodelle mit ein. Nehmen Sie zum Schluss Stellung dazu, welchen der beiden Erklärungsansätze Sie vorziehen. [32 Punkte]

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 3 · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl

Die dunkle Seite der Persönlichkeit

D-Faktor – Gibt es einen gemeinsamen Nenner des Bösen? Laut Psychologen hängt die Nei-

gung zu unmoralischem Handeln von einer Kombination typischer Charaktermerkmale ab.

[...]

Eine typische Konstellation von Eigenschaften, die mit unmoralischen Taten zusammen-

5 hängen, bezeichnen Psychologen als „Dunkle Triade der Persönlichkeit“: Dahinter verber-

gen sich die drei Merkmale Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie [...]. Auf den

ersten Blick unterscheiden sich diese voneinander: Ein ausgeprägter Narzisst ist selbstver-

liebt und denkt in erster Linie an sich, ein Mensch mit machiavellistischen Zügen lügt und

betrügt strategisch zum eigenen Vorteil, und Psychopathen wiederum tun oft rücksichtslos

10 einfach das, wonach ihnen gerade ist. Wie Studien belegen, treten diese dunklen Eigen-

schaften – übermäßige Eigenliebe, Hang zu Betrügereien und Rücksichtslosigkeit – jedoch

häufig gemeinsam auf. Daneben gibt es allerdings noch weitere relevante Merkmale wie

Egoismus, Gehässigkeit oder Sadismus.

Über die Jahre haben Forscher eine Reihe von „dunklen“ Persönlichkeitseigenschaften

15 zueinander in Beziehung gesetzt. Dabei zeigte sich zum einen, dass viele davon ähnlich

definiert werden und entsprechende Fragebogen oft vergleichbare Aussagen enthalten.

Zum anderen hängen solche Persönlichkeitseigenschaften statistisch eng zusammen: Wer

eine hohe Ausprägung einer dunklen Eigenschaft zeigt, sagen wir viel Machiavellismus,

weist auch eher ein beträchtliches Maß einer anderen auf, etwa Psychopathie.

20 Angesichts dieser theoretischen und empirischen Überschneidung stellt sich die Frage,

ob alle dunklen Persönlichkeitsmerkmale einen gemeinsamen Kern haben. Diesen zunächst

hypothetischen „Kern des Bösen“ bezeichnen wir als D-Faktor (in Anlehnung an den in der

Wissenschaft verbreiteten englischen Ausdruck „dark traits“ für dunkle Persönlichkeitseigen-

schaften). Die Idee des D-Faktors ist der des allgemeinen Intelligenzfaktors sehr ähnlich.

25 So gehen Forscher bereits seit gut 100 Jahren davon aus, dass dem Abschneiden in unter-

schiedlichen Fähigkeitstests – etwa bei Aufgaben zum logischen Schlussfolgern, zum

Merkvermögen oder zur räumlichen Vorstellung – ein gemeinsamer Nenner zugrunde liegt.

Analog dazu vermuten wir für den D-Faktor: Personen mit hoher Ausprägung zeigen bei

vielen oder gar allen „dunklen“ Persönlichkeitsmerkmalen höhere Ausprägungen und zu-

30 gleich recht regelmäßig sozial problematisches Verhalten.

Ähnlich wie sich Intelligenz in verschiedenen Fähigkeiten ausdrücken kann, beschreibt

auch der D-Faktor eine Tendenz, die sich unterschiedlich manifestiert (sei es etwa als star-

ker Narzissmus oder Sadismus). Der D-Faktor beschreibt die Neigung einer Person, für den

eigenen Vorteil negative Folgen für andere oder für die Gemeinschaft in Kauf zu nehmen

35 oder gar aktiv herbeizuführen. Begleitet wird dies in der Regel von Überzeugungen, die ein

solches Verhalten zu rechtfertigen helfen.

Persönliche Vorteile zu Lasten anderer

Das Streben nach persönlichen Vorteilen kann sich auf diverse Dinge beziehen, darunter

Macht, Prestige oder Geld, sowie auf die Lust, sich über andere zu erheben. Für einen ho-

40 hen D-Faktor ist es wichtig, dass dies zu Lasten der Mitmenschen geschieht. Andernfalls

hat das Verhalten nichts mit dem D-Faktor zu tun. [...]

Neben dem Streben nach eigenen Vorteilen zu Lasten anderer kennzeichnet es Men-

schen mit hohem D-Faktor, dass sie ihr Handeln mit bewussten, aber auch unbewussten

Überzeugungen rechtfertigen. Zum Beispiel könnten sie meinen, sie seien etwas Besonderes

45 und hätten Anspruch auf mehr oder besseres als andere. Oder sie glauben, jeder habe ohne-

hin nur seinen Vorteil im Blick und es sei deshalb normal, ja notwendig, das Eigeninteresse

bedingungslos zu verfolgen.

Der D-Faktor beschreibt also die Tendenz, sich zu Lasten anderer zu verhalten und

Überzeugungen zu haben, die dafür als Rechtfertigungen dienen können. Die Betreffenden

50 agieren jedoch längst nicht immer „böse“. Manchmal sind Personen mit hohem D-Faktor

freundlich und kooperativ, und umgekehrt kann auch eine Person mit niedrigem D-Faktor

manchmal egoistisch handeln. Der D-Faktor verrät jedoch, wie jemand über verschiedene

Situationen hinweg im Durchschnitt agiert.

[...]

55 Eine Frage der Impulskontrolle

[...] Ein wichtiger Unterschied zwischen Machiavellismus und Psychopathie besteht

hinsichtlich der Fähigkeit zum strategischen Handeln beziehungsweise der Impulskontrolle.

Diese bestimmt mit über eine spezifische Manifestation des D-Faktors: Bei Personen mit

guter Impulskontrolle zeigt sich ein hoher D-Faktor eher in machiavellistischen Zügen,

60 während er bei schwächer ausgeprägter Impulskontrolle vor allem mit Psychopathie einher-

geht. Was Machiavellismus und Psychopathie „böse“ macht, ist jedoch quasi vollständig im

D-Faktor enthalten. Um also zu beschreiben, wer insgesamt mehr oder weniger unmoralisch

agiert, genügt es, den allgemeinen D-Faktor zu bestimmen – das Maß an Impulskontrolle

zeigt darüber hinaus nur, wie sich die Tendenz zu egoistischem Handeln auf Kosten anderer

65 manifestiert.

In einer Studie erfassten wir Selbsteinschätzung zum Beispiel zur Aggressivität, Empa-

thie und zum Machtstreben von knapp 1000 Personen, die ziemlich repräsentativ für die

deutsche Allgemeinbevölkerung waren. Außerdem führten wir Online-Experimente durch,

in denen die Teilnehmer beispielsweise lügen konnten, um einen finanziellen Vorteil zu

70 erlangen. Dazu baten wir die Personen, unbeobachtet zweimal eine Münze zu werfen, und

teilten ihnen mit, dass sie einen zusätzlichen Geldbetrag erhalten, wenn die Münze beide

Male auf einer bestimmten Seite landete. Da die Personen die Münze gänzlich unbeobach-

tet für sich allein warfen, konnten sie dabei einfach betrügen, indem sie behaupteten, beide

Male dieselbe Seite geworfen zu haben. Statistisch gesehen landet eine Münze aber nur in

75 25 Prozent der Fälle zweimal auf ein und derselben Seite. Daher muss man gar nicht wissen,

wer wirklich lügt, sondern kann über mehrere Personen hinweg testen, ob Merkmale (wie der

D-Faktor) mit der Wahrscheinlichkeit, von einem Gewinn zu berichten, zusammenhängen.

Wie sich zeigte, sagte der D-Faktor besser als alle einzelnen dunklen Persönlichkeits-

eigenschaften (wie Egoismus oder Gehässigkeit) vorher, in welchem Maß eine Person

80 flunkerte oder in ihrem Alltag zu mangelnder Empathie oder Aggression neigte. Die Aus-

prägung einzelner dunkler Eigenschaften bot darüber hinaus statistisch nur sehr selten weitere

Informationen.

In diesen Studien folgten Fragebogen zum D-Faktor und zu anderen Merkmalen sowie

[...] Verhaltensexperimente relativ kurz hintereinander. Um den dauerhaften Einfluss des

85 D-Faktors über Jahre hinweg aufzuzeigen, brauchen wir entsprechend angelegte Studien.

Bislang liegen zur langfristigen Verhaltensvorhersage noch kaum Daten vor. Eine der weni-

gen Ausnahmen: In einer Untersuchung von 2019 bestimmten wir den D-Faktor von mehr

als 1000 Menschen zum zweiten Mal im Abstand von vier Jahren. Wie die Auswertung

ergab, sanken die Werte im Lauf der Zeit leicht. Mit anderen Worten: Die meisten von uns

90 werden mit zunehmendem Alter tendenziell weniger „böse“. Gleichzeitig blieb der D-Faktor

im Vergleich der Personen untereinander aber stabil: Wer zum ersten Messzeitpunkt einen

höheren Wert aufwies als ein anderer Teilnehmer, nahm auch vier Jahre später etwa den

gleichen Platz in der Rangfolge ein. Die Maße korrelierten dabei sogar höher miteinander,

als dies bei vielen anderen Persönlichkeitsmerkmalen der Fall ist. Das zeigt, dass es sich

95 beim D-Faktor um ein äußerst stabiles Persönlichkeitsmerkmal handelt.

Bislang wissen wir wenig darüber, wie der D-Faktor einer Person zustande kommt. Aber

fast alle stabilen Persönlichkeitseigenschaften gründen auf dem Zusammenspiel von Genen

und Umweltfaktoren. Dies dürfte beim D-Faktor ähnlich sein. Ob hier Erfahrungen in

Kindheit und Elternhaus, das soziale Umfeld oder vorherrschende gesellschaftliche Normen

100 von besonderer Bedeutung sind, lässt sich derzeit aber noch nicht wissenschaftlich fundiert

sagen.

[...]

Der D-Faktor sagt etwas darüber aus, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich jemand in

verschiedenen Situationen Vorteile auf Kosten anderer verschafft. Für die praktische Be-

105 deutung, also das konkrete Ausleben dieser Tendenz spielen jedoch weitere Dinge eine

Rolle, etwa wie wichtig der- oder diejenige ein bestimmtes Ziel nimmt oder ob er oder sie

den Schaden einer anderen Person überhaupt registriert. Aus der Forschung zu anderen

Merkmalen wie Intelligenz oder Gewissenhaftigkeit weiß man, dass die individuelle Per-

sönlichkeit unser Verhalten besonders stark beeinflusst, wenn eine gegebene Situation kein

110 spezifisches Verhalten erfordert. Bei einem Geschäftsessen herrschen beispielsweise Um-

gangsformen vor, die individuelle Unterschiede überdecken – stehen also bestimmte Kon-

ventionen im Vordergrund, handeln Menschen weniger danach, was ihnen persönlich am

ehesten entspricht. Ob jemand zur Geselligkeit neigt oder, im Sinne des D-Faktors, zur

Bösartigkeit, dürfte sich folglich eher in Situationen zeigen, die kein sehr spezifisches

115 Verhalten nahelegen.

Klar ist auch: Persönlichkeitsmerkmale sind kein Schicksal, sondern äußern sich je nach

den Umständen, Zufällen und den Menschen, denen wir begegnen, durchaus verschieden.

Zudem gilt ein gewisses Maß an Egoismus, ja sogar der Schadenfreude als durchaus normal

und ist gesellschaftlich akzeptiert. Man kann allerdings davon ausgehen, dass ein hoher

120 D-Faktor über verschiedene Situationen hinweg die Neigung zu unmoralischen Taten gut

abbildet.

Aufgabenstellung:

3. Setzen Sie den D-Faktor zum eigenschaftstheoretischen Persönlichkeitsansatz (big five) in Beziehung und prüfen Sie, ob es sinnvoll ist, den D-Faktor in einem Assessment-Center zu erheben. [28 Punkte]

Aufgabe 3 · Psychische Störungen und Psychotherapie

Aufgabenstellung:

1. Arbeiten Sie anhand von Kriterien die wesentlichen Aussagen des Textes zum Krankheitsbild Dysthymie und zum Verfahren des CBASP heraus und erklären Sie mithilfe des ganzheitlich-humanistischen Persönlichkeitsmodells, welche Ursachen Dysthymie haben kann. (28 Punkte)

2. Vergleichen Sie das Verfahren des CBASP mit der Gesprächspsychotherapie nach Rogers in Bezug auf die Therapieziele und die Rolle des Therapeuten und nehmen Sie aus psychoanalytischer Perspektive Stellung zu den Grundannahmen sowie zur Therapeutenrolle im CBASP. (34 Punkte)

3. Erörtern Sie, inwieweit sich das Verfahren CBASP für die Behandlung einer generalisierten Angststörung eignet. (18 Punkte)

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