Abitur NRW Psychologie 2023 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg
Abiturprüfung Psychologie in Nordrhein-Westfalen 2023, GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 9 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Prüfung: Texte auswerten und Paradigmen zuordnen · Sozialpsychologische Theorien anwenden · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen · Psychische Störungen und Psychotherapie · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl
Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 1 · Texte auswerten und Paradigmen zuordnen
Für mich bist du Luft!
Wie reagieren wir, wenn andere uns ignorieren? Die Ergebnisse von sozialpsychologischen Studien sind alarmierend.
[...] Kip geht im Park spazieren. Ein verirrter Frisbee trifft ihn am Rücken. Kip hebt ihn
auf und wirft ihn zurück zu den beiden jungen Männern, denen die Scheibe gehört. Zu seiner
Überraschung kommt der Frisbee sofort zu ihm zurückgeflogen, Kip wird von einem unbe-
teiligten Spaziergänger zum Mitspieler. Doch nach drei oder vier Würfen ist der Spaß
5 schon wieder vorbei: Die beiden anderen spielen nur für sich und beachten Kip nicht mehr.
Der lässt die Schultern hängen und fühlt sich erbärmlich. Aber warum eigentlich? Weshalb
tut es so weh, von einem Moment auf den nächsten komplett ignoriert zu werden?
Heute gehört Kip Williams zu den angesehensten Sozialpsychologen der Welt. Seine
Karriere verdankt er nicht zuletzt der Episode im Park. „Auf dem Nachhauseweg“, sagt er,
10 „wurde mir klar: Ich hatte eine Methode gefunden, Ostrazismus im Labor zu untersuchen.“
Ostrazismus? Damit bezeichnen Psychologen eine Situation, in der Menschen von anderen
nicht beachtet oder ausgeschlossen werden. Das Wort stammt aus dem Griechischen und
geht zurück auf ein seltsames Ritual im alten Athen. Einmal im Jahr stimmten dort die
Bürger darüber ab, ob sie ein „Scherbengericht“ abhalten wollten, um sich etwaiger Stören-
15 friede zu entledigen. War die Mehrheit dafür, konnte jeder Stimmberechtigte den Namen
eines unangenehmen Mitbürgers in eine Tonscherbe (ostrakon) ritzen. Wer eine bestimmte
Anzahl von Stimmen erhielt, wurde für zehn Jahre in die Verbannung geschickt. Kein be-
sonders freundlicher Brauch.
Ein Spiel namens Cyberball
20 Was passiert mit uns, wenn andere uns die kalte Schulter zeigen? Um das zu untersu-
chen, verlegte Kip Williams sein Frisbeerlebnis ins Labor. Er programmierte ein Compu-
terspiel namens „Cyberball“. Drei Computerfiguren werfen sich dabei einen virtuellen Ball
zu, eine der Figuren wird von der Versuchsperson gesteuert. Bei der Hälfte der Probanden
geht dieses mäßig aufregende Spiel ohne Störung seinen Gang. Doch der anderen Hälfte
25 widerfährt genau das, was Kip Williams im Park erlebte: Man bekommt schon bald keinen
einzigen Ball mehr zugeworfen – die beiden anderen Figuren tun so, als sei man überhaupt
nicht da. Nach zwei bis drei Minuten beendet der Versuchsleiter das grausame Treiben und
stellt den unglücklichen Probanden eine einfache Frage: „Wie haben Sie sich gefühlt?“ Die
erste Reaktion ist immer dieselbe – unabhängig von der Persönlichkeit der Probanden: Man
30 fühlt sich extrem traurig und zugleich extrem wütend.
„Offenbar ruft Ostrazismus in uns eine sehr, sehr elementare Reaktion hervor“, folgert
Williams. Er hält die Wut-und-Trauer-Reaktion, die er tausendfach im Labor hat messen
können, für eine Art biologisches Frühwarnsystem, eine archaische 1 und ziemlich laute
innere Warnsirene. Sie signalisiert Lebensgefahr: Bei unseren Jäger-und-Sammler-Vor-
35 fahren kam der Ausschluss aus dem schützenden Clan einem Todesurteil gleich. Noch im
antiken Rom galt die Verbannung im Vergleich zur Todesstrafe als das härtere Los.
„Ostrazismus bedroht eine Reihe ganz fundamentaler menschlicher Bedürfnisse“, erklärt
Kip Williams. Zum einen das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, das im Herdentier Mensch
ähnlich tief verankert ist wie das Bedürfnis nach Nahrung und Schlaf. Aber auch das Be-
40 dürfnis nach Kontrolle wird massiv verletzt, also der Wunsch, das eigene Schicksal selbst
in der Hand zu haben.
Was tun wir, um diese Bedrohungen abzuwenden? Wie verändert sich unser Verhalten?
Wir werden mit einem Schlag extrem aufmerksam für die subtilsten sozialen Signale: Ob
ein Lächeln echt oder nur gespielt ist, erkennen wir jetzt deutlich besser als sonst. Wir imi-
45 tieren verstärkt die Körpersprache der Menschen, die uns umgeben. All das geschieht, weil
wir wieder Teil der Gruppe werden wollen – mit allen Mitteln. [...]
Die Folgen: Von Sekten bis Amoklauf
„Ostrazismus“, schreibt Kip Williams, „kann ein derart starkes Verlangen in uns wecken,
dazuzugehören und von irgendwem gemocht zu werden, dass unsere Fähigkeit schwindet,
50 zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Das geht sogar so weit, dass wir uns von so
ziemlich jeder Gruppe angezogen fühlen, die bereit ist, uns aufzunehmen – sogar von
Sekten und Extremisten.“ [...]
Doch was geschieht, wenn all diese Bemühungen scheitern? Wenn man trotz seines
Wohlverhaltens noch immer keine Beachtung findet? Man reagiert nach dem Motto: „Und
55 willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein.“
Man hilft nicht mehr, wenn anderen aus Versehen ein paar Bleistifte herunterfallen. Man
meldet sich nicht mehr freiwillig für ehrenamtliche Aufgaben und spendet weniger Geld für
mildtätige Zwecke. Und man wird aggressiv. Kip Williams gab einigen seiner Probanden
die Chance, sich für die Zurückweisung zu rächen. Zum Beispiel mit einer extrem scharfen
60 Soße. Der Forscher hatte sie zu Hause persönlich zubereitet – schon ein einziger Tropfen
davon führte zu Schweißausbrüchen.
Die Rache fiel deutlicher aus als erwartet. Wer zuvor Ostrazismus erlebt hatte, servierte
den anderen Probanden die fünffache Menge dieser Höllenbrühe. Bemerkenswert: Das
blindwütige Rachegefühl der Probanden richtete sich gegen Unschuldige, gegen Personen,
65 die mit der zuvor erlebten Kränkung überhaupt nichts zu tun hatten. Als der Sozialpsycho-
loge Mark Leary eine Serie von Amokläufen an Schulen untersuchte, fand er heraus: 87
Prozent aller Täter waren zuvor Opfer von wiederholtem Ostrazismus geworden. [...]
Doch Konformismus und Aggression sind noch nicht alles: Wer ausgegrenzt wird,
scheint unmittelbar danach auch große Probleme zu haben, sich zu beherrschen – unsere
70 Fähigkeit zur „Selbstregulation“ schwindet. Stellt man eine Schüssel mit Keksen vor die
Versuchspersonen, futtern zuvor ausgegrenzte Probanden fast doppelt so viel wie ihre
Kollegen aus der Kontrollgruppe. Sie geben auch deutlich früher auf, wenn es darum geht,
ein Rätsel zu knacken. Auch schneiden ausgegrenzte Probanden in IQ-Tests auf einmal
deutlich schlechter ab, besonders bei Übungen, die ein gewisses Maß an Konzentration und
75 Disziplin erfordern. „Ausgrenzung hat auf die Intelligenz eine ähnliche Wirkung, als
hätte uns jemand einen Backstein auf den Kopf gehauen“, sagt der Sozialpsychologe
Roy Baumeister.
1 frühzeitlich
1. Arbeiten Sie aus dem Text heraus, was unter Ostrazismus zu verstehen ist, wie die Ausgeschlossenen reagieren und welche Erklärungsansätze für diese Reaktionen genannt werden, und weisen Sie nach, dass sich einige dieser Erklärungsansätze dem psychobiologischen Paradigma zuordnen lassen. (22 Punkte)
Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 2 · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen
Für mich bist du Luft!
Wie reagieren wir, wenn andere uns ignorieren? Die Ergebnisse von sozialpsychologischen Studien sind alarmierend.
[...] Kip geht im Park spazieren. Ein verirrter Frisbee trifft ihn am Rücken. Kip hebt ihn
auf und wirft ihn zurück zu den beiden jungen Männern, denen die Scheibe gehört. Zu seiner
Überraschung kommt der Frisbee sofort zu ihm zurückgeflogen, Kip wird von einem unbe-
teiligten Spaziergänger zum Mitspieler. Doch nach drei oder vier Würfen ist der Spaß
5 schon wieder vorbei: Die beiden anderen spielen nur für sich und beachten Kip nicht mehr.
Der lässt die Schultern hängen und fühlt sich erbärmlich. Aber warum eigentlich? Weshalb
tut es so weh, von einem Moment auf den nächsten komplett ignoriert zu werden?
Heute gehört Kip Williams zu den angesehensten Sozialpsychologen der Welt. Seine
Karriere verdankt er nicht zuletzt der Episode im Park. „Auf dem Nachhauseweg“, sagt er,
10 „wurde mir klar: Ich hatte eine Methode gefunden, Ostrazismus im Labor zu untersuchen.“
Ostrazismus? Damit bezeichnen Psychologen eine Situation, in der Menschen von anderen
nicht beachtet oder ausgeschlossen werden. Das Wort stammt aus dem Griechischen und
geht zurück auf ein seltsames Ritual im alten Athen. Einmal im Jahr stimmten dort die
Bürger darüber ab, ob sie ein „Scherbengericht“ abhalten wollten, um sich etwaiger Stören-
15 friede zu entledigen. War die Mehrheit dafür, konnte jeder Stimmberechtigte den Namen
eines unangenehmen Mitbürgers in eine Tonscherbe (ostrakon) ritzen. Wer eine bestimmte
Anzahl von Stimmen erhielt, wurde für zehn Jahre in die Verbannung geschickt. Kein be-
sonders freundlicher Brauch.
Ein Spiel namens Cyberball
20 Was passiert mit uns, wenn andere uns die kalte Schulter zeigen? Um das zu untersu-
chen, verlegte Kip Williams sein Frisbeerlebnis ins Labor. Er programmierte ein Compu-
terspiel namens „Cyberball“. Drei Computerfiguren werfen sich dabei einen virtuellen Ball
zu, eine der Figuren wird von der Versuchsperson gesteuert. Bei der Hälfte der Probanden
geht dieses mäßig aufregende Spiel ohne Störung seinen Gang. Doch der anderen Hälfte
25 widerfährt genau das, was Kip Williams im Park erlebte: Man bekommt schon bald keinen
einzigen Ball mehr zugeworfen – die beiden anderen Figuren tun so, als sei man überhaupt
nicht da. Nach zwei bis drei Minuten beendet der Versuchsleiter das grausame Treiben und
stellt den unglücklichen Probanden eine einfache Frage: „Wie haben Sie sich gefühlt?“ Die
erste Reaktion ist immer dieselbe – unabhängig von der Persönlichkeit der Probanden: Man
30 fühlt sich extrem traurig und zugleich extrem wütend.
„Offenbar ruft Ostrazismus in uns eine sehr, sehr elementare Reaktion hervor“, folgert
Williams. Er hält die Wut-und-Trauer-Reaktion, die er tausendfach im Labor hat messen
können, für eine Art biologisches Frühwarnsystem, eine archaische 1 und ziemlich laute
innere Warnsirene. Sie signalisiert Lebensgefahr: Bei unseren Jäger-und-Sammler-Vor-
35 fahren kam der Ausschluss aus dem schützenden Clan einem Todesurteil gleich. Noch im
antiken Rom galt die Verbannung im Vergleich zur Todesstrafe als das härtere Los.
„Ostrazismus bedroht eine Reihe ganz fundamentaler menschlicher Bedürfnisse“, erklärt
Kip Williams. Zum einen das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, das im Herdentier Mensch
ähnlich tief verankert ist wie das Bedürfnis nach Nahrung und Schlaf. Aber auch das Be-
40 dürfnis nach Kontrolle wird massiv verletzt, also der Wunsch, das eigene Schicksal selbst
in der Hand zu haben.
Was tun wir, um diese Bedrohungen abzuwenden? Wie verändert sich unser Verhalten?
Wir werden mit einem Schlag extrem aufmerksam für die subtilsten sozialen Signale: Ob
ein Lächeln echt oder nur gespielt ist, erkennen wir jetzt deutlich besser als sonst. Wir imi-
45 tieren verstärkt die Körpersprache der Menschen, die uns umgeben. All das geschieht, weil
wir wieder Teil der Gruppe werden wollen – mit allen Mitteln. [...]
Die Folgen: Von Sekten bis Amoklauf
„Ostrazismus“, schreibt Kip Williams, „kann ein derart starkes Verlangen in uns wecken,
dazuzugehören und von irgendwem gemocht zu werden, dass unsere Fähigkeit schwindet,
50 zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Das geht sogar so weit, dass wir uns von so
ziemlich jeder Gruppe angezogen fühlen, die bereit ist, uns aufzunehmen – sogar von
Sekten und Extremisten.“ [...]
Doch was geschieht, wenn all diese Bemühungen scheitern? Wenn man trotz seines
Wohlverhaltens noch immer keine Beachtung findet? Man reagiert nach dem Motto: „Und
55 willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein.“
Man hilft nicht mehr, wenn anderen aus Versehen ein paar Bleistifte herunterfallen. Man
meldet sich nicht mehr freiwillig für ehrenamtliche Aufgaben und spendet weniger Geld für
mildtätige Zwecke. Und man wird aggressiv. Kip Williams gab einigen seiner Probanden
die Chance, sich für die Zurückweisung zu rächen. Zum Beispiel mit einer extrem scharfen
60 Soße. Der Forscher hatte sie zu Hause persönlich zubereitet – schon ein einziger Tropfen
davon führte zu Schweißausbrüchen.
Die Rache fiel deutlicher aus als erwartet. Wer zuvor Ostrazismus erlebt hatte, servierte
den anderen Probanden die fünffache Menge dieser Höllenbrühe. Bemerkenswert: Das
blindwütige Rachegefühl der Probanden richtete sich gegen Unschuldige, gegen Personen,
65 die mit der zuvor erlebten Kränkung überhaupt nichts zu tun hatten. Als der Sozialpsycho-
loge Mark Leary eine Serie von Amokläufen an Schulen untersuchte, fand er heraus: 87
Prozent aller Täter waren zuvor Opfer von wiederholtem Ostrazismus geworden. [...]
Doch Konformismus und Aggression sind noch nicht alles: Wer ausgegrenzt wird,
scheint unmittelbar danach auch große Probleme zu haben, sich zu beherrschen – unsere
70 Fähigkeit zur „Selbstregulation“ schwindet. Stellt man eine Schüssel mit Keksen vor die
Versuchspersonen, futtern zuvor ausgegrenzte Probanden fast doppelt so viel wie ihre
Kollegen aus der Kontrollgruppe. Sie geben auch deutlich früher auf, wenn es darum geht,
ein Rätsel zu knacken. Auch schneiden ausgegrenzte Probanden in IQ-Tests auf einmal
deutlich schlechter ab, besonders bei Übungen, die ein gewisses Maß an Konzentration und
75 Disziplin erfordern. „Ausgrenzung hat auf die Intelligenz eine ähnliche Wirkung, als
hätte uns jemand einen Backstein auf den Kopf gehauen“, sagt der Sozialpsychologe
Roy Baumeister.
1 frühzeitlich
2. Erklären Sie das Verhalten der Ausgeschlossenen zum einen anhand der Theorie des reziproken Altruismus und zum anderen anhand des ganzheitlich-humanistischen Persönlichkeitsmodells nach Rogers, und erörtern Sie anschließend, welcher der beiden Erklärungsansätze den Vorzug verdient. (38 Punkte)
Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 3 · Sozialpsychologische Theorien anwenden
Für mich bist du Luft!
Wie reagieren wir, wenn andere uns ignorieren? Die Ergebnisse von sozialpsychologischen Studien sind alarmierend.
[...] Kip geht im Park spazieren. Ein verirrter Frisbee trifft ihn am Rücken. Kip hebt ihn
auf und wirft ihn zurück zu den beiden jungen Männern, denen die Scheibe gehört. Zu seiner
Überraschung kommt der Frisbee sofort zu ihm zurückgeflogen, Kip wird von einem unbe-
teiligten Spaziergänger zum Mitspieler. Doch nach drei oder vier Würfen ist der Spaß
5 schon wieder vorbei: Die beiden anderen spielen nur für sich und beachten Kip nicht mehr.
Der lässt die Schultern hängen und fühlt sich erbärmlich. Aber warum eigentlich? Weshalb
tut es so weh, von einem Moment auf den nächsten komplett ignoriert zu werden?
Heute gehört Kip Williams zu den angesehensten Sozialpsychologen der Welt. Seine
Karriere verdankt er nicht zuletzt der Episode im Park. „Auf dem Nachhauseweg“, sagt er,
10 „wurde mir klar: Ich hatte eine Methode gefunden, Ostrazismus im Labor zu untersuchen.“
Ostrazismus? Damit bezeichnen Psychologen eine Situation, in der Menschen von anderen
nicht beachtet oder ausgeschlossen werden. Das Wort stammt aus dem Griechischen und
geht zurück auf ein seltsames Ritual im alten Athen. Einmal im Jahr stimmten dort die
Bürger darüber ab, ob sie ein „Scherbengericht“ abhalten wollten, um sich etwaiger Stören-
15 friede zu entledigen. War die Mehrheit dafür, konnte jeder Stimmberechtigte den Namen
eines unangenehmen Mitbürgers in eine Tonscherbe (ostrakon) ritzen. Wer eine bestimmte
Anzahl von Stimmen erhielt, wurde für zehn Jahre in die Verbannung geschickt. Kein be-
sonders freundlicher Brauch.
Ein Spiel namens Cyberball
20 Was passiert mit uns, wenn andere uns die kalte Schulter zeigen? Um das zu untersu-
chen, verlegte Kip Williams sein Frisbeerlebnis ins Labor. Er programmierte ein Compu-
terspiel namens „Cyberball“. Drei Computerfiguren werfen sich dabei einen virtuellen Ball
zu, eine der Figuren wird von der Versuchsperson gesteuert. Bei der Hälfte der Probanden
geht dieses mäßig aufregende Spiel ohne Störung seinen Gang. Doch der anderen Hälfte
25 widerfährt genau das, was Kip Williams im Park erlebte: Man bekommt schon bald keinen
einzigen Ball mehr zugeworfen – die beiden anderen Figuren tun so, als sei man überhaupt
nicht da. Nach zwei bis drei Minuten beendet der Versuchsleiter das grausame Treiben und
stellt den unglücklichen Probanden eine einfache Frage: „Wie haben Sie sich gefühlt?“ Die
erste Reaktion ist immer dieselbe – unabhängig von der Persönlichkeit der Probanden: Man
30 fühlt sich extrem traurig und zugleich extrem wütend.
„Offenbar ruft Ostrazismus in uns eine sehr, sehr elementare Reaktion hervor“, folgert
Williams. Er hält die Wut-und-Trauer-Reaktion, die er tausendfach im Labor hat messen
können, für eine Art biologisches Frühwarnsystem, eine archaische 1 und ziemlich laute
innere Warnsirene. Sie signalisiert Lebensgefahr: Bei unseren Jäger-und-Sammler-Vor-
35 fahren kam der Ausschluss aus dem schützenden Clan einem Todesurteil gleich. Noch im
antiken Rom galt die Verbannung im Vergleich zur Todesstrafe als das härtere Los.
„Ostrazismus bedroht eine Reihe ganz fundamentaler menschlicher Bedürfnisse“, erklärt
Kip Williams. Zum einen das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, das im Herdentier Mensch
ähnlich tief verankert ist wie das Bedürfnis nach Nahrung und Schlaf. Aber auch das Be-
40 dürfnis nach Kontrolle wird massiv verletzt, also der Wunsch, das eigene Schicksal selbst
in der Hand zu haben.
Was tun wir, um diese Bedrohungen abzuwenden? Wie verändert sich unser Verhalten?
Wir werden mit einem Schlag extrem aufmerksam für die subtilsten sozialen Signale: Ob
ein Lächeln echt oder nur gespielt ist, erkennen wir jetzt deutlich besser als sonst. Wir imi-
45 tieren verstärkt die Körpersprache der Menschen, die uns umgeben. All das geschieht, weil
wir wieder Teil der Gruppe werden wollen – mit allen Mitteln. [...]
Die Folgen: Von Sekten bis Amoklauf
„Ostrazismus“, schreibt Kip Williams, „kann ein derart starkes Verlangen in uns wecken,
dazuzugehören und von irgendwem gemocht zu werden, dass unsere Fähigkeit schwindet,
50 zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Das geht sogar so weit, dass wir uns von so
ziemlich jeder Gruppe angezogen fühlen, die bereit ist, uns aufzunehmen – sogar von
Sekten und Extremisten.“ [...]
Doch was geschieht, wenn all diese Bemühungen scheitern? Wenn man trotz seines
Wohlverhaltens noch immer keine Beachtung findet? Man reagiert nach dem Motto: „Und
55 willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein.“
Man hilft nicht mehr, wenn anderen aus Versehen ein paar Bleistifte herunterfallen. Man
meldet sich nicht mehr freiwillig für ehrenamtliche Aufgaben und spendet weniger Geld für
mildtätige Zwecke. Und man wird aggressiv. Kip Williams gab einigen seiner Probanden
die Chance, sich für die Zurückweisung zu rächen. Zum Beispiel mit einer extrem scharfen
60 Soße. Der Forscher hatte sie zu Hause persönlich zubereitet – schon ein einziger Tropfen
davon führte zu Schweißausbrüchen.
Die Rache fiel deutlicher aus als erwartet. Wer zuvor Ostrazismus erlebt hatte, servierte
den anderen Probanden die fünffache Menge dieser Höllenbrühe. Bemerkenswert: Das
blindwütige Rachegefühl der Probanden richtete sich gegen Unschuldige, gegen Personen,
65 die mit der zuvor erlebten Kränkung überhaupt nichts zu tun hatten. Als der Sozialpsycho-
loge Mark Leary eine Serie von Amokläufen an Schulen untersuchte, fand er heraus: 87
Prozent aller Täter waren zuvor Opfer von wiederholtem Ostrazismus geworden. [...]
Doch Konformismus und Aggression sind noch nicht alles: Wer ausgegrenzt wird,
scheint unmittelbar danach auch große Probleme zu haben, sich zu beherrschen – unsere
70 Fähigkeit zur „Selbstregulation“ schwindet. Stellt man eine Schüssel mit Keksen vor die
Versuchspersonen, futtern zuvor ausgegrenzte Probanden fast doppelt so viel wie ihre
Kollegen aus der Kontrollgruppe. Sie geben auch deutlich früher auf, wenn es darum geht,
ein Rätsel zu knacken. Auch schneiden ausgegrenzte Probanden in IQ-Tests auf einmal
deutlich schlechter ab, besonders bei Übungen, die ein gewisses Maß an Konzentration und
75 Disziplin erfordern. „Ausgrenzung hat auf die Intelligenz eine ähnliche Wirkung, als
hätte uns jemand einen Backstein auf den Kopf gehauen“, sagt der Sozialpsychologe
Roy Baumeister.
1 frühzeitlich
3. Prüfen Sie unter Heranziehung des Drei-Komponenten-Modells der Einstellung, ob man Ostrazismus im schulischen Umfeld wirksam verhindern kann. (20 Punkte)
Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 1 · Sozialpsychologische Theorien anwenden
Die Macht des Selbstbildes – Ich über mich
Das Selbstbild prägt uns: Wie wir uns sehen beeinflusst Handlungsspielräume, Selbstvertrauen und Beziehungen
[...] Wie siehst du dich? Jahrelang hätte Jana Kuhnke auf diese Frage nur vage Antworten geben können. In der Zeit ihres Studiums erlebte sich die heute 42-Jährige als arrogant und distanziert, durcheinander und suchend, nur in Freundschaften kommunikativ und zugewandt – ansonsten ziemlich belastet durch chronische Bauchschmerzen. Erst als die Sozialarbeiterin 5 wegen eben dieser Schmerzen mit Mitte zwanzig eine Psychotherapie begann, fing sie an, sich zu fragen, was für ein Mensch sie ist und wie ihr bisheriges Selbstbild überhaupt zustande gekommen war. Sie stellte fest, dass sich hinter ihrer Arroganz viel Angst vor dem Versagen verbarg und hinter den Bauchschmerzen ein Gefühl von Einsamkeit. In dieser Phase der Selbsterkenntnis änderte sich ihr Bild von sich selbst, es nahm 10 Konturen an und wurde zugleich positiver. Jana Kuhnke, die in Wirklichkeit anders heißt, erkannte auch, dass sie ihre kommunikative Art nicht nur in Freundschaften, sondern in vielen Situationen nutzen konnte. Das machte sie stärker. Als arrogant würde sie sich heute auch nicht mehr beschreiben, eher als leicht zu verunsichern. „Ich weiß mittlerweile genauer, wie ich ticke und wie das Bild, das ich mir von mir mache, mein Leben beeinflusst", sagt 15 sie. „Meine Selbstsicht hat sich allein dadurch verändert, dass ich mich eine Weile ernsthaft damit beschäftigt habe."
[...]
Es ist sinnvoll, sich das Selbstbild – also per Definition das Bild, das wir uns von uns selbst machen – bewusst und genau anzuschauen, das gilt heute als Konsens in der Psychologie und Psychotherapie. „Der erste Schritt ist, sich klarzumachen, dass dieses Bild eine Momentaufnahme 20 und äußerst subjektiv ist", sagt Thorsten Padberg, Verhaltenstherapeut aus Berlin, der sich in Fachartikeln immer wieder mit Themen rund um Selbsterkenntnis und Selbstsicht beschäftigt. Die Art, wie wir uns sehen und einschätzen, die Eigenschaften, die wir uns zuordnen, und die Fähigkeiten, die wir uns bescheinigen, sind nicht unbedingt richtig, korrekt oder wahr. Es ist eher wie bei einem Selbstporträt, das ein Künstler von sich zeichnet, 25 das ja auch nicht unbedingt einem Foto entspricht. Dennoch ist das Selbstbild sehr mächtig – eine Art Schaltzentrale der persönlichen Entwicklung. „Wie man sich selbst sieht, bestimmt auch, was man sich zutraut und wie man sich beurteilt", sagt Padberg. [...]
Dabei ist es laut Padberg eine Chance, wenn man erkennt, dass das Selbstbild eine Konstruktion ist, die zwar durch Erfahrungen, Gefühle, Gedanken und Erinnerungen gespeist 30 und beeinflusst wird – aber durchaus veränderbar ist.
Denn ob man das Selbstbild als starr oder als wandelbar ansieht, hat weitreichende Folgen: Psychologieprofessorin Carol Dweck von der Stanford University hat in zahlreichen Studien belegen können, dass Menschen sich sehr darin unterscheiden, ob sie ein starres Selbstbild haben und beispielsweise von sich denken: „Ich bin stur, hübsch, mittelintelligent – und daran 35 ist auch nichts zu ändern", oder ob sie ein dynamisches Selbstbild haben und sich denken, dass sie ihre Marotten, Einstellungen und Fähigkeiten zum Teil verändern und auch verbessern können. In ihren Beobachtungs- und Befragungsstudien fand Dweck heraus, dass Menschen mit einem dynamischen Selbstbild günstigere Voraussetzungen haben, Neues zu lernen, sich weiterzuentwickeln und mit Krisen und Veränderungen zurechtzukommen. In 40 einer Metastudie zu Forschungen rund um die Lernfähigkeit von Schülern zeigte sich etwa, dass solche, die davon ausgingen, dass sie ihre Leistung, ihr Verhalten und sogar ihre Intelligenz verändern könnten, mit herausfordernden Situationen wie Schulwechseln oder schwierigen Mathematikkursen konstruktiver umgehen konnten und sich weniger gestresst fühlten als Schüler, die ein starres Selbstbild hatten. [...] 45
Dwecks Untersuchungen legen auch nahe, dass ein starres Selbstbild dazu führt, dass Menschen kränkbarer sind und sich eher entmutigen lassen. Sie werten schlechte Leistungen und Rückmeldungen stärker als Angriff auf ihre Persönlichkeit und nicht als Folge einer schwierigen Situation, die man verändern kann. Diese Zusammenhänge wurden in Gruppen mit Studierenden, mit Arbeitnehmern und bei Grund- und Vorschulkindern gefunden. Alle, 50 die ein dynamisches Selbstbild hatten, glaubten daran, dass es sich lohnt, sich anzustrengen. Sie fragten sich nur selten „Kann ich das?", sondern viel häufiger: „Was muss ich tun, um das zu können?" Wer ein dynamisches Bild von sich entwickelt, ist also motivierter zu handeln, statt sich im So-bin-ich-eben-Modus zu hemmen. Allerdings ist auch die Unterscheidung von „starrem" versus „dynamischem" Selbstbild nicht in Stein gemeißelt. Dweck hat 55 ebenfalls herausgefunden, dass Menschen ein dynamisches Selbstbild und damit mehr Handlungsorientierung erlernen können. Das ist eine Chance für alle, die bisher noch ein starres Bild von sich haben.
[...] Die Art, wie wir uns selbst sehen, beeinflusst also nicht nur unser Verhalten – sondern unser konkretes Verhalten wirkt auch umgekehrt auf unser Selbstbild zurück. Jana Kuhnke 60 hat erlebt, wie sehr sich das Selbstbild erweitert, wenn man im Alltag neue Erfahrungen macht. Sie wurde von ihrem Therapeuten ermuntert, ihre kommunikative Art nicht nur bei Freunden zu zeigen, sondern sie auf andere Lebensbereiche auszudehnen. Obwohl sie zunächst skeptisch war und dachte: „Aber ich bin doch eher distanziert!", gelang es ihr nach einiger Zeit, mit fremden Menschen offener in Kontakt zu treten. Heute weiß sie nicht nur, 65 dass sie sich auf ihre sozialen Fähigkeiten verlassen kann, sondern auch, dass es ihr möglich ist, sich entscheidend zu verändern. „Auch deshalb bin ich jetzt selbstbewusster als früher", sagt Jana Kuhnke. [...]
Selbstwert und Selbstbild sind ohnehin eng verzahnt. „Sobald es nicht nur um die reine Wahrnehmung geht, sondern man Bewertungen sich selbst gegenüber vornimmt, kommt 70 man in den Bereich der Selbstwertschätzung", sagt Astrid Schütz, Professorin für Persönlichkeitspsychologie und psychologische Diagnostik von der Universität Bamberg. Eine der grundlegenden Erkenntnisse in dieser Forschungsrichtung: Wie wir uns selbst subjektiv beurteilen, wie wir unsere Fähigkeiten sehen, steuert den Selbstwert weitaus stärker als objektive Leistungen oder Fähigkeiten. Schätzt jemand beispielsweise seine Fähigkeiten in 75 Sachen Kommunikation höher ein, als sie wirklich sind, wird er sich besser fühlen als eine Person wie Jana Kuhnke, die zwar sozial kompetent und eloquent ist, das aber lange nicht erkannt hat. Ob es einem gelingt, das eigene Selbstporträt eher vorteilhaft zu zeichnen oder extra hart und gnadenlos auszuleuchten, scheint auch vom Persönlichkeitsstil abzuhängen. Menschen, die eher depressive Persönlichkeitsanteile haben, sehen sich selbst oft hart und 80 nüchtern, beschönigen nichts. Menschen, die eher narzisstisch 1 sind, zeichnen von sich schmeichelhafte Heldenporträts. [...]
Doch was hilft, um in den mittleren Bereich zu kommen, in dem die Zweifler ein positives Selbstbild stabilisieren lernen und die Selbstüberschätzer ein bisschen zurückrudern? „Hier kommen soziale Kontakte und die Rückmeldungen anderer Menschen ins Spiel", sagt Astrid 85 Schütz. Auch wenn wir das Selbstbild oft als Privatsache empfinden, so leben wir doch nicht isoliert, sondern in sozialen Beziehungen, die uns so stark prägen, dass sie einen Teil unserer Identität ausmachen.
Ganz praktisch heißt das: Es ergibt Sinn, andere in den Prozess der Selbstdefinition miteinzubeziehen und Resonanz, Kontakt und Rückmeldungen zu suchen. Thorsten Padberg erlebt 90 in seiner Praxis zum Beispiel oft Menschen, die von sich sagen: „Mich mag keiner, außer meiner Mutter." Oder: „Ich bin eh unfähig." Wenn Patienten solche Überzeugungen äußern, rät der Therapeut ihnen zu Umfragen im Bekanntenkreis: Was halten Kollegen, Freunde und Bekannte wirklich von einem? Sehr oft kommen überwiegend positive Resonanzen, die stabilisierend wirken, wenn es den Kollegen gelingt, sie anzunehmen. [...] 95
Doch die Selbsterkenntnis aus sozialer Rückmeldung, das Lernen aus Erfahrungen und im eigenen Tun haben einen Haken: Sie können nur die Teile des Selbstbildes erfassen, die einem bewusst sind. Die Kognitions- und Emotionsforscher gehen aber heute ebenso wie viele Psychotherapeuten davon aus, dass Teile des Selbstbildes auch unbewusst oder halbbewusst sind. Das hat natürlich damit zu tun, dass ein Großteil unseres Bildes von uns selbst in der 100 Kindheit entsteht, wo uns erste Bezugspersonen wie Eltern und Geschwister stark prägen und uns Bilder von uns anbieten und zum Teil auch aufdrängen, die wir übernehmen – und nicht gut hinterfragen können. Wir haben also, was unser Selbstbild angeht, ziemlich großflächige blinde Flecken. Studien zeigen beispielsweise, dass man zwischen einerseits expliziten (also bewussten) und andererseits impliziten (eher unbewussten) Selbstwertanteilen 105 unterscheiden kann.
[...] Das Forschen nach der Herkunft bestimmter Selbstbilder beschreibt auch Jana Kuhnke als einen zentralen Teil ihrer Entwicklung. Dass sie sich so lange für arrogant und distanziert gehalten hatte, stammte von einem Label, das ihre Eltern ihr gegeben hatten. In der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte hat sie verstanden, dass sie in der Kindheit 110 tatsächlich Ideen entwickelt hatte wie: „Ich muss stark sein, darf mich keinem anvertrauen. [...]"
1 selbstverliebt, eigensüchtig
1. Arbeiten Sie aus dem Text die Annahmen über das Selbstbild, die Folgen eines starren bzw. eines dynamischen Selbstbildes für das Individuum und die Maßnahmen zur Stabilisierung des Selbstbildes heraus. Erklären Sie anschließend die Folgen eines starren und eines dynamischen Selbstbildes mithilfe der Theorie der Kausalattribution. (26 Punkte)
Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 2 · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen
Die Macht des Selbstbildes – Ich über mich
Das Selbstbild prägt uns: Wie wir uns sehen beeinflusst Handlungsspielräume, Selbstvertrauen und Beziehungen
[...] Wie siehst du dich? Jahrelang hätte Jana Kuhnke auf diese Frage nur vage Antworten geben können. In der Zeit ihres Studiums erlebte sich die heute 42-Jährige als arrogant und distanziert, durcheinander und suchend, nur in Freundschaften kommunikativ und zugewandt – ansonsten ziemlich belastet durch chronische Bauchschmerzen. Erst als die Sozialarbeiterin 5 wegen eben dieser Schmerzen mit Mitte zwanzig eine Psychotherapie begann, fing sie an, sich zu fragen, was für ein Mensch sie ist und wie ihr bisheriges Selbstbild überhaupt zustande gekommen war. Sie stellte fest, dass sich hinter ihrer Arroganz viel Angst vor dem Versagen verbarg und hinter den Bauchschmerzen ein Gefühl von Einsamkeit. In dieser Phase der Selbsterkenntnis änderte sich ihr Bild von sich selbst, es nahm 10 Konturen an und wurde zugleich positiver. Jana Kuhnke, die in Wirklichkeit anders heißt, erkannte auch, dass sie ihre kommunikative Art nicht nur in Freundschaften, sondern in vielen Situationen nutzen konnte. Das machte sie stärker. Als arrogant würde sie sich heute auch nicht mehr beschreiben, eher als leicht zu verunsichern. „Ich weiß mittlerweile genauer, wie ich ticke und wie das Bild, das ich mir von mir mache, mein Leben beeinflusst", sagt 15 sie. „Meine Selbstsicht hat sich allein dadurch verändert, dass ich mich eine Weile ernsthaft damit beschäftigt habe."
[...]
Es ist sinnvoll, sich das Selbstbild – also per Definition das Bild, das wir uns von uns selbst machen – bewusst und genau anzuschauen, das gilt heute als Konsens in der Psychologie und Psychotherapie. „Der erste Schritt ist, sich klarzumachen, dass dieses Bild eine Momentaufnahme 20 und äußerst subjektiv ist", sagt Thorsten Padberg, Verhaltenstherapeut aus Berlin, der sich in Fachartikeln immer wieder mit Themen rund um Selbsterkenntnis und Selbstsicht beschäftigt. Die Art, wie wir uns sehen und einschätzen, die Eigenschaften, die wir uns zuordnen, und die Fähigkeiten, die wir uns bescheinigen, sind nicht unbedingt richtig, korrekt oder wahr. Es ist eher wie bei einem Selbstporträt, das ein Künstler von sich zeichnet, 25 das ja auch nicht unbedingt einem Foto entspricht. Dennoch ist das Selbstbild sehr mächtig – eine Art Schaltzentrale der persönlichen Entwicklung. „Wie man sich selbst sieht, bestimmt auch, was man sich zutraut und wie man sich beurteilt", sagt Padberg. [...]
Dabei ist es laut Padberg eine Chance, wenn man erkennt, dass das Selbstbild eine Konstruktion ist, die zwar durch Erfahrungen, Gefühle, Gedanken und Erinnerungen gespeist 30 und beeinflusst wird – aber durchaus veränderbar ist.
Denn ob man das Selbstbild als starr oder als wandelbar ansieht, hat weitreichende Folgen: Psychologieprofessorin Carol Dweck von der Stanford University hat in zahlreichen Studien belegen können, dass Menschen sich sehr darin unterscheiden, ob sie ein starres Selbstbild haben und beispielsweise von sich denken: „Ich bin stur, hübsch, mittelintelligent – und daran 35 ist auch nichts zu ändern", oder ob sie ein dynamisches Selbstbild haben und sich denken, dass sie ihre Marotten, Einstellungen und Fähigkeiten zum Teil verändern und auch verbessern können. In ihren Beobachtungs- und Befragungsstudien fand Dweck heraus, dass Menschen mit einem dynamischen Selbstbild günstigere Voraussetzungen haben, Neues zu lernen, sich weiterzuentwickeln und mit Krisen und Veränderungen zurechtzukommen. In 40 einer Metastudie zu Forschungen rund um die Lernfähigkeit von Schülern zeigte sich etwa, dass solche, die davon ausgingen, dass sie ihre Leistung, ihr Verhalten und sogar ihre Intelligenz verändern könnten, mit herausfordernden Situationen wie Schulwechseln oder schwierigen Mathematikkursen konstruktiver umgehen konnten und sich weniger gestresst fühlten als Schüler, die ein starres Selbstbild hatten. [...] 45
Dwecks Untersuchungen legen auch nahe, dass ein starres Selbstbild dazu führt, dass Menschen kränkbarer sind und sich eher entmutigen lassen. Sie werten schlechte Leistungen und Rückmeldungen stärker als Angriff auf ihre Persönlichkeit und nicht als Folge einer schwierigen Situation, die man verändern kann. Diese Zusammenhänge wurden in Gruppen mit Studierenden, mit Arbeitnehmern und bei Grund- und Vorschulkindern gefunden. Alle, 50 die ein dynamisches Selbstbild hatten, glaubten daran, dass es sich lohnt, sich anzustrengen. Sie fragten sich nur selten „Kann ich das?", sondern viel häufiger: „Was muss ich tun, um das zu können?" Wer ein dynamisches Bild von sich entwickelt, ist also motivierter zu handeln, statt sich im So-bin-ich-eben-Modus zu hemmen. Allerdings ist auch die Unterscheidung von „starrem" versus „dynamischem" Selbstbild nicht in Stein gemeißelt. Dweck hat 55 ebenfalls herausgefunden, dass Menschen ein dynamisches Selbstbild und damit mehr Handlungsorientierung erlernen können. Das ist eine Chance für alle, die bisher noch ein starres Bild von sich haben.
[...] Die Art, wie wir uns selbst sehen, beeinflusst also nicht nur unser Verhalten – sondern unser konkretes Verhalten wirkt auch umgekehrt auf unser Selbstbild zurück. Jana Kuhnke 60 hat erlebt, wie sehr sich das Selbstbild erweitert, wenn man im Alltag neue Erfahrungen macht. Sie wurde von ihrem Therapeuten ermuntert, ihre kommunikative Art nicht nur bei Freunden zu zeigen, sondern sie auf andere Lebensbereiche auszudehnen. Obwohl sie zunächst skeptisch war und dachte: „Aber ich bin doch eher distanziert!", gelang es ihr nach einiger Zeit, mit fremden Menschen offener in Kontakt zu treten. Heute weiß sie nicht nur, 65 dass sie sich auf ihre sozialen Fähigkeiten verlassen kann, sondern auch, dass es ihr möglich ist, sich entscheidend zu verändern. „Auch deshalb bin ich jetzt selbstbewusster als früher", sagt Jana Kuhnke. [...]
Selbstwert und Selbstbild sind ohnehin eng verzahnt. „Sobald es nicht nur um die reine Wahrnehmung geht, sondern man Bewertungen sich selbst gegenüber vornimmt, kommt 70 man in den Bereich der Selbstwertschätzung", sagt Astrid Schütz, Professorin für Persönlichkeitspsychologie und psychologische Diagnostik von der Universität Bamberg. Eine der grundlegenden Erkenntnisse in dieser Forschungsrichtung: Wie wir uns selbst subjektiv beurteilen, wie wir unsere Fähigkeiten sehen, steuert den Selbstwert weitaus stärker als objektive Leistungen oder Fähigkeiten. Schätzt jemand beispielsweise seine Fähigkeiten in 75 Sachen Kommunikation höher ein, als sie wirklich sind, wird er sich besser fühlen als eine Person wie Jana Kuhnke, die zwar sozial kompetent und eloquent ist, das aber lange nicht erkannt hat. Ob es einem gelingt, das eigene Selbstporträt eher vorteilhaft zu zeichnen oder extra hart und gnadenlos auszuleuchten, scheint auch vom Persönlichkeitsstil abzuhängen. Menschen, die eher depressive Persönlichkeitsanteile haben, sehen sich selbst oft hart und 80 nüchtern, beschönigen nichts. Menschen, die eher narzisstisch 1 sind, zeichnen von sich schmeichelhafte Heldenporträts. [...]
Doch was hilft, um in den mittleren Bereich zu kommen, in dem die Zweifler ein positives Selbstbild stabilisieren lernen und die Selbstüberschätzer ein bisschen zurückrudern? „Hier kommen soziale Kontakte und die Rückmeldungen anderer Menschen ins Spiel", sagt Astrid 85 Schütz. Auch wenn wir das Selbstbild oft als Privatsache empfinden, so leben wir doch nicht isoliert, sondern in sozialen Beziehungen, die uns so stark prägen, dass sie einen Teil unserer Identität ausmachen.
Ganz praktisch heißt das: Es ergibt Sinn, andere in den Prozess der Selbstdefinition miteinzubeziehen und Resonanz, Kontakt und Rückmeldungen zu suchen. Thorsten Padberg erlebt 90 in seiner Praxis zum Beispiel oft Menschen, die von sich sagen: „Mich mag keiner, außer meiner Mutter." Oder: „Ich bin eh unfähig." Wenn Patienten solche Überzeugungen äußern, rät der Therapeut ihnen zu Umfragen im Bekanntenkreis: Was halten Kollegen, Freunde und Bekannte wirklich von einem? Sehr oft kommen überwiegend positive Resonanzen, die stabilisierend wirken, wenn es den Kollegen gelingt, sie anzunehmen. [...] 95
Doch die Selbsterkenntnis aus sozialer Rückmeldung, das Lernen aus Erfahrungen und im eigenen Tun haben einen Haken: Sie können nur die Teile des Selbstbildes erfassen, die einem bewusst sind. Die Kognitions- und Emotionsforscher gehen aber heute ebenso wie viele Psychotherapeuten davon aus, dass Teile des Selbstbildes auch unbewusst oder halbbewusst sind. Das hat natürlich damit zu tun, dass ein Großteil unseres Bildes von uns selbst in der 100 Kindheit entsteht, wo uns erste Bezugspersonen wie Eltern und Geschwister stark prägen und uns Bilder von uns anbieten und zum Teil auch aufdrängen, die wir übernehmen – und nicht gut hinterfragen können. Wir haben also, was unser Selbstbild angeht, ziemlich großflächige blinde Flecken. Studien zeigen beispielsweise, dass man zwischen einerseits expliziten (also bewussten) und andererseits impliziten (eher unbewussten) Selbstwertanteilen 105 unterscheiden kann.
[...] Das Forschen nach der Herkunft bestimmter Selbstbilder beschreibt auch Jana Kuhnke als einen zentralen Teil ihrer Entwicklung. Dass sie sich so lange für arrogant und distanziert gehalten hatte, stammte von einem Label, das ihre Eltern ihr gegeben hatten. In der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte hat sie verstanden, dass sie in der Kindheit 110 tatsächlich Ideen entwickelt hatte wie: „Ich muss stark sein, darf mich keinem anvertrauen. [...]"
1 selbstverliebt, eigensüchtig
2. Erklären Sie anhand des ganzheitlich-humanistischen Persönlichkeitsmodells von Rogers, welche Folgen ein starres bzw. ein dynamisches Selbstbild hat, und nehmen Sie zu dieser Erklärung aus kognitivistischer Perspektive Stellung, wobei Sie auch das zugehörige Persönlichkeitsmodell berücksichtigen. (28 Punkte)
Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 3 · Psychische Störungen und Psychotherapie
Die Macht des Selbstbildes – Ich über mich
Das Selbstbild prägt uns: Wie wir uns sehen beeinflusst Handlungsspielräume, Selbstvertrauen und Beziehungen
[...] Wie siehst du dich? Jahrelang hätte Jana Kuhnke auf diese Frage nur vage Antworten geben können. In der Zeit ihres Studiums erlebte sich die heute 42-Jährige als arrogant und distanziert, durcheinander und suchend, nur in Freundschaften kommunikativ und zugewandt – ansonsten ziemlich belastet durch chronische Bauchschmerzen. Erst als die Sozialarbeiterin 5 wegen eben dieser Schmerzen mit Mitte zwanzig eine Psychotherapie begann, fing sie an, sich zu fragen, was für ein Mensch sie ist und wie ihr bisheriges Selbstbild überhaupt zustande gekommen war. Sie stellte fest, dass sich hinter ihrer Arroganz viel Angst vor dem Versagen verbarg und hinter den Bauchschmerzen ein Gefühl von Einsamkeit. In dieser Phase der Selbsterkenntnis änderte sich ihr Bild von sich selbst, es nahm 10 Konturen an und wurde zugleich positiver. Jana Kuhnke, die in Wirklichkeit anders heißt, erkannte auch, dass sie ihre kommunikative Art nicht nur in Freundschaften, sondern in vielen Situationen nutzen konnte. Das machte sie stärker. Als arrogant würde sie sich heute auch nicht mehr beschreiben, eher als leicht zu verunsichern. „Ich weiß mittlerweile genauer, wie ich ticke und wie das Bild, das ich mir von mir mache, mein Leben beeinflusst", sagt 15 sie. „Meine Selbstsicht hat sich allein dadurch verändert, dass ich mich eine Weile ernsthaft damit beschäftigt habe."
[...]
Es ist sinnvoll, sich das Selbstbild – also per Definition das Bild, das wir uns von uns selbst machen – bewusst und genau anzuschauen, das gilt heute als Konsens in der Psychologie und Psychotherapie. „Der erste Schritt ist, sich klarzumachen, dass dieses Bild eine Momentaufnahme 20 und äußerst subjektiv ist", sagt Thorsten Padberg, Verhaltenstherapeut aus Berlin, der sich in Fachartikeln immer wieder mit Themen rund um Selbsterkenntnis und Selbstsicht beschäftigt. Die Art, wie wir uns sehen und einschätzen, die Eigenschaften, die wir uns zuordnen, und die Fähigkeiten, die wir uns bescheinigen, sind nicht unbedingt richtig, korrekt oder wahr. Es ist eher wie bei einem Selbstporträt, das ein Künstler von sich zeichnet, 25 das ja auch nicht unbedingt einem Foto entspricht. Dennoch ist das Selbstbild sehr mächtig – eine Art Schaltzentrale der persönlichen Entwicklung. „Wie man sich selbst sieht, bestimmt auch, was man sich zutraut und wie man sich beurteilt", sagt Padberg. [...]
Dabei ist es laut Padberg eine Chance, wenn man erkennt, dass das Selbstbild eine Konstruktion ist, die zwar durch Erfahrungen, Gefühle, Gedanken und Erinnerungen gespeist 30 und beeinflusst wird – aber durchaus veränderbar ist.
Denn ob man das Selbstbild als starr oder als wandelbar ansieht, hat weitreichende Folgen: Psychologieprofessorin Carol Dweck von der Stanford University hat in zahlreichen Studien belegen können, dass Menschen sich sehr darin unterscheiden, ob sie ein starres Selbstbild haben und beispielsweise von sich denken: „Ich bin stur, hübsch, mittelintelligent – und daran 35 ist auch nichts zu ändern", oder ob sie ein dynamisches Selbstbild haben und sich denken, dass sie ihre Marotten, Einstellungen und Fähigkeiten zum Teil verändern und auch verbessern können. In ihren Beobachtungs- und Befragungsstudien fand Dweck heraus, dass Menschen mit einem dynamischen Selbstbild günstigere Voraussetzungen haben, Neues zu lernen, sich weiterzuentwickeln und mit Krisen und Veränderungen zurechtzukommen. In 40 einer Metastudie zu Forschungen rund um die Lernfähigkeit von Schülern zeigte sich etwa, dass solche, die davon ausgingen, dass sie ihre Leistung, ihr Verhalten und sogar ihre Intelligenz verändern könnten, mit herausfordernden Situationen wie Schulwechseln oder schwierigen Mathematikkursen konstruktiver umgehen konnten und sich weniger gestresst fühlten als Schüler, die ein starres Selbstbild hatten. [...] 45
Dwecks Untersuchungen legen auch nahe, dass ein starres Selbstbild dazu führt, dass Menschen kränkbarer sind und sich eher entmutigen lassen. Sie werten schlechte Leistungen und Rückmeldungen stärker als Angriff auf ihre Persönlichkeit und nicht als Folge einer schwierigen Situation, die man verändern kann. Diese Zusammenhänge wurden in Gruppen mit Studierenden, mit Arbeitnehmern und bei Grund- und Vorschulkindern gefunden. Alle, 50 die ein dynamisches Selbstbild hatten, glaubten daran, dass es sich lohnt, sich anzustrengen. Sie fragten sich nur selten „Kann ich das?", sondern viel häufiger: „Was muss ich tun, um das zu können?" Wer ein dynamisches Bild von sich entwickelt, ist also motivierter zu handeln, statt sich im So-bin-ich-eben-Modus zu hemmen. Allerdings ist auch die Unterscheidung von „starrem" versus „dynamischem" Selbstbild nicht in Stein gemeißelt. Dweck hat 55 ebenfalls herausgefunden, dass Menschen ein dynamisches Selbstbild und damit mehr Handlungsorientierung erlernen können. Das ist eine Chance für alle, die bisher noch ein starres Bild von sich haben.
[...] Die Art, wie wir uns selbst sehen, beeinflusst also nicht nur unser Verhalten – sondern unser konkretes Verhalten wirkt auch umgekehrt auf unser Selbstbild zurück. Jana Kuhnke 60 hat erlebt, wie sehr sich das Selbstbild erweitert, wenn man im Alltag neue Erfahrungen macht. Sie wurde von ihrem Therapeuten ermuntert, ihre kommunikative Art nicht nur bei Freunden zu zeigen, sondern sie auf andere Lebensbereiche auszudehnen. Obwohl sie zunächst skeptisch war und dachte: „Aber ich bin doch eher distanziert!", gelang es ihr nach einiger Zeit, mit fremden Menschen offener in Kontakt zu treten. Heute weiß sie nicht nur, 65 dass sie sich auf ihre sozialen Fähigkeiten verlassen kann, sondern auch, dass es ihr möglich ist, sich entscheidend zu verändern. „Auch deshalb bin ich jetzt selbstbewusster als früher", sagt Jana Kuhnke. [...]
Selbstwert und Selbstbild sind ohnehin eng verzahnt. „Sobald es nicht nur um die reine Wahrnehmung geht, sondern man Bewertungen sich selbst gegenüber vornimmt, kommt 70 man in den Bereich der Selbstwertschätzung", sagt Astrid Schütz, Professorin für Persönlichkeitspsychologie und psychologische Diagnostik von der Universität Bamberg. Eine der grundlegenden Erkenntnisse in dieser Forschungsrichtung: Wie wir uns selbst subjektiv beurteilen, wie wir unsere Fähigkeiten sehen, steuert den Selbstwert weitaus stärker als objektive Leistungen oder Fähigkeiten. Schätzt jemand beispielsweise seine Fähigkeiten in 75 Sachen Kommunikation höher ein, als sie wirklich sind, wird er sich besser fühlen als eine Person wie Jana Kuhnke, die zwar sozial kompetent und eloquent ist, das aber lange nicht erkannt hat. Ob es einem gelingt, das eigene Selbstporträt eher vorteilhaft zu zeichnen oder extra hart und gnadenlos auszuleuchten, scheint auch vom Persönlichkeitsstil abzuhängen. Menschen, die eher depressive Persönlichkeitsanteile haben, sehen sich selbst oft hart und 80 nüchtern, beschönigen nichts. Menschen, die eher narzisstisch 1 sind, zeichnen von sich schmeichelhafte Heldenporträts. [...]
Doch was hilft, um in den mittleren Bereich zu kommen, in dem die Zweifler ein positives Selbstbild stabilisieren lernen und die Selbstüberschätzer ein bisschen zurückrudern? „Hier kommen soziale Kontakte und die Rückmeldungen anderer Menschen ins Spiel", sagt Astrid 85 Schütz. Auch wenn wir das Selbstbild oft als Privatsache empfinden, so leben wir doch nicht isoliert, sondern in sozialen Beziehungen, die uns so stark prägen, dass sie einen Teil unserer Identität ausmachen.
Ganz praktisch heißt das: Es ergibt Sinn, andere in den Prozess der Selbstdefinition miteinzubeziehen und Resonanz, Kontakt und Rückmeldungen zu suchen. Thorsten Padberg erlebt 90 in seiner Praxis zum Beispiel oft Menschen, die von sich sagen: „Mich mag keiner, außer meiner Mutter." Oder: „Ich bin eh unfähig." Wenn Patienten solche Überzeugungen äußern, rät der Therapeut ihnen zu Umfragen im Bekanntenkreis: Was halten Kollegen, Freunde und Bekannte wirklich von einem? Sehr oft kommen überwiegend positive Resonanzen, die stabilisierend wirken, wenn es den Kollegen gelingt, sie anzunehmen. [...] 95
Doch die Selbsterkenntnis aus sozialer Rückmeldung, das Lernen aus Erfahrungen und im eigenen Tun haben einen Haken: Sie können nur die Teile des Selbstbildes erfassen, die einem bewusst sind. Die Kognitions- und Emotionsforscher gehen aber heute ebenso wie viele Psychotherapeuten davon aus, dass Teile des Selbstbildes auch unbewusst oder halbbewusst sind. Das hat natürlich damit zu tun, dass ein Großteil unseres Bildes von uns selbst in der 100 Kindheit entsteht, wo uns erste Bezugspersonen wie Eltern und Geschwister stark prägen und uns Bilder von uns anbieten und zum Teil auch aufdrängen, die wir übernehmen – und nicht gut hinterfragen können. Wir haben also, was unser Selbstbild angeht, ziemlich großflächige blinde Flecken. Studien zeigen beispielsweise, dass man zwischen einerseits expliziten (also bewussten) und andererseits impliziten (eher unbewussten) Selbstwertanteilen 105 unterscheiden kann.
[...] Das Forschen nach der Herkunft bestimmter Selbstbilder beschreibt auch Jana Kuhnke als einen zentralen Teil ihrer Entwicklung. Dass sie sich so lange für arrogant und distanziert gehalten hatte, stammte von einem Label, das ihre Eltern ihr gegeben hatten. In der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte hat sie verstanden, dass sie in der Kindheit 110 tatsächlich Ideen entwickelt hatte wie: „Ich muss stark sein, darf mich keinem anvertrauen. [...]"
1 selbstverliebt, eigensüchtig
3. Erörtern Sie, ob Bausteine der kognitiven Verhaltenstherapie die im Text genannten Maßnahmen zur Stabilisierung des Selbstbildes sinnvoll ergänzen könnten, und konkretisieren Sie zum Schluss Maßnahmen, mit denen die Schule bei Schülerinnen und Schülern die Ausbildung eines dynamischen Selbstbildes unterstützen kann. (26 Punkte)
Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 1 · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl
Metamorphose im Puppenhaus oder
Wenn Gespenster ausziehen
Die Mutter der elfjährigen Patricia rief mich an, weil ihre Tochter seit ca. eineinhalb Jahren
über ständige Übelkeit klagte. Damals, im 3. Schuljahr, hatte sie sich aufgrund eines Magen-
Darm-Infektes in der Schulklasse übergeben müssen. Im Anschluss an dieses für Patricia
sehr kränkende Erlebnis stellten sich Übelkeit und Brechreiz ein. Beides dauerte inzwischen
5 auch während der Ferien und an den Wochenenden an.
Patricia war die einzige Tochter ihrer Eltern. Sowohl der Vater als auch die Mutter arbeiteten
im Angestelltenverhältnis. Zum Zeitpunkt der Geburt von Patricia waren sie im Alter von
Ende Dreißig. Patricia kam nach einer normal verlaufenen Schwangerschaft durch einen
Kaiserschnitt zur Welt, „weil sie zu groß war“. Sie war durch das fast vollständige Fehlen
10 ihrer Schilddrüse körperlich schwer beeinträchtigt. Patricia musste seitdem ständig medika-
mentös behandelt werden. Halbjährlich wurden die Medikamente nach einer Blutuntersu-
chung neu eingestellt. Ihre körperliche und geistige Entwicklung war durch die rechtzeitige
Medikation nach Aussage der Eltern aber nicht beeinträchtigt worden.
Aus den Erzählungen der Mutter entstand schon bald das Bild einer sehr engen Beziehung
15 zwischen ihr und Patricia. So zeigten sich im Spielkreis und im Kindergarten deutliche
Trennungsschwierigkeiten. Die Einschulung mit sechsdreiviertel Jahren und die erste Zeit
in der Schule verliefen ohne Auffälligkeiten. Nach dem Infekt in der 3. Klasse trat dann
häufig, fast täglich, die Übelkeit auf. Die Mutter beschrieb Patricia als ein Mädchen, das
schon früher auf dem Spielplatz sehr empfindlich reagierte, wenn andere Kinder sie hänsel-
20 ten. Sie fühlte sich in solchen Situationen sehr schnell ausgeschlossen. Patricia wechselte
nach der 4. Klasse auf Empfehlung der Grundschule zur Realschule. Ihr eigentlicher Wunsch
war, auf das Gymnasium zu gehen. In der Realschule entwickelte sie sich dann zu einer
sehr guten Schülerin und hatte bald eines der besten Zeugnisse. Aber auch dort stellte sich
bei ihr bald das Gefühl ein, von den anderen nicht gemocht zu werden. Ganz anders erlebten
25 die Eltern Patricia zu Hause. Dort geriet sie schon bei geringfügigen Anlässen in heftige
Wut und „bollerte los“.
Patricia war für ihr Alter immer sehr klein und zart, ganz im Gegensatz zu ihrer „Größe“
am Beginn ihres Lebens. Die von den Eltern vermutete Kleinwüchsigkeit bestätigte sich
nach der Untersuchung in einer großen Spezialklinik allerdings nicht. Bei der Schilderung
30 von Patricias Problemen betonte die Mutter, dass Patricia das Negative suche und alles auf
sich beziehe. Immer wieder tauchten in den Erzählungen der Mutter Hinweise auf die große
Kränkbarkeit und die heftige Wut des Mädchens auf.
Eine umfassende medizinische Diagnostik bezüglich der andauernden Übelkeit brachte
keine Ergebnisse. Die Mutter wurde durch ein Gespräch mit der zuständigen Psychologin
35 im Krankenhaus auf die Möglichkeit einer psychotherapeutischen Behandlung hingewiesen.
In den ersten Stunden bei mir zeichnete sich die Notwendigkeit einer längeren Behandlungs-
dauer ab. So entschieden wir uns für zunächst 50 Stunden Behandlungsdauer mit der Option
einer Verlängerung.
Es entstand schon bald bei mir der Eindruck heftiger latenter Aggressionen bei Patricia, die
40 sie daran hinderten, die anstehenden Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz zu meistern.
Ihre Symptomatik spiegelte sowohl das Gefühl, dass ihr „zum Kotzen“ zumute war, als
auch den Wunsch nach immer wiederkehrender körperlicher Versorgung, so wie Säuglinge
sie erfahren. Um den nächsten Entwicklungsschritt zu unterstützen, schien es notwendig, den
Behandlungsfokus auf das Bewusstwerden ihrer narzisstischen 1 Wut zu richten, diese als
45 einen Teil ihres Selbst begreifbar zu machen, um sie schließlich in ihre Persönlichkeit in-
tegrieren und die konstruktive Nutzung im Sinne ihrer Autonomieentwicklung bahnen zu
können. Die im Zusammenhang mit dieser angestrebten progressiven Entwicklung auftau-
chenden regressiven Bedürfnisse sollten ebenfalls in der Therapie Raum bekommen.
Patricia lächelte mich strahlend an, als sie zur ersten Sitzung ins Zimmer huschte. Im Flur
50 hatte ihre Mutter sie schnell noch mit einem Schluck Apfelschorle versorgt. Patricia trug ihre
schwarzen langen Haare offen und war sehr klein und zart für ihr Alter. Sie wirkte körper-
lich jünger als elf Jahre, im Gesicht erschien sie schon älter. In der Szene vor dem Behand-
lungsraum erinnerte mich Patricia einerseits an ein frisch geschlüpftes Vögelchen, das von
seiner Mutter gefüttert wurde und noch nicht flügge war, andererseits war sie dafür schon
55 zu groß und blickte mich mit fast erwachsenen, ernsten Augen an. Sie bemühte sich im wei-
teren Verlauf der Stunde, besonders höflich zu sein, indem sie bei jedem Husten meinerseits
„Gesundheit“ sagte und mich anstrahlte. Sie versetzte mich dadurch in eine gewisse Ratlosig-
keit ob der Widersprüchlichkeit zwischen ihrer überangepassten Höflichkeit und ihrem unbe-
streitbaren Charme, dem ich schließlich nicht widerstehen konnte und zurücklächelte.
60 Sceno-Test [...]
Als ich Patricia anbot, den Sceno-Test 2 aufzubauen, war sie sofort bei der Sache und stellte
eifrig und zielbewusst mehrere Szenen auf (vgl. Abb. 3.1). Auffällig war, dass sie die Mitte
leer ließ, während alle Ecken von ihr besetzt wurden. Die leere Mitte nahm ich als Hinweis
auf ein Grundgefühl der Einsamkeit. Die bebauten Ecken zeigten hingegen Struktur. Dort
65 waren verschiedene Szenen aufgebaut, die allerdings durch ihre Beziehungslosigkeit auffie-
len. Die Mutter hatte auf ihrer Sitzgelegenheit keine Stabilität, sondern kippte nach hinten
weg. Vater und Mutter hatten keine Verbindung, die Mutter schaute zwar in Richtung des
Kindes, sah es aber nicht wirklich. Der Vater saß allein vor dem Fernseher. Er schien in dem
gestellten Bild isoliert und war in seiner Bedeutung nicht einschätzbar. An mehreren Stel-
70 len saßen oder lagen Kinder allein. Sie waren allerdings mit Nahrung oder Lernmaterial
versorgt. Hier gab es Hinweise auf eine emotionale Unterversorgung, die durch ein übermä-
ßiges Augenmerk auf die körperliche Versorgung kompensiert wurde. Der Fuchs als Sym-
bol für aggressive Anteile stand außerhalb des Rahmens, „soll aber reinkommen“, betonte
Patricia. [...]
Ankommen und kein Maß finden
In die erste Stunde nach den probatorischen Sitzungen 3 kam Patricia mit verschiedenen
Wunden und blauen Flecken, die sie sich im Zusammenhang mit einer „Pechsträhne“, wie
sie es nannte, zugezogen hatte. Sie erzählte, während sie mir die Arme entgegenstreckte,
dass sie sich mehrmals gestoßen habe und einige Male gestolpert sei. So zeigte sie mir un-
80 vermittelt ihre Bedürftigkeit, allerdings auf der körperlichen Ebene, ohne dass die damit
verbundenen Gefühle für sie oder für mich im Kontakt spürbar wurden, geschweige denn
ausgesprochen werden konnten.
Nachdem sie einige Regelspiele ausprobiert hatte, die sie von zu Hause kannte, spielte sie
mit mir eine Art Tennis mit einem Schaumstoffball. Es war auffällig, dass sie ohne Gefühl
85 für die Richtung und für ihre Kraftdosierung spielte. Hierbei zeigte sich exemplarisch, dass
es ihr nicht gelang, einen angemessenen Kontakt zu mir herzustellen. Es fehlte offenbar
eine basale 4 Schwingungsfähigkeit, und ich ging davon aus, dass sie selbst diese in ihren
frühen Beziehungen vermisst hatte. In der Gegenübertragung löste dieses Tennisspiel Irrita-
tion und Ärger aus. Ich fühlte mich überhaupt nicht gesehen, geschweige denn in meiner
90 Person ernst genommen. Patricia „donnerte“ die Bälle teilweise mit einer ungeheuren
Wucht zu mir, ohne dass auch nur die kleinste Chance bestand, sie anzunehmen. Gleichzei-
tig lief ich Gefahr, heftig getroffen zu werden. Ich konnte in diesen Situationen zunächst
nur auf der Handlungsebene reagieren, indem ich mich bemühte, Regeln zu installieren.
Auffällig war, dass Patricia, nachdem sie mich getroffen oder nur knapp verfehlt hatte, zu
95 mir gelaufen kam, um die Bälle aufzuheben. Es schien in diesen Momenten so, als wollte
sie ihre aggressiven „Angriffe“ durch eine Reaktionsbildung ungeschehen machen. War in
meiner Gegenübertragung vielleicht etwas von Patricias frühem Lebensgefühl zu spüren,
nämlich dem Gefühl, von unkontrollierbaren Ereignissen überrollt zu werden? Und fühlten
sich die Eltern vielleicht genauso wie ich zunächst gezwungen, reflexhaft und pragmatisch
100 zu reagieren? Obgleich ich Patricias Lebensgeschichte bisher nur ausschnittweise im Rahmen
der Vorgespräche kennengelernt hatte, war ich mit ihrer Inszenierung und meinen Gegen-
übertragungsgefühlen offenbar schon mittendrin.
Patricia experimentierte am Anfang auch mit den vorhandenen Musikinstrumenten, insbe-
sondere mit den Trommeln und dem Gong. Dabei zeigte sie ein ähnliches Muster wie beim
105 Tennisspielen. Sie schlug sehr aggressiv auf Trommeln und Gong, so laut, dass mir nach
einer der ersten Stunden die Ohren schmerzten. Nach meinem Intervenieren akzeptierte sie
zwar, dass die Lautstärke untragbar war, weil sie Schmerzen verursachte, aber sie schien
dies nicht wirklich mit dem Gefühl nachvollziehen zu können. Insbesondere ihre eigene
Schmerzgrenze war offenbar für sie nicht spürbar. Sie zeigte mir, dass sie in der Bezie-
110 hungsaufnahme auf keine innere Struktur zurückgreifen konnte und ihre Impulse zum Teil
unkontrollierbar entgleisten.
1 selbstverliebt, eigensüchtig
2 Verfahren, das mit Spielmaterial Probleme bei Kindern und Erwachsenen erfasst. Das Kind bzw. der Proband wird aufgefordert, irgendeine Szene zu stellen.
3 die anfänglichen Sitzungen vor dem eigentlichen Beginn einer Psychotherapie
4 grundlegend
1. Arbeiten Sie aus dem Text geordnet die Symptome und die Lebensumstände von Patricia, die Therapieziele sowie die Deutungen heraus, die die Therapeutin zum Sceno-Test vornimmt, und belegen Sie, dass dieses Testverfahren im Gegensatz zu einem objektiven Verfahren ein projektives Verfahren darstellt. (28 Punkte)
Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 2 · Psychische Störungen und Psychotherapie
Metamorphose im Puppenhaus oder
Wenn Gespenster ausziehen
Die Mutter der elfjährigen Patricia rief mich an, weil ihre Tochter seit ca. eineinhalb Jahren
über ständige Übelkeit klagte. Damals, im 3. Schuljahr, hatte sie sich aufgrund eines Magen-
Darm-Infektes in der Schulklasse übergeben müssen. Im Anschluss an dieses für Patricia
sehr kränkende Erlebnis stellten sich Übelkeit und Brechreiz ein. Beides dauerte inzwischen
5 auch während der Ferien und an den Wochenenden an.
Patricia war die einzige Tochter ihrer Eltern. Sowohl der Vater als auch die Mutter arbeiteten
im Angestelltenverhältnis. Zum Zeitpunkt der Geburt von Patricia waren sie im Alter von
Ende Dreißig. Patricia kam nach einer normal verlaufenen Schwangerschaft durch einen
Kaiserschnitt zur Welt, „weil sie zu groß war“. Sie war durch das fast vollständige Fehlen
10 ihrer Schilddrüse körperlich schwer beeinträchtigt. Patricia musste seitdem ständig medika-
mentös behandelt werden. Halbjährlich wurden die Medikamente nach einer Blutuntersu-
chung neu eingestellt. Ihre körperliche und geistige Entwicklung war durch die rechtzeitige
Medikation nach Aussage der Eltern aber nicht beeinträchtigt worden.
Aus den Erzählungen der Mutter entstand schon bald das Bild einer sehr engen Beziehung
15 zwischen ihr und Patricia. So zeigten sich im Spielkreis und im Kindergarten deutliche
Trennungsschwierigkeiten. Die Einschulung mit sechsdreiviertel Jahren und die erste Zeit
in der Schule verliefen ohne Auffälligkeiten. Nach dem Infekt in der 3. Klasse trat dann
häufig, fast täglich, die Übelkeit auf. Die Mutter beschrieb Patricia als ein Mädchen, das
schon früher auf dem Spielplatz sehr empfindlich reagierte, wenn andere Kinder sie hänsel-
20 ten. Sie fühlte sich in solchen Situationen sehr schnell ausgeschlossen. Patricia wechselte
nach der 4. Klasse auf Empfehlung der Grundschule zur Realschule. Ihr eigentlicher Wunsch
war, auf das Gymnasium zu gehen. In der Realschule entwickelte sie sich dann zu einer
sehr guten Schülerin und hatte bald eines der besten Zeugnisse. Aber auch dort stellte sich
bei ihr bald das Gefühl ein, von den anderen nicht gemocht zu werden. Ganz anders erlebten
25 die Eltern Patricia zu Hause. Dort geriet sie schon bei geringfügigen Anlässen in heftige
Wut und „bollerte los“.
Patricia war für ihr Alter immer sehr klein und zart, ganz im Gegensatz zu ihrer „Größe“
am Beginn ihres Lebens. Die von den Eltern vermutete Kleinwüchsigkeit bestätigte sich
nach der Untersuchung in einer großen Spezialklinik allerdings nicht. Bei der Schilderung
30 von Patricias Problemen betonte die Mutter, dass Patricia das Negative suche und alles auf
sich beziehe. Immer wieder tauchten in den Erzählungen der Mutter Hinweise auf die große
Kränkbarkeit und die heftige Wut des Mädchens auf.
Eine umfassende medizinische Diagnostik bezüglich der andauernden Übelkeit brachte
keine Ergebnisse. Die Mutter wurde durch ein Gespräch mit der zuständigen Psychologin
35 im Krankenhaus auf die Möglichkeit einer psychotherapeutischen Behandlung hingewiesen.
In den ersten Stunden bei mir zeichnete sich die Notwendigkeit einer längeren Behandlungs-
dauer ab. So entschieden wir uns für zunächst 50 Stunden Behandlungsdauer mit der Option
einer Verlängerung.
Es entstand schon bald bei mir der Eindruck heftiger latenter Aggressionen bei Patricia, die
40 sie daran hinderten, die anstehenden Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz zu meistern.
Ihre Symptomatik spiegelte sowohl das Gefühl, dass ihr „zum Kotzen“ zumute war, als
auch den Wunsch nach immer wiederkehrender körperlicher Versorgung, so wie Säuglinge
sie erfahren. Um den nächsten Entwicklungsschritt zu unterstützen, schien es notwendig, den
Behandlungsfokus auf das Bewusstwerden ihrer narzisstischen 1 Wut zu richten, diese als
45 einen Teil ihres Selbst begreifbar zu machen, um sie schließlich in ihre Persönlichkeit in-
tegrieren und die konstruktive Nutzung im Sinne ihrer Autonomieentwicklung bahnen zu
können. Die im Zusammenhang mit dieser angestrebten progressiven Entwicklung auftau-
chenden regressiven Bedürfnisse sollten ebenfalls in der Therapie Raum bekommen.
Patricia lächelte mich strahlend an, als sie zur ersten Sitzung ins Zimmer huschte. Im Flur
50 hatte ihre Mutter sie schnell noch mit einem Schluck Apfelschorle versorgt. Patricia trug ihre
schwarzen langen Haare offen und war sehr klein und zart für ihr Alter. Sie wirkte körper-
lich jünger als elf Jahre, im Gesicht erschien sie schon älter. In der Szene vor dem Behand-
lungsraum erinnerte mich Patricia einerseits an ein frisch geschlüpftes Vögelchen, das von
seiner Mutter gefüttert wurde und noch nicht flügge war, andererseits war sie dafür schon
55 zu groß und blickte mich mit fast erwachsenen, ernsten Augen an. Sie bemühte sich im wei-
teren Verlauf der Stunde, besonders höflich zu sein, indem sie bei jedem Husten meinerseits
„Gesundheit“ sagte und mich anstrahlte. Sie versetzte mich dadurch in eine gewisse Ratlosig-
keit ob der Widersprüchlichkeit zwischen ihrer überangepassten Höflichkeit und ihrem unbe-
streitbaren Charme, dem ich schließlich nicht widerstehen konnte und zurücklächelte.
60 Sceno-Test [...]
Als ich Patricia anbot, den Sceno-Test 2 aufzubauen, war sie sofort bei der Sache und stellte
eifrig und zielbewusst mehrere Szenen auf (vgl. Abb. 3.1). Auffällig war, dass sie die Mitte
leer ließ, während alle Ecken von ihr besetzt wurden. Die leere Mitte nahm ich als Hinweis
auf ein Grundgefühl der Einsamkeit. Die bebauten Ecken zeigten hingegen Struktur. Dort
65 waren verschiedene Szenen aufgebaut, die allerdings durch ihre Beziehungslosigkeit auffie-
len. Die Mutter hatte auf ihrer Sitzgelegenheit keine Stabilität, sondern kippte nach hinten
weg. Vater und Mutter hatten keine Verbindung, die Mutter schaute zwar in Richtung des
Kindes, sah es aber nicht wirklich. Der Vater saß allein vor dem Fernseher. Er schien in dem
gestellten Bild isoliert und war in seiner Bedeutung nicht einschätzbar. An mehreren Stel-
70 len saßen oder lagen Kinder allein. Sie waren allerdings mit Nahrung oder Lernmaterial
versorgt. Hier gab es Hinweise auf eine emotionale Unterversorgung, die durch ein übermä-
ßiges Augenmerk auf die körperliche Versorgung kompensiert wurde. Der Fuchs als Sym-
bol für aggressive Anteile stand außerhalb des Rahmens, „soll aber reinkommen“, betonte
Patricia. [...]
Ankommen und kein Maß finden
In die erste Stunde nach den probatorischen Sitzungen 3 kam Patricia mit verschiedenen
Wunden und blauen Flecken, die sie sich im Zusammenhang mit einer „Pechsträhne“, wie
sie es nannte, zugezogen hatte. Sie erzählte, während sie mir die Arme entgegenstreckte,
dass sie sich mehrmals gestoßen habe und einige Male gestolpert sei. So zeigte sie mir un-
80 vermittelt ihre Bedürftigkeit, allerdings auf der körperlichen Ebene, ohne dass die damit
verbundenen Gefühle für sie oder für mich im Kontakt spürbar wurden, geschweige denn
ausgesprochen werden konnten.
Nachdem sie einige Regelspiele ausprobiert hatte, die sie von zu Hause kannte, spielte sie
mit mir eine Art Tennis mit einem Schaumstoffball. Es war auffällig, dass sie ohne Gefühl
85 für die Richtung und für ihre Kraftdosierung spielte. Hierbei zeigte sich exemplarisch, dass
es ihr nicht gelang, einen angemessenen Kontakt zu mir herzustellen. Es fehlte offenbar
eine basale 4 Schwingungsfähigkeit, und ich ging davon aus, dass sie selbst diese in ihren
frühen Beziehungen vermisst hatte. In der Gegenübertragung löste dieses Tennisspiel Irrita-
tion und Ärger aus. Ich fühlte mich überhaupt nicht gesehen, geschweige denn in meiner
90 Person ernst genommen. Patricia „donnerte“ die Bälle teilweise mit einer ungeheuren
Wucht zu mir, ohne dass auch nur die kleinste Chance bestand, sie anzunehmen. Gleichzei-
tig lief ich Gefahr, heftig getroffen zu werden. Ich konnte in diesen Situationen zunächst
nur auf der Handlungsebene reagieren, indem ich mich bemühte, Regeln zu installieren.
Auffällig war, dass Patricia, nachdem sie mich getroffen oder nur knapp verfehlt hatte, zu
95 mir gelaufen kam, um die Bälle aufzuheben. Es schien in diesen Momenten so, als wollte
sie ihre aggressiven „Angriffe“ durch eine Reaktionsbildung ungeschehen machen. War in
meiner Gegenübertragung vielleicht etwas von Patricias frühem Lebensgefühl zu spüren,
nämlich dem Gefühl, von unkontrollierbaren Ereignissen überrollt zu werden? Und fühlten
sich die Eltern vielleicht genauso wie ich zunächst gezwungen, reflexhaft und pragmatisch
100 zu reagieren? Obgleich ich Patricias Lebensgeschichte bisher nur ausschnittweise im Rahmen
der Vorgespräche kennengelernt hatte, war ich mit ihrer Inszenierung und meinen Gegen-
übertragungsgefühlen offenbar schon mittendrin.
Patricia experimentierte am Anfang auch mit den vorhandenen Musikinstrumenten, insbe-
sondere mit den Trommeln und dem Gong. Dabei zeigte sie ein ähnliches Muster wie beim
105 Tennisspielen. Sie schlug sehr aggressiv auf Trommeln und Gong, so laut, dass mir nach
einer der ersten Stunden die Ohren schmerzten. Nach meinem Intervenieren akzeptierte sie
zwar, dass die Lautstärke untragbar war, weil sie Schmerzen verursachte, aber sie schien
dies nicht wirklich mit dem Gefühl nachvollziehen zu können. Insbesondere ihre eigene
Schmerzgrenze war offenbar für sie nicht spürbar. Sie zeigte mir, dass sie in der Bezie-
110 hungsaufnahme auf keine innere Struktur zurückgreifen konnte und ihre Impulse zum Teil
unkontrollierbar entgleisten.
1 selbstverliebt, eigensüchtig
2 Verfahren, das mit Spielmaterial Probleme bei Kindern und Erwachsenen erfasst. Das Kind bzw. der Proband wird aufgefordert, irgendeine Szene zu stellen.
3 die anfänglichen Sitzungen vor dem eigentlichen Beginn einer Psychotherapie
4 grundlegend
2. Erklären Sie den Fall Patricia aus tiefenpsychologischer Perspektive, indem Sie das passende Persönlichkeitsmodell und die passende Angsttheorie heranziehen. Erläutern Sie mithilfe der Psychoanalyse, wie Patricia und die Therapeutin wechselseitig aufeinander wirken. (26 Punkte)
Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 3 · Psychische Störungen und Psychotherapie
Metamorphose im Puppenhaus oder
Wenn Gespenster ausziehen
Die Mutter der elfjährigen Patricia rief mich an, weil ihre Tochter seit ca. eineinhalb Jahren
über ständige Übelkeit klagte. Damals, im 3. Schuljahr, hatte sie sich aufgrund eines Magen-
Darm-Infektes in der Schulklasse übergeben müssen. Im Anschluss an dieses für Patricia
sehr kränkende Erlebnis stellten sich Übelkeit und Brechreiz ein. Beides dauerte inzwischen
5 auch während der Ferien und an den Wochenenden an.
Patricia war die einzige Tochter ihrer Eltern. Sowohl der Vater als auch die Mutter arbeiteten
im Angestelltenverhältnis. Zum Zeitpunkt der Geburt von Patricia waren sie im Alter von
Ende Dreißig. Patricia kam nach einer normal verlaufenen Schwangerschaft durch einen
Kaiserschnitt zur Welt, „weil sie zu groß war“. Sie war durch das fast vollständige Fehlen
10 ihrer Schilddrüse körperlich schwer beeinträchtigt. Patricia musste seitdem ständig medika-
mentös behandelt werden. Halbjährlich wurden die Medikamente nach einer Blutuntersu-
chung neu eingestellt. Ihre körperliche und geistige Entwicklung war durch die rechtzeitige
Medikation nach Aussage der Eltern aber nicht beeinträchtigt worden.
Aus den Erzählungen der Mutter entstand schon bald das Bild einer sehr engen Beziehung
15 zwischen ihr und Patricia. So zeigten sich im Spielkreis und im Kindergarten deutliche
Trennungsschwierigkeiten. Die Einschulung mit sechsdreiviertel Jahren und die erste Zeit
in der Schule verliefen ohne Auffälligkeiten. Nach dem Infekt in der 3. Klasse trat dann
häufig, fast täglich, die Übelkeit auf. Die Mutter beschrieb Patricia als ein Mädchen, das
schon früher auf dem Spielplatz sehr empfindlich reagierte, wenn andere Kinder sie hänsel-
20 ten. Sie fühlte sich in solchen Situationen sehr schnell ausgeschlossen. Patricia wechselte
nach der 4. Klasse auf Empfehlung der Grundschule zur Realschule. Ihr eigentlicher Wunsch
war, auf das Gymnasium zu gehen. In der Realschule entwickelte sie sich dann zu einer
sehr guten Schülerin und hatte bald eines der besten Zeugnisse. Aber auch dort stellte sich
bei ihr bald das Gefühl ein, von den anderen nicht gemocht zu werden. Ganz anders erlebten
25 die Eltern Patricia zu Hause. Dort geriet sie schon bei geringfügigen Anlässen in heftige
Wut und „bollerte los“.
Patricia war für ihr Alter immer sehr klein und zart, ganz im Gegensatz zu ihrer „Größe“
am Beginn ihres Lebens. Die von den Eltern vermutete Kleinwüchsigkeit bestätigte sich
nach der Untersuchung in einer großen Spezialklinik allerdings nicht. Bei der Schilderung
30 von Patricias Problemen betonte die Mutter, dass Patricia das Negative suche und alles auf
sich beziehe. Immer wieder tauchten in den Erzählungen der Mutter Hinweise auf die große
Kränkbarkeit und die heftige Wut des Mädchens auf.
Eine umfassende medizinische Diagnostik bezüglich der andauernden Übelkeit brachte
keine Ergebnisse. Die Mutter wurde durch ein Gespräch mit der zuständigen Psychologin
35 im Krankenhaus auf die Möglichkeit einer psychotherapeutischen Behandlung hingewiesen.
In den ersten Stunden bei mir zeichnete sich die Notwendigkeit einer längeren Behandlungs-
dauer ab. So entschieden wir uns für zunächst 50 Stunden Behandlungsdauer mit der Option
einer Verlängerung.
Es entstand schon bald bei mir der Eindruck heftiger latenter Aggressionen bei Patricia, die
40 sie daran hinderten, die anstehenden Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz zu meistern.
Ihre Symptomatik spiegelte sowohl das Gefühl, dass ihr „zum Kotzen“ zumute war, als
auch den Wunsch nach immer wiederkehrender körperlicher Versorgung, so wie Säuglinge
sie erfahren. Um den nächsten Entwicklungsschritt zu unterstützen, schien es notwendig, den
Behandlungsfokus auf das Bewusstwerden ihrer narzisstischen 1 Wut zu richten, diese als
45 einen Teil ihres Selbst begreifbar zu machen, um sie schließlich in ihre Persönlichkeit in-
tegrieren und die konstruktive Nutzung im Sinne ihrer Autonomieentwicklung bahnen zu
können. Die im Zusammenhang mit dieser angestrebten progressiven Entwicklung auftau-
chenden regressiven Bedürfnisse sollten ebenfalls in der Therapie Raum bekommen.
Patricia lächelte mich strahlend an, als sie zur ersten Sitzung ins Zimmer huschte. Im Flur
50 hatte ihre Mutter sie schnell noch mit einem Schluck Apfelschorle versorgt. Patricia trug ihre
schwarzen langen Haare offen und war sehr klein und zart für ihr Alter. Sie wirkte körper-
lich jünger als elf Jahre, im Gesicht erschien sie schon älter. In der Szene vor dem Behand-
lungsraum erinnerte mich Patricia einerseits an ein frisch geschlüpftes Vögelchen, das von
seiner Mutter gefüttert wurde und noch nicht flügge war, andererseits war sie dafür schon
55 zu groß und blickte mich mit fast erwachsenen, ernsten Augen an. Sie bemühte sich im wei-
teren Verlauf der Stunde, besonders höflich zu sein, indem sie bei jedem Husten meinerseits
„Gesundheit“ sagte und mich anstrahlte. Sie versetzte mich dadurch in eine gewisse Ratlosig-
keit ob der Widersprüchlichkeit zwischen ihrer überangepassten Höflichkeit und ihrem unbe-
streitbaren Charme, dem ich schließlich nicht widerstehen konnte und zurücklächelte.
60 Sceno-Test [...]
Als ich Patricia anbot, den Sceno-Test 2 aufzubauen, war sie sofort bei der Sache und stellte
eifrig und zielbewusst mehrere Szenen auf (vgl. Abb. 3.1). Auffällig war, dass sie die Mitte
leer ließ, während alle Ecken von ihr besetzt wurden. Die leere Mitte nahm ich als Hinweis
auf ein Grundgefühl der Einsamkeit. Die bebauten Ecken zeigten hingegen Struktur. Dort
65 waren verschiedene Szenen aufgebaut, die allerdings durch ihre Beziehungslosigkeit auffie-
len. Die Mutter hatte auf ihrer Sitzgelegenheit keine Stabilität, sondern kippte nach hinten
weg. Vater und Mutter hatten keine Verbindung, die Mutter schaute zwar in Richtung des
Kindes, sah es aber nicht wirklich. Der Vater saß allein vor dem Fernseher. Er schien in dem
gestellten Bild isoliert und war in seiner Bedeutung nicht einschätzbar. An mehreren Stel-
70 len saßen oder lagen Kinder allein. Sie waren allerdings mit Nahrung oder Lernmaterial
versorgt. Hier gab es Hinweise auf eine emotionale Unterversorgung, die durch ein übermä-
ßiges Augenmerk auf die körperliche Versorgung kompensiert wurde. Der Fuchs als Sym-
bol für aggressive Anteile stand außerhalb des Rahmens, „soll aber reinkommen“, betonte
Patricia. [...]
Ankommen und kein Maß finden
In die erste Stunde nach den probatorischen Sitzungen 3 kam Patricia mit verschiedenen
Wunden und blauen Flecken, die sie sich im Zusammenhang mit einer „Pechsträhne“, wie
sie es nannte, zugezogen hatte. Sie erzählte, während sie mir die Arme entgegenstreckte,
dass sie sich mehrmals gestoßen habe und einige Male gestolpert sei. So zeigte sie mir un-
80 vermittelt ihre Bedürftigkeit, allerdings auf der körperlichen Ebene, ohne dass die damit
verbundenen Gefühle für sie oder für mich im Kontakt spürbar wurden, geschweige denn
ausgesprochen werden konnten.
Nachdem sie einige Regelspiele ausprobiert hatte, die sie von zu Hause kannte, spielte sie
mit mir eine Art Tennis mit einem Schaumstoffball. Es war auffällig, dass sie ohne Gefühl
85 für die Richtung und für ihre Kraftdosierung spielte. Hierbei zeigte sich exemplarisch, dass
es ihr nicht gelang, einen angemessenen Kontakt zu mir herzustellen. Es fehlte offenbar
eine basale 4 Schwingungsfähigkeit, und ich ging davon aus, dass sie selbst diese in ihren
frühen Beziehungen vermisst hatte. In der Gegenübertragung löste dieses Tennisspiel Irrita-
tion und Ärger aus. Ich fühlte mich überhaupt nicht gesehen, geschweige denn in meiner
90 Person ernst genommen. Patricia „donnerte“ die Bälle teilweise mit einer ungeheuren
Wucht zu mir, ohne dass auch nur die kleinste Chance bestand, sie anzunehmen. Gleichzei-
tig lief ich Gefahr, heftig getroffen zu werden. Ich konnte in diesen Situationen zunächst
nur auf der Handlungsebene reagieren, indem ich mich bemühte, Regeln zu installieren.
Auffällig war, dass Patricia, nachdem sie mich getroffen oder nur knapp verfehlt hatte, zu
95 mir gelaufen kam, um die Bälle aufzuheben. Es schien in diesen Momenten so, als wollte
sie ihre aggressiven „Angriffe“ durch eine Reaktionsbildung ungeschehen machen. War in
meiner Gegenübertragung vielleicht etwas von Patricias frühem Lebensgefühl zu spüren,
nämlich dem Gefühl, von unkontrollierbaren Ereignissen überrollt zu werden? Und fühlten
sich die Eltern vielleicht genauso wie ich zunächst gezwungen, reflexhaft und pragmatisch
100 zu reagieren? Obgleich ich Patricias Lebensgeschichte bisher nur ausschnittweise im Rahmen
der Vorgespräche kennengelernt hatte, war ich mit ihrer Inszenierung und meinen Gegen-
übertragungsgefühlen offenbar schon mittendrin.
Patricia experimentierte am Anfang auch mit den vorhandenen Musikinstrumenten, insbe-
sondere mit den Trommeln und dem Gong. Dabei zeigte sie ein ähnliches Muster wie beim
105 Tennisspielen. Sie schlug sehr aggressiv auf Trommeln und Gong, so laut, dass mir nach
einer der ersten Stunden die Ohren schmerzten. Nach meinem Intervenieren akzeptierte sie
zwar, dass die Lautstärke untragbar war, weil sie Schmerzen verursachte, aber sie schien
dies nicht wirklich mit dem Gefühl nachvollziehen zu können. Insbesondere ihre eigene
Schmerzgrenze war offenbar für sie nicht spürbar. Sie zeigte mir, dass sie in der Bezie-
110 hungsaufnahme auf keine innere Struktur zurückgreifen konnte und ihre Impulse zum Teil
unkontrollierbar entgleisten.
1 selbstverliebt, eigensüchtig
2 Verfahren, das mit Spielmaterial Probleme bei Kindern und Erwachsenen erfasst. Das Kind bzw. der Proband wird aufgefordert, irgendeine Szene zu stellen.
3 die anfänglichen Sitzungen vor dem eigentlichen Beginn einer Psychotherapie
4 grundlegend
3. Prüfen Sie, ob sich eine klassische Verhaltenstherapie für Patricia eignen würde. Nehmen Sie zum Schluss begründet Stellung dazu, welcher Therapierichtung Sie den Vorzug geben würden. (26 Punkte)
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