Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Psychologie LK · Nachtermin 2023

Thema: Texte auswerten und Paradigmen zuordnen · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2023)

Aufgabenstellung

Die dunkle Seite der Persönlichkeit

D-Faktor – Gibt es einen gemeinsamen Nenner des Bösen? Laut Psychologen hängt die Nei-

gung zu unmoralischem Handeln von einer Kombination typischer Charaktermerkmale ab.

[...]

Eine typische Konstellation von Eigenschaften, die mit unmoralischen Taten zusammen-

5 hängen, bezeichnen Psychologen als „Dunkle Triade der Persönlichkeit“: Dahinter verber-

gen sich die drei Merkmale Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie [...]. Auf den

ersten Blick unterscheiden sich diese voneinander: Ein ausgeprägter Narzisst ist selbstver-

liebt und denkt in erster Linie an sich, ein Mensch mit machiavellistischen Zügen lügt und

betrügt strategisch zum eigenen Vorteil, und Psychopathen wiederum tun oft rücksichtslos

10 einfach das, wonach ihnen gerade ist. Wie Studien belegen, treten diese dunklen Eigen-

schaften – übermäßige Eigenliebe, Hang zu Betrügereien und Rücksichtslosigkeit – jedoch

häufig gemeinsam auf. Daneben gibt es allerdings noch weitere relevante Merkmale wie

Egoismus, Gehässigkeit oder Sadismus.

Über die Jahre haben Forscher eine Reihe von „dunklen“ Persönlichkeitseigenschaften

15 zueinander in Beziehung gesetzt. Dabei zeigte sich zum einen, dass viele davon ähnlich

definiert werden und entsprechende Fragebogen oft vergleichbare Aussagen enthalten.

Zum anderen hängen solche Persönlichkeitseigenschaften statistisch eng zusammen: Wer

eine hohe Ausprägung einer dunklen Eigenschaft zeigt, sagen wir viel Machiavellismus,

weist auch eher ein beträchtliches Maß einer anderen auf, etwa Psychopathie.

20 Angesichts dieser theoretischen und empirischen Überschneidung stellt sich die Frage,

ob alle dunklen Persönlichkeitsmerkmale einen gemeinsamen Kern haben. Diesen zunächst

hypothetischen „Kern des Bösen“ bezeichnen wir als D-Faktor (in Anlehnung an den in der

Wissenschaft verbreiteten englischen Ausdruck „dark traits“ für dunkle Persönlichkeitseigen-

schaften). Die Idee des D-Faktors ist der des allgemeinen Intelligenzfaktors sehr ähnlich.

25 So gehen Forscher bereits seit gut 100 Jahren davon aus, dass dem Abschneiden in unter-

schiedlichen Fähigkeitstests – etwa bei Aufgaben zum logischen Schlussfolgern, zum

Merkvermögen oder zur räumlichen Vorstellung – ein gemeinsamer Nenner zugrunde liegt.

Analog dazu vermuten wir für den D-Faktor: Personen mit hoher Ausprägung zeigen bei

vielen oder gar allen „dunklen“ Persönlichkeitsmerkmalen höhere Ausprägungen und zu-

30 gleich recht regelmäßig sozial problematisches Verhalten.

Ähnlich wie sich Intelligenz in verschiedenen Fähigkeiten ausdrücken kann, beschreibt

auch der D-Faktor eine Tendenz, die sich unterschiedlich manifestiert (sei es etwa als star-

ker Narzissmus oder Sadismus). Der D-Faktor beschreibt die Neigung einer Person, für den

eigenen Vorteil negative Folgen für andere oder für die Gemeinschaft in Kauf zu nehmen

35 oder gar aktiv herbeizuführen. Begleitet wird dies in der Regel von Überzeugungen, die ein

solches Verhalten zu rechtfertigen helfen.

Persönliche Vorteile zu Lasten anderer

Das Streben nach persönlichen Vorteilen kann sich auf diverse Dinge beziehen, darunter

Macht, Prestige oder Geld, sowie auf die Lust, sich über andere zu erheben. Für einen ho-

40 hen D-Faktor ist es wichtig, dass dies zu Lasten der Mitmenschen geschieht. Andernfalls

hat das Verhalten nichts mit dem D-Faktor zu tun. [...]

Neben dem Streben nach eigenen Vorteilen zu Lasten anderer kennzeichnet es Men-

schen mit hohem D-Faktor, dass sie ihr Handeln mit bewussten, aber auch unbewussten

Überzeugungen rechtfertigen. Zum Beispiel könnten sie meinen, sie seien etwas Besonderes

45 und hätten Anspruch auf mehr oder besseres als andere. Oder sie glauben, jeder habe ohne-

hin nur seinen Vorteil im Blick und es sei deshalb normal, ja notwendig, das Eigeninteresse

bedingungslos zu verfolgen.

Der D-Faktor beschreibt also die Tendenz, sich zu Lasten anderer zu verhalten und

Überzeugungen zu haben, die dafür als Rechtfertigungen dienen können. Die Betreffenden

50 agieren jedoch längst nicht immer „böse“. Manchmal sind Personen mit hohem D-Faktor

freundlich und kooperativ, und umgekehrt kann auch eine Person mit niedrigem D-Faktor

manchmal egoistisch handeln. Der D-Faktor verrät jedoch, wie jemand über verschiedene

Situationen hinweg im Durchschnitt agiert.

[...]

55 Eine Frage der Impulskontrolle

[...] Ein wichtiger Unterschied zwischen Machiavellismus und Psychopathie besteht

hinsichtlich der Fähigkeit zum strategischen Handeln beziehungsweise der Impulskontrolle.

Diese bestimmt mit über eine spezifische Manifestation des D-Faktors: Bei Personen mit

guter Impulskontrolle zeigt sich ein hoher D-Faktor eher in machiavellistischen Zügen,

60 während er bei schwächer ausgeprägter Impulskontrolle vor allem mit Psychopathie einher-

geht. Was Machiavellismus und Psychopathie „böse“ macht, ist jedoch quasi vollständig im

D-Faktor enthalten. Um also zu beschreiben, wer insgesamt mehr oder weniger unmoralisch

agiert, genügt es, den allgemeinen D-Faktor zu bestimmen – das Maß an Impulskontrolle

zeigt darüber hinaus nur, wie sich die Tendenz zu egoistischem Handeln auf Kosten anderer

65 manifestiert.

In einer Studie erfassten wir Selbsteinschätzung zum Beispiel zur Aggressivität, Empa-

thie und zum Machtstreben von knapp 1000 Personen, die ziemlich repräsentativ für die

deutsche Allgemeinbevölkerung waren. Außerdem führten wir Online-Experimente durch,

in denen die Teilnehmer beispielsweise lügen konnten, um einen finanziellen Vorteil zu

70 erlangen. Dazu baten wir die Personen, unbeobachtet zweimal eine Münze zu werfen, und

teilten ihnen mit, dass sie einen zusätzlichen Geldbetrag erhalten, wenn die Münze beide

Male auf einer bestimmten Seite landete. Da die Personen die Münze gänzlich unbeobach-

tet für sich allein warfen, konnten sie dabei einfach betrügen, indem sie behaupteten, beide

Male dieselbe Seite geworfen zu haben. Statistisch gesehen landet eine Münze aber nur in

75 25 Prozent der Fälle zweimal auf ein und derselben Seite. Daher muss man gar nicht wissen,

wer wirklich lügt, sondern kann über mehrere Personen hinweg testen, ob Merkmale (wie der

D-Faktor) mit der Wahrscheinlichkeit, von einem Gewinn zu berichten, zusammenhängen.

Wie sich zeigte, sagte der D-Faktor besser als alle einzelnen dunklen Persönlichkeits-

eigenschaften (wie Egoismus oder Gehässigkeit) vorher, in welchem Maß eine Person

80 flunkerte oder in ihrem Alltag zu mangelnder Empathie oder Aggression neigte. Die Aus-

prägung einzelner dunkler Eigenschaften bot darüber hinaus statistisch nur sehr selten weitere

Informationen.

In diesen Studien folgten Fragebogen zum D-Faktor und zu anderen Merkmalen sowie

[...] Verhaltensexperimente relativ kurz hintereinander. Um den dauerhaften Einfluss des

85 D-Faktors über Jahre hinweg aufzuzeigen, brauchen wir entsprechend angelegte Studien.

Bislang liegen zur langfristigen Verhaltensvorhersage noch kaum Daten vor. Eine der weni-

gen Ausnahmen: In einer Untersuchung von 2019 bestimmten wir den D-Faktor von mehr

als 1000 Menschen zum zweiten Mal im Abstand von vier Jahren. Wie die Auswertung

ergab, sanken die Werte im Lauf der Zeit leicht. Mit anderen Worten: Die meisten von uns

90 werden mit zunehmendem Alter tendenziell weniger „böse“. Gleichzeitig blieb der D-Faktor

im Vergleich der Personen untereinander aber stabil: Wer zum ersten Messzeitpunkt einen

höheren Wert aufwies als ein anderer Teilnehmer, nahm auch vier Jahre später etwa den

gleichen Platz in der Rangfolge ein. Die Maße korrelierten dabei sogar höher miteinander,

als dies bei vielen anderen Persönlichkeitsmerkmalen der Fall ist. Das zeigt, dass es sich

95 beim D-Faktor um ein äußerst stabiles Persönlichkeitsmerkmal handelt.

Bislang wissen wir wenig darüber, wie der D-Faktor einer Person zustande kommt. Aber

fast alle stabilen Persönlichkeitseigenschaften gründen auf dem Zusammenspiel von Genen

und Umweltfaktoren. Dies dürfte beim D-Faktor ähnlich sein. Ob hier Erfahrungen in

Kindheit und Elternhaus, das soziale Umfeld oder vorherrschende gesellschaftliche Normen

100 von besonderer Bedeutung sind, lässt sich derzeit aber noch nicht wissenschaftlich fundiert

sagen.

[...]

Der D-Faktor sagt etwas darüber aus, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich jemand in

verschiedenen Situationen Vorteile auf Kosten anderer verschafft. Für die praktische Be-

105 deutung, also das konkrete Ausleben dieser Tendenz spielen jedoch weitere Dinge eine

Rolle, etwa wie wichtig der- oder diejenige ein bestimmtes Ziel nimmt oder ob er oder sie

den Schaden einer anderen Person überhaupt registriert. Aus der Forschung zu anderen

Merkmalen wie Intelligenz oder Gewissenhaftigkeit weiß man, dass die individuelle Per-

sönlichkeit unser Verhalten besonders stark beeinflusst, wenn eine gegebene Situation kein

110 spezifisches Verhalten erfordert. Bei einem Geschäftsessen herrschen beispielsweise Um-

gangsformen vor, die individuelle Unterschiede überdecken – stehen also bestimmte Kon-

ventionen im Vordergrund, handeln Menschen weniger danach, was ihnen persönlich am

ehesten entspricht. Ob jemand zur Geselligkeit neigt oder, im Sinne des D-Faktors, zur

Bösartigkeit, dürfte sich folglich eher in Situationen zeigen, die kein sehr spezifisches

115 Verhalten nahelegen.

Klar ist auch: Persönlichkeitsmerkmale sind kein Schicksal, sondern äußern sich je nach

den Umständen, Zufällen und den Menschen, denen wir begegnen, durchaus verschieden.

Zudem gilt ein gewisses Maß an Egoismus, ja sogar der Schadenfreude als durchaus normal

und ist gesellschaftlich akzeptiert. Man kann allerdings davon ausgehen, dass ein hoher

120 D-Faktor über verschiedene Situationen hinweg die Neigung zu unmoralischen Taten gut

abbildet.

Aufgabenstellung:

1. Arbeiten Sie die allgemeinen Aussagen des Textes zum D-Faktor in geordneter Form heraus und veranschaulichen Sie die dazu im Text genannten empirischen Befunde. [20 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Psychologie LK · Nachtermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Arbeiten Sie die allgemeinen Aussagen des Textes zum D-Faktor in geordneter Form heraus und veranschaulichen Sie die dazu im Text genannten empirischen Befunde.

Lösung: Ausarbeitung umfassend: - Allgemeine Merkmale des D-Faktors (hypothetischer gemeinsamer Kern aller dunklen Eigenschaften, stabiles Persönlichkeitsmerkmal, Tendenz zu Lasten anderer zu handeln und Rechtfertigungen zu nutzen, Analogie zum g-Faktor der Intelligenz, Durchschnittsverhalten über Situationen, Gen-Umwelt-Interaktion). - Bedingungen für das konkrete Ausleben (Impulskontrolle/strategisches Handeln wie Machiavellismus vs. Psychopathie, Wichtigkeit eigener Ziele, Einfluss unstrukturierter Situationen ohne starke Konventionen). - Empirische Befunde: Selbsteinschätzungsstudie mit Münzwurf-Experiment (Vorhersagekraft des D-Faktors über Einzeleigenschaften hinaus bezüglich Lügen, mangelnder Empathie und Aggression) und Langzeitstudie 2019 (Rangreihenstabilität über 4 Jahre trotz leichtem Absinken der absoluten Werte).

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