Abitur NRW Psychologie 2023 · LK · Haupttermin

Abiturprüfung Psychologie in Nordrhein-Westfalen 2023, LK · Haupttermin: 7 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Experimente und Studien analysieren. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Experimente und Studien analysieren · Sozialpsychologische Theorien anwenden · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen · Psychische Störungen und Psychotherapie · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl

Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1 · Experimente und Studien analysieren

Wenn Teams betrügen

Eine Studie zeigt: Geeignete Regeln für die Haftung können die Compliance in Gruppen erhöhen

Gruppen halten es mit dem Befolgen von Regeln, Normen und Gesetzen weniger streng als

Individuen. Es sei denn, jede Person ist für die finanziellen Konsequenzen der Team-Ent-

scheidung selbst verantwortlich. Eine Studie am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und

öffentliche Finanzen beantwortet die Frage, warum ein Regelbruch im Team leichter geht

5 als alleine und wie man Compliance, also die Regeltreue, fördern kann.

Ob Wirecard-Affäre, CumEx-Skandal oder Abgasmanipulation: Wenn in Organisationen

betrogen wird, sind häufig eine ganze Reihe von Personen involviert. Betrügt es sich in der

Gruppe leichter als alleine? Den Eindruck, den zahlreiche Betrugsfälle vermitteln, bestätigen

Studien aus der Verhaltensökonomie und der Sozialpsychologie. In der Gruppe neigen wir

10 dazu, unehrlicher zu entscheiden als im Alleingang. Sollen wir deswegen ganz auf Team-

arbeit verzichten? Woran liegt es, dass Gruppen Regeln und soziale Normen eher über

Bord werfen? Und was kann man tun, um sie davon abzuhalten? Um diese für Organisatio-

nen und Unternehmen wichtigen Fragen zu beantworten, baten Tim Lohse, Professor an der

Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und Sven Simon, wissenschaftlicher Referent

15 am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, 268 Versuchspersonen

zu einem Laborexperiment.

Kontrolle und Sanktionen

Den Teilnehmenden des Experiments wurde zunächst mittels einer Lotterie ein niedriges

oder hohes Einkommen zugelost 1. Anschließend mussten sie ihren Verdienst angeben und

wussten: Ein hohes Einkommen muss ich versteuern 2. Melde ich ein niedriges Einkommen,

20 gehe ich steuerfrei aus, riskiere aber eine Überprüfung 3. Werde ich mit einer Falschangabe

erwischt, muss ich die Steuern nachzahlen und es droht zudem eine Strafe. Damit unter-

schied sich das Compliance-Experiment von bisherigen verhaltensökonomischen Studien in

einem entscheidenden Punkt: Unehrliche Angaben konnten finanziell sanktioniert werden.

So konnten die Forscher herausfinden, ob Teams angesichts einer möglichen Überprüfung

25 tatsächlich unehrlicher sind als Individuen.

„Wir konnten zeigen, dass Teams nicht grundsätzlich unehrlicher entscheiden, sondern nur

unter bestimmten Umständen: Wenn ein Mitglied einer Gruppe die wirtschaftlichen Konse-

quenzen einer Entscheidung voll selbst tragen muss, ist die Gruppe fast genauso ehrlich wie

30 das Individuum. Werden aber die Gewinne und Verluste in der Gruppe geteilt, verhalten

sich alle tendenziell unehrlicher“, fasst Sven Simon die Studienergebnisse zusammen.

„Um die Compliance einer Gruppe zu erhöhen, empfehlen wir daher Organisationen,

Teammitglieder individuell in Haftung zu nehmen.“

Wichtig ist nicht, wer entscheidet, sondern wer haftet

Die Teilnehmenden bestritten die Einkommensangabe in zehn Runden. Im Experiment

35 wurde zwischen Szenarien variiert, in denen sie die Meldeentscheidung alleine trafen oder

gemeinsam mit einer zufällig zugelosten Versuchsperson im Team 4. Außerdem variierten

die Forscher, ob die potenziellen Gewinne und Strafen aus der unehrlichen Entscheidung

von den einzelnen Versuchspersonen getragen werden mussten oder innerhalb des Teams

geteilt wurden, so dass sie insgesamt die Entscheidungen aus vier unterschiedlichen Szena-

40 rien miteinander vergleichen konnten.

Ein Vergleich zwischen individuellen und Teamentscheidungen zeigte zunächst: Teams

sind auch angesichts einer möglichen Überprüfung unehrlicher als Individuen. Damit bestä-

tigen die Ergebnisse die bisherige Forschung. Doch eine genauere Analyse, die auch die

wirtschaftliche Verantwortlichkeit mit einbezog, barg eine überraschende Erkenntnis: Ob

45 über die Angabe im Team oder von einer Einzelperson entschieden wurde, hatte nur eine

geringe, nicht signifikante Auswirkung auf den Regelverstoß. Stattdessen war die Frage der

Haftung entscheidend: Wurden die möglichen Gewinne und Kosten aus unehrlichen Anga-

ben im Team geteilt, führte dies zu signifikant unehrlicherem Verhalten.

50 Finanzielle Überlegungen wichtiger als moralische

„In der Praxis bedeutet dies für Firmen, dass sie weiterhin auf Arbeit in Teams bauen können

und nicht zu individuellen Entscheidern und damit zu mehr Hierarchie zurückfinden müssen.

Wichtig für die Compliance ist aber, dass jedes Teammitglied voll und nicht nur teilweise

für die ökonomischen Konsequenzen der gemeinsamen Entscheidung haftet“, sagt Tim

55 Lohse. Auch eine Auswertung der protokollierten Chats im Zuge der Team-Entscheidungen

bestätigte, dass sich die Teammitglieder vor allem um das Risiko einer Überprüfung und

um die finanziellen Folgen ihrer Handlung sorgten. Moralische Bedenken bezüglich einer

unehrlichen Entscheidung und die Verletzung sozialer Normen spielten nur eine Neben-

rolle.

60 Dass das gemeinsame Entscheiden von Teams als solches nicht zu einem signifikanten

Anstieg des unehrlichen Verhaltens führte, ist laut Lohse und Simon gute und schlechte

Nachricht zugleich: Positiv ist, dass Teams in Punkto Compliance nicht grundsätzlich

schlechter abschneiden als Individuen. Das liegt möglicherweise daran, dass für die Person,

die im Team betrügen will, zu der eigenen moralischen Überwindung auch noch hinzu-

65 kommt, dass sie ihr Teammitglied überzeugen muss, es auch zu tun. Eine schlechte Nach-

richt wiederum ist, dass es auch dann zum Betrug kommen kann, wenn nur eines von zwei

Teammitgliedern profitiert. Im Experiment zeigten sich 70 Prozent der Personen bereit, für

das andere Teammitglied zu lügen, auch wenn sie selbst finanziell nichts davon hatten. Eine

mögliche Erklärung hierfür ist, dass die moralische Verantwortung für eine Teamentschei-

70 dung von der Außenwelt nur derjenigen Person zugeschrieben wird, die finanziell profitiert.

Fromme Lügen und soziales Bedauern

Dass sich bei gemeinsamer Haftung aller Mitglieder Teams unehrlicher verhalten als Indi-

viduen, könnte laut den Forschern zwei Ursachen haben: Zum einen wiegt die moralische

Verantwortung unter dem Deckmantel der Gruppe möglicherweise leichter. Schließlich

kann der oder die Einzelne seinen Fehltritt damit rechtfertigen, dass er ihn nicht (nur) für

75 sich selbst, sondern für die Gruppe tat. Zum anderen reduziert die gemeinsame Unehrlich-

keit gewisse soziale Risiken. Geteiltes Leid ist halbes Leid: Das Bedauern darüber, dass

eine andere Entscheidung möglicherweise zu höheren Erträgen geführt hätte, wiegt im

Team vielleicht weniger stark, weil man mit dem Elend nicht alleine dasteht. Wenn alle zu

gleichen Teilen von einer Entscheidung profitieren, fällt der soziale Vergleich nicht zu

80 Ungunsten der oder des einzelnen aus.

1 Ein niedriges Einkommen entsprach 8 Euro, ein hohes Einkommen 20 Euro.

2 Bei 20 Euro Einkommen wurden 8 Euro Steuern fällig; wurde fälschlicherweise ein niedriges Einkommen angegeben (8 statt 20 Euro), riskierte man die Steuernachzahlung in Höhe von 8 Euro sowie eine Strafe von 4 Euro.

3 Die Überprüfung trat mit einer 50 %-Wahrscheinlichkeit ein.

4 Jeder Proband erhielt in jeder Runde einen neuen Partner, mit dem er vorher noch nicht zusammen war; nachdem die Probanden die Information über das zugeloste Einkommen erhalten hatten, hatten sie innerhalb der Gruppenbedingung zwei Minuten Zeit, mit dem Partner zu chatten. Die Probanden konnten am Ende das gewonnene Geld von einer durch den Computer zufällig ausgelosten Runde behalten.

1.

Analysieren Sie den Versuch, den Tim Lohse und Sven Simon durchgeführt haben.

[20 Punkte]

Berücksichtigen Sie in Ihrer Analyse die Fragestellung, die Hypothese, die Variablen mit ihrer Operationalisierung, den Ablauf des Versuchs sowie die wichtigsten Ergebnisse.

Aufgabe 1 - Teilaufgabe 2 · Sozialpsychologische Theorien anwenden

Wenn Teams betrügen

Eine Studie zeigt: Geeignete Regeln für die Haftung können die Compliance in Gruppen erhöhen

Gruppen halten es mit dem Befolgen von Regeln, Normen und Gesetzen weniger streng als

Individuen. Es sei denn, jede Person ist für die finanziellen Konsequenzen der Team-Ent-

scheidung selbst verantwortlich. Eine Studie am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und

öffentliche Finanzen beantwortet die Frage, warum ein Regelbruch im Team leichter geht

5 als alleine und wie man Compliance, also die Regeltreue, fördern kann.

Ob Wirecard-Affäre, CumEx-Skandal oder Abgasmanipulation: Wenn in Organisationen

betrogen wird, sind häufig eine ganze Reihe von Personen involviert. Betrügt es sich in der

Gruppe leichter als alleine? Den Eindruck, den zahlreiche Betrugsfälle vermitteln, bestätigen

Studien aus der Verhaltensökonomie und der Sozialpsychologie. In der Gruppe neigen wir

10 dazu, unehrlicher zu entscheiden als im Alleingang. Sollen wir deswegen ganz auf Team-

arbeit verzichten? Woran liegt es, dass Gruppen Regeln und soziale Normen eher über

Bord werfen? Und was kann man tun, um sie davon abzuhalten? Um diese für Organisatio-

nen und Unternehmen wichtigen Fragen zu beantworten, baten Tim Lohse, Professor an der

Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und Sven Simon, wissenschaftlicher Referent

15 am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, 268 Versuchspersonen

zu einem Laborexperiment.

Kontrolle und Sanktionen

Den Teilnehmenden des Experiments wurde zunächst mittels einer Lotterie ein niedriges

oder hohes Einkommen zugelost 1. Anschließend mussten sie ihren Verdienst angeben und

wussten: Ein hohes Einkommen muss ich versteuern 2. Melde ich ein niedriges Einkommen,

20 gehe ich steuerfrei aus, riskiere aber eine Überprüfung 3. Werde ich mit einer Falschangabe

erwischt, muss ich die Steuern nachzahlen und es droht zudem eine Strafe. Damit unter-

schied sich das Compliance-Experiment von bisherigen verhaltensökonomischen Studien in

einem entscheidenden Punkt: Unehrliche Angaben konnten finanziell sanktioniert werden.

So konnten die Forscher herausfinden, ob Teams angesichts einer möglichen Überprüfung

25 tatsächlich unehrlicher sind als Individuen.

„Wir konnten zeigen, dass Teams nicht grundsätzlich unehrlicher entscheiden, sondern nur

unter bestimmten Umständen: Wenn ein Mitglied einer Gruppe die wirtschaftlichen Konse-

quenzen einer Entscheidung voll selbst tragen muss, ist die Gruppe fast genauso ehrlich wie

30 das Individuum. Werden aber die Gewinne und Verluste in der Gruppe geteilt, verhalten

sich alle tendenziell unehrlicher“, fasst Sven Simon die Studienergebnisse zusammen.

„Um die Compliance einer Gruppe zu erhöhen, empfehlen wir daher Organisationen,

Teammitglieder individuell in Haftung zu nehmen.“

Wichtig ist nicht, wer entscheidet, sondern wer haftet

Die Teilnehmenden bestritten die Einkommensangabe in zehn Runden. Im Experiment

35 wurde zwischen Szenarien variiert, in denen sie die Meldeentscheidung alleine trafen oder

gemeinsam mit einer zufällig zugelosten Versuchsperson im Team 4. Außerdem variierten

die Forscher, ob die potenziellen Gewinne und Strafen aus der unehrlichen Entscheidung

von den einzelnen Versuchspersonen getragen werden mussten oder innerhalb des Teams

geteilt wurden, so dass sie insgesamt die Entscheidungen aus vier unterschiedlichen Szena-

40 rien miteinander vergleichen konnten.

Ein Vergleich zwischen individuellen und Teamentscheidungen zeigte zunächst: Teams

sind auch angesichts einer möglichen Überprüfung unehrlicher als Individuen. Damit bestä-

tigen die Ergebnisse die bisherige Forschung. Doch eine genauere Analyse, die auch die

wirtschaftliche Verantwortlichkeit mit einbezog, barg eine überraschende Erkenntnis: Ob

45 über die Angabe im Team oder von einer Einzelperson entschieden wurde, hatte nur eine

geringe, nicht signifikante Auswirkung auf den Regelverstoß. Stattdessen war die Frage der

Haftung entscheidend: Wurden die möglichen Gewinne und Kosten aus unehrlichen Anga-

ben im Team geteilt, führte dies zu signifikant unehrlicherem Verhalten.

50 Finanzielle Überlegungen wichtiger als moralische

„In der Praxis bedeutet dies für Firmen, dass sie weiterhin auf Arbeit in Teams bauen können

und nicht zu individuellen Entscheidern und damit zu mehr Hierarchie zurückfinden müssen.

Wichtig für die Compliance ist aber, dass jedes Teammitglied voll und nicht nur teilweise

für die ökonomischen Konsequenzen der gemeinsamen Entscheidung haftet“, sagt Tim

55 Lohse. Auch eine Auswertung der protokollierten Chats im Zuge der Team-Entscheidungen

bestätigte, dass sich die Teammitglieder vor allem um das Risiko einer Überprüfung und

um die finanziellen Folgen ihrer Handlung sorgten. Moralische Bedenken bezüglich einer

unehrlichen Entscheidung und die Verletzung sozialer Normen spielten nur eine Neben-

rolle.

60 Dass das gemeinsame Entscheiden von Teams als solches nicht zu einem signifikanten

Anstieg des unehrlichen Verhaltens führte, ist laut Lohse und Simon gute und schlechte

Nachricht zugleich: Positiv ist, dass Teams in Punkto Compliance nicht grundsätzlich

schlechter abschneiden als Individuen. Das liegt möglicherweise daran, dass für die Person,

die im Team betrügen will, zu der eigenen moralischen Überwindung auch noch hinzu-

65 kommt, dass sie ihr Teammitglied überzeugen muss, es auch zu tun. Eine schlechte Nach-

richt wiederum ist, dass es auch dann zum Betrug kommen kann, wenn nur eines von zwei

Teammitgliedern profitiert. Im Experiment zeigten sich 70 Prozent der Personen bereit, für

das andere Teammitglied zu lügen, auch wenn sie selbst finanziell nichts davon hatten. Eine

mögliche Erklärung hierfür ist, dass die moralische Verantwortung für eine Teamentschei-

70 dung von der Außenwelt nur derjenigen Person zugeschrieben wird, die finanziell profitiert.

Fromme Lügen und soziales Bedauern

Dass sich bei gemeinsamer Haftung aller Mitglieder Teams unehrlicher verhalten als Indi-

viduen, könnte laut den Forschern zwei Ursachen haben: Zum einen wiegt die moralische

Verantwortung unter dem Deckmantel der Gruppe möglicherweise leichter. Schließlich

kann der oder die Einzelne seinen Fehltritt damit rechtfertigen, dass er ihn nicht (nur) für

75 sich selbst, sondern für die Gruppe tat. Zum anderen reduziert die gemeinsame Unehrlich-

keit gewisse soziale Risiken. Geteiltes Leid ist halbes Leid: Das Bedauern darüber, dass

eine andere Entscheidung möglicherweise zu höheren Erträgen geführt hätte, wiegt im

Team vielleicht weniger stark, weil man mit dem Elend nicht alleine dasteht. Wenn alle zu

gleichen Teilen von einer Entscheidung profitieren, fällt der soziale Vergleich nicht zu

80 Ungunsten der oder des einzelnen aus.

1 Ein niedriges Einkommen entsprach 8 Euro, ein hohes Einkommen 20 Euro.

2 Bei 20 Euro Einkommen wurden 8 Euro Steuern fällig; wurde fälschlicherweise ein niedriges Einkommen angegeben (8 statt 20 Euro), riskierte man die Steuernachzahlung in Höhe von 8 Euro sowie eine Strafe von 4 Euro.

3 Die Überprüfung trat mit einer 50 %-Wahrscheinlichkeit ein.

4 Jeder Proband erhielt in jeder Runde einen neuen Partner, mit dem er vorher noch nicht zusammen war; nachdem die Probanden die Information über das zugeloste Einkommen erhalten hatten, hatten sie innerhalb der Gruppenbedingung zwei Minuten Zeit, mit dem Partner zu chatten. Die Probanden konnten am Ende das gewonnene Geld von einer durch den Computer zufällig ausgelosten Runde behalten.

2.

Erklären Sie die Befunde des Experiments anhand der Dissonanztheorie, der Theorien zum konformen Verhalten sowie des passenden Persönlichkeitsmodells der Tiefenpsychologie.

[34 Punkte]

Stellen Sie jeweils zuerst die theoretischen Grundlagen dar (kognitive Dissonanz nach Festinger, normativer/informativer Einfluss, Instanzen- und Schichtenmodell/Dynamik innerpsychischer Prozesse nach Freud) und wenden Sie diese differenziert auf die Ergebnisse des Experiments an.

Aufgabe 1 - Teilaufgabe 3 · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl

Wenn Teams betrügen

Eine Studie zeigt: Geeignete Regeln für die Haftung können die Compliance in Gruppen erhöhen

Gruppen halten es mit dem Befolgen von Regeln, Normen und Gesetzen weniger streng als

Individuen. Es sei denn, jede Person ist für die finanziellen Konsequenzen der Team-Ent-

scheidung selbst verantwortlich. Eine Studie am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und

öffentliche Finanzen beantwortet die Frage, warum ein Regelbruch im Team leichter geht

5 als alleine und wie man Compliance, also die Regeltreue, fördern kann.

Ob Wirecard-Affäre, CumEx-Skandal oder Abgasmanipulation: Wenn in Organisationen

betrogen wird, sind häufig eine ganze Reihe von Personen involviert. Betrügt es sich in der

Gruppe leichter als alleine? Den Eindruck, den zahlreiche Betrugsfälle vermitteln, bestätigen

Studien aus der Verhaltensökonomie und der Sozialpsychologie. In der Gruppe neigen wir

10 dazu, unehrlicher zu entscheiden als im Alleingang. Sollen wir deswegen ganz auf Team-

arbeit verzichten? Woran liegt es, dass Gruppen Regeln und soziale Normen eher über

Bord werfen? Und was kann man tun, um sie davon abzuhalten? Um diese für Organisatio-

nen und Unternehmen wichtigen Fragen zu beantworten, baten Tim Lohse, Professor an der

Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und Sven Simon, wissenschaftlicher Referent

15 am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, 268 Versuchspersonen

zu einem Laborexperiment.

Kontrolle und Sanktionen

Den Teilnehmenden des Experiments wurde zunächst mittels einer Lotterie ein niedriges

oder hohes Einkommen zugelost 1. Anschließend mussten sie ihren Verdienst angeben und

wussten: Ein hohes Einkommen muss ich versteuern 2. Melde ich ein niedriges Einkommen,

20 gehe ich steuerfrei aus, riskiere aber eine Überprüfung 3. Werde ich mit einer Falschangabe

erwischt, muss ich die Steuern nachzahlen und es droht zudem eine Strafe. Damit unter-

schied sich das Compliance-Experiment von bisherigen verhaltensökonomischen Studien in

einem entscheidenden Punkt: Unehrliche Angaben konnten finanziell sanktioniert werden.

So konnten die Forscher herausfinden, ob Teams angesichts einer möglichen Überprüfung

25 tatsächlich unehrlicher sind als Individuen.

„Wir konnten zeigen, dass Teams nicht grundsätzlich unehrlicher entscheiden, sondern nur

unter bestimmten Umständen: Wenn ein Mitglied einer Gruppe die wirtschaftlichen Konse-

quenzen einer Entscheidung voll selbst tragen muss, ist die Gruppe fast genauso ehrlich wie

30 das Individuum. Werden aber die Gewinne und Verluste in der Gruppe geteilt, verhalten

sich alle tendenziell unehrlicher“, fasst Sven Simon die Studienergebnisse zusammen.

„Um die Compliance einer Gruppe zu erhöhen, empfehlen wir daher Organisationen,

Teammitglieder individuell in Haftung zu nehmen.“

Wichtig ist nicht, wer entscheidet, sondern wer haftet

Die Teilnehmenden bestritten die Einkommensangabe in zehn Runden. Im Experiment

35 wurde zwischen Szenarien variiert, in denen sie die Meldeentscheidung alleine trafen oder

gemeinsam mit einer zufällig zugelosten Versuchsperson im Team 4. Außerdem variierten

die Forscher, ob die potenziellen Gewinne und Strafen aus der unehrlichen Entscheidung

von den einzelnen Versuchspersonen getragen werden mussten oder innerhalb des Teams

geteilt wurden, so dass sie insgesamt die Entscheidungen aus vier unterschiedlichen Szena-

40 rien miteinander vergleichen konnten.

Ein Vergleich zwischen individuellen und Teamentscheidungen zeigte zunächst: Teams

sind auch angesichts einer möglichen Überprüfung unehrlicher als Individuen. Damit bestä-

tigen die Ergebnisse die bisherige Forschung. Doch eine genauere Analyse, die auch die

wirtschaftliche Verantwortlichkeit mit einbezog, barg eine überraschende Erkenntnis: Ob

45 über die Angabe im Team oder von einer Einzelperson entschieden wurde, hatte nur eine

geringe, nicht signifikante Auswirkung auf den Regelverstoß. Stattdessen war die Frage der

Haftung entscheidend: Wurden die möglichen Gewinne und Kosten aus unehrlichen Anga-

ben im Team geteilt, führte dies zu signifikant unehrlicherem Verhalten.

50 Finanzielle Überlegungen wichtiger als moralische

„In der Praxis bedeutet dies für Firmen, dass sie weiterhin auf Arbeit in Teams bauen können

und nicht zu individuellen Entscheidern und damit zu mehr Hierarchie zurückfinden müssen.

Wichtig für die Compliance ist aber, dass jedes Teammitglied voll und nicht nur teilweise

für die ökonomischen Konsequenzen der gemeinsamen Entscheidung haftet“, sagt Tim

55 Lohse. Auch eine Auswertung der protokollierten Chats im Zuge der Team-Entscheidungen

bestätigte, dass sich die Teammitglieder vor allem um das Risiko einer Überprüfung und

um die finanziellen Folgen ihrer Handlung sorgten. Moralische Bedenken bezüglich einer

unehrlichen Entscheidung und die Verletzung sozialer Normen spielten nur eine Neben-

rolle.

60 Dass das gemeinsame Entscheiden von Teams als solches nicht zu einem signifikanten

Anstieg des unehrlichen Verhaltens führte, ist laut Lohse und Simon gute und schlechte

Nachricht zugleich: Positiv ist, dass Teams in Punkto Compliance nicht grundsätzlich

schlechter abschneiden als Individuen. Das liegt möglicherweise daran, dass für die Person,

die im Team betrügen will, zu der eigenen moralischen Überwindung auch noch hinzu-

65 kommt, dass sie ihr Teammitglied überzeugen muss, es auch zu tun. Eine schlechte Nach-

richt wiederum ist, dass es auch dann zum Betrug kommen kann, wenn nur eines von zwei

Teammitgliedern profitiert. Im Experiment zeigten sich 70 Prozent der Personen bereit, für

das andere Teammitglied zu lügen, auch wenn sie selbst finanziell nichts davon hatten. Eine

mögliche Erklärung hierfür ist, dass die moralische Verantwortung für eine Teamentschei-

70 dung von der Außenwelt nur derjenigen Person zugeschrieben wird, die finanziell profitiert.

Fromme Lügen und soziales Bedauern

Dass sich bei gemeinsamer Haftung aller Mitglieder Teams unehrlicher verhalten als Indi-

viduen, könnte laut den Forschern zwei Ursachen haben: Zum einen wiegt die moralische

Verantwortung unter dem Deckmantel der Gruppe möglicherweise leichter. Schließlich

kann der oder die Einzelne seinen Fehltritt damit rechtfertigen, dass er ihn nicht (nur) für

75 sich selbst, sondern für die Gruppe tat. Zum anderen reduziert die gemeinsame Unehrlich-

keit gewisse soziale Risiken. Geteiltes Leid ist halbes Leid: Das Bedauern darüber, dass

eine andere Entscheidung möglicherweise zu höheren Erträgen geführt hätte, wiegt im

Team vielleicht weniger stark, weil man mit dem Elend nicht alleine dasteht. Wenn alle zu

gleichen Teilen von einer Entscheidung profitieren, fällt der soziale Vergleich nicht zu

80 Ungunsten der oder des einzelnen aus.

1 Ein niedriges Einkommen entsprach 8 Euro, ein hohes Einkommen 20 Euro.

2 Bei 20 Euro Einkommen wurden 8 Euro Steuern fällig; wurde fälschlicherweise ein niedriges Einkommen angegeben (8 statt 20 Euro), riskierte man die Steuernachzahlung in Höhe von 8 Euro sowie eine Strafe von 4 Euro.

3 Die Überprüfung trat mit einer 50 %-Wahrscheinlichkeit ein.

4 Jeder Proband erhielt in jeder Runde einen neuen Partner, mit dem er vorher noch nicht zusammen war; nachdem die Probanden die Information über das zugeloste Einkommen erhalten hatten, hatten sie innerhalb der Gruppenbedingung zwei Minuten Zeit, mit dem Partner zu chatten. Die Probanden konnten am Ende das gewonnene Geld von einer durch den Computer zufällig ausgelosten Runde behalten.

3.

Nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob eher die sozialpsychologischen oder eher die persönlichkeitspsychologischen Erklärungen der Befunde überzeugen, und prüfen Sie zudem anhand der Testgütekriterien, inwieweit sich die Ergebnisse des Experiments verallgemeinern lassen.

[26 Punkte]

Wägen Sie situative gegenüber dispositionellen/tiefenpsychologischen Ansätzen ab, definieren Sie die drei Hauptgütekriterien (Objektivität, Reliabilität, Validität) und diskutieren Sie Argumente, die die externe Validität/Übertragbarkeit auf reale Organisationen stützen oder einschränken.

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1 · Sozialpsychologische Theorien anwenden

Hätte, wäre, könnte

Edith Piafs weltberühmtes Chanson „No[n], je ne regrette rien“¹ ist eine Hymne gegen

die Reue. Auch James Bonds Chefin „M“, dargestellt von Judi Dench, findet die Regung

höchst unprofessionell. Und in Friedrich Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ stellt der Dich-

ter gleich zu Beginn klar, Reue sei nur am Kreuz möglich. Das sind lediglich einige Bei-

5 spiele dafür, welch schlechten Ruf es hat zu bereuen. Letzteres liegt vor allem daran, dass

uns dieses Gefühl typischerweise nach einem Scheitern überkommt.

Man versuchte etwas, strebte nach einem Ziel, doch es misslang. Man hätte dieses oder

jenes tun sollen, unterließ es jedoch – oder entschied sich schlichtweg für das Falsche. Oft

leidet der Reumütige selbst darunter, manchmal aber auch andere, etwa die Opfer eines von

10 ihm verschuldeten Unfalls. Gewissensbisse bedürfen dabei stets der Einsicht, dass man einen

Fehler beging. Im Idealfall weiß der Betreffende sogar ganz genau, was er hätte anders

machen sollen. Darüber nachzudenken, ist zwar meist unangenehm, hilft allerdings, ähnliche

Vorfälle zukünftig zu vermeiden.

Immer wieder liest man Berichte von Krankenschwestern oder -pflegern, die notiert haben,

15 was Menschen am Lebensende besonders bereuten. „Ich habe zu wenig Zeit mit der Fami-

lie verbracht“, findet sich häufig darunter, so wie „Ich habe mich zu wenig um mich selbst

gekümmert“ oder „Ich bin nicht genug gereist“. Forscher versuchen durch Interviews oder

Fragebogen mehr über solche „life regrets“ – verpasste oder bereute Lebensereignisse – zu

erfahren.

20 Mike Morrison vom King’s University College in London (Kanada) und Neal Roese von

der Northwestern University in Evanston (USA) untersuchten in einer repräsentativen US-

amerikanischen Stichprobe, auf welchen Feldern Menschen typischerweise bereuen. Zu den

am häufigsten genannten Lebensbereichen zählten: Partnerschaft (19 Prozent), Familie (17

Prozent), Karriere (14 Prozent), Finanzen (10 Prozent) und Elternschaft (9 Prozent).

25 Gemeinsam mit Morrison und Roese fand ich in mehreren Studien auffällige Unterschiede

zwischen zwei großen Lebensbereichen: Arbeit und private Beziehungen. Meist hadern

Menschen im beruflichen Kontext viel weniger als im zwischenmenschlichen. Das liegt

vermutlich daran, dass in letzterem unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit stärker bedroht ist.

Typische Situationen sind etwa Konflikte mit dem Partner, den Eltern oder den Kindern.

30 Diese empfinden wir oft als belastender als etwa Fehlentscheidungen im Job. Mitunter gibt

es aber auch hier Konflikte, die das Bedürfnis nach Zugehörigkeit betreffen: So bringt ein

Arbeitsplatzwechsel häufig soziale Umbrüche mit sich. Spielt dieser Aspekt eine besondere

Rolle, fällt die Reue ebenfalls stärker aus.

Eine wichtige Unterscheidung ist die zwischen der Reue darüber, was man getan hat,

35 und die darüber, was man unterließ. Fragt man Menschen, was sie bereuen, fallen den meis-

ten zunächst mehr Beispiele für bestimmte Handlungen ein. Hat jemand etwa eine Reise

gebucht, die sich später als völlig überteuert und schlecht organisiert erwies, prägt sich dies

ins Gedächtnis ein. Allerdings ergaben Studien der Psychologen Victoria Medvec und

Thomas Gilovich an der Cornell University, dass wir verpasste Chancen, also Momente, in

40 denen wir nicht aktiv wurden, auf lange Sicht sogar stärker bereuen.

Nichtstun ist auch keine Lösung

Die Forscher befragten Probanden nicht nur danach, was ihnen in ihrem Leben leidtat,

sondern auch danach, wie weit das jeweilige Ereignis zurücklag. Bei der Reue über kürzlich

Geschehenes standen aktive Handlungen im Vordergrund; unter den länger zurückliegen-

45 den Patzern fanden sich dagegen mehr „Nicht-Handlungen“ – und diese wurden stärker

bereut als Taten. Verpasste Chancen beschäftigen uns demnach langfristig oft mehr als aktiv

begangene Fehler.

Wie erwähnt löst das Nachdenken über einen persönlichen Fauxpas meist Unwohlsein

aus. Dennoch kann es für die Zukunft wichtig sein. Nehmen wir das folgende Beispiel: Sie

50 verpassen die einmalige Gelegenheit, sich auf eine frei gewordene Position in Ihrem Unter-

nehmen zu bewerben. Es dauerhaft zu bereuen, bringt nichts, denn Sie können die Uhr nun

mal nicht zurückdrehen – die betreffende Stelle ist inzwischen anderweitig besetzt. Zudem

ist unklar, ob die Wahl am Ende wirklich auf Sie gefallen wäre.

Wie Amy Summerville von der Miami University und Neal Roese in einer Studie be-

55 richteten, bereuen wir etwas im Schnitt weniger, wenn das entsprechende Ziel in unerreich-

bare Ferne rückt. Das kann entweder an der speziellen Situation liegen, wie im genannten

Beispiel, aber auch an der Person selbst. Dies haben insbesondere Alternsforscher unter-

sucht. Denn mit zunehmendem Alter schwinden die Chancen, bestimmte Entscheidungen

nachzuholen oder zu korrigieren.

60 Ein Team um Carsten Wrosch von der Concordia University in Toronto (Kanada) fand

heraus, dass Senioren im Schnitt viel weniger bereuen – vor allem nicht solche Dinge, die

kaum (noch) veränderbar erscheinen. Eine sportliche Höchstleistung oder ein grundlegend

neuer Karriereweg scheint jenseits der Sechzig doch eher unrealistisch. An der Fähigkeit,

unerreichbar gewordene Ziele aufzugeben, beweist sich womöglich sogar gesundes Altern.

65 Senioren investieren einfach weniger Herzblut in große Ambitionen und konzentrieren sich

stärker auf das für sie Machbare.

Doch welche gedanklichen Prozesse liegen der Reue überhaupt zu Grunde? Furcht bei-

spielsweise entsteht, wenn man eine akute Bedrohung wahrnimmt und keine Möglichkeit

sieht, sich zu verteidigen. Beim Bereuen ist die Sache komplexer: Blieb ein angestrebtes

70 oder wünschenswertes Ereignis aus, muss man diesen Umstand erstens auf das eigene Ver-

halten zurückführen und zweitens wissen oder zumindest ahnen, was man stattdessen hätte

tun sollen. Hier geht es also um ein hypothetisches Wenn-Dann; Psychologen bezeichnen

das als kontrafaktisches Denken.

Vom Nutzen der Selbstkritik

„Wenn ich früher zu lernen angefangen hätte, wäre ich nicht durch die Prüfung gefal-

75 len.“ Oder: „Wenn ich nicht so stur gewesen wäre, hätte der Abend mit Petra und Karl nett

werden können.“ Derlei Alternativszenarien sind mit ziemlich konkreten Handlungsanwei-

sungen für die Zukunft verknüpft. Reue steigert somit die Wahrscheinlichkeit, dass man die

nächste Prüfung besteht oder sich nicht rettungslos verkracht.

Die genannten Beispiele erfordern noch etwas: Selbstkritik. Der Betreffende hat sich un-

80 geschickt angestellt und sieht das auch ein. Dies zu erkennen, fällt uns beileibe nicht immer

leicht. Häufig fühlen wir uns im Gegenteil von anderen oder vom Schicksal ungerecht be-

handelt und sind nicht bereit, bei uns selbst die Verantwortung zu suchen. So mancher gibt

zum Beispiel lieber dem Lehrer oder Professor die Schuld an der verpatzten Prüfung. Das

mag in Einzelfällen gerechtfertigt sein, ist für den weiteren Studienerfolg aber meist nicht

85 sonderlich hilfreich.

Es kommt hierbei sehr darauf an, welches Ziel man verfolgt: Will ich mich trotz

schlechter Note einfach gut fühlen, nutzt es durchaus, anderen den schwarzen Peter zuzu-

schieben. Will ich es in Zukunft besser machen, sollte ich allerdings selbstkritisch genug

sein, um Reue zu empfinden.

90 Nun könnte man fragen, ob dies nicht langfristig doch zu mehr Wohlbefinden führt als

das fröhliche Ausblenden eigener Fehler und Schwächen. Die Psychologin Laura King von

der University of Missouri (USA) hat sich damit eingehend beschäftigt. Sie untersuchte

Menschen, die einen tief greifenden Umbruch im Leben durchgemacht hatten. Darunter

etwa homosexuelle Männer, die ein spätes Comingout hatten, oder Frauen, die sich nach

95 vielen Jahren von ihrem Ehepartner trennten. Laut King lässt sich subjektives Wohlbefin-

den nicht isoliert von der persönlichen Reifung im Erwachsenenalter betrachten. Für diese

sei es wichtig, über das Geschehene nachzudenken, seine Ziele neu zu justieren und alterna-

tive Pläne für die Zukunft zu schmieden – kurzum: nicht in der Vergangenheit verhaftet zu

bleiben. Begangene Fehler und Verluste zu ignorieren, dient diesem Ziel kaum, denn um

100 beispielsweise nach dem Scheitern einer Beziehung eine neue, glückliche Partnerschaft ein-

zugehen, muss man sein früheres Verhalten kritisch hinterfragen. Daraus erwächst häufig

ein komplexeres, reiferes Selbst, das für eine stabile Gemütslage wichtig ist.

[...]

[Im Alltag] ist [...] nicht immer eine klare Ursache [eines Ereignisses, das bereut wird]

105 erkennbar. Hier spielen daher subjektive Interpretationen und Zuschreibungen eine Rolle –

und diese haben oftmals negative Konsequenzen. Ein drastisches Beispiel lieferte Mitte der

1990er Jahre eine Studie von Christopher Davis von der University of British Columbia in

Vancouver (Kanada) und seinen Kollegen. Sie befragten Eltern, die ihr Baby durch den so

genannten plötzlichen Kindstod verloren hatten. Die genaue Todesursache war also unbe-

110 kannt, und den Eltern war dies auch bewusst. Trotzdem dachten sie sehr viel darüber nach,

was sie hätten anders machen können. Und je mehr sie grübelten, desto schlechter ging es

ihnen. Denn solche Gedanken sind meist von starken Schuldgefühlen begleitet – obwohl

die Eltern nach allem, was man weiß, gar keine Schuld traf.

Offenbar bestimmen längst nicht nur die objektiven Gegebenheiten darüber, was man

115 bereut und ob man darüber grübelt, was man hätte anders machen können. In den beschrie-

benen Situationen sind solche Gedanken oft so belastend, dass die Betreffenden therapeuti-

scher Hilfe bedürfen.

[...]

Wie sieht es nun aus, wenn die Betreffenden zwar durchaus etwas für ihre Malaise² kön-

120 nen, diese aber kaum veränderbar erscheint? Gemeinsam mit dem Psychologen Kai Jonas

von der Universität Maastricht befragte ich niederländische Männer, die sich durch unge-

schützten Geschlechtsverkehr mit HIV infiziert hatten. Hier war das eigene Verhalten also

tatsächlich der ausschlaggebende Faktor. Wie zu erwarten, dachten sie meist intensiv über

die Umstände ihrer Ansteckung nach. Und je mehr sie sich damit befassten, warum sie auf

125 Kondome verzichtet hatten, desto geringer war ihr Wohlbefinden.

Schaden begrenzen statt die Zeit zurückdrehen

An der Infektion an sich war nun nichts mehr zu ändern, auch wenn HIV heute nicht

mehr ganz so dramatische Folgen hat wie noch vor einigen Jahren. Das eigene Verhalten zu

hinterfragen, erscheint für die befragten Männer allerdings nach wie vor relevant, da unge-

130 schützter Verkehr mit HIV-Infizierten natürlich gravierende Folgen für den Sexualpartner

haben kann. Zudem können sich die HIV-Träger mit weiteren sexuell übertragbaren Keimen

infizieren, was bei einem geschwächten Immunsystem durchaus gefährlich ist.

Die Untersuchung zeigte: Je mehr die Probanden bereuten und über die Ansteckung

nachdachten, desto eher waren sie bereit, in Zukunft Kondome zu benutzen. Reue sorgt also

135 einerseits für negatives Befinden, trägt jedoch andererseits dazu bei, dass man Konsequen-

zen zieht und sich die Situation nicht noch weiter verschlimmert.

[...]

Bereuen hat einen schlechten Ruf. Doch statt eines trotzigen „No regrets!“ ist es oft

klüger, über die Ursachen des Scheiterns nachzudenken und abzuwägen, was man anders

140 machen will. Genau dabei hilft Reue. Wichtig ist bei alldem, darauf zu achten, ob eine Situa-

tion nicht mehr zu ändern ist, und das gegebenenfalls zu akzeptieren. Reue nützt vor allem

dann, wenn ähnliche Fälle erneut auftreten werden. Oder wie der Dramatiker Arthur Miller

einmal sagte: „Am Ende bleibt uns nur zu hoffen, dass wir die richtigen Dinge bereuen.“

¹ Nein, ich bereue nichts.

² hier: missliche Lage

1. Arbeiten Sie strukturiert heraus, was der Autor im Text zum Thema Reue darlegt, und setzen Sie die Wege im Umgang mit Reuegefühlen zur Kausalattribution in Beziehung. (26 Punkte)

a)

b)

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2 · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen

Hätte, wäre, könnte

Edith Piafs weltberühmtes Chanson „No[n], je ne regrette rien“¹ ist eine Hymne gegen

die Reue. Auch James Bonds Chefin „M“, dargestellt von Judi Dench, findet die Regung

höchst unprofessionell. Und in Friedrich Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ stellt der Dich-

ter gleich zu Beginn klar, Reue sei nur am Kreuz möglich. Das sind lediglich einige Bei-

5 spiele dafür, welch schlechten Ruf es hat zu bereuen. Letzteres liegt vor allem daran, dass

uns dieses Gefühl typischerweise nach einem Scheitern überkommt.

Man versuchte etwas, strebte nach einem Ziel, doch es misslang. Man hätte dieses oder

jenes tun sollen, unterließ es jedoch – oder entschied sich schlichtweg für das Falsche. Oft

leidet der Reumütige selbst darunter, manchmal aber auch andere, etwa die Opfer eines von

10 ihm verschuldeten Unfalls. Gewissensbisse bedürfen dabei stets der Einsicht, dass man einen

Fehler beging. Im Idealfall weiß der Betreffende sogar ganz genau, was er hätte anders

machen sollen. Darüber nachzudenken, ist zwar meist unangenehm, hilft allerdings, ähnliche

Vorfälle zukünftig zu vermeiden.

Immer wieder liest man Berichte von Krankenschwestern oder -pflegern, die notiert haben,

15 was Menschen am Lebensende besonders bereuten. „Ich habe zu wenig Zeit mit der Fami-

lie verbracht“, findet sich häufig darunter, so wie „Ich habe mich zu wenig um mich selbst

gekümmert“ oder „Ich bin nicht genug gereist“. Forscher versuchen durch Interviews oder

Fragebogen mehr über solche „life regrets“ – verpasste oder bereute Lebensereignisse – zu

erfahren.

20 Mike Morrison vom King’s University College in London (Kanada) und Neal Roese von

der Northwestern University in Evanston (USA) untersuchten in einer repräsentativen US-

amerikanischen Stichprobe, auf welchen Feldern Menschen typischerweise bereuen. Zu den

am häufigsten genannten Lebensbereichen zählten: Partnerschaft (19 Prozent), Familie (17

Prozent), Karriere (14 Prozent), Finanzen (10 Prozent) und Elternschaft (9 Prozent).

25 Gemeinsam mit Morrison und Roese fand ich in mehreren Studien auffällige Unterschiede

zwischen zwei großen Lebensbereichen: Arbeit und private Beziehungen. Meist hadern

Menschen im beruflichen Kontext viel weniger als im zwischenmenschlichen. Das liegt

vermutlich daran, dass in letzterem unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit stärker bedroht ist.

Typische Situationen sind etwa Konflikte mit dem Partner, den Eltern oder den Kindern.

30 Diese empfinden wir oft als belastender als etwa Fehlentscheidungen im Job. Mitunter gibt

es aber auch hier Konflikte, die das Bedürfnis nach Zugehörigkeit betreffen: So bringt ein

Arbeitsplatzwechsel häufig soziale Umbrüche mit sich. Spielt dieser Aspekt eine besondere

Rolle, fällt die Reue ebenfalls stärker aus.

Eine wichtige Unterscheidung ist die zwischen der Reue darüber, was man getan hat,

35 und die darüber, was man unterließ. Fragt man Menschen, was sie bereuen, fallen den meis-

ten zunächst mehr Beispiele für bestimmte Handlungen ein. Hat jemand etwa eine Reise

gebucht, die sich später als völlig überteuert und schlecht organisiert erwies, prägt sich dies

ins Gedächtnis ein. Allerdings ergaben Studien der Psychologen Victoria Medvec und

Thomas Gilovich an der Cornell University, dass wir verpasste Chancen, also Momente, in

40 denen wir nicht aktiv wurden, auf lange Sicht sogar stärker bereuen.

Nichtstun ist auch keine Lösung

Die Forscher befragten Probanden nicht nur danach, was ihnen in ihrem Leben leidtat,

sondern auch danach, wie weit das jeweilige Ereignis zurücklag. Bei der Reue über kürzlich

Geschehenes standen aktive Handlungen im Vordergrund; unter den länger zurückliegen-

45 den Patzern fanden sich dagegen mehr „Nicht-Handlungen“ – und diese wurden stärker

bereut als Taten. Verpasste Chancen beschäftigen uns demnach langfristig oft mehr als aktiv

begangene Fehler.

Wie erwähnt löst das Nachdenken über einen persönlichen Fauxpas meist Unwohlsein

aus. Dennoch kann es für die Zukunft wichtig sein. Nehmen wir das folgende Beispiel: Sie

50 verpassen die einmalige Gelegenheit, sich auf eine frei gewordene Position in Ihrem Unter-

nehmen zu bewerben. Es dauerhaft zu bereuen, bringt nichts, denn Sie können die Uhr nun

mal nicht zurückdrehen – die betreffende Stelle ist inzwischen anderweitig besetzt. Zudem

ist unklar, ob die Wahl am Ende wirklich auf Sie gefallen wäre.

Wie Amy Summerville von der Miami University und Neal Roese in einer Studie be-

55 richteten, bereuen wir etwas im Schnitt weniger, wenn das entsprechende Ziel in unerreich-

bare Ferne rückt. Das kann entweder an der speziellen Situation liegen, wie im genannten

Beispiel, aber auch an der Person selbst. Dies haben insbesondere Alternsforscher unter-

sucht. Denn mit zunehmendem Alter schwinden die Chancen, bestimmte Entscheidungen

nachzuholen oder zu korrigieren.

60 Ein Team um Carsten Wrosch von der Concordia University in Toronto (Kanada) fand

heraus, dass Senioren im Schnitt viel weniger bereuen – vor allem nicht solche Dinge, die

kaum (noch) veränderbar erscheinen. Eine sportliche Höchstleistung oder ein grundlegend

neuer Karriereweg scheint jenseits der Sechzig doch eher unrealistisch. An der Fähigkeit,

unerreichbar gewordene Ziele aufzugeben, beweist sich womöglich sogar gesundes Altern.

65 Senioren investieren einfach weniger Herzblut in große Ambitionen und konzentrieren sich

stärker auf das für sie Machbare.

Doch welche gedanklichen Prozesse liegen der Reue überhaupt zu Grunde? Furcht bei-

spielsweise entsteht, wenn man eine akute Bedrohung wahrnimmt und keine Möglichkeit

sieht, sich zu verteidigen. Beim Bereuen ist die Sache komplexer: Blieb ein angestrebtes

70 oder wünschenswertes Ereignis aus, muss man diesen Umstand erstens auf das eigene Ver-

halten zurückführen und zweitens wissen oder zumindest ahnen, was man stattdessen hätte

tun sollen. Hier geht es also um ein hypothetisches Wenn-Dann; Psychologen bezeichnen

das als kontrafaktisches Denken.

Vom Nutzen der Selbstkritik

„Wenn ich früher zu lernen angefangen hätte, wäre ich nicht durch die Prüfung gefal-

75 len.“ Oder: „Wenn ich nicht so stur gewesen wäre, hätte der Abend mit Petra und Karl nett

werden können.“ Derlei Alternativszenarien sind mit ziemlich konkreten Handlungsanwei-

sungen für die Zukunft verknüpft. Reue steigert somit die Wahrscheinlichkeit, dass man die

nächste Prüfung besteht oder sich nicht rettungslos verkracht.

Die genannten Beispiele erfordern noch etwas: Selbstkritik. Der Betreffende hat sich un-

80 geschickt angestellt und sieht das auch ein. Dies zu erkennen, fällt uns beileibe nicht immer

leicht. Häufig fühlen wir uns im Gegenteil von anderen oder vom Schicksal ungerecht be-

handelt und sind nicht bereit, bei uns selbst die Verantwortung zu suchen. So mancher gibt

zum Beispiel lieber dem Lehrer oder Professor die Schuld an der verpatzten Prüfung. Das

mag in Einzelfällen gerechtfertigt sein, ist für den weiteren Studienerfolg aber meist nicht

85 sonderlich hilfreich.

Es kommt hierbei sehr darauf an, welches Ziel man verfolgt: Will ich mich trotz

schlechter Note einfach gut fühlen, nutzt es durchaus, anderen den schwarzen Peter zuzu-

schieben. Will ich es in Zukunft besser machen, sollte ich allerdings selbstkritisch genug

sein, um Reue zu empfinden.

90 Nun könnte man fragen, ob dies nicht langfristig doch zu mehr Wohlbefinden führt als

das fröhliche Ausblenden eigener Fehler und Schwächen. Die Psychologin Laura King von

der University of Missouri (USA) hat sich damit eingehend beschäftigt. Sie untersuchte

Menschen, die einen tief greifenden Umbruch im Leben durchgemacht hatten. Darunter

etwa homosexuelle Männer, die ein spätes Comingout hatten, oder Frauen, die sich nach

95 vielen Jahren von ihrem Ehepartner trennten. Laut King lässt sich subjektives Wohlbefin-

den nicht isoliert von der persönlichen Reifung im Erwachsenenalter betrachten. Für diese

sei es wichtig, über das Geschehene nachzudenken, seine Ziele neu zu justieren und alterna-

tive Pläne für die Zukunft zu schmieden – kurzum: nicht in der Vergangenheit verhaftet zu

bleiben. Begangene Fehler und Verluste zu ignorieren, dient diesem Ziel kaum, denn um

100 beispielsweise nach dem Scheitern einer Beziehung eine neue, glückliche Partnerschaft ein-

zugehen, muss man sein früheres Verhalten kritisch hinterfragen. Daraus erwächst häufig

ein komplexeres, reiferes Selbst, das für eine stabile Gemütslage wichtig ist.

[...]

[Im Alltag] ist [...] nicht immer eine klare Ursache [eines Ereignisses, das bereut wird]

105 erkennbar. Hier spielen daher subjektive Interpretationen und Zuschreibungen eine Rolle –

und diese haben oftmals negative Konsequenzen. Ein drastisches Beispiel lieferte Mitte der

1990er Jahre eine Studie von Christopher Davis von der University of British Columbia in

Vancouver (Kanada) und seinen Kollegen. Sie befragten Eltern, die ihr Baby durch den so

genannten plötzlichen Kindstod verloren hatten. Die genaue Todesursache war also unbe-

110 kannt, und den Eltern war dies auch bewusst. Trotzdem dachten sie sehr viel darüber nach,

was sie hätten anders machen können. Und je mehr sie grübelten, desto schlechter ging es

ihnen. Denn solche Gedanken sind meist von starken Schuldgefühlen begleitet – obwohl

die Eltern nach allem, was man weiß, gar keine Schuld traf.

Offenbar bestimmen längst nicht nur die objektiven Gegebenheiten darüber, was man

115 bereut und ob man darüber grübelt, was man hätte anders machen können. In den beschrie-

benen Situationen sind solche Gedanken oft so belastend, dass die Betreffenden therapeuti-

scher Hilfe bedürfen.

[...]

Wie sieht es nun aus, wenn die Betreffenden zwar durchaus etwas für ihre Malaise² kön-

120 nen, diese aber kaum veränderbar erscheint? Gemeinsam mit dem Psychologen Kai Jonas

von der Universität Maastricht befragte ich niederländische Männer, die sich durch unge-

schützten Geschlechtsverkehr mit HIV infiziert hatten. Hier war das eigene Verhalten also

tatsächlich der ausschlaggebende Faktor. Wie zu erwarten, dachten sie meist intensiv über

die Umstände ihrer Ansteckung nach. Und je mehr sie sich damit befassten, warum sie auf

125 Kondome verzichtet hatten, desto geringer war ihr Wohlbefinden.

Schaden begrenzen statt die Zeit zurückdrehen

An der Infektion an sich war nun nichts mehr zu ändern, auch wenn HIV heute nicht

mehr ganz so dramatische Folgen hat wie noch vor einigen Jahren. Das eigene Verhalten zu

hinterfragen, erscheint für die befragten Männer allerdings nach wie vor relevant, da unge-

130 schützter Verkehr mit HIV-Infizierten natürlich gravierende Folgen für den Sexualpartner

haben kann. Zudem können sich die HIV-Träger mit weiteren sexuell übertragbaren Keimen

infizieren, was bei einem geschwächten Immunsystem durchaus gefährlich ist.

Die Untersuchung zeigte: Je mehr die Probanden bereuten und über die Ansteckung

nachdachten, desto eher waren sie bereit, in Zukunft Kondome zu benutzen. Reue sorgt also

135 einerseits für negatives Befinden, trägt jedoch andererseits dazu bei, dass man Konsequen-

zen zieht und sich die Situation nicht noch weiter verschlimmert.

[...]

Bereuen hat einen schlechten Ruf. Doch statt eines trotzigen „No regrets!“ ist es oft

klüger, über die Ursachen des Scheiterns nachzudenken und abzuwägen, was man anders

140 machen will. Genau dabei hilft Reue. Wichtig ist bei alldem, darauf zu achten, ob eine Situa-

tion nicht mehr zu ändern ist, und das gegebenenfalls zu akzeptieren. Reue nützt vor allem

dann, wenn ähnliche Fälle erneut auftreten werden. Oder wie der Dramatiker Arthur Miller

einmal sagte: „Am Ende bleibt uns nur zu hoffen, dass wir die richtigen Dinge bereuen.“

¹ Nein, ich bereue nichts.

² hier: missliche Lage

2. Erklären Sie anhand des ganzheitlich-humanistischen Persönlichkeitsmodells nach Rogers, welche Chancen und Risiken der Umgang mit Reuegefühlen mit sich bringt, und nehmen Sie anschließend aus behavioristischer Perspektive zu dieser Erklärung Stellung. (30 Punkte)

a)

b)

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 3 · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl

Hätte, wäre, könnte

Edith Piafs weltberühmtes Chanson „No[n], je ne regrette rien“¹ ist eine Hymne gegen

die Reue. Auch James Bonds Chefin „M“, dargestellt von Judi Dench, findet die Regung

höchst unprofessionell. Und in Friedrich Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ stellt der Dich-

ter gleich zu Beginn klar, Reue sei nur am Kreuz möglich. Das sind lediglich einige Bei-

5 spiele dafür, welch schlechten Ruf es hat zu bereuen. Letzteres liegt vor allem daran, dass

uns dieses Gefühl typischerweise nach einem Scheitern überkommt.

Man versuchte etwas, strebte nach einem Ziel, doch es misslang. Man hätte dieses oder

jenes tun sollen, unterließ es jedoch – oder entschied sich schlichtweg für das Falsche. Oft

leidet der Reumütige selbst darunter, manchmal aber auch andere, etwa die Opfer eines von

10 ihm verschuldeten Unfalls. Gewissensbisse bedürfen dabei stets der Einsicht, dass man einen

Fehler beging. Im Idealfall weiß der Betreffende sogar ganz genau, was er hätte anders

machen sollen. Darüber nachzudenken, ist zwar meist unangenehm, hilft allerdings, ähnliche

Vorfälle zukünftig zu vermeiden.

Immer wieder liest man Berichte von Krankenschwestern oder -pflegern, die notiert haben,

15 was Menschen am Lebensende besonders bereuten. „Ich habe zu wenig Zeit mit der Fami-

lie verbracht“, findet sich häufig darunter, so wie „Ich habe mich zu wenig um mich selbst

gekümmert“ oder „Ich bin nicht genug gereist“. Forscher versuchen durch Interviews oder

Fragebogen mehr über solche „life regrets“ – verpasste oder bereute Lebensereignisse – zu

erfahren.

20 Mike Morrison vom King’s University College in London (Kanada) und Neal Roese von

der Northwestern University in Evanston (USA) untersuchten in einer repräsentativen US-

amerikanischen Stichprobe, auf welchen Feldern Menschen typischerweise bereuen. Zu den

am häufigsten genannten Lebensbereichen zählten: Partnerschaft (19 Prozent), Familie (17

Prozent), Karriere (14 Prozent), Finanzen (10 Prozent) und Elternschaft (9 Prozent).

25 Gemeinsam mit Morrison und Roese fand ich in mehreren Studien auffällige Unterschiede

zwischen zwei großen Lebensbereichen: Arbeit und private Beziehungen. Meist hadern

Menschen im beruflichen Kontext viel weniger als im zwischenmenschlichen. Das liegt

vermutlich daran, dass in letzterem unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit stärker bedroht ist.

Typische Situationen sind etwa Konflikte mit dem Partner, den Eltern oder den Kindern.

30 Diese empfinden wir oft als belastender als etwa Fehlentscheidungen im Job. Mitunter gibt

es aber auch hier Konflikte, die das Bedürfnis nach Zugehörigkeit betreffen: So bringt ein

Arbeitsplatzwechsel häufig soziale Umbrüche mit sich. Spielt dieser Aspekt eine besondere

Rolle, fällt die Reue ebenfalls stärker aus.

Eine wichtige Unterscheidung ist die zwischen der Reue darüber, was man getan hat,

35 und die darüber, was man unterließ. Fragt man Menschen, was sie bereuen, fallen den meis-

ten zunächst mehr Beispiele für bestimmte Handlungen ein. Hat jemand etwa eine Reise

gebucht, die sich später als völlig überteuert und schlecht organisiert erwies, prägt sich dies

ins Gedächtnis ein. Allerdings ergaben Studien der Psychologen Victoria Medvec und

Thomas Gilovich an der Cornell University, dass wir verpasste Chancen, also Momente, in

40 denen wir nicht aktiv wurden, auf lange Sicht sogar stärker bereuen.

Nichtstun ist auch keine Lösung

Die Forscher befragten Probanden nicht nur danach, was ihnen in ihrem Leben leidtat,

sondern auch danach, wie weit das jeweilige Ereignis zurücklag. Bei der Reue über kürzlich

Geschehenes standen aktive Handlungen im Vordergrund; unter den länger zurückliegen-

45 den Patzern fanden sich dagegen mehr „Nicht-Handlungen“ – und diese wurden stärker

bereut als Taten. Verpasste Chancen beschäftigen uns demnach langfristig oft mehr als aktiv

begangene Fehler.

Wie erwähnt löst das Nachdenken über einen persönlichen Fauxpas meist Unwohlsein

aus. Dennoch kann es für die Zukunft wichtig sein. Nehmen wir das folgende Beispiel: Sie

50 verpassen die einmalige Gelegenheit, sich auf eine frei gewordene Position in Ihrem Unter-

nehmen zu bewerben. Es dauerhaft zu bereuen, bringt nichts, denn Sie können die Uhr nun

mal nicht zurückdrehen – die betreffende Stelle ist inzwischen anderweitig besetzt. Zudem

ist unklar, ob die Wahl am Ende wirklich auf Sie gefallen wäre.

Wie Amy Summerville von der Miami University und Neal Roese in einer Studie be-

55 richteten, bereuen wir etwas im Schnitt weniger, wenn das entsprechende Ziel in unerreich-

bare Ferne rückt. Das kann entweder an der speziellen Situation liegen, wie im genannten

Beispiel, aber auch an der Person selbst. Dies haben insbesondere Alternsforscher unter-

sucht. Denn mit zunehmendem Alter schwinden die Chancen, bestimmte Entscheidungen

nachzuholen oder zu korrigieren.

60 Ein Team um Carsten Wrosch von der Concordia University in Toronto (Kanada) fand

heraus, dass Senioren im Schnitt viel weniger bereuen – vor allem nicht solche Dinge, die

kaum (noch) veränderbar erscheinen. Eine sportliche Höchstleistung oder ein grundlegend

neuer Karriereweg scheint jenseits der Sechzig doch eher unrealistisch. An der Fähigkeit,

unerreichbar gewordene Ziele aufzugeben, beweist sich womöglich sogar gesundes Altern.

65 Senioren investieren einfach weniger Herzblut in große Ambitionen und konzentrieren sich

stärker auf das für sie Machbare.

Doch welche gedanklichen Prozesse liegen der Reue überhaupt zu Grunde? Furcht bei-

spielsweise entsteht, wenn man eine akute Bedrohung wahrnimmt und keine Möglichkeit

sieht, sich zu verteidigen. Beim Bereuen ist die Sache komplexer: Blieb ein angestrebtes

70 oder wünschenswertes Ereignis aus, muss man diesen Umstand erstens auf das eigene Ver-

halten zurückführen und zweitens wissen oder zumindest ahnen, was man stattdessen hätte

tun sollen. Hier geht es also um ein hypothetisches Wenn-Dann; Psychologen bezeichnen

das als kontrafaktisches Denken.

Vom Nutzen der Selbstkritik

„Wenn ich früher zu lernen angefangen hätte, wäre ich nicht durch die Prüfung gefal-

75 len.“ Oder: „Wenn ich nicht so stur gewesen wäre, hätte der Abend mit Petra und Karl nett

werden können.“ Derlei Alternativszenarien sind mit ziemlich konkreten Handlungsanwei-

sungen für die Zukunft verknüpft. Reue steigert somit die Wahrscheinlichkeit, dass man die

nächste Prüfung besteht oder sich nicht rettungslos verkracht.

Die genannten Beispiele erfordern noch etwas: Selbstkritik. Der Betreffende hat sich un-

80 geschickt angestellt und sieht das auch ein. Dies zu erkennen, fällt uns beileibe nicht immer

leicht. Häufig fühlen wir uns im Gegenteil von anderen oder vom Schicksal ungerecht be-

handelt und sind nicht bereit, bei uns selbst die Verantwortung zu suchen. So mancher gibt

zum Beispiel lieber dem Lehrer oder Professor die Schuld an der verpatzten Prüfung. Das

mag in Einzelfällen gerechtfertigt sein, ist für den weiteren Studienerfolg aber meist nicht

85 sonderlich hilfreich.

Es kommt hierbei sehr darauf an, welches Ziel man verfolgt: Will ich mich trotz

schlechter Note einfach gut fühlen, nutzt es durchaus, anderen den schwarzen Peter zuzu-

schieben. Will ich es in Zukunft besser machen, sollte ich allerdings selbstkritisch genug

sein, um Reue zu empfinden.

90 Nun könnte man fragen, ob dies nicht langfristig doch zu mehr Wohlbefinden führt als

das fröhliche Ausblenden eigener Fehler und Schwächen. Die Psychologin Laura King von

der University of Missouri (USA) hat sich damit eingehend beschäftigt. Sie untersuchte

Menschen, die einen tief greifenden Umbruch im Leben durchgemacht hatten. Darunter

etwa homosexuelle Männer, die ein spätes Comingout hatten, oder Frauen, die sich nach

95 vielen Jahren von ihrem Ehepartner trennten. Laut King lässt sich subjektives Wohlbefin-

den nicht isoliert von der persönlichen Reifung im Erwachsenenalter betrachten. Für diese

sei es wichtig, über das Geschehene nachzudenken, seine Ziele neu zu justieren und alterna-

tive Pläne für die Zukunft zu schmieden – kurzum: nicht in der Vergangenheit verhaftet zu

bleiben. Begangene Fehler und Verluste zu ignorieren, dient diesem Ziel kaum, denn um

100 beispielsweise nach dem Scheitern einer Beziehung eine neue, glückliche Partnerschaft ein-

zugehen, muss man sein früheres Verhalten kritisch hinterfragen. Daraus erwächst häufig

ein komplexeres, reiferes Selbst, das für eine stabile Gemütslage wichtig ist.

[...]

[Im Alltag] ist [...] nicht immer eine klare Ursache [eines Ereignisses, das bereut wird]

105 erkennbar. Hier spielen daher subjektive Interpretationen und Zuschreibungen eine Rolle –

und diese haben oftmals negative Konsequenzen. Ein drastisches Beispiel lieferte Mitte der

1990er Jahre eine Studie von Christopher Davis von der University of British Columbia in

Vancouver (Kanada) und seinen Kollegen. Sie befragten Eltern, die ihr Baby durch den so

genannten plötzlichen Kindstod verloren hatten. Die genaue Todesursache war also unbe-

110 kannt, und den Eltern war dies auch bewusst. Trotzdem dachten sie sehr viel darüber nach,

was sie hätten anders machen können. Und je mehr sie grübelten, desto schlechter ging es

ihnen. Denn solche Gedanken sind meist von starken Schuldgefühlen begleitet – obwohl

die Eltern nach allem, was man weiß, gar keine Schuld traf.

Offenbar bestimmen längst nicht nur die objektiven Gegebenheiten darüber, was man

115 bereut und ob man darüber grübelt, was man hätte anders machen können. In den beschrie-

benen Situationen sind solche Gedanken oft so belastend, dass die Betreffenden therapeuti-

scher Hilfe bedürfen.

[...]

Wie sieht es nun aus, wenn die Betreffenden zwar durchaus etwas für ihre Malaise² kön-

120 nen, diese aber kaum veränderbar erscheint? Gemeinsam mit dem Psychologen Kai Jonas

von der Universität Maastricht befragte ich niederländische Männer, die sich durch unge-

schützten Geschlechtsverkehr mit HIV infiziert hatten. Hier war das eigene Verhalten also

tatsächlich der ausschlaggebende Faktor. Wie zu erwarten, dachten sie meist intensiv über

die Umstände ihrer Ansteckung nach. Und je mehr sie sich damit befassten, warum sie auf

125 Kondome verzichtet hatten, desto geringer war ihr Wohlbefinden.

Schaden begrenzen statt die Zeit zurückdrehen

An der Infektion an sich war nun nichts mehr zu ändern, auch wenn HIV heute nicht

mehr ganz so dramatische Folgen hat wie noch vor einigen Jahren. Das eigene Verhalten zu

hinterfragen, erscheint für die befragten Männer allerdings nach wie vor relevant, da unge-

130 schützter Verkehr mit HIV-Infizierten natürlich gravierende Folgen für den Sexualpartner

haben kann. Zudem können sich die HIV-Träger mit weiteren sexuell übertragbaren Keimen

infizieren, was bei einem geschwächten Immunsystem durchaus gefährlich ist.

Die Untersuchung zeigte: Je mehr die Probanden bereuten und über die Ansteckung

nachdachten, desto eher waren sie bereit, in Zukunft Kondome zu benutzen. Reue sorgt also

135 einerseits für negatives Befinden, trägt jedoch andererseits dazu bei, dass man Konsequen-

zen zieht und sich die Situation nicht noch weiter verschlimmert.

[...]

Bereuen hat einen schlechten Ruf. Doch statt eines trotzigen „No regrets!“ ist es oft

klüger, über die Ursachen des Scheiterns nachzudenken und abzuwägen, was man anders

140 machen will. Genau dabei hilft Reue. Wichtig ist bei alldem, darauf zu achten, ob eine Situa-

tion nicht mehr zu ändern ist, und das gegebenenfalls zu akzeptieren. Reue nützt vor allem

dann, wenn ähnliche Fälle erneut auftreten werden. Oder wie der Dramatiker Arthur Miller

einmal sagte: „Am Ende bleibt uns nur zu hoffen, dass wir die richtigen Dinge bereuen.“

¹ Nein, ich bereue nichts.

² hier: missliche Lage

3. Prüfen Sie, ob sich der Umgang mit Reue mithilfe des eigenschaftstheoretischen Ansatzes der Persönlichkeit (big five) erfassen lässt, und nehmen Sie zum Schluss Stellung dazu, ob der Umgang mit Reue bei der Auswahl von Führungskräften in einem Unternehmen erfasst werden sollte. (24 Punkte)

a)

b)

Aufgabe 3 · Psychische Störungen und Psychotherapie

Aufgabe 3

Materialgrundlage: Demir, Selin / Marlinghaus, Lisa / Fruck, Josefin / Gloster, Andrew: Annehmen statt vermeiden. In: Gehirn&Geist 5/2021, S. 76 – 80.

Aufgabenstellung:

Arbeiten Sie aus dem Text die Grundannahmen, Ziele und Methoden der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) heraus und weisen Sie nach, dass sich dieses Verfahren dem kognitivistischen Paradigma zuordnen lässt. (24 Punkte)

Vergleichen Sie die Akzeptanz- und Commitmenttherapie mit der Psychoanalyse nach Freud in Bezug auf Grundannahmen, Ziele und Methoden; beziehen Sie dabei auch sein tiefenpsychologisches Persönlichkeitsmodell ein. (30 Punkte)

Erörtern Sie, wie sinnvoll die ACT bei der Behandlung einer Zwangsstörung eingesetzt werden kann. Nehmen Sie zum Schluss Stellung, ob bei einer Zwangsstörung die Akzeptanz- und Commitmenttherapie gegenüber der Psychoanalyse zu bevorzugen ist. (26 Punkte)

1.

2.

3.

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