Abitur NRW Psychologie 2023 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg

Abiturprüfung Psychologie in Nordrhein-Westfalen 2023, LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 9 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Experimente und Studien analysieren · Sozialpsychologische Theorien anwenden · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen · Psychische Störungen und Psychotherapie · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl

Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 1 · Experimente und Studien analysieren

Wenn Teams betrügen

Eine Studie zeigt: Geeignete Regeln für die Haftung können die Compliance in Gruppen erhöhen

Gruppen halten es mit dem Befolgen von Regeln, Normen und Gesetzen weniger streng als

Individuen. Es sei denn, jede Person ist für die finanziellen Konsequenzen der Team-Ent-

scheidung selbst verantwortlich. Eine Studie am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und

öffentliche Finanzen beantwortet die Frage, warum ein Regelbruch im Team leichter geht

5 als alleine und wie man Compliance, also die Regeltreue, fördern kann.

Ob Wirecard-Affäre, CumEx-Skandal oder Abgasmanipulation: Wenn in Organisationen

betrogen wird, sind häufig eine ganze Reihe von Personen involviert. Betrügt es sich in der

Gruppe leichter als alleine? Den Eindruck, den zahlreiche Betrugsfälle vermitteln, bestätigen

Studien aus der Verhaltensökonomie und der Sozialpsychologie. In der Gruppe neigen wir

10 dazu, unehrlicher zu entscheiden als im Alleingang. Sollen wir deswegen ganz auf Team-

arbeit verzichten? Woran liegt es, dass Gruppen Regeln und soziale Normen eher über

Bord werfen? Und was kann man tun, um sie davon abzuhalten? Um diese für Organisatio-

nen und Unternehmen wichtigen Fragen zu beantworten, baten Tim Lohse, Professor an der

Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und Sven Simon, wissenschaftlicher Referent

15 am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, 268 Versuchspersonen

zu einem Laborexperiment.

Kontrolle und Sanktionen

Den Teilnehmenden des Experiments wurde zunächst mittels einer Lotterie ein niedriges

oder hohes Einkommen zugelost 1. Anschließend mussten sie ihren Verdienst angeben und

wussten: Ein hohes Einkommen muss ich versteuern 2. Melde ich ein niedriges Einkommen,

20 gehe ich steuerfrei aus, riskiere aber eine Überprüfung 3. Werde ich mit einer Falschangabe

erwischt, muss ich die Steuern nachzahlen und es droht zudem eine Strafe. Damit unter-

schied sich das Compliance-Experiment von bisherigen verhaltensökonomischen Studien in

einem entscheidenden Punkt: Unehrliche Angaben konnten finanziell sanktioniert werden.

So konnten die Forscher herausfinden, ob Teams angesichts einer möglichen Überprüfung

25 tatsächlich unehrlicher sind als Individuen.

„Wir konnten zeigen, dass Teams nicht grundsätzlich unehrlicher entscheiden, sondern nur

unter bestimmten Umständen: Wenn ein Mitglied einer Gruppe die wirtschaftlichen Konse-

quenzen einer Entscheidung voll selbst tragen muss, ist die Gruppe fast genauso ehrlich wie

das Individuum. Werden aber die Gewinne und Verluste in der Gruppe geteilt, verhalten

30 sich alle tendenziell unehrlicher“, fasst Sven Simon die Studienergebnisse zusammen.

„Um die Compliance einer Gruppe zu erhöhen, empfehlen wir daher Organisationen,

Teammitglieder individuell in Haftung zu nehmen.“

Wichtig ist nicht, wer entscheidet, sondern wer haftet

35 Die Teilnehmenden bestritten die Einkommensangabe in zehn Runden. Im Experiment

wurde zwischen Szenarien variiert, in denen sie die Meldeentscheidung alleine trafen oder

gemeinsam mit einer zufällig zugelosten Versuchsperson im Team 4. Außerdem variierten

die Forscher, ob die potenziellen Gewinne und Strafen aus der unehrlichen Entscheidung

von den einzelnen Versuchspersonen getragen werden mussten oder innerhalb des Teams

40 geteilt wurden, so dass sie insgesamt die Entscheidungen aus vier unterschiedlichen Szena-

rien miteinander vergleichen konnten.

Ein Vergleich zwischen individuellen und Teamentscheidungen zeigte zunächst: Teams

sind auch angesichts einer möglichen Überprüfung unehrlicher als Individuen. Damit bestä-

tigen die Ergebnisse die bisherige Forschung. Doch eine genauere Analyse, die auch die

45 wirtschaftliche Verantwortlichkeit mit einbezog, barg eine überraschende Erkenntnis: Ob

über die Angabe im Team oder von einer Einzelperson entschieden wurde, hatte nur eine

geringe, nicht signifikante Auswirkung auf den Regelverstoß. Stattdessen war die Frage der

Haftung entscheidend: Wurden die möglichen Gewinne und Kosten aus unehrlichen Anga-

ben im Team geteilt, führte dies zu signifikant unehrlicherem Verhalten.

50 Finanzielle Überlegungen wichtiger als moralische

„In der Praxis bedeutet dies für Firmen, dass sie weiterhin auf Arbeit in Teams bauen können

und nicht zu individuellen Entscheidern und damit zu mehr Hierarchie zurückfinden müssen.

Wichtig für die Compliance ist aber, dass jedes Teammitglied voll und nicht nur teilweise

für die ökonomischen Konsequenzen der gemeinsamen Entscheidung haftet“, sagt Tim

55 Lohse. Auch eine Auswertung der protokollierten Chats im Zuge der Team-Entscheidungen

bestätigte, dass sich die Teammitglieder vor allem um das Risiko einer Überprüfung und

um die finanziellen Folgen ihrer Handlung sorgten. Moralische Bedenken bezüglich einer

unehrlichen Entscheidung und die Verletzung sozialer Normen spielten nur eine Neben-

rolle.

60 Dass das gemeinsame Entscheiden von Teams als solches nicht zu einem signifikanten

Anstieg des unehrlichen Verhaltens führte, ist laut Lohse und Simon gute und schlechte

Nachricht zugleich: Positiv ist, dass Teams in Punkto Compliance nicht grundsätzlich

schlechter abschneiden als Individuen. Das liegt möglicherweise daran, dass für die Person,

die im Team betrügen will, zu der eigenen moralischen Überwindung auch noch hinzu-

65 kommt, dass sie ihr Teammitglied überzeugen muss, es auch zu tun. Eine schlechte Nach-

richt wiederum ist, dass es auch dann zum Betrug kommen kann, wenn nur eines von zwei

Teammitgliedern profitiert. Im Experiment zeigten sich 70 Prozent der Personen bereit, für

das andere Teammitglied zu lügen, auch wenn sie selbst finanziell nichts davon hatten. Eine

mögliche Erklärung hierfür ist, dass die moralische Verantwortung für eine Teamentschei-

70 dung von der Außenwelt nur derjenigen Person zugeschrieben wird, die finanziell profitiert.

Fromme Lügen und soziales Bedauern

Dass sich bei gemeinsamer Haftung aller Mitglieder Teams unehrlicher verhalten als Indi-

viduen, könnte laut den Forschern zwei Ursachen haben: Zum einen wiegt die moralische

Verantwortung unter dem Deckmantel der Gruppe möglicherweise leichter. Schließlich

kann der oder die Einzelne seinen Fehltritt damit rechtfertigen, dass er ihn nicht (nur) für

75 sich selbst, sondern für die Gruppe tat. Zum anderen reduziert die gemeinsame Unehrlich-

keit gewisse soziale Risiken. Geteiltes Leid ist halbes Leid: Das Bedauern darüber, dass

eine andere Entscheidung möglicherweise zu höheren Erträgen geführt hätte, wiegt im

Team vielleicht weniger stark, weil man mit dem Elend nicht alleine dasteht. Wenn alle zu

gleichen Teilen von einer Entscheidung profitieren, fällt der soziale Vergleich nicht zu

80 Ungunsten der oder des einzelnen aus.

1 Ein niedriges Einkommen entsprach 8 Euro, ein hohes Einkommen 20 Euro.

2 Bei 20 Euro Einkommen wurden 8 Euro Steuern fällig; wurde fälschlicherweise ein niedriges Einkommen angegeben (8 statt 20 Euro), riskierte man die Steuernachzahlung in Höhe von 8 Euro sowie eine Strafe von 4 Euro.

3 Die Überprüfung trat mit einer 50 %-Wahrscheinlichkeit ein.

4 Jeder Proband erhielt in jeder Runde einen neuen Partner, mit dem er vorher noch nicht zusammen war; nachdem die Probanden die Information über das zugeloste Einkommen erhalten hatten, hatten sie innerhalb der Gruppenbedingung zwei Minuten Zeit, mit dem Partner zu chatten. Die Probanden konnten am Ende das gewonnene Geld von einer durch den Computer zufällig ausgelosten Runde behalten.

1. Analysieren Sie den Versuch, den Tim Lohse und Sven Simon durchgeführt haben. (20 Punkte)

Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 2 · Sozialpsychologische Theorien anwenden

Wenn Teams betrügen

Eine Studie zeigt: Geeignete Regeln für die Haftung können die Compliance in Gruppen erhöhen

Gruppen halten es mit dem Befolgen von Regeln, Normen und Gesetzen weniger streng als

Individuen. Es sei denn, jede Person ist für die finanziellen Konsequenzen der Team-Ent-

scheidung selbst verantwortlich. Eine Studie am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und

öffentliche Finanzen beantwortet die Frage, warum ein Regelbruch im Team leichter geht

5 als alleine und wie man Compliance, also die Regeltreue, fördern kann.

Ob Wirecard-Affäre, CumEx-Skandal oder Abgasmanipulation: Wenn in Organisationen

betrogen wird, sind häufig eine ganze Reihe von Personen involviert. Betrügt es sich in der

Gruppe leichter als alleine? Den Eindruck, den zahlreiche Betrugsfälle vermitteln, bestätigen

Studien aus der Verhaltensökonomie und der Sozialpsychologie. In der Gruppe neigen wir

10 dazu, unehrlicher zu entscheiden als im Alleingang. Sollen wir deswegen ganz auf Team-

arbeit verzichten? Woran liegt es, dass Gruppen Regeln und soziale Normen eher über

Bord werfen? Und was kann man tun, um sie davon abzuhalten? Um diese für Organisatio-

nen und Unternehmen wichtigen Fragen zu beantworten, baten Tim Lohse, Professor an der

Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und Sven Simon, wissenschaftlicher Referent

15 am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, 268 Versuchspersonen

zu einem Laborexperiment.

Kontrolle und Sanktionen

Den Teilnehmenden des Experiments wurde zunächst mittels einer Lotterie ein niedriges

oder hohes Einkommen zugelost 1. Anschließend mussten sie ihren Verdienst angeben und

wussten: Ein hohes Einkommen muss ich versteuern 2. Melde ich ein niedriges Einkommen,

20 gehe ich steuerfrei aus, riskiere aber eine Überprüfung 3. Werde ich mit einer Falschangabe

erwischt, muss ich die Steuern nachzahlen und es droht zudem eine Strafe. Damit unter-

schied sich das Compliance-Experiment von bisherigen verhaltensökonomischen Studien in

einem entscheidenden Punkt: Unehrliche Angaben konnten finanziell sanktioniert werden.

So konnten die Forscher herausfinden, ob Teams angesichts einer möglichen Überprüfung

25 tatsächlich unehrlicher sind als Individuen.

„Wir konnten zeigen, dass Teams nicht grundsätzlich unehrlicher entscheiden, sondern nur

unter bestimmten Umständen: Wenn ein Mitglied einer Gruppe die wirtschaftlichen Konse-

quenzen einer Entscheidung voll selbst tragen muss, ist die Gruppe fast genauso ehrlich wie

das Individuum. Werden aber die Gewinne und Verluste in der Gruppe geteilt, verhalten

30 sich alle tendenziell unehrlicher“, fasst Sven Simon die Studienergebnisse zusammen.

„Um die Compliance einer Gruppe zu erhöhen, empfehlen wir daher Organisationen,

Teammitglieder individuell in Haftung zu nehmen.“

Wichtig ist nicht, wer entscheidet, sondern wer haftet

35 Die Teilnehmenden bestritten die Einkommensangabe in zehn Runden. Im Experiment

wurde zwischen Szenarien variiert, in denen sie die Meldeentscheidung alleine trafen oder

gemeinsam mit einer zufällig zugelosten Versuchsperson im Team 4. Außerdem variierten

die Forscher, ob die potenziellen Gewinne und Strafen aus der unehrlichen Entscheidung

von den einzelnen Versuchspersonen getragen werden mussten oder innerhalb des Teams

40 geteilt wurden, so dass sie insgesamt die Entscheidungen aus vier unterschiedlichen Szena-

rien miteinander vergleichen konnten.

Ein Vergleich zwischen individuellen und Teamentscheidungen zeigte zunächst: Teams

sind auch angesichts einer möglichen Überprüfung unehrlicher als Individuen. Damit bestä-

tigen die Ergebnisse die bisherige Forschung. Doch eine genauere Analyse, die auch die

45 wirtschaftliche Verantwortlichkeit mit einbezog, barg eine überraschende Erkenntnis: Ob

über die Angabe im Team oder von einer Einzelperson entschieden wurde, hatte nur eine

geringe, nicht signifikante Auswirkung auf den Regelverstoß. Stattdessen war die Frage der

Haftung entscheidend: Wurden die möglichen Gewinne und Kosten aus unehrlichen Anga-

ben im Team geteilt, führte dies zu signifikant unehrlicherem Verhalten.

50 Finanzielle Überlegungen wichtiger als moralische

„In der Praxis bedeutet dies für Firmen, dass sie weiterhin auf Arbeit in Teams bauen können

und nicht zu individuellen Entscheidern und damit zu mehr Hierarchie zurückfinden müssen.

Wichtig für die Compliance ist aber, dass jedes Teammitglied voll und nicht nur teilweise

für die ökonomischen Konsequenzen der gemeinsamen Entscheidung haftet“, sagt Tim

55 Lohse. Auch eine Auswertung der protokollierten Chats im Zuge der Team-Entscheidungen

bestätigte, dass sich die Teammitglieder vor allem um das Risiko einer Überprüfung und

um die finanziellen Folgen ihrer Handlung sorgten. Moralische Bedenken bezüglich einer

unehrlichen Entscheidung und die Verletzung sozialer Normen spielten nur eine Neben-

rolle.

60 Dass das gemeinsame Entscheiden von Teams als solches nicht zu einem signifikanten

Anstieg des unehrlichen Verhaltens führte, ist laut Lohse und Simon gute und schlechte

Nachricht zugleich: Positiv ist, dass Teams in Punkto Compliance nicht grundsätzlich

schlechter abschneiden als Individuen. Das liegt möglicherweise daran, dass für die Person,

die im Team betrügen will, zu der eigenen moralischen Überwindung auch noch hinzu-

65 kommt, dass sie ihr Teammitglied überzeugen muss, es auch zu tun. Eine schlechte Nach-

richt wiederum ist, dass es auch dann zum Betrug kommen kann, wenn nur eines von zwei

Teammitgliedern profitiert. Im Experiment zeigten sich 70 Prozent der Personen bereit, für

das andere Teammitglied zu lügen, auch wenn sie selbst finanziell nichts davon hatten. Eine

mögliche Erklärung hierfür ist, dass die moralische Verantwortung für eine Teamentschei-

70 dung von der Außenwelt nur derjenigen Person zugeschrieben wird, die finanziell profitiert.

Fromme Lügen und soziales Bedauern

Dass sich bei gemeinsamer Haftung aller Mitglieder Teams unehrlicher verhalten als Indi-

viduen, könnte laut den Forschern zwei Ursachen haben: Zum einen wiegt die moralische

Verantwortung unter dem Deckmantel der Gruppe möglicherweise leichter. Schließlich

kann der oder die Einzelne seinen Fehltritt damit rechtfertigen, dass er ihn nicht (nur) für

75 sich selbst, sondern für die Gruppe tat. Zum anderen reduziert die gemeinsame Unehrlich-

keit gewisse soziale Risiken. Geteiltes Leid ist halbes Leid: Das Bedauern darüber, dass

eine andere Entscheidung möglicherweise zu höheren Erträgen geführt hätte, wiegt im

Team vielleicht weniger stark, weil man mit dem Elend nicht alleine dasteht. Wenn alle zu

gleichen Teilen von einer Entscheidung profitieren, fällt der soziale Vergleich nicht zu

80 Ungunsten der oder des einzelnen aus.

1 Ein niedriges Einkommen entsprach 8 Euro, ein hohes Einkommen 20 Euro.

2 Bei 20 Euro Einkommen wurden 8 Euro Steuern fällig; wurde fälschlicherweise ein niedriges Einkommen angegeben (8 statt 20 Euro), riskierte man die Steuernachzahlung in Höhe von 8 Euro sowie eine Strafe von 4 Euro.

3 Die Überprüfung trat mit einer 50 %-Wahrscheinlichkeit ein.

4 Jeder Proband erhielt in jeder Runde einen neuen Partner, mit dem er vorher noch nicht zusammen war; nachdem die Probanden die Information über das zugeloste Einkommen erhalten hatten, hatten sie innerhalb der Gruppenbedingung zwei Minuten Zeit, mit dem Partner zu chatten. Die Probanden konnten am Ende das gewonnene Geld von einer durch den Computer zufällig ausgelosten Runde behalten.

2. Erklären Sie die Resultate des Experiments mithilfe der Dissonanztheorie und der Theorien zum konformen Verhalten sowie aus tiefenpsychologischer Perspektive unter Heranziehung des passenden Persönlichkeitsmodells. (34 Punkte)

Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 3 · Experimente und Studien analysieren

Wenn Teams betrügen

Eine Studie zeigt: Geeignete Regeln für die Haftung können die Compliance in Gruppen erhöhen

Gruppen halten es mit dem Befolgen von Regeln, Normen und Gesetzen weniger streng als

Individuen. Es sei denn, jede Person ist für die finanziellen Konsequenzen der Team-Ent-

scheidung selbst verantwortlich. Eine Studie am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und

öffentliche Finanzen beantwortet die Frage, warum ein Regelbruch im Team leichter geht

5 als alleine und wie man Compliance, also die Regeltreue, fördern kann.

Ob Wirecard-Affäre, CumEx-Skandal oder Abgasmanipulation: Wenn in Organisationen

betrogen wird, sind häufig eine ganze Reihe von Personen involviert. Betrügt es sich in der

Gruppe leichter als alleine? Den Eindruck, den zahlreiche Betrugsfälle vermitteln, bestätigen

Studien aus der Verhaltensökonomie und der Sozialpsychologie. In der Gruppe neigen wir

10 dazu, unehrlicher zu entscheiden als im Alleingang. Sollen wir deswegen ganz auf Team-

arbeit verzichten? Woran liegt es, dass Gruppen Regeln und soziale Normen eher über

Bord werfen? Und was kann man tun, um sie davon abzuhalten? Um diese für Organisatio-

nen und Unternehmen wichtigen Fragen zu beantworten, baten Tim Lohse, Professor an der

Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und Sven Simon, wissenschaftlicher Referent

15 am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, 268 Versuchspersonen

zu einem Laborexperiment.

Kontrolle und Sanktionen

Den Teilnehmenden des Experiments wurde zunächst mittels einer Lotterie ein niedriges

oder hohes Einkommen zugelost 1. Anschließend mussten sie ihren Verdienst angeben und

wussten: Ein hohes Einkommen muss ich versteuern 2. Melde ich ein niedriges Einkommen,

20 gehe ich steuerfrei aus, riskiere aber eine Überprüfung 3. Werde ich mit einer Falschangabe

erwischt, muss ich die Steuern nachzahlen und es droht zudem eine Strafe. Damit unter-

schied sich das Compliance-Experiment von bisherigen verhaltensökonomischen Studien in

einem entscheidenden Punkt: Unehrliche Angaben konnten finanziell sanktioniert werden.

So konnten die Forscher herausfinden, ob Teams angesichts einer möglichen Überprüfung

25 tatsächlich unehrlicher sind als Individuen.

„Wir konnten zeigen, dass Teams nicht grundsätzlich unehrlicher entscheiden, sondern nur

unter bestimmten Umständen: Wenn ein Mitglied einer Gruppe die wirtschaftlichen Konse-

quenzen einer Entscheidung voll selbst tragen muss, ist die Gruppe fast genauso ehrlich wie

das Individuum. Werden aber die Gewinne und Verluste in der Gruppe geteilt, verhalten

30 sich alle tendenziell unehrlicher“, fasst Sven Simon die Studienergebnisse zusammen.

„Um die Compliance einer Gruppe zu erhöhen, empfehlen wir daher Organisationen,

Teammitglieder individuell in Haftung zu nehmen.“

Wichtig ist nicht, wer entscheidet, sondern wer haftet

35 Die Teilnehmenden bestritten die Einkommensangabe in zehn Runden. Im Experiment

wurde zwischen Szenarien variiert, in denen sie die Meldeentscheidung alleine trafen oder

gemeinsam mit einer zufällig zugelosten Versuchsperson im Team 4. Außerdem variierten

die Forscher, ob die potenziellen Gewinne und Strafen aus der unehrlichen Entscheidung

von den einzelnen Versuchspersonen getragen werden mussten oder innerhalb des Teams

40 geteilt wurden, so dass sie insgesamt die Entscheidungen aus vier unterschiedlichen Szena-

rien miteinander vergleichen konnten.

Ein Vergleich zwischen individuellen und Teamentscheidungen zeigte zunächst: Teams

sind auch angesichts einer möglichen Überprüfung unehrlicher als Individuen. Damit bestä-

tigen die Ergebnisse die bisherige Forschung. Doch eine genauere Analyse, die auch die

45 wirtschaftliche Verantwortlichkeit mit einbezog, barg eine überraschende Erkenntnis: Ob

über die Angabe im Team oder von einer Einzelperson entschieden wurde, hatte nur eine

geringe, nicht signifikante Auswirkung auf den Regelverstoß. Stattdessen war die Frage der

Haftung entscheidend: Wurden die möglichen Gewinne und Kosten aus unehrlichen Anga-

ben im Team geteilt, führte dies zu signifikant unehrlicherem Verhalten.

50 Finanzielle Überlegungen wichtiger als moralische

„In der Praxis bedeutet dies für Firmen, dass sie weiterhin auf Arbeit in Teams bauen können

und nicht zu individuellen Entscheidern und damit zu mehr Hierarchie zurückfinden müssen.

Wichtig für die Compliance ist aber, dass jedes Teammitglied voll und nicht nur teilweise

für die ökonomischen Konsequenzen der gemeinsamen Entscheidung haftet“, sagt Tim

55 Lohse. Auch eine Auswertung der protokollierten Chats im Zuge der Team-Entscheidungen

bestätigte, dass sich die Teammitglieder vor allem um das Risiko einer Überprüfung und

um die finanziellen Folgen ihrer Handlung sorgten. Moralische Bedenken bezüglich einer

unehrlichen Entscheidung und die Verletzung sozialer Normen spielten nur eine Neben-

rolle.

60 Dass das gemeinsame Entscheiden von Teams als solches nicht zu einem signifikanten

Anstieg des unehrlichen Verhaltens führte, ist laut Lohse und Simon gute und schlechte

Nachricht zugleich: Positiv ist, dass Teams in Punkto Compliance nicht grundsätzlich

schlechter abschneiden als Individuen. Das liegt möglicherweise daran, dass für die Person,

die im Team betrügen will, zu der eigenen moralischen Überwindung auch noch hinzu-

65 kommt, dass sie ihr Teammitglied überzeugen muss, es auch zu tun. Eine schlechte Nach-

richt wiederum ist, dass es auch dann zum Betrug kommen kann, wenn nur eines von zwei

Teammitgliedern profitiert. Im Experiment zeigten sich 70 Prozent der Personen bereit, für

das andere Teammitglied zu lügen, auch wenn sie selbst finanziell nichts davon hatten. Eine

mögliche Erklärung hierfür ist, dass die moralische Verantwortung für eine Teamentschei-

70 dung von der Außenwelt nur derjenigen Person zugeschrieben wird, die finanziell profitiert.

Fromme Lügen und soziales Bedauern

Dass sich bei gemeinsamer Haftung aller Mitglieder Teams unehrlicher verhalten als Indi-

viduen, könnte laut den Forschern zwei Ursachen haben: Zum einen wiegt die moralische

Verantwortung unter dem Deckmantel der Gruppe möglicherweise leichter. Schließlich

kann der oder die Einzelne seinen Fehltritt damit rechtfertigen, dass er ihn nicht (nur) für

75 sich selbst, sondern für die Gruppe tat. Zum anderen reduziert die gemeinsame Unehrlich-

keit gewisse soziale Risiken. Geteiltes Leid ist halbes Leid: Das Bedauern darüber, dass

eine andere Entscheidung möglicherweise zu höheren Erträgen geführt hätte, wiegt im

Team vielleicht weniger stark, weil man mit dem Elend nicht alleine dasteht. Wenn alle zu

gleichen Teilen von einer Entscheidung profitieren, fällt der soziale Vergleich nicht zu

80 Ungunsten der oder des einzelnen aus.

1 Ein niedriges Einkommen entsprach 8 Euro, ein hohes Einkommen 20 Euro.

2 Bei 20 Euro Einkommen wurden 8 Euro Steuern fällig; wurde fälschlicherweise ein niedriges Einkommen angegeben (8 statt 20 Euro), riskierte man die Steuernachzahlung in Höhe von 8 Euro sowie eine Strafe von 4 Euro.

3 Die Überprüfung trat mit einer 50 %-Wahrscheinlichkeit ein.

4 Jeder Proband erhielt in jeder Runde einen neuen Partner, mit dem er vorher noch nicht zusammen war; nachdem die Probanden die Information über das zugeloste Einkommen erhalten hatten, hatten sie innerhalb der Gruppenbedingung zwei Minuten Zeit, mit dem Partner zu chatten. Die Probanden konnten am Ende das gewonnene Geld von einer durch den Computer zufällig ausgelosten Runde behalten.

3. Nehmen Sie Stellung, ob eher die sozialpsychologischen oder eher die persönlichkeitspsychologischen Deutungen der Ergebnisse den Vorzug verdienen, und prüfen Sie zudem anhand der Testgütekriterien, inwieweit sich die Ergebnisse des Experiments verallgemeinern lassen. (26 Punkte)

Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 1 · Sozialpsychologische Theorien anwenden

Hätte, wäre, könnte

Edith Piafs weltberühmtes Chanson „No[n], je ne regrette rien“ 1 ist eine Hymne gegen

die Reue. Auch James Bonds Chefin „M“, dargestellt von Judi Dench, findet die Regung

höchst unprofessionell. Und in Friedrich Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ stellt der Dich-

ter gleich zu Beginn klar, Reue sei nur am Kreuz möglich. Das sind lediglich einige Bei-

5 spiele dafür, welch schlechten Ruf es hat zu bereuen. Letzteres liegt vor allem daran, dass

uns dieses Gefühl typischerweise nach einem Scheitern überkommt.

Man versuchte etwas, strebte nach einem Ziel, doch es misslang. Man hätte dieses oder

jenes tun sollen, unterließ es jedoch – oder entschied sich schlichtweg für das Falsche. Oft

leidet der Reumütige selbst darunter, manchmal aber auch andere, etwa die Opfer eines von

10 ihm verschuldeten Unfalls. Gewissensbisse bedürfen dabei stets der Einsicht, dass man einen

Fehler beging. Im Idealfall weiß der Betreffende sogar ganz genau, was er hätte anders

machen sollen. Darüber nachzudenken, ist zwar meist unangenehm, hilft allerdings, ähnliche

Vorfälle zukünftig zu vermeiden.

Immer wieder liest man Berichte von Krankenschwestern oder -pflegern, die notiert haben,

15 was Menschen am Lebensende besonders bereuten. „Ich habe zu wenig Zeit mit der Fami-

lie verbracht“, findet sich häufig darunter, so wie „Ich habe mich zu wenig um mich selbst

gekümmert“ oder „Ich bin nicht genug gereist“. Forscher versuchen durch Interviews oder

Fragebogen mehr über solche „life regrets“ – verpasste oder bereute Lebensereignisse – zu

erfahren.

20 Mike Morrison vom King’s University College in London (Kanada) und Neal Roese von

der Northwestern University in Evanston (USA) untersuchten in einer repräsentativen US-

amerikanischen Stichprobe, auf welchen Feldern Menschen typischerweise bereuen. Zu den

am häufigsten genannten Lebensbereichen zählten: Partnerschaft (19 Prozent), Familie (17

Prozent), Karriere (14 Prozent), Finanzen (10 Prozent) und Elternschaft (9 Prozent).

25 Gemeinsam mit Morrison und Roese fand ich in mehreren Studien auffällige Unterschiede

zwischen zwei großen Lebensbereichen: Arbeit und private Beziehungen. Meist hadern

Menschen im beruflichen Kontext viel weniger als im zwischenmenschlichen. Das liegt

vermutlich daran, dass in letzterem unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit stärker bedroht ist.

Typische Situationen sind etwa Konflikte mit dem Partner, den Eltern oder den Kindern.

30 Diese empfinden wir oft als belastender als etwa Fehlentscheidungen im Job. Mitunter gibt

es aber auch hier Konflikte, die das Bedürfnis nach Zugehörigkeit betreffen: So bringt ein

Arbeitsplatzwechsel häufig soziale Umbrüche mit sich. Spielt dieser Aspekt eine besondere

Rolle, fällt die Reue ebenfalls stärker aus.

Eine wichtige Unterscheidung ist die zwischen der Reue darüber, was man getan hat,

35 und die darüber, was man unterließ. Fragt man Menschen, was sie bereuen, fallen den meis-

ten zunächst mehr Beispiele für bestimmte Handlungen ein. Hat jemand etwa eine Reise

gebucht, die sich später als völlig überteuert und schlecht organisiert erwies, prägt sich dies

ins Gedächtnis ein. Allerdings ergaben Studien der Psychologen Victoria Medvec und

Thomas Gilovich an der Cornell University, dass wir verpasste Chancen, also Momente, in

40 denen wir nicht aktiv wurden, auf lange Sicht sogar stärker bereuen.

Nichtstun ist auch keine Lösung

Die Forscher befragten Probanden nicht nur danach, was ihnen in ihrem Leben leidtat,

sondern auch danach, wie weit das jeweilige Ereignis zurücklag. Bei der Reue über kürzlich

Geschehenes standen aktive Handlungen im Vordergrund; unter den länger zurückliegen-

45 den Patzern fanden sich dagegen mehr „Nicht-Handlungen“ – und diese wurden stärker

bereut als Taten. Verpasste Chancen beschäftigen uns demnach langfristig oft mehr als aktiv

begangene Fehler.

Wie erwähnt löst das Nachdenken über einen persönlichen Fauxpas meist Unwohlsein

aus. Dennoch kann es für die Zukunft wichtig sein. Nehmen wir das folgende Beispiel: Sie

50 verpassen die einmalige Gelegenheit, sich auf eine frei gewordene Position in Ihrem Unter-

nehmen zu bewerben. Es dauerhaft zu bereuen, bringt nichts, denn Sie können die Uhr nun

mal nicht zurückdrehen – die betreffende Stelle ist inzwischen anderweitig besetzt. Zudem

ist unklar, ob die Wahl am Ende wirklich auf Sie gefallen wäre.

Wie Amy Summerville von der Miami University und Neal Roese in einer Studie be-

55 richteten, bereuen wir etwas im Schnitt weniger, wenn das entsprechende Ziel in unerreich-

bare Ferne rückt. Das kann entweder an der speziellen Situation liegen, wie im genannten

Beispiel, aber auch an der Person selbst. Dies haben insbesondere Alternsforscher unter-

sucht. Denn mit zunehmendem Alter schwinden die Chancen, bestimmte Entscheidungen

nachzuholen oder zu korrigieren.

60 Ein Team um Carsten Wrosch von der Concordia University in Toronto (Kanada) fand

heraus, dass Senioren im Schnitt viel weniger bereuen – vor allem nicht solche Dinge, die

kaum (noch) veränderbar erscheinen. Eine sportliche Höchstleistung oder ein grundlegend

neuer Karriereweg scheint jenseits der Sechzig doch eher unrealistisch. An der Fähigkeit,

unerreichbar gewordene Ziele aufzugeben, beweist sich womöglich sogar gesundes Altern.

65 Senioren investieren einfach weniger Herzblut in große Ambitionen und konzentrieren sich

stärker auf das für sie Machbare.

Doch welche gedanklichen Prozesse liegen der Reue überhaupt zu Grunde? Furcht bei-

spielsweise entsteht, wenn man eine akute Bedrohung wahrnimmt und keine Möglichkeit

sieht, sich zu verteidigen. Beim Bereuen ist die Sache komplexer: Blieb ein angestrebtes

70 oder wünschenswertes Ereignis aus, muss man diesen Umstand erstens auf das eigene Ver-

halten zurückführen und zweitens wissen oder zumindest ahnen, was man stattdessen hätte

tun sollen. Hier geht es also um ein hypothetisches Wenn-Dann; Psychologen bezeichnen

das als kontrafaktisches Denken.

Vom Nutzen der Selbstkritik

75 „Wenn ich früher zu lernen angefangen hätte, wäre ich nicht durch die Prüfung gefal-

len.“ Oder: „Wenn ich nicht so stur gewesen wäre, hätte der Abend mit Petra und Karl nett

werden können.“ Derlei Alternativszenarien sind mit ziemlich konkreten Handlungsanwei-

sungen für die Zukunft verknüpft. Reue steigert somit die Wahrscheinlichkeit, dass man die

nächste Prüfung besteht oder sich nicht rettungslos verkracht.

80 Die genannten Beispiele erfordern noch etwas: Selbstkritik. Der Betreffende hat sich un-

geschickt angestellt und sieht das auch ein. Dies zu erkennen, fällt uns beileibe nicht immer

leicht. Häufig fühlen wir uns im Gegenteil von anderen oder vom Schicksal ungerecht be-

handelt und sind nicht bereit, bei uns selbst die Verantwortung zu suchen. So mancher gibt

zum Beispiel lieber dem Lehrer oder Professor die Schuld an der verpatzten Prüfung. Das

85 mag in Einzelfällen gerechtfertigt sein, ist für den weiteren Studienerfolg aber meist nicht

sonderlich hilfreich.

Es kommt hierbei sehr darauf an, welches Ziel man verfolgt: Will ich mich trotz

schlechter Note einfach gut fühlen, nutzt es durchaus, anderen den schwarzen Peter zuzu-

schieben. Will ich es in Zukunft besser machen, sollte ich allerdings selbstkritisch genug

90 sein, um Reue zu empfinden.

Nun könnte man fragen, ob dies nicht langfristig doch zu mehr Wohlbefinden führt als

das fröhliche Ausblenden eigener Fehler und Schwächen. Die Psychologin Laura King von

der University of Missouri (USA) hat sich damit eingehend beschäftigt. Sie untersuchte

Menschen, die einen tief greifenden Umbruch im Leben durchgemacht hatten. Darunter

95 etwa homosexuelle Männer, die ein spätes Comingout hatten, oder Frauen, die sich nach

vielen Jahren von ihrem Ehepartner trennten. Laut King lässt sich subjektives Wohlbefin-

den nicht isoliert von der persönlichen Reifung im Erwachsenenalter betrachten. Für diese

sei es wichtig, über das Geschehene nachzudenken, seine Ziele neu zu justieren und alterna-

tive Pläne für die Zukunft zu schmieden – kurzum: nicht in der Vergangenheit verhaftet zu

100 bleiben. Begangene Fehler und Verluste zu ignorieren, dient diesem Ziel kaum, denn um

beispielsweise nach dem Scheitern einer Beziehung eine neue, glückliche Partnerschaft ein-

zugehen, muss man sein früheres Verhalten kritisch hinterfragen. Daraus erwächst häufig

ein komplexeres, reiferes Selbst, das für eine stabile Gemütslage wichtig ist.

[...]

105 [Im Alltag] ist [...] nicht immer eine klare Ursache [eines Ereignisses, das bereut wird]

erkennbar. Hier spielen daher subjektive Interpretationen und Zuschreibungen eine Rolle –

und diese haben oftmals negative Konsequenzen. Ein drastisches Beispiel lieferte Mitte der

1990er Jahre eine Studie von Christopher Davis von der University of British Columbia in

Vancouver (Kanada) und seinen Kollegen. Sie befragten Eltern, die ihr Baby durch den so

110 genannten plötzlichen Kindstod verloren hatten. Die genaue Todesursache war also unbe-

kannt, und den Eltern war dies auch bewusst. Trotzdem dachten sie sehr viel darüber nach,

was sie hätten anders machen können. Und je mehr sie grübelten, desto schlechter ging es

ihnen. Denn solche Gedanken sind meist von starken Schuldgefühlen begleitet – obwohl

die Eltern nach allem, was man weiß, gar keine Schuld traf.

115 Offenbar bestimmen längst nicht nur die objektiven Gegebenheiten darüber, was man

bereut und ob man darüber grübelt, was man hätte anders machen können. In den beschrie-

benen Situationen sind solche Gedanken oft so belastend, dass die Betreffenden therapeuti-

scher Hilfe bedürfen.

[...]

120 Wie sieht es nun aus, wenn die Betreffenden zwar durchaus etwas für ihre Malaise 2 kön-

nen, diese aber kaum veränderbar erscheint? Gemeinsam mit dem Psychologen Kai Jonas

von der Universität Maastricht befragte ich niederländische Männer, die sich durch unge-

schützten Geschlechtsverkehr mit HIV infiziert hatten. Hier war das eigene Verhalten also

tatsächlich der ausschlaggebende Faktor. Wie zu erwarten, dachten sie meist intensiv über

125 die Umstände ihrer Ansteckung nach. Und je mehr sie sich damit befassten, warum sie auf

Kondome verzichtet hatten, desto geringer war ihr Wohlbefinden.

Schaden begrenzen statt die Zeit zurückdrehen

An der Infektion an sich war nun nichts mehr zu ändern, auch wenn HIV heute nicht

mehr ganz so dramatische Folgen hat wie noch vor einigen Jahren. Das eigene Verhalten zu

130 hinterfragen, erscheint für die befragten Männer allerdings nach wie vor relevant, da unge-

schützter Verkehr mit HIV-Infizierten natürlich gravierende Folgen für den Sexualpartner

haben kann. Zudem können sich die HIV-Träger mit weiteren sexuell übertragbaren Keimen

infizieren, was bei einem geschwächten Immunsystem durchaus gefährlich ist.

Die Untersuchung zeigte: Je mehr die Probanden bereuten und über die Ansteckung

135 nachdachten, desto eher waren sie bereit, in Zukunft Kondome zu benutzen. Reue sorgt also

einerseits für negatives Befinden, trägt jedoch andererseits dazu bei, dass man Konsequen-

zen zieht und sich die Situation nicht noch weiter verschlimmert.

[...]

Bereuen hat einen schlechten Ruf. Doch statt eines trotzigen „No regrets!“ ist es oft

140 klüger, über die Ursachen des Scheiterns nachzudenken und abzuwägen, was man anders

machen will. Genau dabei hilft Reue. Wichtig ist bei alldem, darauf zu achten, ob eine Situa-

tion nicht mehr zu ändern ist, und das gegebenenfalls zu akzeptieren. Reue nützt vor allem

dann, wenn ähnliche Fälle erneut auftreten werden. Oder wie der Dramatiker Arthur Miller

einmal sagte: „Am Ende bleibt uns nur zu hoffen, dass wir die richtigen Dinge bereuen.“

1 Nein, ich bereue nichts.

2 hier: missliche Lage

Aus: Kai Epstude: Hätte, wäre, könnte. In: Gehirn&Geist, 10/2019, S. 32–37.

Aufgabenstellung 1

Arbeiten Sie aus dem Text strukturiert heraus, was der Autor zum Thema Reue darlegt, und bringen Sie die Möglichkeiten, mit Reuegefühlen umzugehen, mit der Kausalattribution in Zusammenhang. (26 Punkte)

Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 2 · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen

Hätte, wäre, könnte

Edith Piafs weltberühmtes Chanson „No[n], je ne regrette rien“ 1 ist eine Hymne gegen

die Reue. Auch James Bonds Chefin „M“, dargestellt von Judi Dench, findet die Regung

höchst unprofessionell. Und in Friedrich Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ stellt der Dich-

ter gleich zu Beginn klar, Reue sei nur am Kreuz möglich. Das sind lediglich einige Bei-

5 spiele dafür, welch schlechten Ruf es hat zu bereuen. Letzteres liegt vor allem daran, dass

uns dieses Gefühl typischerweise nach einem Scheitern überkommt.

Man versuchte etwas, strebte nach einem Ziel, doch es misslang. Man hätte dieses oder

jenes tun sollen, unterließ es jedoch – oder entschied sich schlichtweg für das Falsche. Oft

leidet der Reumütige selbst darunter, manchmal aber auch andere, etwa die Opfer eines von

10 ihm verschuldeten Unfalls. Gewissensbisse bedürfen dabei stets der Einsicht, dass man einen

Fehler beging. Im Idealfall weiß der Betreffende sogar ganz genau, was er hätte anders

machen sollen. Darüber nachzudenken, ist zwar meist unangenehm, hilft allerdings, ähnliche

Vorfälle zukünftig zu vermeiden.

Immer wieder liest man Berichte von Krankenschwestern oder -pflegern, die notiert haben,

15 was Menschen am Lebensende besonders bereuten. „Ich habe zu wenig Zeit mit der Fami-

lie verbracht“, findet sich häufig darunter, so wie „Ich habe mich zu wenig um mich selbst

gekümmert“ oder „Ich bin nicht genug gereist“. Forscher versuchen durch Interviews oder

Fragebogen mehr über solche „life regrets“ – verpasste oder bereute Lebensereignisse – zu

erfahren.

20 Mike Morrison vom King’s University College in London (Kanada) und Neal Roese von

der Northwestern University in Evanston (USA) untersuchten in einer repräsentativen US-

amerikanischen Stichprobe, auf welchen Feldern Menschen typischerweise bereuen. Zu den

am häufigsten genannten Lebensbereichen zählten: Partnerschaft (19 Prozent), Familie (17

Prozent), Karriere (14 Prozent), Finanzen (10 Prozent) und Elternschaft (9 Prozent).

25 Gemeinsam mit Morrison und Roese fand ich in mehreren Studien auffällige Unterschiede

zwischen zwei großen Lebensbereichen: Arbeit und private Beziehungen. Meist hadern

Menschen im beruflichen Kontext viel weniger als im zwischenmenschlichen. Das liegt

vermutlich daran, dass in letzterem unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit stärker bedroht ist.

Typische Situationen sind etwa Konflikte mit dem Partner, den Eltern oder den Kindern.

30 Diese empfinden wir oft als belastender als etwa Fehlentscheidungen im Job. Mitunter gibt

es aber auch hier Konflikte, die das Bedürfnis nach Zugehörigkeit betreffen: So bringt ein

Arbeitsplatzwechsel häufig soziale Umbrüche mit sich. Spielt dieser Aspekt eine besondere

Rolle, fällt die Reue ebenfalls stärker aus.

Eine wichtige Unterscheidung ist die zwischen der Reue darüber, was man getan hat,

35 und die darüber, was man unterließ. Fragt man Menschen, was sie bereuen, fallen den meis-

ten zunächst mehr Beispiele für bestimmte Handlungen ein. Hat jemand etwa eine Reise

gebucht, die sich später als völlig überteuert und schlecht organisiert erwies, prägt sich dies

ins Gedächtnis ein. Allerdings ergaben Studien der Psychologen Victoria Medvec und

Thomas Gilovich an der Cornell University, dass wir verpasste Chancen, also Momente, in

40 denen wir nicht aktiv wurden, auf lange Sicht sogar stärker bereuen.

Nichtstun ist auch keine Lösung

Die Forscher befragten Probanden nicht nur danach, was ihnen in ihrem Leben leidtat,

sondern auch danach, wie weit das jeweilige Ereignis zurücklag. Bei der Reue über kürzlich

Geschehenes standen aktive Handlungen im Vordergrund; unter den länger zurückliegen-

45 den Patzern fanden sich dagegen mehr „Nicht-Handlungen“ – und diese wurden stärker

bereut als Taten. Verpasste Chancen beschäftigen uns demnach langfristig oft mehr als aktiv

begangene Fehler.

Wie erwähnt löst das Nachdenken über einen persönlichen Fauxpas meist Unwohlsein

aus. Dennoch kann es für die Zukunft wichtig sein. Nehmen wir das folgende Beispiel: Sie

50 verpassen die einmalige Gelegenheit, sich auf eine frei gewordene Position in Ihrem Unter-

nehmen zu bewerben. Es dauerhaft zu bereuen, bringt nichts, denn Sie können die Uhr nun

mal nicht zurückdrehen – die betreffende Stelle ist inzwischen anderweitig besetzt. Zudem

ist unklar, ob die Wahl am Ende wirklich auf Sie gefallen wäre.

Wie Amy Summerville von der Miami University und Neal Roese in einer Studie be-

55 richteten, bereuen wir etwas im Schnitt weniger, wenn das entsprechende Ziel in unerreich-

bare Ferne rückt. Das kann entweder an der speziellen Situation liegen, wie im genannten

Beispiel, aber auch an der Person selbst. Dies haben insbesondere Alternsforscher unter-

sucht. Denn mit zunehmendem Alter schwinden die Chancen, bestimmte Entscheidungen

nachzuholen oder zu korrigieren.

60 Ein Team um Carsten Wrosch von der Concordia University in Toronto (Kanada) fand

heraus, dass Senioren im Schnitt viel weniger bereuen – vor allem nicht solche Dinge, die

kaum (noch) veränderbar erscheinen. Eine sportliche Höchstleistung oder ein grundlegend

neuer Karriereweg scheint jenseits der Sechzig doch eher unrealistisch. An der Fähigkeit,

unerreichbar gewordene Ziele aufzugeben, beweist sich womöglich sogar gesundes Altern.

65 Senioren investieren einfach weniger Herzblut in große Ambitionen und konzentrieren sich

stärker auf das für sie Machbare.

Doch welche gedanklichen Prozesse liegen der Reue überhaupt zu Grunde? Furcht bei-

spielsweise entsteht, wenn man eine akute Bedrohung wahrnimmt und keine Möglichkeit

sieht, sich zu verteidigen. Beim Bereuen ist die Sache komplexer: Blieb ein angestrebtes

70 oder wünschenswertes Ereignis aus, muss man diesen Umstand erstens auf das eigene Ver-

halten zurückführen und zweitens wissen oder zumindest ahnen, was man stattdessen hätte

tun sollen. Hier geht es also um ein hypothetisches Wenn-Dann; Psychologen bezeichnen

das als kontrafaktisches Denken.

Vom Nutzen der Selbstkritik

75 „Wenn ich früher zu lernen angefangen hätte, wäre ich nicht durch die Prüfung gefal-

len.“ Oder: „Wenn ich nicht so stur gewesen wäre, hätte der Abend mit Petra und Karl nett

werden können.“ Derlei Alternativszenarien sind mit ziemlich konkreten Handlungsanwei-

sungen für die Zukunft verknüpft. Reue steigert somit die Wahrscheinlichkeit, dass man die

nächste Prüfung besteht oder sich nicht rettungslos verkracht.

80 Die genannten Beispiele erfordern noch etwas: Selbstkritik. Der Betreffende hat sich un-

geschickt angestellt und sieht das auch ein. Dies zu erkennen, fällt uns beileibe nicht immer

leicht. Häufig fühlen wir uns im Gegenteil von anderen oder vom Schicksal ungerecht be-

handelt und sind nicht bereit, bei uns selbst die Verantwortung zu suchen. So mancher gibt

zum Beispiel lieber dem Lehrer oder Professor die Schuld an der verpatzten Prüfung. Das

85 mag in Einzelfällen gerechtfertigt sein, ist für den weiteren Studienerfolg aber meist nicht

sonderlich hilfreich.

Es kommt hierbei sehr darauf an, welches Ziel man verfolgt: Will ich mich trotz

schlechter Note einfach gut fühlen, nutzt es durchaus, anderen den schwarzen Peter zuzu-

schieben. Will ich es in Zukunft besser machen, sollte ich allerdings selbstkritisch genug

90 sein, um Reue zu empfinden.

Nun könnte man fragen, ob dies nicht langfristig doch zu mehr Wohlbefinden führt als

das fröhliche Ausblenden eigener Fehler und Schwächen. Die Psychologin Laura King von

der University of Missouri (USA) hat sich damit eingehend beschäftigt. Sie untersuchte

Menschen, die einen tief greifenden Umbruch im Leben durchgemacht hatten. Darunter

95 etwa homosexuelle Männer, die ein spätes Comingout hatten, oder Frauen, die sich nach

vielen Jahren von ihrem Ehepartner trennten. Laut King lässt sich subjektives Wohlbefin-

den nicht isoliert von der persönlichen Reifung im Erwachsenenalter betrachten. Für diese

sei es wichtig, über das Geschehene nachzudenken, seine Ziele neu zu justieren und alterna-

tive Pläne für die Zukunft zu schmieden – kurzum: nicht in der Vergangenheit verhaftet zu

100 bleiben. Begangene Fehler und Verluste zu ignorieren, dient diesem Ziel kaum, denn um

beispielsweise nach dem Scheitern einer Beziehung eine neue, glückliche Partnerschaft ein-

zugehen, muss man sein früheres Verhalten kritisch hinterfragen. Daraus erwächst häufig

ein komplexeres, reiferes Selbst, das für eine stabile Gemütslage wichtig ist.

[...]

105 [Im Alltag] ist [...] nicht immer eine klare Ursache [eines Ereignisses, das bereut wird]

erkennbar. Hier spielen daher subjektive Interpretationen und Zuschreibungen eine Rolle –

und diese haben oftmals negative Konsequenzen. Ein drastisches Beispiel lieferte Mitte der

1990er Jahre eine Studie von Christopher Davis von der University of British Columbia in

Vancouver (Kanada) und seinen Kollegen. Sie befragten Eltern, die ihr Baby durch den so

110 genannten plötzlichen Kindstod verloren hatten. Die genaue Todesursache war also unbe-

kannt, und den Eltern war dies auch bewusst. Trotzdem dachten sie sehr viel darüber nach,

was sie hätten anders machen können. Und je mehr sie grübelten, desto schlechter ging es

ihnen. Denn solche Gedanken sind meist von starken Schuldgefühlen begleitet – obwohl

die Eltern nach allem, was man weiß, gar keine Schuld traf.

115 Offenbar bestimmen längst nicht nur die objektiven Gegebenheiten darüber, was man

bereut und ob man darüber grübelt, was man hätte anders machen können. In den beschrie-

benen Situationen sind solche Gedanken oft so belastend, dass die Betreffenden therapeuti-

scher Hilfe bedürfen.

[...]

120 Wie sieht es nun aus, wenn die Betreffenden zwar durchaus etwas für ihre Malaise 2 kön-

nen, diese aber kaum veränderbar erscheint? Gemeinsam mit dem Psychologen Kai Jonas

von der Universität Maastricht befragte ich niederländische Männer, die sich durch unge-

schützten Geschlechtsverkehr mit HIV infiziert hatten. Hier war das eigene Verhalten also

tatsächlich der ausschlaggebende Faktor. Wie zu erwarten, dachten sie meist intensiv über

125 die Umstände ihrer Ansteckung nach. Und je mehr sie sich damit befassten, warum sie auf

Kondome verzichtet hatten, desto geringer war ihr Wohlbefinden.

Schaden begrenzen statt die Zeit zurückdrehen

An der Infektion an sich war nun nichts mehr zu ändern, auch wenn HIV heute nicht

mehr ganz so dramatische Folgen hat wie noch vor einigen Jahren. Das eigene Verhalten zu

130 hinterfragen, erscheint für die befragten Männer allerdings nach wie vor relevant, da unge-

schützter Verkehr mit HIV-Infizierten natürlich gravierende Folgen für den Sexualpartner

haben kann. Zudem können sich die HIV-Träger mit weiteren sexuell übertragbaren Keimen

infizieren, was bei einem geschwächten Immunsystem durchaus gefährlich ist.

Die Untersuchung zeigte: Je mehr die Probanden bereuten und über die Ansteckung

135 nachdachten, desto eher waren sie bereit, in Zukunft Kondome zu benutzen. Reue sorgt also

einerseits für negatives Befinden, trägt jedoch andererseits dazu bei, dass man Konsequen-

zen zieht und sich die Situation nicht noch weiter verschlimmert.

[...]

Bereuen hat einen schlechten Ruf. Doch statt eines trotzigen „No regrets!“ ist es oft

140 klüger, über die Ursachen des Scheiterns nachzudenken und abzuwägen, was man anders

machen will. Genau dabei hilft Reue. Wichtig ist bei alldem, darauf zu achten, ob eine Situa-

tion nicht mehr zu ändern ist, und das gegebenenfalls zu akzeptieren. Reue nützt vor allem

dann, wenn ähnliche Fälle erneut auftreten werden. Oder wie der Dramatiker Arthur Miller

einmal sagte: „Am Ende bleibt uns nur zu hoffen, dass wir die richtigen Dinge bereuen.“

1 Nein, ich bereue nichts.

2 hier: missliche Lage

Aus: Kai Epstude: Hätte, wäre, könnte. In: Gehirn&Geist, 10/2019, S. 32–37.

Aufgabenstellung 2

Erklären Sie anhand des ganzheitlich-humanistischen Persönlichkeitsmodells nach Rogers, welche Chancen und Risiken sich beim Umgang mit Reuegefühlen ergeben, und nehmen Sie anschließend aus behavioristischer Perspektive zu dieser Erklärung Stellung. (30 Punkte)

Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 3 · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl

Hätte, wäre, könnte

Edith Piafs weltberühmtes Chanson „No[n], je ne regrette rien“ 1 ist eine Hymne gegen

die Reue. Auch James Bonds Chefin „M“, dargestellt von Judi Dench, findet die Regung

höchst unprofessionell. Und in Friedrich Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ stellt der Dich-

ter gleich zu Beginn klar, Reue sei nur am Kreuz möglich. Das sind lediglich einige Bei-

5 spiele dafür, welch schlechten Ruf es hat zu bereuen. Letzteres liegt vor allem daran, dass

uns dieses Gefühl typischerweise nach einem Scheitern überkommt.

Man versuchte etwas, strebte nach einem Ziel, doch es misslang. Man hätte dieses oder

jenes tun sollen, unterließ es jedoch – oder entschied sich schlichtweg für das Falsche. Oft

leidet der Reumütige selbst darunter, manchmal aber auch andere, etwa die Opfer eines von

10 ihm verschuldeten Unfalls. Gewissensbisse bedürfen dabei stets der Einsicht, dass man einen

Fehler beging. Im Idealfall weiß der Betreffende sogar ganz genau, was er hätte anders

machen sollen. Darüber nachzudenken, ist zwar meist unangenehm, hilft allerdings, ähnliche

Vorfälle zukünftig zu vermeiden.

Immer wieder liest man Berichte von Krankenschwestern oder -pflegern, die notiert haben,

15 was Menschen am Lebensende besonders bereuten. „Ich habe zu wenig Zeit mit der Fami-

lie verbracht“, findet sich häufig darunter, so wie „Ich habe mich zu wenig um mich selbst

gekümmert“ oder „Ich bin nicht genug gereist“. Forscher versuchen durch Interviews oder

Fragebogen mehr über solche „life regrets“ – verpasste oder bereute Lebensereignisse – zu

erfahren.

20 Mike Morrison vom King’s University College in London (Kanada) und Neal Roese von

der Northwestern University in Evanston (USA) untersuchten in einer repräsentativen US-

amerikanischen Stichprobe, auf welchen Feldern Menschen typischerweise bereuen. Zu den

am häufigsten genannten Lebensbereichen zählten: Partnerschaft (19 Prozent), Familie (17

Prozent), Karriere (14 Prozent), Finanzen (10 Prozent) und Elternschaft (9 Prozent).

25 Gemeinsam mit Morrison und Roese fand ich in mehreren Studien auffällige Unterschiede

zwischen zwei großen Lebensbereichen: Arbeit und private Beziehungen. Meist hadern

Menschen im beruflichen Kontext viel weniger als im zwischenmenschlichen. Das liegt

vermutlich daran, dass in letzterem unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit stärker bedroht ist.

Typische Situationen sind etwa Konflikte mit dem Partner, den Eltern oder den Kindern.

30 Diese empfinden wir oft als belastender als etwa Fehlentscheidungen im Job. Mitunter gibt

es aber auch hier Konflikte, die das Bedürfnis nach Zugehörigkeit betreffen: So bringt ein

Arbeitsplatzwechsel häufig soziale Umbrüche mit sich. Spielt dieser Aspekt eine besondere

Rolle, fällt die Reue ebenfalls stärker aus.

Eine wichtige Unterscheidung ist die zwischen der Reue darüber, was man getan hat,

35 und die darüber, was man unterließ. Fragt man Menschen, was sie bereuen, fallen den meis-

ten zunächst mehr Beispiele für bestimmte Handlungen ein. Hat jemand etwa eine Reise

gebucht, die sich später als völlig überteuert und schlecht organisiert erwies, prägt sich dies

ins Gedächtnis ein. Allerdings ergaben Studien der Psychologen Victoria Medvec und

Thomas Gilovich an der Cornell University, dass wir verpasste Chancen, also Momente, in

40 denen wir nicht aktiv wurden, auf lange Sicht sogar stärker bereuen.

Nichtstun ist auch keine Lösung

Die Forscher befragten Probanden nicht nur danach, was ihnen in ihrem Leben leidtat,

sondern auch danach, wie weit das jeweilige Ereignis zurücklag. Bei der Reue über kürzlich

Geschehenes standen aktive Handlungen im Vordergrund; unter den länger zurückliegen-

45 den Patzern fanden sich dagegen mehr „Nicht-Handlungen“ – und diese wurden stärker

bereut als Taten. Verpasste Chancen beschäftigen uns demnach langfristig oft mehr als aktiv

begangene Fehler.

Wie erwähnt löst das Nachdenken über einen persönlichen Fauxpas meist Unwohlsein

aus. Dennoch kann es für die Zukunft wichtig sein. Nehmen wir das folgende Beispiel: Sie

50 verpassen die einmalige Gelegenheit, sich auf eine frei gewordene Position in Ihrem Unter-

nehmen zu bewerben. Es dauerhaft zu bereuen, bringt nichts, denn Sie können die Uhr nun

mal nicht zurückdrehen – die betreffende Stelle ist inzwischen anderweitig besetzt. Zudem

ist unklar, ob die Wahl am Ende wirklich auf Sie gefallen wäre.

Wie Amy Summerville von der Miami University und Neal Roese in einer Studie be-

55 richteten, bereuen wir etwas im Schnitt weniger, wenn das entsprechende Ziel in unerreich-

bare Ferne rückt. Das kann entweder an der speziellen Situation liegen, wie im genannten

Beispiel, aber auch an der Person selbst. Dies haben insbesondere Alternsforscher unter-

sucht. Denn mit zunehmendem Alter schwinden die Chancen, bestimmte Entscheidungen

nachzuholen oder zu korrigieren.

60 Ein Team um Carsten Wrosch von der Concordia University in Toronto (Kanada) fand

heraus, dass Senioren im Schnitt viel weniger bereuen – vor allem nicht solche Dinge, die

kaum (noch) veränderbar erscheinen. Eine sportliche Höchstleistung oder ein grundlegend

neuer Karriereweg scheint jenseits der Sechzig doch eher unrealistisch. An der Fähigkeit,

unerreichbar gewordene Ziele aufzugeben, beweist sich womöglich sogar gesundes Altern.

65 Senioren investieren einfach weniger Herzblut in große Ambitionen und konzentrieren sich

stärker auf das für sie Machbare.

Doch welche gedanklichen Prozesse liegen der Reue überhaupt zu Grunde? Furcht bei-

spielsweise entsteht, wenn man eine akute Bedrohung wahrnimmt und keine Möglichkeit

sieht, sich zu verteidigen. Beim Bereuen ist die Sache komplexer: Blieb ein angestrebtes

70 oder wünschenswertes Ereignis aus, muss man diesen Umstand erstens auf das eigene Ver-

halten zurückführen und zweitens wissen oder zumindest ahnen, was man stattdessen hätte

tun sollen. Hier geht es also um ein hypothetisches Wenn-Dann; Psychologen bezeichnen

das als kontrafaktisches Denken.

Vom Nutzen der Selbstkritik

75 „Wenn ich früher zu lernen angefangen hätte, wäre ich nicht durch die Prüfung gefal-

len.“ Oder: „Wenn ich nicht so stur gewesen wäre, hätte der Abend mit Petra und Karl nett

werden können.“ Derlei Alternativszenarien sind mit ziemlich konkreten Handlungsanwei-

sungen für die Zukunft verknüpft. Reue steigert somit die Wahrscheinlichkeit, dass man die

nächste Prüfung besteht oder sich nicht rettungslos verkracht.

80 Die genannten Beispiele erfordern noch etwas: Selbstkritik. Der Betreffende hat sich un-

geschickt angestellt und sieht das auch ein. Dies zu erkennen, fällt uns beileibe nicht immer

leicht. Häufig fühlen wir uns im Gegenteil von anderen oder vom Schicksal ungerecht be-

handelt und sind nicht bereit, bei uns selbst die Verantwortung zu suchen. So mancher gibt

zum Beispiel lieber dem Lehrer oder Professor die Schuld an der verpatzten Prüfung. Das

85 mag in Einzelfällen gerechtfertigt sein, ist für den weiteren Studienerfolg aber meist nicht

sonderlich hilfreich.

Es kommt hierbei sehr darauf an, welches Ziel man verfolgt: Will ich mich trotz

schlechter Note einfach gut fühlen, nutzt es durchaus, anderen den schwarzen Peter zuzu-

schieben. Will ich es in Zukunft besser machen, sollte ich allerdings selbstkritisch genug

90 sein, um Reue zu empfinden.

Nun könnte man fragen, ob dies nicht langfristig doch zu mehr Wohlbefinden führt als

das fröhliche Ausblenden eigener Fehler und Schwächen. Die Psychologin Laura King von

der University of Missouri (USA) hat sich damit eingehend beschäftigt. Sie untersuchte

Menschen, die einen tief greifenden Umbruch im Leben durchgemacht hatten. Darunter

95 etwa homosexuelle Männer, die ein spätes Comingout hatten, oder Frauen, die sich nach

vielen Jahren von ihrem Ehepartner trennten. Laut King lässt sich subjektives Wohlbefin-

den nicht isoliert von der persönlichen Reifung im Erwachsenenalter betrachten. Für diese

sei es wichtig, über das Geschehene nachzudenken, seine Ziele neu zu justieren und alterna-

tive Pläne für die Zukunft zu schmieden – kurzum: nicht in der Vergangenheit verhaftet zu

100 bleiben. Begangene Fehler und Verluste zu ignorieren, dient diesem Ziel kaum, denn um

beispielsweise nach dem Scheitern einer Beziehung eine neue, glückliche Partnerschaft ein-

zugehen, muss man sein früheres Verhalten kritisch hinterfragen. Daraus erwächst häufig

ein komplexeres, reiferes Selbst, das für eine stabile Gemütslage wichtig ist.

[...]

105 [Im Alltag] ist [...] nicht immer eine klare Ursache [eines Ereignisses, das bereut wird]

erkennbar. Hier spielen daher subjektive Interpretationen und Zuschreibungen eine Rolle –

und diese haben oftmals negative Konsequenzen. Ein drastisches Beispiel lieferte Mitte der

1990er Jahre eine Studie von Christopher Davis von der University of British Columbia in

Vancouver (Kanada) und seinen Kollegen. Sie befragten Eltern, die ihr Baby durch den so

110 genannten plötzlichen Kindstod verloren hatten. Die genaue Todesursache war also unbe-

kannt, und den Eltern war dies auch bewusst. Trotzdem dachten sie sehr viel darüber nach,

was sie hätten anders machen können. Und je mehr sie grübelten, desto schlechter ging es

ihnen. Denn solche Gedanken sind meist von starken Schuldgefühlen begleitet – obwohl

die Eltern nach allem, was man weiß, gar keine Schuld traf.

115 Offenbar bestimmen längst nicht nur die objektiven Gegebenheiten darüber, was man

bereut und ob man darüber grübelt, was man hätte anders machen können. In den beschrie-

benen Situationen sind solche Gedanken oft so belastend, dass die Betreffenden therapeuti-

scher Hilfe bedürfen.

[...]

120 Wie sieht es nun aus, wenn die Betreffenden zwar durchaus etwas für ihre Malaise 2 kön-

nen, diese aber kaum veränderbar erscheint? Gemeinsam mit dem Psychologen Kai Jonas

von der Universität Maastricht befragte ich niederländische Männer, die sich durch unge-

schützten Geschlechtsverkehr mit HIV infiziert hatten. Hier war das eigene Verhalten also

tatsächlich der ausschlaggebende Faktor. Wie zu erwarten, dachten sie meist intensiv über

125 die Umstände ihrer Ansteckung nach. Und je mehr sie sich damit befassten, warum sie auf

Kondome verzichtet hatten, desto geringer war ihr Wohlbefinden.

Schaden begrenzen statt die Zeit zurückdrehen

An der Infektion an sich war nun nichts mehr zu ändern, auch wenn HIV heute nicht

mehr ganz so dramatische Folgen hat wie noch vor einigen Jahren. Das eigene Verhalten zu

130 hinterfragen, erscheint für die befragten Männer allerdings nach wie vor relevant, da unge-

schützter Verkehr mit HIV-Infizierten natürlich gravierende Folgen für den Sexualpartner

haben kann. Zudem können sich die HIV-Träger mit weiteren sexuell übertragbaren Keimen

infizieren, was bei einem geschwächten Immunsystem durchaus gefährlich ist.

Die Untersuchung zeigte: Je mehr die Probanden bereuten und über die Ansteckung

135 nachdachten, desto eher waren sie bereit, in Zukunft Kondome zu benutzen. Reue sorgt also

einerseits für negatives Befinden, trägt jedoch andererseits dazu bei, dass man Konsequen-

zen zieht und sich die Situation nicht noch weiter verschlimmert.

[...]

Bereuen hat einen schlechten Ruf. Doch statt eines trotzigen „No regrets!“ ist es oft

140 klüger, über die Ursachen des Scheiterns nachzudenken und abzuwägen, was man anders

machen will. Genau dabei hilft Reue. Wichtig ist bei alldem, darauf zu achten, ob eine Situa-

tion nicht mehr zu ändern ist, und das gegebenenfalls zu akzeptieren. Reue nützt vor allem

dann, wenn ähnliche Fälle erneut auftreten werden. Oder wie der Dramatiker Arthur Miller

einmal sagte: „Am Ende bleibt uns nur zu hoffen, dass wir die richtigen Dinge bereuen.“

1 Nein, ich bereue nichts.

2 hier: missliche Lage

Aus: Kai Epstude: Hätte, wäre, könnte. In: Gehirn&Geist, 10/2019, S. 32–37.

Aufgabenstellung 3

Prüfen Sie, ob sich der Umgang mit Reue anhand des eigenschaftstheoretischen Persönlichkeitsansatzes (big five) erfassen lässt, und nehmen Sie zum Schluss Stellung dazu, ob der Umgang mit Reue bei der Auswahl von Führungskräften in einem Unternehmen erfasst werden sollte. (24 Punkte)

Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 1 · Psychische Störungen und Psychotherapie

Annehmen statt Vermeiden

Denken Sie auf keinen Fall an Donuts! Donuts sind nicht gut, denken Sie stattdessen

an … Bananen. Einfach Bananen! Und jetzt stellen Sie sich bitte vor, dass es bei dem zu

vermeidenden Gedanken nicht um Donuts geht, sondern um irgendeinen Teil von Ihnen

selbst, den Sie nicht mögen, ja für den Sie sich womöglich schämen.

5 Sich von bestimmten Gedanken abzulenken, klappt manchmal für gewisse Zeit. Doch

sobald Sie sich daran erinnern, weshalb Sie das tun, fallen Ihnen die „Donuts“ wieder

ein. Mist!

Das zeigt: Unsere Assoziationen und Gedanken sind stets eingebettet in ein Netzwerk

anderer Konzepte, Erinnerungen und Gefühle. Negative mentale Zustände bewusst abzu-

10 streifen, ist daher nicht nur sehr schwierig. Der Versuch kann sie im Gegenteil sogar ver-

stärken.

Auch all jene Situationen zu meiden, die Ängste oder Grübeleien auslösen könnten, hilft

auf Dauer nicht weiter. Solche Abwehrstrategien verleihen den negativen Gedanken großes

Gewicht, immerhin richtet man das eigene Handeln danach aus. Das Vermeidungsverhalten

15 erhält zudem psychische Probleme oft aufrecht: Wer etwa an sozialer Ängstlichkeit leidet,

geht nie auf andere Menschen zu und macht somit kaum die Erfahrung, dass solche Begeg-

nungen sehr schön sein können.

Wie wir mit regelmäßig aufkommenden unangenehmen Gedanken umgehen und wozu

sie uns bewegen, hat große Bedeutung für viele psychische Störungen. Folglich steht das

20 im Zentrum vieler Therapieansätze. Die meisten Betroffenen versuchen zunächst, ihre als

belastend empfundenen Zustände zu bekämpfen. Sie wollen Ängste loswerden, Hoffnungs-

losigkeit und selbstabwertende Urteile durch positive Gedanken ersetzen. Allerdings gibt es

keinen Knopf, mit dem man sie ausschalten oder gar löschen könnte. Niemand kann sich

letztlich selbst dazu bringen, nicht wütend, traurig oder nervös zu sein. Der Wunsch läuft

25 somit ins Leere.

Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT; gesprochen wie englisch „act“) legt

einen anderen Schwerpunkt. Statt das eigene Erleben zu kontrollieren und zu steuern, sollen

Patienten lernen, ihre Gefühle und Gedanken aufmerksam wahrzunehmen, sie zu akzeptieren

und loszulassen, ohne ihnen allzu große Bedeutung beizumessen. Das eröffnet neue Mög-

30 lichkeiten, gemäß den eigenen Werten und Zielen zu leben – weg von Vermeidung und un-

produktiven Kämpfen hin zu dem, was einem wirklich wichtig ist.

Entwickelt wurde die ACT von Steven Hayes, Professor für Klinische Psychologie an

der University of Nevada in Reno, zusammen mit seinen Kollegen Kelly Wilson und Kirk

Strosahl. Angelehnt an Methoden der Mindfulness (zu Deutsch: Achtsamkeit) sowie der

35 Kognitiven Verhaltenstherapie entwarf das Forschertrio ein umfangreiches Behandlungs-

programm, das sich seither in mehr als 450 Wirksamkeitsstudien bewährt hat.

Anders als viele Therapieansätze zielt die ACT nicht primär darauf ab, die Symptome

etwa einer Depression oder Angststörung abzustellen. Vielmehr übt der Patient, eine akzep-

tierende Haltung einzunehmen und sein bisheriges Vermeidungsverhalten aufzugeben.

40 Parallel dazu gilt es, die persönlich wichtigen Werte und Motive genauer zu identifizie-

ren. Je besser die Person erkennt, was ihr am Herzen liegt, desto eher gelingt es ihr auch,

die Dinge zu tun, die sie wirklich will – und nicht nur solche, die andere von ihr verlangen.

Schließlich geht es darum, wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen, das mehr durch

die eigenen Wünsche und Ziele als durch Selbstzweifel und Überforderung geprägt ist.

45 Die ACT zielt somit auf eine Balance zwischen Akzeptanz und Veränderung. Durch die

Einsicht, dass nicht alle negativen Zustände verschwinden müssen, damit man den Alltag

erfolgreich meistern kann, stößt sie bei den Betreffenden eine Neuorientierung an.

Viele psychische Probleme gründen in einer mangelnden Flexibilität. Die ACT unter-

scheidet hierbei sechs Bereiche: Vermeidung, unklare Werte, Passivität, Gedankenfusion,

50 starres Selbstkonzept und geringe Achtsamkeit […]. Im Verlauf der Therapie setzen ver-

schiedene Methoden auf all diesen Ebenen an, um die Flexibilität zu fördern.

Dominierender Fokus: Bloß weg damit!

Zu Beginn ist das Verhalten der Patienten meist stark darauf gerichtet, ihre Symptome

zu beseitigen und möglichst nie mehr damit zu tun zu haben. Durch diesen alles dominie-

55 renden Fokus verlieren sie leicht aus dem Blick, was ihnen im Leben etwas bedeutet. Folg-

lich bleiben die Patienten oft untätig in Bezug auf ihre Werte, ihren individuellen Lebens-

kompass.

Aber woher weiß man, was einem wirklich wichtig ist? Denken Sie an einen Bereich

Ihres Lebens, der Ihnen besonders bedeutsam erscheint. Wollen Sie ein guter Elternteil

60 sein, ein guter Kumpel oder gut in Ihrem Beruf? Was haben Sie gemacht, wenn Sie einmal

das Gefühl hatten, dieses Ziel erreicht zu haben? Was machte Sie stolz? Wie haben Sie es

geschafft, dass jener Tag gut lief? Denken Sie nun an das Gegenteil: Wie haben Sie an

schlechteren Tagen gehandelt? Was hat Sie daran gehindert, der Mensch zu sein, der Sie

sein wollten?

65 Wenn sich Patienten etwa auf diese Weise ihrer eigenen Werte bewusst werden, können

sie sich vermehrt auf ihre Kurz- und Langzeitziele konzentrieren. Sie erleben zwar weiter-

hin negative Gedanken und Gefühle. Doch indem sie offen dafür sind und sie zulassen,

ohne etwas verändern zu müssen, gewinnen sie neue Energie für ein zielgeleitetes Handeln.

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt: In aller Regel nimmt dann auch ihr Leiden ab.

70 Dafür ist es wichtig, sich aus der Verstrickung mit den eigenen Gedanken zu lösen. Man

spricht hier von kognitiver Defusion. Oft identifizieren sich Patienten stark mit ihren Urtei-

len, sie besitzen kaum Distanz zu ihnen und sehen ihre Gedanken als Tatsachen an. Das ist

etwa so, als würde jemand auf einem Computerbildschirm Sätze lesen wie „Du bist dumm“

oder „Lass es lieber, Versager“ – und derjenige glaubt sie wortwörtlich.

75 Man kann nun panisch Tasten drücken, damit der Satz verschwindet. Oder man sagt

sich: Was immer da steht, es muss nicht stimmen; Gedanken kommen und gehen, wie ein

Regenschauer. Gewinnt der Patient den nötigen Abstand zum Inhalt seiner Gedanken, kann

er freier entscheiden, ob und wie er darauf reagieren will.

Das lässt sich auch auf das Selbstbild übertragen. Hält jemand bestimmte Erklärungsmus-

80 ter für unbezweifelbar, so entwickelt er häufig rigide Vorstellungen von sich selbst.

Etwa: „Weil ich als Kind nie gelobt wurde, habe ich so große Angst zu versagen – ich sollte

mir besser nichts zumuten.“ Im Rahmen der Therapie geht es dann darum, eine beobach-

tende Außenperspektive einzunehmen und so eine neue Sicht auf sich zu gewinnen. In

Selbsterfahrungsübungen kann der Patient zudem seinen Sinn dafür schärfen, welche Anteile

85 des eigenen Ichs eher stabil sind – ähnlich wie eine Vase, die alle möglichen „Blumen“ (Zu-

stände oder Emotionen) enthalten kann: Trauer ebenso wie Freude, Momente des Schei-

terns, aber auch Erfolge.

Durch ihre Vermeidung und die beschriebene „Gedankenfusion“ stehen Patienten oft

wenig in Kontakt mit ihrer unmittelbaren Umwelt. Sie beschäftigen sich viel mit vergange-

90 nen Missgeschicken oder Versäumnissen und grübeln darüber nach, wie sie vermeintliche

Bedrohungen in der Zukunft abwenden können. Um dem entgegenzuwirken, praktiziert

man in der ACT eine Reihe von Achtsamkeits- und Imaginationsübungen. Die Patienten

sollen sich zum Beispiel vorstellen, aufkommende Gedanken einzeln auf ein Blatt zu setzen

und den „Gedankenfluss“ hinuntertreiben zu lassen.

95 Entscheidend ist es, keine bewertende Haltung gegenüber dem eigenen Empfinden ein-

zunehmen und nicht mehr nur Symptome der Störung, sondern auch andere Aspekte der je-

weiligen Situation wahrzunehmen. Die ACT nutzt dabei viele Metaphern und Bilder. Ein

Beispiel ist das „Tauziehen mit dem Angstmonster“. Der Therapeut bittet den Patienten,

das Ende eines Seils festzuhalten, dessen anderes Ende er selbst hält. Der Patient soll sich

100 vorstellen, dass zwischen beiden ein Abgrund liegt, in dem Ängste und negative Empfin-

dungen lauern. Nun zieht der Therapeut am Seil und bringt den Patienten damit näher an

den „Abgrund“.

Der Patient wiederum kann zunächst nichts anderes tun, als dagegenzuhalten und zu

kämpfen. Nach einiger Zeit des Zerrens fragt der Therapeut, was passieren würde, wenn der

105 Patient das Seil einfach losließe, statt weiter daran zu ziehen. Das veranschaulicht, welche

Vorteile die Akzeptanz gegenüber den eigenen Gedanken hat: Sie strengt weniger an und

eröffnet die Freiheit, seine Energie auf anderes zu richten.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, der eigenen inneren Stimme einen Namen zu ge-

ben. Steven Hayes selbst erzählt in Vorträgen oft, dass er seine innere Stimme „George“

110 nennt und dass er Georges Vorschlägen respektvoll zuhört, sich dafür bedankt, aber nicht

allzu viel darauf gibt. So schafft er Abstand zu Gedanken wie „Ich kann das nicht“.

„Red nur, George“

Die Idee dahinter ist, dass wir täglich Tausende von Gedanken produzieren. Doch längst

nicht jeder verdient es, auf die Goldwaage gelegt zu werden. So wie Hayes seinen „George“

115 einfach reden lässt, können wir unsere Selbstkritik wahrnehmen und vorbeiziehen lassen.

Abwertende Urteile wie „Ich kann nichts“ oder „Ich bin wertlos“ bestimmen oft das

Denken von Menschen mit einer Depression. Um diesen Worten die Kraft zu nehmen, kann

man sie mehrmals schnell hintereinander wiederholen. So hört sich die Aussage rasch selt-

sam an und verliert an Wirkung. Eine andere Möglichkeit ist, mit verstellter Donald-Duck-

120 Stimme zu sprechen oder zur Melodie von „Alle meine Entchen“ zu singen. Diese Techniken

helfen, belastende Gedanken zu verfremden und so die Distanzierung zu erleichtern.

[…]

Wie wir heute wissen, ist das Vermeiden von negativen Gedanken nicht nur ineffektiv,

sondern kann sogar psychische Probleme aufrechterhalten. So bringt es oft mehr Erleichte-

125 rung, nicht gegen unangenehme Zustände anzukämpfen. Wer sich von seiner Ängstlichkeit

distanziert, die eigene Unsicherheit hinnimmt oder den Gedanken, er sei zu nichts zu gebrau-

chen, gelassen quittiert („Danke, George!“), den suchen sie auf lange Sicht seltener heim.

1. Arbeiten Sie aus dem Text die Grundannahmen, die Ziele und die Methoden der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) heraus und weisen Sie nach, dass sich dieses Therapieverfahren dem kognitivistischen Paradigma zuordnen lässt. (24 Punkte)

Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 2 · Psychische Störungen und Psychotherapie

Annehmen statt Vermeiden

Denken Sie auf keinen Fall an Donuts! Donuts sind nicht gut, denken Sie stattdessen

an … Bananen. Einfach Bananen! Und jetzt stellen Sie sich bitte vor, dass es bei dem zu

vermeidenden Gedanken nicht um Donuts geht, sondern um irgendeinen Teil von Ihnen

selbst, den Sie nicht mögen, ja für den Sie sich womöglich schämen.

5 Sich von bestimmten Gedanken abzulenken, klappt manchmal für gewisse Zeit. Doch

sobald Sie sich daran erinnern, weshalb Sie das tun, fallen Ihnen die „Donuts“ wieder

ein. Mist!

Das zeigt: Unsere Assoziationen und Gedanken sind stets eingebettet in ein Netzwerk

anderer Konzepte, Erinnerungen und Gefühle. Negative mentale Zustände bewusst abzu-

10 streifen, ist daher nicht nur sehr schwierig. Der Versuch kann sie im Gegenteil sogar ver-

stärken.

Auch all jene Situationen zu meiden, die Ängste oder Grübeleien auslösen könnten, hilft

auf Dauer nicht weiter. Solche Abwehrstrategien verleihen den negativen Gedanken großes

Gewicht, immerhin richtet man das eigene Handeln danach aus. Das Vermeidungsverhalten

15 erhält zudem psychische Probleme oft aufrecht: Wer etwa an sozialer Ängstlichkeit leidet,

geht nie auf andere Menschen zu und macht somit kaum die Erfahrung, dass solche Begeg-

nungen sehr schön sein können.

Wie wir mit regelmäßig aufkommenden unangenehmen Gedanken umgehen und wozu

sie uns bewegen, hat große Bedeutung für viele psychische Störungen. Folglich steht das

20 im Zentrum vieler Therapieansätze. Die meisten Betroffenen versuchen zunächst, ihre als

belastend empfundenen Zustände zu bekämpfen. Sie wollen Ängste loswerden, Hoffnungs-

losigkeit und selbstabwertende Urteile durch positive Gedanken ersetzen. Allerdings gibt es

keinen Knopf, mit dem man sie ausschalten oder gar löschen könnte. Niemand kann sich

letztlich selbst dazu bringen, nicht wütend, traurig oder nervös zu sein. Der Wunsch läuft

25 somit ins Leere.

Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT; gesprochen wie englisch „act“) legt

einen anderen Schwerpunkt. Statt das eigene Erleben zu kontrollieren und zu steuern, sollen

Patienten lernen, ihre Gefühle und Gedanken aufmerksam wahrzunehmen, sie zu akzeptieren

und loszulassen, ohne ihnen allzu große Bedeutung beizumessen. Das eröffnet neue Mög-

30 lichkeiten, gemäß den eigenen Werten und Zielen zu leben – weg von Vermeidung und un-

produktiven Kämpfen hin zu dem, was einem wirklich wichtig ist.

Entwickelt wurde die ACT von Steven Hayes, Professor für Klinische Psychologie an

der University of Nevada in Reno, zusammen mit seinen Kollegen Kelly Wilson und Kirk

Strosahl. Angelehnt an Methoden der Mindfulness (zu Deutsch: Achtsamkeit) sowie der

35 Kognitiven Verhaltenstherapie entwarf das Forschertrio ein umfangreiches Behandlungs-

programm, das sich seither in mehr als 450 Wirksamkeitsstudien bewährt hat.

Anders als viele Therapieansätze zielt die ACT nicht primär darauf ab, die Symptome

etwa einer Depression oder Angststörung abzustellen. Vielmehr übt der Patient, eine akzep-

tierende Haltung einzunehmen und sein bisheriges Vermeidungsverhalten aufzugeben.

40 Parallel dazu gilt es, die persönlich wichtigen Werte und Motive genauer zu identifizie-

ren. Je besser die Person erkennt, was ihr am Herzen liegt, desto eher gelingt es ihr auch,

die Dinge zu tun, die sie wirklich will – und nicht nur solche, die andere von ihr verlangen.

Schließlich geht es darum, wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen, das mehr durch

die eigenen Wünsche und Ziele als durch Selbstzweifel und Überforderung geprägt ist.

45 Die ACT zielt somit auf eine Balance zwischen Akzeptanz und Veränderung. Durch die

Einsicht, dass nicht alle negativen Zustände verschwinden müssen, damit man den Alltag

erfolgreich meistern kann, stößt sie bei den Betreffenden eine Neuorientierung an.

Viele psychische Probleme gründen in einer mangelnden Flexibilität. Die ACT unter-

scheidet hierbei sechs Bereiche: Vermeidung, unklare Werte, Passivität, Gedankenfusion,

50 starres Selbstkonzept und geringe Achtsamkeit […]. Im Verlauf der Therapie setzen ver-

schiedene Methoden auf all diesen Ebenen an, um die Flexibilität zu fördern.

Dominierender Fokus: Bloß weg damit!

Zu Beginn ist das Verhalten der Patienten meist stark darauf gerichtet, ihre Symptome

zu beseitigen und möglichst nie mehr damit zu tun zu haben. Durch diesen alles dominie-

55 renden Fokus verlieren sie leicht aus dem Blick, was ihnen im Leben etwas bedeutet. Folg-

lich bleiben die Patienten oft untätig in Bezug auf ihre Werte, ihren individuellen Lebens-

kompass.

Aber woher weiß man, was einem wirklich wichtig ist? Denken Sie an einen Bereich

Ihres Lebens, der Ihnen besonders bedeutsam erscheint. Wollen Sie ein guter Elternteil

60 sein, ein guter Kumpel oder gut in Ihrem Beruf? Was haben Sie gemacht, wenn Sie einmal

das Gefühl hatten, dieses Ziel erreicht zu haben? Was machte Sie stolz? Wie haben Sie es

geschafft, dass jener Tag gut lief? Denken Sie nun an das Gegenteil: Wie haben Sie an

schlechteren Tagen gehandelt? Was hat Sie daran gehindert, der Mensch zu sein, der Sie

sein wollten?

65 Wenn sich Patienten etwa auf diese Weise ihrer eigenen Werte bewusst werden, können

sie sich vermehrt auf ihre Kurz- und Langzeitziele konzentrieren. Sie erleben zwar weiter-

hin negative Gedanken und Gefühle. Doch indem sie offen dafür sind und sie zulassen,

ohne etwas verändern zu müssen, gewinnen sie neue Energie für ein zielgeleitetes Handeln.

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt: In aller Regel nimmt dann auch ihr Leiden ab.

70 Dafür ist es wichtig, sich aus der Verstrickung mit den eigenen Gedanken zu lösen. Man

spricht hier von kognitiver Defusion. Oft identifizieren sich Patienten stark mit ihren Urtei-

len, sie besitzen kaum Distanz zu ihnen und sehen ihre Gedanken als Tatsachen an. Das ist

etwa so, als würde jemand auf einem Computerbildschirm Sätze lesen wie „Du bist dumm“

oder „Lass es lieber, Versager“ – und derjenige glaubt sie wortwörtlich.

75 Man kann nun panisch Tasten drücken, damit der Satz verschwindet. Oder man sagt

sich: Was immer da steht, es muss nicht stimmen; Gedanken kommen und gehen, wie ein

Regenschauer. Gewinnt der Patient den nötigen Abstand zum Inhalt seiner Gedanken, kann

er freier entscheiden, ob und wie er darauf reagieren will.

Das lässt sich auch auf das Selbstbild übertragen. Hält jemand bestimmte Erklärungsmus-

80 ter für unbezweifelbar, so entwickelt er häufig rigide Vorstellungen von sich selbst.

Etwa: „Weil ich als Kind nie gelobt wurde, habe ich so große Angst zu versagen – ich sollte

mir besser nichts zumuten.“ Im Rahmen der Therapie geht es dann darum, eine beobach-

tende Außenperspektive einzunehmen und so eine neue Sicht auf sich zu gewinnen. In

Selbsterfahrungsübungen kann der Patient zudem seinen Sinn dafür schärfen, welche Anteile

85 des eigenen Ichs eher stabil sind – ähnlich wie eine Vase, die alle möglichen „Blumen“ (Zu-

stände oder Emotionen) enthalten kann: Trauer ebenso wie Freude, Momente des Schei-

terns, aber auch Erfolge.

Durch ihre Vermeidung und die beschriebene „Gedankenfusion“ stehen Patienten oft

wenig in Kontakt mit ihrer unmittelbaren Umwelt. Sie beschäftigen sich viel mit vergange-

90 nen Missgeschicken oder Versäumnissen und grübeln darüber nach, wie sie vermeintliche

Bedrohungen in der Zukunft abwenden können. Um dem entgegenzuwirken, praktiziert

man in der ACT eine Reihe von Achtsamkeits- und Imaginationsübungen. Die Patienten

sollen sich zum Beispiel vorstellen, aufkommende Gedanken einzeln auf ein Blatt zu setzen

und den „Gedankenfluss“ hinuntertreiben zu lassen.

95 Entscheidend ist es, keine bewertende Haltung gegenüber dem eigenen Empfinden ein-

zunehmen und nicht mehr nur Symptome der Störung, sondern auch andere Aspekte der je-

weiligen Situation wahrzunehmen. Die ACT nutzt dabei viele Metaphern und Bilder. Ein

Beispiel ist das „Tauziehen mit dem Angstmonster“. Der Therapeut bittet den Patienten,

das Ende eines Seils festzuhalten, dessen anderes Ende er selbst hält. Der Patient soll sich

100 vorstellen, dass zwischen beiden ein Abgrund liegt, in dem Ängste und negative Empfin-

dungen lauern. Nun zieht der Therapeut am Seil und bringt den Patienten damit näher an

den „Abgrund“.

Der Patient wiederum kann zunächst nichts anderes tun, als dagegenzuhalten und zu

kämpfen. Nach einiger Zeit des Zerrens fragt der Therapeut, was passieren würde, wenn der

105 Patient das Seil einfach losließe, statt weiter daran zu ziehen. Das veranschaulicht, welche

Vorteile die Akzeptanz gegenüber den eigenen Gedanken hat: Sie strengt weniger an und

eröffnet die Freiheit, seine Energie auf anderes zu richten.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, der eigenen inneren Stimme einen Namen zu ge-

ben. Steven Hayes selbst erzählt in Vorträgen oft, dass er seine innere Stimme „George“

110 nennt und dass er Georges Vorschlägen respektvoll zuhört, sich dafür bedankt, aber nicht

allzu viel darauf gibt. So schafft er Abstand zu Gedanken wie „Ich kann das nicht“.

„Red nur, George“

Die Idee dahinter ist, dass wir täglich Tausende von Gedanken produzieren. Doch längst

nicht jeder verdient es, auf die Goldwaage gelegt zu werden. So wie Hayes seinen „George“

115 einfach reden lässt, können wir unsere Selbstkritik wahrnehmen und vorbeiziehen lassen.

Abwertende Urteile wie „Ich kann nichts“ oder „Ich bin wertlos“ bestimmen oft das

Denken von Menschen mit einer Depression. Um diesen Worten die Kraft zu nehmen, kann

man sie mehrmals schnell hintereinander wiederholen. So hört sich die Aussage rasch selt-

sam an und verliert an Wirkung. Eine andere Möglichkeit ist, mit verstellter Donald-Duck-

120 Stimme zu sprechen oder zur Melodie von „Alle meine Entchen“ zu singen. Diese Techniken

helfen, belastende Gedanken zu verfremden und so die Distanzierung zu erleichtern.

[…]

Wie wir heute wissen, ist das Vermeiden von negativen Gedanken nicht nur ineffektiv,

sondern kann sogar psychische Probleme aufrechterhalten. So bringt es oft mehr Erleichte-

125 rung, nicht gegen unangenehme Zustände anzukämpfen. Wer sich von seiner Ängstlichkeit

distanziert, die eigene Unsicherheit hinnimmt oder den Gedanken, er sei zu nichts zu gebrau-

chen, gelassen quittiert („Danke, George!“), den suchen sie auf lange Sicht seltener heim.

2. Vergleichen Sie die Akzeptanz- und Commitmenttherapie mit der Psychoanalyse nach Freud im Hinblick auf Grundannahmen, Ziele und Methoden; beziehen Sie dabei auch Freuds tiefenpsychologisches Persönlichkeitsmodell mit ein. (30 Punkte)

Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 3 · Psychische Störungen und Psychotherapie

Annehmen statt Vermeiden

Denken Sie auf keinen Fall an Donuts! Donuts sind nicht gut, denken Sie stattdessen

an … Bananen. Einfach Bananen! Und jetzt stellen Sie sich bitte vor, dass es bei dem zu

vermeidenden Gedanken nicht um Donuts geht, sondern um irgendeinen Teil von Ihnen

selbst, den Sie nicht mögen, ja für den Sie sich womöglich schämen.

5 Sich von bestimmten Gedanken abzulenken, klappt manchmal für gewisse Zeit. Doch

sobald Sie sich daran erinnern, weshalb Sie das tun, fallen Ihnen die „Donuts“ wieder

ein. Mist!

Das zeigt: Unsere Assoziationen und Gedanken sind stets eingebettet in ein Netzwerk

anderer Konzepte, Erinnerungen und Gefühle. Negative mentale Zustände bewusst abzu-

10 streifen, ist daher nicht nur sehr schwierig. Der Versuch kann sie im Gegenteil sogar ver-

stärken.

Auch all jene Situationen zu meiden, die Ängste oder Grübeleien auslösen könnten, hilft

auf Dauer nicht weiter. Solche Abwehrstrategien verleihen den negativen Gedanken großes

Gewicht, immerhin richtet man das eigene Handeln danach aus. Das Vermeidungsverhalten

15 erhält zudem psychische Probleme oft aufrecht: Wer etwa an sozialer Ängstlichkeit leidet,

geht nie auf andere Menschen zu und macht somit kaum die Erfahrung, dass solche Begeg-

nungen sehr schön sein können.

Wie wir mit regelmäßig aufkommenden unangenehmen Gedanken umgehen und wozu

sie uns bewegen, hat große Bedeutung für viele psychische Störungen. Folglich steht das

20 im Zentrum vieler Therapieansätze. Die meisten Betroffenen versuchen zunächst, ihre als

belastend empfundenen Zustände zu bekämpfen. Sie wollen Ängste loswerden, Hoffnungs-

losigkeit und selbstabwertende Urteile durch positive Gedanken ersetzen. Allerdings gibt es

keinen Knopf, mit dem man sie ausschalten oder gar löschen könnte. Niemand kann sich

letztlich selbst dazu bringen, nicht wütend, traurig oder nervös zu sein. Der Wunsch läuft

25 somit ins Leere.

Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT; gesprochen wie englisch „act“) legt

einen anderen Schwerpunkt. Statt das eigene Erleben zu kontrollieren und zu steuern, sollen

Patienten lernen, ihre Gefühle und Gedanken aufmerksam wahrzunehmen, sie zu akzeptieren

und loszulassen, ohne ihnen allzu große Bedeutung beizumessen. Das eröffnet neue Mög-

30 lichkeiten, gemäß den eigenen Werten und Zielen zu leben – weg von Vermeidung und un-

produktiven Kämpfen hin zu dem, was einem wirklich wichtig ist.

Entwickelt wurde die ACT von Steven Hayes, Professor für Klinische Psychologie an

der University of Nevada in Reno, zusammen mit seinen Kollegen Kelly Wilson und Kirk

Strosahl. Angelehnt an Methoden der Mindfulness (zu Deutsch: Achtsamkeit) sowie der

35 Kognitiven Verhaltenstherapie entwarf das Forschertrio ein umfangreiches Behandlungs-

programm, das sich seither in mehr als 450 Wirksamkeitsstudien bewährt hat.

Anders als viele Therapieansätze zielt die ACT nicht primär darauf ab, die Symptome

etwa einer Depression oder Angststörung abzustellen. Vielmehr übt der Patient, eine akzep-

tierende Haltung einzunehmen und sein bisheriges Vermeidungsverhalten aufzugeben.

40 Parallel dazu gilt es, die persönlich wichtigen Werte und Motive genauer zu identifizie-

ren. Je besser die Person erkennt, was ihr am Herzen liegt, desto eher gelingt es ihr auch,

die Dinge zu tun, die sie wirklich will – und nicht nur solche, die andere von ihr verlangen.

Schließlich geht es darum, wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen, das mehr durch

die eigenen Wünsche und Ziele als durch Selbstzweifel und Überforderung geprägt ist.

45 Die ACT zielt somit auf eine Balance zwischen Akzeptanz und Veränderung. Durch die

Einsicht, dass nicht alle negativen Zustände verschwinden müssen, damit man den Alltag

erfolgreich meistern kann, stößt sie bei den Betreffenden eine Neuorientierung an.

Viele psychische Probleme gründen in einer mangelnden Flexibilität. Die ACT unter-

scheidet hierbei sechs Bereiche: Vermeidung, unklare Werte, Passivität, Gedankenfusion,

50 starres Selbstkonzept und geringe Achtsamkeit […]. Im Verlauf der Therapie setzen ver-

schiedene Methoden auf all diesen Ebenen an, um die Flexibilität zu fördern.

Dominierender Fokus: Bloß weg damit!

Zu Beginn ist das Verhalten der Patienten meist stark darauf gerichtet, ihre Symptome

zu beseitigen und möglichst nie mehr damit zu tun zu haben. Durch diesen alles dominie-

55 renden Fokus verlieren sie leicht aus dem Blick, was ihnen im Leben etwas bedeutet. Folg-

lich bleiben die Patienten oft untätig in Bezug auf ihre Werte, ihren individuellen Lebens-

kompass.

Aber woher weiß man, was einem wirklich wichtig ist? Denken Sie an einen Bereich

Ihres Lebens, der Ihnen besonders bedeutsam erscheint. Wollen Sie ein guter Elternteil

60 sein, ein guter Kumpel oder gut in Ihrem Beruf? Was haben Sie gemacht, wenn Sie einmal

das Gefühl hatten, dieses Ziel erreicht zu haben? Was machte Sie stolz? Wie haben Sie es

geschafft, dass jener Tag gut lief? Denken Sie nun an das Gegenteil: Wie haben Sie an

schlechteren Tagen gehandelt? Was hat Sie daran gehindert, der Mensch zu sein, der Sie

sein wollten?

65 Wenn sich Patienten etwa auf diese Weise ihrer eigenen Werte bewusst werden, können

sie sich vermehrt auf ihre Kurz- und Langzeitziele konzentrieren. Sie erleben zwar weiter-

hin negative Gedanken und Gefühle. Doch indem sie offen dafür sind und sie zulassen,

ohne etwas verändern zu müssen, gewinnen sie neue Energie für ein zielgeleitetes Handeln.

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt: In aller Regel nimmt dann auch ihr Leiden ab.

70 Dafür ist es wichtig, sich aus der Verstrickung mit den eigenen Gedanken zu lösen. Man

spricht hier von kognitiver Defusion. Oft identifizieren sich Patienten stark mit ihren Urtei-

len, sie besitzen kaum Distanz zu ihnen und sehen ihre Gedanken als Tatsachen an. Das ist

etwa so, als würde jemand auf einem Computerbildschirm Sätze lesen wie „Du bist dumm“

oder „Lass es lieber, Versager“ – und derjenige glaubt sie wortwörtlich.

75 Man kann nun panisch Tasten drücken, damit der Satz verschwindet. Oder man sagt

sich: Was immer da steht, es muss nicht stimmen; Gedanken kommen und gehen, wie ein

Regenschauer. Gewinnt der Patient den nötigen Abstand zum Inhalt seiner Gedanken, kann

er freier entscheiden, ob und wie er darauf reagieren will.

Das lässt sich auch auf das Selbstbild übertragen. Hält jemand bestimmte Erklärungsmus-

80 ter für unbezweifelbar, so entwickelt er häufig rigide Vorstellungen von sich selbst.

Etwa: „Weil ich als Kind nie gelobt wurde, habe ich so große Angst zu versagen – ich sollte

mir besser nichts zumuten.“ Im Rahmen der Therapie geht es dann darum, eine beobach-

tende Außenperspektive einzunehmen und so eine neue Sicht auf sich zu gewinnen. In

Selbsterfahrungsübungen kann der Patient zudem seinen Sinn dafür schärfen, welche Anteile

85 des eigenen Ichs eher stabil sind – ähnlich wie eine Vase, die alle möglichen „Blumen“ (Zu-

stände oder Emotionen) enthalten kann: Trauer ebenso wie Freude, Momente des Schei-

terns, aber auch Erfolge.

Durch ihre Vermeidung und die beschriebene „Gedankenfusion“ stehen Patienten oft

wenig in Kontakt mit ihrer unmittelbaren Umwelt. Sie beschäftigen sich viel mit vergange-

90 nen Missgeschicken oder Versäumnissen und grübeln darüber nach, wie sie vermeintliche

Bedrohungen in der Zukunft abwenden können. Um dem entgegenzuwirken, praktiziert

man in der ACT eine Reihe von Achtsamkeits- und Imaginationsübungen. Die Patienten

sollen sich zum Beispiel vorstellen, aufkommende Gedanken einzeln auf ein Blatt zu setzen

und den „Gedankenfluss“ hinuntertreiben zu lassen.

95 Entscheidend ist es, keine bewertende Haltung gegenüber dem eigenen Empfinden ein-

zunehmen und nicht mehr nur Symptome der Störung, sondern auch andere Aspekte der je-

weiligen Situation wahrzunehmen. Die ACT nutzt dabei viele Metaphern und Bilder. Ein

Beispiel ist das „Tauziehen mit dem Angstmonster“. Der Therapeut bittet den Patienten,

das Ende eines Seils festzuhalten, dessen anderes Ende er selbst hält. Der Patient soll sich

100 vorstellen, dass zwischen beiden ein Abgrund liegt, in dem Ängste und negative Empfin-

dungen lauern. Nun zieht der Therapeut am Seil und bringt den Patienten damit näher an

den „Abgrund“.

Der Patient wiederum kann zunächst nichts anderes tun, als dagegenzuhalten und zu

kämpfen. Nach einiger Zeit des Zerrens fragt der Therapeut, was passieren würde, wenn der

105 Patient das Seil einfach losließe, statt weiter daran zu ziehen. Das veranschaulicht, welche

Vorteile die Akzeptanz gegenüber den eigenen Gedanken hat: Sie strengt weniger an und

eröffnet die Freiheit, seine Energie auf anderes zu richten.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, der eigenen inneren Stimme einen Namen zu ge-

ben. Steven Hayes selbst erzählt in Vorträgen oft, dass er seine innere Stimme „George“

110 nennt und dass er Georges Vorschlägen respektvoll zuhört, sich dafür bedankt, aber nicht

allzu viel darauf gibt. So schafft er Abstand zu Gedanken wie „Ich kann das nicht“.

„Red nur, George“

Die Idee dahinter ist, dass wir täglich Tausende von Gedanken produzieren. Doch längst

nicht jeder verdient es, auf die Goldwaage gelegt zu werden. So wie Hayes seinen „George“

115 einfach reden lässt, können wir unsere Selbstkritik wahrnehmen und vorbeiziehen lassen.

Abwertende Urteile wie „Ich kann nichts“ oder „Ich bin wertlos“ bestimmen oft das

Denken von Menschen mit einer Depression. Um diesen Worten die Kraft zu nehmen, kann

man sie mehrmals schnell hintereinander wiederholen. So hört sich die Aussage rasch selt-

sam an und verliert an Wirkung. Eine andere Möglichkeit ist, mit verstellter Donald-Duck-

120 Stimme zu sprechen oder zur Melodie von „Alle meine Entchen“ zu singen. Diese Techniken

helfen, belastende Gedanken zu verfremden und so die Distanzierung zu erleichtern.

[…]

Wie wir heute wissen, ist das Vermeiden von negativen Gedanken nicht nur ineffektiv,

sondern kann sogar psychische Probleme aufrechterhalten. So bringt es oft mehr Erleichte-

125 rung, nicht gegen unangenehme Zustände anzukämpfen. Wer sich von seiner Ängstlichkeit

distanziert, die eigene Unsicherheit hinnimmt oder den Gedanken, er sei zu nichts zu gebrau-

chen, gelassen quittiert („Danke, George!“), den suchen sie auf lange Sicht seltener heim.

3. Erörtern Sie, inwiefern sich die ACT bei der Therapie einer Zwangsstörung einsetzen lässt. Nehmen Sie zum Schluss Stellung dazu, ob bei einer Zwangsstörung der Akzeptanz- und Commitmenttherapie gegenüber der Psychoanalyse der Vorzug zu geben ist. (26 Punkte)

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