Abitur NRW Psychologie 2022 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg

Abiturprüfung Psychologie in Nordrhein-Westfalen 2022, LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 8 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Sozialpsychologische Theorien anwenden · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen · Psychische Störungen und Psychotherapie · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl

Aufgabe HT 1 - Sozialpsychologische Theorien anwenden · Sozialpsychologische Theorien anwenden

„Man muss die Leute zu Komplizen machen“

Nicht durch restriktive¹ Maßnahmen, sondern nur durch Überzeugungskraft kann man gesell-

schaftliche Regeln nachhaltig ändern, sagt der Sozialpsychologe Klaus Fiedler.

SPIEGEL: Herr Fiedler, auch wenn es so scheint, als gäbe es nun eine schrittweise Rückkehr

zur Normalität [der Text ist erschienen im Mai 2020], müssen wir vermutlich alte Lebens-

5 gewohnheiten aufgeben und neue Routinen entwickeln, um die Pandemie unter Kontrolle

zu halten. Was genau bringt Menschen dazu, ihr Verhalten langfristig zu ändern?

Klaus Fiedler: Es gibt zwei Prozesse, die zu einer Verhaltensänderung führen. Der eine beruht

darauf, dass die Menschen das machen, was man von ihnen verlangt, durch Druck von oben

oder den Druck der Mehrheit. Dieses Prinzip hat die Bevölkerung im Moment stark geprägt.

10 Damit man aber dauerhafte Verhaltensänderungen erzeugt, müssen die Menschen neue Werte

und Ziele verinnerlichen. Sie müssen etwas selbst wollen, weil sie eingesehen haben: Das

ist gut so! Und weil sie die Gründe sehen, die dafür sprechen. Ich bin sehr besorgt darüber,

wenn die Loyalität der Bevölkerung nicht die freiwillige Teilnahme an einer Aktion wider-

spiegelt, sondern eigentlich nur Gehorsam ist.

15 SPIEGEL: Woraus leiten Sie das ab?

Fiedler: Nun, es gibt ja zum Glück auch Ausnahmen. Aber im Großen und Ganzen beobachte

ich schon, nicht nur im Kontext der Corona-Pandemie, dass viele Menschen, auch junge wie

zum Beispiel Studenten, auf Compliance stehen und geradezu darum betteln, dass sie genaue

Vorschriften gehorsam beachten dürfen, ohne selbst noch verantwortlich nachdenken zu müs-

20 sen.

[...]

SPIEGEL: Und auf begrenzte Zeit staatliche Anordnungen zu befolgen, um die Pandemie

einzudämmen – das reicht nicht?

Fiedler: Wenn man mit restriktiven Maßnahmen und Bestrafung operiert, dann funktioniert

25 das nicht lange. Das funktioniert genau so lange, wie der Druck da ist. Die nächste Infektions-

welle kann nur so bewältigt werden, dass man die Verantwortlichkeit von der Obrigkeit auf

niedere Stellen überträgt. Dass man vom Einzelnen erwartet, dass er das, was er bisher unter

Druck getan hat, künftig selbstständig macht. Eine Verhaltensänderung, die nur so lange

andauert, wie eine Vorschrift existiert, die ja auch noch überwacht werden muss, kann nicht

30 stabil sein.

SPIEGEL: Wie kann man denn befördern, dass Menschen etwas aus eigenem Antrieb machen?

Fiedler: Indem man die Menschen nicht erziehen und gängeln will, sondern sie als Partner

betrachtet. Und indem man sie um Rat fragt. Wenn man ihnen das Gefühl gibt, dass sie selbst

mitgeholfen haben, mit dieser Pandemie umzugehen, dann hat das einen Schneeball-Effekt,

35 und viele werden kreative Ideen entwickeln. Selbstbestimmte Verhaltensweisen haben eine

viel größere Wahrscheinlichkeit, dass sie auf Dauer beibehalten werden. Wenn man jemandem

etwas verbietet, dann gewinnt das Verbotene nur an Attraktivität. Wenn man dagegen einzelne

Bürger dafür lobt und respektiert, dass sie gute Ideen produzieren, bewirkt man wirklich etwas.

SPIEGEL: Es würde also helfen, wenn man das eher als Wettbewerb, als Spiel gestalten würde

40 und zum Beispiel Architekten dazu aufrufen würde, neue Wohn- und Arbeitskonzepte fürs

Homeoffice zu entwerfen, sich neue Gestaltungen von öffentlichen Räumen zu überlegen, in

denen es leichter fällt, Abstände zu wahren? Oder das beste Restaurant zu küren, das gemüt-

liches Essen mit Abstand originell umsetzt?

[...]

45 Fiedler: Genau. So etwas würde ich empfehlen: einen spielerischen Wettbewerb wie beim

Sport. Sich also zu überlegen: Wie kann eine neue Innenarchitektur aussehen? Wie kann ich

Tische anders anordnen, Schalter auf Ämtern anders gestalten? Wie kann ich Geschäfte ein-

richten, dass die Leute nicht so dicht an dicht nebeneinanderstehen? Ich bin überzeugt: Wenn

man die Bevölkerung animieren würde und eine konzertierte Aktion stattfinden würde von

50 Journalisten, Wissenschaftlern, Lehrenden, dann könnten wir auf kreative Weise Verhaltens-

weisen entwickeln, die wir gern tun.

SPIEGEL: Lernen durch Vorbilder und Modelle…

Fiedler: Ja, wobei sich diese Ideen gar nicht nur unmittelbar auf die Vermeidung von Anste-

ckung beziehen müssen, also auf Kontaktminimierung und Abstandsmaximierung. Wenn

55 jemand mit viel Gemeinsinn Ideen produziert, wie man zum Beispiel Freiberuflern hilft, die

jetzt die Zeche bezahlen² für den Lockdown, dann ist das zwar nicht epidemiologisch wirk-

sam. Aber dann ist derjenige auch loyal in Bezug auf die Disziplin, die erforderlich ist, um

Abstand zu halten. Das strahlt dann über auf andere loyale Verhaltensweisen, die epidemio-

logisch wichtig sind. In der Psychologie nennt man eine solche nachhaltige Beeinflussung,

60 die zu einer Verinnerlichung und dauerhaften Verhaltensänderung führt, Konversion.

SPIEGEL: Dann haben wir also eine Art Wertewandel vollzogen?

Fiedler: Ja, solche Prozesse kann man nicht nur bei Erwachsenen, sondern sogar schon bei

Kindern beobachten. Wenn Kinder eigene Ideen entwickeln, um eine bestimmte Aufgabe

zu lösen und dafür Wertschätzung erfahren, dann sind sie auch in Bezug auf andere Dinge,

65 die gar nicht zum Spiel gehört haben, eher bereit zu kooperieren.

SPIEGEL: Ist nicht das Eigeninteresse, Regeln zu meinem Nutzen großzügig auszulegen und

umzusetzen, trotzdem im Zweifel stärker als der Solidargedanke, dass die Regel einem höheren

Zweck dient?

Fiedler: Wenn die neuen Ziele wirklich verinnerlicht sind, gibt es keine konkurrierenden

70 Interessen mehr. Solange Menschen nur unter äußerem Druck etwas tun, ist die Gefahr, dass

sie auf ihre Eigeninteressen zurückfallen, viel größer. Wir müssen die neuen Werte, die

neuen Ziele, die neuen Gewohnheiten wirklich gut finden, schön finden, wir müssen lernen,

sie zu mögen. So wie ein Marathonläufer lernen muss, das Berg-Hinauflaufen zu mögen, und

wenn er erst einmal über den Berg gekommen ist, dann kann ihn nichts mehr abschrecken.

75 SPIEGEL: Das erfordert auch eine gewisse Anstrengung …

Fiedler: Wenn eine Person eine Anstrengung auf sich nimmt, dann ist die Auswirkung beson-

ders günstig. Wenn jemand also zum Beispiel lange auf einen Studienplatz gewartet hat, viel

Mühe dafür aufgewandt hat, dann ist er besonders motiviert und die Lernleistung besonders

hoch. Ähnlich wäre es bei einem spielerischen Wettbewerb in der Gesellschaft. Und wenn

80 die freiwillige Teilnahme an diesem Spiel auch noch so gestaltet wäre, dass man die Leute

dazu bringt, dass sie Mühe und Kosten auf sich nehmen, dann hat man sie auch gewonnen.

Denn aus psychologischer Sicht ist es so: Wenn ich mich selbst dabei beobachte, dass ich

aus freien Stücken ein Opfer bringe, einen hohen Preis zahle, dann schließe ich daraus: Das

ist das, was ich wirklich will. Und so funktionieren dauerhafte Verhaltensweisen. Das gilt

85 übrigens auch für Kinder: Wenn ich ein Kind frage: Auf was kannst du verzichten? Welche

Arbeit kannst du übernehmen, die Anstrengung kostet? - dann ist das ein Spiel, das Kinder

zu Solidarität und ehrlich gemeinten Überzeugungen erzieht.

SPIEGEL: Würde es uns leichter fallen, uns auf das Neue einzulassen, wenn wir die Dinge

anders benennen würden? Wenn wir zum Beispiel nicht vom Zwang zum Abstand sprechen

90 würden, sondern von einem neuen Freiraum, der uns zusteht?

Fiedler: Sicher, man muss die Leute zu Komplizen machen. Und dazu gehört auch, die ange-

nehme Seite von den neuen Verhaltensweisen zu benennen, die schönen Aspekte zu betonen.

In der Psychologie nennt man das Framing oder Re-Framing, man rahmt einen Sachverhalt

anders. Das Verbot, zu seinem Arbeitsplatz zu gehen, kann man auch anders nennen: die neue

95 Exploration, die neue Erkundung zu Hause. Viel hängt davon ab, dass man neue Begriffe lernt

und dass diese Begriffe mit ihrer Überschuss-Bedeutung auch in den Medien verbreitet wer-

den. Psycholinguisten haben schon immer gesagt: Das, was man durch Substantive ausdrückt,

wirkt Wunder. Denn Substantive haben die Eigenschaft, dass man sie nicht nachprüft, sondern

einfach als gegebene Bedeutung übernimmt. Es macht bekanntlich einen Unterschied, ob man

100 etwas ein Kriegsministerium oder ein Verteidigungsministerium nennt.

[...]

SPIEGEL: Glauben Sie denn, dass sich mit den neuen Verhaltensweisen langfristig unsere

ganze Kultur des sozialen Miteinanders verändern wird?

Fiedler: Mit dem Verhalten ist das so wie mit der Evolution: Wenn wir jetzt unser Verhalten

105 ändern wegen der besonderen Anforderungen der Epidemie, dann entstehen lokal und zeit-

lich begrenzt Verhaltensmutationen. Welche davon übrig bleiben und in unser Repertoire

übergehen, kann man nicht vorhersagen. Es gibt immer Phasen, in denen wir mehr auspro-

bieren als sonst: Wenn sich zum Beispiel die Umwelt für jemanden massiv verändert, weil

er oder sie in einen anderen Kulturkreis zieht, oder wenn wir einen Entwicklungsschritt voll-

110 ziehen und in eine neue Lebensphase eintreten, oder wenn wir Krieg und Katastrophen erleben.

In all diesen Phasen fangen wir an zu improvisieren. Welche der neuen Verhaltensweisen

langfristig Bestand haben wird, hängt davon ab, ob sie auch später noch eine Funktion erfüllen.

SPIEGEL: Sonst legen wir sie genauso schnell wieder ab …

Fiedler: Ja, wenn die Menschen jetzt zum Beispiel ausprobiert haben, mehr zu Hause zu kochen:

115 gut. Aber die Frage ist, ob diese Art zu kochen später noch funktionell ist, wenn alle wieder

jeden Tag ins Büro gehen müssen. Genauso ist es mit dem Homeoffice. Nur wenn strukturell

etwas davon übrig bleibt, weil Arbeitgeber sehen, dass sie auf diese Weise Geld für Büroräume

sparen und vielleicht sogar die Leistungsfähigkeit und Motivation ihrer Leute steigern, können

die Verhaltensweisen dauerhaft werden.

120 [...]

SPIEGEL: Es kann aber gut sein, dass uns das Virus immer wieder aufs Neue zwingt, unser

Verhalten zu überdenken. Wie können wir Menschen es überhaupt schaffen, eine Gefahr

dauerhaft ernst zu nehmen, die wir nicht wahrnehmen können?

Fiedler: Dagegen ist leider kaum ein Kraut gewachsen. Die unsichtbaren Gefahren werden

125 unterschätzt. Deshalb sind Viren etwas Teuflisches.

SPIEGEL: Aber brauchen wir nicht gerade deshalb neben der Eigenverantwortung auch klare

Regeln, die der Gefahr Rechnung tragen? Regeln haben ja auch ihr Gutes: Sie entlasten den

Einzelnen. Man muss sich nicht in jeder Situation neu entscheiden, neu abwägen …

Fiedler: Sicher, wir brauchen immer einen Mix. Man kann nicht erwarten, dass hundert Pro-

130 zent der Bevölkerung selbstbestimmtes Verhalten zeigen. Die Vordenker, deren Meinungen

dann multipliziert werden, sind nicht die Mehrheit. Es muss auch Leute geben, die bereit sind,

die Einsichten, die andere hatten, zu übernehmen. Epidemiologisch betrachtet ist es auch

immer wichtig, dass ein Teil der Bevölkerung Verhalten nachahmt. Aber das Verhalten, das

nachgeahmt wird, muss kreativ geschöpft sein. Und diese Kreativität entsteht von unten nach

135 oben. Die Weisheit der Masse ist größer als die Weisheit einzelner Vordenker. Die Vielfalt

der Ideen ist größer, wenn man sie wachsen lässt. Mit Blick auf die gesamte Gesellschaft

brauchen wir beides: Lernwilligkeit und kreative Fähigkeit.

¹ einschränkend

² den Preis bezahlen; einstehen für

Aufgabenstellung:

1.

Arbeiten Sie aus dem Text heraus, welche zwei Prozesse der Verhaltensänderung Klaus Fiedler für die Zeit der Corona-Pandemie beschreibt und welche Vorschläge er für dauerhaft stabile Veränderungen macht. Erklären Sie anschließend diese Prozesse der Verhaltensänderung während der Corona-Pandemie mithilfe der Theorie konformen Verhaltens und der Grundbegriffe der Systemtheorie. [30 Punkte]

Aufgabe HT 1 - Persönlichkeitstheorien anwenden und vergl… · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen

„Man muss die Leute zu Komplizen machen“

Nicht durch restriktive¹ Maßnahmen, sondern nur durch Überzeugungskraft kann man gesell-

schaftliche Regeln nachhaltig ändern, sagt der Sozialpsychologe Klaus Fiedler.

SPIEGEL: Herr Fiedler, auch wenn es so scheint, als gäbe es nun eine schrittweise Rückkehr

zur Normalität [der Text ist erschienen im Mai 2020], müssen wir vermutlich alte Lebens-

5 gewohnheiten aufgeben und neue Routinen entwickeln, um die Pandemie unter Kontrolle

zu halten. Was genau bringt Menschen dazu, ihr Verhalten langfristig zu ändern?

Klaus Fiedler: Es gibt zwei Prozesse, die zu einer Verhaltensänderung führen. Der eine beruht

darauf, dass die Menschen das machen, was man von ihnen verlangt, durch Druck von oben

oder den Druck der Mehrheit. Dieses Prinzip hat die Bevölkerung im Moment stark geprägt.

10 Damit man aber dauerhafte Verhaltensänderungen erzeugt, müssen die Menschen neue Werte

und Ziele verinnerlichen. Sie müssen etwas selbst wollen, weil sie eingesehen haben: Das

ist gut so! Und weil sie die Gründe sehen, die dafür sprechen. Ich bin sehr besorgt darüber,

wenn die Loyalität der Bevölkerung nicht die freiwillige Teilnahme an einer Aktion wider-

spiegelt, sondern eigentlich nur Gehorsam ist.

15 SPIEGEL: Woraus leiten Sie das ab?

Fiedler: Nun, es gibt ja zum Glück auch Ausnahmen. Aber im Großen und Ganzen beobachte

ich schon, nicht nur im Kontext der Corona-Pandemie, dass viele Menschen, auch junge wie

zum Beispiel Studenten, auf Compliance stehen und geradezu darum betteln, dass sie genaue

Vorschriften gehorsam beachten dürfen, ohne selbst noch verantwortlich nachdenken zu müs-

20 sen.

[...]

SPIEGEL: Und auf begrenzte Zeit staatliche Anordnungen zu befolgen, um die Pandemie

einzudämmen – das reicht nicht?

Fiedler: Wenn man mit restriktiven Maßnahmen und Bestrafung operiert, dann funktioniert

25 das nicht lange. Das funktioniert genau so lange, wie der Druck da ist. Die nächste Infektions-

welle kann nur so bewältigt werden, dass man die Verantwortlichkeit von der Obrigkeit auf

niedere Stellen überträgt. Dass man vom Einzelnen erwartet, dass er das, was er bisher unter

Druck getan hat, künftig selbstständig macht. Eine Verhaltensänderung, die nur so lange

andauert, wie eine Vorschrift existiert, die ja auch noch überwacht werden muss, kann nicht

30 stabil sein.

SPIEGEL: Wie kann man denn befördern, dass Menschen etwas aus eigenem Antrieb machen?

Fiedler: Indem man die Menschen nicht erziehen und gängeln will, sondern sie als Partner

betrachtet. Und indem man sie um Rat fragt. Wenn man ihnen das Gefühl gibt, dass sie selbst

mitgeholfen haben, mit dieser Pandemie umzugehen, dann hat das einen Schneeball-Effekt,

35 und viele werden kreative Ideen entwickeln. Selbstbestimmte Verhaltensweisen haben eine

viel größere Wahrscheinlichkeit, dass sie auf Dauer beibehalten werden. Wenn man jemandem

etwas verbietet, dann gewinnt das Verbotene nur an Attraktivität. Wenn man dagegen einzelne

Bürger dafür lobt und respektiert, dass sie gute Ideen produzieren, bewirkt man wirklich etwas.

SPIEGEL: Es würde also helfen, wenn man das eher als Wettbewerb, als Spiel gestalten würde

40 und zum Beispiel Architekten dazu aufrufen würde, neue Wohn- und Arbeitskonzepte fürs

Homeoffice zu entwerfen, sich neue Gestaltungen von öffentlichen Räumen zu überlegen, in

denen es leichter fällt, Abstände zu wahren? Oder das beste Restaurant zu küren, das gemüt-

liches Essen mit Abstand originell umsetzt?

[...]

45 Fiedler: Genau. So etwas würde ich empfehlen: einen spielerischen Wettbewerb wie beim

Sport. Sich also zu überlegen: Wie kann eine neue Innenarchitektur aussehen? Wie kann ich

Tische anders anordnen, Schalter auf Ämtern anders gestalten? Wie kann ich Geschäfte ein-

richten, dass die Leute nicht so dicht an dicht nebeneinanderstehen? Ich bin überzeugt: Wenn

man die Bevölkerung animieren würde und eine konzertierte Aktion stattfinden würde von

50 Journalisten, Wissenschaftlern, Lehrenden, dann könnten wir auf kreative Weise Verhaltens-

weisen entwickeln, die wir gern tun.

SPIEGEL: Lernen durch Vorbilder und Modelle…

Fiedler: Ja, wobei sich diese Ideen gar nicht nur unmittelbar auf die Vermeidung von Anste-

ckung beziehen müssen, also auf Kontaktminimierung und Abstandsmaximierung. Wenn

55 jemand mit viel Gemeinsinn Ideen produziert, wie man zum Beispiel Freiberuflern hilft, die

jetzt die Zeche bezahlen² für den Lockdown, dann ist das zwar nicht epidemiologisch wirk-

sam. Aber dann ist derjenige auch loyal in Bezug auf die Disziplin, die erforderlich ist, um

Abstand zu halten. Das strahlt dann über auf andere loyale Verhaltensweisen, die epidemio-

logisch wichtig sind. In der Psychologie nennt man eine solche nachhaltige Beeinflussung,

60 die zu einer Verinnerlichung und dauerhaften Verhaltensänderung führt, Konversion.

SPIEGEL: Dann haben wir also eine Art Wertewandel vollzogen?

Fiedler: Ja, solche Prozesse kann man nicht nur bei Erwachsenen, sondern sogar schon bei

Kindern beobachten. Wenn Kinder eigene Ideen entwickeln, um eine bestimmte Aufgabe

zu lösen und dafür Wertschätzung erfahren, dann sind sie auch in Bezug auf andere Dinge,

65 die gar nicht zum Spiel gehört haben, eher bereit zu kooperieren.

SPIEGEL: Ist nicht das Eigeninteresse, Regeln zu meinem Nutzen großzügig auszulegen und

umzusetzen, trotzdem im Zweifel stärker als der Solidargedanke, dass die Regel einem höheren

Zweck dient?

Fiedler: Wenn die neuen Ziele wirklich verinnerlicht sind, gibt es keine konkurrierenden

70 Interessen mehr. Solange Menschen nur unter äußerem Druck etwas tun, ist die Gefahr, dass

sie auf ihre Eigeninteressen zurückfallen, viel größer. Wir müssen die neuen Werte, die

neuen Ziele, die neuen Gewohnheiten wirklich gut finden, schön finden, wir müssen lernen,

sie zu mögen. So wie ein Marathonläufer lernen muss, das Berg-Hinauflaufen zu mögen, und

wenn er erst einmal über den Berg gekommen ist, dann kann ihn nichts mehr abschrecken.

75 SPIEGEL: Das erfordert auch eine gewisse Anstrengung …

Fiedler: Wenn eine Person eine Anstrengung auf sich nimmt, dann ist die Auswirkung beson-

ders günstig. Wenn jemand also zum Beispiel lange auf einen Studienplatz gewartet hat, viel

Mühe dafür aufgewandt hat, dann ist er besonders motiviert und die Lernleistung besonders

hoch. Ähnlich wäre es bei einem spielerischen Wettbewerb in der Gesellschaft. Und wenn

80 die freiwillige Teilnahme an diesem Spiel auch noch so gestaltet wäre, dass man die Leute

dazu bringt, dass sie Mühe und Kosten auf sich nehmen, dann hat man sie auch gewonnen.

Denn aus psychologischer Sicht ist es so: Wenn ich mich selbst dabei beobachte, dass ich

aus freien Stücken ein Opfer bringe, einen hohen Preis zahle, dann schließe ich daraus: Das

ist das, was ich wirklich will. Und so funktionieren dauerhafte Verhaltensweisen. Das gilt

85 übrigens auch für Kinder: Wenn ich ein Kind frage: Auf was kannst du verzichten? Welche

Arbeit kannst du übernehmen, die Anstrengung kostet? - dann ist das ein Spiel, das Kinder

zu Solidarität und ehrlich gemeinten Überzeugungen erzieht.

SPIEGEL: Würde es uns leichter fallen, uns auf das Neue einzulassen, wenn wir die Dinge

anders benennen würden? Wenn wir zum Beispiel nicht vom Zwang zum Abstand sprechen

90 würden, sondern von einem neuen Freiraum, der uns zusteht?

Fiedler: Sicher, man muss die Leute zu Komplizen machen. Und dazu gehört auch, die ange-

nehme Seite von den neuen Verhaltensweisen zu benennen, die schönen Aspekte zu betonen.

In der Psychologie nennt man das Framing oder Re-Framing, man rahmt einen Sachverhalt

anders. Das Verbot, zu seinem Arbeitsplatz zu gehen, kann man auch anders nennen: die neue

95 Exploration, die neue Erkundung zu Hause. Viel hängt davon ab, dass man neue Begriffe lernt

und dass diese Begriffe mit ihrer Überschuss-Bedeutung auch in den Medien verbreitet wer-

den. Psycholinguisten haben schon immer gesagt: Das, was man durch Substantive ausdrückt,

wirkt Wunder. Denn Substantive haben die Eigenschaft, dass man sie nicht nachprüft, sondern

einfach als gegebene Bedeutung übernimmt. Es macht bekanntlich einen Unterschied, ob man

100 etwas ein Kriegsministerium oder ein Verteidigungsministerium nennt.

[...]

SPIEGEL: Glauben Sie denn, dass sich mit den neuen Verhaltensweisen langfristig unsere

ganze Kultur des sozialen Miteinanders verändern wird?

Fiedler: Mit dem Verhalten ist das so wie mit der Evolution: Wenn wir jetzt unser Verhalten

105 ändern wegen der besonderen Anforderungen der Epidemie, dann entstehen lokal und zeit-

lich begrenzt Verhaltensmutationen. Welche davon übrig bleiben und in unser Repertoire

übergehen, kann man nicht vorhersagen. Es gibt immer Phasen, in denen wir mehr auspro-

bieren als sonst: Wenn sich zum Beispiel die Umwelt für jemanden massiv verändert, weil

er oder sie in einen anderen Kulturkreis zieht, oder wenn wir einen Entwicklungsschritt voll-

110 ziehen und in eine neue Lebensphase eintreten, oder wenn wir Krieg und Katastrophen erleben.

In all diesen Phasen fangen wir an zu improvisieren. Welche der neuen Verhaltensweisen

langfristig Bestand haben wird, hängt davon ab, ob sie auch später noch eine Funktion erfüllen.

SPIEGEL: Sonst legen wir sie genauso schnell wieder ab …

Fiedler: Ja, wenn die Menschen jetzt zum Beispiel ausprobiert haben, mehr zu Hause zu kochen:

115 gut. Aber die Frage ist, ob diese Art zu kochen später noch funktionell ist, wenn alle wieder

jeden Tag ins Büro gehen müssen. Genauso ist es mit dem Homeoffice. Nur wenn strukturell

etwas davon übrig bleibt, weil Arbeitgeber sehen, dass sie auf diese Weise Geld für Büroräume

sparen und vielleicht sogar die Leistungsfähigkeit und Motivation ihrer Leute steigern, können

die Verhaltensweisen dauerhaft werden.

120 [...]

SPIEGEL: Es kann aber gut sein, dass uns das Virus immer wieder aufs Neue zwingt, unser

Verhalten zu überdenken. Wie können wir Menschen es überhaupt schaffen, eine Gefahr

dauerhaft ernst zu nehmen, die wir nicht wahrnehmen können?

Fiedler: Dagegen ist leider kaum ein Kraut gewachsen. Die unsichtbaren Gefahren werden

125 unterschätzt. Deshalb sind Viren etwas Teuflisches.

SPIEGEL: Aber brauchen wir nicht gerade deshalb neben der Eigenverantwortung auch klare

Regeln, die der Gefahr Rechnung tragen? Regeln haben ja auch ihr Gutes: Sie entlasten den

Einzelnen. Man muss sich nicht in jeder Situation neu entscheiden, neu abwägen …

Fiedler: Sicher, wir brauchen immer einen Mix. Man kann nicht erwarten, dass hundert Pro-

130 zent der Bevölkerung selbstbestimmtes Verhalten zeigen. Die Vordenker, deren Meinungen

dann multipliziert werden, sind nicht die Mehrheit. Es muss auch Leute geben, die bereit sind,

die Einsichten, die andere hatten, zu übernehmen. Epidemiologisch betrachtet ist es auch

immer wichtig, dass ein Teil der Bevölkerung Verhalten nachahmt. Aber das Verhalten, das

nachgeahmt wird, muss kreativ geschöpft sein. Und diese Kreativität entsteht von unten nach

135 oben. Die Weisheit der Masse ist größer als die Weisheit einzelner Vordenker. Die Vielfalt

der Ideen ist größer, wenn man sie wachsen lässt. Mit Blick auf die gesamte Gesellschaft

brauchen wir beides: Lernwilligkeit und kreative Fähigkeit.

¹ einschränkend

² den Preis bezahlen; einstehen für

Aufgabenstellung:

2.

Erläutern Sie die Vorschläge Fiedlers zu dauerhaft stabilen Veränderungen, indem Sie sich einerseits auf die kognitivistische Persönlichkeitstheorie nach Bandura und andererseits auf die Dissonanztheorie beziehen. [22 Punkte]

3.

Erklären Sie aus behavioristischer Perspektive die zwei Prozesse der Verhaltensänderung während der Corona-Pandemie und berücksichtigen Sie dabei das zugehörige Menschenbild. Erörtern Sie anschließend, ob diese persönlichkeitspsychologische Erklärung gegenüber den sozialpsychologischen Erklärungen aus Aufgabe 1 den Vorzug verdient. [28 Punkte]

Aufgabe HT 2 - Sozialpsychologische Theorien anwenden · Sozialpsychologische Theorien anwenden

Keine Angst vor Ignoranz

Bevor Sie diesen Artikel lesen, vergessen Sie bitte erst einmal, dass »ignorant« ein Schimpf-

wort ist. Wir benutzen es normalerweise, um andere abzuwerten. Ein ignoranter Mensch weiß

nicht nur nichts (oder sehr wenig), er will auch gar nichts wissen. Statt Fakten und Bildung

zu schätzen, pflegt er dumpfe Vorurteile, sei es aus Überforderung oder aus Bequemlichkeit.

5 Das macht ihn unempfänglich für Argumente, so dass man ihn kaum eines Besseren belehren

kann. Kurzum: Ignoranz ist schlecht – dumm und hartnäckig zugleich.

So weit der landläufige Gebrauch des Wortes. Psychologen und Kognitionsforscher verwen-

den es jedoch häufig rein beschreibend. Ignoranz ist für sie dann der Fall, wenn Menschen

Informationen ausblenden, verdrängen, vermeiden, nicht akzeptieren, herunterspielen oder

10 sonst wie die Augen davor verschließen. Und das kann, muss aber nicht schlecht sein.

Es kann zum Beispiel dabei helfen, die tägliche Informationsflut zu bewältigen, mit anderen

gut auszukommen oder sich nicht übermäßig zu ängstigen. Ein gewisses Arsenal an mentalen

Scheuklappen erscheint somit nicht bloß menschlich, sondern nützlich.

Wann und zu welchem Zweck wir lieber uninformiert bleiben, fragten sich vor einigen Jahren

15 der Psychologe Ralph Hertwig und der Ökonom Christoph Engel. Ihr Fachartikel mit dem

Titel »Homo ignorans« von 2016 wurde wegweisend für die Wissensvermeidungsforschung.

Hertwig und Engel unterschieden nicht weniger als sechs Felder, auf denen »deliberate

ignorance«, also willentliche Ignoranz, Früchte trägt […].

Erstens regulieren wir damit häufig unsere Gefühle. Sich nicht zu fragen, was man hätte voraus-

20 sehen oder anders machen können, beugt der Reue vor, so wie es Sorgen lindert, wenn man

mögliche Gefahren ausblendet. Eine 2020 veröffentlichte Studie von Forschern um Lisa Bruttel

von der Universität Potsdam bestätigte: Probanden wollen lieber nicht wissen, wie viel Geld

andere Teilnehmer für das gleiche Experiment bekommen, wenn sie befürchten, das könne

bei ihnen selbst Neid wecken.

25 Zweitens erhalten wir uns auf ähnliche Weise manches Spannungsmoment im Leben: Wer

will schon gern im Voraus erfahren, was einem die Lieben zu Weihnachten schenken?

Drittens meistern wir viele Stresssituationen besser, wenn wir nicht alle Informationen haben.

So kann der Zwischenstand im Wettkampf oder Feedback bei einer Prüfung einen noch nervö-

ser machen oder gar entmutigen. Sich nicht darum zu kümmern, wie andere einen sehen, half

30 auch schon manchem Partygast oder Festredner dabei, entspannter aufzutreten.

Viertens kann Nichtwissen ein Gebot der Fairness sein, wenn wir es nutzen, um unsere Vor-

eingenommenheit auszuhebeln. Aus diesem Grund gehen Personaler heute zunehmend dazu

über, Fotos oder Namen in Bewerbungsunterlagen zu schwärzen, bevor diese gesichtet werden.

Der subtilen Macht der Vorurteile gegenüber Frauen oder Migranten beugt das am sichersten

35 vor.

Fünftens dient Ausblenden dem persönlichen »Informationsmanagement«. Sprich: Wir ver-

meiden, was uns ablenken oder verwirren könnte. Ohne Ignoranz kein Fokus. Wie sollten

wir etwa unsere digitale Alltagskommunikation bewältigen, würden wir viele der Nachrichten

und Angebote, die auf uns einprasseln, nicht ungelesen vom Handydisplay wischen? Selbst

40 Wissenschaftler müssen sich bei ihrer Forschung sehr genau überlegen, was sie alles nicht

wissen wollen […].

Und sechstens schließlich ist Ignoranz ein strategischer Kniff im Zwischenmenschlichen. Wer

sich nicht auskennt, muss auch selten Verantwortung im Job oder zu Hause übernehmen. Der

Dumme hat es einfach leichter – er bewahrt sich selbst davor, tun zu müssen, was er nicht

45 will, indem er die unangenehmen Aufgaben anderen überlässt. Deshalb will der Ehemann

partout nicht wissen, wie das Bügeleisen funktioniert. Und die Kollegin klagt beim kleinsten

Auftrag, das könne sie nicht, habe sie ja noch nie gemacht. […]

Offenbar gibt es also viele gute Gründe dafür, manches lieber nicht wissen zu wollen. Den-

noch gelangten Forscher erst allmählich zu der Einsicht, dass nicht immer kognitive Schwä-

50 chen oder Überforderung dahinterstecken. Selbst wenn es für uns ein Leichtes wäre, Wissen

zu erwerben, vermeiden wir es häufig, der genannten Vorteile wegen. Das Defizitmodell

der Ignoranz hingegen war lange Zeit so beherrschend, dass Studien dazu regelmäßig eine

Kur gegen das vermeintliche Übel empfahlen.

Auch James Shepperd, Psychologieprofessor an der University of Florida, erforschte mit

55 seiner Doktorandin Jennifer Howell und anderen, wie sich der Hang zur Informationsver-

meidung reduzieren lässt. Im Rahmen einer Studie [Studie 1] mit dem bezeichnenden Titel

»Hot or not?« (deutsch: »Scharf oder nicht?«) erklärten die Forscher ihren studentischen

Probanden, andere Teilnehmer würden ihre Attraktivität anhand von Porträtfotos bewerten.

Wollten die Betreffenden wissen, für wie gut aussehend man sie hielt?

60 Frauen reagierten auf dieses Angebot insgesamt zögerlicher als Männer. Und zwar vor allem

dann, wenn die Beurteiler (angeblich) Kommilitonen der eigenen Universität waren, also

die Konkurrenz auf dem heimischen Campus. Handelte es sich dagegen um irgendwelche

Erwachsenen oder um Kinder, war die Furcht vor wenig schmeichelhaften Kommentaren

viel geringer.

65 Je mehr sich Menschen von Wissen bedroht fühlen, desto eher vermeiden sie es. Das kenn-

zeichnet oft ebenfalls unseren Umgang mit Gesundheitsdaten. Denn diese sind nicht nur

potenziell hochbrisant, sie können uns auch unangenehme Entscheidungen oder Verhaltens-

änderungen abverlangen.

In einer Arbeit von 2012 [Studie 2] präsentierten Howell und Shepperd Probanden eine »kaum

70 bekannte« Stoffwechselstörung namens TAA-Defizit, die in Wahrheit komplett erfunden war.

Das Syndrom lasse sich, so hieß es, durch ein Screening, das die Teilnehmer neben anderen

Fragebogentests absolvierten, recht sicher erkennen. Wollten die Probanden ihr Resultat er-

fahren?

Mehr als jeder Zweite (55 Prozent) winkte ab. Erklärten die Forscher zudem, dass bei positi-

75 ven Tests eine genauere Untersuchung im Krankenhaus erforderlich sei oder dass solch ein

TAA-Defizit ein unbehandelbares »Lebenszeitrisiko« darstelle, stieg der Anteil der Vermeider

sogar auf 72 beziehungsweise 68 Prozent.

Selbstbestärkung gegen die Informationsangst

Doch die Psychologen fanden ein Mittel, um diese Quote zu drücken. Ein Teil der Freiwil-

80 ligen sollte zuvor überlegen, welche ihrer Eigenschaften ihnen persönlich besonders wichtig

waren, und an Momente zurückdenken, in denen sie diese guten Seiten hatten hervorkehren

können. Nach dieser Selbstbestärkung schwand die Ignoranz deutlich: Nun lehnten nur 15

bis 21 Prozent ab, den Befund zu erfahren.

Offenbar, so das Fazit, fördert ein gefestigtes Selbst das Vermögen, unbequemen Wahrheiten

85 ins Auge zu blicken. Aber soll man das überhaupt? Ist es ein Wert an sich? Ralph Hertwig

sieht das differenziert: »Wir schätzen Wissen allgemein sehr hoch. Und natürlich ist es eine

wichtige Grundlage für kluge Entscheidungen. Allerdings kann Wissen auch zu neuer Ver-

unsicherung, ja zu existenziellen Herausforderungen führen. Es ist fast nie abgeschlossen

und glasklar, sondern fragil und interpretationsbedürftig.« Solche Pferdefüße 1 gilt es beim

90 täglichen Informationsmanagement einzukalkulieren.

Was belastet, blenden wir aus

In der Konsequenz heißt das: Wissen, das belastet, das in seiner Bedeutung oder den sich

daraus ergebenden Schlussfolgerungen unklar ist oder das nichts an der jeweiligen Situation

ändert (wie etwa das eigene Risiko für eine unheilbare Krankheit zu kennen), sucht man

95 nicht unbedingt. Ob das sinnvoll ist, hängt von vielen Randbedingungen ab: etwa von persön-

lichen Ressourcen und Präferenzen, von sozialer Unterstützung, aber auch von der kulturellen

Prägung. […]

Was für die Aufklärer zu Kants Zeiten jedoch noch unvorstellbar war, erfahren wir inzwischen

beinahe täglich: Vernünftiges Abwägen und Entscheiden erfordert, sich zu beschränken. Wir

100 müssen vieles außer Acht lassen und die möglichen Kosten mit dem Nutzen eines Informa-

tionsgewinns gegenrechnen. Und genau das tun wir in der Regel automatisch, intuitiv.

So gesehen ist das Etikett »willentliche Ignoranz« längst nicht selbsterklärend. Denn wir ver-

meiden unangenehme oder bedrohliche Fakten ja oft keineswegs bewusst. Es unterläuft uns

eher.

105 So etwa bei einer Frau, die Indizien für die Untreue ihres Mannes geflissentlich übergeht.

Seine vielen »Überstunden« oft bis in die Nacht hinein, das Desinteresse an Familienaktivi-

täten, selbst das fremde blonde Haar am Jackett – die Gattin sieht nicht, was sie nicht sehen

will. Dennoch glaubt sie womöglich ernsthaft, dass sie keinen Grund hat zu misstrauen und

gegenteiligen Hinweisen natürlich nachginge. Sie tut nicht nur so oder macht sich wider bes-

110 seres Wissen etwas vor, um etwa den Schein zu wahren.

Menschen meinen oft das eine, tun aber das andere. Sie bekunden gern, an Wissen und Trans-

parenz interessiert zu sein – und haben doch eine starke Neigung, bestimmte Dinge lieber

nicht zu erfahren oder aufzuklären. […]

Wenn implizite Abneigung über bewusstes Nachdenken siegt

115 Wie sehr unbewusste Mechanismen das Vermeiden von Wissen beeinflussen, zeigte eine

andere Arbeit von Shepperd und Howell aus dem Jahr 2016 [Studie 3]. Wieder ging es um

den Umgang mit Gesundheitsinformationen. Die Forscher boten Teilnehmern in unterschiedli-

chen Szenarien an, ihr Risiko für eine unbekannte, tatsächlich aber fiktive Krankheit (das

erwähnte TAA-Defizit), für bösartigen Hautkrebs oder für Herz-Kreislauf-Störungen zu be-

120 stimmen. Neben der offenen Befragung zu bewussten Wünschen und Bedenken erhob man

auch die unbewusste Abneigung gegenüber der Wissensofferte. Dabei kam ein an den Impli-

ziten Assoziationstest (IAT) angelehntes Verfahren zum Einsatz, das am Tempo der Reaktionen

auf bestimmte Hinweisreize unbewusste Vorbehalte misst. Diese waren statistisch weitge-

hend unabhängig von den verbalen Auskünften – das heißt, selbst wer sich für das Tester-

125 gebnis offen zeigte, hegte häufig unbewusst Skepsis, oder umgekehrt.

Als man dann die Einstellung der Probanden zu verändern versuchte, zeigte sich, was von

beidem die Oberhand hatte – nämlich die intuitive Bewertung: Über die Gründe für die ei-

gene Zurückhaltung bewusst zu reflektieren, ließ die Informationsbereitschaft verblüffender-

weise nicht ansteigen. Im Gegenteil, es führte dazu, dass die impliziten Vorbehalte rationa-

130 lisiert wurden und im Schnitt sogar noch wuchsen. […]

Wir sollten Ignoranz nicht vorschnell verurteilen. Sie ist eine effektive Form der Selbststeuerung

und schirmt uns wie eine unsichtbare Blase von vielen Beschwernissen des Lebens ab […].

1 unangenehme Begleiterscheinungen

Aufgabenstellung 1:

Arbeiten Sie aus dem Text heraus, welche Ursachen der willentlichen Ignoranz zugrunde liegen, fassen Sie die dazu vorgestellten empirischen Befunde zusammen und setzen Sie die Ergebnisse der Studien 1 und 2 zur Theorie der kognitiven Dissonanz sowie die Ergebnisse der Studie 3 zum Konzept impliziter und expliziter Einstellungen in Beziehung. (30 Punkte)

Aufgabe HT 2 - Persönlichkeitstheorien anwenden und vergl… · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen

Keine Angst vor Ignoranz

Bevor Sie diesen Artikel lesen, vergessen Sie bitte erst einmal, dass »ignorant« ein Schimpf-

wort ist. Wir benutzen es normalerweise, um andere abzuwerten. Ein ignoranter Mensch weiß

nicht nur nichts (oder sehr wenig), er will auch gar nichts wissen. Statt Fakten und Bildung

zu schätzen, pflegt er dumpfe Vorurteile, sei es aus Überforderung oder aus Bequemlichkeit.

5 Das macht ihn unempfänglich für Argumente, so dass man ihn kaum eines Besseren belehren

kann. Kurzum: Ignoranz ist schlecht – dumm und hartnäckig zugleich.

So weit der landläufige Gebrauch des Wortes. Psychologen und Kognitionsforscher verwen-

den es jedoch häufig rein beschreibend. Ignoranz ist für sie dann der Fall, wenn Menschen

Informationen ausblenden, verdrängen, vermeiden, nicht akzeptieren, herunterspielen oder

10 sonst wie die Augen davor verschließen. Und das kann, muss aber nicht schlecht sein.

Es kann zum Beispiel dabei helfen, die tägliche Informationsflut zu bewältigen, mit anderen

gut auszukommen oder sich nicht übermäßig zu ängstigen. Ein gewisses Arsenal an mentalen

Scheuklappen erscheint somit nicht bloß menschlich, sondern nützlich.

Wann und zu welchem Zweck wir lieber uninformiert bleiben, fragten sich vor einigen Jahren

15 der Psychologe Ralph Hertwig und der Ökonom Christoph Engel. Ihr Fachartikel mit dem

Titel »Homo ignorans« von 2016 wurde wegweisend für die Wissensvermeidungsforschung.

Hertwig und Engel unterschieden nicht weniger als sechs Felder, auf denen »deliberate

ignorance«, also willentliche Ignoranz, Früchte trägt […].

Erstens regulieren wir damit häufig unsere Gefühle. Sich nicht zu fragen, was man hätte voraus-

20 sehen oder anders machen können, beugt der Reue vor, so wie es Sorgen lindert, wenn man

mögliche Gefahren ausblendet. Eine 2020 veröffentlichte Studie von Forschern um Lisa Bruttel

von der Universität Potsdam bestätigte: Probanden wollen lieber nicht wissen, wie viel Geld

andere Teilnehmer für das gleiche Experiment bekommen, wenn sie befürchten, das könne

bei ihnen selbst Neid wecken.

25 Zweitens erhalten wir uns auf ähnliche Weise manches Spannungsmoment im Leben: Wer

will schon gern im Voraus erfahren, was einem die Lieben zu Weihnachten schenken?

Drittens meistern wir viele Stresssituationen besser, wenn wir nicht alle Informationen haben.

So kann der Zwischenstand im Wettkampf oder Feedback bei einer Prüfung einen noch nervö-

ser machen oder gar entmutigen. Sich nicht darum zu kümmern, wie andere einen sehen, half

30 auch schon manchem Partygast oder Festredner dabei, entspannter aufzutreten.

Viertens kann Nichtwissen ein Gebot der Fairness sein, wenn wir es nutzen, um unsere Vor-

eingenommenheit auszuhebeln. Aus diesem Grund gehen Personaler heute zunehmend dazu

über, Fotos oder Namen in Bewerbungsunterlagen zu schwärzen, bevor diese gesichtet werden.

Der subtilen Macht der Vorurteile gegenüber Frauen oder Migranten beugt das am sichersten

35 vor.

Fünftens dient Ausblenden dem persönlichen »Informationsmanagement«. Sprich: Wir ver-

meiden, was uns ablenken oder verwirren könnte. Ohne Ignoranz kein Fokus. Wie sollten

wir etwa unsere digitale Alltagskommunikation bewältigen, würden wir viele der Nachrichten

und Angebote, die auf uns einprasseln, nicht ungelesen vom Handydisplay wischen? Selbst

40 Wissenschaftler müssen sich bei ihrer Forschung sehr genau überlegen, was sie alles nicht

wissen wollen […].

Und sechstens schließlich ist Ignoranz ein strategischer Kniff im Zwischenmenschlichen. Wer

sich nicht auskennt, muss auch selten Verantwortung im Job oder zu Hause übernehmen. Der

Dumme hat es einfach leichter – er bewahrt sich selbst davor, tun zu müssen, was er nicht

45 will, indem er die unangenehmen Aufgaben anderen überlässt. Deshalb will der Ehemann

partout nicht wissen, wie das Bügeleisen funktioniert. Und die Kollegin klagt beim kleinsten

Auftrag, das könne sie nicht, habe sie ja noch nie gemacht. […]

Offenbar gibt es also viele gute Gründe dafür, manches lieber nicht wissen zu wollen. Den-

noch gelangten Forscher erst allmählich zu der Einsicht, dass nicht immer kognitive Schwä-

50 chen oder Überforderung dahinterstecken. Selbst wenn es für uns ein Leichtes wäre, Wissen

zu erwerben, vermeiden wir es häufig, der genannten Vorteile wegen. Das Defizitmodell

der Ignoranz hingegen war lange Zeit so beherrschend, dass Studien dazu regelmäßig eine

Kur gegen das vermeintliche Übel empfahlen.

Auch James Shepperd, Psychologieprofessor an der University of Florida, erforschte mit

55 seiner Doktorandin Jennifer Howell und anderen, wie sich der Hang zur Informationsver-

meidung reduzieren lässt. Im Rahmen einer Studie [Studie 1] mit dem bezeichnenden Titel

»Hot or not?« (deutsch: »Scharf oder nicht?«) erklärten die Forscher ihren studentischen

Probanden, andere Teilnehmer würden ihre Attraktivität anhand von Porträtfotos bewerten.

Wollten die Betreffenden wissen, für wie gut aussehend man sie hielt?

60 Frauen reagierten auf dieses Angebot insgesamt zögerlicher als Männer. Und zwar vor allem

dann, wenn die Beurteiler (angeblich) Kommilitonen der eigenen Universität waren, also

die Konkurrenz auf dem heimischen Campus. Handelte es sich dagegen um irgendwelche

Erwachsenen oder um Kinder, war die Furcht vor wenig schmeichelhaften Kommentaren

viel geringer.

65 Je mehr sich Menschen von Wissen bedroht fühlen, desto eher vermeiden sie es. Das kenn-

zeichnet oft ebenfalls unseren Umgang mit Gesundheitsdaten. Denn diese sind nicht nur

potenziell hochbrisant, sie können uns auch unangenehme Entscheidungen oder Verhaltens-

änderungen abverlangen.

In einer Arbeit von 2012 [Studie 2] präsentierten Howell und Shepperd Probanden eine »kaum

70 bekannte« Stoffwechselstörung namens TAA-Defizit, die in Wahrheit komplett erfunden war.

Das Syndrom lasse sich, so hieß es, durch ein Screening, das die Teilnehmer neben anderen

Fragebogentests absolvierten, recht sicher erkennen. Wollten die Probanden ihr Resultat er-

fahren?

Mehr als jeder Zweite (55 Prozent) winkte ab. Erklärten die Forscher zudem, dass bei positi-

75 ven Tests eine genauere Untersuchung im Krankenhaus erforderlich sei oder dass solch ein

TAA-Defizit ein unbehandelbares »Lebenszeitrisiko« darstelle, stieg der Anteil der Vermeider

sogar auf 72 beziehungsweise 68 Prozent.

Selbstbestärkung gegen die Informationsangst

Doch die Psychologen fanden ein Mittel, um diese Quote zu drücken. Ein Teil der Freiwil-

80 ligen sollte zuvor überlegen, welche ihrer Eigenschaften ihnen persönlich besonders wichtig

waren, und an Momente zurückdenken, in denen sie diese guten Seiten hatten hervorkehren

können. Nach dieser Selbstbestärkung schwand die Ignoranz deutlich: Nun lehnten nur 15

bis 21 Prozent ab, den Befund zu erfahren.

Offenbar, so das Fazit, fördert ein gefestigtes Selbst das Vermögen, unbequemen Wahrheiten

85 ins Auge zu blicken. Aber soll man das überhaupt? Ist es ein Wert an sich? Ralph Hertwig

sieht das differenziert: »Wir schätzen Wissen allgemein sehr hoch. Und natürlich ist es eine

wichtige Grundlage für kluge Entscheidungen. Allerdings kann Wissen auch zu neuer Ver-

unsicherung, ja zu existenziellen Herausforderungen führen. Es ist fast nie abgeschlossen

und glasklar, sondern fragil und interpretationsbedürftig.« Solche Pferdefüße 1 gilt es beim

90 täglichen Informationsmanagement einzukalkulieren.

Was belastet, blenden wir aus

In der Konsequenz heißt das: Wissen, das belastet, das in seiner Bedeutung oder den sich

daraus ergebenden Schlussfolgerungen unklar ist oder das nichts an der jeweiligen Situation

ändert (wie etwa das eigene Risiko für eine unheilbare Krankheit zu kennen), sucht man

95 nicht unbedingt. Ob das sinnvoll ist, hängt von vielen Randbedingungen ab: etwa von persön-

lichen Ressourcen und Präferenzen, von sozialer Unterstützung, aber auch von der kulturellen

Prägung. […]

Was für die Aufklärer zu Kants Zeiten jedoch noch unvorstellbar war, erfahren wir inzwischen

beinahe täglich: Vernünftiges Abwägen und Entscheiden erfordert, sich zu beschränken. Wir

100 müssen vieles außer Acht lassen und die möglichen Kosten mit dem Nutzen eines Informa-

tionsgewinns gegenrechnen. Und genau das tun wir in der Regel automatisch, intuitiv.

So gesehen ist das Etikett »willentliche Ignoranz« längst nicht selbsterklärend. Denn wir ver-

meiden unangenehme oder bedrohliche Fakten ja oft keineswegs bewusst. Es unterläuft uns

eher.

105 So etwa bei einer Frau, die Indizien für die Untreue ihres Mannes geflissentlich übergeht.

Seine vielen »Überstunden« oft bis in die Nacht hinein, das Desinteresse an Familienaktivi-

täten, selbst das fremde blonde Haar am Jackett – die Gattin sieht nicht, was sie nicht sehen

will. Dennoch glaubt sie womöglich ernsthaft, dass sie keinen Grund hat zu misstrauen und

gegenteiligen Hinweisen natürlich nachginge. Sie tut nicht nur so oder macht sich wider bes-

110 seres Wissen etwas vor, um etwa den Schein zu wahren.

Menschen meinen oft das eine, tun aber das andere. Sie bekunden gern, an Wissen und Trans-

parenz interessiert zu sein – und haben doch eine starke Neigung, bestimmte Dinge lieber

nicht zu erfahren oder aufzuklären. […]

Wenn implizite Abneigung über bewusstes Nachdenken siegt

115 Wie sehr unbewusste Mechanismen das Vermeiden von Wissen beeinflussen, zeigte eine

andere Arbeit von Shepperd und Howell aus dem Jahr 2016 [Studie 3]. Wieder ging es um

den Umgang mit Gesundheitsinformationen. Die Forscher boten Teilnehmern in unterschiedli-

chen Szenarien an, ihr Risiko für eine unbekannte, tatsächlich aber fiktive Krankheit (das

erwähnte TAA-Defizit), für bösartigen Hautkrebs oder für Herz-Kreislauf-Störungen zu be-

120 stimmen. Neben der offenen Befragung zu bewussten Wünschen und Bedenken erhob man

auch die unbewusste Abneigung gegenüber der Wissensofferte. Dabei kam ein an den Impli-

ziten Assoziationstest (IAT) angelehntes Verfahren zum Einsatz, das am Tempo der Reaktionen

auf bestimmte Hinweisreize unbewusste Vorbehalte misst. Diese waren statistisch weitge-

hend unabhängig von den verbalen Auskünften – das heißt, selbst wer sich für das Tester-

125 gebnis offen zeigte, hegte häufig unbewusst Skepsis, oder umgekehrt.

Als man dann die Einstellung der Probanden zu verändern versuchte, zeigte sich, was von

beidem die Oberhand hatte – nämlich die intuitive Bewertung: Über die Gründe für die ei-

gene Zurückhaltung bewusst zu reflektieren, ließ die Informationsbereitschaft verblüffender-

weise nicht ansteigen. Im Gegenteil, es führte dazu, dass die impliziten Vorbehalte rationa-

130 lisiert wurden und im Schnitt sogar noch wuchsen. […]

Wir sollten Ignoranz nicht vorschnell verurteilen. Sie ist eine effektive Form der Selbststeuerung

und schirmt uns wie eine unsichtbare Blase von vielen Beschwernissen des Lebens ab […].

1 unangenehme Begleiterscheinungen

Aufgabenstellung 2:

Erklären Sie, warum es zu willentlicher Ignoranz kommt, und zwar einerseits aus tiefenpsychologischer und andererseits aus kognitivistischer Perspektive; ziehen Sie dabei jeweils die zugehörige Persönlichkeitstheorie heran. (26 Punkte)

Aufgabe HT 2 - Persönlichkeitsdiagnostik und Personalausw… · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl

Keine Angst vor Ignoranz

Bevor Sie diesen Artikel lesen, vergessen Sie bitte erst einmal, dass »ignorant« ein Schimpf-

wort ist. Wir benutzen es normalerweise, um andere abzuwerten. Ein ignoranter Mensch weiß

nicht nur nichts (oder sehr wenig), er will auch gar nichts wissen. Statt Fakten und Bildung

zu schätzen, pflegt er dumpfe Vorurteile, sei es aus Überforderung oder aus Bequemlichkeit.

5 Das macht ihn unempfänglich für Argumente, so dass man ihn kaum eines Besseren belehren

kann. Kurzum: Ignoranz ist schlecht – dumm und hartnäckig zugleich.

So weit der landläufige Gebrauch des Wortes. Psychologen und Kognitionsforscher verwen-

den es jedoch häufig rein beschreibend. Ignoranz ist für sie dann der Fall, wenn Menschen

Informationen ausblenden, verdrängen, vermeiden, nicht akzeptieren, herunterspielen oder

10 sonst wie die Augen davor verschließen. Und das kann, muss aber nicht schlecht sein.

Es kann zum Beispiel dabei helfen, die tägliche Informationsflut zu bewältigen, mit anderen

gut auszukommen oder sich nicht übermäßig zu ängstigen. Ein gewisses Arsenal an mentalen

Scheuklappen erscheint somit nicht bloß menschlich, sondern nützlich.

Wann und zu welchem Zweck wir lieber uninformiert bleiben, fragten sich vor einigen Jahren

15 der Psychologe Ralph Hertwig und der Ökonom Christoph Engel. Ihr Fachartikel mit dem

Titel »Homo ignorans« von 2016 wurde wegweisend für die Wissensvermeidungsforschung.

Hertwig und Engel unterschieden nicht weniger als sechs Felder, auf denen »deliberate

ignorance«, also willentliche Ignoranz, Früchte trägt […].

Erstens regulieren wir damit häufig unsere Gefühle. Sich nicht zu fragen, was man hätte voraus-

20 sehen oder anders machen können, beugt der Reue vor, so wie es Sorgen lindert, wenn man

mögliche Gefahren ausblendet. Eine 2020 veröffentlichte Studie von Forschern um Lisa Bruttel

von der Universität Potsdam bestätigte: Probanden wollen lieber nicht wissen, wie viel Geld

andere Teilnehmer für das gleiche Experiment bekommen, wenn sie befürchten, das könne

bei ihnen selbst Neid wecken.

25 Zweitens erhalten wir uns auf ähnliche Weise manches Spannungsmoment im Leben: Wer

will schon gern im Voraus erfahren, was einem die Lieben zu Weihnachten schenken?

Drittens meistern wir viele Stresssituationen besser, wenn wir nicht alle Informationen haben.

So kann der Zwischenstand im Wettkampf oder Feedback bei einer Prüfung einen noch nervö-

ser machen oder gar entmutigen. Sich nicht darum zu kümmern, wie andere einen sehen, half

30 auch schon manchem Partygast oder Festredner dabei, entspannter aufzutreten.

Viertens kann Nichtwissen ein Gebot der Fairness sein, wenn wir es nutzen, um unsere Vor-

eingenommenheit auszuhebeln. Aus diesem Grund gehen Personaler heute zunehmend dazu

über, Fotos oder Namen in Bewerbungsunterlagen zu schwärzen, bevor diese gesichtet werden.

Der subtilen Macht der Vorurteile gegenüber Frauen oder Migranten beugt das am sichersten

35 vor.

Fünftens dient Ausblenden dem persönlichen »Informationsmanagement«. Sprich: Wir ver-

meiden, was uns ablenken oder verwirren könnte. Ohne Ignoranz kein Fokus. Wie sollten

wir etwa unsere digitale Alltagskommunikation bewältigen, würden wir viele der Nachrichten

und Angebote, die auf uns einprasseln, nicht ungelesen vom Handydisplay wischen? Selbst

40 Wissenschaftler müssen sich bei ihrer Forschung sehr genau überlegen, was sie alles nicht

wissen wollen […].

Und sechstens schließlich ist Ignoranz ein strategischer Kniff im Zwischenmenschlichen. Wer

sich nicht auskennt, muss auch selten Verantwortung im Job oder zu Hause übernehmen. Der

Dumme hat es einfach leichter – er bewahrt sich selbst davor, tun zu müssen, was er nicht

45 will, indem er die unangenehmen Aufgaben anderen überlässt. Deshalb will der Ehemann

partout nicht wissen, wie das Bügeleisen funktioniert. Und die Kollegin klagt beim kleinsten

Auftrag, das könne sie nicht, habe sie ja noch nie gemacht. […]

Offenbar gibt es also viele gute Gründe dafür, manches lieber nicht wissen zu wollen. Den-

noch gelangten Forscher erst allmählich zu der Einsicht, dass nicht immer kognitive Schwä-

50 chen oder Überforderung dahinterstecken. Selbst wenn es für uns ein Leichtes wäre, Wissen

zu erwerben, vermeiden wir es häufig, der genannten Vorteile wegen. Das Defizitmodell

der Ignoranz hingegen war lange Zeit so beherrschend, dass Studien dazu regelmäßig eine

Kur gegen das vermeintliche Übel empfahlen.

Auch James Shepperd, Psychologieprofessor an der University of Florida, erforschte mit

55 seiner Doktorandin Jennifer Howell und anderen, wie sich der Hang zur Informationsver-

meidung reduzieren lässt. Im Rahmen einer Studie [Studie 1] mit dem bezeichnenden Titel

»Hot or not?« (deutsch: »Scharf oder nicht?«) erklärten die Forscher ihren studentischen

Probanden, andere Teilnehmer würden ihre Attraktivität anhand von Porträtfotos bewerten.

Wollten die Betreffenden wissen, für wie gut aussehend man sie hielt?

60 Frauen reagierten auf dieses Angebot insgesamt zögerlicher als Männer. Und zwar vor allem

dann, wenn die Beurteiler (angeblich) Kommilitonen der eigenen Universität waren, also

die Konkurrenz auf dem heimischen Campus. Handelte es sich dagegen um irgendwelche

Erwachsenen oder um Kinder, war die Furcht vor wenig schmeichelhaften Kommentaren

viel geringer.

65 Je mehr sich Menschen von Wissen bedroht fühlen, desto eher vermeiden sie es. Das kenn-

zeichnet oft ebenfalls unseren Umgang mit Gesundheitsdaten. Denn diese sind nicht nur

potenziell hochbrisant, sie können uns auch unangenehme Entscheidungen oder Verhaltens-

änderungen abverlangen.

In einer Arbeit von 2012 [Studie 2] präsentierten Howell und Shepperd Probanden eine »kaum

70 bekannte« Stoffwechselstörung namens TAA-Defizit, die in Wahrheit komplett erfunden war.

Das Syndrom lasse sich, so hieß es, durch ein Screening, das die Teilnehmer neben anderen

Fragebogentests absolvierten, recht sicher erkennen. Wollten die Probanden ihr Resultat er-

fahren?

Mehr als jeder Zweite (55 Prozent) winkte ab. Erklärten die Forscher zudem, dass bei positi-

75 ven Tests eine genauere Untersuchung im Krankenhaus erforderlich sei oder dass solch ein

TAA-Defizit ein unbehandelbares »Lebenszeitrisiko« darstelle, stieg der Anteil der Vermeider

sogar auf 72 beziehungsweise 68 Prozent.

Selbstbestärkung gegen die Informationsangst

Doch die Psychologen fanden ein Mittel, um diese Quote zu drücken. Ein Teil der Freiwil-

80 ligen sollte zuvor überlegen, welche ihrer Eigenschaften ihnen persönlich besonders wichtig

waren, und an Momente zurückdenken, in denen sie diese guten Seiten hatten hervorkehren

können. Nach dieser Selbstbestärkung schwand die Ignoranz deutlich: Nun lehnten nur 15

bis 21 Prozent ab, den Befund zu erfahren.

Offenbar, so das Fazit, fördert ein gefestigtes Selbst das Vermögen, unbequemen Wahrheiten

85 ins Auge zu blicken. Aber soll man das überhaupt? Ist es ein Wert an sich? Ralph Hertwig

sieht das differenziert: »Wir schätzen Wissen allgemein sehr hoch. Und natürlich ist es eine

wichtige Grundlage für kluge Entscheidungen. Allerdings kann Wissen auch zu neuer Ver-

unsicherung, ja zu existenziellen Herausforderungen führen. Es ist fast nie abgeschlossen

und glasklar, sondern fragil und interpretationsbedürftig.« Solche Pferdefüße 1 gilt es beim

90 täglichen Informationsmanagement einzukalkulieren.

Was belastet, blenden wir aus

In der Konsequenz heißt das: Wissen, das belastet, das in seiner Bedeutung oder den sich

daraus ergebenden Schlussfolgerungen unklar ist oder das nichts an der jeweiligen Situation

ändert (wie etwa das eigene Risiko für eine unheilbare Krankheit zu kennen), sucht man

95 nicht unbedingt. Ob das sinnvoll ist, hängt von vielen Randbedingungen ab: etwa von persön-

lichen Ressourcen und Präferenzen, von sozialer Unterstützung, aber auch von der kulturellen

Prägung. […]

Was für die Aufklärer zu Kants Zeiten jedoch noch unvorstellbar war, erfahren wir inzwischen

beinahe täglich: Vernünftiges Abwägen und Entscheiden erfordert, sich zu beschränken. Wir

100 müssen vieles außer Acht lassen und die möglichen Kosten mit dem Nutzen eines Informa-

tionsgewinns gegenrechnen. Und genau das tun wir in der Regel automatisch, intuitiv.

So gesehen ist das Etikett »willentliche Ignoranz« längst nicht selbsterklärend. Denn wir ver-

meiden unangenehme oder bedrohliche Fakten ja oft keineswegs bewusst. Es unterläuft uns

eher.

105 So etwa bei einer Frau, die Indizien für die Untreue ihres Mannes geflissentlich übergeht.

Seine vielen »Überstunden« oft bis in die Nacht hinein, das Desinteresse an Familienaktivi-

täten, selbst das fremde blonde Haar am Jackett – die Gattin sieht nicht, was sie nicht sehen

will. Dennoch glaubt sie womöglich ernsthaft, dass sie keinen Grund hat zu misstrauen und

gegenteiligen Hinweisen natürlich nachginge. Sie tut nicht nur so oder macht sich wider bes-

110 seres Wissen etwas vor, um etwa den Schein zu wahren.

Menschen meinen oft das eine, tun aber das andere. Sie bekunden gern, an Wissen und Trans-

parenz interessiert zu sein – und haben doch eine starke Neigung, bestimmte Dinge lieber

nicht zu erfahren oder aufzuklären. […]

Wenn implizite Abneigung über bewusstes Nachdenken siegt

115 Wie sehr unbewusste Mechanismen das Vermeiden von Wissen beeinflussen, zeigte eine

andere Arbeit von Shepperd und Howell aus dem Jahr 2016 [Studie 3]. Wieder ging es um

den Umgang mit Gesundheitsinformationen. Die Forscher boten Teilnehmern in unterschiedli-

chen Szenarien an, ihr Risiko für eine unbekannte, tatsächlich aber fiktive Krankheit (das

erwähnte TAA-Defizit), für bösartigen Hautkrebs oder für Herz-Kreislauf-Störungen zu be-

120 stimmen. Neben der offenen Befragung zu bewussten Wünschen und Bedenken erhob man

auch die unbewusste Abneigung gegenüber der Wissensofferte. Dabei kam ein an den Impli-

ziten Assoziationstest (IAT) angelehntes Verfahren zum Einsatz, das am Tempo der Reaktionen

auf bestimmte Hinweisreize unbewusste Vorbehalte misst. Diese waren statistisch weitge-

hend unabhängig von den verbalen Auskünften – das heißt, selbst wer sich für das Tester-

125 gebnis offen zeigte, hegte häufig unbewusst Skepsis, oder umgekehrt.

Als man dann die Einstellung der Probanden zu verändern versuchte, zeigte sich, was von

beidem die Oberhand hatte – nämlich die intuitive Bewertung: Über die Gründe für die ei-

gene Zurückhaltung bewusst zu reflektieren, ließ die Informationsbereitschaft verblüffender-

weise nicht ansteigen. Im Gegenteil, es führte dazu, dass die impliziten Vorbehalte rationa-

130 lisiert wurden und im Schnitt sogar noch wuchsen. […]

Wir sollten Ignoranz nicht vorschnell verurteilen. Sie ist eine effektive Form der Selbststeuerung

und schirmt uns wie eine unsichtbare Blase von vielen Beschwernissen des Lebens ab […].

1 unangenehme Begleiterscheinungen

Aufgabenstellung 3:

Prüfen Sie, ob sich willentliche Ignoranz für Bewerberinnen und Bewerber in Assessment-Centern positiv auswirken kann, und konkretisieren Sie Maßnahmen, mit denen Unternehmen der Informationsangst (ab Z. 78) begegnen können. (24 Punkte)

Aufgabe HT 3 - Psychische Störungen und Psychotherapie · Psychische Störungen und Psychotherapie

Abiturprüfung 2022 – Psychologie, Leistungskurs

Aufgabenstellung HT 3: Psychische Störungen und Psychotherapie

Materialgrundlage

Bergemann, Wibke: Ein neues Drehbuch für den Schrecken. In: Psychologie heute, 12/2019, S. 44–49

Ein neues Drehbuch für den Schrecken

Wer Hochpeinliches, Demütigendes oder sogar Traumatisches erlebt hat, wünscht sich, die Zeit zurückzudrehen und es diesmal ganz anders anzugehen. Genau das geschieht bei der Therapietechnik des imagery rescripting. Das Drehbuch des Geschehenen wird neu geschrieben – mithilfe der Vorstellungskraft

Eigentlich ein schöner Abend: Auf einer Party lernt eine junge Frau einen Mann kennen. Er sieht gut aus und ist charmant. Die beiden ziehen weiter zur nächsten Party. Doch je später der Abend, desto unsympathischer wird ihr die neue Bekanntschaft. Als sie schließlich allein nach Hause gehen will, schafft sie es nicht, ihn loszuwerden. Er steigt mit in ihr Taxi und dringt sogar in ihre Wohnung ein und versucht, sie zu vergewaltigen. Die junge Frau hat Glück. Alarmiert durch den Lärm kommt ihr die Nachbarin zur Hilfe und vertreibt den Mann. Die Vergewaltigung wird verhindert, aber es bleiben die Wut und das erniedrigende Gefühl, sich nicht gewehrt zu haben. Warum hat sie getan, was er wollte, und am Fahrstuhl auf ihn gewartet? Warum hat sie zugelassen, dass er mit in ihr Taxi steigt?

Der Vergewaltigungsversuch ist eine Schlüsselszene in Siri Hustvedts neuem Roman Damals, einem „Porträt der Künstlerin als junge Frau“. Nach dem Überfall bekommt Hustvedts Protagonistin von einer Freundin ein Messer geschenkt, ein „14-cm-Stiletto-Springmesser“ zur Selbstverteidigung. Das Messer beflügelt ihre Fantasie. Immer wieder muss sie an den Abend denken, geht in ihrer Vorstellung die Ereignisse durch, doch jetzt zückt sie am Ende das Messer: „Sie sah den großgewachsenen Mann vor Angst und Schrecken zittern, und seine Angst erfüllte sie mit Glück. Und diesmal schlitzte sie ihm genau an dem hässlichen Rasierschnitt entlang die Wange auf, um ihn zu Tode zu erschrecken.“ Eine Zeit lang tröstete sich Hustvedts Protagonistin mit der Vorstellung, diesmal stärker zu sein als der Täter. Es sind nur Bilder in ihrem Kopf. Und doch helfen sie ihr, über das Erlebnis hinwegzukommen.

Vorstellungen von Rettung, von Trost, ja auch von Rache: Mervyn Schmucker, Psychotherapeut an der Klinik am Waldschlößchen in Dresden, sieht sie als Ausdruck von Selbstheilungskräften. „Sie sind in uns allen angelegt.“ Schmucker arbeitet seit Jahrzehnten mit einer Behandlungsmethode, die den Nachhaltigkeitseffekt von Vorstellungsbildern zu nutzen versucht: imagery rescripting. Das Prinzip: Mithilfe der bildlichen Vorstellungskraft sollen schlimme Erinnerungen verarbeitet werden. Diese Therapie wird inzwischen auch bei Angststörungen wie Phobien, sozialen Ängsten, Panikattacken oder Alpträumen verwendet. Bereits als wirksam erwiesen hat sie sich bei posttraumatischen Belastungsstörungen, also bei den oft verheerenden psychischen Langzeitfolgen von Schockerlebnissen wie schweren Verkehrsunfällen, Naturkatastrophen, Kriegserfahrungen, Vergewaltigungen oder Misshandlungen in der Kindheit.

„Wir machen etwas, das zunächst etwas seltsam klingt. Wir nehmen die Situation, die damals so schrecklich war, als Ausgangspunkt und verändern das Drehbuch“, erklärt Thomas Ehring, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie und Leiter der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz der Universität München. Es geht darum, belastende Bilder im Kopf durch neue Bilder zu ersetzen. Denn Bilder bestimmen unser Gedächtnis. „Woran können wir uns noch erinnern, wenn wir daran zurückdenken, was vor fünf Jahren passiert ist? Das meiste haben wir doch vergessen“, sagt Schmucker. „Was bleibt sind Bilder.“

Das Modellieren der inneren Bilder

Mervyn Schmucker experimentierte bereits in den 1980er Jahren an der University of Pennsylvania mit Imagination als Therapie. 1994 veröffentlichte er einen ersten Artikel dazu und prägte den Ausdruck imagery rescripting. Seine Imagery Rescripting & Reprocessing Therapy (IRRT) ist in drei Phasen unterteilt. In der ersten Phase wird der Patient aufgefordert, die Augen zu schließen und sich an ein besonders belastendes Ereignis zu erinnern. Vor allem Traumapatienten können solche Bilder meistens ohne Schwierigkeiten abrufen, denn sie drängen sich ihnen geradezu auf. Besonders verstörend sind die sogenannten Flashbacks, bei denen Erinnerungen mitten im Alltag und ohne Vorwarnung plötzlich so heftig nach oben kommen, dass das traumatische Ereignis noch einmal mit allen Sinnen wiedererlebt wird. Dann ist der oder die Betroffene plötzlich wieder das Kind, das von seinem Vater misshandelt oder missbraucht wird und voller Angst in seinem Kinderzimmer auf den Täter wartet.

Jedes Trauma ist anders, doch immer ist es mit schrecklichen Bildern verbunden. Und selbst wenn es keine offensichtlich traumatischen Erlebnisse gibt oder sogar ein Gedächtnisverlust besteht, kommen bei Patienten oft bruchstückhafte Bilder und Sinneseindrücke vergangener Erlebnisse hoch, mit denen gearbeitet werden kann, sagt Schmucker. „Wenn man die Augen zu macht und auf sein inneres Bild fokussiert, beginnt dieses Bild, sich zu entwickeln. Darin liegen viele Hinweise für Gefühle und Konflikte.“

Die Bearbeitung der traumatischen Erinnerungen ist nach den offiziellen deutschen Leitlinien ein zentraler Bestandteil der Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen, beispielsweise im Zuge einer Verhaltenstherapie oder einer psychodynamischen Psychotherapie. [...]

Dagegen wird imagery rescripting zu den sanfteren Methoden gerechnet. Zwar steht auch hier am Anfang eine möglichst detaillierte Konfrontation mit dem Erlebten. Doch statt die Szene wieder und wieder originalgetreu und plastisch in der Vorstellung durchzuspielen, bis sie an Schrecken verliert, geht es beim imagery rescripting darum, das Drehbuch für die Situation umzuschreiben. Dabei soll nicht die Wirklichkeit überschrieben werden, sondern die mit ihr verbundenen Bilder und Vorstellungen – bis von einem traumatischen Erlebnis nicht mehr viel übrig bleibt als eine schlechte Erinnerung, die aber keine Macht mehr über die Gegenwart hat. Denn wer an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, den belastet weniger das traumatische Ereignis an sich, als vielmehr die Bedeutung, die es für einen hat. Die Patienten fühlen sich beschmutzt und wertlos bis zum Selbsthass. Sie leiden an Scham, Schuld und Ohnmachtsgefühlen und vermeiden alle Situationen, die das Trauma erneut in ihnen wachrufen könnten.

Bei belastenden Kindheitserlebnissen beispielsweise tritt in einer zweiten Therapiephase das heutige, erwachsene Ich des Patienten in die imaginierte Szene von damals hinein und stellt sich dem Täter entgegen. Es gibt einen Perspektivwechsel: Der Patient betrachtet die Szene nicht mehr mit den Augen des Kindes, sondern mit denen des Erwachsenen. Das Ziel: Das heutige Ich soll den Täter zur Verantwortung ziehen und außer Gefecht setzen.

Der betrunkene Stiefvater

Wie schwer das den Betroffenen fallen kann, beschreiben Schmucker und der Psychiater Rolf Köster in einem Praxishandbuch in der Fallgeschichte „Marianne“. Die 45-jährige fühlt sich ihrem brutalen, prügelnden Stiefvater auch als Erwachsene noch immer hilflos ausgesetzt. Selbst 14 Jahre nach seinem Tod quält sie weiterhin die Vorstellung, dass er noch irgendwo lebt, geheim und unter einem anderen Namen, und sie jederzeit wieder misshandeln könnte.

In den Sitzungen bittet sie der Therapeut, sich eine traumatische Szene aus ihrer Kindheit vorzustellen. Es ist ein furchtbares Bild, das sie noch immer in Flashbacks verfolgt: wie der betrunkene Stiefvater sie als Kind die Kellertreppe hinunterstößt und sie dann mit seinen Stiefeln ins Gesicht und in den Bauch tritt. Ihr Therapeut hält sie an, sich – so schwer es auch fällt – an alle Details dieser Szene zu erinnern und nun in der Vorstellung als ihr „heutiges Ich“ hinzuzutreten. Marianne will dem Kind helfen, doch die Angst vor damals ist noch immer zu groß. Auch als Erwachsene fühlt sich Marianne unfähig, sich gegen den Täter zu wehren.

Der Therapeut schlägt vor, sich ein Hilfsmittel zu suchen, vielleicht braucht sie sogar eine Waffe, um den Täter zu vertreiben? Doch das lehnt Marianne ab: Der Täter könnte damit sie umbringen. Erst als sie vor ihrem inneren Auge fünf Polizisten in den Keller kommen lässt, können diese den Stiefvater überwältigen und abführen. Der ganze Vorgang findet nur in der Fantasie der Patientin statt. Und trotzdem verlieren damit die alten Erinnerungen an Gewicht. Erst jetzt ist es Marianne möglich zu glauben, dass ihr Peiniger von damals wirklich tot ist.

Eine Aufforderung an die Patientin, sich zu bewaffnen – könnte das nicht auch gefährlich werden? Schmucker wiegelt ab. Denn imagery rescripting bedeutet nicht, in der Gegenwart einen Racheplan zu entwickeln. Vielmehr kehrt der Therapeut mit seiner Patientin in die Vergangenheit zurück, um im Nachhinein dem bereits Geschehenen eine neue Wendung zu geben. In der Vorstellung soll das Opfer statt Hilflosigkeit einmal erleben, stärker als der damalige Täter zu sein, zur Not auch, indem es ihn mit einer Waffe bedroht.

„Wer als Kind immer wieder Gewalt erfahren hat, leidet oft auch als Erwachsener an dem Gefühl, hilflos zu sein und niemandem etwas entgegensetzen zu können. Es gibt Menschen, die die Erfahrung gar nicht kennen, wie es sich anfühlt, in einer Beziehung geachtet zu werden und sich im Streit auch mal verteidigen zu können“, erklärt Thomas Ehring. Fantasierte Erfahrungen seien zwar nicht dasselbe wie Erfahrungen im echten Leben, hätten aber auch einen starken Effekt, so Ehring. Vor allem wenn sie nicht einmal, sondern immer wieder in mehreren Therapiesitzungen gemacht würden. „Was damals passiert ist, das war so und das bleibt auch so, das ist Teil der Biografie. Aber es strahlt nicht mehr so auf das heutige Leben aus“, beschreibt Ehring die Wirkung.

Doch noch wichtiger als das machtvolle Auftreten gegen den einstigen Täter ist die Begegnung mit dem verletzten „damaligen Ich“. Denn in einer dritten Phase dieser Therapiemethode stellt sich der Patient schließlich vor, dass er sich als erwachsenes Ich um sich selbst als Kind kümmert: Er kann in der damaligen Situation zu dem Kind hingehen, es trösten, mit ihm sprechen, ihm erklären, dass es keine Schuld hat, und das Kind an einen sicheren Ort bringen. Damit wendet sich der Patient zugleich einem Teil seiner Persönlichkeit zu, den er bis heute in sich trägt: das verletzte, verstörte Kind.

Auch Marianne macht während der Therapie diese symbolhafte innere Begegnung mit diesem Kind, das noch in ihr steckt. Das kleine Kind lässt sich zunächst nicht von ihr trösten, sondern versteckt sich in einem Schrank. Ihrem Therapeuten gesteht Marianne, dass sie dieses missbrauchte, schreiende Kind hasst. Erst nach mehreren Therapiesitzungen gelingt eine langsame Annäherung, bis sich das Kind schließlich von Marianne in den Arm nehmen lässt. Dieses intensive Erlebnis in der Vorstellung hat eine starke Wirkung: Es hilft ihr, langsam ihren Selbsthass abzubauen.

[...]

1.

Arbeiten Sie aus dem Text die Grundannahmen, die Methoden und die Ziele der Therapie des imagery rescripting heraus und weisen Sie nach, dass das imagery rescripting ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Verfahren ist. [20 Punkte]

2.

Vergleichen Sie unter Heranziehung des zugehörigen Persönlichkeitsmodells das imagery rescripting mit der Psychoanalyse nach Freud in Bezug auf Methoden und Ziele. [28 Punkte]

3.

Prüfen Sie auf der Grundlage des zugehörigen Menschenbildes, ob die klassische Verhaltenstherapie die Therapie des imagery rescripting sinnvoll ergänzen kann, und nehmen Sie abschließend insgesamt begründet einen eigenen Standpunkt zur Therapie des imagery rescripting ein. [32 Punkte]

Aufgabe HT 4 - Sozialpsychologische Theorien anwenden · Sozialpsychologische Theorien anwenden

RESPEKT Wer sich geachtet fühlt, lebt nicht nur zufriedener, sondern ist auch eher bereit, für sich und andere einzustehen.

Grund genug, die Wertschätzung hochzuhalten!

Der Kitt der Gesellschaft

„Mit schwerem Herzen und nach langer Überlegung werde ich auf Grund der jüngsten Er-

eignisse nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, solange ich dieses

Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre.“ Mit diesen Worten verkündete Mesut

Özil im Juli 2018 seinen Rückzug aus der deutschen Nationalmannschaft. Die Zeilen sind

5 Teil einer längeren Stellungnahme, die der Fußballspieler nach einer mehr als zwei Monate

andauernden Diskussion um seine Fotos mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip

Erdoğan auf Twitter veröffentlichte. Im Anschluss sei er von Fans und Politikern teils wüst

beschimpft worden, vor allem vom Deutschen Fußball-Bund und seinem Präsidenten Reinhard

Grindel fühle er sich im Stich gelassen.

10 Ungeachtet dessen, was man von Özils Verhalten und seiner Reaktion auf die Kritik an

ihm halten mag: Er ist nicht der Einzige, der sich in den vergangenen Monaten über einen

Mangel an Respekt beklagte. Anfang 2018 forderte Gerda Hasselfeldt, die Präsidentin des

Deutschen Roten Kreuzes, mehr Respekt für Polizisten und Rettungskräfte. Denn statt An-

erkennung für ihre Arbeit ernten viele von ihnen bei ihren Einsätzen zunehmend Beleidi-

15 gungen und Gewalt. Das war vor allem in der vergangenen Silvesternacht deutlich geworden,

wo Personen mit Steinen und Flaschen nach Polizisten warfen und Sanitäter mit Messern

bedrohten.

Auch Lehrer müssen sich immer stärker in Acht nehmen. Einer Forsa-Umfrage zufolge

sind sie mittlerweile an rund jeder zweiten Schule mit verbalen Attacken konfrontiert, an

20 jeder vierten kommt es zu körperlicher Gewalt gegen Lehrkräfte, an jeder fünften Schule

werden sie im Internet gemobbt. Und das Problem sind nicht nur die Schüler: Viele Eltern

treten ebenfalls immer unverschämter auf, beobachten Experten.

[…] Dabei kommt es allerdings auch darauf an, was man unter Respekt versteht. Im Alltag

benutzen wir den Begriff in den unterschiedlichsten Situationen. Wir sprechen von mangeln-

25 dem Respekt, wenn junge Menschen älteren Personen in Bus oder Bahn keinen Sitzplatz an-

bieten. Wir kommentieren »Respekt!«, wenn der Arbeitskollege einen besonders eindrück-

lichen Vortrag gehalten hat – oder der beste Kumpel eine Bierflasche auf ex trinkt.

Bernd Simon, Professor für Sozialpsychologie und Politische Psychologie an der Universi-

tät Kiel, hält es für wichtig, diese unterschiedlichen Auffassungen voneinander abzugrenzen.

30 »Respekt lässt sich auf das lateinische Wort ›respicere‹ zurückführen, was so viel heißt wie

zurückschauen oder sich umsehen. Ich schaue mich um, wer von meiner Handlung betroffen

ist, nehme den anderen als gleich wahr, erkenne ihn in seiner Würde an und stelle das ent-

sprechend in Rechnung.« […]

In den Augen von Simon ist Respekt vor allem mit der Anerkennung von Gleichheit ver-

35 bunden. Darauf deutet zum Beispiel eine Untersuchung hin, für die er 2014 gemeinsam mit

seinem Mitarbeiter Hilmar Grabow 1028 schwule Männer und 703 lesbische Frauen befragte.

Die Teilnehmer sollten Auskunft darüber geben, wie viel Prozent der deutschen Bürger ihrer

Einschätzung nach bereit seien, »Homosexualität und andere Formen sexueller Vielfalt zu

respektieren«. Außerdem wollten die Wissenschaftler von den Versuchspersonen wissen, wie

40 viele Menschen wohl Lesben und Schwule als gleichwertige Mitbürger betrachteten, auf die

Bedürfnisse von Homosexuellen eingingen oder anerkannten, was die betreffenden Personen

in ihrem Leben leisten.

Bei der Auswertung der Daten zeigte sich, dass die Wahrnehmung von Respekt am stärk-

sten mit der Akzeptanz von Lesben und Schwulen als gleichwertige Mitbürger korrelierte.

45 In einer Nachfolgeuntersuchung, an der 449 Männer und 296 Frauen aus der ersten Studie

erneut teilnahmen, bestätigte sich das Ergebnis: Der Eindruck, als gleich betrachtet zu werden,

war offenbar entscheidend für das Gefühl, respektiert zu werden. In die gleiche Richtung deu-

tet eine Untersuchung mit mehr als 1000 in Deutschland lebenden Muslimen. Auch hier fühl-

ten sich die Probanden eher geachtet, wenn sie gleichzeitig den Eindruck hatten, dass Mus-

50 lime als gleichwertige Mitbürger anerkannt werden. »Das spricht dafür, dass Gleichheitsan-

erkennung als Fundament von Respekt fungiert«, resümiert Simon.

Vom Verfall bedroht

In diesem Sinn könnte die gegenseitige Wertschätzung in unserer Gesellschaft tatsächlich

vom Verfall bedroht sein, glaubt der Sozialpsychologe. »Wenn man sich die politische Ent-

wicklung in Europa und im Rest der Welt anschaut, scheint es immer mehr um Abgrenzung

55 zu gehen. Man denke nur an Slogans wie ›America first‹. Entsprechend sehe ich schon die

Gefahr, dass wir die Einsicht, dass alle Menschen die gleiche Würde besitzen, verlieren –

und damit auch den Respekt voreinander.«

Doch warum ist dieser überhaupt so wichtig? »Auf individueller Ebene hat er eine Art

Signalwirkung«, so Simon. »Wenn ich jemanden als Gleichen respektiere, zeigt das: Du bist

60 einer von uns. Das hat positive Konsequenzen und führt dazu, dass der- oder diejenige sich

zugehörig und aufgehoben fühlt.« Und das wiederum macht es uns leichter, auf andere zu-

zugehen. So zeigen Untersuchungen von Simon und seinem Kollegen Stefan Stürmer zum

Beispiel, dass gegenseitige Wertschätzung die Kooperationsbereitschaft in Gruppen erhöht.

In einer Studie aus dem Jahr 2003 suggerierten die Forscher Studenten, sie würden am

65 Computer in Gruppen zusammenarbeiten, um die Lehre an ihrer Universität zu verbessern.

Dabei sollten die Probanden zunächst eigene Vorschläge ausarbeiten und diese anschließend

an die anderen Gruppenmitglieder weiterleiten. In Wirklichkeit gab ihnen allerdings kein

echter Mensch Feedback, sondern ein Computerprogramm, das verschiedene vorprogram-

mierte Reaktionen auf Lager hatte. Nach dem Zufallsprinzip antwortete es den Versuchs-

70 personen entweder mit höflichen Sätzen wie: »Danke für deine Vorschläge. Ich werde mir

Zeit nehmen, gründlich über sie nachzudenken.« Oder aber sie bekamen eine eher unfreundli-

che Erwiderung: »Ich habe deine Vorschläge gelesen, weil ich es musste. Aber eigentlich

hätte ich mit meiner Zeit lieber etwas Besseres angefangen.«

Personen, die eine respektvolle Antwort erhalten hatten, waren anschließend nicht nur

75 besser gelaunt. Sie konnten sich zudem deutlich besser mit ihrer Gruppe identifizieren und

legten sich stärker für sie ins Zeug, wie eine abschließende Befragung von Simon und Stürmer

ergab. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen 2013 japanische Forscher. […]

Laut einer Untersuchung der Psychologin Daniela Renger und ihrer Kollegen, ebenfalls

an der Universität Kiel, fühlen wir uns durch Respektlosigkeit als Menschen abgewertet –

80 dehumanisiert. Zudem scheint ein Mangel an Achtung ebenso unseren moralischen Kompass

zu beeinträchtigen: Versuchspersonen, die in einem Einkaufsszenario schlecht behandelt

wurden, waren anschließend weniger geneigt, den Kassierer darauf aufmerksam zu machen,

dass er ihnen gerade zwei Euro Wechselgeld zu viel gegeben hatte.

Werden wir hingegen von anderen respektvoll behandelt, fällt es uns auch leichter, uns

85 selbst mit Wertschätzung zu begegnen. »Selbstrespekt ist die Internalisierung von erfahrenem

Respekt und somit die Voraussetzung dafür, sich selbst als gleichwertig wahrzunehmen «,

sagt Renger. Wer sich selbst respektiert, erkenne, dass er die gleichen Rechte und die gleiche

Würde wie andere Menschen hat – und zwar unabhängig von Dingen wie dem eigenen Ge-

schlecht, dem sozialen oder beruflichen Status. Zudem sei Selbstrespekt eine wichtige Voraus-

90 setzung, um die eigenen Rechte und Ansprüche einzufordern und zum Beispiel gegen unfaire

Bezahlung am Arbeitsplatz vorzugehen. »Wenn wir keinen oder nur wenig Selbstrespekt

besitzen, nehmen wir Ungerechtigkeit gar nicht wahr und sind dann nicht in der Lage, für

uns selbst einzutreten«, erklärt Renger.

[…]

95 Wer von anderen respektvoll behandelt wird, gibt also Respekt zurück – Wertschätzung

führt zu Wertschätzung. »Die Frage ist natürlich immer, wer den Anfang macht«, sagt Simon.

Das Fundament für einen respektvollen Umgang mit anderen werde bereits in unserer Kind-

heit gelegt: Machten wir selbst positive Respekterfahrungen, falle es uns später leichter, an-

deren mit Achtung zu begegnen. Zudem sei es wichtig, Kindern beizubringen, dass alle Men-

100 schen Respekt verdienen – und nicht nur die Mitglieder der eigenen Gruppe.

[…] »Respekt ist ein Schlüsselfaktor für Lebensqualität älterer Menschen. Studien zeigen

konsistent, dass ältere Menschen, die sich respektiert fühlen, eine höhere Lebenszufrieden-

heit haben«, schreiben die Autoren. Und nicht nur im Hinblick auf das Glück des Einzelnen

macht Achtung einen Unterschied: »Ich glaube, dass man Respekt als Kitt der Gesellschaft

105 bezeichnen könnte «, meint Renger. »Er führt dazu, dass wir uns eine gemeinsame, verbin-

dende Identität schaffen können, ohne die individuellen Unterschiede zu ignorieren.«

Auf diese Weise fördert Respekt schließlich auch die Toleranz. Das zeigt eine Untersu-

chung, für die Bernd Simon und sein Kollege Christoph Daniel Schaefer 2016 von mehr als

1000 in Deutschland lebenden Muslimen wissen wollten, inwiefern sie Christen, Juden, Men-

110 schen ohne Religionszugehörigkeit, Homosexuelle oder Feministen als gleichwertig betrachte-

ten. Außerdem fragten sie die Probanden, ob sie Mitgliedern der jeweiligen Gruppen zuge-

stehen, ihr Leben so zu führen, wie sie es möchten. Dabei zeigte sich, dass Respekt und Tole-

ranz miteinander zusammenhingen – und zwar umso stärker, je deutlicher die Befragten eine

der genannten Gruppen ablehnten. Achtung schien dabei als eine Art Gegengewicht zu fun-

115 gieren, das dafür sorgte, dass manche Versuchspersonen anderen selbst dann noch mit Tole-

ranz begegnen konnten, wenn sie deren Glauben oder Lebensstil besonders kritisch gegen-

überstanden.

Das liegt laut Simon auch daran, dass sich oft dennoch Gemeinsamkeiten finden lassen:

»Vereinfacht gesagt: Der eine ist HSV-Fan, der andere Werder-Fan. Auf übergeordneter

120 Ebene sind beide Freunde des Fußballs und respektieren sich deshalb.« Eine solche gemein-

same Gruppenmitgliedschaft und die damit einhergehende kollektive Identität fördere die

Wahrnehmung als Gleiche – und somit den gegenseitigen Respekt.

Wenn sich gesellschaftliche Teilgruppen – seien es HSV- und Werder-Fans oder Muslime

und Christen – mit Achtung begegnen, könne deshalb »eine positive Aufwärtsspirale in Gang

125 gesetzt werden«, schreibt der Psychologe. »Doch wie so oft gilt: Jemand muss den Anfang

machen!«

Teilaufgabe 1

Arbeiten Sie aus dem Text heraus, wie Bernd Simon Respekt versteht, welche empirischen Belege dafür angeführt werden und welche Bedeutung Renger dem Selbstrespekt beimisst. Skizzieren Sie, wie die Studie von Simon und Stürmer zur Kooperationsbereitschaft verlief und welche Ergebnisse sie erbrachte, und erläutern Sie diese Ergebnisse anhand der Theorie des reziproken Altruismus. [24 Punkte]

Teilaufgabe 3

Prüfen Sie, ob sich durch Respekt in der Gesellschaft eine „gemeinsame, verbindende Identität“ (Z. 107 – 108) herstellen lässt, und entwickeln Sie mithilfe des Elaboration-Likelihood-Modells Maßnahmen, die den Respekt unter Schülerinnen und Schülern in der Schule fördern. [24 Punkte]

Aufgabe HT 4 - Persönlichkeitstheorien anwenden und vergl… · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen

RESPEKT Wer sich geachtet fühlt, lebt nicht nur zufriedener, sondern ist auch eher bereit, für sich und andere einzustehen.

Grund genug, die Wertschätzung hochzuhalten!

Der Kitt der Gesellschaft

„Mit schwerem Herzen und nach langer Überlegung werde ich auf Grund der jüngsten Er-

eignisse nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, solange ich dieses

Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre.“ Mit diesen Worten verkündete Mesut

Özil im Juli 2018 seinen Rückzug aus der deutschen Nationalmannschaft. Die Zeilen sind

5 Teil einer längeren Stellungnahme, die der Fußballspieler nach einer mehr als zwei Monate

andauernden Diskussion um seine Fotos mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip

Erdoğan auf Twitter veröffentlichte. Im Anschluss sei er von Fans und Politikern teils wüst

beschimpft worden, vor allem vom Deutschen Fußball-Bund und seinem Präsidenten Reinhard

Grindel fühle er sich im Stich gelassen.

10 Ungeachtet dessen, was man von Özils Verhalten und seiner Reaktion auf die Kritik an

ihm halten mag: Er ist nicht der Einzige, der sich in den vergangenen Monaten über einen

Mangel an Respekt beklagte. Anfang 2018 forderte Gerda Hasselfeldt, die Präsidentin des

Deutschen Roten Kreuzes, mehr Respekt für Polizisten und Rettungskräfte. Denn statt An-

erkennung für ihre Arbeit ernten viele von ihnen bei ihren Einsätzen zunehmend Beleidi-

15 gungen und Gewalt. Das war vor allem in der vergangenen Silvesternacht deutlich geworden,

wo Personen mit Steinen und Flaschen nach Polizisten warfen und Sanitäter mit Messern

bedrohten.

Auch Lehrer müssen sich immer stärker in Acht nehmen. Einer Forsa-Umfrage zufolge

sind sie mittlerweile an rund jeder zweiten Schule mit verbalen Attacken konfrontiert, an

20 jeder vierten kommt es zu körperlicher Gewalt gegen Lehrkräfte, an jeder fünften Schule

werden sie im Internet gemobbt. Und das Problem sind nicht nur die Schüler: Viele Eltern

treten ebenfalls immer unverschämter auf, beobachten Experten.

[…] Dabei kommt es allerdings auch darauf an, was man unter Respekt versteht. Im Alltag

benutzen wir den Begriff in den unterschiedlichsten Situationen. Wir sprechen von mangeln-

25 dem Respekt, wenn junge Menschen älteren Personen in Bus oder Bahn keinen Sitzplatz an-

bieten. Wir kommentieren »Respekt!«, wenn der Arbeitskollege einen besonders eindrück-

lichen Vortrag gehalten hat – oder der beste Kumpel eine Bierflasche auf ex trinkt.

Bernd Simon, Professor für Sozialpsychologie und Politische Psychologie an der Universi-

tät Kiel, hält es für wichtig, diese unterschiedlichen Auffassungen voneinander abzugrenzen.

30 »Respekt lässt sich auf das lateinische Wort ›respicere‹ zurückführen, was so viel heißt wie

zurückschauen oder sich umsehen. Ich schaue mich um, wer von meiner Handlung betroffen

ist, nehme den anderen als gleich wahr, erkenne ihn in seiner Würde an und stelle das ent-

sprechend in Rechnung.« […]

In den Augen von Simon ist Respekt vor allem mit der Anerkennung von Gleichheit ver-

35 bunden. Darauf deutet zum Beispiel eine Untersuchung hin, für die er 2014 gemeinsam mit

seinem Mitarbeiter Hilmar Grabow 1028 schwule Männer und 703 lesbische Frauen befragte.

Die Teilnehmer sollten Auskunft darüber geben, wie viel Prozent der deutschen Bürger ihrer

Einschätzung nach bereit seien, »Homosexualität und andere Formen sexueller Vielfalt zu

respektieren«. Außerdem wollten die Wissenschaftler von den Versuchspersonen wissen, wie

40 viele Menschen wohl Lesben und Schwule als gleichwertige Mitbürger betrachteten, auf die

Bedürfnisse von Homosexuellen eingingen oder anerkannten, was die betreffenden Personen

in ihrem Leben leisten.

Bei der Auswertung der Daten zeigte sich, dass die Wahrnehmung von Respekt am stärk-

sten mit der Akzeptanz von Lesben und Schwulen als gleichwertige Mitbürger korrelierte.

45 In einer Nachfolgeuntersuchung, an der 449 Männer und 296 Frauen aus der ersten Studie

erneut teilnahmen, bestätigte sich das Ergebnis: Der Eindruck, als gleich betrachtet zu werden,

war offenbar entscheidend für das Gefühl, respektiert zu werden. In die gleiche Richtung deu-

tet eine Untersuchung mit mehr als 1000 in Deutschland lebenden Muslimen. Auch hier fühl-

ten sich die Probanden eher geachtet, wenn sie gleichzeitig den Eindruck hatten, dass Mus-

50 lime als gleichwertige Mitbürger anerkannt werden. »Das spricht dafür, dass Gleichheitsan-

erkennung als Fundament von Respekt fungiert«, resümiert Simon.

Vom Verfall bedroht

In diesem Sinn könnte die gegenseitige Wertschätzung in unserer Gesellschaft tatsächlich

vom Verfall bedroht sein, glaubt der Sozialpsychologe. »Wenn man sich die politische Ent-

wicklung in Europa und im Rest der Welt anschaut, scheint es immer mehr um Abgrenzung

55 zu gehen. Man denke nur an Slogans wie ›America first‹. Entsprechend sehe ich schon die

Gefahr, dass wir die Einsicht, dass alle Menschen die gleiche Würde besitzen, verlieren –

und damit auch den Respekt voreinander.«

Doch warum ist dieser überhaupt so wichtig? »Auf individueller Ebene hat er eine Art

Signalwirkung«, so Simon. »Wenn ich jemanden als Gleichen respektiere, zeigt das: Du bist

60 einer von uns. Das hat positive Konsequenzen und führt dazu, dass der- oder diejenige sich

zugehörig und aufgehoben fühlt.« Und das wiederum macht es uns leichter, auf andere zu-

zugehen. So zeigen Untersuchungen von Simon und seinem Kollegen Stefan Stürmer zum

Beispiel, dass gegenseitige Wertschätzung die Kooperationsbereitschaft in Gruppen erhöht.

In einer Studie aus dem Jahr 2003 suggerierten die Forscher Studenten, sie würden am

65 Computer in Gruppen zusammenarbeiten, um die Lehre an ihrer Universität zu verbessern.

Dabei sollten die Probanden zunächst eigene Vorschläge ausarbeiten und diese anschließend

an die anderen Gruppenmitglieder weiterleiten. In Wirklichkeit gab ihnen allerdings kein

echter Mensch Feedback, sondern ein Computerprogramm, das verschiedene vorprogram-

mierte Reaktionen auf Lager hatte. Nach dem Zufallsprinzip antwortete es den Versuchs-

70 personen entweder mit höflichen Sätzen wie: »Danke für deine Vorschläge. Ich werde mir

Zeit nehmen, gründlich über sie nachzudenken.« Oder aber sie bekamen eine eher unfreundli-

che Erwiderung: »Ich habe deine Vorschläge gelesen, weil ich es musste. Aber eigentlich

hätte ich mit meiner Zeit lieber etwas Besseres angefangen.«

Personen, die eine respektvolle Antwort erhalten hatten, waren anschließend nicht nur

75 besser gelaunt. Sie konnten sich zudem deutlich besser mit ihrer Gruppe identifizieren und

legten sich stärker für sie ins Zeug, wie eine abschließende Befragung von Simon und Stürmer

ergab. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen 2013 japanische Forscher. […]

Laut einer Untersuchung der Psychologin Daniela Renger und ihrer Kollegen, ebenfalls

an der Universität Kiel, fühlen wir uns durch Respektlosigkeit als Menschen abgewertet –

80 dehumanisiert. Zudem scheint ein Mangel an Achtung ebenso unseren moralischen Kompass

zu beeinträchtigen: Versuchspersonen, die in einem Einkaufsszenario schlecht behandelt

wurden, waren anschließend weniger geneigt, den Kassierer darauf aufmerksam zu machen,

dass er ihnen gerade zwei Euro Wechselgeld zu viel gegeben hatte.

Werden wir hingegen von anderen respektvoll behandelt, fällt es uns auch leichter, uns

85 selbst mit Wertschätzung zu begegnen. »Selbstrespekt ist die Internalisierung von erfahrenem

Respekt und somit die Voraussetzung dafür, sich selbst als gleichwertig wahrzunehmen «,

sagt Renger. Wer sich selbst respektiert, erkenne, dass er die gleichen Rechte und die gleiche

Würde wie andere Menschen hat – und zwar unabhängig von Dingen wie dem eigenen Ge-

schlecht, dem sozialen oder beruflichen Status. Zudem sei Selbstrespekt eine wichtige Voraus-

90 setzung, um die eigenen Rechte und Ansprüche einzufordern und zum Beispiel gegen unfaire

Bezahlung am Arbeitsplatz vorzugehen. »Wenn wir keinen oder nur wenig Selbstrespekt

besitzen, nehmen wir Ungerechtigkeit gar nicht wahr und sind dann nicht in der Lage, für

uns selbst einzutreten«, erklärt Renger.

[…]

95 Wer von anderen respektvoll behandelt wird, gibt also Respekt zurück – Wertschätzung

führt zu Wertschätzung. »Die Frage ist natürlich immer, wer den Anfang macht«, sagt Simon.

Das Fundament für einen respektvollen Umgang mit anderen werde bereits in unserer Kind-

heit gelegt: Machten wir selbst positive Respekterfahrungen, falle es uns später leichter, an-

deren mit Achtung zu begegnen. Zudem sei es wichtig, Kindern beizubringen, dass alle Men-

100 schen Respekt verdienen – und nicht nur die Mitglieder der eigenen Gruppe.

[…] »Respekt ist ein Schlüsselfaktor für Lebensqualität älterer Menschen. Studien zeigen

konsistent, dass ältere Menschen, die sich respektiert fühlen, eine höhere Lebenszufrieden-

heit haben«, schreiben die Autoren. Und nicht nur im Hinblick auf das Glück des Einzelnen

macht Achtung einen Unterschied: »Ich glaube, dass man Respekt als Kitt der Gesellschaft

105 bezeichnen könnte «, meint Renger. »Er führt dazu, dass wir uns eine gemeinsame, verbin-

dende Identität schaffen können, ohne die individuellen Unterschiede zu ignorieren.«

Auf diese Weise fördert Respekt schließlich auch die Toleranz. Das zeigt eine Untersu-

chung, für die Bernd Simon und sein Kollege Christoph Daniel Schaefer 2016 von mehr als

1000 in Deutschland lebenden Muslimen wissen wollten, inwiefern sie Christen, Juden, Men-

110 schen ohne Religionszugehörigkeit, Homosexuelle oder Feministen als gleichwertig betrachte-

ten. Außerdem fragten sie die Probanden, ob sie Mitgliedern der jeweiligen Gruppen zuge-

stehen, ihr Leben so zu führen, wie sie es möchten. Dabei zeigte sich, dass Respekt und Tole-

ranz miteinander zusammenhingen – und zwar umso stärker, je deutlicher die Befragten eine

der genannten Gruppen ablehnten. Achtung schien dabei als eine Art Gegengewicht zu fun-

115 gieren, das dafür sorgte, dass manche Versuchspersonen anderen selbst dann noch mit Tole-

ranz begegnen konnten, wenn sie deren Glauben oder Lebensstil besonders kritisch gegen-

überstanden.

Das liegt laut Simon auch daran, dass sich oft dennoch Gemeinsamkeiten finden lassen:

»Vereinfacht gesagt: Der eine ist HSV-Fan, der andere Werder-Fan. Auf übergeordneter

120 Ebene sind beide Freunde des Fußballs und respektieren sich deshalb.« Eine solche gemein-

same Gruppenmitgliedschaft und die damit einhergehende kollektive Identität fördere die

Wahrnehmung als Gleiche – und somit den gegenseitigen Respekt.

Wenn sich gesellschaftliche Teilgruppen – seien es HSV- und Werder-Fans oder Muslime

und Christen – mit Achtung begegnen, könne deshalb »eine positive Aufwärtsspirale in Gang

125 gesetzt werden«, schreibt der Psychologe. »Doch wie so oft gilt: Jemand muss den Anfang

machen!«

Teilaufgabe 2

Erklären Sie, wie sich Selbstrespekt entwickelt, und greifen Sie dabei jeweils auf das passende Persönlichkeitsmodell der tiefenpsychologischen sowie der ganzheitlich-humanistischen Perspektive zurück. Nehmen Sie anschließend Stellung dazu, welcher der beiden Erklärungsansätze Ihrer Ansicht nach überzeugender ist. [32 Punkte]

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