Abitur NRW Psychologie 2022 · GK · Haupttermin
Abiturprüfung Psychologie in Nordrhein-Westfalen 2022, GK · Haupttermin: 12 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Experimente und Studien analysieren. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Experimente und Studien analysieren · Sozialpsychologische Theorien anwenden · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen · Psychische Störungen und Psychotherapie · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl
Aufgabe HT 1 - Aufgabe 1 · Experimente und Studien analysieren
Entscheidungen in Gruppen
Auch bei Gruppenentscheidungen gibt es das Phänomen der Eskalation des Commitments 1. Gruppen, die für den Misserfolg einer Investitionsentscheidung verantwortlich waren, waren eher bereit, weitere Investitionen in das gleiche Projekt zu tätigen, als Gruppen, die dafür nicht verantwortlich waren (Bazerman, Giuliano & Appelman, 1984).
Rutledge (1994) führte eine ähnliche Untersuchung durch, erweiterte das experimentelle Design aber um die Variable positives vs. negatives Framing 2. Die Versuchsteilnehmer bearbeiteten in Dreiergruppen einen Fall, in dem vor kurzem eine Investition von 4 Millionen (Option B). Im Falle einer zusätzlichen Investition wäre die Wahrscheinlichkeit, dass ein Produkt entwickelt werden könnte, das für 6 Millionen \frac{1}{3}\frac{2}{3}$. Die Gruppen sollten den Fall diskutieren und anschließend angeben, in welchem Maße sie welche der beiden Optionen präferierten. Die Versuchsteilnehmer wurden vier experimentellen Bedingungen zugeordnet:
Verantwortung und positives Framing: Die Gruppe wurde als verantwortlich für die vorherige Entscheidung dargestellt und erhielt die Information, dass bei zusätzlicher Investition mit 33-prozentiger Wahrscheinlichkeit das zu entwickelnde Produkt für 6 Millionen $ verkauft werden könnte.
Verantwortung und negatives Framing: Die Gruppe wurde als verantwortlich für die vorherige Entscheidung dargestellt und erhielt die Information, dass bei zusätzlicher Investition mit 66-prozentiger Wahrscheinlichkeit kein Gewinn zu erwarten wäre.
Keine Verantwortung und positives Framing: In der Bedingung 3 wurde die Gruppe als nicht verantwortlich für die bisherigen Investitionen dargestellt und erhielt ein positives Framing.
Keine Verantwortung und negatives Framing: In der Bedingung 4 wurde die Gruppe als nicht verantwortlich für die bisherigen Investitionen dargestellt und erhielt ein negatives Framing.
Die Ergebnisse (siehe Abbildung 5.14) bestätigen den Effekt der Verantwortlichkeit, wie er von Bazerman u. a. gefunden worden war. Verantwortlichkeit für die initiale 3 Investition führte zu einer größeren Bereitschaft, erneut zu investieren 4.
Aber der Effekt der Verrahmung war sogar noch stärker. Wurden die Konsequenzen einer erneuten Investition als Verlust dargestellt, präferierten die Versuchsteilnehmer deutlich stärker eine neue Investition als wenn die Konsequenzen als Gewinn präsentiert wurden. Ein negatives Framing veranlasste auch die nicht verantwortlichen Gruppen zu einer Eskalation des Commitments.
Dieses Ergebnis bestätigt auch für Gruppen die größere Risikofreudigkeit bei Verlusten, wie sie von Kahneman und Tversky in ihrer Prospect-Theorie 5 postuliert worden ist.
Wie die Experimente zum Risikoschub [...] gezeigt haben, sind Gruppen entgegen der Erwartung risikofreudiger als Einzelpersonen. Eigentlich könnte man annehmen, dass Gruppen, da sie sich auf mehr Informationen stützen können als eine einzelne Person, ihre Entscheidung abgewogener und vorsichtiger treffen. Tatsächlich führt aber eine kollaborative 6 Entscheidungsfindung zu einer extremeren Position. Durch die Diskussion in der Gruppe wird die bei den Mitgliedern vorherrschende Tendenz verstärkt. Die Gruppenmeinung rückt auf diese Weise stärker zu einem der beiden Pole des Meinungskontinuums. [...]
Verantwortlich dafür sind vor allem zwei Mechanismen. Zum einen führt die Identifikation mit der Gruppe dazu, dass die Meinungen der anderen Gruppenmitglieder wichtige Bezugspunkte darstellen, die das individuelle Gruppenmitglied akzeptiert und bestätigt, aus dem Bedürfnis dazuzugehören. Damit setzt ein wechselseitiger Verstärkungsprozess ein, der den Prozess der Polarisation befördert.
Zum anderen wirkt hier ein Effekt der Informationsverarbeitung in Gruppen, auf den schon an verschiedenen Stellen hingewiesen worden ist. Es ist die Tatsache, dass geteilte Informationen häufiger in die Diskussion eingebracht werden als ungeteilte Informationen. Ideen, die mit dem gemeinsamen Wissen der Gruppenmitglieder übereinstimmen, werden häufiger in Diskussionen besprochen und beeinflussen stärker die Diskussion.
Anmerkungen
1 Engagement, freiwillige Bindung
2 Rahmen
3 anfängliche / erste
4 Je höher der Zahlenwert auf der y-Achse, desto höher ist die Investitionsbereitschaft.
5 Die Theorie erlaubt die Beschreibung der Entscheidungsfindung in Situationen mit Risiko. Sie beruht auf dem Verständnis, dass das individuelle Risikoverhalten je nach eingeschätzter Sicherheit eines auftretenden Ereignisses variiert. Versuchspersonen bevorzugen bei positiven Ereignissen sichere Zahlungen gegenüber höheren, aber unsicheren Gewinnen. Beispielsweise ist es ihnen lieber, sicher 50 Euro zu erhalten als mit 50 % Wahrscheinlichkeit 100 Euro und mit 50 % Wahrscheinlichkeit 0 Euro. Bei negativen Ereignissen hingegen handeln Individuen risikofreudiger. In der Theorie wird die These vertreten, dass häufig auftretende kognitive Verzerrungen das Verhalten unter Ungewissheit beeinflussen. Insbesondere sollen Menschen stärker durch Verluste als durch Gewinne motiviert werden und demnach mehr Energie in die Vermeidung von Verlusten als in die Erzielung von Gewinnen investieren.
6 in der Gruppe herbeigeführt
1. Analysieren Sie das von Rutledge durchgeführte Experiment und belegen Sie, dass ihm kognitivistische Annahmen zugrunde liegen. (24 Punkte)
Aufgabe HT 1 - Aufgabe 2 · Sozialpsychologische Theorien anwenden
Entscheidungen in Gruppen
Auch bei Gruppenentscheidungen gibt es das Phänomen der Eskalation des Commitments 1. Gruppen, die für den Misserfolg einer Investitionsentscheidung verantwortlich waren, waren eher bereit, weitere Investitionen in das gleiche Projekt zu tätigen, als Gruppen, die dafür nicht verantwortlich waren (Bazerman, Giuliano & Appelman, 1984).
Rutledge (1994) führte eine ähnliche Untersuchung durch, erweiterte das experimentelle Design aber um die Variable positives vs. negatives Framing 2. Die Versuchsteilnehmer bearbeiteten in Dreiergruppen einen Fall, in dem vor kurzem eine Investition von 4 Millionen (Option B). Im Falle einer zusätzlichen Investition wäre die Wahrscheinlichkeit, dass ein Produkt entwickelt werden könnte, das für 6 Millionen \frac{1}{3}\frac{2}{3}$. Die Gruppen sollten den Fall diskutieren und anschließend angeben, in welchem Maße sie welche der beiden Optionen präferierten. Die Versuchsteilnehmer wurden vier experimentellen Bedingungen zugeordnet:
Verantwortung und positives Framing: Die Gruppe wurde als verantwortlich für die vorherige Entscheidung dargestellt und erhielt die Information, dass bei zusätzlicher Investition mit 33-prozentiger Wahrscheinlichkeit das zu entwickelnde Produkt für 6 Millionen $ verkauft werden könnte.
Verantwortung und negatives Framing: Die Gruppe wurde als verantwortlich für die vorherige Entscheidung dargestellt und erhielt die Information, dass bei zusätzlicher Investition mit 66-prozentiger Wahrscheinlichkeit kein Gewinn zu erwarten wäre.
Keine Verantwortung und positives Framing: In der Bedingung 3 wurde die Gruppe als nicht verantwortlich für die bisherigen Investitionen dargestellt und erhielt ein positives Framing.
Keine Verantwortung und negatives Framing: In der Bedingung 4 wurde die Gruppe als nicht verantwortlich für die bisherigen Investitionen dargestellt und erhielt ein negatives Framing.
Die Ergebnisse (siehe Abbildung 5.14) bestätigen den Effekt der Verantwortlichkeit, wie er von Bazerman u. a. gefunden worden war. Verantwortlichkeit für die initiale 3 Investition führte zu einer größeren Bereitschaft, erneut zu investieren 4.
Aber der Effekt der Verrahmung war sogar noch stärker. Wurden die Konsequenzen einer erneuten Investition als Verlust dargestellt, präferierten die Versuchsteilnehmer deutlich stärker eine neue Investition als wenn die Konsequenzen als Gewinn präsentiert wurden. Ein negatives Framing veranlasste auch die nicht verantwortlichen Gruppen zu einer Eskalation des Commitments.
Dieses Ergebnis bestätigt auch für Gruppen die größere Risikofreudigkeit bei Verlusten, wie sie von Kahneman und Tversky in ihrer Prospect-Theorie 5 postuliert worden ist.
Wie die Experimente zum Risikoschub [...] gezeigt haben, sind Gruppen entgegen der Erwartung risikofreudiger als Einzelpersonen. Eigentlich könnte man annehmen, dass Gruppen, da sie sich auf mehr Informationen stützen können als eine einzelne Person, ihre Entscheidung abgewogener und vorsichtiger treffen. Tatsächlich führt aber eine kollaborative 6 Entscheidungsfindung zu einer extremeren Position. Durch die Diskussion in der Gruppe wird die bei den Mitgliedern vorherrschende Tendenz verstärkt. Die Gruppenmeinung rückt auf diese Weise stärker zu einem der beiden Pole des Meinungskontinuums. [...]
Verantwortlich dafür sind vor allem zwei Mechanismen. Zum einen führt die Identifikation mit der Gruppe dazu, dass die Meinungen der anderen Gruppenmitglieder wichtige Bezugspunkte darstellen, die das individuelle Gruppenmitglied akzeptiert und bestätigt, aus dem Bedürfnis dazuzugehören. Damit setzt ein wechselseitiger Verstärkungsprozess ein, der den Prozess der Polarisation befördert.
Zum anderen wirkt hier ein Effekt der Informationsverarbeitung in Gruppen, auf den schon an verschiedenen Stellen hingewiesen worden ist. Es ist die Tatsache, dass geteilte Informationen häufiger in die Diskussion eingebracht werden als ungeteilte Informationen. Ideen, die mit dem gemeinsamen Wissen der Gruppenmitglieder übereinstimmen, werden häufiger in Diskussionen besprochen und beeinflussen stärker die Diskussion.
Anmerkungen
1 Engagement, freiwillige Bindung
2 Rahmen
3 anfängliche / erste
4 Je höher der Zahlenwert auf der y-Achse, desto höher ist die Investitionsbereitschaft.
5 Die Theorie erlaubt die Beschreibung der Entscheidungsfindung in Situationen mit Risiko. Sie beruht auf dem Verständnis, dass das individuelle Risikoverhalten je nach eingeschätzter Sicherheit eines auftretenden Ereignisses variiert. Versuchspersonen bevorzugen bei positiven Ereignissen sichere Zahlungen gegenüber höheren, aber unsicheren Gewinnen. Beispielsweise ist es ihnen lieber, sicher 50 Euro zu erhalten als mit 50 % Wahrscheinlichkeit 100 Euro und mit 50 % Wahrscheinlichkeit 0 Euro. Bei negativen Ereignissen hingegen handeln Individuen risikofreudiger. In der Theorie wird die These vertreten, dass häufig auftretende kognitive Verzerrungen das Verhalten unter Ungewissheit beeinflussen. Insbesondere sollen Menschen stärker durch Verluste als durch Gewinne motiviert werden und demnach mehr Energie in die Vermeidung von Verlusten als in die Erzielung von Gewinnen investieren.
6 in der Gruppe herbeigeführt
2. Erklären Sie anhand der Theorie konformen Verhaltens, wie die Ergebnisse des Experiments von Rutledge zustande kommen, und prüfen Sie, ob sich diese Ergebnisse ebenfalls mithilfe der Theorie der kognitiven Dissonanz deuten lassen. (28 Punkte)
Aufgabe HT 1 - Aufgabe 3 · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen
Entscheidungen in Gruppen
Auch bei Gruppenentscheidungen gibt es das Phänomen der Eskalation des Commitments 1. Gruppen, die für den Misserfolg einer Investitionsentscheidung verantwortlich waren, waren eher bereit, weitere Investitionen in das gleiche Projekt zu tätigen, als Gruppen, die dafür nicht verantwortlich waren (Bazerman, Giuliano & Appelman, 1984).
Rutledge (1994) führte eine ähnliche Untersuchung durch, erweiterte das experimentelle Design aber um die Variable positives vs. negatives Framing 2. Die Versuchsteilnehmer bearbeiteten in Dreiergruppen einen Fall, in dem vor kurzem eine Investition von 4 Millionen (Option B). Im Falle einer zusätzlichen Investition wäre die Wahrscheinlichkeit, dass ein Produkt entwickelt werden könnte, das für 6 Millionen \frac{1}{3}\frac{2}{3}$. Die Gruppen sollten den Fall diskutieren und anschließend angeben, in welchem Maße sie welche der beiden Optionen präferierten. Die Versuchsteilnehmer wurden vier experimentellen Bedingungen zugeordnet:
Verantwortung und positives Framing: Die Gruppe wurde als verantwortlich für die vorherige Entscheidung dargestellt und erhielt die Information, dass bei zusätzlicher Investition mit 33-prozentiger Wahrscheinlichkeit das zu entwickelnde Produkt für 6 Millionen $ verkauft werden könnte.
Verantwortung und negatives Framing: Die Gruppe wurde als verantwortlich für die vorherige Entscheidung dargestellt und erhielt die Information, dass bei zusätzlicher Investition mit 66-prozentiger Wahrscheinlichkeit kein Gewinn zu erwarten wäre.
Keine Verantwortung und positives Framing: In der Bedingung 3 wurde die Gruppe als nicht verantwortlich für die bisherigen Investitionen dargestellt und erhielt ein positives Framing.
Keine Verantwortung und negatives Framing: In der Bedingung 4 wurde die Gruppe als nicht verantwortlich für die bisherigen Investitionen dargestellt und erhielt ein negatives Framing.
Die Ergebnisse (siehe Abbildung 5.14) bestätigen den Effekt der Verantwortlichkeit, wie er von Bazerman u. a. gefunden worden war. Verantwortlichkeit für die initiale 3 Investition führte zu einer größeren Bereitschaft, erneut zu investieren 4.
Aber der Effekt der Verrahmung war sogar noch stärker. Wurden die Konsequenzen einer erneuten Investition als Verlust dargestellt, präferierten die Versuchsteilnehmer deutlich stärker eine neue Investition als wenn die Konsequenzen als Gewinn präsentiert wurden. Ein negatives Framing veranlasste auch die nicht verantwortlichen Gruppen zu einer Eskalation des Commitments.
Dieses Ergebnis bestätigt auch für Gruppen die größere Risikofreudigkeit bei Verlusten, wie sie von Kahneman und Tversky in ihrer Prospect-Theorie 5 postuliert worden ist.
Wie die Experimente zum Risikoschub [...] gezeigt haben, sind Gruppen entgegen der Erwartung risikofreudiger als Einzelpersonen. Eigentlich könnte man annehmen, dass Gruppen, da sie sich auf mehr Informationen stützen können als eine einzelne Person, ihre Entscheidung abgewogener und vorsichtiger treffen. Tatsächlich führt aber eine kollaborative 6 Entscheidungsfindung zu einer extremeren Position. Durch die Diskussion in der Gruppe wird die bei den Mitgliedern vorherrschende Tendenz verstärkt. Die Gruppenmeinung rückt auf diese Weise stärker zu einem der beiden Pole des Meinungskontinuums. [...]
Verantwortlich dafür sind vor allem zwei Mechanismen. Zum einen führt die Identifikation mit der Gruppe dazu, dass die Meinungen der anderen Gruppenmitglieder wichtige Bezugspunkte darstellen, die das individuelle Gruppenmitglied akzeptiert und bestätigt, aus dem Bedürfnis dazuzugehören. Damit setzt ein wechselseitiger Verstärkungsprozess ein, der den Prozess der Polarisation befördert.
Zum anderen wirkt hier ein Effekt der Informationsverarbeitung in Gruppen, auf den schon an verschiedenen Stellen hingewiesen worden ist. Es ist die Tatsache, dass geteilte Informationen häufiger in die Diskussion eingebracht werden als ungeteilte Informationen. Ideen, die mit dem gemeinsamen Wissen der Gruppenmitglieder übereinstimmen, werden häufiger in Diskussionen besprochen und beeinflussen stärker die Diskussion.
Anmerkungen
1 Engagement, freiwillige Bindung
2 Rahmen
3 anfängliche / erste
4 Je höher der Zahlenwert auf der y-Achse, desto höher ist die Investitionsbereitschaft.
5 Die Theorie erlaubt die Beschreibung der Entscheidungsfindung in Situationen mit Risiko. Sie beruht auf dem Verständnis, dass das individuelle Risikoverhalten je nach eingeschätzter Sicherheit eines auftretenden Ereignisses variiert. Versuchspersonen bevorzugen bei positiven Ereignissen sichere Zahlungen gegenüber höheren, aber unsicheren Gewinnen. Beispielsweise ist es ihnen lieber, sicher 50 Euro zu erhalten als mit 50 % Wahrscheinlichkeit 100 Euro und mit 50 % Wahrscheinlichkeit 0 Euro. Bei negativen Ereignissen hingegen handeln Individuen risikofreudiger. In der Theorie wird die These vertreten, dass häufig auftretende kognitive Verzerrungen das Verhalten unter Ungewissheit beeinflussen. Insbesondere sollen Menschen stärker durch Verluste als durch Gewinne motiviert werden und demnach mehr Energie in die Vermeidung von Verlusten als in die Erzielung von Gewinnen investieren.
6 in der Gruppe herbeigeführt
3. Erklären Sie die Ergebnisse aus tiefenpsychologischer Perspektive, indem Sie das passende Persönlichkeitsmodell heranziehen, und erörtern Sie, ob diese Erklärung gegenüber den sozialpsychologischen Erklärungsansätzen aus Aufgabe 2 den Vorzug verdient. (28 Punkte)
Aufgabe HT 2 - Aufgabe 1 · Sozialpsychologische Theorien anwenden
Die Kraft der Gedanken
„Unsere Gedanken spiegeln die Realität nicht einfach wider, sie formen diese Realität viel-
mehr maßgeblich selbst.“ Diese Botschaft gab die Psychologin Alia Crum den Teilnehmern
des „World Economic Forum“ in Davos 2018 mit auf den Weg. Die junge, selbstbewusst
auftretende Forscherin ist dabei alles andere als ein New-Age-Guru¹, sondern leitet das
5 Mind&Body Lab an der Stanford University in Kalifornien. Crum untermauerte ihre Aus-
sage vor der versammelten Wirtschaftselite mit zahlreichen Studien. Sie belegen den erstaun-
lichen Einfluss der Gedanken auf Gesundheit und Wohlbefinden.
Crums bahnbrechende Arbeiten wurden nicht zuletzt von ihrer eigenen Erfahrung beim
College-Eishockey inspiriert. „Man kann an zwei Tagen physisch exakt gleich stark sein,
10 aber die eigene Einstellung, das Mindset, macht dennoch einen Riesenunterschied in Sachen
Leistung.“ Crum fragte sich, woran genau das lag. Als Psychologiestudentin beschäftigte sie
sich intensiv mit dem Placeboeffekt und hatte ein Aha-Erlebnis: Wenn die bloße Erwartung
von Patienten dazu führen kann, dass ein wirkstoffloses Mittel medizinische Heilwirkung
zeigt, vielleicht tritt etwas Ähnliches dann auch in anderen, alltäglichen Situationen auf?
Diesen Verdacht verfolgend, entdeckten Crum und ihre Kollegen, dass bloße Überzeugungen
und Gedanken selbst über das Gewicht, die Fitness sowie körperliche Stresseffekte oder
Schlafprobleme einer Person bestimmen können – bis hin zu der Frage, wie schnell sie altern.
Offenbar entscheiden neben den Genen und dem Lebensstil auch die persönliche Einstellung
und das Selbstbild über unsere gesundheitliche Verfassung. […]
20 Verblüffende Effekte, unklare Mechanismen
Crum war beeindruckt, als sie erstmals realisierte, was für tief greifende Folgen solche Mecha-
nismen haben können. „Noch verblüffender fand ich nur, dass man bislang so wenig unter-
nommen hatte, um diese Effekte für die Steigerung von Gesundheit und Wohlbefinden zu
nutzen.“ […] So fand Crum ihr Forschungsthema, das sie nunmehr seit gut zehn Jahren ver-
folgt.
In einer ihrer ersten Studien standen 84 Zimmermädchen im Fokus. Crum vermutete, dass
sich die wenigsten von ihnen bewusst waren, wie sehr ihr Job einem sportlichen Workout
ähnelte. Und dieses fehlende Augenmerk hinderte sie womöglich daran, körperlich davon
zu profitieren. Um die geistige Haltung ihrer Versuchsteilnehmerinnen zu verändern, klärte
30 die Forscherin sie über die sportliche Seite ihrer Tätigkeit auf – so etwa die Tatsache, dass
man allein beim Staubsaugen rund 2000 Kalorien pro Stunde verbraucht. Unter dem Strich,
so erklärte Crum ihnen weiter, entspreche die Tagesleistung eines Zimmermädchens ziem-
lich genau den Vorgaben der US-amerikanischen Ärztekammer über das empfehlenswerte
Maß an körperlicher Aktivität.
Einen Monat später hatten die so informierten Frauen im Mittel ein Kilogramm Körperge-
wicht verloren, obwohl sie sich keiner Änderung in ihrem Tagesablauf oder ihrer Ernährung
bewusst waren. Auch die Blutdruckwerte hatten sich im Schnitt normalisiert. Allerdings, das
räumte auch Crum ein, war die Stichprobe klein, und das tatsächliche Verhalten der Teil-
nehmerinnen wurde nicht überprüft. „Vielleicht legten sich manche beim Bettenmachen
40 einfach noch mehr ins Zeug“, erklärte die Forscherin.
Eine Folgestudie in Kooperation mit ihrer Kollegin Octavia Zahrt erhärtete jedoch den Ver-
dacht, die persönliche Einstellung könne auf körperliche Vorgänge durchschlagen. Grund-
lage dieser Arbeit waren Gesundheitsdaten von mehr als 60000 Menschen, die man über einen
Zeitraum von bis zu 21 Jahren erhoben hatte. Wie die Analyse zeigte, erlaubte die „gefühlte
45 Gesundheit“ – also für wie fit sich jemand im Vergleich zum Durchschnitt hielt – bessere
Vorhersagen über das Sterblichkeitsrisiko als das Ausmaß der tatsächlichen sportlichen Akti-
vität. Ein Teil der Stichprobe hatte E-Tracker getragen, die das reale Bewegungspensum auf-
zeichneten. Selbst wenn man diesen objektiven Parameter berücksichtigte, waren Probanden
mit einem besseren Gefühl nach wie vor gesünder. Umgekehrt trugen jene, die ihre Fitness
50 pessimistisch beurteilten, ein um rund 71 Prozent höheres Risiko, im Untersuchungszeitraum
zu sterben, verglichen mit denen, die sich für überdurchschnittlich aktiv hielten – obwohl
diese sich gar nicht mehr bewegten.
Über die Gründe dafür rätseln Forscher immer noch. Bekannt ist, dass neuronale Prozesse
über das vegetative Nervensystem zum Beispiel den Blutdruck dämpfen. Crum vermutet zu-
55 dem, dass eine negative Selbstsicht Entzündungsfaktoren und Stresshormone wie Kortisol
freisetzen kann, die sich unmittelbar physiologisch auswirken. Die genauen Mechanismen
seien aber noch nicht ausreichend erforscht. Und es erscheine natürlich auch nicht immer
günstig, sich über den eigenen Gesundheitszustand zu täuschen – dies berge zumindest auch
Gefahren. Man solle sich jedenfalls nicht für weniger fit und gesund halten, als man ist. Dafür
60 sei es hilfreich, sich nicht zu sehr mit anderen zu vergleichen, vor allem nicht mit ausgespro-
chenen Sportskanonen. Denn dabei ziehe man notgedrungen den Kürzeren. […]
Crum erforschte auch, wie Erwartungen die Stressverarbeitung beeinflussen. Bereits seit
Längerem weiß man, dass chronische Belastung die geistige Leistungsfähigkeit sowie das
Immunsystem schwächt und zu Bluthochdruck führen kann. Verstärkt die Angst vor dem
65 Stress diesen Effekt womöglich zusätzlich? Um das herauszufinden, ließ Crum eine Gruppe
von Probanden zunächst einen Fragebogen ausfüllen, der Aussagen enthielt wie: „Stress
schwächt meine Gesundheit und Vitalität“ oder aber „Unter Stress komme ich erst richtig
auf Touren und leiste mehr“.
Danach wurde den Teilnehmern überraschend verkündet, dass sie einen kurzen Vortrag vor
70 Publikum halten sollten. Angesichts dieser Herausforderung zeigten jene, die Stress eher als
negativ einschätzten, stärkere physiologische Reaktionen: Insbesondere ihr Kortisollevel
schlug heftiger aus. Dies gilt als ein wichtiger Indikator einer eher schädlichen körperlichen
Stresswirkung. Dagegen scheint ein moderater, zeitlich begrenzter Anstieg der Kortisolwerte
die Gesundheit eher zu fördern.
75 „In der Öffentlichkeit kursieren viele Warnungen vor den Risiken von Stress. Doch diese
Sichtweise ist einseitig und bringt unter Umständen ein Mindset hervor, das uns paradoxer-
weise für negative Folgen von Stress empfänglicher macht“, glaubt Crum. Zu verstehen, dass
Stress nicht unbedingt schädlich ist, helfe dabei, ihn zu verarbeiten.
Nachdem sie Probanden Videos mit Menschen in kreativen, leistungsfördernden Stresssituati-
80 onen gezeigt hatte, fiel die hormonelle Stressreaktion in einem Belastungstest prompt schwä-
cher aus. Dies war vor allem an niedrigen Kortisolwerten […] abzulesen. […]
Solche Studien zeigen, wie wichtig das eigene Mindset in vielen Bereichen des Lebens sein
kann. Die wohl erstaunlichsten Befunde stammen dabei aus Arbeiten zum Altern. So kann
eine allzu negative Sicht auf das Thema manche Menschen durchaus Jahre ihres Lebens
85 kosten.
Die ersten Hinweise darauf gab es bereits in den 1980er Jahren. Die Psychologin Ellen Langer
von der Harvard University – die später gemeinsam mit Crum die Zimmermädchen-Studie
ersann – hatte damals eine Gruppe von Senioren in einem Kloster im Bundesstaat New
Hampshire zusammengebracht. Die Versuchsteilnehmer wurden gebeten, sich für die Dauer
90 ihres Aufenthalts so zu verhalten, als seien sie gut 20 Jahre jünger.
Die gesamte Anlage und die Inneneinrichtung waren im Stil der 1960er gehalten, einschließ-
lich der Musik, Filme, Zeitschriften und Bücher jener Ära. In den Zimmern gab es keine
Spiegel, stattdessen hatte man sie mit Jugendbildern der jeweiligen Bewohner dekoriert.
Die Folgen waren erstaunlich: Nach nur fünf Tagen hatten sich die arthritischen Beschwer-
95 den der alten Menschen gebessert, ihre Körperhaltung war nun aufrechter, und in einem
IQ-Test erreichten sie im Schnitt höhere Werte.
Diese Ergebnisse inspirierten in der Folge eine ganze Reihe von Forschungsarbeiten, die alle-
samt zu dem Schluss kamen, die eigene Einstellung habe enormen Einfluss auf körperliche
Veränderungen. Menschen, die das Älterwerden insgesamt als gute Sache betrachten, leben
100 demnach im Schnitt 7,5 Jahre länger als solche, die nur Krankheit und Siechtum damit ver-
binden. Eine negative Sicht auf den Lebensabend ist insofern oft weniger eine Folge körper-
licher Beschwerden als vielmehr deren Auslöser!
Natürlich sind pessimistische Naturen wohl auch insgesamt weniger aktiv und gehen seltener
zu medizinischen Vorsorgeuntersuchungen. Allerdings scheint das allein nicht ausreichend
105 zu sein, um den Alternseffekt zu erklären. Experten sind sich sicher, dass dem noch mehr
zu Grunde liegen muss. […]
Sicherlich ist eine positive Grundhaltung kein Allheilmittel. Dennoch kann sie eine Menge
dazu beitragen, dass es Menschen gelingt, gesund, schlank und ausgeglichen zu sein und
ihren Alltag erfolgreich zu meistern. Oder wie es Alia Crum formuliert: „Entscheidend ist
110 die Einsicht, dass die eigene Einstellung wichtig ist und dass wir etwas dafür tun können,
um sie zu verändern.“
1 spiritueller Lehrer, ohne wissenschaftliche Fundierung
1. Arbeiten Sie aus dem Text heraus, was der Begriff „Mindset“ bedeutet, wie Mindset und körperliche Vorgänge zusammenhängen und vor allem wie Erwartungen und Stressverarbeitung miteinander verbunden sind. Setzen Sie diesen Zusammenhang von Erwartungen und Stressverarbeitung anschließend zum Drei-Komponenten-Modell der Einstellungen in Beziehung. (22 Punkte)
Aufgabe HT 2 - Aufgabe 2 · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen
Die Kraft der Gedanken
„Unsere Gedanken spiegeln die Realität nicht einfach wider, sie formen diese Realität viel-
mehr maßgeblich selbst.“ Diese Botschaft gab die Psychologin Alia Crum den Teilnehmern
des „World Economic Forum“ in Davos 2018 mit auf den Weg. Die junge, selbstbewusst
auftretende Forscherin ist dabei alles andere als ein New-Age-Guru¹, sondern leitet das
5 Mind&Body Lab an der Stanford University in Kalifornien. Crum untermauerte ihre Aus-
sage vor der versammelten Wirtschaftselite mit zahlreichen Studien. Sie belegen den erstaun-
lichen Einfluss der Gedanken auf Gesundheit und Wohlbefinden.
Crums bahnbrechende Arbeiten wurden nicht zuletzt von ihrer eigenen Erfahrung beim
College-Eishockey inspiriert. „Man kann an zwei Tagen physisch exakt gleich stark sein,
10 aber die eigene Einstellung, das Mindset, macht dennoch einen Riesenunterschied in Sachen
Leistung.“ Crum fragte sich, woran genau das lag. Als Psychologiestudentin beschäftigte sie
sich intensiv mit dem Placeboeffekt und hatte ein Aha-Erlebnis: Wenn die bloße Erwartung
von Patienten dazu führen kann, dass ein wirkstoffloses Mittel medizinische Heilwirkung
zeigt, vielleicht tritt etwas Ähnliches dann auch in anderen, alltäglichen Situationen auf?
Diesen Verdacht verfolgend, entdeckten Crum und ihre Kollegen, dass bloße Überzeugungen
und Gedanken selbst über das Gewicht, die Fitness sowie körperliche Stresseffekte oder
Schlafprobleme einer Person bestimmen können – bis hin zu der Frage, wie schnell sie altern.
Offenbar entscheiden neben den Genen und dem Lebensstil auch die persönliche Einstellung
und das Selbstbild über unsere gesundheitliche Verfassung. […]
20 Verblüffende Effekte, unklare Mechanismen
Crum war beeindruckt, als sie erstmals realisierte, was für tief greifende Folgen solche Mecha-
nismen haben können. „Noch verblüffender fand ich nur, dass man bislang so wenig unter-
nommen hatte, um diese Effekte für die Steigerung von Gesundheit und Wohlbefinden zu
nutzen.“ […] So fand Crum ihr Forschungsthema, das sie nunmehr seit gut zehn Jahren ver-
folgt.
In einer ihrer ersten Studien standen 84 Zimmermädchen im Fokus. Crum vermutete, dass
sich die wenigsten von ihnen bewusst waren, wie sehr ihr Job einem sportlichen Workout
ähnelte. Und dieses fehlende Augenmerk hinderte sie womöglich daran, körperlich davon
zu profitieren. Um die geistige Haltung ihrer Versuchsteilnehmerinnen zu verändern, klärte
30 die Forscherin sie über die sportliche Seite ihrer Tätigkeit auf – so etwa die Tatsache, dass
man allein beim Staubsaugen rund 2000 Kalorien pro Stunde verbraucht. Unter dem Strich,
so erklärte Crum ihnen weiter, entspreche die Tagesleistung eines Zimmermädchens ziem-
lich genau den Vorgaben der US-amerikanischen Ärztekammer über das empfehlenswerte
Maß an körperlicher Aktivität.
Einen Monat später hatten die so informierten Frauen im Mittel ein Kilogramm Körperge-
wicht verloren, obwohl sie sich keiner Änderung in ihrem Tagesablauf oder ihrer Ernährung
bewusst waren. Auch die Blutdruckwerte hatten sich im Schnitt normalisiert. Allerdings, das
räumte auch Crum ein, war die Stichprobe klein, und das tatsächliche Verhalten der Teil-
nehmerinnen wurde nicht überprüft. „Vielleicht legten sich manche beim Bettenmachen
40 einfach noch mehr ins Zeug“, erklärte die Forscherin.
Eine Folgestudie in Kooperation mit ihrer Kollegin Octavia Zahrt erhärtete jedoch den Ver-
dacht, die persönliche Einstellung könne auf körperliche Vorgänge durchschlagen. Grund-
lage dieser Arbeit waren Gesundheitsdaten von mehr als 60000 Menschen, die man über einen
Zeitraum von bis zu 21 Jahren erhoben hatte. Wie die Analyse zeigte, erlaubte die „gefühlte
45 Gesundheit“ – also für wie fit sich jemand im Vergleich zum Durchschnitt hielt – bessere
Vorhersagen über das Sterblichkeitsrisiko als das Ausmaß der tatsächlichen sportlichen Akti-
vität. Ein Teil der Stichprobe hatte E-Tracker getragen, die das reale Bewegungspensum auf-
zeichneten. Selbst wenn man diesen objektiven Parameter berücksichtigte, waren Probanden
mit einem besseren Gefühl nach wie vor gesünder. Umgekehrt trugen jene, die ihre Fitness
50 pessimistisch beurteilten, ein um rund 71 Prozent höheres Risiko, im Untersuchungszeitraum
zu sterben, verglichen mit denen, die sich für überdurchschnittlich aktiv hielten – obwohl
diese sich gar nicht mehr bewegten.
Über die Gründe dafür rätseln Forscher immer noch. Bekannt ist, dass neuronale Prozesse
über das vegetative Nervensystem zum Beispiel den Blutdruck dämpfen. Crum vermutet zu-
55 dem, dass eine negative Selbstsicht Entzündungsfaktoren und Stresshormone wie Kortisol
freisetzen kann, die sich unmittelbar physiologisch auswirken. Die genauen Mechanismen
seien aber noch nicht ausreichend erforscht. Und es erscheine natürlich auch nicht immer
günstig, sich über den eigenen Gesundheitszustand zu täuschen – dies berge zumindest auch
Gefahren. Man solle sich jedenfalls nicht für weniger fit und gesund halten, als man ist. Dafür
60 sei es hilfreich, sich nicht zu sehr mit anderen zu vergleichen, vor allem nicht mit ausgespro-
chenen Sportskanonen. Denn dabei ziehe man notgedrungen den Kürzeren. […]
Crum erforschte auch, wie Erwartungen die Stressverarbeitung beeinflussen. Bereits seit
Längerem weiß man, dass chronische Belastung die geistige Leistungsfähigkeit sowie das
Immunsystem schwächt und zu Bluthochdruck führen kann. Verstärkt die Angst vor dem
65 Stress diesen Effekt womöglich zusätzlich? Um das herauszufinden, ließ Crum eine Gruppe
von Probanden zunächst einen Fragebogen ausfüllen, der Aussagen enthielt wie: „Stress
schwächt meine Gesundheit und Vitalität“ oder aber „Unter Stress komme ich erst richtig
auf Touren und leiste mehr“.
Danach wurde den Teilnehmern überraschend verkündet, dass sie einen kurzen Vortrag vor
70 Publikum halten sollten. Angesichts dieser Herausforderung zeigten jene, die Stress eher als
negativ einschätzten, stärkere physiologische Reaktionen: Insbesondere ihr Kortisollevel
schlug heftiger aus. Dies gilt als ein wichtiger Indikator einer eher schädlichen körperlichen
Stresswirkung. Dagegen scheint ein moderater, zeitlich begrenzter Anstieg der Kortisolwerte
die Gesundheit eher zu fördern.
75 „In der Öffentlichkeit kursieren viele Warnungen vor den Risiken von Stress. Doch diese
Sichtweise ist einseitig und bringt unter Umständen ein Mindset hervor, das uns paradoxer-
weise für negative Folgen von Stress empfänglicher macht“, glaubt Crum. Zu verstehen, dass
Stress nicht unbedingt schädlich ist, helfe dabei, ihn zu verarbeiten.
Nachdem sie Probanden Videos mit Menschen in kreativen, leistungsfördernden Stresssituati-
80 onen gezeigt hatte, fiel die hormonelle Stressreaktion in einem Belastungstest prompt schwä-
cher aus. Dies war vor allem an niedrigen Kortisolwerten […] abzulesen. […]
Solche Studien zeigen, wie wichtig das eigene Mindset in vielen Bereichen des Lebens sein
kann. Die wohl erstaunlichsten Befunde stammen dabei aus Arbeiten zum Altern. So kann
eine allzu negative Sicht auf das Thema manche Menschen durchaus Jahre ihres Lebens
85 kosten.
Die ersten Hinweise darauf gab es bereits in den 1980er Jahren. Die Psychologin Ellen Langer
von der Harvard University – die später gemeinsam mit Crum die Zimmermädchen-Studie
ersann – hatte damals eine Gruppe von Senioren in einem Kloster im Bundesstaat New
Hampshire zusammengebracht. Die Versuchsteilnehmer wurden gebeten, sich für die Dauer
90 ihres Aufenthalts so zu verhalten, als seien sie gut 20 Jahre jünger.
Die gesamte Anlage und die Inneneinrichtung waren im Stil der 1960er gehalten, einschließ-
lich der Musik, Filme, Zeitschriften und Bücher jener Ära. In den Zimmern gab es keine
Spiegel, stattdessen hatte man sie mit Jugendbildern der jeweiligen Bewohner dekoriert.
Die Folgen waren erstaunlich: Nach nur fünf Tagen hatten sich die arthritischen Beschwer-
95 den der alten Menschen gebessert, ihre Körperhaltung war nun aufrechter, und in einem
IQ-Test erreichten sie im Schnitt höhere Werte.
Diese Ergebnisse inspirierten in der Folge eine ganze Reihe von Forschungsarbeiten, die alle-
samt zu dem Schluss kamen, die eigene Einstellung habe enormen Einfluss auf körperliche
Veränderungen. Menschen, die das Älterwerden insgesamt als gute Sache betrachten, leben
100 demnach im Schnitt 7,5 Jahre länger als solche, die nur Krankheit und Siechtum damit ver-
binden. Eine negative Sicht auf den Lebensabend ist insofern oft weniger eine Folge körper-
licher Beschwerden als vielmehr deren Auslöser!
Natürlich sind pessimistische Naturen wohl auch insgesamt weniger aktiv und gehen seltener
zu medizinischen Vorsorgeuntersuchungen. Allerdings scheint das allein nicht ausreichend
105 zu sein, um den Alternseffekt zu erklären. Experten sind sich sicher, dass dem noch mehr
zu Grunde liegen muss. […]
Sicherlich ist eine positive Grundhaltung kein Allheilmittel. Dennoch kann sie eine Menge
dazu beitragen, dass es Menschen gelingt, gesund, schlank und ausgeglichen zu sein und
ihren Alltag erfolgreich zu meistern. Oder wie es Alia Crum formuliert: „Entscheidend ist
110 die Einsicht, dass die eigene Einstellung wichtig ist und dass wir etwas dafür tun können,
um sie zu verändern.“
1 spiritueller Lehrer, ohne wissenschaftliche Fundierung
2. Erklären Sie mithilfe des kognitivistischen Persönlichkeitsmodells, wie Mindset und körperliche Vorgänge zusammenhängen, und vergleichen Sie diesen Zusammenhang anschließend mit Elementen der kognitiven Verhaltenstherapie. (28 Punkte)
Aufgabe HT 2 - Aufgabe 3 · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen
Die Kraft der Gedanken
„Unsere Gedanken spiegeln die Realität nicht einfach wider, sie formen diese Realität viel-
mehr maßgeblich selbst.“ Diese Botschaft gab die Psychologin Alia Crum den Teilnehmern
des „World Economic Forum“ in Davos 2018 mit auf den Weg. Die junge, selbstbewusst
auftretende Forscherin ist dabei alles andere als ein New-Age-Guru¹, sondern leitet das
5 Mind&Body Lab an der Stanford University in Kalifornien. Crum untermauerte ihre Aus-
sage vor der versammelten Wirtschaftselite mit zahlreichen Studien. Sie belegen den erstaun-
lichen Einfluss der Gedanken auf Gesundheit und Wohlbefinden.
Crums bahnbrechende Arbeiten wurden nicht zuletzt von ihrer eigenen Erfahrung beim
College-Eishockey inspiriert. „Man kann an zwei Tagen physisch exakt gleich stark sein,
10 aber die eigene Einstellung, das Mindset, macht dennoch einen Riesenunterschied in Sachen
Leistung.“ Crum fragte sich, woran genau das lag. Als Psychologiestudentin beschäftigte sie
sich intensiv mit dem Placeboeffekt und hatte ein Aha-Erlebnis: Wenn die bloße Erwartung
von Patienten dazu führen kann, dass ein wirkstoffloses Mittel medizinische Heilwirkung
zeigt, vielleicht tritt etwas Ähnliches dann auch in anderen, alltäglichen Situationen auf?
Diesen Verdacht verfolgend, entdeckten Crum und ihre Kollegen, dass bloße Überzeugungen
und Gedanken selbst über das Gewicht, die Fitness sowie körperliche Stresseffekte oder
Schlafprobleme einer Person bestimmen können – bis hin zu der Frage, wie schnell sie altern.
Offenbar entscheiden neben den Genen und dem Lebensstil auch die persönliche Einstellung
und das Selbstbild über unsere gesundheitliche Verfassung. […]
20 Verblüffende Effekte, unklare Mechanismen
Crum war beeindruckt, als sie erstmals realisierte, was für tief greifende Folgen solche Mecha-
nismen haben können. „Noch verblüffender fand ich nur, dass man bislang so wenig unter-
nommen hatte, um diese Effekte für die Steigerung von Gesundheit und Wohlbefinden zu
nutzen.“ […] So fand Crum ihr Forschungsthema, das sie nunmehr seit gut zehn Jahren ver-
folgt.
In einer ihrer ersten Studien standen 84 Zimmermädchen im Fokus. Crum vermutete, dass
sich die wenigsten von ihnen bewusst waren, wie sehr ihr Job einem sportlichen Workout
ähnelte. Und dieses fehlende Augenmerk hinderte sie womöglich daran, körperlich davon
zu profitieren. Um die geistige Haltung ihrer Versuchsteilnehmerinnen zu verändern, klärte
30 die Forscherin sie über die sportliche Seite ihrer Tätigkeit auf – so etwa die Tatsache, dass
man allein beim Staubsaugen rund 2000 Kalorien pro Stunde verbraucht. Unter dem Strich,
so erklärte Crum ihnen weiter, entspreche die Tagesleistung eines Zimmermädchens ziem-
lich genau den Vorgaben der US-amerikanischen Ärztekammer über das empfehlenswerte
Maß an körperlicher Aktivität.
Einen Monat später hatten die so informierten Frauen im Mittel ein Kilogramm Körperge-
wicht verloren, obwohl sie sich keiner Änderung in ihrem Tagesablauf oder ihrer Ernährung
bewusst waren. Auch die Blutdruckwerte hatten sich im Schnitt normalisiert. Allerdings, das
räumte auch Crum ein, war die Stichprobe klein, und das tatsächliche Verhalten der Teil-
nehmerinnen wurde nicht überprüft. „Vielleicht legten sich manche beim Bettenmachen
40 einfach noch mehr ins Zeug“, erklärte die Forscherin.
Eine Folgestudie in Kooperation mit ihrer Kollegin Octavia Zahrt erhärtete jedoch den Ver-
dacht, die persönliche Einstellung könne auf körperliche Vorgänge durchschlagen. Grund-
lage dieser Arbeit waren Gesundheitsdaten von mehr als 60000 Menschen, die man über einen
Zeitraum von bis zu 21 Jahren erhoben hatte. Wie die Analyse zeigte, erlaubte die „gefühlte
45 Gesundheit“ – also für wie fit sich jemand im Vergleich zum Durchschnitt hielt – bessere
Vorhersagen über das Sterblichkeitsrisiko als das Ausmaß der tatsächlichen sportlichen Akti-
vität. Ein Teil der Stichprobe hatte E-Tracker getragen, die das reale Bewegungspensum auf-
zeichneten. Selbst wenn man diesen objektiven Parameter berücksichtigte, waren Probanden
mit einem besseren Gefühl nach wie vor gesünder. Umgekehrt trugen jene, die ihre Fitness
50 pessimistisch beurteilten, ein um rund 71 Prozent höheres Risiko, im Untersuchungszeitraum
zu sterben, verglichen mit denen, die sich für überdurchschnittlich aktiv hielten – obwohl
diese sich gar nicht mehr bewegten.
Über die Gründe dafür rätseln Forscher immer noch. Bekannt ist, dass neuronale Prozesse
über das vegetative Nervensystem zum Beispiel den Blutdruck dämpfen. Crum vermutet zu-
55 dem, dass eine negative Selbstsicht Entzündungsfaktoren und Stresshormone wie Kortisol
freisetzen kann, die sich unmittelbar physiologisch auswirken. Die genauen Mechanismen
seien aber noch nicht ausreichend erforscht. Und es erscheine natürlich auch nicht immer
günstig, sich über den eigenen Gesundheitszustand zu täuschen – dies berge zumindest auch
Gefahren. Man solle sich jedenfalls nicht für weniger fit und gesund halten, als man ist. Dafür
60 sei es hilfreich, sich nicht zu sehr mit anderen zu vergleichen, vor allem nicht mit ausgespro-
chenen Sportskanonen. Denn dabei ziehe man notgedrungen den Kürzeren. […]
Crum erforschte auch, wie Erwartungen die Stressverarbeitung beeinflussen. Bereits seit
Längerem weiß man, dass chronische Belastung die geistige Leistungsfähigkeit sowie das
Immunsystem schwächt und zu Bluthochdruck führen kann. Verstärkt die Angst vor dem
65 Stress diesen Effekt womöglich zusätzlich? Um das herauszufinden, ließ Crum eine Gruppe
von Probanden zunächst einen Fragebogen ausfüllen, der Aussagen enthielt wie: „Stress
schwächt meine Gesundheit und Vitalität“ oder aber „Unter Stress komme ich erst richtig
auf Touren und leiste mehr“.
Danach wurde den Teilnehmern überraschend verkündet, dass sie einen kurzen Vortrag vor
70 Publikum halten sollten. Angesichts dieser Herausforderung zeigten jene, die Stress eher als
negativ einschätzten, stärkere physiologische Reaktionen: Insbesondere ihr Kortisollevel
schlug heftiger aus. Dies gilt als ein wichtiger Indikator einer eher schädlichen körperlichen
Stresswirkung. Dagegen scheint ein moderater, zeitlich begrenzter Anstieg der Kortisolwerte
die Gesundheit eher zu fördern.
75 „In der Öffentlichkeit kursieren viele Warnungen vor den Risiken von Stress. Doch diese
Sichtweise ist einseitig und bringt unter Umständen ein Mindset hervor, das uns paradoxer-
weise für negative Folgen von Stress empfänglicher macht“, glaubt Crum. Zu verstehen, dass
Stress nicht unbedingt schädlich ist, helfe dabei, ihn zu verarbeiten.
Nachdem sie Probanden Videos mit Menschen in kreativen, leistungsfördernden Stresssituati-
80 onen gezeigt hatte, fiel die hormonelle Stressreaktion in einem Belastungstest prompt schwä-
cher aus. Dies war vor allem an niedrigen Kortisolwerten […] abzulesen. […]
Solche Studien zeigen, wie wichtig das eigene Mindset in vielen Bereichen des Lebens sein
kann. Die wohl erstaunlichsten Befunde stammen dabei aus Arbeiten zum Altern. So kann
eine allzu negative Sicht auf das Thema manche Menschen durchaus Jahre ihres Lebens
85 kosten.
Die ersten Hinweise darauf gab es bereits in den 1980er Jahren. Die Psychologin Ellen Langer
von der Harvard University – die später gemeinsam mit Crum die Zimmermädchen-Studie
ersann – hatte damals eine Gruppe von Senioren in einem Kloster im Bundesstaat New
Hampshire zusammengebracht. Die Versuchsteilnehmer wurden gebeten, sich für die Dauer
90 ihres Aufenthalts so zu verhalten, als seien sie gut 20 Jahre jünger.
Die gesamte Anlage und die Inneneinrichtung waren im Stil der 1960er gehalten, einschließ-
lich der Musik, Filme, Zeitschriften und Bücher jener Ära. In den Zimmern gab es keine
Spiegel, stattdessen hatte man sie mit Jugendbildern der jeweiligen Bewohner dekoriert.
Die Folgen waren erstaunlich: Nach nur fünf Tagen hatten sich die arthritischen Beschwer-
95 den der alten Menschen gebessert, ihre Körperhaltung war nun aufrechter, und in einem
IQ-Test erreichten sie im Schnitt höhere Werte.
Diese Ergebnisse inspirierten in der Folge eine ganze Reihe von Forschungsarbeiten, die alle-
samt zu dem Schluss kamen, die eigene Einstellung habe enormen Einfluss auf körperliche
Veränderungen. Menschen, die das Älterwerden insgesamt als gute Sache betrachten, leben
100 demnach im Schnitt 7,5 Jahre länger als solche, die nur Krankheit und Siechtum damit ver-
binden. Eine negative Sicht auf den Lebensabend ist insofern oft weniger eine Folge körper-
licher Beschwerden als vielmehr deren Auslöser!
Natürlich sind pessimistische Naturen wohl auch insgesamt weniger aktiv und gehen seltener
zu medizinischen Vorsorgeuntersuchungen. Allerdings scheint das allein nicht ausreichend
105 zu sein, um den Alternseffekt zu erklären. Experten sind sich sicher, dass dem noch mehr
zu Grunde liegen muss. […]
Sicherlich ist eine positive Grundhaltung kein Allheilmittel. Dennoch kann sie eine Menge
dazu beitragen, dass es Menschen gelingt, gesund, schlank und ausgeglichen zu sein und
ihren Alltag erfolgreich zu meistern. Oder wie es Alia Crum formuliert: „Entscheidend ist
110 die Einsicht, dass die eigene Einstellung wichtig ist und dass wir etwas dafür tun können,
um sie zu verändern.“
1 spiritueller Lehrer, ohne wissenschaftliche Fundierung
3. Nehmen Sie unter Rückgriff auf das ganzheitlich-humanistische Persönlichkeitsmodell Stellung zu dem im Text unterstellten Zusammenhang zwischen Erwartungen und Stressverarbeitung, und prüfen Sie, welchen Nutzen es für Schülerinnen und Schüler hinsichtlich ihrer schulischen Leistungen hat, den Einfluss des Mindsets zu kennen. (30 Punkte)
Aufgabe HT 3 - Aufgabe 1 · Psychische Störungen und Psychotherapie
Wenn Anna Angst vor der Angst hat 1
Seit sechs Jahren leidet Anna unter einer Angststörung, seit sechs Jahren hofft sie auf eine Therapie, die ihr hilft. Dann beginnt sie, sich selbst zu helfen. Bei Instagram.
Die Bilder zeigen eine scheinbar glückliche Frau. Anna lacht. Sie dreht die Nase nach links,
streckt die gepiercte Zunge raus, schaut in die Kamera. „War fast zwölf Kilometer laufen“,
schreibt sie. „Bin sehr stolz.“ 358 Instagram-Likes bekommt sie dafür. Für ein Bild, das sie
drei Monate später postet, sogar 824. Da fotografiert sie sich im Spiegel, von hinten, in einem
5 weißen Body. „Show what you’ve got and always be proud of who you are“, schreibt sie dazu.
Zeig, was du hast und sei stolz auf dich.
Schön, sportlich, glücklich, selbstbewusst. Das alles ist Anna aus Koblenz. Das alles ist
annafoxdevilswild, wie sie sich auf Instagram nennt. Doch Anna ist auch eine Frau mit einer
[...] Angststörung. Einer Erkrankung, die ihr viele nicht abnehmen. Dafür wirkt Anna zu
10 glücklich.
Anna ist 26. Seit sechs Jahren gehören Angstattacken zu ihrem Alltag. „Was wollen Sie denn?“,
sagte einmal ein Therapeut zu ihr, „Sie sind jung, sehen gut aus, haben einen Job, einen
Freund. Lachen Sie doch mal.“
Doch Annas Angst beginnt immer mit einem Gedanken. Irgendwas tut weh, irgendwo drückt
15 es. Ein eingeschlafener Arm, ein Zucken. „Was passiert mit meinem Körper? Bin ich krank?“
Manchmal kann sie den Gedanken abschütteln. Manchmal nicht. Dann kommt die Panik.
„Was ist, wenn ich gleich sterbe?“
Sie versucht, sich zu beruhigen. „Nein, das kann gar nicht sein.“ Kurzes Durchatmen. „Aber
was, wenn doch?“ Erst werden ihre Hände schwitzig, dann beginnt ihr Herz zu rasen. Sie hat
20 das Gefühl, nicht mehr Anna zu sein. Als würde sie von oben auf sich selbst runterschauen.
Als würde ihr Körper einen Kampf gegen den eigenen Kopf ausfechten. Wenn es ganz
schlimm kommt, dauert der Kampf zwei Stunden. Danach ist Anna vollkommen fertig.
Dreimal hat sie versucht, sich Hilfe zu holen. Das erste Mal vor sechs Jahren. Über Monate
sprach sie mit ihrem Therapeuten. Immer wieder fragte er sie nach ihrer Familie. Nach einer
25 Weile hatte Anna das Gefühl, er wolle unbedingt beweisen, dass in ihrer Kindheit etwas
Schreckliches passiert ist.
Da hatte sie erst mal genug. Für die nächsten fünf Jahre schluckte sie einfach die Tabletten,
die ihr Hausarzt verschrieb. 15 Kilo nahm sie davon zu. Irgendwann halfen auch die Medika-
mente nicht mehr. Anna hatte fast jeden Abend Panikattacken.
30 Doch auch der zweite Therapeut nahm sie nicht ernst. Es gehe ihr doch gut, sagte er. Sie solle
positiver denken. Da nahm Anna einfach weiter die Tabletten.
Im Sommer 2016 ging sie in eine Tagesklinik. Dort war sie die Einzige mit (...) [dieser Art
der] Angststörung. Auch dort sagte man ihr: „Du hast doch ein gutes Leben, mach was draus.“
Nur die Gespräche mit den anderen Patienten halfen. „Auch wenn man nicht dieselbe Krank-
35 heit hat, ist es schön zu sehen, dass man nicht allein ist“, sagt Anna.
Neulich passierte es im Café. Es war ein ganz normaler Nachmittag mit einer Freundin, Kaffee,
Zigaretten, Musik. Plötzlich schlich etwas in ihr hoch. „Das geht nicht gut aus“, dachte Anna.
Die Hände, das Herz. Die Freundin nahm ihre Hand, atmete mit ihr – langsam ein, langsam
aus. Hätte sie mit jemandem im Café gesessen, der sie nicht so gut kennt, sagt Anna, wäre
40 sie einfach gegangen.
Sie schafft es trotz der Panikattacke noch heimzuradeln. Dort setzt sie sich aufs Sofa, in ihre
Ecke, hinten rechts. Aussitzen nennt sie das. So zeigt sie ihrem Körper, dass nichts passiert.
Wenn sie die Panikattacke abblockt, sagt sie, lernt er nichts dazu. Also atmet Anna tief ein
und aus. Bis es vorbei ist.
45 Wenn ihr Freund da ist, nimmt er sie in den Arm und krault ihren Kopf. Ihn ruft Anna an,
wann immer sie spürt, dass die Angst kommt. Er nimmt immer ab. Fragt, ob sie abends Pizza
bestellen sollen und einen witzigen Film schauen, und lenkt sie damit ab. „Lichtblicke“, nennt
Anna das. Nur er kann das. Meistens hilft es.
Eigentlich wollte Anna im Mai mit ein paar Freunden nach Florida fliegen. Aber sie sagte ab.
50 Die Angst vor dem Flug war doch zu groß. „Der Start ist das Schlimmste. Der Moment, in
dem du weißt, du kannst nichts mehr machen. Du gibst einem anderen Menschen dein Leben
in die Hand.“ Schon der letzte Flug war eine Katastrophe. In der Nacht zuvor hatte Anna
Schweißausbrüche, Kopfschmerzen, konnte vor Nervosität kaum schlafen. Vor dem Abflug
rauchte sie eine halbe Packung Zigaretten. Als der Flieger abhob, klammerte sie sich an ihre
55 Freundin, weinte. „Ich sah aus, als würde man mich in die Todeszelle bringen, nicht, als
würde ich in den Urlaub fliegen.“
Anna will andere nicht enttäuschen. Nicht bei der Arbeit, nicht im Freundeskreis. Sie will nicht
gehen müssen wegen der Angst oder kurzfristig Termine absagen. Jetzt bloß keine Panik-
attacke bekommen, denkt sie dann und hat Angst vor der Angst.
60 Nachdem sie in der Tagesklinik war, hat sie bei 50 oder 60 Therapie-Praxen angerufen – bei
vielen erfolglos. Sie fühlt sich allein gelassen. „Vielleicht muss ich irgendwann mal heulend
anrufen und sagen, dass ich mich gleich umbringe, damit ich einen Platz bekomme. Aber
das will ich gar nicht. Es stimmt ja nicht.“ Immerhin ist sie bei manchen auf der Warteliste
gelandet.
65 Im Winter 2015 schrieb sie das erste Mal auf Instagram über ihre Angst. Zwei Wochen lang
lag sie im Bett, hatte die Grippe, fühlte sich elend. „Da habe ich angefangen, über mich nach-
zudenken.“ Sie schrieb einfach drauf los. Was soll passieren, dachte sie. Im schlimmsten Fall
hören die Leute einfach auf, dir zu folgen. Doch das taten sie nicht. Im Gegenteil. „Du bist
immer so tough und siehst so glücklich aus. Und dann hört man so was“, schrieb einer. „Mir
70 geht es auch so. Gut, dass du darüber schreibst“, eine andere.
Anna versucht jetzt, ihre Ängste bewusster auszuhalten. Sie setzt sich Situationen aus, bei
denen sie weiß, dass etwas passieren könnte. Nur so kann sie ihren Körper und ihre Angst
irgendwann als Einheit sehen, sagt sie. Sie hat mal gelesen, man solle die Angst wie einen
Freund behandeln.
75 Es geht ihr besser, dem Kopf und dem Körper. Sie hat angefangen, Sport zu machen. Viermal
die Woche geht sie ins Fitnessstudio. Die 15 Kilo hat sie wieder verloren. Ihren Körper zeigt
sie bei Instagram – auch im Bikini oder Unterwäsche. Manche ihrer beinahe 9000 Abonnenten
folgen ihr vielleicht deshalb, mögen ihre Tattoos und ihren Look.
Doch selbst wenn es nicht jedem um die Posts, in denen Anna über ihre Angststörung schreibt,
80 geht: Sie zeigt trotzdem ihre Bilder, es ist ihre eigene Mini-Therapie. „Es ist etwas anderes,
jemandem eine Sache persönlich ins Gesicht zu sagen, oder sie sich von der Seele zu schreiben“,
sagt sie. Für andere mag eine Therapie der bessere Weg sein.
Anna hat aufgehört, sich für ihre Krankheit zu schämen. „Viele Leute denken, man bildet sich
die Angst ein. Dann heißt es, spring doch über deinen Schatten. Das verstehe ich nicht. Ich
85 wäre glücklich, wenn ich das nicht hätte. Psychische Krankheiten“, sagt Anna, „werden den
Patienten noch immer viel zu sehr als eigene Schuld angelastet. Als Einbildung. Als Schwäche.“
Auch das ist ein Grund, warum sie öffentlich über ihre Angststörung schreibt. Damit mal
jemand redet. Damit andere auch anfangen. Damit die, die noch allein sind, merken, dass sie
nicht die Einzigen sind. „Sonst“, sagt Anna, „denkt man manchmal selbst, man sei verrückt.“
1 Dieser Text gehört zum Projekt „Was Angst macht“ der Deutschen Journalistenschule. Die Schüler der Lehrredaktion 55K wollen die Krankheiten damit fassbar machen und sie in all ihren Schattierungen zeigen.
Aufgabe 1
Arbeiten Sie in systematischer Form heraus, welche Symptome Anna zeigt, wie ihre Lebensumstände aussehen und mit welchen Strategien sie ihrer Angst begegnet, und stellen Sie anschließend einen Bezug zwischen Annas Symptomen und den DSM-5-Kriterien einer Panikstörung her. [20 Punkte]
Aufgabe HT 3 - Aufgabe 2 · Psychische Störungen und Psychotherapie
Wenn Anna Angst vor der Angst hat 1
Seit sechs Jahren leidet Anna unter einer Angststörung, seit sechs Jahren hofft sie auf eine Therapie, die ihr hilft. Dann beginnt sie, sich selbst zu helfen. Bei Instagram.
Die Bilder zeigen eine scheinbar glückliche Frau. Anna lacht. Sie dreht die Nase nach links,
streckt die gepiercte Zunge raus, schaut in die Kamera. „War fast zwölf Kilometer laufen“,
schreibt sie. „Bin sehr stolz.“ 358 Instagram-Likes bekommt sie dafür. Für ein Bild, das sie
drei Monate später postet, sogar 824. Da fotografiert sie sich im Spiegel, von hinten, in einem
5 weißen Body. „Show what you’ve got and always be proud of who you are“, schreibt sie dazu.
Zeig, was du hast und sei stolz auf dich.
Schön, sportlich, glücklich, selbstbewusst. Das alles ist Anna aus Koblenz. Das alles ist
annafoxdevilswild, wie sie sich auf Instagram nennt. Doch Anna ist auch eine Frau mit einer
[...] Angststörung. Einer Erkrankung, die ihr viele nicht abnehmen. Dafür wirkt Anna zu
10 glücklich.
Anna ist 26. Seit sechs Jahren gehören Angstattacken zu ihrem Alltag. „Was wollen Sie denn?“,
sagte einmal ein Therapeut zu ihr, „Sie sind jung, sehen gut aus, haben einen Job, einen
Freund. Lachen Sie doch mal.“
Doch Annas Angst beginnt immer mit einem Gedanken. Irgendwas tut weh, irgendwo drückt
15 es. Ein eingeschlafener Arm, ein Zucken. „Was passiert mit meinem Körper? Bin ich krank?“
Manchmal kann sie den Gedanken abschütteln. Manchmal nicht. Dann kommt die Panik.
„Was ist, wenn ich gleich sterbe?“
Sie versucht, sich zu beruhigen. „Nein, das kann gar nicht sein.“ Kurzes Durchatmen. „Aber
was, wenn doch?“ Erst werden ihre Hände schwitzig, dann beginnt ihr Herz zu rasen. Sie hat
20 das Gefühl, nicht mehr Anna zu sein. Als würde sie von oben auf sich selbst runterschauen.
Als würde ihr Körper einen Kampf gegen den eigenen Kopf ausfechten. Wenn es ganz
schlimm kommt, dauert der Kampf zwei Stunden. Danach ist Anna vollkommen fertig.
Dreimal hat sie versucht, sich Hilfe zu holen. Das erste Mal vor sechs Jahren. Über Monate
sprach sie mit ihrem Therapeuten. Immer wieder fragte er sie nach ihrer Familie. Nach einer
25 Weile hatte Anna das Gefühl, er wolle unbedingt beweisen, dass in ihrer Kindheit etwas
Schreckliches passiert ist.
Da hatte sie erst mal genug. Für die nächsten fünf Jahre schluckte sie einfach die Tabletten,
die ihr Hausarzt verschrieb. 15 Kilo nahm sie davon zu. Irgendwann halfen auch die Medika-
mente nicht mehr. Anna hatte fast jeden Abend Panikattacken.
30 Doch auch der zweite Therapeut nahm sie nicht ernst. Es gehe ihr doch gut, sagte er. Sie solle
positiver denken. Da nahm Anna einfach weiter die Tabletten.
Im Sommer 2016 ging sie in eine Tagesklinik. Dort war sie die Einzige mit (...) [dieser Art
der] Angststörung. Auch dort sagte man ihr: „Du hast doch ein gutes Leben, mach was draus.“
Nur die Gespräche mit den anderen Patienten halfen. „Auch wenn man nicht dieselbe Krank-
35 heit hat, ist es schön zu sehen, dass man nicht allein ist“, sagt Anna.
Neulich passierte es im Café. Es war ein ganz normaler Nachmittag mit einer Freundin, Kaffee,
Zigaretten, Musik. Plötzlich schlich etwas in ihr hoch. „Das geht nicht gut aus“, dachte Anna.
Die Hände, das Herz. Die Freundin nahm ihre Hand, atmete mit ihr – langsam ein, langsam
aus. Hätte sie mit jemandem im Café gesessen, der sie nicht so gut kennt, sagt Anna, wäre
40 sie einfach gegangen.
Sie schafft es trotz der Panikattacke noch heimzuradeln. Dort setzt sie sich aufs Sofa, in ihre
Ecke, hinten rechts. Aussitzen nennt sie das. So zeigt sie ihrem Körper, dass nichts passiert.
Wenn sie die Panikattacke abblockt, sagt sie, lernt er nichts dazu. Also atmet Anna tief ein
und aus. Bis es vorbei ist.
45 Wenn ihr Freund da ist, nimmt er sie in den Arm und krault ihren Kopf. Ihn ruft Anna an,
wann immer sie spürt, dass die Angst kommt. Er nimmt immer ab. Fragt, ob sie abends Pizza
bestellen sollen und einen witzigen Film schauen, und lenkt sie damit ab. „Lichtblicke“, nennt
Anna das. Nur er kann das. Meistens hilft es.
Eigentlich wollte Anna im Mai mit ein paar Freunden nach Florida fliegen. Aber sie sagte ab.
50 Die Angst vor dem Flug war doch zu groß. „Der Start ist das Schlimmste. Der Moment, in
dem du weißt, du kannst nichts mehr machen. Du gibst einem anderen Menschen dein Leben
in die Hand.“ Schon der letzte Flug war eine Katastrophe. In der Nacht zuvor hatte Anna
Schweißausbrüche, Kopfschmerzen, konnte vor Nervosität kaum schlafen. Vor dem Abflug
rauchte sie eine halbe Packung Zigaretten. Als der Flieger abhob, klammerte sie sich an ihre
55 Freundin, weinte. „Ich sah aus, als würde man mich in die Todeszelle bringen, nicht, als
würde ich in den Urlaub fliegen.“
Anna will andere nicht enttäuschen. Nicht bei der Arbeit, nicht im Freundeskreis. Sie will nicht
gehen müssen wegen der Angst oder kurzfristig Termine absagen. Jetzt bloß keine Panik-
attacke bekommen, denkt sie dann und hat Angst vor der Angst.
60 Nachdem sie in der Tagesklinik war, hat sie bei 50 oder 60 Therapie-Praxen angerufen – bei
vielen erfolglos. Sie fühlt sich allein gelassen. „Vielleicht muss ich irgendwann mal heulend
anrufen und sagen, dass ich mich gleich umbringe, damit ich einen Platz bekomme. Aber
das will ich gar nicht. Es stimmt ja nicht.“ Immerhin ist sie bei manchen auf der Warteliste
gelandet.
65 Im Winter 2015 schrieb sie das erste Mal auf Instagram über ihre Angst. Zwei Wochen lang
lag sie im Bett, hatte die Grippe, fühlte sich elend. „Da habe ich angefangen, über mich nach-
zudenken.“ Sie schrieb einfach drauf los. Was soll passieren, dachte sie. Im schlimmsten Fall
hören die Leute einfach auf, dir zu folgen. Doch das taten sie nicht. Im Gegenteil. „Du bist
immer so tough und siehst so glücklich aus. Und dann hört man so was“, schrieb einer. „Mir
70 geht es auch so. Gut, dass du darüber schreibst“, eine andere.
Anna versucht jetzt, ihre Ängste bewusster auszuhalten. Sie setzt sich Situationen aus, bei
denen sie weiß, dass etwas passieren könnte. Nur so kann sie ihren Körper und ihre Angst
irgendwann als Einheit sehen, sagt sie. Sie hat mal gelesen, man solle die Angst wie einen
Freund behandeln.
75 Es geht ihr besser, dem Kopf und dem Körper. Sie hat angefangen, Sport zu machen. Viermal
die Woche geht sie ins Fitnessstudio. Die 15 Kilo hat sie wieder verloren. Ihren Körper zeigt
sie bei Instagram – auch im Bikini oder Unterwäsche. Manche ihrer beinahe 9000 Abonnenten
folgen ihr vielleicht deshalb, mögen ihre Tattoos und ihren Look.
Doch selbst wenn es nicht jedem um die Posts, in denen Anna über ihre Angststörung schreibt,
80 geht: Sie zeigt trotzdem ihre Bilder, es ist ihre eigene Mini-Therapie. „Es ist etwas anderes,
jemandem eine Sache persönlich ins Gesicht zu sagen, oder sie sich von der Seele zu schreiben“,
sagt sie. Für andere mag eine Therapie der bessere Weg sein.
Anna hat aufgehört, sich für ihre Krankheit zu schämen. „Viele Leute denken, man bildet sich
die Angst ein. Dann heißt es, spring doch über deinen Schatten. Das verstehe ich nicht. Ich
85 wäre glücklich, wenn ich das nicht hätte. Psychische Krankheiten“, sagt Anna, „werden den
Patienten noch immer viel zu sehr als eigene Schuld angelastet. Als Einbildung. Als Schwäche.“
Auch das ist ein Grund, warum sie öffentlich über ihre Angststörung schreibt. Damit mal
jemand redet. Damit andere auch anfangen. Damit die, die noch allein sind, merken, dass sie
nicht die Einzigen sind. „Sonst“, sagt Anna, „denkt man manchmal selbst, man sei verrückt.“
1 Dieser Text gehört zum Projekt „Was Angst macht“ der Deutschen Journalistenschule. Die Schüler der Lehrredaktion 55K wollen die Krankheiten damit fassbar machen und sie in all ihren Schattierungen zeigen.
Aufgabe 2
Erklären Sie, wie Annas Angstkognition aus kognitivistischer Perspektive entsteht, und stellen Sie einen Bezug zwischen ihrem Umgang mit der Angst und Elementen einer kognitiven Verhaltenstherapie sowie dem ganzheitlich-humanistischen Persönlichkeitsmodell her. [34 Punkte]
Aufgabe HT 3 - Aufgabe 3 · Psychische Störungen und Psychotherapie
Wenn Anna Angst vor der Angst hat 1
Seit sechs Jahren leidet Anna unter einer Angststörung, seit sechs Jahren hofft sie auf eine Therapie, die ihr hilft. Dann beginnt sie, sich selbst zu helfen. Bei Instagram.
Die Bilder zeigen eine scheinbar glückliche Frau. Anna lacht. Sie dreht die Nase nach links,
streckt die gepiercte Zunge raus, schaut in die Kamera. „War fast zwölf Kilometer laufen“,
schreibt sie. „Bin sehr stolz.“ 358 Instagram-Likes bekommt sie dafür. Für ein Bild, das sie
drei Monate später postet, sogar 824. Da fotografiert sie sich im Spiegel, von hinten, in einem
5 weißen Body. „Show what you’ve got and always be proud of who you are“, schreibt sie dazu.
Zeig, was du hast und sei stolz auf dich.
Schön, sportlich, glücklich, selbstbewusst. Das alles ist Anna aus Koblenz. Das alles ist
annafoxdevilswild, wie sie sich auf Instagram nennt. Doch Anna ist auch eine Frau mit einer
[...] Angststörung. Einer Erkrankung, die ihr viele nicht abnehmen. Dafür wirkt Anna zu
10 glücklich.
Anna ist 26. Seit sechs Jahren gehören Angstattacken zu ihrem Alltag. „Was wollen Sie denn?“,
sagte einmal ein Therapeut zu ihr, „Sie sind jung, sehen gut aus, haben einen Job, einen
Freund. Lachen Sie doch mal.“
Doch Annas Angst beginnt immer mit einem Gedanken. Irgendwas tut weh, irgendwo drückt
15 es. Ein eingeschlafener Arm, ein Zucken. „Was passiert mit meinem Körper? Bin ich krank?“
Manchmal kann sie den Gedanken abschütteln. Manchmal nicht. Dann kommt die Panik.
„Was ist, wenn ich gleich sterbe?“
Sie versucht, sich zu beruhigen. „Nein, das kann gar nicht sein.“ Kurzes Durchatmen. „Aber
was, wenn doch?“ Erst werden ihre Hände schwitzig, dann beginnt ihr Herz zu rasen. Sie hat
20 das Gefühl, nicht mehr Anna zu sein. Als würde sie von oben auf sich selbst runterschauen.
Als würde ihr Körper einen Kampf gegen den eigenen Kopf ausfechten. Wenn es ganz
schlimm kommt, dauert der Kampf zwei Stunden. Danach ist Anna vollkommen fertig.
Dreimal hat sie versucht, sich Hilfe zu holen. Das erste Mal vor sechs Jahren. Über Monate
sprach sie mit ihrem Therapeuten. Immer wieder fragte er sie nach ihrer Familie. Nach einer
25 Weile hatte Anna das Gefühl, er wolle unbedingt beweisen, dass in ihrer Kindheit etwas
Schreckliches passiert ist.
Da hatte sie erst mal genug. Für die nächsten fünf Jahre schluckte sie einfach die Tabletten,
die ihr Hausarzt verschrieb. 15 Kilo nahm sie davon zu. Irgendwann halfen auch die Medika-
mente nicht mehr. Anna hatte fast jeden Abend Panikattacken.
30 Doch auch der zweite Therapeut nahm sie nicht ernst. Es gehe ihr doch gut, sagte er. Sie solle
positiver denken. Da nahm Anna einfach weiter die Tabletten.
Im Sommer 2016 ging sie in eine Tagesklinik. Dort war sie die Einzige mit (...) [dieser Art
der] Angststörung. Auch dort sagte man ihr: „Du hast doch ein gutes Leben, mach was draus.“
Nur die Gespräche mit den anderen Patienten halfen. „Auch wenn man nicht dieselbe Krank-
35 heit hat, ist es schön zu sehen, dass man nicht allein ist“, sagt Anna.
Neulich passierte es im Café. Es war ein ganz normaler Nachmittag mit einer Freundin, Kaffee,
Zigaretten, Musik. Plötzlich schlich etwas in ihr hoch. „Das geht nicht gut aus“, dachte Anna.
Die Hände, das Herz. Die Freundin nahm ihre Hand, atmete mit ihr – langsam ein, langsam
aus. Hätte sie mit jemandem im Café gesessen, der sie nicht so gut kennt, sagt Anna, wäre
40 sie einfach gegangen.
Sie schafft es trotz der Panikattacke noch heimzuradeln. Dort setzt sie sich aufs Sofa, in ihre
Ecke, hinten rechts. Aussitzen nennt sie das. So zeigt sie ihrem Körper, dass nichts passiert.
Wenn sie die Panikattacke abblockt, sagt sie, lernt er nichts dazu. Also atmet Anna tief ein
und aus. Bis es vorbei ist.
45 Wenn ihr Freund da ist, nimmt er sie in den Arm und krault ihren Kopf. Ihn ruft Anna an,
wann immer sie spürt, dass die Angst kommt. Er nimmt immer ab. Fragt, ob sie abends Pizza
bestellen sollen und einen witzigen Film schauen, und lenkt sie damit ab. „Lichtblicke“, nennt
Anna das. Nur er kann das. Meistens hilft es.
Eigentlich wollte Anna im Mai mit ein paar Freunden nach Florida fliegen. Aber sie sagte ab.
50 Die Angst vor dem Flug war doch zu groß. „Der Start ist das Schlimmste. Der Moment, in
dem du weißt, du kannst nichts mehr machen. Du gibst einem anderen Menschen dein Leben
in die Hand.“ Schon der letzte Flug war eine Katastrophe. In der Nacht zuvor hatte Anna
Schweißausbrüche, Kopfschmerzen, konnte vor Nervosität kaum schlafen. Vor dem Abflug
rauchte sie eine halbe Packung Zigaretten. Als der Flieger abhob, klammerte sie sich an ihre
55 Freundin, weinte. „Ich sah aus, als würde man mich in die Todeszelle bringen, nicht, als
würde ich in den Urlaub fliegen.“
Anna will andere nicht enttäuschen. Nicht bei der Arbeit, nicht im Freundeskreis. Sie will nicht
gehen müssen wegen der Angst oder kurzfristig Termine absagen. Jetzt bloß keine Panik-
attacke bekommen, denkt sie dann und hat Angst vor der Angst.
60 Nachdem sie in der Tagesklinik war, hat sie bei 50 oder 60 Therapie-Praxen angerufen – bei
vielen erfolglos. Sie fühlt sich allein gelassen. „Vielleicht muss ich irgendwann mal heulend
anrufen und sagen, dass ich mich gleich umbringe, damit ich einen Platz bekomme. Aber
das will ich gar nicht. Es stimmt ja nicht.“ Immerhin ist sie bei manchen auf der Warteliste
gelandet.
65 Im Winter 2015 schrieb sie das erste Mal auf Instagram über ihre Angst. Zwei Wochen lang
lag sie im Bett, hatte die Grippe, fühlte sich elend. „Da habe ich angefangen, über mich nach-
zudenken.“ Sie schrieb einfach drauf los. Was soll passieren, dachte sie. Im schlimmsten Fall
hören die Leute einfach auf, dir zu folgen. Doch das taten sie nicht. Im Gegenteil. „Du bist
immer so tough und siehst so glücklich aus. Und dann hört man so was“, schrieb einer. „Mir
70 geht es auch so. Gut, dass du darüber schreibst“, eine andere.
Anna versucht jetzt, ihre Ängste bewusster auszuhalten. Sie setzt sich Situationen aus, bei
denen sie weiß, dass etwas passieren könnte. Nur so kann sie ihren Körper und ihre Angst
irgendwann als Einheit sehen, sagt sie. Sie hat mal gelesen, man solle die Angst wie einen
Freund behandeln.
75 Es geht ihr besser, dem Kopf und dem Körper. Sie hat angefangen, Sport zu machen. Viermal
die Woche geht sie ins Fitnessstudio. Die 15 Kilo hat sie wieder verloren. Ihren Körper zeigt
sie bei Instagram – auch im Bikini oder Unterwäsche. Manche ihrer beinahe 9000 Abonnenten
folgen ihr vielleicht deshalb, mögen ihre Tattoos und ihren Look.
Doch selbst wenn es nicht jedem um die Posts, in denen Anna über ihre Angststörung schreibt,
80 geht: Sie zeigt trotzdem ihre Bilder, es ist ihre eigene Mini-Therapie. „Es ist etwas anderes,
jemandem eine Sache persönlich ins Gesicht zu sagen, oder sie sich von der Seele zu schreiben“,
sagt sie. Für andere mag eine Therapie der bessere Weg sein.
Anna hat aufgehört, sich für ihre Krankheit zu schämen. „Viele Leute denken, man bildet sich
die Angst ein. Dann heißt es, spring doch über deinen Schatten. Das verstehe ich nicht. Ich
85 wäre glücklich, wenn ich das nicht hätte. Psychische Krankheiten“, sagt Anna, „werden den
Patienten noch immer viel zu sehr als eigene Schuld angelastet. Als Einbildung. Als Schwäche.“
Auch das ist ein Grund, warum sie öffentlich über ihre Angststörung schreibt. Damit mal
jemand redet. Damit andere auch anfangen. Damit die, die noch allein sind, merken, dass sie
nicht die Einzigen sind. „Sonst“, sagt Anna, „denkt man manchmal selbst, man sei verrückt.“
1 Dieser Text gehört zum Projekt „Was Angst macht“ der Deutschen Journalistenschule. Die Schüler der Lehrredaktion 55K wollen die Krankheiten damit fassbar machen und sie in all ihren Schattierungen zeigen.
Aufgabe 3
Erörtern Sie, ob die Gesprächspsychotherapie nach Rogers Annas bisherigen Umgang mit ihrer Angst sinnvoll ergänzen könnte. Nehmen Sie zum Schluss Stellung dazu, inwieweit sich der öffentliche Umgang mit Angststörungen, zum Beispiel auf Instagram, für die Verarbeitung einer psychischen Störung eignet. [26 Punkte]
Aufgabe HT 4 - Aufgabe 1 · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl
Je schlauer, desto Chef
Was unterscheidet Top-Kräfte von 08/15-Mitarbeitern? Glück, Skrupellosigkeit, emotionales
Geschick? Auch, aber weniger, als man denkt. Köpfchen zählt! Deshalb sollten Firmen den
IQ von Bewerbern testen. […]
Was zählt schon Intelligenz, wenn man ein Arschloch ist?
5 In der Tat: Mit der Intelligenz scheinen die Deutschen so ihre Probleme zu haben. Wenn man
versucht, mit Freunden oder Kollegen darüber zu sprechen, wird schnell abgelenkt, höhnisch
gelacht, bestimmt reißt jemand ein Witzchen. Die meisten Deutschen kennen ihren IQ nicht.
Und die wenigen anderen behalten ihn lieber für sich. Im Zweifel würde ein Mitarbeiter wohl
lieber sein Gehalt als seinen IQ preisgeben.
10 Der Gedanke, dass sich Geisteskraft mittels eines Messwertes ausdrücken lässt, löst offenbar
allgemeines Unbehagen aus. Ist der Mensch nicht viel mehr als sein IQ? Was zählt schon
Intelligenz, wenn jemand ein Arschloch ist? Und kommt es nicht im Leben, auch im Berufs-
leben, auf ganz andere Fähigkeiten an?
Wie wichtig ist sie also, die Intelligenz? Ist sie nur ein überflüssiger Messwert, ersonnen von
15 Psychologen, die ihre Existenzberechtigung daraus ziehen, Menschen irgendwie in Schub-
laden zu sortieren? Borderliner versus Bodenständige, Ehrgeizlinge versus Antriebsschwache,
und eben: Oberschlaue versus Dummerjane?
Oder ist die Intelligenz das Ideal, die innere Kraft, die, wenn ausreichend vorhanden, dem
Menschen erst Esprit, Glanz, Attraktivität verleiht?
20 Viele zweifeln bereits daran, dass sie überhaupt existiert: die eine Intelligenz eines Menschen,
die sich messen und in einem Quotienten abbilden lässt – betrage dieser nun 100 wie bei einem
durchschnittlichen Testteilnehmer oder liege er eben weit darüber […].
Es ist unbekannt, ob dies aus Frust über den eigenen IQ geschah, aber manche Autoren haben
sich an einer Ausweitung der Intelligenzzone versucht. Die soziale Intelligenz ist ihnen zu-
25 folge wichtiger als die kognitive, der EQ 1 bedeutsamer als der IQ. In den letzten 15 bis 20
Jahren habe es die Tendenz gegeben, „jede Begabung, jede Fertigkeit einer Person auf unter-
schiedlichen Gebieten als eine Form von Intelligenz zu bezeichnen“, resümiert die renom-
mierte Zürcher Forscherin Elsbeth Stern mit ihrem Co-Autor Aljoscha Neubauer in einem
neuen Buch zur Intelligenz.
30 Zuletzt seien immer „absurdere Vorschläge“ gemacht worden, schreiben die beiden Forscher.
„Da war von einer Party-Intelligenz die Rede, von kosmischer Intelligenz bis zur sexuellen
Intelligenz, frei nach dem Motto: Jeder, der irgendeine Disziplin (vermeintlich) gut beherrscht,
kreiert sich eine Form der Intelligenz, in der er (oder sie) dann glänzen kann.“
Auf der Suche nach dem G-Faktor
35 […]
Intelligenz bezieht sich, so sieht es die seriöse Wissenschaft, auf die kognitiven Fähigkeiten.
„Intelligenz ist eine sehr allgemeine geistige Kapazität, die unter anderem die Fähigkeit um-
fasst, Schlüsse zu ziehen, zu denken, zu planen, Probleme zu lösen, abstrakt zu denken,
komplexe Ideen zu verstehen, schnell zu lernen und aus Erfahrung zu lernen“ – das schrieben
40 führende Forscher, als sie 1994 eine gemeinsame Definition versuchten.
Wenn Forscher heute von Intelligenz sprechen, ist oft vom G-Faktor die Rede: dem General-
faktor oder Allgemeinen Faktor der Intelligenz. Die Bezeichnung geht zurück auf den briti-
schen Psychologen Charles Spearman, der die Leistungen von Schülern in verschiedenen
Fächern verglich. Nach seiner Beobachtung waren viele Schüler in vielen Fächern jeweils
45 ähnlich gut oder schlecht; wer Mathe kann, jongliert auch souveräner mit Sprache. Darauf
baute Spearman seine Theorie von der allgemeinen Intelligenz.
Bleibt die Frage, wie wichtig dieser G-Faktor eigentlich ist. Nicht so sehr, könnte man meinen,
wenn man sich am Arbeitsplatz umguckt. Da wimmelt es doch vor Gegenbeispielen, oder?
All die Dummen, die nach oben kommen, und die Schlauen, die scheitern? Schnell entsteht
50 der Eindruck: Intelligenz ist nicht schädlich, aber zu viel sollte es vielleicht dann doch nicht
sein. Und schließlich entscheiden in Wahrheit ganz andere Faktoren: Fleiß, Charme, Skrupel-
losigkeit, Manieren, Netzwerk, Geschlecht oder auch Glück.
Der Dumme bleibt unten, der Schlaue kommt nach oben
Das ist der Eindruck, aber die Empirie kommt zu einem anderen Ergebnis. Wer wissen will,
55 wie wichtig Intelligenz für den beruflichen Erfolg ist, kann Jochen Kramer fragen. Der Wissen-
schaftler, heute an der Universität Tübingen tätig, fasste 2009 in einer Metaanalyse nicht
weniger als 244 Studien aus Deutschland zusammen. Und bestätigte eine Erkenntnis, die für
die USA schon zuvor gewonnen worden war: Wer intelligenter ist, ist erfolgreicher.
Fünf Jahre lang hatte Kramer die Daten für seine Dissertation zusammengetragen. Das Ergeb-
60 nis, ganz klar: „Je intelligenter ein Mitarbeiter ist, desto eher liefert er gute Arbeit und ist
beruflich erfolgreich.“ Eine Erkenntnis, die andere Forscher nicht überraschen kann, wohl
aber alle, die ihre Chefs für Idioten und sich selbst für oberschlau halten. Ihnen bleibt nur die
tröstliche Erkenntnis, dass solche Studien ja keine Gültigkeit im Einzelfall beanspruchen.
Metaanalysen schließen nicht aus, dass ein Dummkopf zur rechten Zeit am richtigen Ort war
65 und Karriere machte, während der hochbegabte Kollege mit fiesen Mitteln ausgebootet wurde.
Aber wahrscheinlicher ist eben ein anderer Verlauf: Der Dumme bleibt unten, der Schlaue
kommt nach oben.
Das gilt laut Wissenschaftlern auch in Berufen, die gemeinhin als nicht sonderlich anspruchs-
voll angesehen werden. Ob jemand als Postbote Erfolg hat oder als Müllmann reüssiert 2, ist
70 keineswegs unabhängig von seiner Intelligenz. Noch ausgeprägter zeigt sich der statistische
Zusammenhang bei komplexen Berufen, in denen Anforderungen häufig wechseln: Sag mir
deinen IQ, und ich sage dir, wie groß deine Erfolgsaussichten sind.
So gesehen liegt es nahe, Bewerber zum Intelligenztest zu bitten. „Bei Personalentscheidungen
auf solche Tests zu verzichten und sich stattdessen nur auf den persönlichen Eindruck beim
75 Gespräch zu verlassen, das wäre so ähnlich, als würde ein Arzt seinem Patienten eine Gehirn-
tumoroperation vorschlagen, nur weil dieser über wiederholte und heftige Kopfschmerzen
klagt“, urteilen die beiden Forscher Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer.
Bei Bewerbungen sind IQ-Tests selten
Doch in Deutschland werden Bewerber nur selten mit Intelligenztests konfrontiert. Meist sind
80 es andere Hürden, die sie überwinden müssen: Der beliebteste Test in deutschen Firmen wie
auch Dax-100-Unternehmen ist eine Präsentation (89 Prozent der Unternehmen nutzen sie),
es folgen Zweiergespräch (71 Prozent) und Fallstudie (69 Prozent), Interview (66 Prozent)
und Gruppendiskussion (62 Prozent); das ergab eine Studie der Psychologen Christof Ober-
mann und Stefan Höft.
85 Einen Intelligenztest setzte nicht mal jedes dritte Unternehmen ein. Nach einer anderen Unter-
suchung, die Firmen aller Branchen und Größen einbezieht, liegt der Anteil bei gerade mal
rund zehn Prozent.
In anderen Ländern scheinen IQ-Tests viel häufiger verwendet zu werden als in deutschen
Unternehmen. Die Haltung hierzulande dürfte ziemlich dumm sein. Natürlich sei es sinnvoll,
90 Intelligenz zu testen, sagte Christof Obermann dem „Harvard Business Manager“, nachdem
er die Dax-100-Unternehmen untersucht hatte. Denn wenn ein Manager „in puncto Komplexi-
tätsbewältigung nur mittelmäßig ist, wird aus ihm wohl nie eine erfolgreiche Führungskraft“.
Dass IQ-Tests so selten eingesetzt werden, führt der Wirtschaftspsychologe auch darauf zu-
rück, „dass in Deutschland noch immer das Weltbild der Personaler die Inhalte dominiert –
95 mit einseitigem Fokus auf Sozialkompetenz“, daher die Vorliebe für Rollenspiele oder
Gruppendiskussionen. „Intelligenz- und Persönlichkeitstests dagegen galten lange als Geheim-
wissen der Psychologen“, so Christof Obermann.
[…]
1 Maßzahl für emotionale Intelligenz
2 Erfolg haben, Anerkennung finden
1. Arbeiten Sie aus dem Text heraus, welche gegensätzlichen Auffassungen von Intelligenz bestehen, wie die „seriöse Wissenschaft“ den Begriff definiert und welchen Stellenwert Intelligenz bei der Auswahl von Personal hat. Belegen Sie, dass ein IQ-Test nach der Definition der „seriösen Wissenschaft“ zu den Leistungstests zu zählen wäre. (24 Punkte)
Aufgabe HT 4 - Aufgabe 2 · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen
Je schlauer, desto Chef
Was unterscheidet Top-Kräfte von 08/15-Mitarbeitern? Glück, Skrupellosigkeit, emotionales
Geschick? Auch, aber weniger, als man denkt. Köpfchen zählt! Deshalb sollten Firmen den
IQ von Bewerbern testen. […]
Was zählt schon Intelligenz, wenn man ein Arschloch ist?
5 In der Tat: Mit der Intelligenz scheinen die Deutschen so ihre Probleme zu haben. Wenn man
versucht, mit Freunden oder Kollegen darüber zu sprechen, wird schnell abgelenkt, höhnisch
gelacht, bestimmt reißt jemand ein Witzchen. Die meisten Deutschen kennen ihren IQ nicht.
Und die wenigen anderen behalten ihn lieber für sich. Im Zweifel würde ein Mitarbeiter wohl
lieber sein Gehalt als seinen IQ preisgeben.
10 Der Gedanke, dass sich Geisteskraft mittels eines Messwertes ausdrücken lässt, löst offenbar
allgemeines Unbehagen aus. Ist der Mensch nicht viel mehr als sein IQ? Was zählt schon
Intelligenz, wenn jemand ein Arschloch ist? Und kommt es nicht im Leben, auch im Berufs-
leben, auf ganz andere Fähigkeiten an?
Wie wichtig ist sie also, die Intelligenz? Ist sie nur ein überflüssiger Messwert, ersonnen von
15 Psychologen, die ihre Existenzberechtigung daraus ziehen, Menschen irgendwie in Schub-
laden zu sortieren? Borderliner versus Bodenständige, Ehrgeizlinge versus Antriebsschwache,
und eben: Oberschlaue versus Dummerjane?
Oder ist die Intelligenz das Ideal, die innere Kraft, die, wenn ausreichend vorhanden, dem
Menschen erst Esprit, Glanz, Attraktivität verleiht?
20 Viele zweifeln bereits daran, dass sie überhaupt existiert: die eine Intelligenz eines Menschen,
die sich messen und in einem Quotienten abbilden lässt – betrage dieser nun 100 wie bei einem
durchschnittlichen Testteilnehmer oder liege er eben weit darüber […].
Es ist unbekannt, ob dies aus Frust über den eigenen IQ geschah, aber manche Autoren haben
sich an einer Ausweitung der Intelligenzzone versucht. Die soziale Intelligenz ist ihnen zu-
25 folge wichtiger als die kognitive, der EQ 1 bedeutsamer als der IQ. In den letzten 15 bis 20
Jahren habe es die Tendenz gegeben, „jede Begabung, jede Fertigkeit einer Person auf unter-
schiedlichen Gebieten als eine Form von Intelligenz zu bezeichnen“, resümiert die renom-
mierte Zürcher Forscherin Elsbeth Stern mit ihrem Co-Autor Aljoscha Neubauer in einem
neuen Buch zur Intelligenz.
30 Zuletzt seien immer „absurdere Vorschläge“ gemacht worden, schreiben die beiden Forscher.
„Da war von einer Party-Intelligenz die Rede, von kosmischer Intelligenz bis zur sexuellen
Intelligenz, frei nach dem Motto: Jeder, der irgendeine Disziplin (vermeintlich) gut beherrscht,
kreiert sich eine Form der Intelligenz, in der er (oder sie) dann glänzen kann.“
Auf der Suche nach dem G-Faktor
35 […]
Intelligenz bezieht sich, so sieht es die seriöse Wissenschaft, auf die kognitiven Fähigkeiten.
„Intelligenz ist eine sehr allgemeine geistige Kapazität, die unter anderem die Fähigkeit um-
fasst, Schlüsse zu ziehen, zu denken, zu planen, Probleme zu lösen, abstrakt zu denken,
komplexe Ideen zu verstehen, schnell zu lernen und aus Erfahrung zu lernen“ – das schrieben
40 führende Forscher, als sie 1994 eine gemeinsame Definition versuchten.
Wenn Forscher heute von Intelligenz sprechen, ist oft vom G-Faktor die Rede: dem General-
faktor oder Allgemeinen Faktor der Intelligenz. Die Bezeichnung geht zurück auf den briti-
schen Psychologen Charles Spearman, der die Leistungen von Schülern in verschiedenen
Fächern verglich. Nach seiner Beobachtung waren viele Schüler in vielen Fächern jeweils
45 ähnlich gut oder schlecht; wer Mathe kann, jongliert auch souveräner mit Sprache. Darauf
baute Spearman seine Theorie von der allgemeinen Intelligenz.
Bleibt die Frage, wie wichtig dieser G-Faktor eigentlich ist. Nicht so sehr, könnte man meinen,
wenn man sich am Arbeitsplatz umguckt. Da wimmelt es doch vor Gegenbeispielen, oder?
All die Dummen, die nach oben kommen, und die Schlauen, die scheitern? Schnell entsteht
50 der Eindruck: Intelligenz ist nicht schädlich, aber zu viel sollte es vielleicht dann doch nicht
sein. Und schließlich entscheiden in Wahrheit ganz andere Faktoren: Fleiß, Charme, Skrupel-
losigkeit, Manieren, Netzwerk, Geschlecht oder auch Glück.
Der Dumme bleibt unten, der Schlaue kommt nach oben
Das ist der Eindruck, aber die Empirie kommt zu einem anderen Ergebnis. Wer wissen will,
55 wie wichtig Intelligenz für den beruflichen Erfolg ist, kann Jochen Kramer fragen. Der Wissen-
schaftler, heute an der Universität Tübingen tätig, fasste 2009 in einer Metaanalyse nicht
weniger als 244 Studien aus Deutschland zusammen. Und bestätigte eine Erkenntnis, die für
die USA schon zuvor gewonnen worden war: Wer intelligenter ist, ist erfolgreicher.
Fünf Jahre lang hatte Kramer die Daten für seine Dissertation zusammengetragen. Das Ergeb-
60 nis, ganz klar: „Je intelligenter ein Mitarbeiter ist, desto eher liefert er gute Arbeit und ist
beruflich erfolgreich.“ Eine Erkenntnis, die andere Forscher nicht überraschen kann, wohl
aber alle, die ihre Chefs für Idioten und sich selbst für oberschlau halten. Ihnen bleibt nur die
tröstliche Erkenntnis, dass solche Studien ja keine Gültigkeit im Einzelfall beanspruchen.
Metaanalysen schließen nicht aus, dass ein Dummkopf zur rechten Zeit am richtigen Ort war
65 und Karriere machte, während der hochbegabte Kollege mit fiesen Mitteln ausgebootet wurde.
Aber wahrscheinlicher ist eben ein anderer Verlauf: Der Dumme bleibt unten, der Schlaue
kommt nach oben.
Das gilt laut Wissenschaftlern auch in Berufen, die gemeinhin als nicht sonderlich anspruchs-
voll angesehen werden. Ob jemand als Postbote Erfolg hat oder als Müllmann reüssiert 2, ist
70 keineswegs unabhängig von seiner Intelligenz. Noch ausgeprägter zeigt sich der statistische
Zusammenhang bei komplexen Berufen, in denen Anforderungen häufig wechseln: Sag mir
deinen IQ, und ich sage dir, wie groß deine Erfolgsaussichten sind.
So gesehen liegt es nahe, Bewerber zum Intelligenztest zu bitten. „Bei Personalentscheidungen
auf solche Tests zu verzichten und sich stattdessen nur auf den persönlichen Eindruck beim
75 Gespräch zu verlassen, das wäre so ähnlich, als würde ein Arzt seinem Patienten eine Gehirn-
tumoroperation vorschlagen, nur weil dieser über wiederholte und heftige Kopfschmerzen
klagt“, urteilen die beiden Forscher Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer.
Bei Bewerbungen sind IQ-Tests selten
Doch in Deutschland werden Bewerber nur selten mit Intelligenztests konfrontiert. Meist sind
80 es andere Hürden, die sie überwinden müssen: Der beliebteste Test in deutschen Firmen wie
auch Dax-100-Unternehmen ist eine Präsentation (89 Prozent der Unternehmen nutzen sie),
es folgen Zweiergespräch (71 Prozent) und Fallstudie (69 Prozent), Interview (66 Prozent)
und Gruppendiskussion (62 Prozent); das ergab eine Studie der Psychologen Christof Ober-
mann und Stefan Höft.
85 Einen Intelligenztest setzte nicht mal jedes dritte Unternehmen ein. Nach einer anderen Unter-
suchung, die Firmen aller Branchen und Größen einbezieht, liegt der Anteil bei gerade mal
rund zehn Prozent.
In anderen Ländern scheinen IQ-Tests viel häufiger verwendet zu werden als in deutschen
Unternehmen. Die Haltung hierzulande dürfte ziemlich dumm sein. Natürlich sei es sinnvoll,
90 Intelligenz zu testen, sagte Christof Obermann dem „Harvard Business Manager“, nachdem
er die Dax-100-Unternehmen untersucht hatte. Denn wenn ein Manager „in puncto Komplexi-
tätsbewältigung nur mittelmäßig ist, wird aus ihm wohl nie eine erfolgreiche Führungskraft“.
Dass IQ-Tests so selten eingesetzt werden, führt der Wirtschaftspsychologe auch darauf zu-
rück, „dass in Deutschland noch immer das Weltbild der Personaler die Inhalte dominiert –
95 mit einseitigem Fokus auf Sozialkompetenz“, daher die Vorliebe für Rollenspiele oder
Gruppendiskussionen. „Intelligenz- und Persönlichkeitstests dagegen galten lange als Geheim-
wissen der Psychologen“, so Christof Obermann.
[…]
1 Maßzahl für emotionale Intelligenz
2 Erfolg haben, Anerkennung finden
2. Erläutern Sie die Aussage des Textes „Der Dumme bleibt unten, der Schlaue kommt nach oben“ (Z. 53, 66/67) sowohl mit der kognitivistischen Persönlichkeitstheorie als auch auf Grundlage der behavioristischen Persönlichkeitsauffassung und nehmen Sie Stellung, welche dieser beiden Sichtweisen beruflichen Erfolg von intelligenten Personen besser erklären kann. (30 Punkte)
Aufgabe HT 4 - Aufgabe 3 · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl
Je schlauer, desto Chef
Was unterscheidet Top-Kräfte von 08/15-Mitarbeitern? Glück, Skrupellosigkeit, emotionales
Geschick? Auch, aber weniger, als man denkt. Köpfchen zählt! Deshalb sollten Firmen den
IQ von Bewerbern testen. […]
Was zählt schon Intelligenz, wenn man ein Arschloch ist?
5 In der Tat: Mit der Intelligenz scheinen die Deutschen so ihre Probleme zu haben. Wenn man
versucht, mit Freunden oder Kollegen darüber zu sprechen, wird schnell abgelenkt, höhnisch
gelacht, bestimmt reißt jemand ein Witzchen. Die meisten Deutschen kennen ihren IQ nicht.
Und die wenigen anderen behalten ihn lieber für sich. Im Zweifel würde ein Mitarbeiter wohl
lieber sein Gehalt als seinen IQ preisgeben.
10 Der Gedanke, dass sich Geisteskraft mittels eines Messwertes ausdrücken lässt, löst offenbar
allgemeines Unbehagen aus. Ist der Mensch nicht viel mehr als sein IQ? Was zählt schon
Intelligenz, wenn jemand ein Arschloch ist? Und kommt es nicht im Leben, auch im Berufs-
leben, auf ganz andere Fähigkeiten an?
Wie wichtig ist sie also, die Intelligenz? Ist sie nur ein überflüssiger Messwert, ersonnen von
15 Psychologen, die ihre Existenzberechtigung daraus ziehen, Menschen irgendwie in Schub-
laden zu sortieren? Borderliner versus Bodenständige, Ehrgeizlinge versus Antriebsschwache,
und eben: Oberschlaue versus Dummerjane?
Oder ist die Intelligenz das Ideal, die innere Kraft, die, wenn ausreichend vorhanden, dem
Menschen erst Esprit, Glanz, Attraktivität verleiht?
20 Viele zweifeln bereits daran, dass sie überhaupt existiert: die eine Intelligenz eines Menschen,
die sich messen und in einem Quotienten abbilden lässt – betrage dieser nun 100 wie bei einem
durchschnittlichen Testteilnehmer oder liege er eben weit darüber […].
Es ist unbekannt, ob dies aus Frust über den eigenen IQ geschah, aber manche Autoren haben
sich an einer Ausweitung der Intelligenzzone versucht. Die soziale Intelligenz ist ihnen zu-
25 folge wichtiger als die kognitive, der EQ 1 bedeutsamer als der IQ. In den letzten 15 bis 20
Jahren habe es die Tendenz gegeben, „jede Begabung, jede Fertigkeit einer Person auf unter-
schiedlichen Gebieten als eine Form von Intelligenz zu bezeichnen“, resümiert die renom-
mierte Zürcher Forscherin Elsbeth Stern mit ihrem Co-Autor Aljoscha Neubauer in einem
neuen Buch zur Intelligenz.
30 Zuletzt seien immer „absurdere Vorschläge“ gemacht worden, schreiben die beiden Forscher.
„Da war von einer Party-Intelligenz die Rede, von kosmischer Intelligenz bis zur sexuellen
Intelligenz, frei nach dem Motto: Jeder, der irgendeine Disziplin (vermeintlich) gut beherrscht,
kreiert sich eine Form der Intelligenz, in der er (oder sie) dann glänzen kann.“
Auf der Suche nach dem G-Faktor
35 […]
Intelligenz bezieht sich, so sieht es die seriöse Wissenschaft, auf die kognitiven Fähigkeiten.
„Intelligenz ist eine sehr allgemeine geistige Kapazität, die unter anderem die Fähigkeit um-
fasst, Schlüsse zu ziehen, zu denken, zu planen, Probleme zu lösen, abstrakt zu denken,
komplexe Ideen zu verstehen, schnell zu lernen und aus Erfahrung zu lernen“ – das schrieben
40 führende Forscher, als sie 1994 eine gemeinsame Definition versuchten.
Wenn Forscher heute von Intelligenz sprechen, ist oft vom G-Faktor die Rede: dem General-
faktor oder Allgemeinen Faktor der Intelligenz. Die Bezeichnung geht zurück auf den briti-
schen Psychologen Charles Spearman, der die Leistungen von Schülern in verschiedenen
Fächern verglich. Nach seiner Beobachtung waren viele Schüler in vielen Fächern jeweils
45 ähnlich gut oder schlecht; wer Mathe kann, jongliert auch souveräner mit Sprache. Darauf
baute Spearman seine Theorie von der allgemeinen Intelligenz.
Bleibt die Frage, wie wichtig dieser G-Faktor eigentlich ist. Nicht so sehr, könnte man meinen,
wenn man sich am Arbeitsplatz umguckt. Da wimmelt es doch vor Gegenbeispielen, oder?
All die Dummen, die nach oben kommen, und die Schlauen, die scheitern? Schnell entsteht
50 der Eindruck: Intelligenz ist nicht schädlich, aber zu viel sollte es vielleicht dann doch nicht
sein. Und schließlich entscheiden in Wahrheit ganz andere Faktoren: Fleiß, Charme, Skrupel-
losigkeit, Manieren, Netzwerk, Geschlecht oder auch Glück.
Der Dumme bleibt unten, der Schlaue kommt nach oben
Das ist der Eindruck, aber die Empirie kommt zu einem anderen Ergebnis. Wer wissen will,
55 wie wichtig Intelligenz für den beruflichen Erfolg ist, kann Jochen Kramer fragen. Der Wissen-
schaftler, heute an der Universität Tübingen tätig, fasste 2009 in einer Metaanalyse nicht
weniger als 244 Studien aus Deutschland zusammen. Und bestätigte eine Erkenntnis, die für
die USA schon zuvor gewonnen worden war: Wer intelligenter ist, ist erfolgreicher.
Fünf Jahre lang hatte Kramer die Daten für seine Dissertation zusammengetragen. Das Ergeb-
60 nis, ganz klar: „Je intelligenter ein Mitarbeiter ist, desto eher liefert er gute Arbeit und ist
beruflich erfolgreich.“ Eine Erkenntnis, die andere Forscher nicht überraschen kann, wohl
aber alle, die ihre Chefs für Idioten und sich selbst für oberschlau halten. Ihnen bleibt nur die
tröstliche Erkenntnis, dass solche Studien ja keine Gültigkeit im Einzelfall beanspruchen.
Metaanalysen schließen nicht aus, dass ein Dummkopf zur rechten Zeit am richtigen Ort war
65 und Karriere machte, während der hochbegabte Kollege mit fiesen Mitteln ausgebootet wurde.
Aber wahrscheinlicher ist eben ein anderer Verlauf: Der Dumme bleibt unten, der Schlaue
kommt nach oben.
Das gilt laut Wissenschaftlern auch in Berufen, die gemeinhin als nicht sonderlich anspruchs-
voll angesehen werden. Ob jemand als Postbote Erfolg hat oder als Müllmann reüssiert 2, ist
70 keineswegs unabhängig von seiner Intelligenz. Noch ausgeprägter zeigt sich der statistische
Zusammenhang bei komplexen Berufen, in denen Anforderungen häufig wechseln: Sag mir
deinen IQ, und ich sage dir, wie groß deine Erfolgsaussichten sind.
So gesehen liegt es nahe, Bewerber zum Intelligenztest zu bitten. „Bei Personalentscheidungen
auf solche Tests zu verzichten und sich stattdessen nur auf den persönlichen Eindruck beim
75 Gespräch zu verlassen, das wäre so ähnlich, als würde ein Arzt seinem Patienten eine Gehirn-
tumoroperation vorschlagen, nur weil dieser über wiederholte und heftige Kopfschmerzen
klagt“, urteilen die beiden Forscher Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer.
Bei Bewerbungen sind IQ-Tests selten
Doch in Deutschland werden Bewerber nur selten mit Intelligenztests konfrontiert. Meist sind
80 es andere Hürden, die sie überwinden müssen: Der beliebteste Test in deutschen Firmen wie
auch Dax-100-Unternehmen ist eine Präsentation (89 Prozent der Unternehmen nutzen sie),
es folgen Zweiergespräch (71 Prozent) und Fallstudie (69 Prozent), Interview (66 Prozent)
und Gruppendiskussion (62 Prozent); das ergab eine Studie der Psychologen Christof Ober-
mann und Stefan Höft.
85 Einen Intelligenztest setzte nicht mal jedes dritte Unternehmen ein. Nach einer anderen Unter-
suchung, die Firmen aller Branchen und Größen einbezieht, liegt der Anteil bei gerade mal
rund zehn Prozent.
In anderen Ländern scheinen IQ-Tests viel häufiger verwendet zu werden als in deutschen
Unternehmen. Die Haltung hierzulande dürfte ziemlich dumm sein. Natürlich sei es sinnvoll,
90 Intelligenz zu testen, sagte Christof Obermann dem „Harvard Business Manager“, nachdem
er die Dax-100-Unternehmen untersucht hatte. Denn wenn ein Manager „in puncto Komplexi-
tätsbewältigung nur mittelmäßig ist, wird aus ihm wohl nie eine erfolgreiche Führungskraft“.
Dass IQ-Tests so selten eingesetzt werden, führt der Wirtschaftspsychologe auch darauf zu-
rück, „dass in Deutschland noch immer das Weltbild der Personaler die Inhalte dominiert –
95 mit einseitigem Fokus auf Sozialkompetenz“, daher die Vorliebe für Rollenspiele oder
Gruppendiskussionen. „Intelligenz- und Persönlichkeitstests dagegen galten lange als Geheim-
wissen der Psychologen“, so Christof Obermann.
[…]
1 Maßzahl für emotionale Intelligenz
2 Erfolg haben, Anerkennung finden
3. Setzen Sie die im Text geforderte Messung von Intelligenz bei der Auswahl von Bewerberinnen und Bewerbern in Beziehung zu den Testgütekriterien und prüfen Sie abschließend, ob ein IQ-Test ebenfalls zur Feststellung der Eignung für eine bestimmte Schulform eingesetzt werden sollte. (26 Punkte)
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