Aufgabe HT 1 - Sozialpsychologische Theorien anwenden · Abitur NRW Psychologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Sozialpsychologische Theorien anwenden · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

„Man muss die Leute zu Komplizen machen“

Nicht durch restriktive¹ Maßnahmen, sondern nur durch Überzeugungskraft kann man gesell-

schaftliche Regeln nachhaltig ändern, sagt der Sozialpsychologe Klaus Fiedler.

SPIEGEL: Herr Fiedler, auch wenn es so scheint, als gäbe es nun eine schrittweise Rückkehr

zur Normalität [der Text ist erschienen im Mai 2020], müssen wir vermutlich alte Lebens-

5 gewohnheiten aufgeben und neue Routinen entwickeln, um die Pandemie unter Kontrolle

zu halten. Was genau bringt Menschen dazu, ihr Verhalten langfristig zu ändern?

Klaus Fiedler: Es gibt zwei Prozesse, die zu einer Verhaltensänderung führen. Der eine beruht

darauf, dass die Menschen das machen, was man von ihnen verlangt, durch Druck von oben

oder den Druck der Mehrheit. Dieses Prinzip hat die Bevölkerung im Moment stark geprägt.

10 Damit man aber dauerhafte Verhaltensänderungen erzeugt, müssen die Menschen neue Werte

und Ziele verinnerlichen. Sie müssen etwas selbst wollen, weil sie eingesehen haben: Das

ist gut so! Und weil sie die Gründe sehen, die dafür sprechen. Ich bin sehr besorgt darüber,

wenn die Loyalität der Bevölkerung nicht die freiwillige Teilnahme an einer Aktion wider-

spiegelt, sondern eigentlich nur Gehorsam ist.

15 SPIEGEL: Woraus leiten Sie das ab?

Fiedler: Nun, es gibt ja zum Glück auch Ausnahmen. Aber im Großen und Ganzen beobachte

ich schon, nicht nur im Kontext der Corona-Pandemie, dass viele Menschen, auch junge wie

zum Beispiel Studenten, auf Compliance stehen und geradezu darum betteln, dass sie genaue

Vorschriften gehorsam beachten dürfen, ohne selbst noch verantwortlich nachdenken zu müs-

20 sen.

[...]

SPIEGEL: Und auf begrenzte Zeit staatliche Anordnungen zu befolgen, um die Pandemie

einzudämmen – das reicht nicht?

Fiedler: Wenn man mit restriktiven Maßnahmen und Bestrafung operiert, dann funktioniert

25 das nicht lange. Das funktioniert genau so lange, wie der Druck da ist. Die nächste Infektions-

welle kann nur so bewältigt werden, dass man die Verantwortlichkeit von der Obrigkeit auf

niedere Stellen überträgt. Dass man vom Einzelnen erwartet, dass er das, was er bisher unter

Druck getan hat, künftig selbstständig macht. Eine Verhaltensänderung, die nur so lange

andauert, wie eine Vorschrift existiert, die ja auch noch überwacht werden muss, kann nicht

30 stabil sein.

SPIEGEL: Wie kann man denn befördern, dass Menschen etwas aus eigenem Antrieb machen?

Fiedler: Indem man die Menschen nicht erziehen und gängeln will, sondern sie als Partner

betrachtet. Und indem man sie um Rat fragt. Wenn man ihnen das Gefühl gibt, dass sie selbst

mitgeholfen haben, mit dieser Pandemie umzugehen, dann hat das einen Schneeball-Effekt,

35 und viele werden kreative Ideen entwickeln. Selbstbestimmte Verhaltensweisen haben eine

viel größere Wahrscheinlichkeit, dass sie auf Dauer beibehalten werden. Wenn man jemandem

etwas verbietet, dann gewinnt das Verbotene nur an Attraktivität. Wenn man dagegen einzelne

Bürger dafür lobt und respektiert, dass sie gute Ideen produzieren, bewirkt man wirklich etwas.

SPIEGEL: Es würde also helfen, wenn man das eher als Wettbewerb, als Spiel gestalten würde

40 und zum Beispiel Architekten dazu aufrufen würde, neue Wohn- und Arbeitskonzepte fürs

Homeoffice zu entwerfen, sich neue Gestaltungen von öffentlichen Räumen zu überlegen, in

denen es leichter fällt, Abstände zu wahren? Oder das beste Restaurant zu küren, das gemüt-

liches Essen mit Abstand originell umsetzt?

[...]

45 Fiedler: Genau. So etwas würde ich empfehlen: einen spielerischen Wettbewerb wie beim

Sport. Sich also zu überlegen: Wie kann eine neue Innenarchitektur aussehen? Wie kann ich

Tische anders anordnen, Schalter auf Ämtern anders gestalten? Wie kann ich Geschäfte ein-

richten, dass die Leute nicht so dicht an dicht nebeneinanderstehen? Ich bin überzeugt: Wenn

man die Bevölkerung animieren würde und eine konzertierte Aktion stattfinden würde von

50 Journalisten, Wissenschaftlern, Lehrenden, dann könnten wir auf kreative Weise Verhaltens-

weisen entwickeln, die wir gern tun.

SPIEGEL: Lernen durch Vorbilder und Modelle…

Fiedler: Ja, wobei sich diese Ideen gar nicht nur unmittelbar auf die Vermeidung von Anste-

ckung beziehen müssen, also auf Kontaktminimierung und Abstandsmaximierung. Wenn

55 jemand mit viel Gemeinsinn Ideen produziert, wie man zum Beispiel Freiberuflern hilft, die

jetzt die Zeche bezahlen² für den Lockdown, dann ist das zwar nicht epidemiologisch wirk-

sam. Aber dann ist derjenige auch loyal in Bezug auf die Disziplin, die erforderlich ist, um

Abstand zu halten. Das strahlt dann über auf andere loyale Verhaltensweisen, die epidemio-

logisch wichtig sind. In der Psychologie nennt man eine solche nachhaltige Beeinflussung,

60 die zu einer Verinnerlichung und dauerhaften Verhaltensänderung führt, Konversion.

SPIEGEL: Dann haben wir also eine Art Wertewandel vollzogen?

Fiedler: Ja, solche Prozesse kann man nicht nur bei Erwachsenen, sondern sogar schon bei

Kindern beobachten. Wenn Kinder eigene Ideen entwickeln, um eine bestimmte Aufgabe

zu lösen und dafür Wertschätzung erfahren, dann sind sie auch in Bezug auf andere Dinge,

65 die gar nicht zum Spiel gehört haben, eher bereit zu kooperieren.

SPIEGEL: Ist nicht das Eigeninteresse, Regeln zu meinem Nutzen großzügig auszulegen und

umzusetzen, trotzdem im Zweifel stärker als der Solidargedanke, dass die Regel einem höheren

Zweck dient?

Fiedler: Wenn die neuen Ziele wirklich verinnerlicht sind, gibt es keine konkurrierenden

70 Interessen mehr. Solange Menschen nur unter äußerem Druck etwas tun, ist die Gefahr, dass

sie auf ihre Eigeninteressen zurückfallen, viel größer. Wir müssen die neuen Werte, die

neuen Ziele, die neuen Gewohnheiten wirklich gut finden, schön finden, wir müssen lernen,

sie zu mögen. So wie ein Marathonläufer lernen muss, das Berg-Hinauflaufen zu mögen, und

wenn er erst einmal über den Berg gekommen ist, dann kann ihn nichts mehr abschrecken.

75 SPIEGEL: Das erfordert auch eine gewisse Anstrengung …

Fiedler: Wenn eine Person eine Anstrengung auf sich nimmt, dann ist die Auswirkung beson-

ders günstig. Wenn jemand also zum Beispiel lange auf einen Studienplatz gewartet hat, viel

Mühe dafür aufgewandt hat, dann ist er besonders motiviert und die Lernleistung besonders

hoch. Ähnlich wäre es bei einem spielerischen Wettbewerb in der Gesellschaft. Und wenn

80 die freiwillige Teilnahme an diesem Spiel auch noch so gestaltet wäre, dass man die Leute

dazu bringt, dass sie Mühe und Kosten auf sich nehmen, dann hat man sie auch gewonnen.

Denn aus psychologischer Sicht ist es so: Wenn ich mich selbst dabei beobachte, dass ich

aus freien Stücken ein Opfer bringe, einen hohen Preis zahle, dann schließe ich daraus: Das

ist das, was ich wirklich will. Und so funktionieren dauerhafte Verhaltensweisen. Das gilt

85 übrigens auch für Kinder: Wenn ich ein Kind frage: Auf was kannst du verzichten? Welche

Arbeit kannst du übernehmen, die Anstrengung kostet? - dann ist das ein Spiel, das Kinder

zu Solidarität und ehrlich gemeinten Überzeugungen erzieht.

SPIEGEL: Würde es uns leichter fallen, uns auf das Neue einzulassen, wenn wir die Dinge

anders benennen würden? Wenn wir zum Beispiel nicht vom Zwang zum Abstand sprechen

90 würden, sondern von einem neuen Freiraum, der uns zusteht?

Fiedler: Sicher, man muss die Leute zu Komplizen machen. Und dazu gehört auch, die ange-

nehme Seite von den neuen Verhaltensweisen zu benennen, die schönen Aspekte zu betonen.

In der Psychologie nennt man das Framing oder Re-Framing, man rahmt einen Sachverhalt

anders. Das Verbot, zu seinem Arbeitsplatz zu gehen, kann man auch anders nennen: die neue

95 Exploration, die neue Erkundung zu Hause. Viel hängt davon ab, dass man neue Begriffe lernt

und dass diese Begriffe mit ihrer Überschuss-Bedeutung auch in den Medien verbreitet wer-

den. Psycholinguisten haben schon immer gesagt: Das, was man durch Substantive ausdrückt,

wirkt Wunder. Denn Substantive haben die Eigenschaft, dass man sie nicht nachprüft, sondern

einfach als gegebene Bedeutung übernimmt. Es macht bekanntlich einen Unterschied, ob man

100 etwas ein Kriegsministerium oder ein Verteidigungsministerium nennt.

[...]

SPIEGEL: Glauben Sie denn, dass sich mit den neuen Verhaltensweisen langfristig unsere

ganze Kultur des sozialen Miteinanders verändern wird?

Fiedler: Mit dem Verhalten ist das so wie mit der Evolution: Wenn wir jetzt unser Verhalten

105 ändern wegen der besonderen Anforderungen der Epidemie, dann entstehen lokal und zeit-

lich begrenzt Verhaltensmutationen. Welche davon übrig bleiben und in unser Repertoire

übergehen, kann man nicht vorhersagen. Es gibt immer Phasen, in denen wir mehr auspro-

bieren als sonst: Wenn sich zum Beispiel die Umwelt für jemanden massiv verändert, weil

er oder sie in einen anderen Kulturkreis zieht, oder wenn wir einen Entwicklungsschritt voll-

110 ziehen und in eine neue Lebensphase eintreten, oder wenn wir Krieg und Katastrophen erleben.

In all diesen Phasen fangen wir an zu improvisieren. Welche der neuen Verhaltensweisen

langfristig Bestand haben wird, hängt davon ab, ob sie auch später noch eine Funktion erfüllen.

SPIEGEL: Sonst legen wir sie genauso schnell wieder ab …

Fiedler: Ja, wenn die Menschen jetzt zum Beispiel ausprobiert haben, mehr zu Hause zu kochen:

115 gut. Aber die Frage ist, ob diese Art zu kochen später noch funktionell ist, wenn alle wieder

jeden Tag ins Büro gehen müssen. Genauso ist es mit dem Homeoffice. Nur wenn strukturell

etwas davon übrig bleibt, weil Arbeitgeber sehen, dass sie auf diese Weise Geld für Büroräume

sparen und vielleicht sogar die Leistungsfähigkeit und Motivation ihrer Leute steigern, können

die Verhaltensweisen dauerhaft werden.

120 [...]

SPIEGEL: Es kann aber gut sein, dass uns das Virus immer wieder aufs Neue zwingt, unser

Verhalten zu überdenken. Wie können wir Menschen es überhaupt schaffen, eine Gefahr

dauerhaft ernst zu nehmen, die wir nicht wahrnehmen können?

Fiedler: Dagegen ist leider kaum ein Kraut gewachsen. Die unsichtbaren Gefahren werden

125 unterschätzt. Deshalb sind Viren etwas Teuflisches.

SPIEGEL: Aber brauchen wir nicht gerade deshalb neben der Eigenverantwortung auch klare

Regeln, die der Gefahr Rechnung tragen? Regeln haben ja auch ihr Gutes: Sie entlasten den

Einzelnen. Man muss sich nicht in jeder Situation neu entscheiden, neu abwägen …

Fiedler: Sicher, wir brauchen immer einen Mix. Man kann nicht erwarten, dass hundert Pro-

130 zent der Bevölkerung selbstbestimmtes Verhalten zeigen. Die Vordenker, deren Meinungen

dann multipliziert werden, sind nicht die Mehrheit. Es muss auch Leute geben, die bereit sind,

die Einsichten, die andere hatten, zu übernehmen. Epidemiologisch betrachtet ist es auch

immer wichtig, dass ein Teil der Bevölkerung Verhalten nachahmt. Aber das Verhalten, das

nachgeahmt wird, muss kreativ geschöpft sein. Und diese Kreativität entsteht von unten nach

135 oben. Die Weisheit der Masse ist größer als die Weisheit einzelner Vordenker. Die Vielfalt

der Ideen ist größer, wenn man sie wachsen lässt. Mit Blick auf die gesamte Gesellschaft

brauchen wir beides: Lernwilligkeit und kreative Fähigkeit.

¹ einschränkend

² den Preis bezahlen; einstehen für

Aufgabenstellung:

1.

Arbeiten Sie aus dem Text heraus, welche zwei Prozesse der Verhaltensänderung Klaus Fiedler für die Zeit der Corona-Pandemie beschreibt und welche Vorschläge er für dauerhaft stabile Veränderungen macht. Erklären Sie anschließend diese Prozesse der Verhaltensänderung während der Corona-Pandemie mithilfe der Theorie konformen Verhaltens und der Grundbegriffe der Systemtheorie. [30 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 1 - Sozialpsychologische Theorien anwenden · Abitur NRW Psychologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Arbeiten Sie aus dem Text heraus, welche zwei Prozesse der Verhaltensänderung Klaus Fiedler für die Zeit der Corona-Pandemie beschreibt und welche Vorschläge er für dauerhaft stabile Veränderungen macht. Erklären Sie anschließend diese Prozesse der Verhaltensänderung während der Corona-Pandemie mithilfe der Theorie konformen Verhaltens und der Grundbegriffe der Systemtheorie.

Lösung: Umfassende Ausarbeitung zu den vier geforderten Teilaspekten: 1. Zwei Prozesse zur Verhaltensänderung nach Fiedler: - *Prozess 1:* Druck von oben bzw. Mehrheitsdruck (Gehorsam/Compliance) durch restriktive Maßnahmen, Vorschriften, Kontrolle und Bestrafung. Führt nur zu temporärem Verhalten, solange Druck und Überwachung bestehen. - *Prozess 2:* Verinnerlichung neuer Werte und Ziele (Konversion/private Akzeptanz) durch Überzeugungskraft, partnerschaftliches Miteinander, Wertschätzung und Eigenverantwortung. 2. Vorschläge für langfristig stabile Veränderungen: - Partnerschaftlicher Umgang statt Bevormundung; Bürger um Rat fragen und mitgestalten lassen (Schneeball-Effekt). - Förderung selbstbestimmter Verhaltensweisen durch Lob und Respekt (z. B. spielerische Wettbewerbe für neue Raum- und Gastronomiekonzepte). - Modelllernen und Vorbilder: Lernen von loyalem Verhalten, das auf andere Lebensbereiche ausstrahlt. - Investition von Mühe und Verzicht: Wenn Menschen freiwillig Anstrengungen auf sich nehmen, werten sie ihr Verhalten innerlich auf und handeln aus echter Überzeugung. - Re-Framing: Positive Aspekte und Freiräume betonen statt Verbote (z. B. Exploration zu Hause statt Arbeitsplatzverbot). 3. Erklärung mit der Theorie konformen Verhaltens: - *Normativer sozialer Einfluss:* Anpassung an die Gruppe/Corona-Regeln, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden, Zuneigung zu erhalten oder Bestrafungen/Sanktionen zu vermeiden (öffentliche Compliance ohne tiefe innere Überzeugung). - *Informativer sozialer Einfluss:* Orientierung an anderen als Informationsquelle in unsicheren Situationen; das partnerschaftliche Einbinden und das Vorbild von Vordenkern führt zu echter privater Akzeptanz (Konversion). 4. Erklärung mit den Grundbegriffen der Systemtheorie: - *System und Subsysteme:* Gesellschaft als Gesamtsystem mit interagierenden Subsystemen (Bürger, Politik, Medien, Wissenschaft). - *Rückkopplungsprozesse:* Negative Rückkopplung hält das System stabil (Druck/Vorschriften zur Wiederherstellung von Sicherheit bzw. Infektionskontrolle). Positive Rückkopplungsprozesse können durch partnerschaftliche Initiativen und Schneeball-Effekte Dynamik entfalten. - *Homöostase und Emergenz:* Das System strebt ein Gleichgewicht (Homöostase) an. Durch die Wechselbeziehung zwischen Vordenkern und der Bevölkerung entsteht eine neue kooperative Eigenschaft auf Systemebene (Emergenz), die nicht allein auf Einzelmerkmale zurückführbar ist.

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