Abitur NRW Psychologie 2022 · LK · Nachtermin

Abiturprüfung Psychologie in Nordrhein-Westfalen 2022, LK · Nachtermin: 12 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Experimente und Studien analysieren. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Experimente und Studien analysieren · Texte auswerten und Paradigmen zuordnen · Sozialpsychologische Theorien anwenden · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen · Psychische Störungen und Psychotherapie

Aufgabe NT 1 - Aufgabe 1 · Experimente und Studien analysieren

Mach es verkehrt, aber richtig!

Christian Ankowitsch wundert sich manchmal über sich selbst. Auf die Nachricht, das Handy

eines Freundes sei kaputt, fällt ihm nichts Besseres ein, als diesen umgehend anzurufen –

auf dem Handy. Der österreichische Journalist und Schriftsteller begibt sich daraufhin auf

eine Spurensuche nach dem alltäglichen Irrsinn und stellt beruhigt fest, dass er nicht der

5 einzige Tölpel ist. [...]

Lange galt der Mensch als rationaler Nutzenmaximierer, der weiß, was am besten für ihn

ist, und entsprechend handelt. Anfang des 20. Jahrhunderts tauften Wirtschaftswissenschaftler

diesen Typus „Homo oeconomicus“. Nach gut einem Jahrhundert Verhaltensforschung ist

dagegen klar: Homo sapiens ist auch nur ein Mensch. Wir nehmen gedankliche Abkürzun-

10 gen, statt Fakten objektiv abzuwägen, bringen uns unnötig in Gefahr oder setzen uns über

gute Ratschläge hinweg. Dennoch schrieb unsere Gattung eine beeindruckende Erfolgs-

geschichte. Warum nur blieb der Hang zum Übermut so tief in uns verankert?

Unvernunft macht kreativ

Um Neues in die Welt zu bringen, muss man ausgetretene Denkpfade verlassen. Viele Wunder-

15 kinder mit revolutionären Ideen wurden deshalb von ihren Zeitgenossen verspottet. So auch

Albert Einstein: Der Physiker stellte die geltende Vorstellung vom Universum auf den Kopf

und ging als Querdenker in die Wissenschaftsgeschichte ein. Als kleiner Junge wurde Ein-

stein vom Kindermädchen oft „der Depperte“ genannt, und seine spätere Hauslehrerin soll

er in einem Wutanfall mit einem Stuhl attackiert haben, so dass sich diese nie mehr blicken

20 ließ.

Eine gewisse Exzentrik zeichnet viele Dichter und Denker aus. Salvador Dalí etwa hielt

sich für die Reinkarnation seines toten Bruders und trug gern einen Laib Brot als Hut.

Alexander Graham Bell wollte seinem Hund das Sprechen beibringen und erfand nebenbei

das Telefon.

25 Braucht es einen Funken Wahnsinn, um Geniales zu vollbringen? Laut Studien zeigen

außergewöhnlich kreative Menschen oft zumindest psychologische Auffälligkeiten. Der

britische Psychiater Felix Post analysierte die Biografien von 291 Berühmtheiten aus Wissen-

schaft, Musik, Kunst, Politik und Literatur, darunter Charles Darwin, Gustav Mahler,

Wassily Kandinsky, Sigmund Freud und Ernest Hemingway. Häufig erfüllten sie auf Grund

30 ihres wunderlichen Verhaltens einige Kriterien für eine psychische Störung – für eine echte

Diagnose reichte dies jedoch nur selten.

[...]

Dies scheint buchstäblich in der DNA zu wurzeln. Offenbar begünstigen bestimmte Erb-

faktoren nicht nur die Entwicklung einer Psychose – wenn das geordnete Denken und der

35 Sinn für die Realität schwinden –, sondern zugleich eine besonders ausgeprägte kreative

Ader. So entdeckte ein Forscherteam um Kári Stefánsson von der Universität Reykjavik bei

der Analyse des Erbguts von 150 000 Menschen, dass die Träger von Risikogenen für Schizo-

phrenie überdurchschnittlich oft kreative Berufe ausübten. Die erhöhte Schaffenskraft als

positiver Nebeneffekt könnte ein Grund dafür sein, warum sich solche pathogenen Erbgut-

40 varianten erhalten haben.

Unvernunft fördert Entwicklungspotenziale

S-Bahn-Surfer – also Leute, die sich außen an einen fahrenden Zug klammern – leben ge-

fährlich. Auf Baukräne zu klettern und aus schwindelnder Höhe in einen Fluss zu springen,

sollte man tunlichst unterlassen. Dass fast ausschließlich Jugendliche zu solchen halsbrecheri-

45 schen Aktionen neigen, ist wohl kein Zufall.

In der Pubertät sind viele Menschen regelrecht unzurechnungsfähig. „Ich wollte, es gäbe

gar kein Alter zwischen 10 und 23, oder die jungen Leute verschliefen die ganze Zeit: Denn

dazwischen ist nichts als den Dirnen Kinder schaffen 1, die Alten ärgern, stehlen, balgen“,

schrieb schon der englische Dichter William Shakespeare. Der Staat begegnet der Jugend

50 sogar mit besonderer Nachsicht: Von 14 bis 17, manchmal auch noch mit 20 Jahren gilt das

mildere Jugendstrafrecht. Im alten Rom dagegen waren Kinder bereits ab sieben strafmündig.

„Kinder lernen die Welt kennen, indem sie Dinge ausprobieren“, sagt der Psychologe

Jürg Frick von der Pädagogischen Hochschule Zürich. „Was davon unvernünftig war, er-

kennen sie erst an der Reaktion der anderen – oder wenn es schiefgeht.“ Gerade Teenager

55 fordern ihr Glück daher heraus. In dieser Hinsicht handeln sie oft sogar törichter als Kinder,

als hätten sie in Sachen Vernunftgebrauch Rückschritte gemacht. Schuld daran ist vermut-

lich die ungleichmäßige Reifung der verschiedenen Teile unseres Denkorgans. Das Beloh-

nungssystem, das sich erst relativ spät entwickelt, reift während der Pubertät schneller als

der präfrontale Kortex, der am abwägenden Denken beteiligt ist, Impulse im Zaum hält und

60 besonnenes Entscheiden und Planen fördert.

Dieses Ungleichgewicht führt zu überschießender Risikobereitschaft, der das „Resthirn“

nicht viel entgegensetzen kann, glaubt die Neurologin Kerstin Konrad vom Universitäts-

klinikum Aachen. Vor allem in emotional aufgeladenen Situationen gewinne das für Lust-

empfinden und Motivation zuständige Belohnungssystem leicht die Oberhand.

65 Dabei sind Jugendliche nicht per se unfähig, rationale Entscheidungen zu treffen. Frage-

bogenstudien lassen vermuten, dass sie viele Risiken ähnlich gut abschätzen wie Erwach-

sene. Der Verstand setzt vor allem dann aus, wenn Gleichaltrige anwesend sind. Das ergaben

Experimente, bei denen die Teilnehmer in einem virtuellen Autorennen möglichst schnell

und unfallfrei ans Ziel kommen sollten. Schauten Freunde zu, rasten Jugendliche viel eher

70 über rote Ampeln und riskierten einen Crash. Soziale Anerkennung ist in dieser Phase ein

extrem wichtiger Anreiz. Nur warum?

Laut einer Theorie trägt das risikoreiche Verhalten in der Adoleszenz dazu bei, dass sich

Jugendliche aus dem sicheren Nest der Familie lösen, um selbstständig die Welt zu erkunden

und einen Partner zu suchen. Dabei bestimmen die jeweilige Epoche und die Gesellschaft

75 allerdings stark darüber mit, was wir für vernünftig halten. [...]

Unvernunft ist attraktiv

James Byron Dean brachte die Frauen in den 1950er Jahren reihenweise um den Verstand.

Er drehte nur drei Filme und mimte darin stets den Rebellen. Die Hollywood-Legende ver-

körperte die Revolte der Jugend gegen die Werte der Erwachsenen. Auch sein Kleidungsstil

80 war eigenwillig: Er wollte nichts von Krawatten und Manschettenhemden wissen, die die

damalige Männermode bestimmten. Immer dabei: die obligatorische Zigarette im Mund-

winkel. Heute kaum salonfähig, aber – zugegeben – irgendwie cool. Das Leben der Ikone

der Freiheit und Unvernunft fand ein jähes Ende, als Dean 24-jährig mit seinem Sportwagen

verunglückte.

85 Der unvernünftige Herzensbrecher – bloß eine Ausnahme? Forschern zufolge fördert

Rebellion im Gegenteil die Anziehungskraft: Sich anzupassen oder aus der Menge heraus-

zustechen, sind konkurrierende Motive. Wenn wir Gefahr wittern, orientieren wir uns eher

an anderen; geht es jedoch darum, einen potenziellen Partner zu bezirzen, geben wir uns

unangepasst.

90 Laut Vladas Griskevicius und Robert Cialdini sei es für den Fortpflanzungserfolg wichtig,

sich von Rivalen abzuheben. Das testeten die beiden US-Psychologen mit einem Experiment.

Sie brachten Probanden in romantische Stimmung, indem sie ihnen ein Szenario vorlegten,

in das diese sich möglichst gut hineinversetzen sollten: „Du bist mit deinen Freunden im

Urlaub und lernst eine attraktive Person des anderen Geschlechts kennen. Ihr verbringt einen

95 romantischen Tag, der mit einem leidenschaftlichen Kuss im Mondlicht endet.“ Andere

Probanden lasen eine Geschichte, die ihr Bedürfnis nach Sicherheit wecken sollte: „Du bist

nachts allein zu Hause. Seltsame Geräusche ertönen zuerst draußen und später auch inner-

halb des Hauses.“ Der Text endete damit, dass jemand die Schlafzimmertür öffnet. Der Rest

der Teilnehmer las entweder eine alltägliche Geschichte oder gar nichts. Anschließend sollten

100 alle ein abstraktes Gemälde bewerten. Die Abstimmung lief dabei vermeintlich öffentlich

ab, so dass die (fingierten) Bewertungen der anderen Teilnehmer zu sehen waren. Tatsäch-

lich vergaben die Versuchsleiter nach dem Zufallsprinzip hohe oder niedrige Wertungen.

Die Forscher wollten herausfinden, wann die Teilnehmer eher der Herde folgten oder

gegen den Strom schwammen. Jene Probanden, die in eine ängstliche Stimmung gebracht

105 worden waren, orientierten sich stärker an der Gruppenmeinung und passten ihre eigene

Einschätzung daran an. Der romantische Flirt veränderte das Rating der Probanden allerdings

markant, zumindest bei den Männern: Sie wichen nun stark von der Meinung der Gruppe

ab; Frauen verhielten sich hingegen noch angepasster. Fazit: Männer setzen auf Nonkonfor-

mismus, um eine potenzielle Partnerin zu beeindrucken. Damit demonstrieren sie Unabhän-

110 gigkeit und Durchsetzungsstärke, so die Autoren. Frauen wählen offenbar häufig die gegen-

teilige Strategie.

Doch die Zeiten haben sich möglicherweise gewandelt. Ein Team um Matthew Hornsey

von der University of Queensland in Brisbane legte Studierenden Dating-Profile vor, die

verschiedene Facetten von Nonkonformität und Konformität widerspiegelten. Das Ergebnis:

115 Frauen wie Männer bevorzugten gleichermaßen die eigensinnigeren Singles. Weitere Studien

bestätigten, dass Unangepasste im Schnitt erfolgreicher in der Liebe waren. Und auch Ex-

partner hatten Probanden als attraktiver in Erinnerung, als je „eigenwilliger“ sie diese ein-

schätzten.

[...]

120 Unvernunft beweist uns, dass wir frei sind

[...]

Der Wunsch nach Selbstbestimmung, der dem Reiz des Verbotenen zu Grunde liegt,

wurzelt tief in uns. „Wer Schilder aufhängt, die davor warnen, etwas sei frisch gestrichen,

signalisiert uns indirekt, dass es ab sofort ein paar Dinge gibt, von denen wir uns fernhalten

125 sollten“, erklärt Christian Ankowitsch. Und wagt es jemand, unseren Handlungsspielraum

derart einzuschränken, wollen wir erst recht unsere Freiheit beweisen. Psychologen nennen

dies Reaktanz. Sie mag manchmal kindisch erscheinen, hat aber Vorteile: Sie sorgt dafür,

dass wir nicht blind Autoritäten folgen.

[...]

130 Auch wenn sie Gefahren birgt, Neugier bringt uns voran. „Vor 5000 Jahren stiegen Men-

schen im heutigen Taiwan in Boote und begaben sich auf die Suche nach einer neuen Heimat

jenseits des Pazifiks. Sie konnten nicht sicher sein, dass sie je irgendwo ankommen“, sagt

Karl-Heinz Kohl über die Entdeckung abgelegener Südseeinseln. „Das geht gegen jede Ver-

nunft, war aber entscheidend für die Besiedlung der Erde.“

1 Im Sinne von Sexualität als für Jugendliche dominantes Thema (Dirne = Prostituierte)

Aufgabe 1

Fassen Sie die Grundaussagen des Textes zu den Gründen für den menschlichen Übermut zusammen, analysieren Sie in diesem Kontext das Experiment von Vladas Griskevicius und Robert Cialdini und setzen Sie die Ergebnisse des Experiments in Beziehung zum psychobiologischen Paradigma. [30 Punkte]

a)

b)

c)

Aufgabe NT 1 - Aufgabe 2 · Sozialpsychologische Theorien anwenden

Mach es verkehrt, aber richtig!

Christian Ankowitsch wundert sich manchmal über sich selbst. Auf die Nachricht, das Handy

eines Freundes sei kaputt, fällt ihm nichts Besseres ein, als diesen umgehend anzurufen –

auf dem Handy. Der österreichische Journalist und Schriftsteller begibt sich daraufhin auf

eine Spurensuche nach dem alltäglichen Irrsinn und stellt beruhigt fest, dass er nicht der

5 einzige Tölpel ist. [...]

Lange galt der Mensch als rationaler Nutzenmaximierer, der weiß, was am besten für ihn

ist, und entsprechend handelt. Anfang des 20. Jahrhunderts tauften Wirtschaftswissenschaftler

diesen Typus „Homo oeconomicus“. Nach gut einem Jahrhundert Verhaltensforschung ist

dagegen klar: Homo sapiens ist auch nur ein Mensch. Wir nehmen gedankliche Abkürzun-

10 gen, statt Fakten objektiv abzuwägen, bringen uns unnötig in Gefahr oder setzen uns über

gute Ratschläge hinweg. Dennoch schrieb unsere Gattung eine beeindruckende Erfolgs-

geschichte. Warum nur blieb der Hang zum Übermut so tief in uns verankert?

Unvernunft macht kreativ

Um Neues in die Welt zu bringen, muss man ausgetretene Denkpfade verlassen. Viele Wunder-

15 kinder mit revolutionären Ideen wurden deshalb von ihren Zeitgenossen verspottet. So auch

Albert Einstein: Der Physiker stellte die geltende Vorstellung vom Universum auf den Kopf

und ging als Querdenker in die Wissenschaftsgeschichte ein. Als kleiner Junge wurde Ein-

stein vom Kindermädchen oft „der Depperte“ genannt, und seine spätere Hauslehrerin soll

er in einem Wutanfall mit einem Stuhl attackiert haben, so dass sich diese nie mehr blicken

20 ließ.

Eine gewisse Exzentrik zeichnet viele Dichter und Denker aus. Salvador Dalí etwa hielt

sich für die Reinkarnation seines toten Bruders und trug gern einen Laib Brot als Hut.

Alexander Graham Bell wollte seinem Hund das Sprechen beibringen und erfand nebenbei

das Telefon.

25 Braucht es einen Funken Wahnsinn, um Geniales zu vollbringen? Laut Studien zeigen

außergewöhnlich kreative Menschen oft zumindest psychologische Auffälligkeiten. Der

britische Psychiater Felix Post analysierte die Biografien von 291 Berühmtheiten aus Wissen-

schaft, Musik, Kunst, Politik und Literatur, darunter Charles Darwin, Gustav Mahler,

Wassily Kandinsky, Sigmund Freud und Ernest Hemingway. Häufig erfüllten sie auf Grund

30 ihres wunderlichen Verhaltens einige Kriterien für eine psychische Störung – für eine echte

Diagnose reichte dies jedoch nur selten.

[...]

Dies scheint buchstäblich in der DNA zu wurzeln. Offenbar begünstigen bestimmte Erb-

faktoren nicht nur die Entwicklung einer Psychose – wenn das geordnete Denken und der

35 Sinn für die Realität schwinden –, sondern zugleich eine besonders ausgeprägte kreative

Ader. So entdeckte ein Forscherteam um Kári Stefánsson von der Universität Reykjavik bei

der Analyse des Erbguts von 150 000 Menschen, dass die Träger von Risikogenen für Schizo-

phrenie überdurchschnittlich oft kreative Berufe ausübten. Die erhöhte Schaffenskraft als

positiver Nebeneffekt könnte ein Grund dafür sein, warum sich solche pathogenen Erbgut-

40 varianten erhalten haben.

Unvernunft fördert Entwicklungspotenziale

S-Bahn-Surfer – also Leute, die sich außen an einen fahrenden Zug klammern – leben ge-

fährlich. Auf Baukräne zu klettern und aus schwindelnder Höhe in einen Fluss zu springen,

sollte man tunlichst unterlassen. Dass fast ausschließlich Jugendliche zu solchen halsbrecheri-

45 schen Aktionen neigen, ist wohl kein Zufall.

In der Pubertät sind viele Menschen regelrecht unzurechnungsfähig. „Ich wollte, es gäbe

gar kein Alter zwischen 10 und 23, oder die jungen Leute verschliefen die ganze Zeit: Denn

dazwischen ist nichts als den Dirnen Kinder schaffen 1, die Alten ärgern, stehlen, balgen“,

schrieb schon der englische Dichter William Shakespeare. Der Staat begegnet der Jugend

50 sogar mit besonderer Nachsicht: Von 14 bis 17, manchmal auch noch mit 20 Jahren gilt das

mildere Jugendstrafrecht. Im alten Rom dagegen waren Kinder bereits ab sieben strafmündig.

„Kinder lernen die Welt kennen, indem sie Dinge ausprobieren“, sagt der Psychologe

Jürg Frick von der Pädagogischen Hochschule Zürich. „Was davon unvernünftig war, er-

kennen sie erst an der Reaktion der anderen – oder wenn es schiefgeht.“ Gerade Teenager

55 fordern ihr Glück daher heraus. In dieser Hinsicht handeln sie oft sogar törichter als Kinder,

als hätten sie in Sachen Vernunftgebrauch Rückschritte gemacht. Schuld daran ist vermut-

lich die ungleichmäßige Reifung der verschiedenen Teile unseres Denkorgans. Das Beloh-

nungssystem, das sich erst relativ spät entwickelt, reift während der Pubertät schneller als

der präfrontale Kortex, der am abwägenden Denken beteiligt ist, Impulse im Zaum hält und

60 besonnenes Entscheiden und Planen fördert.

Dieses Ungleichgewicht führt zu überschießender Risikobereitschaft, der das „Resthirn“

nicht viel entgegensetzen kann, glaubt die Neurologin Kerstin Konrad vom Universitäts-

klinikum Aachen. Vor allem in emotional aufgeladenen Situationen gewinne das für Lust-

empfinden und Motivation zuständige Belohnungssystem leicht die Oberhand.

65 Dabei sind Jugendliche nicht per se unfähig, rationale Entscheidungen zu treffen. Frage-

bogenstudien lassen vermuten, dass sie viele Risiken ähnlich gut abschätzen wie Erwach-

sene. Der Verstand setzt vor allem dann aus, wenn Gleichaltrige anwesend sind. Das ergaben

Experimente, bei denen die Teilnehmer in einem virtuellen Autorennen möglichst schnell

und unfallfrei ans Ziel kommen sollten. Schauten Freunde zu, rasten Jugendliche viel eher

70 über rote Ampeln und riskierten einen Crash. Soziale Anerkennung ist in dieser Phase ein

extrem wichtiger Anreiz. Nur warum?

Laut einer Theorie trägt das risikoreiche Verhalten in der Adoleszenz dazu bei, dass sich

Jugendliche aus dem sicheren Nest der Familie lösen, um selbstständig die Welt zu erkunden

und einen Partner zu suchen. Dabei bestimmen die jeweilige Epoche und die Gesellschaft

75 allerdings stark darüber mit, was wir für vernünftig halten. [...]

Unvernunft ist attraktiv

James Byron Dean brachte die Frauen in den 1950er Jahren reihenweise um den Verstand.

Er drehte nur drei Filme und mimte darin stets den Rebellen. Die Hollywood-Legende ver-

körperte die Revolte der Jugend gegen die Werte der Erwachsenen. Auch sein Kleidungsstil

80 war eigenwillig: Er wollte nichts von Krawatten und Manschettenhemden wissen, die die

damalige Männermode bestimmten. Immer dabei: die obligatorische Zigarette im Mund-

winkel. Heute kaum salonfähig, aber – zugegeben – irgendwie cool. Das Leben der Ikone

der Freiheit und Unvernunft fand ein jähes Ende, als Dean 24-jährig mit seinem Sportwagen

verunglückte.

85 Der unvernünftige Herzensbrecher – bloß eine Ausnahme? Forschern zufolge fördert

Rebellion im Gegenteil die Anziehungskraft: Sich anzupassen oder aus der Menge heraus-

zustechen, sind konkurrierende Motive. Wenn wir Gefahr wittern, orientieren wir uns eher

an anderen; geht es jedoch darum, einen potenziellen Partner zu bezirzen, geben wir uns

unangepasst.

90 Laut Vladas Griskevicius und Robert Cialdini sei es für den Fortpflanzungserfolg wichtig,

sich von Rivalen abzuheben. Das testeten die beiden US-Psychologen mit einem Experiment.

Sie brachten Probanden in romantische Stimmung, indem sie ihnen ein Szenario vorlegten,

in das diese sich möglichst gut hineinversetzen sollten: „Du bist mit deinen Freunden im

Urlaub und lernst eine attraktive Person des anderen Geschlechts kennen. Ihr verbringt einen

95 romantischen Tag, der mit einem leidenschaftlichen Kuss im Mondlicht endet.“ Andere

Probanden lasen eine Geschichte, die ihr Bedürfnis nach Sicherheit wecken sollte: „Du bist

nachts allein zu Hause. Seltsame Geräusche ertönen zuerst draußen und später auch inner-

halb des Hauses.“ Der Text endete damit, dass jemand die Schlafzimmertür öffnet. Der Rest

der Teilnehmer las entweder eine alltägliche Geschichte oder gar nichts. Anschließend sollten

100 alle ein abstraktes Gemälde bewerten. Die Abstimmung lief dabei vermeintlich öffentlich

ab, so dass die (fingierten) Bewertungen der anderen Teilnehmer zu sehen waren. Tatsäch-

lich vergaben die Versuchsleiter nach dem Zufallsprinzip hohe oder niedrige Wertungen.

Die Forscher wollten herausfinden, wann die Teilnehmer eher der Herde folgten oder

gegen den Strom schwammen. Jene Probanden, die in eine ängstliche Stimmung gebracht

105 worden waren, orientierten sich stärker an der Gruppenmeinung und passten ihre eigene

Einschätzung daran an. Der romantische Flirt veränderte das Rating der Probanden allerdings

markant, zumindest bei den Männern: Sie wichen nun stark von der Meinung der Gruppe

ab; Frauen verhielten sich hingegen noch angepasster. Fazit: Männer setzen auf Nonkonfor-

mismus, um eine potenzielle Partnerin zu beeindrucken. Damit demonstrieren sie Unabhän-

110 gigkeit und Durchsetzungsstärke, so die Autoren. Frauen wählen offenbar häufig die gegen-

teilige Strategie.

Doch die Zeiten haben sich möglicherweise gewandelt. Ein Team um Matthew Hornsey

von der University of Queensland in Brisbane legte Studierenden Dating-Profile vor, die

verschiedene Facetten von Nonkonformität und Konformität widerspiegelten. Das Ergebnis:

115 Frauen wie Männer bevorzugten gleichermaßen die eigensinnigeren Singles. Weitere Studien

bestätigten, dass Unangepasste im Schnitt erfolgreicher in der Liebe waren. Und auch Ex-

partner hatten Probanden als attraktiver in Erinnerung, als je „eigenwilliger“ sie diese ein-

schätzten.

[...]

120 Unvernunft beweist uns, dass wir frei sind

[...]

Der Wunsch nach Selbstbestimmung, der dem Reiz des Verbotenen zu Grunde liegt,

wurzelt tief in uns. „Wer Schilder aufhängt, die davor warnen, etwas sei frisch gestrichen,

signalisiert uns indirekt, dass es ab sofort ein paar Dinge gibt, von denen wir uns fernhalten

125 sollten“, erklärt Christian Ankowitsch. Und wagt es jemand, unseren Handlungsspielraum

derart einzuschränken, wollen wir erst recht unsere Freiheit beweisen. Psychologen nennen

dies Reaktanz. Sie mag manchmal kindisch erscheinen, hat aber Vorteile: Sie sorgt dafür,

dass wir nicht blind Autoritäten folgen.

[...]

130 Auch wenn sie Gefahren birgt, Neugier bringt uns voran. „Vor 5000 Jahren stiegen Men-

schen im heutigen Taiwan in Boote und begaben sich auf die Suche nach einer neuen Heimat

jenseits des Pazifiks. Sie konnten nicht sicher sein, dass sie je irgendwo ankommen“, sagt

Karl-Heinz Kohl über die Entdeckung abgelegener Südseeinseln. „Das geht gegen jede Ver-

nunft, war aber entscheidend für die Besiedlung der Erde.“

1 Im Sinne von Sexualität als für Jugendliche dominantes Thema (Dirne = Prostituierte)

Aufgabe 2

Erläutern Sie mithilfe von Strukturelementen von Gruppen, was der Text im Kern über die Ursachen menschlichen Übermuts aussagt, und erklären Sie diese Aussagen danach anhand des ganzheitlich-humanistischen Persönlichkeitsmodells. [22 Punkte]

a)

b)

Aufgabe NT 1 - Aufgabe 3 · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen

Mach es verkehrt, aber richtig!

Christian Ankowitsch wundert sich manchmal über sich selbst. Auf die Nachricht, das Handy

eines Freundes sei kaputt, fällt ihm nichts Besseres ein, als diesen umgehend anzurufen –

auf dem Handy. Der österreichische Journalist und Schriftsteller begibt sich daraufhin auf

eine Spurensuche nach dem alltäglichen Irrsinn und stellt beruhigt fest, dass er nicht der

5 einzige Tölpel ist. [...]

Lange galt der Mensch als rationaler Nutzenmaximierer, der weiß, was am besten für ihn

ist, und entsprechend handelt. Anfang des 20. Jahrhunderts tauften Wirtschaftswissenschaftler

diesen Typus „Homo oeconomicus“. Nach gut einem Jahrhundert Verhaltensforschung ist

dagegen klar: Homo sapiens ist auch nur ein Mensch. Wir nehmen gedankliche Abkürzun-

10 gen, statt Fakten objektiv abzuwägen, bringen uns unnötig in Gefahr oder setzen uns über

gute Ratschläge hinweg. Dennoch schrieb unsere Gattung eine beeindruckende Erfolgs-

geschichte. Warum nur blieb der Hang zum Übermut so tief in uns verankert?

Unvernunft macht kreativ

Um Neues in die Welt zu bringen, muss man ausgetretene Denkpfade verlassen. Viele Wunder-

15 kinder mit revolutionären Ideen wurden deshalb von ihren Zeitgenossen verspottet. So auch

Albert Einstein: Der Physiker stellte die geltende Vorstellung vom Universum auf den Kopf

und ging als Querdenker in die Wissenschaftsgeschichte ein. Als kleiner Junge wurde Ein-

stein vom Kindermädchen oft „der Depperte“ genannt, und seine spätere Hauslehrerin soll

er in einem Wutanfall mit einem Stuhl attackiert haben, so dass sich diese nie mehr blicken

20 ließ.

Eine gewisse Exzentrik zeichnet viele Dichter und Denker aus. Salvador Dalí etwa hielt

sich für die Reinkarnation seines toten Bruders und trug gern einen Laib Brot als Hut.

Alexander Graham Bell wollte seinem Hund das Sprechen beibringen und erfand nebenbei

das Telefon.

25 Braucht es einen Funken Wahnsinn, um Geniales zu vollbringen? Laut Studien zeigen

außergewöhnlich kreative Menschen oft zumindest psychologische Auffälligkeiten. Der

britische Psychiater Felix Post analysierte die Biografien von 291 Berühmtheiten aus Wissen-

schaft, Musik, Kunst, Politik und Literatur, darunter Charles Darwin, Gustav Mahler,

Wassily Kandinsky, Sigmund Freud und Ernest Hemingway. Häufig erfüllten sie auf Grund

30 ihres wunderlichen Verhaltens einige Kriterien für eine psychische Störung – für eine echte

Diagnose reichte dies jedoch nur selten.

[...]

Dies scheint buchstäblich in der DNA zu wurzeln. Offenbar begünstigen bestimmte Erb-

faktoren nicht nur die Entwicklung einer Psychose – wenn das geordnete Denken und der

35 Sinn für die Realität schwinden –, sondern zugleich eine besonders ausgeprägte kreative

Ader. So entdeckte ein Forscherteam um Kári Stefánsson von der Universität Reykjavik bei

der Analyse des Erbguts von 150 000 Menschen, dass die Träger von Risikogenen für Schizo-

phrenie überdurchschnittlich oft kreative Berufe ausübten. Die erhöhte Schaffenskraft als

positiver Nebeneffekt könnte ein Grund dafür sein, warum sich solche pathogenen Erbgut-

40 varianten erhalten haben.

Unvernunft fördert Entwicklungspotenziale

S-Bahn-Surfer – also Leute, die sich außen an einen fahrenden Zug klammern – leben ge-

fährlich. Auf Baukräne zu klettern und aus schwindelnder Höhe in einen Fluss zu springen,

sollte man tunlichst unterlassen. Dass fast ausschließlich Jugendliche zu solchen halsbrecheri-

45 schen Aktionen neigen, ist wohl kein Zufall.

In der Pubertät sind viele Menschen regelrecht unzurechnungsfähig. „Ich wollte, es gäbe

gar kein Alter zwischen 10 und 23, oder die jungen Leute verschliefen die ganze Zeit: Denn

dazwischen ist nichts als den Dirnen Kinder schaffen 1, die Alten ärgern, stehlen, balgen“,

schrieb schon der englische Dichter William Shakespeare. Der Staat begegnet der Jugend

50 sogar mit besonderer Nachsicht: Von 14 bis 17, manchmal auch noch mit 20 Jahren gilt das

mildere Jugendstrafrecht. Im alten Rom dagegen waren Kinder bereits ab sieben strafmündig.

„Kinder lernen die Welt kennen, indem sie Dinge ausprobieren“, sagt der Psychologe

Jürg Frick von der Pädagogischen Hochschule Zürich. „Was davon unvernünftig war, er-

kennen sie erst an der Reaktion der anderen – oder wenn es schiefgeht.“ Gerade Teenager

55 fordern ihr Glück daher heraus. In dieser Hinsicht handeln sie oft sogar törichter als Kinder,

als hätten sie in Sachen Vernunftgebrauch Rückschritte gemacht. Schuld daran ist vermut-

lich die ungleichmäßige Reifung der verschiedenen Teile unseres Denkorgans. Das Beloh-

nungssystem, das sich erst relativ spät entwickelt, reift während der Pubertät schneller als

der präfrontale Kortex, der am abwägenden Denken beteiligt ist, Impulse im Zaum hält und

60 besonnenes Entscheiden und Planen fördert.

Dieses Ungleichgewicht führt zu überschießender Risikobereitschaft, der das „Resthirn“

nicht viel entgegensetzen kann, glaubt die Neurologin Kerstin Konrad vom Universitäts-

klinikum Aachen. Vor allem in emotional aufgeladenen Situationen gewinne das für Lust-

empfinden und Motivation zuständige Belohnungssystem leicht die Oberhand.

65 Dabei sind Jugendliche nicht per se unfähig, rationale Entscheidungen zu treffen. Frage-

bogenstudien lassen vermuten, dass sie viele Risiken ähnlich gut abschätzen wie Erwach-

sene. Der Verstand setzt vor allem dann aus, wenn Gleichaltrige anwesend sind. Das ergaben

Experimente, bei denen die Teilnehmer in einem virtuellen Autorennen möglichst schnell

und unfallfrei ans Ziel kommen sollten. Schauten Freunde zu, rasten Jugendliche viel eher

70 über rote Ampeln und riskierten einen Crash. Soziale Anerkennung ist in dieser Phase ein

extrem wichtiger Anreiz. Nur warum?

Laut einer Theorie trägt das risikoreiche Verhalten in der Adoleszenz dazu bei, dass sich

Jugendliche aus dem sicheren Nest der Familie lösen, um selbstständig die Welt zu erkunden

und einen Partner zu suchen. Dabei bestimmen die jeweilige Epoche und die Gesellschaft

75 allerdings stark darüber mit, was wir für vernünftig halten. [...]

Unvernunft ist attraktiv

James Byron Dean brachte die Frauen in den 1950er Jahren reihenweise um den Verstand.

Er drehte nur drei Filme und mimte darin stets den Rebellen. Die Hollywood-Legende ver-

körperte die Revolte der Jugend gegen die Werte der Erwachsenen. Auch sein Kleidungsstil

80 war eigenwillig: Er wollte nichts von Krawatten und Manschettenhemden wissen, die die

damalige Männermode bestimmten. Immer dabei: die obligatorische Zigarette im Mund-

winkel. Heute kaum salonfähig, aber – zugegeben – irgendwie cool. Das Leben der Ikone

der Freiheit und Unvernunft fand ein jähes Ende, als Dean 24-jährig mit seinem Sportwagen

verunglückte.

85 Der unvernünftige Herzensbrecher – bloß eine Ausnahme? Forschern zufolge fördert

Rebellion im Gegenteil die Anziehungskraft: Sich anzupassen oder aus der Menge heraus-

zustechen, sind konkurrierende Motive. Wenn wir Gefahr wittern, orientieren wir uns eher

an anderen; geht es jedoch darum, einen potenziellen Partner zu bezirzen, geben wir uns

unangepasst.

90 Laut Vladas Griskevicius und Robert Cialdini sei es für den Fortpflanzungserfolg wichtig,

sich von Rivalen abzuheben. Das testeten die beiden US-Psychologen mit einem Experiment.

Sie brachten Probanden in romantische Stimmung, indem sie ihnen ein Szenario vorlegten,

in das diese sich möglichst gut hineinversetzen sollten: „Du bist mit deinen Freunden im

Urlaub und lernst eine attraktive Person des anderen Geschlechts kennen. Ihr verbringt einen

95 romantischen Tag, der mit einem leidenschaftlichen Kuss im Mondlicht endet.“ Andere

Probanden lasen eine Geschichte, die ihr Bedürfnis nach Sicherheit wecken sollte: „Du bist

nachts allein zu Hause. Seltsame Geräusche ertönen zuerst draußen und später auch inner-

halb des Hauses.“ Der Text endete damit, dass jemand die Schlafzimmertür öffnet. Der Rest

der Teilnehmer las entweder eine alltägliche Geschichte oder gar nichts. Anschließend sollten

100 alle ein abstraktes Gemälde bewerten. Die Abstimmung lief dabei vermeintlich öffentlich

ab, so dass die (fingierten) Bewertungen der anderen Teilnehmer zu sehen waren. Tatsäch-

lich vergaben die Versuchsleiter nach dem Zufallsprinzip hohe oder niedrige Wertungen.

Die Forscher wollten herausfinden, wann die Teilnehmer eher der Herde folgten oder

gegen den Strom schwammen. Jene Probanden, die in eine ängstliche Stimmung gebracht

105 worden waren, orientierten sich stärker an der Gruppenmeinung und passten ihre eigene

Einschätzung daran an. Der romantische Flirt veränderte das Rating der Probanden allerdings

markant, zumindest bei den Männern: Sie wichen nun stark von der Meinung der Gruppe

ab; Frauen verhielten sich hingegen noch angepasster. Fazit: Männer setzen auf Nonkonfor-

mismus, um eine potenzielle Partnerin zu beeindrucken. Damit demonstrieren sie Unabhän-

110 gigkeit und Durchsetzungsstärke, so die Autoren. Frauen wählen offenbar häufig die gegen-

teilige Strategie.

Doch die Zeiten haben sich möglicherweise gewandelt. Ein Team um Matthew Hornsey

von der University of Queensland in Brisbane legte Studierenden Dating-Profile vor, die

verschiedene Facetten von Nonkonformität und Konformität widerspiegelten. Das Ergebnis:

115 Frauen wie Männer bevorzugten gleichermaßen die eigensinnigeren Singles. Weitere Studien

bestätigten, dass Unangepasste im Schnitt erfolgreicher in der Liebe waren. Und auch Ex-

partner hatten Probanden als attraktiver in Erinnerung, als je „eigenwilliger“ sie diese ein-

schätzten.

[...]

120 Unvernunft beweist uns, dass wir frei sind

[...]

Der Wunsch nach Selbstbestimmung, der dem Reiz des Verbotenen zu Grunde liegt,

wurzelt tief in uns. „Wer Schilder aufhängt, die davor warnen, etwas sei frisch gestrichen,

signalisiert uns indirekt, dass es ab sofort ein paar Dinge gibt, von denen wir uns fernhalten

125 sollten“, erklärt Christian Ankowitsch. Und wagt es jemand, unseren Handlungsspielraum

derart einzuschränken, wollen wir erst recht unsere Freiheit beweisen. Psychologen nennen

dies Reaktanz. Sie mag manchmal kindisch erscheinen, hat aber Vorteile: Sie sorgt dafür,

dass wir nicht blind Autoritäten folgen.

[...]

130 Auch wenn sie Gefahren birgt, Neugier bringt uns voran. „Vor 5000 Jahren stiegen Men-

schen im heutigen Taiwan in Boote und begaben sich auf die Suche nach einer neuen Heimat

jenseits des Pazifiks. Sie konnten nicht sicher sein, dass sie je irgendwo ankommen“, sagt

Karl-Heinz Kohl über die Entdeckung abgelegener Südseeinseln. „Das geht gegen jede Ver-

nunft, war aber entscheidend für die Besiedlung der Erde.“

1 Im Sinne von Sexualität als für Jugendliche dominantes Thema (Dirne = Prostituierte)

Aufgabe 3

Erklären Sie mithilfe des kognitivistischen Persönlichkeitsmodells, was der Text im Kern über die Ursachen menschlichen Übermuts aussagt, und prüfen Sie, ob diese Erklärung gegenüber der ganzheitlich-humanistischen Erklärung aus Aufgabe 2 den Vorzug verdient. [28 Punkte]

a)

b)

Aufgabe NT 2 - Aufgabe 1 · Sozialpsychologische Theorien anwenden

Echt jetzt

Evi ist ganz bei sich. Trifft man sie in unserem Viertel auf der Straße, lässt sie einen zum

Beispiel umstandslos wissen: »Ich hab Schokolade – lecker!« Kein »Wie geht’s?« oder

»Probier mal!«. Sie wartet auch nicht, ob man etwas erwidert, sondern läuft grußlos weiter.

Die Gefühle von anderen interessieren Evi kaum, weshalb sie schon mal Dinge fragt wie:

5 »Warum bist du so dick?« Aber das verzeiht man Evi gern. Sie ist schließlich erst vier.

Kinder sind der Inbegriff des Authentischen. Und dafür lieben wir sie. Sie verkörpern ein

Ideal, von dem wir Erwachsene uns oft eine Scheibe abschneiden möchten: einfach ganz

man selbst sein! Den eigenen Gefühlen und Wünschen folgen, ohne danach zu schielen, was

angebracht oder opportun ist! Doch so beneidenswert das erscheint, es hat durchaus Nach-

10 teile: Derart authentische Menschen stoßen ihre Nächsten leicht vor den Kopf und können

sich schlecht auf Situationen einstellen, in denen Verstellung gefragt ist. Wenn man über-

zeugen oder eigene Ziele durchsetzen will, ist kompromissloses »Echtsein« eher hinderlich.

Vielleicht denken Sie jetzt, das sei reichlich überzeichnet. Mit Authentizität verbinden wir

im Allgemeinen keine so radikale Ich-Bezogenheit, sondern eine Art naturbelassene Unschuld.

15 Eben zu wissen, was man will, und danach zu handeln. Authentisch sein hat ein überaus

positives Image. So schreibt der britische Psychologe und Coach Stephen Joseph: »Authen-

tische Menschen sind absolut ehrlich zu sich selbst. Sie sind fähig, auf ihre innere Stimme –

ihr Bauchgefühl – zu hören. Und sie sind sich der Komplexität ihrer Gefühlslage bewusst,

weil sie einen guten Zugang zu ihrer tieferen Weisheit besitzen. [...]

20 Anders als populäre Ratgeber kennt die wissenschaftliche Psychologie kein Persönlich-

keitsmerkmal namens Authentizität. Schließlich müsste man dazu wissen, was dem wahren

Wesen eines Menschen entspricht. Allerdings haben wir subjektiv durchaus das Gefühl, mehr

oder weniger authentisch, also unverfälscht und dem eigenen Ich treu zu sein. Wann sich

dieses Gefühl einstellt und was es bewirkt, verrät eine Menge darüber, wozu es gut ist – und

25 wie es sich womöglich fördern lässt.

[...]

Heutige Forscher [...] erklären das verbreitete Lob der Authentizität etwa so: Sich ver-

stellen zu müssen, strengt an. Äußere Ansprüche, seien es die der Eltern, des Chefs oder der

Etikette, prägen unseren Alltag. Die Vorstellung, wir könnten (oder würden) authentisch leben,

30 wirkt da wie ein Druckventil. »Sei einfach du, statt dich verbiegen zu lassen!« Am Ende

brechen wir aus unseren sozialen Zwängen zwar trotzdem nicht aus – aber der bloße Gedanke,

wir könnten es, entlastet.

Wahres Ich hin oder her, bin ich mir denn nicht immer treu, solange ich meinem eigenen

Willen folge? Halte ich zum Beispiel im Meeting den Mund, obwohl es in mir brodelt, oder

35 schmeichle ich dem nervigen Nachbarn, weil ich mich mit ihm gutstellen will, dann tue ich

das, weil mir das jeweilige Ziel wichtiger ist als die Wahrheit. Wir verteilen ständig Kom-

plimente und Lob, heucheln Interesse und Anteilnahme; wir sind, kurz gesagt, oft »falsche

Fünfziger«. Wäre es nicht wahrhaft authentisch, sich das einzugestehen?

Dass uns dies so schwerfällt, zeigt, um wie viel mehr es geht: Wir meinen nicht nur, authen-

40 tisch sein zu können, sondern es auch zu sollen. Denn das sei moralischer. [...]

[L]ässt sich Authentizität auch objektiv messen – und wenn ja, wie? Hierfür betrachten

Psychologen das Verhältnis zwischen bewussten und unbewussten Wünschen.

[...]

Der Motivationspsychologe Oliver Schultheiss von der Universität Erlangen-Nürnberg

45 hat erforscht, wie viel die offen geäußerten Ziele von Menschen mit den per impliziten Tests

gemessenen Leistungs-, Anschluss- und Machtmotiven zu tun haben. Antwort: überraschend

wenig! Laut einer Überblicksarbeit von 2014, in die 49 Studien mit insgesamt mehr als

6000 Teilnehmern einflossen, liegt die Korrelation (ein Maß für den Zusammenhang zwi-

schen zwei Größen) bei durchschnittlich 0,13 – kaum über Zufallsniveau.

50 [...].

Dass implizite Motive das wahre Ich darstellten, explizite Ziele dagegen bloß anerzogen

oder auferlegt seien, verneint Schultheiss: »Mein bewusstes Ich ist ebenso echt wie meine

impliziten Motive.« Denn so wie sich unbewusste Wünsche durchaus verändern, kann man

sich auch äußere Pflichten und Vorbilder zu eigen machen. Die strikte Trennung von authen-

55 tisch und aufgesetzt, echt und falsch wird der Realität nicht gerecht.

Wohl jeder hat bisweilen den Verdacht, dass er sich für Dinge abmüht, die ihm innerlich

wenig bedeuten. Wozu all die Überstunden, wenn so wenig Zeit für Hobbys oder die Familie

bleibt? [...]. Bereits 2005 hatte eine Arbeitsgruppe um Nicola Baumann und Julius Kuhl an

der Universität Osnabrück herausgefunden, dass die so genannte Ziel-Motiv-Inkongruenz auf

60 das Wohlbefinden drückt. In ihrer Studie empfanden Teilnehmer, deren explizite und impli-

zite Leistungsorientierung auseinanderklafften, mehr Stress und entwickelten eher psychoso-

matische Beschwerden.

Eine spannende Frage lautet daher: Lässt sich das bewusste mit dem unbewussten Ich

besser verbinden? Laut Schultheiss und seinem Kollegen Joachim Brunstein besteht eine

65 Möglichkeit darin, die Imagination anzuregen. Die Forscher baten Probanden in einer Studie,

sich das Erreichen eines persönlichen Ziels möglichst detailliert und lebhaft vor dem inneren

Auge zu vergegenwärtigen. Wie wäre es zum Beispiel, in einem sozialen Projekt mit Obdach-

losen zu arbeiten? Was genau heißt es, Abteilungsleiter mit prallvollem Terminkalender zu

sein? Die Teilnehmer sollten sich dabei vor allem auf ihr Empfinden konzentrieren: Wie fühlt

70 es sich an, sich um Hilfsbedürftige zu kümmern, ein Team zu leiten oder die Bilanzzahlen

zu präsentieren? Verspürt man bei dieser Vorstellung Lust oder Unwohlsein, Nervenkitzel

oder Panik?

Anscheinend helfen [auch] die körperlichen Reaktionen bei solchen Übungen dabei, die

eigenen unbewussten Motive einzuschätzen. [...]

Mit Bauchgefühl zu mehr Kongruenz

75 Die eigene somatische Erregung – gewissermaßen das Bauchgefühl – zu spüren, kann offen-

bar mehr Klarheit darüber verschaffen, was einem wichtig ist. [...]. Zumindest in diesem Punkt

scheint der oben zitierte Coach Stephen Joseph also recht zu haben: Wer von äußeren Erfor-

dernissen und Bedenken eher absieht, spürt besser, was ihm liegt.

Ein weiterer bedeutsamer Faktor ist Schultheiss zufolge das Verbalisierungsvermögen.

80 Denn um zu verstehen, was man eigentlich will, muss man sein Empfinden in Worte fassen

können. Laut einer 2011 veröffentlichten Studie besitzen verbal begabtere Menschen durch-

schnittlich auch eine größere Ziel-Motiv-Kongruenz.

[...]

Dennoch ist Authentizität alias hohe Selbstkongruenz nicht nur positiv zu bewerten. So

85 resümieren etwa Thrash und seine Kollegen: »Was schlecht für die Motivkongruenz ist, kann

gut sein für die soziale Harmonie.« Es gibt vermutlich Gründe dafür, warum sich unser be-

wusstes Denken oft um andere Ambitionen dreht als jene, die uns intuitiv umtreiben. Mit

anderen Worten: Sich anzupassen und fremden Ansprüchen gerecht zu werden, ist wichtig,

um mit anderen gut auszukommen und sie für seine persönlichen Ziele zu gewinnen.

Lob der Anpassung

Der kanadische Psychologe Delroy Paulhus prägte den Begriff »funktionale Flexibilität«.

Das klingt netter als »sich verstellen«, meint aber etwas Ähnliches: die Kunst, sich an ver-

schiedene Situationen anzupassen, egal wie man »eigentlich« ist. Der Introvertierte sollte

bei der Festrede schon etwas aus sich herausgehen, der Extrovertierte auch mal zuhören

95 können. Selbst impulsive Naturen sollten bei Bedarf besonnen bleiben und Schüchterne Mut

haben. Anders zu agieren, als es einem an sich entspricht, stellt eine wichtige Kompetenz

dar.

Zudem sind explizite und implizite Motive nicht streng voneinander getrennt. Von Kindes-

beinen an übernehmen wir fremde Erwartungen: nicht in die Hose machen, ordentlich essen,

100 keine Karos zu Streifen tragen, etwas aus sich machen... Anfangs ist uns das schnurz, erst

allmählich integrieren wir es in unser persönliches Wertesystem. Menschen verwandeln

ständig äußere Anforderungen in eigene Wünsche. Schon allein aus diesem Grund gibt es

keine absolute Authentizität.

Wie sehr wir aus dem schöpfen, was andere uns vormachen und was uns die Familie,

Freunde oder die Gesellschaft auferlegen, zeigt ein weiterer, paradox anmutender Studien-

105 befund: Anpassung fördert die Authentizität. So haben viele Menschen ausgerechnet dann

das Gefühl, ihr eigenes Ich auszuleben, wenn sie in Kleidung und Habitus Zigtausenden an-

deren gleichen.

Ein Team um Constantine Sedikides an der University of Southampton untersuchte, wann

sich Menschen besonders echt fühlen. Laut der 2016 veröffentlichten Studie ist das vor allem

110 der Fall, wenn sie sich in Gemeinschaft mit anderen aufgehoben fühlen. Die Psychologen

William Fleeson und Joshua Wilt hatten 2010 die gleiche Beobachtung gemacht. Ihre Pro-

banden fühlten sich selbst dann am nächsten, wenn sie mit anderen Erlebnisse teilten oder

auf ein kollektives Ziel hinarbeiteten. Mit Selbstverwirklichung im engeren Sinn hat das

wenig zu tun. Wer introvertiert war, fand sich also nicht dann authentisch, wenn er sich zu-

115 rückzog, Ängstliche lebten sich nicht darin aus, dass sie Konflikte mieden. Egal, wie wir in

Wahrheit sind, authentisch erscheint uns das, was uns ein gutes Gefühl vermittelt [...].

1. Arbeiten Sie aus dem Text heraus, welche verschiedenen Auffassungen von Authentizität vertreten werden, wie sich die Verbindung zwischen bewusstem und unbewusstem Ich beeinflussen lässt, was unter funktionaler Flexibilität zu verstehen ist und welche Forschungsergebnisse mit diesem Begriff zusammenhängen.

Setzen Sie anschließend die Möglichkeiten, die Verbindung zwischen bewusstem und unbewusstem Ich zu beeinflussen, zum Konzept der expliziten und impliziten Einstellungen in Beziehung. [26 Punkte]

Aufgabe NT 2 - Aufgabe 2 · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen

Echt jetzt

Evi ist ganz bei sich. Trifft man sie in unserem Viertel auf der Straße, lässt sie einen zum

Beispiel umstandslos wissen: »Ich hab Schokolade – lecker!« Kein »Wie geht’s?« oder

»Probier mal!«. Sie wartet auch nicht, ob man etwas erwidert, sondern läuft grußlos weiter.

Die Gefühle von anderen interessieren Evi kaum, weshalb sie schon mal Dinge fragt wie:

5 »Warum bist du so dick?« Aber das verzeiht man Evi gern. Sie ist schließlich erst vier.

Kinder sind der Inbegriff des Authentischen. Und dafür lieben wir sie. Sie verkörpern ein

Ideal, von dem wir Erwachsene uns oft eine Scheibe abschneiden möchten: einfach ganz

man selbst sein! Den eigenen Gefühlen und Wünschen folgen, ohne danach zu schielen, was

angebracht oder opportun ist! Doch so beneidenswert das erscheint, es hat durchaus Nach-

10 teile: Derart authentische Menschen stoßen ihre Nächsten leicht vor den Kopf und können

sich schlecht auf Situationen einstellen, in denen Verstellung gefragt ist. Wenn man über-

zeugen oder eigene Ziele durchsetzen will, ist kompromissloses »Echtsein« eher hinderlich.

Vielleicht denken Sie jetzt, das sei reichlich überzeichnet. Mit Authentizität verbinden wir

im Allgemeinen keine so radikale Ich-Bezogenheit, sondern eine Art naturbelassene Unschuld.

15 Eben zu wissen, was man will, und danach zu handeln. Authentisch sein hat ein überaus

positives Image. So schreibt der britische Psychologe und Coach Stephen Joseph: »Authen-

tische Menschen sind absolut ehrlich zu sich selbst. Sie sind fähig, auf ihre innere Stimme –

ihr Bauchgefühl – zu hören. Und sie sind sich der Komplexität ihrer Gefühlslage bewusst,

weil sie einen guten Zugang zu ihrer tieferen Weisheit besitzen. [...]

20 Anders als populäre Ratgeber kennt die wissenschaftliche Psychologie kein Persönlich-

keitsmerkmal namens Authentizität. Schließlich müsste man dazu wissen, was dem wahren

Wesen eines Menschen entspricht. Allerdings haben wir subjektiv durchaus das Gefühl, mehr

oder weniger authentisch, also unverfälscht und dem eigenen Ich treu zu sein. Wann sich

dieses Gefühl einstellt und was es bewirkt, verrät eine Menge darüber, wozu es gut ist – und

25 wie es sich womöglich fördern lässt.

[...]

Heutige Forscher [...] erklären das verbreitete Lob der Authentizität etwa so: Sich ver-

stellen zu müssen, strengt an. Äußere Ansprüche, seien es die der Eltern, des Chefs oder der

Etikette, prägen unseren Alltag. Die Vorstellung, wir könnten (oder würden) authentisch leben,

30 wirkt da wie ein Druckventil. »Sei einfach du, statt dich verbiegen zu lassen!« Am Ende

brechen wir aus unseren sozialen Zwängen zwar trotzdem nicht aus – aber der bloße Gedanke,

wir könnten es, entlastet.

Wahres Ich hin oder her, bin ich mir denn nicht immer treu, solange ich meinem eigenen

Willen folge? Halte ich zum Beispiel im Meeting den Mund, obwohl es in mir brodelt, oder

35 schmeichle ich dem nervigen Nachbarn, weil ich mich mit ihm gutstellen will, dann tue ich

das, weil mir das jeweilige Ziel wichtiger ist als die Wahrheit. Wir verteilen ständig Kom-

plimente und Lob, heucheln Interesse und Anteilnahme; wir sind, kurz gesagt, oft »falsche

Fünfziger«. Wäre es nicht wahrhaft authentisch, sich das einzugestehen?

Dass uns dies so schwerfällt, zeigt, um wie viel mehr es geht: Wir meinen nicht nur, authen-

40 tisch sein zu können, sondern es auch zu sollen. Denn das sei moralischer. [...]

[L]ässt sich Authentizität auch objektiv messen – und wenn ja, wie? Hierfür betrachten

Psychologen das Verhältnis zwischen bewussten und unbewussten Wünschen.

[...]

Der Motivationspsychologe Oliver Schultheiss von der Universität Erlangen-Nürnberg

45 hat erforscht, wie viel die offen geäußerten Ziele von Menschen mit den per impliziten Tests

gemessenen Leistungs-, Anschluss- und Machtmotiven zu tun haben. Antwort: überraschend

wenig! Laut einer Überblicksarbeit von 2014, in die 49 Studien mit insgesamt mehr als

6000 Teilnehmern einflossen, liegt die Korrelation (ein Maß für den Zusammenhang zwi-

schen zwei Größen) bei durchschnittlich 0,13 – kaum über Zufallsniveau.

50 [...].

Dass implizite Motive das wahre Ich darstellten, explizite Ziele dagegen bloß anerzogen

oder auferlegt seien, verneint Schultheiss: »Mein bewusstes Ich ist ebenso echt wie meine

impliziten Motive.« Denn so wie sich unbewusste Wünsche durchaus verändern, kann man

sich auch äußere Pflichten und Vorbilder zu eigen machen. Die strikte Trennung von authen-

55 tisch und aufgesetzt, echt und falsch wird der Realität nicht gerecht.

Wohl jeder hat bisweilen den Verdacht, dass er sich für Dinge abmüht, die ihm innerlich

wenig bedeuten. Wozu all die Überstunden, wenn so wenig Zeit für Hobbys oder die Familie

bleibt? [...]. Bereits 2005 hatte eine Arbeitsgruppe um Nicola Baumann und Julius Kuhl an

der Universität Osnabrück herausgefunden, dass die so genannte Ziel-Motiv-Inkongruenz auf

60 das Wohlbefinden drückt. In ihrer Studie empfanden Teilnehmer, deren explizite und impli-

zite Leistungsorientierung auseinanderklafften, mehr Stress und entwickelten eher psychoso-

matische Beschwerden.

Eine spannende Frage lautet daher: Lässt sich das bewusste mit dem unbewussten Ich

besser verbinden? Laut Schultheiss und seinem Kollegen Joachim Brunstein besteht eine

65 Möglichkeit darin, die Imagination anzuregen. Die Forscher baten Probanden in einer Studie,

sich das Erreichen eines persönlichen Ziels möglichst detailliert und lebhaft vor dem inneren

Auge zu vergegenwärtigen. Wie wäre es zum Beispiel, in einem sozialen Projekt mit Obdach-

losen zu arbeiten? Was genau heißt es, Abteilungsleiter mit prallvollem Terminkalender zu

sein? Die Teilnehmer sollten sich dabei vor allem auf ihr Empfinden konzentrieren: Wie fühlt

70 es sich an, sich um Hilfsbedürftige zu kümmern, ein Team zu leiten oder die Bilanzzahlen

zu präsentieren? Verspürt man bei dieser Vorstellung Lust oder Unwohlsein, Nervenkitzel

oder Panik?

Anscheinend helfen [auch] die körperlichen Reaktionen bei solchen Übungen dabei, die

eigenen unbewussten Motive einzuschätzen. [...]

Mit Bauchgefühl zu mehr Kongruenz

75 Die eigene somatische Erregung – gewissermaßen das Bauchgefühl – zu spüren, kann offen-

bar mehr Klarheit darüber verschaffen, was einem wichtig ist. [...]. Zumindest in diesem Punkt

scheint der oben zitierte Coach Stephen Joseph also recht zu haben: Wer von äußeren Erfor-

dernissen und Bedenken eher absieht, spürt besser, was ihm liegt.

Ein weiterer bedeutsamer Faktor ist Schultheiss zufolge das Verbalisierungsvermögen.

80 Denn um zu verstehen, was man eigentlich will, muss man sein Empfinden in Worte fassen

können. Laut einer 2011 veröffentlichten Studie besitzen verbal begabtere Menschen durch-

schnittlich auch eine größere Ziel-Motiv-Kongruenz.

[...]

Dennoch ist Authentizität alias hohe Selbstkongruenz nicht nur positiv zu bewerten. So

85 resümieren etwa Thrash und seine Kollegen: »Was schlecht für die Motivkongruenz ist, kann

gut sein für die soziale Harmonie.« Es gibt vermutlich Gründe dafür, warum sich unser be-

wusstes Denken oft um andere Ambitionen dreht als jene, die uns intuitiv umtreiben. Mit

anderen Worten: Sich anzupassen und fremden Ansprüchen gerecht zu werden, ist wichtig,

um mit anderen gut auszukommen und sie für seine persönlichen Ziele zu gewinnen.

Lob der Anpassung

Der kanadische Psychologe Delroy Paulhus prägte den Begriff »funktionale Flexibilität«.

Das klingt netter als »sich verstellen«, meint aber etwas Ähnliches: die Kunst, sich an ver-

schiedene Situationen anzupassen, egal wie man »eigentlich« ist. Der Introvertierte sollte

bei der Festrede schon etwas aus sich herausgehen, der Extrovertierte auch mal zuhören

95 können. Selbst impulsive Naturen sollten bei Bedarf besonnen bleiben und Schüchterne Mut

haben. Anders zu agieren, als es einem an sich entspricht, stellt eine wichtige Kompetenz

dar.

Zudem sind explizite und implizite Motive nicht streng voneinander getrennt. Von Kindes-

beinen an übernehmen wir fremde Erwartungen: nicht in die Hose machen, ordentlich essen,

100 keine Karos zu Streifen tragen, etwas aus sich machen... Anfangs ist uns das schnurz, erst

allmählich integrieren wir es in unser persönliches Wertesystem. Menschen verwandeln

ständig äußere Anforderungen in eigene Wünsche. Schon allein aus diesem Grund gibt es

keine absolute Authentizität.

Wie sehr wir aus dem schöpfen, was andere uns vormachen und was uns die Familie,

Freunde oder die Gesellschaft auferlegen, zeigt ein weiterer, paradox anmutender Studien-

105 befund: Anpassung fördert die Authentizität. So haben viele Menschen ausgerechnet dann

das Gefühl, ihr eigenes Ich auszuleben, wenn sie in Kleidung und Habitus Zigtausenden an-

deren gleichen.

Ein Team um Constantine Sedikides an der University of Southampton untersuchte, wann

sich Menschen besonders echt fühlen. Laut der 2016 veröffentlichten Studie ist das vor allem

110 der Fall, wenn sie sich in Gemeinschaft mit anderen aufgehoben fühlen. Die Psychologen

William Fleeson und Joshua Wilt hatten 2010 die gleiche Beobachtung gemacht. Ihre Pro-

banden fühlten sich selbst dann am nächsten, wenn sie mit anderen Erlebnisse teilten oder

auf ein kollektives Ziel hinarbeiteten. Mit Selbstverwirklichung im engeren Sinn hat das

wenig zu tun. Wer introvertiert war, fand sich also nicht dann authentisch, wenn er sich zu-

115 rückzog, Ängstliche lebten sich nicht darin aus, dass sie Konflikte mieden. Egal, wie wir in

Wahrheit sind, authentisch erscheint uns das, was uns ein gutes Gefühl vermittelt [...].

2. Erklären Sie, was unter funktionaler Flexibilität zu verstehen ist, und erklären Sie die damit zusammenhängenden Forschungsbefunde sowohl anhand des kognitivistischen als auch des tiefenpsychologischen Persönlichkeitsmodells. [26 Punkte]

Aufgabe NT 2 - Aufgabe 3 · Psychische Störungen und Psychotherapie

Echt jetzt

Evi ist ganz bei sich. Trifft man sie in unserem Viertel auf der Straße, lässt sie einen zum

Beispiel umstandslos wissen: »Ich hab Schokolade – lecker!« Kein »Wie geht’s?« oder

»Probier mal!«. Sie wartet auch nicht, ob man etwas erwidert, sondern läuft grußlos weiter.

Die Gefühle von anderen interessieren Evi kaum, weshalb sie schon mal Dinge fragt wie:

5 »Warum bist du so dick?« Aber das verzeiht man Evi gern. Sie ist schließlich erst vier.

Kinder sind der Inbegriff des Authentischen. Und dafür lieben wir sie. Sie verkörpern ein

Ideal, von dem wir Erwachsene uns oft eine Scheibe abschneiden möchten: einfach ganz

man selbst sein! Den eigenen Gefühlen und Wünschen folgen, ohne danach zu schielen, was

angebracht oder opportun ist! Doch so beneidenswert das erscheint, es hat durchaus Nach-

10 teile: Derart authentische Menschen stoßen ihre Nächsten leicht vor den Kopf und können

sich schlecht auf Situationen einstellen, in denen Verstellung gefragt ist. Wenn man über-

zeugen oder eigene Ziele durchsetzen will, ist kompromissloses »Echtsein« eher hinderlich.

Vielleicht denken Sie jetzt, das sei reichlich überzeichnet. Mit Authentizität verbinden wir

im Allgemeinen keine so radikale Ich-Bezogenheit, sondern eine Art naturbelassene Unschuld.

15 Eben zu wissen, was man will, und danach zu handeln. Authentisch sein hat ein überaus

positives Image. So schreibt der britische Psychologe und Coach Stephen Joseph: »Authen-

tische Menschen sind absolut ehrlich zu sich selbst. Sie sind fähig, auf ihre innere Stimme –

ihr Bauchgefühl – zu hören. Und sie sind sich der Komplexität ihrer Gefühlslage bewusst,

weil sie einen guten Zugang zu ihrer tieferen Weisheit besitzen. [...]

20 Anders als populäre Ratgeber kennt die wissenschaftliche Psychologie kein Persönlich-

keitsmerkmal namens Authentizität. Schließlich müsste man dazu wissen, was dem wahren

Wesen eines Menschen entspricht. Allerdings haben wir subjektiv durchaus das Gefühl, mehr

oder weniger authentisch, also unverfälscht und dem eigenen Ich treu zu sein. Wann sich

dieses Gefühl einstellt und was es bewirkt, verrät eine Menge darüber, wozu es gut ist – und

25 wie es sich womöglich fördern lässt.

[...]

Heutige Forscher [...] erklären das verbreitete Lob der Authentizität etwa so: Sich ver-

stellen zu müssen, strengt an. Äußere Ansprüche, seien es die der Eltern, des Chefs oder der

Etikette, prägen unseren Alltag. Die Vorstellung, wir könnten (oder würden) authentisch leben,

30 wirkt da wie ein Druckventil. »Sei einfach du, statt dich verbiegen zu lassen!« Am Ende

brechen wir aus unseren sozialen Zwängen zwar trotzdem nicht aus – aber der bloße Gedanke,

wir könnten es, entlastet.

Wahres Ich hin oder her, bin ich mir denn nicht immer treu, solange ich meinem eigenen

Willen folge? Halte ich zum Beispiel im Meeting den Mund, obwohl es in mir brodelt, oder

35 schmeichle ich dem nervigen Nachbarn, weil ich mich mit ihm gutstellen will, dann tue ich

das, weil mir das jeweilige Ziel wichtiger ist als die Wahrheit. Wir verteilen ständig Kom-

plimente und Lob, heucheln Interesse und Anteilnahme; wir sind, kurz gesagt, oft »falsche

Fünfziger«. Wäre es nicht wahrhaft authentisch, sich das einzugestehen?

Dass uns dies so schwerfällt, zeigt, um wie viel mehr es geht: Wir meinen nicht nur, authen-

40 tisch sein zu können, sondern es auch zu sollen. Denn das sei moralischer. [...]

[L]ässt sich Authentizität auch objektiv messen – und wenn ja, wie? Hierfür betrachten

Psychologen das Verhältnis zwischen bewussten und unbewussten Wünschen.

[...]

Der Motivationspsychologe Oliver Schultheiss von der Universität Erlangen-Nürnberg

45 hat erforscht, wie viel die offen geäußerten Ziele von Menschen mit den per impliziten Tests

gemessenen Leistungs-, Anschluss- und Machtmotiven zu tun haben. Antwort: überraschend

wenig! Laut einer Überblicksarbeit von 2014, in die 49 Studien mit insgesamt mehr als

6000 Teilnehmern einflossen, liegt die Korrelation (ein Maß für den Zusammenhang zwi-

schen zwei Größen) bei durchschnittlich 0,13 – kaum über Zufallsniveau.

50 [...].

Dass implizite Motive das wahre Ich darstellten, explizite Ziele dagegen bloß anerzogen

oder auferlegt seien, verneint Schultheiss: »Mein bewusstes Ich ist ebenso echt wie meine

impliziten Motive.« Denn so wie sich unbewusste Wünsche durchaus verändern, kann man

sich auch äußere Pflichten und Vorbilder zu eigen machen. Die strikte Trennung von authen-

55 tisch und aufgesetzt, echt und falsch wird der Realität nicht gerecht.

Wohl jeder hat bisweilen den Verdacht, dass er sich für Dinge abmüht, die ihm innerlich

wenig bedeuten. Wozu all die Überstunden, wenn so wenig Zeit für Hobbys oder die Familie

bleibt? [...]. Bereits 2005 hatte eine Arbeitsgruppe um Nicola Baumann und Julius Kuhl an

der Universität Osnabrück herausgefunden, dass die so genannte Ziel-Motiv-Inkongruenz auf

60 das Wohlbefinden drückt. In ihrer Studie empfanden Teilnehmer, deren explizite und impli-

zite Leistungsorientierung auseinanderklafften, mehr Stress und entwickelten eher psychoso-

matische Beschwerden.

Eine spannende Frage lautet daher: Lässt sich das bewusste mit dem unbewussten Ich

besser verbinden? Laut Schultheiss und seinem Kollegen Joachim Brunstein besteht eine

65 Möglichkeit darin, die Imagination anzuregen. Die Forscher baten Probanden in einer Studie,

sich das Erreichen eines persönlichen Ziels möglichst detailliert und lebhaft vor dem inneren

Auge zu vergegenwärtigen. Wie wäre es zum Beispiel, in einem sozialen Projekt mit Obdach-

losen zu arbeiten? Was genau heißt es, Abteilungsleiter mit prallvollem Terminkalender zu

sein? Die Teilnehmer sollten sich dabei vor allem auf ihr Empfinden konzentrieren: Wie fühlt

70 es sich an, sich um Hilfsbedürftige zu kümmern, ein Team zu leiten oder die Bilanzzahlen

zu präsentieren? Verspürt man bei dieser Vorstellung Lust oder Unwohlsein, Nervenkitzel

oder Panik?

Anscheinend helfen [auch] die körperlichen Reaktionen bei solchen Übungen dabei, die

eigenen unbewussten Motive einzuschätzen. [...]

Mit Bauchgefühl zu mehr Kongruenz

75 Die eigene somatische Erregung – gewissermaßen das Bauchgefühl – zu spüren, kann offen-

bar mehr Klarheit darüber verschaffen, was einem wichtig ist. [...]. Zumindest in diesem Punkt

scheint der oben zitierte Coach Stephen Joseph also recht zu haben: Wer von äußeren Erfor-

dernissen und Bedenken eher absieht, spürt besser, was ihm liegt.

Ein weiterer bedeutsamer Faktor ist Schultheiss zufolge das Verbalisierungsvermögen.

80 Denn um zu verstehen, was man eigentlich will, muss man sein Empfinden in Worte fassen

können. Laut einer 2011 veröffentlichten Studie besitzen verbal begabtere Menschen durch-

schnittlich auch eine größere Ziel-Motiv-Kongruenz.

[...]

Dennoch ist Authentizität alias hohe Selbstkongruenz nicht nur positiv zu bewerten. So

85 resümieren etwa Thrash und seine Kollegen: »Was schlecht für die Motivkongruenz ist, kann

gut sein für die soziale Harmonie.« Es gibt vermutlich Gründe dafür, warum sich unser be-

wusstes Denken oft um andere Ambitionen dreht als jene, die uns intuitiv umtreiben. Mit

anderen Worten: Sich anzupassen und fremden Ansprüchen gerecht zu werden, ist wichtig,

um mit anderen gut auszukommen und sie für seine persönlichen Ziele zu gewinnen.

Lob der Anpassung

Der kanadische Psychologe Delroy Paulhus prägte den Begriff »funktionale Flexibilität«.

Das klingt netter als »sich verstellen«, meint aber etwas Ähnliches: die Kunst, sich an ver-

schiedene Situationen anzupassen, egal wie man »eigentlich« ist. Der Introvertierte sollte

bei der Festrede schon etwas aus sich herausgehen, der Extrovertierte auch mal zuhören

95 können. Selbst impulsive Naturen sollten bei Bedarf besonnen bleiben und Schüchterne Mut

haben. Anders zu agieren, als es einem an sich entspricht, stellt eine wichtige Kompetenz

dar.

Zudem sind explizite und implizite Motive nicht streng voneinander getrennt. Von Kindes-

beinen an übernehmen wir fremde Erwartungen: nicht in die Hose machen, ordentlich essen,

100 keine Karos zu Streifen tragen, etwas aus sich machen... Anfangs ist uns das schnurz, erst

allmählich integrieren wir es in unser persönliches Wertesystem. Menschen verwandeln

ständig äußere Anforderungen in eigene Wünsche. Schon allein aus diesem Grund gibt es

keine absolute Authentizität.

Wie sehr wir aus dem schöpfen, was andere uns vormachen und was uns die Familie,

Freunde oder die Gesellschaft auferlegen, zeigt ein weiterer, paradox anmutender Studien-

105 befund: Anpassung fördert die Authentizität. So haben viele Menschen ausgerechnet dann

das Gefühl, ihr eigenes Ich auszuleben, wenn sie in Kleidung und Habitus Zigtausenden an-

deren gleichen.

Ein Team um Constantine Sedikides an der University of Southampton untersuchte, wann

sich Menschen besonders echt fühlen. Laut der 2016 veröffentlichten Studie ist das vor allem

110 der Fall, wenn sie sich in Gemeinschaft mit anderen aufgehoben fühlen. Die Psychologen

William Fleeson und Joshua Wilt hatten 2010 die gleiche Beobachtung gemacht. Ihre Pro-

banden fühlten sich selbst dann am nächsten, wenn sie mit anderen Erlebnisse teilten oder

auf ein kollektives Ziel hinarbeiteten. Mit Selbstverwirklichung im engeren Sinn hat das

wenig zu tun. Wer introvertiert war, fand sich also nicht dann authentisch, wenn er sich zu-

115 rückzog, Ängstliche lebten sich nicht darin aus, dass sie Konflikte mieden. Egal, wie wir in

Wahrheit sind, authentisch erscheint uns das, was uns ein gutes Gefühl vermittelt [...].

3. Erörtern Sie, welche der Erklärungen aus Aufgabe 2 den Vorzug verdient, und nehmen Sie unter Rückgriff auf ein Normalitätsmodell Stellung zur Frage, inwieweit eine stark ausgeprägte funktionale Flexibilität einer Behandlung bedarf. [28 Punkte]

Aufgabe NT 3 - Aufgabe 1 · Sozialpsychologische Theorien anwenden

Flexibler Denken

Stellen Sie sich vor, Sie sind mit Freunden unterwegs und verbringen gemeinsam einen schö-

nen Abend. Plötzlich verabschiedet sich einer aus der Gruppe mit knappen Worten und geht.

Ihnen fällt auf, dass derjenige bereits die ganze Zeit ungewöhnlich still gewesen ist. Viel-

leicht fragen Sie sich: „Hat er was? Hat jemand in der Runde etwas Falsches gesagt? Oder

5 belastet den Freund womöglich etwas, von dem ich nichts weiß?“ In diesem Moment tun

Sie, was die britischen Psychoanalytiker Peter Fonagy und Mary Target als „mentalisieren“

bezeichnen. Sie denken über die Beweggründe für Ihr eigenes oder das Verhalten anderer

Menschen nach. Wer mentalisiert, sucht nach Motiven und Erklärungen, und die vermuten

wir zumeist in mentalen Prozessen wie Gefühlen oder Überzeugungen. Vereinfacht ausge-

10 drückt, verleiht das Mentalisieren unserem oder fremdem Handeln Sinn.

Wenn Sie zum Beispiel wissen, dass Ihr Freund gerade eine schwere Zeit durchmacht, weil

ihn seine Freundin sitzen ließ oder weil er seinen Job verlor, dann wird Ihnen sein vorzeitiges

Verlassen der Runde eher verständlich und nachvollziehbar erscheinen. Wir mentalisieren

ständig, auch ohne es zu bemerken; es handelt sich um eine Art psychische Grundausstattung.

15 Da Mentalisieren jedoch Energie kostet, reflektieren wir nur dann bewusst, wenn wir müs-

sen. Hätte der Freund beim Verabschieden etwa gesagt, dass er am nächsten Tag einen wich-

tigen Vortrag halten muss, hätten Sie sich alle weiteren Erklärungsversuche sparen können.

Wer trotzdem fieberhaft nach weiteren Begründungen sucht, gerät schnell ins Überinterpre-

tieren oder „Hypermentalisieren“.

20 Mit anderen Worten: Die Fähigkeit allein führt im Alltag nicht immer zum Ziel. Manchmal

können wir einfach nicht entscheiden, was genau hinter dem Tun eines anderen steckt. [...]

Mitunter sind wir uns der feindseligen Absicht [eines] anderen allerdings so sicher, dass

Wut und Empörung in uns aufsteigen. Einen solchen Zustand, in dem wir überzeugt sind, dass

unsere Gedanken und Gefühle auf jeden Fall zutreffen und berechtigt sind, nennen Fonagy

25 und sein Team den „Äquivalenz-Modus“. Er ist ein weiteres gutes Beispiel für ineffektives

Mentalisieren.

Äquivalent, also gleichbedeutend oder deckungsgleich, wird in diesem Fall unsere eigene

Innensicht (was wir über den Kollegen denken) mit der Außensicht (was der Kollege wirk-

lich tat). Mitunter schenken wir unserer Innensicht absoluten Glauben: So, wie ich die Welt

30 gerade erlebe, muss es sein!

Im Äquivalenz-Modus befinden wir uns alle von Zeit zu Zeit. Häufig kommt das in Stress-

situationen vor, in denen wir schnell enttäuscht, traurig oder zornig sind. Dann gelingt es uns

kaum, die Perspektive des anderen einzunehmen oder alternative Erklärungen in Betracht

zu ziehen. Unser Denken ist in solchen Momenten eingeengt und starr.

35 Während die Fähigkeit zu mentalisieren, diese wichtige Grundlage gelingender Beziehun-

gen, bei Gesunden nur in gewissem Rahmen schwankt, ist sie bei Menschen mit psychischen

Störungen, insbesondere Persönlichkeitsstörungen, meist dauerhaft oder systematisch einge-

schränkt. Für die Betroffenen entwickelte Fonagy gemeinsam mit seinem Kollegen Anthony

Bateman am University College London die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT). Ihr

40 Hauptziel: die Mentalisierungsfähigkeit fördern und damit einen wichtigen persönlichen

Entwicklungsschritt nachholen.

Denn wie viele Psychoanalytiker gehen Bateman und Fonagy davon aus, dass Erfahrungen

in der Kindheit dieses Vermögen entscheidend beeinflussen. Seine Wurzeln reichen bis ins

Säuglingsalter zurück, wenn das Kind und seine Bezugspersonen miteinander in Kontakt

45 treten.

Nehmen wir an, ein Neugeborenes wacht auf und beginnt zu schreien. Die Mutter kommt

herbei, nimmt es in den Arm und beruhigt es. Vielleicht sagt sie etwas wie „Schsch… alles

gut. Du hast dich bestimmt erschreckt, weil du hier allein aufgewacht bist, aber ich bin bei

dir“ – und wiegt das Kind sanft.

50 Diese Szene ist längst nicht so trivial, wie es auf den ersten Blick erscheint. Ein Kind lernt

aus solchen Situationen nämlich nach und nach sehr viel. Mit Hilfe der Ammensprache spie-

gelt die Mutter dem Kind sein Gefühl zurück. Sie tut das in einer Art und Weise, die ihm

deutlich macht, dass es selbst und nicht die Mutter erschrocken oder ängstlich ist. Die Be-

zugsperson „markiert“ also das Gefühl als dem Kind zugehörig.

55 [...]

Dadurch, so die Annahme, bildet das Kind allmählich ein Konzept des eigenen Selbst. Zu-

gleich unterstützt das Wiegen und das beruhigende Sprechen eine frühe Form der Gefühls-

regulation. Die Bezugsperson „verdaut“ sozusagen stellvertretend die Gefühle des Babys,

macht sie unschädlich und gibt sie ihm in erträglicherer Form zurück. Zudem erwirbt das

60 Kind so ein Vokabular für die eigenen inneren Zustände („Wenn ich mich so fühle, nennt

man das Angst“) und bekommt ein Gespür dafür, wie es auf diese Zustände einwirken kann

(„Wenn ich schreie, kommt jemand und beruhigt mich“).

Gemäß der Mentalisierungstheorie haben Menschen mit psychischen Störungen eine sol-

che „markierte Affektspiegelung“ oft nur eingeschränkt oder verzerrt erfahren. Bei fehlender

65 Affektspiegelung reagiert die Bezugsperson gar nicht auf Äußerungen des Kindes. Es kann

seine Gefühle somit nicht einordnen und auch nicht regulieren. Zurück bleibt eine ebenso

unerklärliche wie unkontrollierbare Anspannung.

Ähnliches tritt bei der „unmarkierten Affektspiegelung“ auf: Hier spiegelt die Bezugs-

person zwar die Gefühle des Kindes, lässt sich aber selbst davon anstecken. Zeigt die Mutter

70 beispielsweise ebenso viel Angst wie das Kind, findet keine effektive Regulation statt. Außer-

dem fällt es dem Kind dann schwer, zwischen sich und anderen zu unterscheiden, denn es

lernt, dass sich die eigene Angst auf andere überträgt.

Von verzerrter Affektspiegelung schließlich spricht man, wenn die Gefühle des Kindes

von der Bezugsperson fehlinterpretiert werden. Beispielsweise ist eine Spiegelung nicht

75 schlüssig, wenn die Eltern Schmerz als Hunger missverstehen und anfangen, das Kind zu

füttern, obwohl das gar nicht das Problem ist. Eine solche Reaktion erschwert es dem Kind

auf lange Sicht, seine Gefühle zu regulieren und die Grenzen zwischen sich und anderen ab-

zustecken. Dauerhaft untergraben wird das Mentalisieren durch frühe traumatische Erfah-

rungen, wenn ein Kind nicht erlebt, dass seine Fürsorgeperson es als denkendes und fühlen-

80 des Wesen spiegelt und respektiert.

Auch wenn eine seelische Verletzung in der Kindheit, etwa durch den Verlust eines Eltern-

teils oder Gewalterfahrungen, nicht ausreichend anerkannt und aufgefangen wird [...], kann

es der betreffenden Person im Erwachsenenalter an emotionaler Sicherheit mangeln. Sie

orientiert sich dann oft übermäßig stark am Verhalten anderer und fühlt sich schnell ange-

85 griffen, statt zu mentalisieren. Zudem haben manche dieser Menschen sehr rigide Vorstel-

lungen davon, wie andere ihnen gegenüber agieren sollten.

[...]

Sind während der frühkindlichen Entwicklung solche Hemmnisse für die Mentalisierungs-

fähigkeit entstanden, können sie mit Hilfe der MBT 1 therapeutisch angegangen werden. Die

90 Methode wurde ursprünglich für eine bestimmte psychische Störung konzipiert, nämlich die

Borderline-Persönlichkeitsstörung [...]. Um das Anfangsbeispiel aufzugreifen: Eine Person

mit Borderline-Persönlichkeitsstörung könnte sich durch einen Freund, der einfach geht, plötz-

lich verlassen und versetzt fühlen.

[...]

95 Eine gute Mentalisierungsstrategie würde es in diesem Moment erlauben, innerlich einen Schritt

zurückzutreten. Durch den Perspektivwechsel („Was könnte den Freund noch bewogen haben,

wortlos zu gehen? Hat das Verhalten wirklich mit mir zu tun?“) werden die eigenen Gefühle

spürbar, ohne dass die betreffende Person von ihnen überwältigt wird. Sie könnte so etwa zu

dem Schluss kommen: „Das war keine gute Verabschiedung, beim nächsten Treffen frage ich

100 mal nach, was los war.“

Ein zentrales Werkzeug der MBT ist die Beziehung zwischen Klient und Therapeut. Die

Mentalisierungsfähigkeit ist schließlich etwas, was wir nur zusammen mit anderen Personen

entwickeln. Deshalb kann sie auch am besten in einer Beziehung trainiert werden. Im Fokus

stehen dabei Gefühle, die zwischen den Beteiligten entstehen. Das kann Ärger über eine ab-

105 gesagte Therapiestunde sein oder Misstrauen bezüglich einer bestimmten Nachfrage. Die

MBT konzentriert sich immer auf den gegenwärtigen Moment; es geht also nicht um das

Ausdeuten vergangener biografischer Ereignisse [...].

Die therapeutische Haltung der MBT ist durchweg empathisch, neugierig und nachfragend.

Mit anderen Worten: Die Therapeutin oder der Therapeut agiert von einem Standpunkt des

110 Nichtwissens aus – es ist ja tatsächlich nicht gesagt, ob ihre Annahmen über das Erleben des

Klienten stimmen. Der Behandelnde wird somit selbst zum Rollenmodell für die Art des

Mentalisierens, die dem Gegenüber nahegebracht werden soll. Im Fall einer Borderline-Per-

sönlichkeitsstörung könnte das Therapiegespräch etwa so ablaufen:

Patient: „Dieser Idiot! Der weiß doch ganz genau, wie wichtig mir diese gemeinsamen

115 Abende sind. Ich hätte echt nicht erwartet, dass er einfach abhaut. Aber wahrscheinlich bin

ich ihm einfach egal. Und wie es mir damit geht, interessiert ihn überhaupt nicht. Der hat

doch nur darauf gewartet, mich fallen zu lassen wie eine heiße Kartoffel. Und wissen Sie,

eigentlich ist er mir auch egal. Solche Menschen habe ich schon zu Genüge kennen gelernt.

Der kann mir gestohlen bleiben.“ (Das beschreibt den psychischen Äquivalenz-Modus).

120 Therapeut: „Ich kann Ihre Enttäuschung nachvollziehen. Das muss schwierig für Sie sein,

wenn Sie sich plötzlich so verlassen fühlen.“ (Die Bestätigung der Gefühle des Patienten

nennt man in der MBT „empathische Validierung“).

P: „Ja, das hätte ich ihm nie zugetraut.“

T: „Was macht Sie so sicher, dass es Ihrem Freund egal war, wie es Ihnen geht?“ (Hier

125 wird die psychische Äquivalenz angesprochen.)

P: „Na, er ist ja ohne ein Wort einfach verschwunden. So etwas macht man doch nicht.“

T: „Wie haben Sie sich denn im Nachhinein das Verhalten erklärt?“ (Versuch, die Per-

spektive zu erweitern).

P: „Hm. Jetzt, wo Sie es sagen. Er hat sich in letzter Zeit viele Sorgen um seinen Vater

130 gemacht. Der wurde letzte Woche ins Krankenhaus eingeliefert. Vielleicht hat er ja etwas

Neues erfahren und wollte uns nicht den Abend verderben. Er war auf jeden Fall ziemlich

blass, als er losgefahren ist.“

T: „Wie geht es Ihnen jetzt, wenn Sie mit mir darüber sprechen?“

P: „Ich glaube, dass ich gestern wieder in das Schwarz-Weiß-Denken gefallen bin. Jetzt

135 kann ich mir vorstellen, noch mal nachzufragen, was los war. Aber ich bin trotzdem sauer,

dass er mich so im Ungewissen gelassen hat.“

T: „Das kann ich sehr gut verstehen, das würde jeden verunsichern.“ (Das affektive Er-

leben des Patienten wird eingeordnet und „normalisiert“.)

[...]

140 Es gibt erste Bemühungen, die Therapieform auf die Behandlung anderer psychischer

Störungen zu übertragen. [...]

Unklar ist noch, ob die positiven Effekte der MBT tatsächlich durch eine Veränderung

der Mentalisierungsfähigkeit erzielt werden, also durch einen sozialen Lernprozess, oder

eher durch allgemeine Faktoren wie eine gute therapeutische Beziehung oder die Hoffnung

145 auf Veränderung. [...]

1 Mentalisierungsbasierte Therapie

1. Geben Sie wieder, was unter „Mentalisieren“ zu verstehen ist und welche Beispiele der Text für ineffektives Mentalisieren anführt, und stellen Sie anschließend einen Zusammenhang zwischen dem Mentalisieren und der Theorie der Kausalattribution her. (18 Punkte)

Aufgabe NT 3 - Aufgabe 2 · Psychische Störungen und Psychotherapie

Flexibler Denken

Stellen Sie sich vor, Sie sind mit Freunden unterwegs und verbringen gemeinsam einen schö-

nen Abend. Plötzlich verabschiedet sich einer aus der Gruppe mit knappen Worten und geht.

Ihnen fällt auf, dass derjenige bereits die ganze Zeit ungewöhnlich still gewesen ist. Viel-

leicht fragen Sie sich: „Hat er was? Hat jemand in der Runde etwas Falsches gesagt? Oder

5 belastet den Freund womöglich etwas, von dem ich nichts weiß?“ In diesem Moment tun

Sie, was die britischen Psychoanalytiker Peter Fonagy und Mary Target als „mentalisieren“

bezeichnen. Sie denken über die Beweggründe für Ihr eigenes oder das Verhalten anderer

Menschen nach. Wer mentalisiert, sucht nach Motiven und Erklärungen, und die vermuten

wir zumeist in mentalen Prozessen wie Gefühlen oder Überzeugungen. Vereinfacht ausge-

10 drückt, verleiht das Mentalisieren unserem oder fremdem Handeln Sinn.

Wenn Sie zum Beispiel wissen, dass Ihr Freund gerade eine schwere Zeit durchmacht, weil

ihn seine Freundin sitzen ließ oder weil er seinen Job verlor, dann wird Ihnen sein vorzeitiges

Verlassen der Runde eher verständlich und nachvollziehbar erscheinen. Wir mentalisieren

ständig, auch ohne es zu bemerken; es handelt sich um eine Art psychische Grundausstattung.

15 Da Mentalisieren jedoch Energie kostet, reflektieren wir nur dann bewusst, wenn wir müs-

sen. Hätte der Freund beim Verabschieden etwa gesagt, dass er am nächsten Tag einen wich-

tigen Vortrag halten muss, hätten Sie sich alle weiteren Erklärungsversuche sparen können.

Wer trotzdem fieberhaft nach weiteren Begründungen sucht, gerät schnell ins Überinterpre-

tieren oder „Hypermentalisieren“.

20 Mit anderen Worten: Die Fähigkeit allein führt im Alltag nicht immer zum Ziel. Manchmal

können wir einfach nicht entscheiden, was genau hinter dem Tun eines anderen steckt. [...]

Mitunter sind wir uns der feindseligen Absicht [eines] anderen allerdings so sicher, dass

Wut und Empörung in uns aufsteigen. Einen solchen Zustand, in dem wir überzeugt sind, dass

unsere Gedanken und Gefühle auf jeden Fall zutreffen und berechtigt sind, nennen Fonagy

25 und sein Team den „Äquivalenz-Modus“. Er ist ein weiteres gutes Beispiel für ineffektives

Mentalisieren.

Äquivalent, also gleichbedeutend oder deckungsgleich, wird in diesem Fall unsere eigene

Innensicht (was wir über den Kollegen denken) mit der Außensicht (was der Kollege wirk-

lich tat). Mitunter schenken wir unserer Innensicht absoluten Glauben: So, wie ich die Welt

30 gerade erlebe, muss es sein!

Im Äquivalenz-Modus befinden wir uns alle von Zeit zu Zeit. Häufig kommt das in Stress-

situationen vor, in denen wir schnell enttäuscht, traurig oder zornig sind. Dann gelingt es uns

kaum, die Perspektive des anderen einzunehmen oder alternative Erklärungen in Betracht

zu ziehen. Unser Denken ist in solchen Momenten eingeengt und starr.

35 Während die Fähigkeit zu mentalisieren, diese wichtige Grundlage gelingender Beziehun-

gen, bei Gesunden nur in gewissem Rahmen schwankt, ist sie bei Menschen mit psychischen

Störungen, insbesondere Persönlichkeitsstörungen, meist dauerhaft oder systematisch einge-

schränkt. Für die Betroffenen entwickelte Fonagy gemeinsam mit seinem Kollegen Anthony

Bateman am University College London die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT). Ihr

40 Hauptziel: die Mentalisierungsfähigkeit fördern und damit einen wichtigen persönlichen

Entwicklungsschritt nachholen.

Denn wie viele Psychoanalytiker gehen Bateman und Fonagy davon aus, dass Erfahrungen

in der Kindheit dieses Vermögen entscheidend beeinflussen. Seine Wurzeln reichen bis ins

Säuglingsalter zurück, wenn das Kind und seine Bezugspersonen miteinander in Kontakt

45 treten.

Nehmen wir an, ein Neugeborenes wacht auf und beginnt zu schreien. Die Mutter kommt

herbei, nimmt es in den Arm und beruhigt es. Vielleicht sagt sie etwas wie „Schsch… alles

gut. Du hast dich bestimmt erschreckt, weil du hier allein aufgewacht bist, aber ich bin bei

dir“ – und wiegt das Kind sanft.

50 Diese Szene ist längst nicht so trivial, wie es auf den ersten Blick erscheint. Ein Kind lernt

aus solchen Situationen nämlich nach und nach sehr viel. Mit Hilfe der Ammensprache spie-

gelt die Mutter dem Kind sein Gefühl zurück. Sie tut das in einer Art und Weise, die ihm

deutlich macht, dass es selbst und nicht die Mutter erschrocken oder ängstlich ist. Die Be-

zugsperson „markiert“ also das Gefühl als dem Kind zugehörig.

55 [...]

Dadurch, so die Annahme, bildet das Kind allmählich ein Konzept des eigenen Selbst. Zu-

gleich unterstützt das Wiegen und das beruhigende Sprechen eine frühe Form der Gefühls-

regulation. Die Bezugsperson „verdaut“ sozusagen stellvertretend die Gefühle des Babys,

macht sie unschädlich und gibt sie ihm in erträglicherer Form zurück. Zudem erwirbt das

60 Kind so ein Vokabular für die eigenen inneren Zustände („Wenn ich mich so fühle, nennt

man das Angst“) und bekommt ein Gespür dafür, wie es auf diese Zustände einwirken kann

(„Wenn ich schreie, kommt jemand und beruhigt mich“).

Gemäß der Mentalisierungstheorie haben Menschen mit psychischen Störungen eine sol-

che „markierte Affektspiegelung“ oft nur eingeschränkt oder verzerrt erfahren. Bei fehlender

65 Affektspiegelung reagiert die Bezugsperson gar nicht auf Äußerungen des Kindes. Es kann

seine Gefühle somit nicht einordnen und auch nicht regulieren. Zurück bleibt eine ebenso

unerklärliche wie unkontrollierbare Anspannung.

Ähnliches tritt bei der „unmarkierten Affektspiegelung“ auf: Hier spiegelt die Bezugs-

person zwar die Gefühle des Kindes, lässt sich aber selbst davon anstecken. Zeigt die Mutter

70 beispielsweise ebenso viel Angst wie das Kind, findet keine effektive Regulation statt. Außer-

dem fällt es dem Kind dann schwer, zwischen sich und anderen zu unterscheiden, denn es

lernt, dass sich die eigene Angst auf andere überträgt.

Von verzerrter Affektspiegelung schließlich spricht man, wenn die Gefühle des Kindes

von der Bezugsperson fehlinterpretiert werden. Beispielsweise ist eine Spiegelung nicht

75 schlüssig, wenn die Eltern Schmerz als Hunger missverstehen und anfangen, das Kind zu

füttern, obwohl das gar nicht das Problem ist. Eine solche Reaktion erschwert es dem Kind

auf lange Sicht, seine Gefühle zu regulieren und die Grenzen zwischen sich und anderen ab-

zustecken. Dauerhaft untergraben wird das Mentalisieren durch frühe traumatische Erfah-

rungen, wenn ein Kind nicht erlebt, dass seine Fürsorgeperson es als denkendes und fühlen-

80 des Wesen spiegelt und respektiert.

Auch wenn eine seelische Verletzung in der Kindheit, etwa durch den Verlust eines Eltern-

teils oder Gewalterfahrungen, nicht ausreichend anerkannt und aufgefangen wird [...], kann

es der betreffenden Person im Erwachsenenalter an emotionaler Sicherheit mangeln. Sie

orientiert sich dann oft übermäßig stark am Verhalten anderer und fühlt sich schnell ange-

85 griffen, statt zu mentalisieren. Zudem haben manche dieser Menschen sehr rigide Vorstel-

lungen davon, wie andere ihnen gegenüber agieren sollten.

[...]

Sind während der frühkindlichen Entwicklung solche Hemmnisse für die Mentalisierungs-

fähigkeit entstanden, können sie mit Hilfe der MBT 1 therapeutisch angegangen werden. Die

90 Methode wurde ursprünglich für eine bestimmte psychische Störung konzipiert, nämlich die

Borderline-Persönlichkeitsstörung [...]. Um das Anfangsbeispiel aufzugreifen: Eine Person

mit Borderline-Persönlichkeitsstörung könnte sich durch einen Freund, der einfach geht, plötz-

lich verlassen und versetzt fühlen.

[...]

95 Eine gute Mentalisierungsstrategie würde es in diesem Moment erlauben, innerlich einen Schritt

zurückzutreten. Durch den Perspektivwechsel („Was könnte den Freund noch bewogen haben,

wortlos zu gehen? Hat das Verhalten wirklich mit mir zu tun?“) werden die eigenen Gefühle

spürbar, ohne dass die betreffende Person von ihnen überwältigt wird. Sie könnte so etwa zu

dem Schluss kommen: „Das war keine gute Verabschiedung, beim nächsten Treffen frage ich

100 mal nach, was los war.“

Ein zentrales Werkzeug der MBT ist die Beziehung zwischen Klient und Therapeut. Die

Mentalisierungsfähigkeit ist schließlich etwas, was wir nur zusammen mit anderen Personen

entwickeln. Deshalb kann sie auch am besten in einer Beziehung trainiert werden. Im Fokus

stehen dabei Gefühle, die zwischen den Beteiligten entstehen. Das kann Ärger über eine ab-

105 gesagte Therapiestunde sein oder Misstrauen bezüglich einer bestimmten Nachfrage. Die

MBT konzentriert sich immer auf den gegenwärtigen Moment; es geht also nicht um das

Ausdeuten vergangener biografischer Ereignisse [...].

Die therapeutische Haltung der MBT ist durchweg empathisch, neugierig und nachfragend.

Mit anderen Worten: Die Therapeutin oder der Therapeut agiert von einem Standpunkt des

110 Nichtwissens aus – es ist ja tatsächlich nicht gesagt, ob ihre Annahmen über das Erleben des

Klienten stimmen. Der Behandelnde wird somit selbst zum Rollenmodell für die Art des

Mentalisierens, die dem Gegenüber nahegebracht werden soll. Im Fall einer Borderline-Per-

sönlichkeitsstörung könnte das Therapiegespräch etwa so ablaufen:

Patient: „Dieser Idiot! Der weiß doch ganz genau, wie wichtig mir diese gemeinsamen

115 Abende sind. Ich hätte echt nicht erwartet, dass er einfach abhaut. Aber wahrscheinlich bin

ich ihm einfach egal. Und wie es mir damit geht, interessiert ihn überhaupt nicht. Der hat

doch nur darauf gewartet, mich fallen zu lassen wie eine heiße Kartoffel. Und wissen Sie,

eigentlich ist er mir auch egal. Solche Menschen habe ich schon zu Genüge kennen gelernt.

Der kann mir gestohlen bleiben.“ (Das beschreibt den psychischen Äquivalenz-Modus).

120 Therapeut: „Ich kann Ihre Enttäuschung nachvollziehen. Das muss schwierig für Sie sein,

wenn Sie sich plötzlich so verlassen fühlen.“ (Die Bestätigung der Gefühle des Patienten

nennt man in der MBT „empathische Validierung“).

P: „Ja, das hätte ich ihm nie zugetraut.“

T: „Was macht Sie so sicher, dass es Ihrem Freund egal war, wie es Ihnen geht?“ (Hier

125 wird die psychische Äquivalenz angesprochen.)

P: „Na, er ist ja ohne ein Wort einfach verschwunden. So etwas macht man doch nicht.“

T: „Wie haben Sie sich denn im Nachhinein das Verhalten erklärt?“ (Versuch, die Per-

spektive zu erweitern).

P: „Hm. Jetzt, wo Sie es sagen. Er hat sich in letzter Zeit viele Sorgen um seinen Vater

130 gemacht. Der wurde letzte Woche ins Krankenhaus eingeliefert. Vielleicht hat er ja etwas

Neues erfahren und wollte uns nicht den Abend verderben. Er war auf jeden Fall ziemlich

blass, als er losgefahren ist.“

T: „Wie geht es Ihnen jetzt, wenn Sie mit mir darüber sprechen?“

P: „Ich glaube, dass ich gestern wieder in das Schwarz-Weiß-Denken gefallen bin. Jetzt

135 kann ich mir vorstellen, noch mal nachzufragen, was los war. Aber ich bin trotzdem sauer,

dass er mich so im Ungewissen gelassen hat.“

T: „Das kann ich sehr gut verstehen, das würde jeden verunsichern.“ (Das affektive Er-

leben des Patienten wird eingeordnet und „normalisiert“.)

[...]

140 Es gibt erste Bemühungen, die Therapieform auf die Behandlung anderer psychischer

Störungen zu übertragen. [...]

Unklar ist noch, ob die positiven Effekte der MBT tatsächlich durch eine Veränderung

der Mentalisierungsfähigkeit erzielt werden, also durch einen sozialen Lernprozess, oder

eher durch allgemeine Faktoren wie eine gute therapeutische Beziehung oder die Hoffnung

145 auf Veränderung. [...]

1 Mentalisierungsbasierte Therapie

2. Arbeiten Sie für die mentalisierungsbasierte Therapie die Grundannahmen, die Ziele, die Methoden und die Therapeut-Klient-Beziehung heraus und vergleichen Sie diese Therapieform anhand dieser Kriterien mit der Gesprächspsychotherapie nach Rogers. (40 Punkte)

Aufgabe NT 3 - Aufgabe 3 · Psychische Störungen und Psychotherapie

Flexibler Denken

Stellen Sie sich vor, Sie sind mit Freunden unterwegs und verbringen gemeinsam einen schö-

nen Abend. Plötzlich verabschiedet sich einer aus der Gruppe mit knappen Worten und geht.

Ihnen fällt auf, dass derjenige bereits die ganze Zeit ungewöhnlich still gewesen ist. Viel-

leicht fragen Sie sich: „Hat er was? Hat jemand in der Runde etwas Falsches gesagt? Oder

5 belastet den Freund womöglich etwas, von dem ich nichts weiß?“ In diesem Moment tun

Sie, was die britischen Psychoanalytiker Peter Fonagy und Mary Target als „mentalisieren“

bezeichnen. Sie denken über die Beweggründe für Ihr eigenes oder das Verhalten anderer

Menschen nach. Wer mentalisiert, sucht nach Motiven und Erklärungen, und die vermuten

wir zumeist in mentalen Prozessen wie Gefühlen oder Überzeugungen. Vereinfacht ausge-

10 drückt, verleiht das Mentalisieren unserem oder fremdem Handeln Sinn.

Wenn Sie zum Beispiel wissen, dass Ihr Freund gerade eine schwere Zeit durchmacht, weil

ihn seine Freundin sitzen ließ oder weil er seinen Job verlor, dann wird Ihnen sein vorzeitiges

Verlassen der Runde eher verständlich und nachvollziehbar erscheinen. Wir mentalisieren

ständig, auch ohne es zu bemerken; es handelt sich um eine Art psychische Grundausstattung.

15 Da Mentalisieren jedoch Energie kostet, reflektieren wir nur dann bewusst, wenn wir müs-

sen. Hätte der Freund beim Verabschieden etwa gesagt, dass er am nächsten Tag einen wich-

tigen Vortrag halten muss, hätten Sie sich alle weiteren Erklärungsversuche sparen können.

Wer trotzdem fieberhaft nach weiteren Begründungen sucht, gerät schnell ins Überinterpre-

tieren oder „Hypermentalisieren“.

20 Mit anderen Worten: Die Fähigkeit allein führt im Alltag nicht immer zum Ziel. Manchmal

können wir einfach nicht entscheiden, was genau hinter dem Tun eines anderen steckt. [...]

Mitunter sind wir uns der feindseligen Absicht [eines] anderen allerdings so sicher, dass

Wut und Empörung in uns aufsteigen. Einen solchen Zustand, in dem wir überzeugt sind, dass

unsere Gedanken und Gefühle auf jeden Fall zutreffen und berechtigt sind, nennen Fonagy

25 und sein Team den „Äquivalenz-Modus“. Er ist ein weiteres gutes Beispiel für ineffektives

Mentalisieren.

Äquivalent, also gleichbedeutend oder deckungsgleich, wird in diesem Fall unsere eigene

Innensicht (was wir über den Kollegen denken) mit der Außensicht (was der Kollege wirk-

lich tat). Mitunter schenken wir unserer Innensicht absoluten Glauben: So, wie ich die Welt

30 gerade erlebe, muss es sein!

Im Äquivalenz-Modus befinden wir uns alle von Zeit zu Zeit. Häufig kommt das in Stress-

situationen vor, in denen wir schnell enttäuscht, traurig oder zornig sind. Dann gelingt es uns

kaum, die Perspektive des anderen einzunehmen oder alternative Erklärungen in Betracht

zu ziehen. Unser Denken ist in solchen Momenten eingeengt und starr.

35 Während die Fähigkeit zu mentalisieren, diese wichtige Grundlage gelingender Beziehun-

gen, bei Gesunden nur in gewissem Rahmen schwankt, ist sie bei Menschen mit psychischen

Störungen, insbesondere Persönlichkeitsstörungen, meist dauerhaft oder systematisch einge-

schränkt. Für die Betroffenen entwickelte Fonagy gemeinsam mit seinem Kollegen Anthony

Bateman am University College London die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT). Ihr

40 Hauptziel: die Mentalisierungsfähigkeit fördern und damit einen wichtigen persönlichen

Entwicklungsschritt nachholen.

Denn wie viele Psychoanalytiker gehen Bateman und Fonagy davon aus, dass Erfahrungen

in der Kindheit dieses Vermögen entscheidend beeinflussen. Seine Wurzeln reichen bis ins

Säuglingsalter zurück, wenn das Kind und seine Bezugspersonen miteinander in Kontakt

45 treten.

Nehmen wir an, ein Neugeborenes wacht auf und beginnt zu schreien. Die Mutter kommt

herbei, nimmt es in den Arm und beruhigt es. Vielleicht sagt sie etwas wie „Schsch… alles

gut. Du hast dich bestimmt erschreckt, weil du hier allein aufgewacht bist, aber ich bin bei

dir“ – und wiegt das Kind sanft.

50 Diese Szene ist längst nicht so trivial, wie es auf den ersten Blick erscheint. Ein Kind lernt

aus solchen Situationen nämlich nach und nach sehr viel. Mit Hilfe der Ammensprache spie-

gelt die Mutter dem Kind sein Gefühl zurück. Sie tut das in einer Art und Weise, die ihm

deutlich macht, dass es selbst und nicht die Mutter erschrocken oder ängstlich ist. Die Be-

zugsperson „markiert“ also das Gefühl als dem Kind zugehörig.

55 [...]

Dadurch, so die Annahme, bildet das Kind allmählich ein Konzept des eigenen Selbst. Zu-

gleich unterstützt das Wiegen und das beruhigende Sprechen eine frühe Form der Gefühls-

regulation. Die Bezugsperson „verdaut“ sozusagen stellvertretend die Gefühle des Babys,

macht sie unschädlich und gibt sie ihm in erträglicherer Form zurück. Zudem erwirbt das

60 Kind so ein Vokabular für die eigenen inneren Zustände („Wenn ich mich so fühle, nennt

man das Angst“) und bekommt ein Gespür dafür, wie es auf diese Zustände einwirken kann

(„Wenn ich schreie, kommt jemand und beruhigt mich“).

Gemäß der Mentalisierungstheorie haben Menschen mit psychischen Störungen eine sol-

che „markierte Affektspiegelung“ oft nur eingeschränkt oder verzerrt erfahren. Bei fehlender

65 Affektspiegelung reagiert die Bezugsperson gar nicht auf Äußerungen des Kindes. Es kann

seine Gefühle somit nicht einordnen und auch nicht regulieren. Zurück bleibt eine ebenso

unerklärliche wie unkontrollierbare Anspannung.

Ähnliches tritt bei der „unmarkierten Affektspiegelung“ auf: Hier spiegelt die Bezugs-

person zwar die Gefühle des Kindes, lässt sich aber selbst davon anstecken. Zeigt die Mutter

70 beispielsweise ebenso viel Angst wie das Kind, findet keine effektive Regulation statt. Außer-

dem fällt es dem Kind dann schwer, zwischen sich und anderen zu unterscheiden, denn es

lernt, dass sich die eigene Angst auf andere überträgt.

Von verzerrter Affektspiegelung schließlich spricht man, wenn die Gefühle des Kindes

von der Bezugsperson fehlinterpretiert werden. Beispielsweise ist eine Spiegelung nicht

75 schlüssig, wenn die Eltern Schmerz als Hunger missverstehen und anfangen, das Kind zu

füttern, obwohl das gar nicht das Problem ist. Eine solche Reaktion erschwert es dem Kind

auf lange Sicht, seine Gefühle zu regulieren und die Grenzen zwischen sich und anderen ab-

zustecken. Dauerhaft untergraben wird das Mentalisieren durch frühe traumatische Erfah-

rungen, wenn ein Kind nicht erlebt, dass seine Fürsorgeperson es als denkendes und fühlen-

80 des Wesen spiegelt und respektiert.

Auch wenn eine seelische Verletzung in der Kindheit, etwa durch den Verlust eines Eltern-

teils oder Gewalterfahrungen, nicht ausreichend anerkannt und aufgefangen wird [...], kann

es der betreffenden Person im Erwachsenenalter an emotionaler Sicherheit mangeln. Sie

orientiert sich dann oft übermäßig stark am Verhalten anderer und fühlt sich schnell ange-

85 griffen, statt zu mentalisieren. Zudem haben manche dieser Menschen sehr rigide Vorstel-

lungen davon, wie andere ihnen gegenüber agieren sollten.

[...]

Sind während der frühkindlichen Entwicklung solche Hemmnisse für die Mentalisierungs-

fähigkeit entstanden, können sie mit Hilfe der MBT 1 therapeutisch angegangen werden. Die

90 Methode wurde ursprünglich für eine bestimmte psychische Störung konzipiert, nämlich die

Borderline-Persönlichkeitsstörung [...]. Um das Anfangsbeispiel aufzugreifen: Eine Person

mit Borderline-Persönlichkeitsstörung könnte sich durch einen Freund, der einfach geht, plötz-

lich verlassen und versetzt fühlen.

[...]

95 Eine gute Mentalisierungsstrategie würde es in diesem Moment erlauben, innerlich einen Schritt

zurückzutreten. Durch den Perspektivwechsel („Was könnte den Freund noch bewogen haben,

wortlos zu gehen? Hat das Verhalten wirklich mit mir zu tun?“) werden die eigenen Gefühle

spürbar, ohne dass die betreffende Person von ihnen überwältigt wird. Sie könnte so etwa zu

dem Schluss kommen: „Das war keine gute Verabschiedung, beim nächsten Treffen frage ich

100 mal nach, was los war.“

Ein zentrales Werkzeug der MBT ist die Beziehung zwischen Klient und Therapeut. Die

Mentalisierungsfähigkeit ist schließlich etwas, was wir nur zusammen mit anderen Personen

entwickeln. Deshalb kann sie auch am besten in einer Beziehung trainiert werden. Im Fokus

stehen dabei Gefühle, die zwischen den Beteiligten entstehen. Das kann Ärger über eine ab-

105 gesagte Therapiestunde sein oder Misstrauen bezüglich einer bestimmten Nachfrage. Die

MBT konzentriert sich immer auf den gegenwärtigen Moment; es geht also nicht um das

Ausdeuten vergangener biografischer Ereignisse [...].

Die therapeutische Haltung der MBT ist durchweg empathisch, neugierig und nachfragend.

Mit anderen Worten: Die Therapeutin oder der Therapeut agiert von einem Standpunkt des

110 Nichtwissens aus – es ist ja tatsächlich nicht gesagt, ob ihre Annahmen über das Erleben des

Klienten stimmen. Der Behandelnde wird somit selbst zum Rollenmodell für die Art des

Mentalisierens, die dem Gegenüber nahegebracht werden soll. Im Fall einer Borderline-Per-

sönlichkeitsstörung könnte das Therapiegespräch etwa so ablaufen:

Patient: „Dieser Idiot! Der weiß doch ganz genau, wie wichtig mir diese gemeinsamen

115 Abende sind. Ich hätte echt nicht erwartet, dass er einfach abhaut. Aber wahrscheinlich bin

ich ihm einfach egal. Und wie es mir damit geht, interessiert ihn überhaupt nicht. Der hat

doch nur darauf gewartet, mich fallen zu lassen wie eine heiße Kartoffel. Und wissen Sie,

eigentlich ist er mir auch egal. Solche Menschen habe ich schon zu Genüge kennen gelernt.

Der kann mir gestohlen bleiben.“ (Das beschreibt den psychischen Äquivalenz-Modus).

120 Therapeut: „Ich kann Ihre Enttäuschung nachvollziehen. Das muss schwierig für Sie sein,

wenn Sie sich plötzlich so verlassen fühlen.“ (Die Bestätigung der Gefühle des Patienten

nennt man in der MBT „empathische Validierung“).

P: „Ja, das hätte ich ihm nie zugetraut.“

T: „Was macht Sie so sicher, dass es Ihrem Freund egal war, wie es Ihnen geht?“ (Hier

125 wird die psychische Äquivalenz angesprochen.)

P: „Na, er ist ja ohne ein Wort einfach verschwunden. So etwas macht man doch nicht.“

T: „Wie haben Sie sich denn im Nachhinein das Verhalten erklärt?“ (Versuch, die Per-

spektive zu erweitern).

P: „Hm. Jetzt, wo Sie es sagen. Er hat sich in letzter Zeit viele Sorgen um seinen Vater

130 gemacht. Der wurde letzte Woche ins Krankenhaus eingeliefert. Vielleicht hat er ja etwas

Neues erfahren und wollte uns nicht den Abend verderben. Er war auf jeden Fall ziemlich

blass, als er losgefahren ist.“

T: „Wie geht es Ihnen jetzt, wenn Sie mit mir darüber sprechen?“

P: „Ich glaube, dass ich gestern wieder in das Schwarz-Weiß-Denken gefallen bin. Jetzt

135 kann ich mir vorstellen, noch mal nachzufragen, was los war. Aber ich bin trotzdem sauer,

dass er mich so im Ungewissen gelassen hat.“

T: „Das kann ich sehr gut verstehen, das würde jeden verunsichern.“ (Das affektive Er-

leben des Patienten wird eingeordnet und „normalisiert“.)

[...]

140 Es gibt erste Bemühungen, die Therapieform auf die Behandlung anderer psychischer

Störungen zu übertragen. [...]

Unklar ist noch, ob die positiven Effekte der MBT tatsächlich durch eine Veränderung

der Mentalisierungsfähigkeit erzielt werden, also durch einen sozialen Lernprozess, oder

eher durch allgemeine Faktoren wie eine gute therapeutische Beziehung oder die Hoffnung

145 auf Veränderung. [...]

1 Mentalisierungsbasierte Therapie

3. Erörtern Sie, ob sich die mentalisierungsbasierte Therapie auch zur Behandlung einer sozialen Angststörung anwenden lässt. (22 Punkte)

Aufgabe NT 4 - Aufgabe 1 · Texte auswerten und Paradigmen zuordnen

Die Wurzeln der Freundschaft

Im Juni 2016 fiel an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich der Start-

schuss zu einem sozialpsychologischen Experiment. Forscher hatten Studierende des neuen

Jahrgangs zu einer Informationsveranstaltung eingeladen und würfelten die Teilnehmer per

Zufallslos zu Kleingruppen zusammen. Mit der jeweiligen Hand voll Kommilitonen machten

5 die Erstsemester eine Tour über den Campus, diskutierten miteinander und aßen gemeinsam in

der Mensa.

Als man die Probanden drei Monate später fragte, welche guten Freunde sie in ihrem Jahr-

gang gefunden hatten, nannten sehr viele von ihnen jemanden aus ihrer damaligen Begrüßungs-

gruppe – deutlich mehr, als angesichts der Vielzahl anderer Kommilitonen statistisch zu er-

10 warten gewesen wäre. Allerdings waren viele dieser frühen Freundschaften nicht von Dauer,

wie Studienautor Christoph Stadtfeld, Professor für soziale Netzwerke in Zürich, und seine

Mitarbeiterin Zsofia Boda feststellten. Mehr als jede zweite Freundschaft ging innerhalb des

ersten Studienjahrs in die Brüche. Zugleich gewannen die Studienanfänger zahlreiche neue

Freunde hinzu.

15 Der Zufall beeinflusst zwar sicherlich, mit wem wir uns zunächst lose befreunden. Ob

daraus eine längerfristige Bindung entsteht, hängt aber von weiteren Faktoren ab. […]

Was bestimmt darüber, welche Beziehung Bestand hat? Und warum haben wir überhaupt

Freunde? […]

[…] »Der evolutionäre Ursprung von Freundschaft hat sicher etwas damit zu tun, dass sie

20 beiden Beteiligten nutzt«, erklärt Oliver Schülke, Verhaltensökologe an der Universität

Göttingen. »Ist dieser Nutzen zu ungleich verteilt, kracht es irgendwann. Dann ist auf einen

Schlag Feierabend, egal wie gut das Verhältnis zuvor gewesen sein mag.«

Das strategische Element des Helfens

Niemand lässt sich gern ausnutzen. Wenn wir einen anderen unterstützen, erwarten wir in

25 der Regel, dass er sich uns gegenüber ebenso verhält, sobald wir in Not geraten. Unsere Hilfe,

so selbstlos sie sich im Moment anfühlen mag, enthält also ein strategisches Element.

Das spiegelt sich sogar in der Hirnaktivität wider, wie eine 2020 erschienene Studie von

Forschern der Universität Bern nahelegt. Demnach spielt bei Hilfeleistungen unter Freunden –

nicht aber unter Fremden – eine Region im Stirnhirn eine wichtige Rolle: der dorsolaterale

30 präfrontale Kortex (DLPFC). Aus anderen Arbeiten weiß man, dass dieses Areal vermehrt

aktiv wird, wenn wir strategische Entscheidungen treffen – sobald wir zum Beispiel selbst-

süchtige Impulse für langfristige Vorteile zurückstellen.

Freunde unterstützen einander; sie sind Gesprächspartner, Umzugshelfer oder Retter aus

finanziellen Notlagen. Wenn es hart auf hart kommt, riskieren sie füreinander sogar die Haut.

35 Selbst bei unseren nächsten Verwandten, den großen Menschenaffen, ist das nicht anders.

»Wir wissen, dass Schimpansen sehr tragfähige, langanhaltende Beziehungen zueinander

aufbauen können«, sagt Roman Wittig vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropo-

logie in Leipzig. »Sie teilen dann beispielsweise Futter miteinander oder stehen im Kampf

füreinander ein – und riskieren dabei sogar Verletzungen.«

40 Ein gutes soziales Netz erhöht so die Chancen, unter widrigen Umständen zu überleben.

Die US-amerikanische Primatenforscherin Joan Silk legte dazu mit zwei Kolleginnen inte-

ressante Daten aus Beobachtungen einer Pavian-Gruppe am Fuß des Kilimandscharo vor.

Über viele Jahre hatten die Wissenschaftlerinnen die Sozialkontakte zwischen den Weibchen

und anderen Tieren in der Gruppe minutiös protokolliert. Je mehr Beziehungspflege die

45 Mütter betrieben, desto größer war die Chance, dass ihre Jungtiere das kritische erste Lebens-

jahr überstanden. Ein engmaschiges soziales Netz scheint sich auszuzahlen. Weshalb genau,

ließ die Studie allerdings offen. Denkbar ist, dass gut vernetzte Mütter mitsamt ihren Jungen

besser vor Übergriffen etwa von gewalttätigen Männchen geschützt sind. Womöglich senken

starke soziale Bande aber auch ganz allgemein den Stresslevel der Tiere.

50 Auch beim Menschen wirken Beziehungen als Puffer gegen Stress. […]

Freundschaften sind also nicht nur emotional wichtig, sondern stärken ebenso die Gesund-

heit. […] Dennoch haben die wenigsten Menschen mehr als eine Hand voll wirklich guter

Freunde (wozu übrigens auch Familienangehörige oder Ehepartner zählen können). Um

diese gruppiert sich meist ein größerer Kreis guter Bekannter. […]

In 200 Stunden vom Bekannten zum Freund

Dunbar schätzt, dass ungefähr 200 Stunden direkte Interaktion nötig sind, damit aus einem

Bekannten ein Freund wird. Um uns zu befreunden, müssen wir also erst einmal Zeit inves-

tieren – […].

Unser begrenztes Zeitbudget lässt es kaum zu, dass wir sehr viele Freundschaften parallel

60 unterhalten. Deren Pflege ist zudem kognitiv fordernd. Denn damit andere zu uns Vertrauen

aufbauen, müssen wir erkennen, wie sie unser Handeln interpretieren – ob sie etwa einen

Kommentar, den wir abgeben, möglicherweise als Affront auffassen. Somit setzen enge

Freundschaften die Gabe voraus, sich in andere hineinzuversetzen – eine Fähigkeit, die man

als »Theory of Mind« oder kurz ToM bezeichnet. Sie entstand erst spät im Lauf der Evolution

65 und ist vermutlich in der Großhirnrinde lokalisiert. Interessanterweise ist bei Primaten, die

in größeren Gruppen leben, dieser Hirnabschnitt besonders voluminös, obwohl ein enger

Zusammenhang zwischen Hirn- und Gruppengröße in Fachkreisen umstritten ist.

Fest steht: Auch Menschenaffen verbringen reichlich Zeit mit der Beziehungspflege. So

kann die gegenseitige Säuberung des Fells Stunden dauern. Das ausgiebige Grooming¹ dient

70 nicht nur dazu, lästiges Ungeziefer loszuwerden. »Schimpansen bestätigen sich damit ihre

Freundschaft«, erklärt Max-Planck-Forscher Roman Wittig, der eine große Primaten-Feld-

studie in einem westafrikanischen Nationalpark leitet.

Ist Oxytozin der Schlüssel?

Besondere Bedeutung scheint dabei das Bindungshormon Oxytozin zu haben. Schimpansen

75 schütten das Neuropeptid² bei der sozialen Fellpflege vermehrt aus, allerdings nur dann, wenn

zwischen ihnen bereits eine engere Beziehung besteht. »Grooming verstärkt bestehende

Freundschaften, stiftet aber keine neuen«, erklärt Wittig.

Oxytozin entfaltet verschiedene Wirkungen im Gehirn; unter anderem verbessert es das

Gedächtnis für soziale Erfahrungen. Möglicherweise dient das Hormon der »emotionalen

80 Buchführung«, glaubt der Göttinger Verhaltensökologe Schülke: Nach einer positiven Be-

gegnung sorgt es dafür, dass wir dem anderen zukünftig mehr Vertrauen schenken.

[…] Wichtig ist zudem das Gefühl, in vielen Fragen einer Meinung zu sein, über diesel-

ben Dinge lachen zu können, sich für ähnliche Aktivitäten zu interessieren. Andernfalls ver-

laufen Begegnungen oft steif oder unerfreulich. Und wer verbringt schon gern Zeit mit je-

85 mandem, der ganz anders tickt als er selbst? Folglich befreunden wir uns vor allem mit

Menschen, die uns ähnlich sind.

Gleich und Gleich gesellt sich gern

[…]

Robin Dunbar nennt sieben Faktoren, die für stabile Beziehungen wichtig sind – die

90 »sieben Säulen der Freundschaft«: eine gemeinsame Sprache (noch besser: ein gemeinsamer

Dialekt). In derselben Gegend groß geworden zu sein. Ähnliche Schulen besucht zu haben.

Vergleichbare Hobbys und Interessen. Ein übereinstimmender Musikgeschmack. Über die

gleichen Dinge lachen zu können. Ähnliche politische und moralische Ansichten. »Letztlich

erkennen wir an diesen Dingen Menschen, deren Denkweise wir verstehen.« Das sei eine

95 wichtige Voraussetzung, um erfolgreich zu kooperieren.

[…]

Zeigen lässt sich das bei Schimpansen: Je enger die Beziehung zwischen den Tieren, desto

besser harmonieren sie bei Testaufgaben, die abgestimmtes Verhalten erfordern. »Im Frei-

land, etwa bei der Jagd, ist das nicht viel anders«, sagt Affenforscher Wittig.

100 Unsere Persönlichkeit wird zum Teil durch die Gene bestimmt. Vor diesem Hintergrund

verwundert es nicht, dass wir unseren Freunden im Erbgut ähneln. Der Soziologe Nicholas

Christakis analysierte vor einigen Jahren zusammen mit seinem Kollegen James Fowler das

Genom von fast 2000 Männern und Frauen. Freunde glichen sich dabei im Schnitt etwa so

sehr wie Cousins vierten Grades. Eine Gruppe von Erbanlagen wies eine besonders hohe

105 Übereinstimmung auf: die Gene für den Geruchssinn – etwa solche für bestimmte Riechre-

zeptoren.

Womöglich nehmen Freunde ihre Umgebung also sogar auf vergleichbare Weise wahr.

In diese Richtung deutet außerdem ein Befund der Sozialpsychologin Carolyn Parkinson

von der University of California. Sie spielte Studierenden verschiedene Videoclips vor:

110 Ausschnitte aus Dokumentationen oder Sportübertragungen, Comedy-Einlagen oder die

Auswertung einer Rede Barack Obamas. Unterdessen zeichnete sie die Hirnaktivität der

Teilnehmer mittels Magnetresonanztomografie (fMRT) auf. Bei befreundeten Probanden

glichen sich die neuronalen Muster stärker als bei Studierenden, die einander kaum kannten.

Parkinsons Fazit: »Vermutlich ähneln sich Freunde stark darin, wie sie die Welt um sich

115 herum empfinden, interpretieren und auf sie reagieren.«

1 hier: Fellpflege

2 Botenstoff von Nervenzellen

1. Arbeiten Sie aus dem Text die Faktoren heraus, die dort für das Zustandekommen und den Fortbestand von Freundschaften dargestellt werden, und weisen Sie nach, dass sich einige dieser Faktoren der psychobiologischen Perspektive zuordnen lassen. (22 Punkte)

Aufgabe NT 4 - Aufgabe 2 · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen

Die Wurzeln der Freundschaft

Im Juni 2016 fiel an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich der Start-

schuss zu einem sozialpsychologischen Experiment. Forscher hatten Studierende des neuen

Jahrgangs zu einer Informationsveranstaltung eingeladen und würfelten die Teilnehmer per

Zufallslos zu Kleingruppen zusammen. Mit der jeweiligen Hand voll Kommilitonen machten

5 die Erstsemester eine Tour über den Campus, diskutierten miteinander und aßen gemeinsam in

der Mensa.

Als man die Probanden drei Monate später fragte, welche guten Freunde sie in ihrem Jahr-

gang gefunden hatten, nannten sehr viele von ihnen jemanden aus ihrer damaligen Begrüßungs-

gruppe – deutlich mehr, als angesichts der Vielzahl anderer Kommilitonen statistisch zu er-

10 warten gewesen wäre. Allerdings waren viele dieser frühen Freundschaften nicht von Dauer,

wie Studienautor Christoph Stadtfeld, Professor für soziale Netzwerke in Zürich, und seine

Mitarbeiterin Zsofia Boda feststellten. Mehr als jede zweite Freundschaft ging innerhalb des

ersten Studienjahrs in die Brüche. Zugleich gewannen die Studienanfänger zahlreiche neue

Freunde hinzu.

15 Der Zufall beeinflusst zwar sicherlich, mit wem wir uns zunächst lose befreunden. Ob

daraus eine längerfristige Bindung entsteht, hängt aber von weiteren Faktoren ab. […]

Was bestimmt darüber, welche Beziehung Bestand hat? Und warum haben wir überhaupt

Freunde? […]

[…] »Der evolutionäre Ursprung von Freundschaft hat sicher etwas damit zu tun, dass sie

20 beiden Beteiligten nutzt«, erklärt Oliver Schülke, Verhaltensökologe an der Universität

Göttingen. »Ist dieser Nutzen zu ungleich verteilt, kracht es irgendwann. Dann ist auf einen

Schlag Feierabend, egal wie gut das Verhältnis zuvor gewesen sein mag.«

Das strategische Element des Helfens

Niemand lässt sich gern ausnutzen. Wenn wir einen anderen unterstützen, erwarten wir in

25 der Regel, dass er sich uns gegenüber ebenso verhält, sobald wir in Not geraten. Unsere Hilfe,

so selbstlos sie sich im Moment anfühlen mag, enthält also ein strategisches Element.

Das spiegelt sich sogar in der Hirnaktivität wider, wie eine 2020 erschienene Studie von

Forschern der Universität Bern nahelegt. Demnach spielt bei Hilfeleistungen unter Freunden –

nicht aber unter Fremden – eine Region im Stirnhirn eine wichtige Rolle: der dorsolaterale

30 präfrontale Kortex (DLPFC). Aus anderen Arbeiten weiß man, dass dieses Areal vermehrt

aktiv wird, wenn wir strategische Entscheidungen treffen – sobald wir zum Beispiel selbst-

süchtige Impulse für langfristige Vorteile zurückstellen.

Freunde unterstützen einander; sie sind Gesprächspartner, Umzugshelfer oder Retter aus

finanziellen Notlagen. Wenn es hart auf hart kommt, riskieren sie füreinander sogar die Haut.

35 Selbst bei unseren nächsten Verwandten, den großen Menschenaffen, ist das nicht anders.

»Wir wissen, dass Schimpansen sehr tragfähige, langanhaltende Beziehungen zueinander

aufbauen können«, sagt Roman Wittig vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropo-

logie in Leipzig. »Sie teilen dann beispielsweise Futter miteinander oder stehen im Kampf

füreinander ein – und riskieren dabei sogar Verletzungen.«

40 Ein gutes soziales Netz erhöht so die Chancen, unter widrigen Umständen zu überleben.

Die US-amerikanische Primatenforscherin Joan Silk legte dazu mit zwei Kolleginnen inte-

ressante Daten aus Beobachtungen einer Pavian-Gruppe am Fuß des Kilimandscharo vor.

Über viele Jahre hatten die Wissenschaftlerinnen die Sozialkontakte zwischen den Weibchen

und anderen Tieren in der Gruppe minutiös protokolliert. Je mehr Beziehungspflege die

45 Mütter betrieben, desto größer war die Chance, dass ihre Jungtiere das kritische erste Lebens-

jahr überstanden. Ein engmaschiges soziales Netz scheint sich auszuzahlen. Weshalb genau,

ließ die Studie allerdings offen. Denkbar ist, dass gut vernetzte Mütter mitsamt ihren Jungen

besser vor Übergriffen etwa von gewalttätigen Männchen geschützt sind. Womöglich senken

starke soziale Bande aber auch ganz allgemein den Stresslevel der Tiere.

50 Auch beim Menschen wirken Beziehungen als Puffer gegen Stress. […]

Freundschaften sind also nicht nur emotional wichtig, sondern stärken ebenso die Gesund-

heit. […] Dennoch haben die wenigsten Menschen mehr als eine Hand voll wirklich guter

Freunde (wozu übrigens auch Familienangehörige oder Ehepartner zählen können). Um

diese gruppiert sich meist ein größerer Kreis guter Bekannter. […]

In 200 Stunden vom Bekannten zum Freund

Dunbar schätzt, dass ungefähr 200 Stunden direkte Interaktion nötig sind, damit aus einem

Bekannten ein Freund wird. Um uns zu befreunden, müssen wir also erst einmal Zeit inves-

tieren – […].

Unser begrenztes Zeitbudget lässt es kaum zu, dass wir sehr viele Freundschaften parallel

60 unterhalten. Deren Pflege ist zudem kognitiv fordernd. Denn damit andere zu uns Vertrauen

aufbauen, müssen wir erkennen, wie sie unser Handeln interpretieren – ob sie etwa einen

Kommentar, den wir abgeben, möglicherweise als Affront auffassen. Somit setzen enge

Freundschaften die Gabe voraus, sich in andere hineinzuversetzen – eine Fähigkeit, die man

als »Theory of Mind« oder kurz ToM bezeichnet. Sie entstand erst spät im Lauf der Evolution

65 und ist vermutlich in der Großhirnrinde lokalisiert. Interessanterweise ist bei Primaten, die

in größeren Gruppen leben, dieser Hirnabschnitt besonders voluminös, obwohl ein enger

Zusammenhang zwischen Hirn- und Gruppengröße in Fachkreisen umstritten ist.

Fest steht: Auch Menschenaffen verbringen reichlich Zeit mit der Beziehungspflege. So

kann die gegenseitige Säuberung des Fells Stunden dauern. Das ausgiebige Grooming¹ dient

70 nicht nur dazu, lästiges Ungeziefer loszuwerden. »Schimpansen bestätigen sich damit ihre

Freundschaft«, erklärt Max-Planck-Forscher Roman Wittig, der eine große Primaten-Feld-

studie in einem westafrikanischen Nationalpark leitet.

Ist Oxytozin der Schlüssel?

Besondere Bedeutung scheint dabei das Bindungshormon Oxytozin zu haben. Schimpansen

75 schütten das Neuropeptid² bei der sozialen Fellpflege vermehrt aus, allerdings nur dann, wenn

zwischen ihnen bereits eine engere Beziehung besteht. »Grooming verstärkt bestehende

Freundschaften, stiftet aber keine neuen«, erklärt Wittig.

Oxytozin entfaltet verschiedene Wirkungen im Gehirn; unter anderem verbessert es das

Gedächtnis für soziale Erfahrungen. Möglicherweise dient das Hormon der »emotionalen

80 Buchführung«, glaubt der Göttinger Verhaltensökologe Schülke: Nach einer positiven Be-

gegnung sorgt es dafür, dass wir dem anderen zukünftig mehr Vertrauen schenken.

[…] Wichtig ist zudem das Gefühl, in vielen Fragen einer Meinung zu sein, über diesel-

ben Dinge lachen zu können, sich für ähnliche Aktivitäten zu interessieren. Andernfalls ver-

laufen Begegnungen oft steif oder unerfreulich. Und wer verbringt schon gern Zeit mit je-

85 mandem, der ganz anders tickt als er selbst? Folglich befreunden wir uns vor allem mit

Menschen, die uns ähnlich sind.

Gleich und Gleich gesellt sich gern

[…]

Robin Dunbar nennt sieben Faktoren, die für stabile Beziehungen wichtig sind – die

90 »sieben Säulen der Freundschaft«: eine gemeinsame Sprache (noch besser: ein gemeinsamer

Dialekt). In derselben Gegend groß geworden zu sein. Ähnliche Schulen besucht zu haben.

Vergleichbare Hobbys und Interessen. Ein übereinstimmender Musikgeschmack. Über die

gleichen Dinge lachen zu können. Ähnliche politische und moralische Ansichten. »Letztlich

erkennen wir an diesen Dingen Menschen, deren Denkweise wir verstehen.« Das sei eine

95 wichtige Voraussetzung, um erfolgreich zu kooperieren.

[…]

Zeigen lässt sich das bei Schimpansen: Je enger die Beziehung zwischen den Tieren, desto

besser harmonieren sie bei Testaufgaben, die abgestimmtes Verhalten erfordern. »Im Frei-

land, etwa bei der Jagd, ist das nicht viel anders«, sagt Affenforscher Wittig.

100 Unsere Persönlichkeit wird zum Teil durch die Gene bestimmt. Vor diesem Hintergrund

verwundert es nicht, dass wir unseren Freunden im Erbgut ähneln. Der Soziologe Nicholas

Christakis analysierte vor einigen Jahren zusammen mit seinem Kollegen James Fowler das

Genom von fast 2000 Männern und Frauen. Freunde glichen sich dabei im Schnitt etwa so

sehr wie Cousins vierten Grades. Eine Gruppe von Erbanlagen wies eine besonders hohe

105 Übereinstimmung auf: die Gene für den Geruchssinn – etwa solche für bestimmte Riechre-

zeptoren.

Womöglich nehmen Freunde ihre Umgebung also sogar auf vergleichbare Weise wahr.

In diese Richtung deutet außerdem ein Befund der Sozialpsychologin Carolyn Parkinson

von der University of California. Sie spielte Studierenden verschiedene Videoclips vor:

110 Ausschnitte aus Dokumentationen oder Sportübertragungen, Comedy-Einlagen oder die

Auswertung einer Rede Barack Obamas. Unterdessen zeichnete sie die Hirnaktivität der

Teilnehmer mittels Magnetresonanztomografie (fMRT) auf. Bei befreundeten Probanden

glichen sich die neuronalen Muster stärker als bei Studierenden, die einander kaum kannten.

Parkinsons Fazit: »Vermutlich ähneln sich Freunde stark darin, wie sie die Welt um sich

115 herum empfinden, interpretieren und auf sie reagieren.«

1 hier: Fellpflege

2 Botenstoff von Nervenzellen

2. Erklären Sie, welche Faktoren dazu beitragen, dass Freundschaften entstehen und fortbestehen, und zwar sowohl aus ganzheitlich-humanistischer als auch aus kognitivistischer Perspektive; beziehen Sie dabei jeweils die zugehörige Persönlichkeitstheorie mit ein. (28 Punkte)

Aufgabe NT 4 - Aufgabe 3 · Sozialpsychologische Theorien anwenden

Die Wurzeln der Freundschaft

Im Juni 2016 fiel an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich der Start-

schuss zu einem sozialpsychologischen Experiment. Forscher hatten Studierende des neuen

Jahrgangs zu einer Informationsveranstaltung eingeladen und würfelten die Teilnehmer per

Zufallslos zu Kleingruppen zusammen. Mit der jeweiligen Hand voll Kommilitonen machten

5 die Erstsemester eine Tour über den Campus, diskutierten miteinander und aßen gemeinsam in

der Mensa.

Als man die Probanden drei Monate später fragte, welche guten Freunde sie in ihrem Jahr-

gang gefunden hatten, nannten sehr viele von ihnen jemanden aus ihrer damaligen Begrüßungs-

gruppe – deutlich mehr, als angesichts der Vielzahl anderer Kommilitonen statistisch zu er-

10 warten gewesen wäre. Allerdings waren viele dieser frühen Freundschaften nicht von Dauer,

wie Studienautor Christoph Stadtfeld, Professor für soziale Netzwerke in Zürich, und seine

Mitarbeiterin Zsofia Boda feststellten. Mehr als jede zweite Freundschaft ging innerhalb des

ersten Studienjahrs in die Brüche. Zugleich gewannen die Studienanfänger zahlreiche neue

Freunde hinzu.

15 Der Zufall beeinflusst zwar sicherlich, mit wem wir uns zunächst lose befreunden. Ob

daraus eine längerfristige Bindung entsteht, hängt aber von weiteren Faktoren ab. […]

Was bestimmt darüber, welche Beziehung Bestand hat? Und warum haben wir überhaupt

Freunde? […]

[…] »Der evolutionäre Ursprung von Freundschaft hat sicher etwas damit zu tun, dass sie

20 beiden Beteiligten nutzt«, erklärt Oliver Schülke, Verhaltensökologe an der Universität

Göttingen. »Ist dieser Nutzen zu ungleich verteilt, kracht es irgendwann. Dann ist auf einen

Schlag Feierabend, egal wie gut das Verhältnis zuvor gewesen sein mag.«

Das strategische Element des Helfens

Niemand lässt sich gern ausnutzen. Wenn wir einen anderen unterstützen, erwarten wir in

25 der Regel, dass er sich uns gegenüber ebenso verhält, sobald wir in Not geraten. Unsere Hilfe,

so selbstlos sie sich im Moment anfühlen mag, enthält also ein strategisches Element.

Das spiegelt sich sogar in der Hirnaktivität wider, wie eine 2020 erschienene Studie von

Forschern der Universität Bern nahelegt. Demnach spielt bei Hilfeleistungen unter Freunden –

nicht aber unter Fremden – eine Region im Stirnhirn eine wichtige Rolle: der dorsolaterale

30 präfrontale Kortex (DLPFC). Aus anderen Arbeiten weiß man, dass dieses Areal vermehrt

aktiv wird, wenn wir strategische Entscheidungen treffen – sobald wir zum Beispiel selbst-

süchtige Impulse für langfristige Vorteile zurückstellen.

Freunde unterstützen einander; sie sind Gesprächspartner, Umzugshelfer oder Retter aus

finanziellen Notlagen. Wenn es hart auf hart kommt, riskieren sie füreinander sogar die Haut.

35 Selbst bei unseren nächsten Verwandten, den großen Menschenaffen, ist das nicht anders.

»Wir wissen, dass Schimpansen sehr tragfähige, langanhaltende Beziehungen zueinander

aufbauen können«, sagt Roman Wittig vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropo-

logie in Leipzig. »Sie teilen dann beispielsweise Futter miteinander oder stehen im Kampf

füreinander ein – und riskieren dabei sogar Verletzungen.«

40 Ein gutes soziales Netz erhöht so die Chancen, unter widrigen Umständen zu überleben.

Die US-amerikanische Primatenforscherin Joan Silk legte dazu mit zwei Kolleginnen inte-

ressante Daten aus Beobachtungen einer Pavian-Gruppe am Fuß des Kilimandscharo vor.

Über viele Jahre hatten die Wissenschaftlerinnen die Sozialkontakte zwischen den Weibchen

und anderen Tieren in der Gruppe minutiös protokolliert. Je mehr Beziehungspflege die

45 Mütter betrieben, desto größer war die Chance, dass ihre Jungtiere das kritische erste Lebens-

jahr überstanden. Ein engmaschiges soziales Netz scheint sich auszuzahlen. Weshalb genau,

ließ die Studie allerdings offen. Denkbar ist, dass gut vernetzte Mütter mitsamt ihren Jungen

besser vor Übergriffen etwa von gewalttätigen Männchen geschützt sind. Womöglich senken

starke soziale Bande aber auch ganz allgemein den Stresslevel der Tiere.

50 Auch beim Menschen wirken Beziehungen als Puffer gegen Stress. […]

Freundschaften sind also nicht nur emotional wichtig, sondern stärken ebenso die Gesund-

heit. […] Dennoch haben die wenigsten Menschen mehr als eine Hand voll wirklich guter

Freunde (wozu übrigens auch Familienangehörige oder Ehepartner zählen können). Um

diese gruppiert sich meist ein größerer Kreis guter Bekannter. […]

In 200 Stunden vom Bekannten zum Freund

Dunbar schätzt, dass ungefähr 200 Stunden direkte Interaktion nötig sind, damit aus einem

Bekannten ein Freund wird. Um uns zu befreunden, müssen wir also erst einmal Zeit inves-

tieren – […].

Unser begrenztes Zeitbudget lässt es kaum zu, dass wir sehr viele Freundschaften parallel

60 unterhalten. Deren Pflege ist zudem kognitiv fordernd. Denn damit andere zu uns Vertrauen

aufbauen, müssen wir erkennen, wie sie unser Handeln interpretieren – ob sie etwa einen

Kommentar, den wir abgeben, möglicherweise als Affront auffassen. Somit setzen enge

Freundschaften die Gabe voraus, sich in andere hineinzuversetzen – eine Fähigkeit, die man

als »Theory of Mind« oder kurz ToM bezeichnet. Sie entstand erst spät im Lauf der Evolution

65 und ist vermutlich in der Großhirnrinde lokalisiert. Interessanterweise ist bei Primaten, die

in größeren Gruppen leben, dieser Hirnabschnitt besonders voluminös, obwohl ein enger

Zusammenhang zwischen Hirn- und Gruppengröße in Fachkreisen umstritten ist.

Fest steht: Auch Menschenaffen verbringen reichlich Zeit mit der Beziehungspflege. So

kann die gegenseitige Säuberung des Fells Stunden dauern. Das ausgiebige Grooming¹ dient

70 nicht nur dazu, lästiges Ungeziefer loszuwerden. »Schimpansen bestätigen sich damit ihre

Freundschaft«, erklärt Max-Planck-Forscher Roman Wittig, der eine große Primaten-Feld-

studie in einem westafrikanischen Nationalpark leitet.

Ist Oxytozin der Schlüssel?

Besondere Bedeutung scheint dabei das Bindungshormon Oxytozin zu haben. Schimpansen

75 schütten das Neuropeptid² bei der sozialen Fellpflege vermehrt aus, allerdings nur dann, wenn

zwischen ihnen bereits eine engere Beziehung besteht. »Grooming verstärkt bestehende

Freundschaften, stiftet aber keine neuen«, erklärt Wittig.

Oxytozin entfaltet verschiedene Wirkungen im Gehirn; unter anderem verbessert es das

Gedächtnis für soziale Erfahrungen. Möglicherweise dient das Hormon der »emotionalen

80 Buchführung«, glaubt der Göttinger Verhaltensökologe Schülke: Nach einer positiven Be-

gegnung sorgt es dafür, dass wir dem anderen zukünftig mehr Vertrauen schenken.

[…] Wichtig ist zudem das Gefühl, in vielen Fragen einer Meinung zu sein, über diesel-

ben Dinge lachen zu können, sich für ähnliche Aktivitäten zu interessieren. Andernfalls ver-

laufen Begegnungen oft steif oder unerfreulich. Und wer verbringt schon gern Zeit mit je-

85 mandem, der ganz anders tickt als er selbst? Folglich befreunden wir uns vor allem mit

Menschen, die uns ähnlich sind.

Gleich und Gleich gesellt sich gern

[…]

Robin Dunbar nennt sieben Faktoren, die für stabile Beziehungen wichtig sind – die

90 »sieben Säulen der Freundschaft«: eine gemeinsame Sprache (noch besser: ein gemeinsamer

Dialekt). In derselben Gegend groß geworden zu sein. Ähnliche Schulen besucht zu haben.

Vergleichbare Hobbys und Interessen. Ein übereinstimmender Musikgeschmack. Über die

gleichen Dinge lachen zu können. Ähnliche politische und moralische Ansichten. »Letztlich

erkennen wir an diesen Dingen Menschen, deren Denkweise wir verstehen.« Das sei eine

95 wichtige Voraussetzung, um erfolgreich zu kooperieren.

[…]

Zeigen lässt sich das bei Schimpansen: Je enger die Beziehung zwischen den Tieren, desto

besser harmonieren sie bei Testaufgaben, die abgestimmtes Verhalten erfordern. »Im Frei-

land, etwa bei der Jagd, ist das nicht viel anders«, sagt Affenforscher Wittig.

100 Unsere Persönlichkeit wird zum Teil durch die Gene bestimmt. Vor diesem Hintergrund

verwundert es nicht, dass wir unseren Freunden im Erbgut ähneln. Der Soziologe Nicholas

Christakis analysierte vor einigen Jahren zusammen mit seinem Kollegen James Fowler das

Genom von fast 2000 Männern und Frauen. Freunde glichen sich dabei im Schnitt etwa so

sehr wie Cousins vierten Grades. Eine Gruppe von Erbanlagen wies eine besonders hohe

105 Übereinstimmung auf: die Gene für den Geruchssinn – etwa solche für bestimmte Riechre-

zeptoren.

Womöglich nehmen Freunde ihre Umgebung also sogar auf vergleichbare Weise wahr.

In diese Richtung deutet außerdem ein Befund der Sozialpsychologin Carolyn Parkinson

von der University of California. Sie spielte Studierenden verschiedene Videoclips vor:

110 Ausschnitte aus Dokumentationen oder Sportübertragungen, Comedy-Einlagen oder die

Auswertung einer Rede Barack Obamas. Unterdessen zeichnete sie die Hirnaktivität der

Teilnehmer mittels Magnetresonanztomografie (fMRT) auf. Bei befreundeten Probanden

glichen sich die neuronalen Muster stärker als bei Studierenden, die einander kaum kannten.

Parkinsons Fazit: »Vermutlich ähneln sich Freunde stark darin, wie sie die Welt um sich

115 herum empfinden, interpretieren und auf sie reagieren.«

1 hier: Fellpflege

2 Botenstoff von Nervenzellen

3. Erklären Sie anhand der Theorie des reziproken Altruismus, welche Faktoren dazu führen, dass Freundschaften entstehen und bestehen bleiben, und erörtern Sie, ob dieser sozialpsychologische Ansatz gegenüber den persönlichkeitspsychologischen Erklärungen aus Aufgabe 2 zu bevorzugen ist. (30 Punkte)

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