Aufgabe HT 3 - Psychische Störungen und Psychotherapie · Abitur NRW Psychologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022
Thema: Psychische Störungen und Psychotherapie · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2022 – Psychologie, Leistungskurs
Aufgabenstellung HT 3: Psychische Störungen und Psychotherapie
Materialgrundlage
Bergemann, Wibke: Ein neues Drehbuch für den Schrecken. In: Psychologie heute, 12/2019, S. 44–49
Ein neues Drehbuch für den Schrecken
Wer Hochpeinliches, Demütigendes oder sogar Traumatisches erlebt hat, wünscht sich, die Zeit zurückzudrehen und es diesmal ganz anders anzugehen. Genau das geschieht bei der Therapietechnik des imagery rescripting. Das Drehbuch des Geschehenen wird neu geschrieben – mithilfe der Vorstellungskraft
Eigentlich ein schöner Abend: Auf einer Party lernt eine junge Frau einen Mann kennen. Er sieht gut aus und ist charmant. Die beiden ziehen weiter zur nächsten Party. Doch je später der Abend, desto unsympathischer wird ihr die neue Bekanntschaft. Als sie schließlich allein nach Hause gehen will, schafft sie es nicht, ihn loszuwerden. Er steigt mit in ihr Taxi und dringt sogar in ihre Wohnung ein und versucht, sie zu vergewaltigen. Die junge Frau hat Glück. Alarmiert durch den Lärm kommt ihr die Nachbarin zur Hilfe und vertreibt den Mann. Die Vergewaltigung wird verhindert, aber es bleiben die Wut und das erniedrigende Gefühl, sich nicht gewehrt zu haben. Warum hat sie getan, was er wollte, und am Fahrstuhl auf ihn gewartet? Warum hat sie zugelassen, dass er mit in ihr Taxi steigt?
Der Vergewaltigungsversuch ist eine Schlüsselszene in Siri Hustvedts neuem Roman Damals, einem „Porträt der Künstlerin als junge Frau“. Nach dem Überfall bekommt Hustvedts Protagonistin von einer Freundin ein Messer geschenkt, ein „14-cm-Stiletto-Springmesser“ zur Selbstverteidigung. Das Messer beflügelt ihre Fantasie. Immer wieder muss sie an den Abend denken, geht in ihrer Vorstellung die Ereignisse durch, doch jetzt zückt sie am Ende das Messer: „Sie sah den großgewachsenen Mann vor Angst und Schrecken zittern, und seine Angst erfüllte sie mit Glück. Und diesmal schlitzte sie ihm genau an dem hässlichen Rasierschnitt entlang die Wange auf, um ihn zu Tode zu erschrecken.“ Eine Zeit lang tröstete sich Hustvedts Protagonistin mit der Vorstellung, diesmal stärker zu sein als der Täter. Es sind nur Bilder in ihrem Kopf. Und doch helfen sie ihr, über das Erlebnis hinwegzukommen.
Vorstellungen von Rettung, von Trost, ja auch von Rache: Mervyn Schmucker, Psychotherapeut an der Klinik am Waldschlößchen in Dresden, sieht sie als Ausdruck von Selbstheilungskräften. „Sie sind in uns allen angelegt.“ Schmucker arbeitet seit Jahrzehnten mit einer Behandlungsmethode, die den Nachhaltigkeitseffekt von Vorstellungsbildern zu nutzen versucht: imagery rescripting. Das Prinzip: Mithilfe der bildlichen Vorstellungskraft sollen schlimme Erinnerungen verarbeitet werden. Diese Therapie wird inzwischen auch bei Angststörungen wie Phobien, sozialen Ängsten, Panikattacken oder Alpträumen verwendet. Bereits als wirksam erwiesen hat sie sich bei posttraumatischen Belastungsstörungen, also bei den oft verheerenden psychischen Langzeitfolgen von Schockerlebnissen wie schweren Verkehrsunfällen, Naturkatastrophen, Kriegserfahrungen, Vergewaltigungen oder Misshandlungen in der Kindheit.
„Wir machen etwas, das zunächst etwas seltsam klingt. Wir nehmen die Situation, die damals so schrecklich war, als Ausgangspunkt und verändern das Drehbuch“, erklärt Thomas Ehring, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie und Leiter der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz der Universität München. Es geht darum, belastende Bilder im Kopf durch neue Bilder zu ersetzen. Denn Bilder bestimmen unser Gedächtnis. „Woran können wir uns noch erinnern, wenn wir daran zurückdenken, was vor fünf Jahren passiert ist? Das meiste haben wir doch vergessen“, sagt Schmucker. „Was bleibt sind Bilder.“
Das Modellieren der inneren Bilder
Mervyn Schmucker experimentierte bereits in den 1980er Jahren an der University of Pennsylvania mit Imagination als Therapie. 1994 veröffentlichte er einen ersten Artikel dazu und prägte den Ausdruck imagery rescripting. Seine Imagery Rescripting & Reprocessing Therapy (IRRT) ist in drei Phasen unterteilt. In der ersten Phase wird der Patient aufgefordert, die Augen zu schließen und sich an ein besonders belastendes Ereignis zu erinnern. Vor allem Traumapatienten können solche Bilder meistens ohne Schwierigkeiten abrufen, denn sie drängen sich ihnen geradezu auf. Besonders verstörend sind die sogenannten Flashbacks, bei denen Erinnerungen mitten im Alltag und ohne Vorwarnung plötzlich so heftig nach oben kommen, dass das traumatische Ereignis noch einmal mit allen Sinnen wiedererlebt wird. Dann ist der oder die Betroffene plötzlich wieder das Kind, das von seinem Vater misshandelt oder missbraucht wird und voller Angst in seinem Kinderzimmer auf den Täter wartet.
Jedes Trauma ist anders, doch immer ist es mit schrecklichen Bildern verbunden. Und selbst wenn es keine offensichtlich traumatischen Erlebnisse gibt oder sogar ein Gedächtnisverlust besteht, kommen bei Patienten oft bruchstückhafte Bilder und Sinneseindrücke vergangener Erlebnisse hoch, mit denen gearbeitet werden kann, sagt Schmucker. „Wenn man die Augen zu macht und auf sein inneres Bild fokussiert, beginnt dieses Bild, sich zu entwickeln. Darin liegen viele Hinweise für Gefühle und Konflikte.“
Die Bearbeitung der traumatischen Erinnerungen ist nach den offiziellen deutschen Leitlinien ein zentraler Bestandteil der Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen, beispielsweise im Zuge einer Verhaltenstherapie oder einer psychodynamischen Psychotherapie. [...]
Dagegen wird imagery rescripting zu den sanfteren Methoden gerechnet. Zwar steht auch hier am Anfang eine möglichst detaillierte Konfrontation mit dem Erlebten. Doch statt die Szene wieder und wieder originalgetreu und plastisch in der Vorstellung durchzuspielen, bis sie an Schrecken verliert, geht es beim imagery rescripting darum, das Drehbuch für die Situation umzuschreiben. Dabei soll nicht die Wirklichkeit überschrieben werden, sondern die mit ihr verbundenen Bilder und Vorstellungen – bis von einem traumatischen Erlebnis nicht mehr viel übrig bleibt als eine schlechte Erinnerung, die aber keine Macht mehr über die Gegenwart hat. Denn wer an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, den belastet weniger das traumatische Ereignis an sich, als vielmehr die Bedeutung, die es für einen hat. Die Patienten fühlen sich beschmutzt und wertlos bis zum Selbsthass. Sie leiden an Scham, Schuld und Ohnmachtsgefühlen und vermeiden alle Situationen, die das Trauma erneut in ihnen wachrufen könnten.
Bei belastenden Kindheitserlebnissen beispielsweise tritt in einer zweiten Therapiephase das heutige, erwachsene Ich des Patienten in die imaginierte Szene von damals hinein und stellt sich dem Täter entgegen. Es gibt einen Perspektivwechsel: Der Patient betrachtet die Szene nicht mehr mit den Augen des Kindes, sondern mit denen des Erwachsenen. Das Ziel: Das heutige Ich soll den Täter zur Verantwortung ziehen und außer Gefecht setzen.
Der betrunkene Stiefvater
Wie schwer das den Betroffenen fallen kann, beschreiben Schmucker und der Psychiater Rolf Köster in einem Praxishandbuch in der Fallgeschichte „Marianne“. Die 45-jährige fühlt sich ihrem brutalen, prügelnden Stiefvater auch als Erwachsene noch immer hilflos ausgesetzt. Selbst 14 Jahre nach seinem Tod quält sie weiterhin die Vorstellung, dass er noch irgendwo lebt, geheim und unter einem anderen Namen, und sie jederzeit wieder misshandeln könnte.
In den Sitzungen bittet sie der Therapeut, sich eine traumatische Szene aus ihrer Kindheit vorzustellen. Es ist ein furchtbares Bild, das sie noch immer in Flashbacks verfolgt: wie der betrunkene Stiefvater sie als Kind die Kellertreppe hinunterstößt und sie dann mit seinen Stiefeln ins Gesicht und in den Bauch tritt. Ihr Therapeut hält sie an, sich – so schwer es auch fällt – an alle Details dieser Szene zu erinnern und nun in der Vorstellung als ihr „heutiges Ich“ hinzuzutreten. Marianne will dem Kind helfen, doch die Angst vor damals ist noch immer zu groß. Auch als Erwachsene fühlt sich Marianne unfähig, sich gegen den Täter zu wehren.
Der Therapeut schlägt vor, sich ein Hilfsmittel zu suchen, vielleicht braucht sie sogar eine Waffe, um den Täter zu vertreiben? Doch das lehnt Marianne ab: Der Täter könnte damit sie umbringen. Erst als sie vor ihrem inneren Auge fünf Polizisten in den Keller kommen lässt, können diese den Stiefvater überwältigen und abführen. Der ganze Vorgang findet nur in der Fantasie der Patientin statt. Und trotzdem verlieren damit die alten Erinnerungen an Gewicht. Erst jetzt ist es Marianne möglich zu glauben, dass ihr Peiniger von damals wirklich tot ist.
Eine Aufforderung an die Patientin, sich zu bewaffnen – könnte das nicht auch gefährlich werden? Schmucker wiegelt ab. Denn imagery rescripting bedeutet nicht, in der Gegenwart einen Racheplan zu entwickeln. Vielmehr kehrt der Therapeut mit seiner Patientin in die Vergangenheit zurück, um im Nachhinein dem bereits Geschehenen eine neue Wendung zu geben. In der Vorstellung soll das Opfer statt Hilflosigkeit einmal erleben, stärker als der damalige Täter zu sein, zur Not auch, indem es ihn mit einer Waffe bedroht.
„Wer als Kind immer wieder Gewalt erfahren hat, leidet oft auch als Erwachsener an dem Gefühl, hilflos zu sein und niemandem etwas entgegensetzen zu können. Es gibt Menschen, die die Erfahrung gar nicht kennen, wie es sich anfühlt, in einer Beziehung geachtet zu werden und sich im Streit auch mal verteidigen zu können“, erklärt Thomas Ehring. Fantasierte Erfahrungen seien zwar nicht dasselbe wie Erfahrungen im echten Leben, hätten aber auch einen starken Effekt, so Ehring. Vor allem wenn sie nicht einmal, sondern immer wieder in mehreren Therapiesitzungen gemacht würden. „Was damals passiert ist, das war so und das bleibt auch so, das ist Teil der Biografie. Aber es strahlt nicht mehr so auf das heutige Leben aus“, beschreibt Ehring die Wirkung.
Doch noch wichtiger als das machtvolle Auftreten gegen den einstigen Täter ist die Begegnung mit dem verletzten „damaligen Ich“. Denn in einer dritten Phase dieser Therapiemethode stellt sich der Patient schließlich vor, dass er sich als erwachsenes Ich um sich selbst als Kind kümmert: Er kann in der damaligen Situation zu dem Kind hingehen, es trösten, mit ihm sprechen, ihm erklären, dass es keine Schuld hat, und das Kind an einen sicheren Ort bringen. Damit wendet sich der Patient zugleich einem Teil seiner Persönlichkeit zu, den er bis heute in sich trägt: das verletzte, verstörte Kind.
Auch Marianne macht während der Therapie diese symbolhafte innere Begegnung mit diesem Kind, das noch in ihr steckt. Das kleine Kind lässt sich zunächst nicht von ihr trösten, sondern versteckt sich in einem Schrank. Ihrem Therapeuten gesteht Marianne, dass sie dieses missbrauchte, schreiende Kind hasst. Erst nach mehreren Therapiesitzungen gelingt eine langsame Annäherung, bis sich das Kind schließlich von Marianne in den Arm nehmen lässt. Dieses intensive Erlebnis in der Vorstellung hat eine starke Wirkung: Es hilft ihr, langsam ihren Selbsthass abzubauen.
[...]
1.
Arbeiten Sie aus dem Text die Grundannahmen, die Methoden und die Ziele der Therapie des imagery rescripting heraus und weisen Sie nach, dass das imagery rescripting ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Verfahren ist. [20 Punkte]
2.
Vergleichen Sie unter Heranziehung des zugehörigen Persönlichkeitsmodells das imagery rescripting mit der Psychoanalyse nach Freud in Bezug auf Methoden und Ziele. [28 Punkte]
3.
Prüfen Sie auf der Grundlage des zugehörigen Menschenbildes, ob die klassische Verhaltenstherapie die Therapie des imagery rescripting sinnvoll ergänzen kann, und nehmen Sie abschließend insgesamt begründet einen eigenen Standpunkt zur Therapie des imagery rescripting ein. [32 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Arbeiten Sie aus dem Text die Grundannahmen, die Methoden und die Ziele der Therapie des imagery rescripting heraus und weisen Sie nach, dass das imagery rescripting ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Verfahren ist.
Lösung: Ausarbeitung zu Grundannahmen, Phasen/Methoden, Zielen und Einordnung in die Kognitive Verhaltenstherapie gemäß offiziellen Bewertungskriterien.
2. Vergleichen Sie unter Heranziehung des zugehörigen Persönlichkeitsmodells das imagery rescripting mit der Psychoanalyse nach Freud in Bezug auf Methoden und Ziele.
Lösung: Vergleich von Imagery Rescripting und Psychoanalyse bezüglich Methoden und Zielen unter Einbezug von Freuds Persönlichkeitsmodell.
3. Prüfen Sie auf der Grundlage des zugehörigen Menschenbildes, ob die klassische Verhaltenstherapie die Therapie des imagery rescripting sinnvoll ergänzen kann, und nehmen Sie abschließend insgesamt begründet einen eigenen Standpunkt zur Therapie des imagery rescripting ein.
Lösung: Kritische Prüfung der Kombination mit klassischer Verhaltenstherapie auf Basis des behavioristischen Menschenbildes sowie eigene begründete Stellungnahme.
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