Abitur NRW Deutsch 2022 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg
Abiturprüfung Deutsch in Nordrhein-Westfalen 2022, GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 7 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Interpretation lyrischer Texte.
Themen der Prüfung: Interpretation lyrischer Texte · Interpretation dramatischer Texte · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Analyse pragmatischer Texte · Sprachreflexion und Sprachtheorien
Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte · Analyse pragmatischer Texte
Roland Kaehlbrandt
Logbuch Deutsch. Wie wir sprechen, wie wir schreiben (Textauszug, 2016)
Sprachliche Abgrenzungsjargons brauchen eine wirkungsvolle Sprachkultur als Korrektiv 1 –
schon allein, damit sie überhaupt Gelegenheit zur Reibung haben. Sie wollen ja gar nicht zur
vorherrschenden Sprachform werden. Daran erinnert eine Szene aus einem Band der schwei-
zerischen Vontobel-Stiftung 2 über die „Sprache der Jungen“. Die Autorin, Angelika Overath,
5 berichtet, wie einmal ihre Mutter bei einem Besuch eines Freundes gesagt habe: „Das ist mir
zu viel Action.“ Sie habe sich vor ihrem Freund zu Tode geschämt, schreibt Frau Overath.
„Mit zwei Silben hatte meine Mutter eine ebenso geheime wie sichere Grenze überschritten“.
Derartige Überschreitungen sind aber heute an der Tagesordnung. „Einfach nur geil“ findet
ein führender Politiker das von seiner Partei erzielte Wahlergebnis, „total uncool“ findet eine
10 Enddreißigerin mit Erziehungsverantwortung den letzten Tatort, mit „dick gut“ bewertet ein
jung gebliebener Mittdreißiger sein neues Smartphone, „echt nice“ bestätigt seine etwa gleich-
altrige Begleiterin. Kaum noch ist es den Jugendlichen möglich, sich der Anbiederung von
Seiten der Erwachsenen zu erwehren. Wie sollen sie sich nur wirkungsvoll von ihnen unter-
scheiden? Und jetzt wird auch noch Zuwandererjugendlichen ihre sprachliche Besonderheit
15 genommen, indem das sogenannte Kiezdeutsch zu einem „neuen Dialekt“ aufgewertet und
mit professoralen Weihen versehen wird.
Kiezdeutsch ist eine Entdeckung der Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese. Es ist eine
griffige Bezeichnung für eine Jugendsprache, in der sich das Deutsche mit Einsprengseln aus
Zuwanderersprachen mischt. Für denjenigen, der korrektes Deutsch spricht, ist die Fehler-
20 haftigkeit dieses Jugendslangs sofort erkennbar. So fehlen Präpositionen, etwa bei „Wir ge-
hen Wörlitzer Park“ oder „Heute muss ich wieder Solarium gehen“ 3 (wobei es schlimmere
Verpflichtungen gibt). Das Deutsche gilt als eine stark von Präpositionen mit den zugehöri-
gen Kasus geprägte Sprache. Auf die Präposition zu verzichten bedeutet eine grobe Regel-
verletzung. Heike Wiese wertet den Verzicht jedoch anders, sie verweist auf eine Analogie
25 zur korrekten Kurzform „Da müssen Sie Jakob-Kaiser-Platz umsteigen“. Hierbei handelt es
sich jedoch um eine kontextabhängige Sonderform der Verkürzung im öffentlichen Nahver-
kehr, während die diskutierte Unterdrückung von Präpositionen vielmehr auf türkischen Ein-
fluss zurückzuführen ist. Andere Formen dieses grammatik-vermeidenden Slangs werden be-
schönigend als „grammatische Innovationen“ bezeichnet, wie z. B. „Isch frag mein Schwester“,
30 „Lassma Kino gehen“, „Machst du rote Ampel!“ und „Danach ich ruf dich an.“ Die Autorin
sieht darin Parallelen zu deutschen Dialekten, indem sie von der Sprachnorm abweichende
dialektale Formen oder auch Formen des gesprochenen Deutsch mit dem Slang der Jugend-
lichen vergleicht.
Ausgesprochen witzig ist dabei ein belauschtes Gespräch in einem Kaufhaus, bei dem es
35 um den Hut einer Kundin geht. Junge: „Das ist meiner Mutter sein Hut!“ Kassiererin: „Meiner
Mutter ihr Hut!“ (zustimmendes Gemurmel in der Warteschlange). Immerhin kann man in
meiner Mutter auch einen Genitiv erkennen, jedenfalls einen Kasus mit gebeugtem Personal-
pronomen, was in „Isch frag mein Schwester“ nicht der Fall ist. Kurzformen wie „Isch mach
dich Messer“ sind doch nur in der Parallelität von inhaltlicher und sprachlicher Grobheit be-
40 merkenswert. Warum muss man gleich zeigen wollen, „dass es hier nicht um einen Sprach-
mangel geht, sondern dass wir Zeuge einer faszinierenden neuen Entwicklung in unserer Spra-
che werden: der Entstehung eines neuen deutschen Dialekts.“ Abgesehen davon ist Jugend-
sprache kein Dialekt, weil letzterer regional begrenzt ist, sondern ein Soziolekt. Es ist eins,
sich sprachwissenschaftlich mit den Formen eines Jugendslangs zu befassen, etwas anderes
45 ist es, aus dem Gegenstand nun ein für die ganze Sprachgemeinschaft wegweisendes Faszino-
sum 4 zu machen. Zwischen dem Untergang der Sprachkultur durch Jugendsprachen und
ihrer Aufwertung zu einem neuen Dialekt gibt es noch Raum für harmlosere Deutungen. Symp-
tomatisch 5 an der Aufwertung des Kiezdeutsch ist wieder einmal die Umwertung der Norm:
Nicht die Einhaltung der Norm und der Hinweis auf zwar jugendgeprägtes, aber doch fehler-
50 haftes Deutsch – wenn auch vielleicht gewollt fehlerhaftes Deutsch – ist die Aussage, sondern
eben gerade umgekehrt: Hier entsteht vermeintlich eine neue Sprache, und indirekt täten wir
gut daran, sie rechtzeitig als solche anzuerkennen, weil wir ja sonst das Schlimmste tun, was
man tun kann: ausgrenzen.
Jugendsprachen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Dass sie sich von der
55 Sprache der Erwachsenen unterscheiden, macht sie aus. Deshalb ist Besorgnis in diesem Falle
unberechtigt. Allerdings nützt es der Jugendsprache nicht, wenn man sie mit bester Absicht
aus der Erwachsenenperspektive kulturell und linguistisch erhöht, denn das will sie gar nicht.
Sie will nicht als ausformulierte Sprache anerkannt werden, sondern sie kommt gut damit zu-
recht, wenn Erwachsene mit Naserümpfen reagieren. Sie legt keinen Wert darauf, als sprach-
60 liche Innovation hoffähig gemacht zu werden. Insofern ist es gut gemeint, wenn Frau Wiese
sich dafür stark macht, das „Kiezdeutsch“ als „systematische sprachliche Weiterentwicklung“
in den sprachlichen Olymp 6 zu befördern – in den es überhaupt nicht hineinwill. Ob es hinein
soll, darf aber doch gefragt werden. „Ich geh Arzt“, oder „lassma Viktoriapark gehen“ ist im
Kontrast zum Hochdeutschen markant und vielleicht auch witzig, muss aber keine Anregung
65 für eine neue Norm sein. Interessant wäre die weitergehende Frage, ob die 10 Millionen Mit-
bürger, die zuhause kein Deutsch sprechen, durch die Allgegenwart und Einfachheit des Kiez-
deutsch dem Vorbild der Normsprache so weit entrückt werden, dass sie in einer gesellschaft-
lichen und beruflichen Sackgasse landen.
Anmerkungen zum Autor:
Roland Kaehlbrandt (geb. 1953) ist ein deutscher Sprachwissenschaftler.
1 Korrektiv: Konzept, das dazu dienen kann, einen unerwünschten Zustand zu korrigieren bzw. zu beseitigen
2 Vontobel-Stiftung: Die gemeinnützige Schweizer Stiftung unterstützt u. a. medizinische Forschungsprojekte sowie Projekte in den Bereichen Heimat- und Kulturpflege und Naturschutz.
3 Diese und die folgenden Zitate entnimmt der Autor einer Publikation der Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurden die Fußnoten, die sich im Originaltext finden, nicht übernommen.
4 Faszinosum: etwas, das jemanden auf geheimnisvolle Weise fasziniert, anzieht
5 symptomatisch: hier: typisch, bezeichnend
6 Olymp: höchstes Bergmassiv Griechenlands und in der griechischen Mythologie Wohnsitz der olympischen Götter
Aufgabenstellung 1
Analysieren Sie den Text von Roland Kaehlbrandt. Gehen Sie dabei auf den Gedankengang und die zentralen Inhalte, auf die sprachlich-stilistische Gestaltung sowie auf die Intention des Textes ein. [38 Punkte]
Aufgabe 1 - Sprachreflexion · Sprachreflexion und Sprachtheorien
Roland Kaehlbrandt
Logbuch Deutsch. Wie wir sprechen, wie wir schreiben (Textauszug, 2016)
Sprachliche Abgrenzungsjargons brauchen eine wirkungsvolle Sprachkultur als Korrektiv 1 –
schon allein, damit sie überhaupt Gelegenheit zur Reibung haben. Sie wollen ja gar nicht zur
vorherrschenden Sprachform werden. Daran erinnert eine Szene aus einem Band der schwei-
zerischen Vontobel-Stiftung 2 über die „Sprache der Jungen“. Die Autorin, Angelika Overath,
5 berichtet, wie einmal ihre Mutter bei einem Besuch eines Freundes gesagt habe: „Das ist mir
zu viel Action.“ Sie habe sich vor ihrem Freund zu Tode geschämt, schreibt Frau Overath.
„Mit zwei Silben hatte meine Mutter eine ebenso geheime wie sichere Grenze überschritten“.
Derartige Überschreitungen sind aber heute an der Tagesordnung. „Einfach nur geil“ findet
ein führender Politiker das von seiner Partei erzielte Wahlergebnis, „total uncool“ findet eine
10 Enddreißigerin mit Erziehungsverantwortung den letzten Tatort, mit „dick gut“ bewertet ein
jung gebliebener Mittdreißiger sein neues Smartphone, „echt nice“ bestätigt seine etwa gleich-
altrige Begleiterin. Kaum noch ist es den Jugendlichen möglich, sich der Anbiederung von
Seiten der Erwachsenen zu erwehren. Wie sollen sie sich nur wirkungsvoll von ihnen unter-
scheiden? Und jetzt wird auch noch Zuwandererjugendlichen ihre sprachliche Besonderheit
15 genommen, indem das sogenannte Kiezdeutsch zu einem „neuen Dialekt“ aufgewertet und
mit professoralen Weihen versehen wird.
Kiezdeutsch ist eine Entdeckung der Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese. Es ist eine
griffige Bezeichnung für eine Jugendsprache, in der sich das Deutsche mit Einsprengseln aus
Zuwanderersprachen mischt. Für denjenigen, der korrektes Deutsch spricht, ist die Fehler-
20 haftigkeit dieses Jugendslangs sofort erkennbar. So fehlen Präpositionen, etwa bei „Wir ge-
hen Wörlitzer Park“ oder „Heute muss ich wieder Solarium gehen“ 3 (wobei es schlimmere
Verpflichtungen gibt). Das Deutsche gilt als eine stark von Präpositionen mit den zugehöri-
gen Kasus geprägte Sprache. Auf die Präposition zu verzichten bedeutet eine grobe Regel-
verletzung. Heike Wiese wertet den Verzicht jedoch anders, sie verweist auf eine Analogie
25 zur korrekten Kurzform „Da müssen Sie Jakob-Kaiser-Platz umsteigen“. Hierbei handelt es
sich jedoch um eine kontextabhängige Sonderform der Verkürzung im öffentlichen Nahver-
kehr, während die diskutierte Unterdrückung von Präpositionen vielmehr auf türkischen Ein-
fluss zurückzuführen ist. Andere Formen dieses grammatik-vermeidenden Slangs werden be-
schönigend als „grammatische Innovationen“ bezeichnet, wie z. B. „Isch frag mein Schwester“,
30 „Lassma Kino gehen“, „Machst du rote Ampel!“ und „Danach ich ruf dich an.“ Die Autorin
sieht darin Parallelen zu deutschen Dialekten, indem sie von der Sprachnorm abweichende
dialektale Formen oder auch Formen des gesprochenen Deutsch mit dem Slang der Jugend-
lichen vergleicht.
Ausgesprochen witzig ist dabei ein belauschtes Gespräch in einem Kaufhaus, bei dem es
35 um den Hut einer Kundin geht. Junge: „Das ist meiner Mutter sein Hut!“ Kassiererin: „Meiner
Mutter ihr Hut!“ (zustimmendes Gemurmel in der Warteschlange). Immerhin kann man in
meiner Mutter auch einen Genitiv erkennen, jedenfalls einen Kasus mit gebeugtem Personal-
pronomen, was in „Isch frag mein Schwester“ nicht der Fall ist. Kurzformen wie „Isch mach
dich Messer“ sind doch nur in der Parallelität von inhaltlicher und sprachlicher Grobheit be-
40 merkenswert. Warum muss man gleich zeigen wollen, „dass es hier nicht um einen Sprach-
mangel geht, sondern dass wir Zeuge einer faszinierenden neuen Entwicklung in unserer Spra-
che werden: der Entstehung eines neuen deutschen Dialekts.“ Abgesehen davon ist Jugend-
sprache kein Dialekt, weil letzterer regional begrenzt ist, sondern ein Soziolekt. Es ist eins,
sich sprachwissenschaftlich mit den Formen eines Jugendslangs zu befassen, etwas anderes
45 ist es, aus dem Gegenstand nun ein für die ganze Sprachgemeinschaft wegweisendes Faszino-
sum 4 zu machen. Zwischen dem Untergang der Sprachkultur durch Jugendsprachen und
ihrer Aufwertung zu einem neuen Dialekt gibt es noch Raum für harmlosere Deutungen. Symp-
tomatisch 5 an der Aufwertung des Kiezdeutsch ist wieder einmal die Umwertung der Norm:
Nicht die Einhaltung der Norm und der Hinweis auf zwar jugendgeprägtes, aber doch fehler-
50 haftes Deutsch – wenn auch vielleicht gewollt fehlerhaftes Deutsch – ist die Aussage, sondern
eben gerade umgekehrt: Hier entsteht vermeintlich eine neue Sprache, und indirekt täten wir
gut daran, sie rechtzeitig als solche anzuerkennen, weil wir ja sonst das Schlimmste tun, was
man tun kann: ausgrenzen.
Jugendsprachen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Dass sie sich von der
55 Sprache der Erwachsenen unterscheiden, macht sie aus. Deshalb ist Besorgnis in diesem Falle
unberechtigt. Allerdings nützt es der Jugendsprache nicht, wenn man sie mit bester Absicht
aus der Erwachsenenperspektive kulturell und linguistisch erhöht, denn das will sie gar nicht.
Sie will nicht als ausformulierte Sprache anerkannt werden, sondern sie kommt gut damit zu-
recht, wenn Erwachsene mit Naserümpfen reagieren. Sie legt keinen Wert darauf, als sprach-
60 liche Innovation hoffähig gemacht zu werden. Insofern ist es gut gemeint, wenn Frau Wiese
sich dafür stark macht, das „Kiezdeutsch“ als „systematische sprachliche Weiterentwicklung“
in den sprachlichen Olymp 6 zu befördern – in den es überhaupt nicht hineinwill. Ob es hinein
soll, darf aber doch gefragt werden. „Ich geh Arzt“, oder „lassma Viktoriapark gehen“ ist im
Kontrast zum Hochdeutschen markant und vielleicht auch witzig, muss aber keine Anregung
65 für eine neue Norm sein. Interessant wäre die weitergehende Frage, ob die 10 Millionen Mit-
bürger, die zuhause kein Deutsch sprechen, durch die Allgegenwart und Einfachheit des Kiez-
deutsch dem Vorbild der Normsprache so weit entrückt werden, dass sie in einer gesellschaft-
lichen und beruflichen Sackgasse landen.
Anmerkungen zum Autor:
Roland Kaehlbrandt (geb. 1953) ist ein deutscher Sprachwissenschaftler.
1 Korrektiv: Konzept, das dazu dienen kann, einen unerwünschten Zustand zu korrigieren bzw. zu beseitigen
2 Vontobel-Stiftung: Die gemeinnützige Schweizer Stiftung unterstützt u. a. medizinische Forschungsprojekte sowie Projekte in den Bereichen Heimat- und Kulturpflege und Naturschutz.
3 Diese und die folgenden Zitate entnimmt der Autor einer Publikation der Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurden die Fußnoten, die sich im Originaltext finden, nicht übernommen.
4 Faszinosum: etwas, das jemanden auf geheimnisvolle Weise fasziniert, anzieht
5 symptomatisch: hier: typisch, bezeichnend
6 Olymp: höchstes Bergmassiv Griechenlands und in der griechischen Mythologie Wohnsitz der olympischen Götter
Aufgabenstellung 2
Stellen Sie dar, wodurch sich die Sprachvarietäten „Dialekt“, „Soziolekt“ und „Jugendsprache“ jeweils von der Standardsprache unterscheiden. Setzen Sie sich auf dieser Grundlage abwägend damit auseinander, wie Kaehlbrandt einerseits zu Sprachnormen und andererseits zu „Kiezdeutsch“ und zur Jugendsprache steht. [34 Punkte]
Aufgabe 2 · Interpretation lyrischer Texte
Aufgabenstellung:
1.
Analysieren Sie Bertolt Brechts Gedicht „Über die Bezeichnung Emigranten“.
[33 Punkte]
2.
Erschließen Sie das Gedicht „Die Grenze der Angst“ von Issam Al-Najm hinsichtlich seines Inhalts und seiner sprachlichen Gestaltung. Vergleichen Sie danach die Gedichte von Brecht und Al-Najm im Hinblick darauf, welche Beziehung zur Heimat jeweils deutlich wird. Beziehen Sie dabei auch die jeweilige Art der Gestaltung ein.
[39 Punkte]
Bertolt Brecht
Über die Bezeichnung Emigranten (1937)
1 Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab: Emigranten.
Das heißt doch Auswandrer. Aber wir
Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluß
Wählend ein andres Land. Wanderten wir doch auch nicht
5 Ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer.
Sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte.
Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da aufnahm.
Unruhig sitzen wir so, möglichst nahe den Grenzen
Wartend des Tags der Rückkehr, jede kleinste Veränderung
10 Jenseits der Grenze beobachtend, jeden Ankömmling
Eifrig befragend, nichts vergessend und nichts aufgebend
Und auch verzeihend nichts, was geschah, nichts verzeihend.
Ach, die Stille der Sunde¹ täuscht uns nicht! Wir hören die Schreie
Aus ihren Lagern bis hierher. Sind wir doch selber
15 Fast wie Gerüchte von Untaten, die da entkamen
Über die Grenzen. Jeder von uns
Der mit zerrissenen Schuhn durch die Menge geht
Zeugt von der Schande, die jetzt unser Land befleckt.
Aber keiner von uns
20 Wird hier bleiben. Das letzte Wort
Ist noch nicht gesprochen.
Anmerkungen zum Autor:
Bertolt Brecht lebte von 1898 bis 1956. 1933 verließ Brecht Deutschland. Er gelangte über Prag, Wien, Zürich, Paris und Dänemark nach Schweden und schließlich 1941 in die USA. 1947 kehrte Brecht zurück nach Europa, 1948 nach Ostberlin. Das vorliegende Gedicht entstammt der Sammlung „Svendborger Gedichte“, die während der Jahre des Exils in Dänemark entstand (1933–1939).
¹ Sunde: regionale Bezeichnung für Meerenge; im Ostseeraum bezeichnet das Wort Sund eine Meerenge zwischen Festland und einer vorgelagerten Insel.
Issam Al-Najm
Die Grenze der Angst (2017)
1 Meine Heimat,
Zwischen dir und mir gibt es eine Grenze
Die Grenze der Angst.
Ich kann nicht zurück
5 Du hinderst mich daran.
Ich habe nicht gelogen
Ich bin nicht einfach geflohen
Es gab viele Gründe:
Wenn meine Gedanken versuchen weit zu fliegen,
10 Sperrst du sie in deinen Käfig.
Wenn meine Blicke anders werden,
Machst du das Licht aus,
Damit wir nicht mehr sehen
Aber warum?
15 Ich war immer stolz auf dich
Habe immer von dir gesprochen
Ich war wie ein Kind,
Das ein fröhliches Spiel mit dir suchte.
Jetzt ist alles weg,
20 Die schmerzhaften Erinnerungen
Die schönen Erinnerungen
Aber die Grenze bleibt
Ich habe Angst davor
Zurückzufahren
25 Ich werde sie nicht los
Meine Heimat,
Ich vermisse dich
Aber die Grenze der Angst
Treibt mich immer um.
Anmerkungen zum Autor:
Issam Al-Najm wurde 1984 in Syrien geboren. 2015 floh er aus Syrien nach Deutschland. Issam Al-Najm schreibt bereits seit seinem zehnten Lebensjahr eigene Texte. In seiner Heimat schrieb er Gedichte auf Arabisch, heute schreibt er seine Gedichte auf Deutsch. 2018 erhielt er den ersten Preis in einem Literaturwettbewerb der Literarischen Gesellschaft Bochum.
1.
2.
Aufgabe 3 - Analyse pragmatischer Texte · Analyse pragmatischer Texte
Thomas Eicher u. a.
Nur geträumt. Vorwort 1 (1997)
[...] Träume haben seit jeher etwas Faszinierendes an sich. Zu allen Zeiten haben sie die Auf-
merksamkeit der Künstler und Literaten auf sich ziehen können. Sie gelten als Bereich mensch-
licher Erfahrung, in dem die Wahrnehmungsfähigkeit gleichsam über sich selbst hinauswächst.
In Träumen eröffnen sich Übergänge zur Transzendenz 2; das Individuum vermag hier zu Ein-
5 sichten über sich selbst und die Welt zu gelangen, die sich dem Wachbewußtsein verschließen.
Hier hat die künstlerische Inspiration Quelle und Ort. [...]
Literarische Träume gibt es, seit es Literatur gibt. Struktur, Intention und Funktion haben sich
bei ihnen im Laufe der Zeit ebenso geändert, wie dies bei der Literatur selber der Fall ist. [...]
Träume können Einfluß auf die Handlung ausüben, wobei sie in unterschiedlichster Weise
10 strukturbildend wirken können. Sie können sich genausogut auf die Atmosphäre auswirken,
entweder für die handelnden Personen oder für den Leser, möglicherweise sogar für beide.
Oder sie haben eine psychologische Funktion, wobei sie meistens ein Spiegelbild der augen-
blicklichen inneren Situation des Träumers sind. [...]
Versucht man die Darstellungsproblematik literarischer Träume mit den Spezifika der Gattun-
15 gen zusammenzubringen, so scheinen insbesondere Erzähltexte für eine sprachliche Abbil-
dung von Träumen prädestiniert 3. Aus diesem Grund kommt Schönau 4 zu zwei Formen der
Traumdarstellung. Er nennt zum einen den Traumbericht, der entweder von einer handelnden
Figur oder von einem Erzähler erstattet wird, und zum anderen das Traumerlebnis, „an dem
(in der personalen Erzählsituation) mittels der Innensicht dann der Leser unmittelbar teilneh-
20 men kann“. [...]
Obwohl Traumtexte sich alle auf das Träumen als anthropologische Konstante 5 beziehen,
nutzen sie diese doch in sehr unterschiedlicher Weise. Viele dieser Träume sind von dem,
was wir als Traum empfinden, weit entfernt. Sie nutzen lediglich einige Möglichkeiten der
Traumsituation um der Erweiterung der dichterischen Freiheit willen. Zu diesen erweiterten
25 literarischen Möglichkeiten zählen die Aufhebung alltäglicher logischer, räumlicher und chro-
nologischer Beziehungen (Gegenstände können sprechen, Menschen können fliegen, Reisen
durch Raum und Zeit), die Möglichkeit zu Sprüngen und Brüchen in der Handlung, eine Ver-
änderung im kommunikativen Verhalten der Personen (Unsagbares wird sagbar), etc. Mit
diesen erweiterten Darstellungsmöglichkeiten, die vom Leser aufgrund seiner eigenen Traum-
30 erfahrung akzeptiert werden, kann durch die Traumform ein spannungssteigerndes, Aufmerk-
samkeit erregendes Element in den Text eingebracht werden. Dabei ist jedoch zu unterschei-
den zwischen Träumen, die als authentisch, d.h.,traumrealistisch‘, erscheinen und solchen,
die den Traum nur als literarische Darbietungsform nutzen. Obwohl die Authentizität eines
artifiziellen 6 Traumes natürlich vom subjektiven Leseerlebnis abhängig ist, lassen sich einige
35 Merkmale als,traumtypisch‘ festhalten. Hierzu zählen, neben den oben genannten durch die
Traumform gegebenen erweiterten Darstellungsmöglichkeiten, die Identität von Träumen-
dem und Traumfigur, die Aufhebung moralischer und gesellschaftlicher Konventionen und
Tabus, ein Überwiegen von Bildwelt und Handlung und die Verwendung traumtypischer
Motive (z.B. Fliegen, Fallen, Verfolgtwerden, Eingesperrtsein). Als traumuntypisch hingegen
40 wird ein starkes Überwiegen der Sprache gegenüber der Handlung, der fehlende Bezug des
Traums zum Träumer, eine komplizierte, mehrschichtige Handlung mit einer Vielzahl han-
delnder Personen, die Vorausschau auf tatsächlich Eintretendes und der Zugang zu Informatio-
nen und Wissen, die der Träumer nicht (auch nicht intuitiv 7) haben kann, empfunden. Zwi-
schen diesen beiden Polen gibt es eine Vielzahl von Spielarten, wobei der Grad der Authen-
45 tizität eines Traumes nicht zwangsläufig mit seinem literarischen,Wert‘ übereinstimmen muß.
[...]
Träume eignen sich in besonderer Weise dazu, Erzähltes symbolisch und (leit-)motivisch zu
verdichten. Nicht selten bilden sie Schaltstellen im Erzählvorgang, etwa indem sie die Figu-
renzeichnung abrunden, Handlungsmotivationen offenlegen oder in anderen Kontexten bereits
50 Entfaltetes durch eine Wiederaufnahme neu bewerten.
1 Vorwort: Das Vorwort ist unterzeichnet mit „Die Herausgeber“, das Titelblatt führt zwölf Namen für die Herausgeberschaft an. Wie üblich in solchen Fällen wird hier nur der erste Name aufgeführt, die weiteren als „u. a.“ angegeben. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurden die Fußnoten aus dem Originaltext nicht übernommen.
2 Transzendenz: das jenseits der Erfahrung des Gegenständlichen Liegende, Überschreiten der Grenzen der Erfahrung und des Bewusstseins
3 prädestiniert, hier: geeignet
4 Schönau: Walter Schönau, ein in vorhergehenden Textpassagen bereits genannter Literaturwissenschaftler. Seinem Aufsatz über „Erdichtete Träume“ ist auch das angeführte Zitat zuzuordnen.
5 anthropologische Konstante: allen Menschen grundsätzlich zukommende Fähigkeit
6 artifiziell: künstlich, bewusst erdacht
7 intuitiv: unmittelbar verständlich, mittels Eingebung erkannt
1. Analysieren Sie den vorliegenden Auszug aus dem Vorwort „Nur geträumt“ zu einem Sammelband mit literarischen Traumdarstellungen im Hinblick darauf, welche Bedeutung Träumen im Allgemeinen zugeschrieben wird und welche Funktion sie in der Literatur erfüllen. Beziehen Sie dabei die verschiedenen Möglichkeiten ein, literarische Träume zu gestalten. (36 Punkte)
Aufgabe 3 - Literarische Erörterung und Pflichtle… · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre
Thomas Eicher u. a.
Nur geträumt. Vorwort 1 (1997)
[...] Träume haben seit jeher etwas Faszinierendes an sich. Zu allen Zeiten haben sie die Auf-
merksamkeit der Künstler und Literaten auf sich ziehen können. Sie gelten als Bereich mensch-
licher Erfahrung, in dem die Wahrnehmungsfähigkeit gleichsam über sich selbst hinauswächst.
In Träumen eröffnen sich Übergänge zur Transzendenz 2; das Individuum vermag hier zu Ein-
5 sichten über sich selbst und die Welt zu gelangen, die sich dem Wachbewußtsein verschließen.
Hier hat die künstlerische Inspiration Quelle und Ort. [...]
Literarische Träume gibt es, seit es Literatur gibt. Struktur, Intention und Funktion haben sich
bei ihnen im Laufe der Zeit ebenso geändert, wie dies bei der Literatur selber der Fall ist. [...]
Träume können Einfluß auf die Handlung ausüben, wobei sie in unterschiedlichster Weise
10 strukturbildend wirken können. Sie können sich genausogut auf die Atmosphäre auswirken,
entweder für die handelnden Personen oder für den Leser, möglicherweise sogar für beide.
Oder sie haben eine psychologische Funktion, wobei sie meistens ein Spiegelbild der augen-
blicklichen inneren Situation des Träumers sind. [...]
Versucht man die Darstellungsproblematik literarischer Träume mit den Spezifika der Gattun-
15 gen zusammenzubringen, so scheinen insbesondere Erzähltexte für eine sprachliche Abbil-
dung von Träumen prädestiniert 3. Aus diesem Grund kommt Schönau 4 zu zwei Formen der
Traumdarstellung. Er nennt zum einen den Traumbericht, der entweder von einer handelnden
Figur oder von einem Erzähler erstattet wird, und zum anderen das Traumerlebnis, „an dem
(in der personalen Erzählsituation) mittels der Innensicht dann der Leser unmittelbar teilneh-
20 men kann“. [...]
Obwohl Traumtexte sich alle auf das Träumen als anthropologische Konstante 5 beziehen,
nutzen sie diese doch in sehr unterschiedlicher Weise. Viele dieser Träume sind von dem,
was wir als Traum empfinden, weit entfernt. Sie nutzen lediglich einige Möglichkeiten der
Traumsituation um der Erweiterung der dichterischen Freiheit willen. Zu diesen erweiterten
25 literarischen Möglichkeiten zählen die Aufhebung alltäglicher logischer, räumlicher und chro-
nologischer Beziehungen (Gegenstände können sprechen, Menschen können fliegen, Reisen
durch Raum und Zeit), die Möglichkeit zu Sprüngen und Brüchen in der Handlung, eine Ver-
änderung im kommunikativen Verhalten der Personen (Unsagbares wird sagbar), etc. Mit
diesen erweiterten Darstellungsmöglichkeiten, die vom Leser aufgrund seiner eigenen Traum-
30 erfahrung akzeptiert werden, kann durch die Traumform ein spannungssteigerndes, Aufmerk-
samkeit erregendes Element in den Text eingebracht werden. Dabei ist jedoch zu unterschei-
den zwischen Träumen, die als authentisch, d.h.,traumrealistisch‘, erscheinen und solchen,
die den Traum nur als literarische Darbietungsform nutzen. Obwohl die Authentizität eines
artifiziellen 6 Traumes natürlich vom subjektiven Leseerlebnis abhängig ist, lassen sich einige
35 Merkmale als,traumtypisch‘ festhalten. Hierzu zählen, neben den oben genannten durch die
Traumform gegebenen erweiterten Darstellungsmöglichkeiten, die Identität von Träumen-
dem und Traumfigur, die Aufhebung moralischer und gesellschaftlicher Konventionen und
Tabus, ein Überwiegen von Bildwelt und Handlung und die Verwendung traumtypischer
Motive (z.B. Fliegen, Fallen, Verfolgtwerden, Eingesperrtsein). Als traumuntypisch hingegen
40 wird ein starkes Überwiegen der Sprache gegenüber der Handlung, der fehlende Bezug des
Traums zum Träumer, eine komplizierte, mehrschichtige Handlung mit einer Vielzahl han-
delnder Personen, die Vorausschau auf tatsächlich Eintretendes und der Zugang zu Informatio-
nen und Wissen, die der Träumer nicht (auch nicht intuitiv 7) haben kann, empfunden. Zwi-
schen diesen beiden Polen gibt es eine Vielzahl von Spielarten, wobei der Grad der Authen-
45 tizität eines Traumes nicht zwangsläufig mit seinem literarischen,Wert‘ übereinstimmen muß.
[...]
Träume eignen sich in besonderer Weise dazu, Erzähltes symbolisch und (leit-)motivisch zu
verdichten. Nicht selten bilden sie Schaltstellen im Erzählvorgang, etwa indem sie die Figu-
renzeichnung abrunden, Handlungsmotivationen offenlegen oder in anderen Kontexten bereits
50 Entfaltetes durch eine Wiederaufnahme neu bewerten.
1 Vorwort: Das Vorwort ist unterzeichnet mit „Die Herausgeber“, das Titelblatt führt zwölf Namen für die Herausgeberschaft an. Wie üblich in solchen Fällen wird hier nur der erste Name aufgeführt, die weiteren als „u. a.“ angegeben. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurden die Fußnoten aus dem Originaltext nicht übernommen.
2 Transzendenz: das jenseits der Erfahrung des Gegenständlichen Liegende, Überschreiten der Grenzen der Erfahrung und des Bewusstseins
3 prädestiniert, hier: geeignet
4 Schönau: Walter Schönau, ein in vorhergehenden Textpassagen bereits genannter Literaturwissenschaftler. Seinem Aufsatz über „Erdichtete Träume“ ist auch das angeführte Zitat zuzuordnen.
5 anthropologische Konstante: allen Menschen grundsätzlich zukommende Fähigkeit
6 artifiziell: künstlich, bewusst erdacht
7 intuitiv: unmittelbar verständlich, mittels Eingebung erkannt
„7. Juni 1938
Der See hat auch schon bessere Zeiten gesehen, die Geranien leuchten in der Nacht, aber es ist ja ein Feuer, und getanzt wird sowieso immer, das Licht ver“
2. Ordnen Sie den abgedruckten Traum des Protagonisten Franz aus dem Schluss des Romans „Der Trafikant“ in den Gesamtzusammenhang des Werks ein und erschließen Sie die Bilder dieser letzten Traumaufzeichnung vor dem Hintergrund des Textzusammenhangs. Erläutern Sie danach anhand der im Vorwort genannten Kriterien, wie der Traumzettel gestaltet ist und welche Funktion er für den Schluss des Romans haben könnte. (36 Punkte)
Aufgabe 4 - Interpretation dramatischer Texte · Interpretation dramatischer Texte
Aufgabe 4 – Interpretation dramatischer Texte
Gotthold Ephraim Lessing
Nathan der Weise (Dritter Aufzug, Neunter Auftritt)
NATHAN und der TEMPELHERR.
NATHAN. Wie? seyd Ihrs?
TEMPELHERR. Ihr habt
2160 Sehr lang' Euch bey dem Sultan aufgehalten.
NATHAN. So lange nun wohl nicht. Ich ward im hingehn
Zu viel verweilt. – Ah, wahrlich Curd; der Mann
Steht seinen Ruhm 1. Sein Ruhm ist blos sein Schatten. –
Doch laßt vor allen Dingen Euch geschwind
Nur sagen …
TEMPELHERR. Was?
2165 NATHAN. Er will Euch sprechen; will,
Daß ungesäumt 2 Ihr zu ihm kommt. Begleitet
Mich nur nach Hause, wo ich noch für ihn
Erst etwas anders zu verfügen habe:
Und dann, so gehn wir!
TEMPELHERR. Nathan, Euer Haus
Betret' ich wieder eher nicht …
2170 NATHAN. So seyd
Ihr doch indeß schon da gewesen? habt
Indeß sie doch gesprochen? – Nun? – Sagt: wie
Gefällt Euch Recha?
TEMPELHERR. Über allen Ausdruck!
Allein, – sie wiedersehn – das werd ich nie!
2175 Nie! nie! – Ihr müßtet mir zur Stelle denn
Versprechen: – daß ich sie auf immer, immer –
Soll können sehn.
NATHAN. Wie wollt Ihr, daß ich das
Versteh'?
TEMPELHERR. (nach einer kurzen Pause ihm plötzlich um den Hals fallend.)
Mein Vater!
NATHAN. – Junger Mann!
TEMPELHERR. (ihn ebenso plötzlich wieder lassend)
Nicht Sohn? –
Ich bitt' Euch, Nathan! –
NATHAN. Lieber junger Mann!
TEMPELHERR.
2180 Nicht Sohn? – Ich bitt Euch, Nathan! – Ich beschwör'
Euch bey den ersten Banden der Natur! –
Zieht ihnen spätre Fesseln doch nicht vor! –
Begnügt Euch doch ein Mensch zu seyn! – Stoßt mich
Nicht von Euch!
NATHAN. Lieber, lieber Freund! …
TEMPELHERR. Und Sohn?
2185 Sohn nicht? – Auch dann nicht, dann nicht einmahl, wenn
Erkenntlichkeit zum Herzen Eurer Tochter
Der Liebe schon den Weg gebahnet hätte?
Auch dann nicht einmahl, wenn in eins zu schmelzen
Auf Euern Wink nur beyde warteten? –
Ihr schweigt?
2190 NATHAN. Ihr überrascht mich, junger Ritter.
TEMPELHERR.
Ich überrasch' Euch? – überrasch' Euch, Nathan,
Mit Euern eignen Gedanken? – Ihr
Verkennt sie doch in meinem Munde nicht? –
Ich überrasch' Euch?
NATHAN. Eh ich einmal weiß,
2195 Was für ein Staufen Euer Vater denn
Gewesen ist!
TEMPELHERR. Was sagt Ihr, Nathan? was? –
In diesem Augenblicke fühlt Ihr nichts,
Als Neubegier?
NATHAN. Denn seht! Ich habe selbst
Wohl einen Staufen ehedem gekannt,
Der Conrad hieß.
2200 TEMPELHERR. Nun – wenn mein Vater denn
Nun eben so geheissen hätte?
NATHAN. Wahrlich?
TEMPELHERR. Ich heisse selber ja nach meinem Vater: Curd
Ist Conrad.
NATHAN. Nun – so war mein Conrad doch
Nicht Euer Vater. Denn mein Conrad war,
2205 Was ihr; war Tempelherr; war nie vermählt.
TEMPELHERR. O darum!
NATHAN. Wie?
TEMPELHERR. O darum könnt' er doch
Mein Vater wohl gewesen seyn.
NATHAN. Ihr scherzt.
TEMPELHERR. Und Ihr nehmts wahrlich zu genau! – Was wärs
Denn nun? So was von Bastard oder Bankert 3 !
2210 Der Schlag 4 ist auch nicht zu verachten. – Doch
Entlaßt mich immer meiner Ahnenprobe.
Ich will Euch Eurer wiederum entlassen.
Nicht zwar, als ob ich den geringsten Zweifel
In Euern Stammbaum setzte. Gott behüte!
2215 Ihr könnt ihn Blatt vor Blatt bis Abraham
Hinauf belegen. Und von da so weiter,
Weis ich ihn selbst; will ich ihn selbst beschwören.
NATHAN. Ihr werdet bitter. – Doch verdien' ichs? – Schlug
Ich denn Euch schon was ab? – Ich will Euch ja
2220 Nur bey dem Worte nicht den Augenblick
So fassen. – Weiter nichts.
TEMPELHERR. Gewiß! – Nichts weiter?
O so vergebt! …
NATHAN. Nun kommt nur, kommt!
TEMPELHERR. Wohin?
Nein! – Mit in Euer Haus? – Das nicht! das nicht! –
Da brennts! – Ich will Euch hier erwarten. Geht! –
2225 Soll ich sie wiedersehn: so seh ich sie
Noch oft genug. Wo nicht: so sah ich sie
Schon viel zu viel …
NATHAN. Ich will mich möglichst eilen.
1 seinen Ruhm stehen: seinem Ruhm gewachsen sein
2 ungesäumt: unverzüglich
3 Bastard oder Bankert: Bezeichnungen für ein nicht eheliches Kind
4 Schlag: hier: Menschenschlag
1.
Analysieren Sie den abgedruckten Ausschnitt aus Gotthold Ephraim Lessings Drama „Nathan der Weise“ und untersuchen Sie dabei, wie die Figuren und das Verhältnis zwischen ihnen gestaltet werden; beziehen Sie auch ein, in welchem Verhältnis die Figuren jeweils zu Recha stehen, die in dieser Szene nicht anwesend ist. (45 Punkte)
Aufgabe 4 - Literarische Erörterung und Pflichtle… · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre
Aufgabe 4 – Literarische Erörterung und Pflichtlektüre
Gotthold Ephraim Lessing
Nathan der Weise (Dritter Aufzug, Neunter Auftritt)
NATHAN und der TEMPELHERR.
NATHAN. Wie? seyd Ihrs?
TEMPELHERR. Ihr habt
2160 Sehr lang' Euch bey dem Sultan aufgehalten.
NATHAN. So lange nun wohl nicht. Ich ward im hingehn
Zu viel verweilt. – Ah, wahrlich Curd; der Mann
Steht seinen Ruhm 1. Sein Ruhm ist blos sein Schatten. –
Doch laßt vor allen Dingen Euch geschwind
Nur sagen …
TEMPELHERR. Was?
2165 NATHAN. Er will Euch sprechen; will,
Daß ungesäumt 2 Ihr zu ihm kommt. Begleitet
Mich nur nach Hause, wo ich noch für ihn
Erst etwas anders zu verfügen habe:
Und dann, so gehn wir!
TEMPELHERR. Nathan, Euer Haus
Betret' ich wieder eher nicht …
2170 NATHAN. So seyd
Ihr doch indeß schon da gewesen? habt
Indeß sie doch gesprochen? – Nun? – Sagt: wie
Gefällt Euch Recha?
TEMPELHERR. Über allen Ausdruck!
Allein, – sie wiedersehn – das werd ich nie!
2175 Nie! nie! – Ihr müßtet mir zur Stelle denn
Versprechen: – daß ich sie auf immer, immer –
Soll können sehn.
NATHAN. Wie wollt Ihr, daß ich das
Versteh'?
TEMPELHERR. (nach einer kurzen Pause ihm plötzlich um den Hals fallend.)
Mein Vater!
NATHAN. – Junger Mann!
TEMPELHERR. (ihn ebenso plötzlich wieder lassend)
Nicht Sohn? –
Ich bitt' Euch, Nathan! –
NATHAN. Lieber junger Mann!
TEMPELHERR.
2180 Nicht Sohn? – Ich bitt Euch, Nathan! – Ich beschwör'
Euch bey den ersten Banden der Natur! –
Zieht ihnen spätre Fesseln doch nicht vor! –
Begnügt Euch doch ein Mensch zu seyn! – Stoßt mich
Nicht von Euch!
NATHAN. Lieber, lieber Freund! …
TEMPELHERR. Und Sohn?
2185 Sohn nicht? – Auch dann nicht, dann nicht einmahl, wenn
Erkenntlichkeit zum Herzen Eurer Tochter
Der Liebe schon den Weg gebahnet hätte?
Auch dann nicht einmahl, wenn in eins zu schmelzen
Auf Euern Wink nur beyde warteten? –
Ihr schweigt?
2190 NATHAN. Ihr überrascht mich, junger Ritter.
TEMPELHERR.
Ich überrasch' Euch? – überrasch' Euch, Nathan,
Mit Euern eignen Gedanken? – Ihr
Verkennt sie doch in meinem Munde nicht? –
Ich überrasch' Euch?
NATHAN. Eh ich einmal weiß,
2195 Was für ein Staufen Euer Vater denn
Gewesen ist!
TEMPELHERR. Was sagt Ihr, Nathan? was? –
In diesem Augenblicke fühlt Ihr nichts,
Als Neubegier?
NATHAN. Denn seht! Ich habe selbst
Wohl einen Staufen ehedem gekannt,
Der Conrad hieß.
2200 TEMPELHERR. Nun – wenn mein Vater denn
Nun eben so geheissen hätte?
NATHAN. Wahrlich?
TEMPELHERR. Ich heisse selber ja nach meinem Vater: Curd
Ist Conrad.
NATHAN. Nun – so war mein Conrad doch
Nicht Euer Vater. Denn mein Conrad war,
2205 Was ihr; war Tempelherr; war nie vermählt.
TEMPELHERR. O darum!
NATHAN. Wie?
TEMPELHERR. O darum könnt' er doch
Mein Vater wohl gewesen seyn.
NATHAN. Ihr scherzt.
TEMPELHERR. Und Ihr nehmts wahrlich zu genau! – Was wärs
Denn nun? So was von Bastard oder Bankert 3 !
2210 Der Schlag 4 ist auch nicht zu verachten. – Doch
Entlaßt mich immer meiner Ahnenprobe.
Ich will Euch Eurer wiederum entlassen.
Nicht zwar, als ob ich den geringsten Zweifel
In Euern Stammbaum setzte. Gott behüte!
2215 Ihr könnt ihn Blatt vor Blatt bis Abraham
Hinauf belegen. Und von da so weiter,
Weis ich ihn selbst; will ich ihn selbst beschwören.
NATHAN. Ihr werdet bitter. – Doch verdien' ichs? – Schlug
Ich denn Euch schon was ab? – Ich will Euch ja
2220 Nur bey dem Worte nicht den Augenblick
So fassen. – Weiter nichts.
TEMPELHERR. Gewiß! – Nichts weiter?
O so vergebt! …
NATHAN. Nun kommt nur, kommt!
TEMPELHERR. Wohin?
Nein! – Mit in Euer Haus? – Das nicht! das nicht! –
Da brennts! – Ich will Euch hier erwarten. Geht! –
2225 Soll ich sie wiedersehn: so seh ich sie
Noch oft genug. Wo nicht: so sah ich sie
Schon viel zu viel …
NATHAN. Ich will mich möglichst eilen.
1 seinen Ruhm stehen: seinem Ruhm gewachsen sein
2 ungesäumt: unverzüglich
3 Bastard oder Bankert: Bezeichnungen für ein nicht eheliches Kind
4 Schlag: hier: Menschenschlag
2.
Der Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal (1874 – 1929) äußert sich in einem Essay zu Lessings Dramen wie folgt:
„Lessing hat ausgezeichnete Rollen geschrieben […]. Aber diese Rollen stehen nicht für sich; […] so machen die Rollen einander wechselweise noch stärker, als jede für sich schon wäre.“
Untersuchen Sie anhand des vorliegenden Dramenauszugs, inwieweit Nathan und der Tempelherr jeweils durch die andere Figur an Profil gewinnen. Berücksichtigen Sie dabei auch den Verlauf der gesamten Handlung. Erläutern Sie abschließend, inwiefern die Handlungslinie um diese beiden Figuren dazu beiträgt, dass das Stück als aufklärerisches Erziehungsdrama gelten kann. (27 Punkte)
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