Aufgabe 3 - Literarische Erörterung und Pflichtle… · Abitur NRW Deutsch GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

Thomas Eicher u. a.

Nur geträumt. Vorwort 1 (1997)

[...] Träume haben seit jeher etwas Faszinierendes an sich. Zu allen Zeiten haben sie die Auf-

merksamkeit der Künstler und Literaten auf sich ziehen können. Sie gelten als Bereich mensch-

licher Erfahrung, in dem die Wahrnehmungsfähigkeit gleichsam über sich selbst hinauswächst.

In Träumen eröffnen sich Übergänge zur Transzendenz 2; das Individuum vermag hier zu Ein-

5 sichten über sich selbst und die Welt zu gelangen, die sich dem Wachbewußtsein verschließen.

Hier hat die künstlerische Inspiration Quelle und Ort. [...]

Literarische Träume gibt es, seit es Literatur gibt. Struktur, Intention und Funktion haben sich

bei ihnen im Laufe der Zeit ebenso geändert, wie dies bei der Literatur selber der Fall ist. [...]

Träume können Einfluß auf die Handlung ausüben, wobei sie in unterschiedlichster Weise

10 strukturbildend wirken können. Sie können sich genausogut auf die Atmosphäre auswirken,

entweder für die handelnden Personen oder für den Leser, möglicherweise sogar für beide.

Oder sie haben eine psychologische Funktion, wobei sie meistens ein Spiegelbild der augen-

blicklichen inneren Situation des Träumers sind. [...]

Versucht man die Darstellungsproblematik literarischer Träume mit den Spezifika der Gattun-

15 gen zusammenzubringen, so scheinen insbesondere Erzähltexte für eine sprachliche Abbil-

dung von Träumen prädestiniert 3. Aus diesem Grund kommt Schönau 4 zu zwei Formen der

Traumdarstellung. Er nennt zum einen den Traumbericht, der entweder von einer handelnden

Figur oder von einem Erzähler erstattet wird, und zum anderen das Traumerlebnis, „an dem

(in der personalen Erzählsituation) mittels der Innensicht dann der Leser unmittelbar teilneh-

20 men kann“. [...]

Obwohl Traumtexte sich alle auf das Träumen als anthropologische Konstante 5 beziehen,

nutzen sie diese doch in sehr unterschiedlicher Weise. Viele dieser Träume sind von dem,

was wir als Traum empfinden, weit entfernt. Sie nutzen lediglich einige Möglichkeiten der

Traumsituation um der Erweiterung der dichterischen Freiheit willen. Zu diesen erweiterten

25 literarischen Möglichkeiten zählen die Aufhebung alltäglicher logischer, räumlicher und chro-

nologischer Beziehungen (Gegenstände können sprechen, Menschen können fliegen, Reisen

durch Raum und Zeit), die Möglichkeit zu Sprüngen und Brüchen in der Handlung, eine Ver-

änderung im kommunikativen Verhalten der Personen (Unsagbares wird sagbar), etc. Mit

diesen erweiterten Darstellungsmöglichkeiten, die vom Leser aufgrund seiner eigenen Traum-

30 erfahrung akzeptiert werden, kann durch die Traumform ein spannungssteigerndes, Aufmerk-

samkeit erregendes Element in den Text eingebracht werden. Dabei ist jedoch zu unterschei-

den zwischen Träumen, die als authentisch, d.h.,traumrealistisch‘, erscheinen und solchen,

die den Traum nur als literarische Darbietungsform nutzen. Obwohl die Authentizität eines

artifiziellen 6 Traumes natürlich vom subjektiven Leseerlebnis abhängig ist, lassen sich einige

35 Merkmale als,traumtypisch‘ festhalten. Hierzu zählen, neben den oben genannten durch die

Traumform gegebenen erweiterten Darstellungsmöglichkeiten, die Identität von Träumen-

dem und Traumfigur, die Aufhebung moralischer und gesellschaftlicher Konventionen und

Tabus, ein Überwiegen von Bildwelt und Handlung und die Verwendung traumtypischer

Motive (z.B. Fliegen, Fallen, Verfolgtwerden, Eingesperrtsein). Als traumuntypisch hingegen

40 wird ein starkes Überwiegen der Sprache gegenüber der Handlung, der fehlende Bezug des

Traums zum Träumer, eine komplizierte, mehrschichtige Handlung mit einer Vielzahl han-

delnder Personen, die Vorausschau auf tatsächlich Eintretendes und der Zugang zu Informatio-

nen und Wissen, die der Träumer nicht (auch nicht intuitiv 7) haben kann, empfunden. Zwi-

schen diesen beiden Polen gibt es eine Vielzahl von Spielarten, wobei der Grad der Authen-

45 tizität eines Traumes nicht zwangsläufig mit seinem literarischen,Wert‘ übereinstimmen muß.

[...]

Träume eignen sich in besonderer Weise dazu, Erzähltes symbolisch und (leit-)motivisch zu

verdichten. Nicht selten bilden sie Schaltstellen im Erzählvorgang, etwa indem sie die Figu-

renzeichnung abrunden, Handlungsmotivationen offenlegen oder in anderen Kontexten bereits

50 Entfaltetes durch eine Wiederaufnahme neu bewerten.

1 Vorwort: Das Vorwort ist unterzeichnet mit „Die Herausgeber“, das Titelblatt führt zwölf Namen für die Herausgeberschaft an. Wie üblich in solchen Fällen wird hier nur der erste Name aufgeführt, die weiteren als „u. a.“ angegeben. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurden die Fußnoten aus dem Originaltext nicht übernommen.

2 Transzendenz: das jenseits der Erfahrung des Gegenständlichen Liegende, Überschreiten der Grenzen der Erfahrung und des Bewusstseins

3 prädestiniert, hier: geeignet

4 Schönau: Walter Schönau, ein in vorhergehenden Textpassagen bereits genannter Literaturwissenschaftler. Seinem Aufsatz über „Erdichtete Träume“ ist auch das angeführte Zitat zuzuordnen.

5 anthropologische Konstante: allen Menschen grundsätzlich zukommende Fähigkeit

6 artifiziell: künstlich, bewusst erdacht

7 intuitiv: unmittelbar verständlich, mittels Eingebung erkannt

„7. Juni 1938

Der See hat auch schon bessere Zeiten gesehen, die Geranien leuchten in der Nacht, aber es ist ja ein Feuer, und getanzt wird sowieso immer, das Licht ver“

2. Ordnen Sie den abgedruckten Traum des Protagonisten Franz aus dem Schluss des Romans „Der Trafikant“ in den Gesamtzusammenhang des Werks ein und erschließen Sie die Bilder dieser letzten Traumaufzeichnung vor dem Hintergrund des Textzusammenhangs. Erläutern Sie danach anhand der im Vorwort genannten Kriterien, wie der Traumzettel gestaltet ist und welche Funktion er für den Schluss des Romans haben könnte. (36 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 - Literarische Erörterung und Pflichtle… · Abitur NRW Deutsch GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Ordnen Sie den abgedruckten Traum des Protagonisten Franz aus dem Schluss des Romans „Der Trafikant“ in den Gesamtzusammenhang des Werks ein und erschließen Sie die Bilder dieser letzten Traumaufzeichnung vor dem Hintergrund des Textzusammenhangs. Erläutern Sie danach anhand der im Vorwort genannten Kriterien, wie der Traumzettel gestaltet ist und welche Funktion er für den Schluss des Romans haben könnte.

Lösung: Individuelle literarische Erörterung und Textinterpretation gemäß den offiziellen Kriterien.

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