Abitur NRW Deutsch 2023 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg
Abiturprüfung Deutsch in Nordrhein-Westfalen 2023, GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 6 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Interpretation lyrischer Texte.
Themen der Prüfung: Interpretation lyrischer Texte · Interpretation epischer Texte · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Analyse pragmatischer Texte · Sprachreflexion und Sprachtheorien · Materialgestütztes Verfassen von Texten
Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1 · Analyse pragmatischer Texte
Horst Haider Munske
Sterben die Dialekte aus? 1 (Textauszug, 2009)
Diese Frage bewegt viele Menschen. Würde nur noch Hochdeutsch gesprochen im deutschen
Sprachgebiet, dann wäre das eine spürbare Einbuße im menschlichen Miteinander. Im Dialekt
sind sich die Menschen näher, sie reden ausdrucksreicher, emotionaler, weniger distanziert
miteinander. Dialekte sind das sichtbarste Merkmal regionaler Identität. Auch der Zugereiste
5 kann daran mit Vergnügen teilhaben, wenn er sich etwas eingehört hat und seinem Gegenüber
zu verstehen gibt: Er muss mit ihm nicht in den hochdeutschen Code wechseln.
Zwei Beobachtungen begründen die Sorge um das Dialektsterben: der Rückgang des Dia-
lektgebrauchs im Alltag und der vermeintliche Dialektverfall bei vielen jüngeren Sprechern.
Das eine ist Ausdruck eines Sprachwechsels vom mündlichen Sprachverkehr zur prestige-
10 trächtigeren Hochsprache. Das andere ist Folge des Kontakts zwischen Dialekt und Standard-
sprache. Im Munde zweisprachiger Sprecher übernehmen die Dialekte Wörter, Lautungen
und grammatische Merkmale der Hochsprache und wandeln sich zu regionalen Umgangs-
sprachen. Diese haben in vielen Regionen Deutschlands die Rolle der Dialekte als mündliche
Alltagssprachen übernommen.
15 Die Klage über den Untergang der Dialekte ist übrigens so alt wie die über den Sittenverfall
bei der Jugend, den Sprachverfall im Allgemeinen, den Verfall der Lesekultur, der Umgangs-
formen usw. Sie ist ein Ausdruck des Missvergnügens über den Wandel der Sitten, des Sprach-
gebrauchs und eben auch der Dialekte. Aber warum sterben die Dialekte? Lässt es sich auf-
halten? Gilt das für alle Dialekte? Gibt es eine gegenteilige Entwicklung, aus der einst auch
20 unsere Hochsprache hervorgegangen ist, der Ausbau der Dialekte zu einer überregionalen
Schriftsprache? […]
„Sterben“ können Dialekte natürlich nicht im eigentlichen Sinne wie Menschen, Tiere, Pflan-
zen. Ihr Untergang ist immer an die Menschen gebunden, die sie gebrauchen. Sprachen exis-
tieren durch ihre Sprecher. Durch sie werden sie an die nächsten Generationen weitergege-
25 ben. Der Spracherwerb der Kinder ist die Voraussetzung für das Weiterleben einer Sprache.
Wenn dieser Weg abgebrochen wird, ist das Weiterleben einer Sprache in ernster Gefahr. Und
wenn der letzte Sprecher einer Sprache gestorben ist, dann ist auch der Sprachtod eingetreten.
So ging zum Beispiel der ostfriesische Dialekt auf der Insel Wangerooge endgültig unter, als
die letzte Sprecherin im Jahre 1950 verstarb.
30 Tote Sprachen können natürlich, wenn sie aufgezeichnet wurden, wenn literarische Denk-
mäler überliefert sind, weiterhin gelesen werden, aber dies ist ein künstliches Leben, eine Art
Wachkoma der Sprachen, sie leben nur noch durch diese Aufzeichnungen, nicht als Gebrauchs-
sprachen, die der Mensch als Kind von den Eltern erlernt und im Gebrauch produktiv verän-
dern kann.
35 Das Sterben der Dialekte – und überhaupt von Sprachen – hat zwei Hauptursachen: äußere,
wie Naturkatastrophen, Kriege, Vertreibung, Genozid 2, von der die Sprecher betroffen wer-
den. Die andere Ursache liegt im Sprachverhalten der Sprecher selbst, in der freiwilligen Ab-
wendung von ihrer Sprache zugunsten einer anderen. Dies gilt vor allem für mehrsprachige
Gesellschaften. In der Konkurrenz von Sprachen gehen manche unter, weil ihnen eine andere
40 von den Sprechern vorgezogen wird.
Betrachten wir einige Beispiele. In Nordfriesland, auf den Inseln Föhr, Amrum, Sylt und
Helgoland, auf den Halligen und dem gegenüberliegenden Festland gibt es zur Zeit etwa
5.000 Muttersprachler der verschiedenen nordfriesischen Dialekte. Trotz lebhafter institutio-
neller Bemühungen in Kindergärten, Schulen und Vereinen, diesen Stand zu halten oder gar
45 zu verbessern, ist der Erhalt dieser kleinen, seit über 1.000 Jahren bestehenden Sprachgemein-
schaft stark gefährdet. Die ersten schweren Einbrüche bedeuteten die gewaltigen Sturmfluten
(„Grote Mandränke“) von 1362 und 1634, durch welche ein ursprünglich weitgehend verbun-
denes Siedlungs- und Sprachgebiet durch das Meer auseinandergerissen, zerstückelt und ver-
kleinert wurde. […] Menschenwerk dagegen waren die zahllosen Vertreibungen oder soge-
50 nannte Umsiedlungen des 20. Jahrhunderts, von Kurden, Armeniern und Griechen, von Wolga-
deutschen, Schlesiern, Ostpreußen, Balten, Sudetendeutschen und unzähligen anderen. Auch
ihre Dialekte waren davon betroffen. Die Überlebenden bewahren ihre Heimatsprachen meist
bis an den Tod, aber selten geben sie an ihre Kinder und Enkel weiter. Diese sozialisieren
sich in neuer Umgebung, auch sprachlich. Verheerend betroffen waren die jiddischen Dialekte
55 vom Genozid der Juden in West-, Mittel-, Süd- und Osteuropa. […]
Zu den äußeren Ursachen des Dialektsterbens müssen wir auch Veränderungen zählen, die
gemeinhin als Fortschritt gelten: die Verbesserung der verkehrsmäßigen Infrastruktur und die
Erschließung neuer Erwerbsquellen durch den Tourismus. Beides hat in Nordfriesland dazu
geführt, dass Friesisch als öffentliche Verkehrssprache anfangs vom Plattdeutschen, heute
60 vom Hochdeutschen abgelöst wurde, dass alle Friesischsprecher zwei- oder dreisprachig sind
und ihren friesischen Dialekt fast nur noch als Haus- und Nachbarschaftssprache benutzen.
Solche Mehrsprachigkeit führt in der Regel zu einer Hierarchisierung der Sprachen. […]
Dieser Entwicklung haben die Deutschschweizer bis heute widerstanden. Die alemannischen
Dialekte der Schweiz sind unangefochten das alleinige Medium aller Bevölkerungsschichten
65 in allen mündlichen Kommunikationssituationen: nicht nur im Haus und auf der Straße, ebenso
im Radio, in den Behörden, beim Militär, im Parlament. Dabei bedient sich jeder seines eige-
nen heimatlichen Dialekts, wird verstanden und versteht sein Gegenüber. Nebenbei kann jeder
aus solcher Spracherfahrung den anderen lokalisieren, das heißt über den Dialekt seine Her-
kunft als Berner, Zürcher, Walliser usw. erkennen. Die deutsche Standardsprache dient aus-
70 schließlich als Schriftsprache der Deutschschweizer, wird in der Schule vermittelt, aber allen-
falls im Kontakt mit Nicht-Schweizern (nicht ohne Akzent) benutzt. Sprachwissenschaftler
bezeichnen solche stabile Funktionsteilung zweier verwandter Sprachen in einer Sprachge-
meinschaft als Diglossie (das griechische Wort für „Zweisprachigkeit“).
Im Vergleich zum deutschen Nachbarn kennen die Schweizer keine Beschränkung des Dia-
75 lekts auf bestimmte Gebrauchssphären, zum Beispiel Landwirtschaft, traditionelle Handwerke
u.ä. Das führt dazu, dass auch der Wortschatz der Schriftsprache in den Dialekt aufgenom-
men wird, allerdings lautlich integriert. So wird aus hochdeutsch Entwicklung ein schweizer-
deutsches Entwicklig, aus Einsatz wird Iisatz, aus möglicherweise wird möglicherwiis. Mit
solchem integrierten Import sind die Dialekte jedem Thema gewachsen und verändern sich –
80 zumindest lexikalisch – rasch. Das widerspricht mancher Erwartung, die Dialekte der Groß-
eltern ließen sich konservieren. Sie bleiben nur lebendig und werden von den Eltern den Kin-
dern als Muttersprache weitergegeben, wenn sie dem Leistungsanspruch heutiger mündlicher
Kommunikation angepasst werden.
Mit dem Begriff Diglossie lässt sich das Verhältnis von gesprochener und geschriebener
85 Sprache in vielen Sprachgemeinschaften gut beschreiben.
Ein klassischer Fall der Arbeitsteilung beider Varietäten besteht in den arabischen Staaten.
Die heutige arabische Hochsprache, eine konservierte Form des Klassischen Arabisch, wird
nirgends als Muttersprache erworben, erst in den Schulen vermittelt und stellt ein religiös
motiviertes Bindeglied aller arabischsprachigen Länder dar. Gesprochen und als Mutterspra-
90 chen erlernt werden aber die regionalen arabischen Dialekte. Auch hier herrscht eine stabile
Diglossie. Doch während in der Schweiz die Dialekte als nationale Varietät hohes Prestige
genießen, gelten die arabischen Dialekte nichts im Vergleich zur Schriftsprache. Dies ist
eine extreme Form von Fehleinschätzung der Varietäten gesprochener Sprache, die auch in
Deutschland lange vorherrschend war.
95 Was lehren diese Beispiele und Vergleiche? Dialekte sind wie alle Sprachen einzigartige
Zeugnisse unserer Lebenskultur, sie sind kulturelle Artefakte 3 des Menschen. Das schützt sie
aber nicht vor Wandel oder Untergang. Ihre Lebensbedingungen gleichen den Biotopen der
Natur. Deren Wandel müssen sich Tiere und Pflanzen anpassen oder sie gehen ein. […]
Anmerkungen zum Autor:
Horst Haider Munske (* 1935) ist emeritierter Professor für germanische und deutsche Sprachwissenschaft und Mundartkunde an der Universität Erlangen-Nürnberg.
1 Die Zwischenüberschriften, die sich im Originaltext befinden, wurden nicht übernommen.
2 Genozid: Völkermord
3 Artefakt: Ein „Artefakt“ ist ein Gegenstand oder ein Phänomen, das seine Form durch menschliche Einwirkung erhält und sich von natürlichen oder zufälligen Phänomenen abgrenzt.
1. Analysieren Sie den Beitrag „Sterben die Dialekte aus?“, den Horst Haider Munske verfasst hat. (36 Punkte)
Aufgabe 1 - Teilaufgabe 2 · Sprachreflexion und Sprachtheorien
Horst Haider Munske
Sterben die Dialekte aus? 1 (Textauszug, 2009)
Diese Frage bewegt viele Menschen. Würde nur noch Hochdeutsch gesprochen im deutschen
Sprachgebiet, dann wäre das eine spürbare Einbuße im menschlichen Miteinander. Im Dialekt
sind sich die Menschen näher, sie reden ausdrucksreicher, emotionaler, weniger distanziert
miteinander. Dialekte sind das sichtbarste Merkmal regionaler Identität. Auch der Zugereiste
5 kann daran mit Vergnügen teilhaben, wenn er sich etwas eingehört hat und seinem Gegenüber
zu verstehen gibt: Er muss mit ihm nicht in den hochdeutschen Code wechseln.
Zwei Beobachtungen begründen die Sorge um das Dialektsterben: der Rückgang des Dia-
lektgebrauchs im Alltag und der vermeintliche Dialektverfall bei vielen jüngeren Sprechern.
Das eine ist Ausdruck eines Sprachwechsels vom mündlichen Sprachverkehr zur prestige-
10 trächtigeren Hochsprache. Das andere ist Folge des Kontakts zwischen Dialekt und Standard-
sprache. Im Munde zweisprachiger Sprecher übernehmen die Dialekte Wörter, Lautungen
und grammatische Merkmale der Hochsprache und wandeln sich zu regionalen Umgangs-
sprachen. Diese haben in vielen Regionen Deutschlands die Rolle der Dialekte als mündliche
Alltagssprachen übernommen.
15 Die Klage über den Untergang der Dialekte ist übrigens so alt wie die über den Sittenverfall
bei der Jugend, den Sprachverfall im Allgemeinen, den Verfall der Lesekultur, der Umgangs-
formen usw. Sie ist ein Ausdruck des Missvergnügens über den Wandel der Sitten, des Sprach-
gebrauchs und eben auch der Dialekte. Aber warum sterben die Dialekte? Lässt es sich auf-
halten? Gilt das für alle Dialekte? Gibt es eine gegenteilige Entwicklung, aus der einst auch
20 unsere Hochsprache hervorgegangen ist, der Ausbau der Dialekte zu einer überregionalen
Schriftsprache? […]
„Sterben“ können Dialekte natürlich nicht im eigentlichen Sinne wie Menschen, Tiere, Pflan-
zen. Ihr Untergang ist immer an die Menschen gebunden, die sie gebrauchen. Sprachen exis-
tieren durch ihre Sprecher. Durch sie werden sie an die nächsten Generationen weitergege-
25 ben. Der Spracherwerb der Kinder ist die Voraussetzung für das Weiterleben einer Sprache.
Wenn dieser Weg abgebrochen wird, ist das Weiterleben einer Sprache in ernster Gefahr. Und
wenn der letzte Sprecher einer Sprache gestorben ist, dann ist auch der Sprachtod eingetreten.
So ging zum Beispiel der ostfriesische Dialekt auf der Insel Wangerooge endgültig unter, als
die letzte Sprecherin im Jahre 1950 verstarb.
30 Tote Sprachen können natürlich, wenn sie aufgezeichnet wurden, wenn literarische Denk-
mäler überliefert sind, weiterhin gelesen werden, aber dies ist ein künstliches Leben, eine Art
Wachkoma der Sprachen, sie leben nur noch durch diese Aufzeichnungen, nicht als Gebrauchs-
sprachen, die der Mensch als Kind von den Eltern erlernt und im Gebrauch produktiv verän-
dern kann.
35 Das Sterben der Dialekte – und überhaupt von Sprachen – hat zwei Hauptursachen: äußere,
wie Naturkatastrophen, Kriege, Vertreibung, Genozid 2, von der die Sprecher betroffen wer-
den. Die andere Ursache liegt im Sprachverhalten der Sprecher selbst, in der freiwilligen Ab-
wendung von ihrer Sprache zugunsten einer anderen. Dies gilt vor allem für mehrsprachige
Gesellschaften. In der Konkurrenz von Sprachen gehen manche unter, weil ihnen eine andere
40 von den Sprechern vorgezogen wird.
Betrachten wir einige Beispiele. In Nordfriesland, auf den Inseln Föhr, Amrum, Sylt und
Helgoland, auf den Halligen und dem gegenüberliegenden Festland gibt es zur Zeit etwa
5.000 Muttersprachler der verschiedenen nordfriesischen Dialekte. Trotz lebhafter institutio-
neller Bemühungen in Kindergärten, Schulen und Vereinen, diesen Stand zu halten oder gar
45 zu verbessern, ist der Erhalt dieser kleinen, seit über 1.000 Jahren bestehenden Sprachgemein-
schaft stark gefährdet. Die ersten schweren Einbrüche bedeuteten die gewaltigen Sturmfluten
(„Grote Mandränke“) von 1362 und 1634, durch welche ein ursprünglich weitgehend verbun-
denes Siedlungs- und Sprachgebiet durch das Meer auseinandergerissen, zerstückelt und ver-
kleinert wurde. […] Menschenwerk dagegen waren die zahllosen Vertreibungen oder soge-
50 nannte Umsiedlungen des 20. Jahrhunderts, von Kurden, Armeniern und Griechen, von Wolga-
deutschen, Schlesiern, Ostpreußen, Balten, Sudetendeutschen und unzähligen anderen. Auch
ihre Dialekte waren davon betroffen. Die Überlebenden bewahren ihre Heimatsprachen meist
bis an den Tod, aber selten geben sie an ihre Kinder und Enkel weiter. Diese sozialisieren
sich in neuer Umgebung, auch sprachlich. Verheerend betroffen waren die jiddischen Dialekte
55 vom Genozid der Juden in West-, Mittel-, Süd- und Osteuropa. […]
Zu den äußeren Ursachen des Dialektsterbens müssen wir auch Veränderungen zählen, die
gemeinhin als Fortschritt gelten: die Verbesserung der verkehrsmäßigen Infrastruktur und die
Erschließung neuer Erwerbsquellen durch den Tourismus. Beides hat in Nordfriesland dazu
geführt, dass Friesisch als öffentliche Verkehrssprache anfangs vom Plattdeutschen, heute
60 vom Hochdeutschen abgelöst wurde, dass alle Friesischsprecher zwei- oder dreisprachig sind
und ihren friesischen Dialekt fast nur noch als Haus- und Nachbarschaftssprache benutzen.
Solche Mehrsprachigkeit führt in der Regel zu einer Hierarchisierung der Sprachen. […]
Dieser Entwicklung haben die Deutschschweizer bis heute widerstanden. Die alemannischen
Dialekte der Schweiz sind unangefochten das alleinige Medium aller Bevölkerungsschichten
65 in allen mündlichen Kommunikationssituationen: nicht nur im Haus und auf der Straße, ebenso
im Radio, in den Behörden, beim Militär, im Parlament. Dabei bedient sich jeder seines eige-
nen heimatlichen Dialekts, wird verstanden und versteht sein Gegenüber. Nebenbei kann jeder
aus solcher Spracherfahrung den anderen lokalisieren, das heißt über den Dialekt seine Her-
kunft als Berner, Zürcher, Walliser usw. erkennen. Die deutsche Standardsprache dient aus-
70 schließlich als Schriftsprache der Deutschschweizer, wird in der Schule vermittelt, aber allen-
falls im Kontakt mit Nicht-Schweizern (nicht ohne Akzent) benutzt. Sprachwissenschaftler
bezeichnen solche stabile Funktionsteilung zweier verwandter Sprachen in einer Sprachge-
meinschaft als Diglossie (das griechische Wort für „Zweisprachigkeit“).
Im Vergleich zum deutschen Nachbarn kennen die Schweizer keine Beschränkung des Dia-
75 lekts auf bestimmte Gebrauchssphären, zum Beispiel Landwirtschaft, traditionelle Handwerke
u.ä. Das führt dazu, dass auch der Wortschatz der Schriftsprache in den Dialekt aufgenom-
men wird, allerdings lautlich integriert. So wird aus hochdeutsch Entwicklung ein schweizer-
deutsches Entwicklig, aus Einsatz wird Iisatz, aus möglicherweise wird möglicherwiis. Mit
solchem integrierten Import sind die Dialekte jedem Thema gewachsen und verändern sich –
80 zumindest lexikalisch – rasch. Das widerspricht mancher Erwartung, die Dialekte der Groß-
eltern ließen sich konservieren. Sie bleiben nur lebendig und werden von den Eltern den Kin-
dern als Muttersprache weitergegeben, wenn sie dem Leistungsanspruch heutiger mündlicher
Kommunikation angepasst werden.
Mit dem Begriff Diglossie lässt sich das Verhältnis von gesprochener und geschriebener
85 Sprache in vielen Sprachgemeinschaften gut beschreiben.
Ein klassischer Fall der Arbeitsteilung beider Varietäten besteht in den arabischen Staaten.
Die heutige arabische Hochsprache, eine konservierte Form des Klassischen Arabisch, wird
nirgends als Muttersprache erworben, erst in den Schulen vermittelt und stellt ein religiös
motiviertes Bindeglied aller arabischsprachigen Länder dar. Gesprochen und als Mutterspra-
90 chen erlernt werden aber die regionalen arabischen Dialekte. Auch hier herrscht eine stabile
Diglossie. Doch während in der Schweiz die Dialekte als nationale Varietät hohes Prestige
genießen, gelten die arabischen Dialekte nichts im Vergleich zur Schriftsprache. Dies ist
eine extreme Form von Fehleinschätzung der Varietäten gesprochener Sprache, die auch in
Deutschland lange vorherrschend war.
95 Was lehren diese Beispiele und Vergleiche? Dialekte sind wie alle Sprachen einzigartige
Zeugnisse unserer Lebenskultur, sie sind kulturelle Artefakte 3 des Menschen. Das schützt sie
aber nicht vor Wandel oder Untergang. Ihre Lebensbedingungen gleichen den Biotopen der
Natur. Deren Wandel müssen sich Tiere und Pflanzen anpassen oder sie gehen ein. […]
Anmerkungen zum Autor:
Horst Haider Munske (* 1935) ist emeritierter Professor für germanische und deutsche Sprachwissenschaft und Mundartkunde an der Universität Erlangen-Nürnberg.
1 Die Zwischenüberschriften, die sich im Originaltext befinden, wurden nicht übernommen.
2 Genozid: Völkermord
3 Artefakt: Ein „Artefakt“ ist ein Gegenstand oder ein Phänomen, das seine Form durch menschliche Einwirkung erhält und sich von natürlichen oder zufälligen Phänomenen abgrenzt.
2. Stellen Sie mithilfe Ihres im Unterricht erworbenen Wissens im Überblick dar, welche Funktion Dialekte haben und wodurch sich die einzelnen deutschen Dialekte auszeichnen. Vergleichen Sie, wie Dialekte in Deutschland und wie die alemannischen Dialekte in der Schweiz gebraucht werden, und nehmen Sie abwägend Stellung zu der Frage, inwieweit eine „Diglossie“ (Z. 73) wie in der Schweiz auch in Deutschland vorstellbar wäre. (36 Punkte)
Aufgabe 2 · Interpretation lyrischer Texte
Aufgabenstellung:
1.
Interpretieren Sie Theodor Storms Gedicht „Gedenkst du noch?“. (43 Punkte)
2.
Vergleichen Sie Theodor Storms Gedicht „Gedenkst du noch?“ mit Hanna Johansens Gedicht „Heimat“. Beziehen Sie in Ihren Vergleich inhaltliche, sprachliche und formale Gesichtspunkte ein. (29 Punkte)
Theodor Storm (1817 – 1888)
Gedenkst du noch? (1857)
1 Gedenkst du noch, wenn in der Frühlingsnacht
2 Aus unserm Kammerfenster wir hernieder
3 Zum Garten schauten, wo geheimnisvoll
4 Im Dunkel dufteten Jasmin und Flieder?
5 Der Sternenhimmel über uns so weit,
6 Und du so jung; – unmerklich geht die Zeit.
7 Wie still die Luft! Des Regenpfeifers 1 Schrei
8 Scholl klar herüber von dem Meeresstrande;
9 Und über unsrer Bäume Wipfel sah’n
10 Wir schweigend in die dämmerigen Lande.
11 Nun wird es wieder Frühling um uns her;
12 Nur eine Heimat haben wir nicht mehr.
13 Nun horch ich oft schlaflos in tiefer Nacht,
14 Ob nicht der Wind zur Rückfahrt möge wehen.
15 Wer in der Heimat erst sein Haus gebaut,
16 Der sollte nicht mehr in die Fremde gehen!
17 Nach drüben ist sein Auge stets gewandt;
18 Doch Eines blieb, – wir gehen Hand in Hand.
1 Regenpfeifer: eine Vogelart
Hanna Johansen (geb. 1939)
Heimat (2016)
1 Zuhause hinter unserm alten Baum
2 ging abends der Mond auf.
3 Er sprach mit mir.
4 Er kannte mich
5 und kannte meine Freunde.
6 Hier fehlt der Baum.
7 Der Mond ist noch da,
8 er schaut mich an
9 und spricht kein Wort.
10 Vielleicht ist es ein neuer Mond,
11 ein Mond, der mich nicht kennt
12 und meine Freunde auch nicht.
13 Oder es liegt am Baum.
Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1 · Interpretation epischer Texte
Johannes Bobrowski
Mäusefest (1965)
Moise Trumpeter sitzt auf dem Stühlchen in der Ladenecke. Der Laden ist klein, und er ist
leer. Wahrscheinlich weil die Sonne, die immer hereinkommt, Platz braucht und der Mond
auch. Der kommt auch immer herein, wenn er vorbeigeht. Der Mond also auch. Er ist herein-
gekommen, der Mond, zur Tür herein, die Ladenklingel hat sich nur einmal und ganz leise
5 nur gerührt, aber vielleicht gar nicht, weil der Mond hereinkam, sondern weil die Mäuschen
so laufen und herumtanzen auf den dünnen Dielenbrettern. Der Mond ist also gekommen, und
Moise hat Guten Abend, Mond! gesagt, und nun sehen sie beide den Mäuschen zu.
Das ist aber auch jeden Tag anders mit den Mäusen, mal tanzen sie so und mal so, und alles
mit vier Beinen, einem spitzen Kopf und einem dünnen Schwänzchen.
10 Aber lieber Mond, sagt Moise, das ist längst nicht alles, da haben sie noch so ein Körperchen,
und was da alles drin ist! Aber das kannst du vielleicht nicht verstehen, und außerdem ist es
gar nicht jeden Tag anders, sondern immer ganz genau dasselbe, und das, denk ich, ist gerade
so sehr verwunderlich. Es wird schon eher so sein, daß du jeden Tag anders bist, obwohl du
doch immer durch die gleiche Tür kommst und es immer dunkel ist, bevor du hier Platz ge-
15 nommen hast. Aber nun sei mal still und paß gut auf.
Siehst du, es ist immer dasselbe.
Moise hat eine Brotrinde vor seine Füße fallen lassen, da huschen die Mäuschen näher, ein
Streckchen um das andere, einige richten sich sogar auf und schnuppern ein bißchen in die
Luft. Siehst du, so ist es. Immer dasselbe.
20 Da sitzen die beiden Alten und freuen sich und hören zuerst gar nicht, daß die Ladentür auf-
gegangen ist. Nur die Mäuse haben es gleich gehört und sind fort, ganz fort und so schnell,
daß man nicht sagen kann, wohin sie gelaufen sind.
In der Tür steht ein Soldat, ein Deutscher. Moise hat gute Augen, er sieht: ein junger Mensch,
so ein Schuljunge, der eigentlich gar nicht weiß, was er hier wollte, jetzt, wo er in der Tür
25 steht. Mal sehen, wie das Judenvolk haust, wird er sich draußen gedacht haben. Aber jetzt
sitzt der alte Jude auf seinem Stühlchen, und der Laden ist hell vom Mondlicht. Wenn Se mech-
ten hereintreten, Herr Leitnantleben, sagt Moise.
Der Junge schließt die Tür. Er wundert sich gar nicht, daß der Jude Deutsch kann, er steht so
da, und als Moise sich erhebt und sagt: Kommen Se man, andern Stuhl hab ich nicht, sagt er:
30 Danke, ich kann stehen, aber er macht ein paar Schritte, bis in die Mitte des Ladens, und dann
noch drei Schritte auf den Stuhl zu. Und da Moise noch einmal zum Sitzen auffordert, setzt
er sich auch.
Jetzt sind Se mal ganz still, sagt Moise und lehnt sich an die Wand.
Die Brotrinde liegt noch immer da, und, siehst du, da kommen auch die Mäuse wieder. Wie
35 vorher, gar nicht ein bißchen langsamer, genau wie vorher, ein Stückchen, noch ein Stück-
chen, mit Aufrichten und Schnuppern und einem ganz winzigen Schnaufer, den nur Moise
hört und vielleicht der Mond auch. Ganz genau wie vorher.
Und nun haben sie die Rinde wiedergefunden. Ein Mäusefest, in kleinem Rahmen, versteht
sich, nichts Besonderes, aber auch nicht ganz alltäglich.
40 Da sitzt man und sieht zu. Der Krieg ist schon ein paar Tage alt. Das Land heißt Polen. Es
ist ganz flach und sandig. Die Straßen sind schlecht, und es gibt viele Kinder hier. Was soll
man da noch reden? Die Deutschen sind gekommen, unzählig viele, einer sitzt hier im Juden-
laden, ein ganz junger, ein Milchbart 1. Er hat eine Mutter in Deutschland und einen Vater,
auch noch in Deutschland, und zwei kleine Schwestern. Nun kommt man also in der Welt
45 herum, wird er denken, jetzt ist man in Polen, und später vielleicht fährt man nach England,
und dieses Polen hier ist ganz polnisch.
Der alte Jude lehnt an der Wand. Die Mäuse sind noch immer um ihre Rinde versammelt.
Wenn sie noch kleiner geworden ist, wird eine ältere Mäusemutter sie mit nach Hause neh-
men, und die andern Mäuschen werden hinterherlaufen.
50 Weißt du, sagt der Mond zu Moise, ich muß noch ein bißchen weiter. Und Moise weiß schon,
daß es dem Mond unbehaglich ist, weil dieser Deutsche da herumsitzt. Was will er denn bloß?
Also sagt Moise nur: Bleib du noch ein Weilchen.
Aber dafür erhebt sich der Soldat jetzt. Die Mäuse laufen davon, man weiß gar nicht, wohin
sie alle so schnell verschwinden können. Er überlegt, ob er Aufwiedersehen sagen soll, bleibt
55 also einen Augenblick noch im Laden stehen und geht dann einfach hinaus.
Moise sagt nichts, er wartet, daß der Mond zu sprechen anfängt. Die Mäuse sind fort, ver-
schwunden. Mäuse können das.
Das war ein Deutscher, sagt der Mond, du weißt doch, was mit diesen Deutschen ist. Und
weil Moise noch immer so wie vorher an der Wand lehnt und gar nichts sagt, fährt er dring-
60 licher fort: Weglaufen willst du nicht, verstecken willst du dich nicht, ach Moise. Das war
ein Deutscher, das hast du doch gesehen. Sag mir bloß nicht, der Junge ist keiner, oder jeden-
falls kein schlimmer. Das macht jetzt keinen Unterschied mehr. Wenn sie über Polen gekom-
men sind, wie wird es mit deinen Leuten gehn?
Ich hab gehört, sagt Moise.
65 Es ist jetzt ganz weiß im Laden. Das Licht füllt den Raum bis an die Tür in der Rückwand.
Wo Moise lehnt, ganz weiß, daß man denkt, er werde immer mehr eins mit der Wand. Mit
jedem Wort, das er sagt. Ich weiß, sagt Moise, da hast du ganz recht, ich werd Ärger kriegen
mit meinem Gott.
1 Milchbart: junger, unerfahrener Mann
Anmerkungen zum Autor
Der Lyriker und Erzähler Johannes Bobrowski wurde 1917 in Tilsit (Stadt in Ostpreußen, seit 1946 Sowetsk) geboren. Nach seinem Abitur im Jahr 1937 und einem zweijährigen Militärpflichtdienst war Bobrowski als Gefreiter in einem Nachrichtenregiment im Kriegseinsatz. Er starb 1965 in Ost-Berlin.
Johannes Bobrowski: Mäusefest. In: Marie Luise Kaschnitz (Hrsg.): Deutsche Erzähler. Zweiter Band. Frankfurt am Main: Insel Verlag 1980, S. 621 – 623 (Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.)
1. Interpretieren Sie die Kurzgeschichte „Mäusefest“ von Johannes Bobrowski. Untersuchen Sie dabei vor allem, wie die Figur des Moise Trumpeters gestaltet ist und wie sie sich gegenüber dem deutschen Soldaten verhält. (42 Punkte)
Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2 · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre
Johannes Bobrowski
Mäusefest (1965)
Moise Trumpeter sitzt auf dem Stühlchen in der Ladenecke. Der Laden ist klein, und er ist
leer. Wahrscheinlich weil die Sonne, die immer hereinkommt, Platz braucht und der Mond
auch. Der kommt auch immer herein, wenn er vorbeigeht. Der Mond also auch. Er ist herein-
gekommen, der Mond, zur Tür herein, die Ladenklingel hat sich nur einmal und ganz leise
5 nur gerührt, aber vielleicht gar nicht, weil der Mond hereinkam, sondern weil die Mäuschen
so laufen und herumtanzen auf den dünnen Dielenbrettern. Der Mond ist also gekommen, und
Moise hat Guten Abend, Mond! gesagt, und nun sehen sie beide den Mäuschen zu.
Das ist aber auch jeden Tag anders mit den Mäusen, mal tanzen sie so und mal so, und alles
mit vier Beinen, einem spitzen Kopf und einem dünnen Schwänzchen.
10 Aber lieber Mond, sagt Moise, das ist längst nicht alles, da haben sie noch so ein Körperchen,
und was da alles drin ist! Aber das kannst du vielleicht nicht verstehen, und außerdem ist es
gar nicht jeden Tag anders, sondern immer ganz genau dasselbe, und das, denk ich, ist gerade
so sehr verwunderlich. Es wird schon eher so sein, daß du jeden Tag anders bist, obwohl du
doch immer durch die gleiche Tür kommst und es immer dunkel ist, bevor du hier Platz ge-
15 nommen hast. Aber nun sei mal still und paß gut auf.
Siehst du, es ist immer dasselbe.
Moise hat eine Brotrinde vor seine Füße fallen lassen, da huschen die Mäuschen näher, ein
Streckchen um das andere, einige richten sich sogar auf und schnuppern ein bißchen in die
Luft. Siehst du, so ist es. Immer dasselbe.
20 Da sitzen die beiden Alten und freuen sich und hören zuerst gar nicht, daß die Ladentür auf-
gegangen ist. Nur die Mäuse haben es gleich gehört und sind fort, ganz fort und so schnell,
daß man nicht sagen kann, wohin sie gelaufen sind.
In der Tür steht ein Soldat, ein Deutscher. Moise hat gute Augen, er sieht: ein junger Mensch,
so ein Schuljunge, der eigentlich gar nicht weiß, was er hier wollte, jetzt, wo er in der Tür
25 steht. Mal sehen, wie das Judenvolk haust, wird er sich draußen gedacht haben. Aber jetzt
sitzt der alte Jude auf seinem Stühlchen, und der Laden ist hell vom Mondlicht. Wenn Se mech-
ten hereintreten, Herr Leitnantleben, sagt Moise.
Der Junge schließt die Tür. Er wundert sich gar nicht, daß der Jude Deutsch kann, er steht so
da, und als Moise sich erhebt und sagt: Kommen Se man, andern Stuhl hab ich nicht, sagt er:
30 Danke, ich kann stehen, aber er macht ein paar Schritte, bis in die Mitte des Ladens, und dann
noch drei Schritte auf den Stuhl zu. Und da Moise noch einmal zum Sitzen auffordert, setzt
er sich auch.
Jetzt sind Se mal ganz still, sagt Moise und lehnt sich an die Wand.
Die Brotrinde liegt noch immer da, und, siehst du, da kommen auch die Mäuse wieder. Wie
35 vorher, gar nicht ein bißchen langsamer, genau wie vorher, ein Stückchen, noch ein Stück-
chen, mit Aufrichten und Schnuppern und einem ganz winzigen Schnaufer, den nur Moise
hört und vielleicht der Mond auch. Ganz genau wie vorher.
Und nun haben sie die Rinde wiedergefunden. Ein Mäusefest, in kleinem Rahmen, versteht
sich, nichts Besonderes, aber auch nicht ganz alltäglich.
40 Da sitzt man und sieht zu. Der Krieg ist schon ein paar Tage alt. Das Land heißt Polen. Es
ist ganz flach und sandig. Die Straßen sind schlecht, und es gibt viele Kinder hier. Was soll
man da noch reden? Die Deutschen sind gekommen, unzählig viele, einer sitzt hier im Juden-
laden, ein ganz junger, ein Milchbart 1. Er hat eine Mutter in Deutschland und einen Vater,
auch noch in Deutschland, und zwei kleine Schwestern. Nun kommt man also in der Welt
45 herum, wird er denken, jetzt ist man in Polen, und später vielleicht fährt man nach England,
und dieses Polen hier ist ganz polnisch.
Der alte Jude lehnt an der Wand. Die Mäuse sind noch immer um ihre Rinde versammelt.
Wenn sie noch kleiner geworden ist, wird eine ältere Mäusemutter sie mit nach Hause neh-
men, und die andern Mäuschen werden hinterherlaufen.
50 Weißt du, sagt der Mond zu Moise, ich muß noch ein bißchen weiter. Und Moise weiß schon,
daß es dem Mond unbehaglich ist, weil dieser Deutsche da herumsitzt. Was will er denn bloß?
Also sagt Moise nur: Bleib du noch ein Weilchen.
Aber dafür erhebt sich der Soldat jetzt. Die Mäuse laufen davon, man weiß gar nicht, wohin
sie alle so schnell verschwinden können. Er überlegt, ob er Aufwiedersehen sagen soll, bleibt
55 also einen Augenblick noch im Laden stehen und geht dann einfach hinaus.
Moise sagt nichts, er wartet, daß der Mond zu sprechen anfängt. Die Mäuse sind fort, ver-
schwunden. Mäuse können das.
Das war ein Deutscher, sagt der Mond, du weißt doch, was mit diesen Deutschen ist. Und
weil Moise noch immer so wie vorher an der Wand lehnt und gar nichts sagt, fährt er dring-
60 licher fort: Weglaufen willst du nicht, verstecken willst du dich nicht, ach Moise. Das war
ein Deutscher, das hast du doch gesehen. Sag mir bloß nicht, der Junge ist keiner, oder jeden-
falls kein schlimmer. Das macht jetzt keinen Unterschied mehr. Wenn sie über Polen gekom-
men sind, wie wird es mit deinen Leuten gehn?
Ich hab gehört, sagt Moise.
65 Es ist jetzt ganz weiß im Laden. Das Licht füllt den Raum bis an die Tür in der Rückwand.
Wo Moise lehnt, ganz weiß, daß man denkt, er werde immer mehr eins mit der Wand. Mit
jedem Wort, das er sagt. Ich weiß, sagt Moise, da hast du ganz recht, ich werd Ärger kriegen
mit meinem Gott.
1 Milchbart: junger, unerfahrener Mann
Anmerkungen zum Autor
Der Lyriker und Erzähler Johannes Bobrowski wurde 1917 in Tilsit (Stadt in Ostpreußen, seit 1946 Sowetsk) geboren. Nach seinem Abitur im Jahr 1937 und einem zweijährigen Militärpflichtdienst war Bobrowski als Gefreiter in einem Nachrichtenregiment im Kriegseinsatz. Er starb 1965 in Ost-Berlin.
Johannes Bobrowski: Mäusefest. In: Marie Luise Kaschnitz (Hrsg.): Deutsche Erzähler. Zweiter Band. Frankfurt am Main: Insel Verlag 1980, S. 621 – 623 (Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.)
2. Stellen Sie anhand wichtiger Stationen der Handlung dar, wie sich Otto Trsnjek in Robert Seethalers Roman „Der Trafikant“ angesichts der politischen Umbrüche und der daraus entstehenden Bedrohung verhält und welche Folgen sich daraus ergeben. Vergleichen Sie die beiden Texte hinsichtlich der literarischen Darstellung der Bedrohungslage und des Verhaltens der beiden Figuren in dieser Situation. (30 Punkte)
Aufgabe 4 · Materialgestütztes Verfassen von Texten
Im Kulturteil einer Tageszeitung wird eine Debatte darüber geführt, ob Klassiker der Dramenliteratur im Theater werkgetreu, also möglichst textnah, inszeniert werden sollten. Die Zeitung bittet unterschiedliche Gruppen, dazu Stellung zu nehmen, u. a. auch Oberstufenschülerinnen und -schüler.
Verfassen Sie einen Beitrag, in dem Sie sich argumentativ mit dieser umstrittenen Frage befassen.
Greifen Sie dafür auf die nachstehenden Materialien 1 bis 6 zurück und ziehen Sie Kenntnisse aus dem Unterricht sowie eigene Erfahrungen heran.
Formulieren Sie eine passende Überschrift.
Wenn Sie auf Materialien verweisen, nennen Sie den Namen der Autorin bzw. des Autors und gegebenenfalls den Titel.
Der Beitrag sollte ungefähr 1 000 Wörter lang sein.
Materialgrundlage
Material 1: Horst Köhler: Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Schillermatinee im Berliner Ensemble am 17. April 2005
Material 2: Andreas Englhart: Das Theater der Gegenwart. München: Verlag C. H. Beck 2013, S. 9 – 10
Material 3: Andrea Breth: Wohin treibt das Theater? Rede anlässlich der Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 2004. In: Theater heute 12 (2004), S. 16 – 18
Material 4: Ortrud Gutjahr: Regietheater! Wie sich über Inszenierungen streiten lässt. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann 2008, S. 21 – 23
Material 5: Wolfgang Höbel: Ausweitung der Schamzone. Ein Plädoyer für die zeitgenössische Bühnenkunst. In: DER SPIEGEL 11 (2006), S. 168
Material 6: Daniel Kehlmann: Die Lichtprobe. Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele. In: Frankfurter Rundschau, 27.07.2009
Material 1 – Horst Köhler: Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Schillermatinee im Berliner Ensemble am 17. April 2005
Wie soll man das Erbe für die Zukunft fruchtbar machen? Nun, auf alle Fälle zunächst einmal dadurch, dass man es neu bekannt macht. Die Zeiten der Klassiker-Überfütterung an den Schulen sind endgültig vorbei. Gott sei Dank. Vielleicht ist den Klassikern am meisten dadurch geschadet worden, dass man sie dazu missbraucht hat, unschuldige Schüler damit zu quälen, die sogenannte „richtige Interpretation“ zu liefern. Und es gibt ja auch gute und wichtige Gegenwartskunst und -literatur.
Aber so ganz ohne Kenntnis der Klassiker sollte man doch nicht sein Abitur machen. Nur muss der Unterricht so frisch sein, dass es Freude macht, sich damit zu beschäftigen, ohne falsche Ehrfurcht und Dünkel und ohne Instrumentalisierung!
[…] Und welch eine Chance besteht heute für das Theater selbst! In dieser Situation, wo die Kenntnis der großen Stücke, auch eben Schillers, immer geringer wird, wo die Menschen, gerade die jungen Leute, wissbegierig und neugierig sind, diese Stücke erst einmal kennenzulernen, können die Theater ihre Anstrengungen ganz darauf konzentrieren, diese Stücke in ihrer Schönheit und Kraft, in ihrer Komplexität und ihrem Anspruch zu präsentieren.
[…] Ein ganzer Tell, ein ganzer Don Carlos ! Das ist doch was! Natürlich stellt uns die hohe Sprache, auch das Pathos Schillers heute vor Schwierigkeiten. Aber soll man ihn deswegen auf kleines Maß reduzieren?
Ich stelle mir vor, dass in der Berliner Nationalgalerie die Bilder von Caspar David Friedrich mit schwarzer Pappe beklebt würden, nur hier und da ließe man zwanzig bis dreißig Quadratzentimeter sichtbar bleiben. Wer würde das akzeptieren? Oder dass man bei einer Aufführung von Beethovens 6. Sinfonie nur den ersten Satz nach der Partitur spielte, den zweiten als Blockflötenquartett und den Rest ganz ausfallen ließe oder rückwärts spielte. Wer möchte sich das gefallen lassen?
Nur unsere klassischen Dramen konnten sich Jahrzehnte nicht dagegen wehren, in Stücke zerlegt und nach Gutdünken wieder zusammengesetzt zu werden. Ich habe meine Zweifel, ob auf solche Weise Kultur an die kommenden Generationen produktiv weitervermittelt werden kann. […]
Wie bekommt ein Stadttheater der Zukunft ein Publikum – in einer Stadt, in der die Hälfte der jungen Leute, die ja auch älter werden, einen Migrationshintergrund hat? Was heißt im Zuge dieser neuen Entwicklungen Weitergabe unseres kulturellen Erbes? Wie fruchtbar können Klassiker sein für gesellschaftliche Integration? Für Identitätsfindung in einer kulturell gemischten Gesellschaft? Wie müssen sie gespielt werden, damit sie in ihren Problemkonstellationen als aktuell angesehen werden? […]
Gerade in Zeiten des Umbruchs, der auch für die individuellen Biographien zutiefst spürbar ist und immer mehr spürbar sein wird, brauchen wir eine kulturelle Selbstverständigung.
Material 2 – Andreas Englhart: Das Gegenwartstheater zwischen Regietheater und traditioneller Form (2013)
Der anhaltende Streit um das Regietheater ist eine Spezifität des deutschsprachigen Theaters, oder besser gesagt, des Sprechtheaters. […] Im Sprechtheater muss die Regie jedoch entscheiden, welche Bedeutungen sie dem Stücktext in der Inszenierung verleiht: Ob sie ihn etwa „nur“ als Material betrachtet, ob sie den Text „so lässt“, was fast nie der Fall ist, ob sie etwas streicht, umstellt, Fremdtext einfügt, den ganzen Text als Vorlage für eine eigene Version benutzt. Oder ob sie ihn so umschreibt, dass er – wie ein Palimpsest – mehrere Textschichten und Interpretationsmöglichkeiten erkennen oder erahnen lässt. […] So etwas wie eine im Drama oder im Stücktext enthaltene Vorschrift, wie der Regisseur zu inszenieren habe – eine sogenannte implizite Inszenierung –, gibt es nicht. Denn jede Aufführung ist das Ergebnis mehrerer Interpretationsakte und somit -perspektiven. Der Inszenierungsprozess beinhaltet viele Ebenen der Interpretation: zunächst die Lektüre des gedruckten Textes, dann die Umsetzung auf der Bühne und nicht zuletzt die Interpretation des Bühnengeschehens durch den Zuschauer. Regie führen bedeutet demnach, mehrfach zu interpretieren, was jede Forderung nach Werktreue obsolet werden lässt.
Material 3 – Andrea Breth: Wohin treibt das Theater? (2004)
Theater macht Sprache sichtbar. Es […] ist polyphon, es flüstert, es schreit, es kann alle Saiten eines Textes anschlagen, es übersetzt Sprache in Körper, Gesten, in das Unausgesprochene, in das Verschwiegene, in Bewegung, in Pausen, in einen Blick, aus dem der Augenblick entsteht. Es übersetzt das Kopftheater des Lesens in ein Theater für Köpfe, es leiht dem Text den Herzschlag des Schauspielers. Doch vor der Sprache des Regisseurs muss die Sprache des Autors stehen, der Respekt vor dem Geschriebenen, vielleicht sogar ein Hauch von Demut. […]
[…] Texte müssen einen auf Proben immer wieder überraschen. Wenn sie gut sind, sind sie immer klüger als der, der sie inszeniert und selbst als der, der sie geschrieben hat. […]
Hinzukommt, dass, was die Arbeit mit Klassikern betrifft, wir nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen können, dass das Publikum, und vor allem das junge Publikum, die Stücke kennt, die wir dort auf der Bühne verhandeln. […] Das Wissen des Publikums, seine Kenntnis der Stücke und ihres Bedeutungshorizontes, ermöglicht uns eine Freiheit der Interpretation und des Zugriffes, die fortschreitend mit der Bildungskrise und der medialen Verdummung verloren geht. Denn ohne ein Basiswissen über das, was dort auf der Bühne verhandelt wird, spielt jede Anspielung auf den klassischen Bildungskanon oder den historischen Rahmen des Stückes ins Leere.
Unsere neuen Referenzmedien sind das Kino und das Fernsehen. Das muss man nicht bewerten, aber aus diesem Faktum erwächst uns die Pflicht, ein Erbe zu bewahren, das zu verschwinden droht. Das hat nichts mit musealem oder konservativem Theater zu tun, das ist kein Plädoyer gegen einen modernen Zugriff. Die Modernität eines Klassikers erschließt sich aber erst, wenn man ihn freilegt. Dies geht nur, wenn man ihn und seine Konflikte ernst nimmt. Versteht man Klassiker nur als Material, als Titel, die leichter die Häuser füllen, da es ja kein unbekanntes Stück ist und die Schulklassen sicher in die Theater hineingetrieben werden – macht man es sich so einfach, verrät man beides, das Stück und das Publikum.
[…] Oft aber werden Klassiker nur mit einer zeitgenössischen Hülle versehen, einem Design, das wichtiger ist als das Sein des Stückes, und alles wird wegnivelliert, was uns nachhaltig irritieren könnte, weil es in unserem Leben nicht mehr verankert ist: Sei es die Religion, sei es die Moral, sei es das Tabu, die Utopie oder andere furchtbar unzeitgemäße Themen. Wir passen uns der Ästhetik der Medien an, suchen einen Wiedererkennungseffekt, der Erfolg verspricht, statt Irritation, Verunsicherung. Und wir bedienen uns dabei oft der Mittel, die im Fernsehen besser aufgehoben sind, weil sie dort auch professioneller beherrscht werden.
Material 4 – Ortrud Gutjahr: Spiele mit neuen Regeln? Rollenverteilung im Regietheater (2008)
Mit dem Regietheater kommt dem Regisseur eine neue Rolle als Autor zu, insofern er seine Auseinandersetzung mit dem Text und den ihn tangierenden Künsten und Diskursen in seiner Inszenierung kommuniziert. Durch die Aufführung wird gleichsam ein theatraler Text geschaffen, der sich in ein intertextuelles Verhältnis zum literarischen Werk wie auch zur eigens erstellten Spielfassung setzt. Auf der Suche nach neuen Erkenntnis- wie Darstellungsmöglichkeiten hat sich die Regie von der Rekonstruktion und Deutung eines teilweise sakrosankt gesetzten Textes aufgemacht zur Neukonzeption eines Erfahrungsraumes auf der Bühne, in dem der theatrale Hypertext in eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Diskursen, Künsten und Medien geführt wird. Regietheater ist so gesehen ein Theater der Auseinandersetzung, dem es in der Inszenierung historischer wie zeitgenössischer Stücke um die Befragung der Gegenwart geht.
Abwegig ist daher die Annahme, ältere Inszenierungskonzepte, die sich dezidiert in den Dienst der Dramen stellen, würden eine werktreue Aufführung ermöglichen, während das Regietheater die Texte notwendig verfehle. Vielmehr wird mit der Entgegensetzung von Werktreue und Regietheater eine Differenz „dramatisiert“, die es so gar nicht geben kann. Denn ein literarischer Text ist anhand gattungsspezifischer Analysekategorien in seiner Struktur zwar beschreibbar, aber sein Sinn lässt sich nicht an ihm selbst festmachen, weil sich dieser durch die Auslegung und Sinngebung des jeweiligen Lesers überhaupt erst ergibt. […]
Die immer wieder gestellte Forderung, ein Werk müsse in ungekürztem Wortlaut zur Aufführung gelangen, gibt der Befürchtung Ausdruck, dass mit dem Regietheater die theatral adäquaten Erinnerungsformen für ein kulturelles Erbe zerstört werden. Mit dem Ruf nach Werktreue wird aber auch die Notwendigkeit laut, die eigene Rezeptionshaltung zu überdenken, und zwar nicht nur die gegenüber literarischen Werken, sondern auch die gegenüber Inszenierungen. Dann könnte auch in den Blick kommen, dass sich Werktreue in der engagierten und sachlich fundierten Auseinandersetzung mit einem Text erweist, bei der dessen Rezeptionsgeschichte und Inszenierungspraxis ebenso Berücksichtigung finden wie die Reflexion auf eigene Erkenntnisinteressen und Deutungsansätze. […]
Die prinzipielle Vieldeutigkeit des Textes konkretisiert sich für die Zuschauer unmittelbar sinnlich wahrnehmbar durch die szenische Vergegenwärtigung auf der Bühne, aber durch die Polyvalenz der eingesetzten theatralen Zeichen eröffnen sich zugleich auch andere Bezüge und Deutungsebenen.
Material 5 – Wolfgang Höbel: Ausweitung der Schamzone. Ein Plädoyer für die zeitgenössische Bühnenkunst (2006)
Herbeigewünscht wird ein schmutzfreier Rückzugsort fürs Wahre und Schöne der Kunst […]. Das Theater böte dann den Gegenentwurf zu einer Welt, in der wir dank einer ziemlich totalen Bilder- und Informationsversorgung täglich mit verstümmelten Leibern und pornografischer Nacktheit konfrontiert sind; es könnte dienen als Stätte der Kontemplation, der zahmen Text- und Seelenbehandlung; es könnte Trost und Erbauung spenden. Fragt sich nur, was diese Idylle noch mit lebendiger Kunst zu tun hätte, die notwendig ein Spiegelbild ihrer Zeit ist, die von den Ängsten, Schrecken, Katastrophen der Gegenwart erzählen sollte und nicht nur museal ausstellen, was früher einmal war. […]
Tatsächlich erwecken die Beleidigten und Empörten gern den Eindruck, da sei eine riesige Verschwörung im Gang, als hätte sich ein Haufen böswilliger Regisseurinnen und Regisseure verabredet, um den Zuschauer in Geiselhaft zu nehmen, um ihn mit schlimmen Bildern, wüsten Assoziationen und dreisten Einfällen zu malträtieren. Dabei tun die Theatermacher nur ihre Arbeit: Sie interpretieren Texte, verwandeln sie in ein – manchmal magisches, manchmal läppisches – Spiel. […]
Diese Subjektivität, die Aneignung eines Stoffes durch ein Regisseurs-Ich, ist der Kern der Theaterkunst.
Material 6 – Daniel Kehlmann: Die Lichtprobe. Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele (2009)
Ich bin also, ich leugne es nicht, voreingenommen, aber andere sind es nicht. Spricht man mit Russen, mit Polen, mit Engländern oder Skandinaviern, die deutschsprachige Lande besuchen und hier ins Theater gehen, so sind sie oft ziemlich verwirrt. Was das denn solle, fragen sie, was denn hier los sei, warum das denn auf den Bühnen alles immer so ähnlich aussehe, ständig Videowände und Spaghettiessen, warum sei immer irgendwer mit irgendwas beschmiert, wozu all das Gezucke und routiniert hysterische Geschrei? Ob das denn staatlich vorgeschrieben sei?
Was soll man darauf antworten? […]
Ein teuflischer Kreis: Wo Regisseure die Stars sind, dort halten sich die Autoren zurück. Wo sich die Autoren zurückhalten, beanspruchen die Regisseure wiederum den Status eines Stars, dem kein Urheber, lebend oder tot, dreinzureden habe: „Wir sind die Praktiker!“, rufen sie und haben vom Praktischen oft weniger Ahnung als jeder Beleuchter, der hinter ihrem Rücken die Augen verdreht, wenn ihnen wieder einmal die Einfälle kommen.
Und unterdessen bleibt der Großteil der interessierten Menschen, die einstmals Publikum gewesen wären, daheim, liest Romane, geht ins Kino, kauft DVD-Boxen mit den intelligentesten amerikanischen Serien und nimmt Theater nur noch als fernen Lärm wahr, als Anlaß für wirre Artikel im Feuilleton, als Privatvergnügen einer kleinen Gruppe folgsamer Pilger, ohne Relevanz für Leben, Gesellschaft und Gegenwart. „Das traurigste Gewerbe“, sagte Reinhardt – und nicht selten ist man versucht, ihm zuzustimmen, sich abzuwenden und einfach das Fernsehen einzuschalten.
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