Abitur NRW Deutsch 2022 · LK · Haupttermin
Abiturprüfung Deutsch in Nordrhein-Westfalen 2022, LK · Haupttermin: 7 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Interpretation lyrischer Texte. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Interpretation lyrischer Texte · Interpretation epischer Texte · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Analyse pragmatischer Texte · Sprachreflexion und Sprachtheorien
Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 1 · Analyse pragmatischer Texte
Kübra Gümüşay
Sprache und Sein (Auszug 1, 2020)
Stellen Sie sich vor, Folgendes geschieht: Ein Vater und ein Sohn sind mit dem Auto unter-
wegs und haben einen Unfall, bei dem beide schwer verletzt werden. Der Vater stirbt wäh-
rend der Fahrt zum Krankenhaus, der Sohn muss sofort operiert werden. Bei seinem Anblick
jedoch erblasst einer der diensthabenden Chirurgen und sagt: „Ich kann ihn nicht operieren –
5 das ist mein Sohn!“
Wer ist diese Person? Die Wissenschaftlerin Annabell Preussler verwendet dieses Beispiel,
um zu verdeutlichen, welche Bilder sich aufgrund unseres Sprachgebrauchs in unseren Köpfen
festsetzen. Die Antwort lautet: Es ist die Mutter.
Warum sorgt diese Geschichte im ersten Moment für Irritation? Weil wir uns – wenn von
10 einem „Chirurgen“ die Rede ist – einen Mann vorstellen, keine Frau. Wir tun das, weil die
deutsche Sprache nicht nur geschlechtsspezifische Pronomen kennt, sondern auch einen Genus,
also ein grammatikalisches Geschlecht – anders als beispielsweise das Englische, in dem der
teacher sich auf eine Lehrerin oder einen Lehrer beziehen kann. Trotz dieser Unterscheidungs-
möglichkeit gibt es die Konvention des generischen Maskulinums, die dazu führt, dass die
15 Berufsbezeichnung Lehrer Männer wie Frauen umfassen soll.
Der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg argumentiert, dass mit einer solchen Sammel-
bezeichnung weder Männer noch Frauen gemeint seien, sondern eben alle, die lehren. Nur
die Tätigkeit sei interessant. Damit wird jedoch der männliche Standpunkt als neutral univer-
salisiert und die männliche Form als Standard vorgegeben. Wenn also weder Männer noch
20 Frauen gemeint sind – warum dann nicht einfach die weibliche Form nehmen? Das schlägt
Luise F. Pusch vor, Mitbegründerin der feministischen Sprachwissenschaft in Deutschland.
Wenn also die Berufsbezeichnung Lehrerin lautete, ließe sich dann immer noch behaupten,
es seien all jene gemeint, die lehren?
Das Gedankenspiel verdeutlicht die Unzulänglichkeit des generischen Maskulinums. Es
25 reicht nicht aus, dass Frauen – womöglich – mitgemeint sind, wenn sie nicht auch von allen
mitgedacht werden, die den Begriff verwenden.
Die Wissenschaftlerinnen Dagmar Stahlberg, Sabine Sczesny und Friederike Braun haben
den Einfluss geschlechtergerechter Sprache auf unser Denken in folgendem Experiment auf-
gezeigt: Sie legten 50 Frauen und 46 Männern, unterteilt in drei Gruppen, jeweils einen Frage-
30 bogen vor. Die Fragebögen waren alle exakt gleich, sie unterschieden sich einzig in der Ge-
schlechterbezeichnung. Während die einen nach ihren liebsten Romanhelden befragt wurden,
wurde die zweite Gruppe nach ihren liebsten Romanfiguren und die dritte nach ihren liebsten
RomanheldInnen befragt. Also mit männlicher, geschlechtsneutraler und schließlich männ-
lich-weiblicher Begriffsform, dem Binnen-I.
35 Weibliche Romanheldinnen wurden am häufigsten in der geschlechtsneutralen und der
männlich-weiblichen Begriffsform genannt, deutlich weniger dagegen in der ersten Gruppe,
also jener, bei der die männliche Form vermeintlich Figuren beiderlei Geschlechts „neutral“
umfasst. Viele ähnliche Studien, die sich mit dem Gebrauch der männlichen Sprachform be-
schäftigen, haben das gleiche Ergebnis erbracht: Frauen werden gedanklich weniger einbe-
40 zogen.
Wie lässt sich dieses Problem lösen? Darüber wird seit Jahrzehnten gestritten und debat-
tiert. Sollen wir ein Binnen-I verwenden (und damit eine binäre Geschlechterdarstellung
sprachlich zementieren)? Einen Unterstrich (und damit die weibliche Form als Anhängsel
in weite Ferne vom männlichen Wortstamm rücken)? Einen Doppelpunkt? Ein Ausrufezei-
45 chen? Ein Sternchen? Ein X? Und wie sprechen sich diese Schreibweisen jeweils aus? Was
würde sich im Sprachgebrauch durchsetzen? Trotzdem bleibt die Frage: Bekämpfen diese
Vorschläge nur Symptome? Brauchen wir vielleicht eine neue, sichtbar nicht neutrale Endung
für die männlichen Formen? Damit Lehrer tatsächlich all jene meint, die lehren? Damit der
Mann nicht mehr der Standard ist? Oder brauchen wir eine Sprache, die gänzlich darauf ver-
50 zichtet, Menschen nach ihrer Geschlechtsidentität zu kategorisieren? Bei Sprachen wie Swahili,
Usbekisch, Armenisch, Finnisch oder Türkisch ist das der Fall. […]
Klar ist: Wir müssen uns mit der Architektur der Sprache beschäftigen, die unsere Reali-
tät erfassen soll. Damit wir aussprechen können, was ist. Damit wir sein können, wer wir sind.
Damit wir sehen können, wer die jeweils anderen sind.
55 Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen
meiner Welt.
Ludwig Wittgenstein 2
Bei einem Abendessen in einer diversen Runde habe ich über dieses Thema gesprochen –
darüber, wie Sprache Menschen ausgrenzen kann. Viele am Tisch stimmten mir zu und berich-
60 teten von eigenen Erfahrungen, bis sich eine Frau zu Wort meldete, die bis dahin geschwie-
gen hatte. Sie sagte, sie sei überrascht, dass ich und auch andere im Raum sich so für Unge-
rechtigkeiten in der Sprache interessierten. Sie selbst habe sich nie vom generischen Maskuli-
num ausgeschlossen, nie durch Sprache begrenzt gefühlt. […]
Ein bisschen ratlos hörte ich ihr zu. Und dachte: Vielleicht kann sich ein Mensch, der noch
65 nie gegen eine Mauer gelaufen, der noch nie hart auf den Boden der Machtlosigkeit, des Kon-
trollverlusts, der Demütigung, der Einsamkeit oder der Sprachlosigkeit geschlagen ist – viel-
leicht kann so ein Mensch sich die Mauern, die sich tatsächlich durch unsere Gesellschaft zie-
hen, gar nicht vorstellen. Vielleicht läuft dieser Mensch neben einer solchen Mauer entlang,
ohne sie auch nur zu spüren. Ohne zu ahnen, dass sie für viele andere […] real ist.
70 Eine inzwischen berühmte Analogie des US-amerikanischen Autors David Foster Wallace
ist ein bildlicher Ausdruck dessen, was Sprache und ihre Macht für mich bedeuten: „Schwim-
men zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegen-
richtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: ‚Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?‘ Die
zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich wirft der eine dem ande-
75 ren einen Blick zu und sagt: ‚Was zum Teufel ist Wasser?‘“
Sprache in all ihren Facetten – ihr Lexikon, ihre Wortarten, ihre Zeitformen – ist für Men-
schen wie Wasser für Fische. Der Stoff unseres Denkens und Lebens, der uns formt und prägt,
ohne dass wir uns seiner in Gänze bewusst wären. Wenn ich dieses Bewusstsein herstelle,
wenn ich die Grenzen meiner eigenen Wahrnehmung spüre, dann löst das Demut in mir aus.
80 Demut vor der Welt, die ich nur aus meinem eingeschränkten Blickwinkel betrachte. Ich bin
dankbar für das Bewusstsein um die Existenz dieser Grenzen – ich hoffe, sie bewahren mich
davor, mit unwandelbaren Prämissen und Grundannahmen durch die Welt zu gehen. Das Be-
wusstsein für unsere Grenzen relativiert die Dinge, die wir ignorant voraussetzen. Die Dinge,
die wir als universal postulieren – definieren sie doch nichts mehr als die Grenzen unseres
85 Horizonts.
Die Begrenztheit meiner Wahrnehmung ist aber auch Antrieb – sie veranschaulicht mir,
wie viel ich noch lernen, aufsaugen und verstehen kann. Wenn Sprache unsere Betrachtung
der Welt so fundamental lenkt – und damit auch beeinträchtigt –, dann ist sie keine Banalität,
kein Nebenschauplatz politischer Auseinandersetzungen. Wenn sie der Stoff unseres Denkens
90 und Lebens ist, dann müsste es selbstverständlich sein, dass wir uns immer wieder fragen, ob
wir einverstanden sind mit dieser Prägung.
1 Es handelt sich um einen Auszug aus einer Schrift, in der die Autorin Kübra Gümüşay sich mit der Frage beschäftigt, wie Sprache das Denken prägt und in die Politik hineinwirkt. Der Auszug entstammt dem ersten Kapitel, das einführend die Macht von Sprache thematisiert. Fußnoten, die sich im Originaltext finden, wurden aus Gründen der besseren Lesbarkeit nicht übernommen.
2 Kübra Gümüşay beginnt die meisten Kapitel ihrer Schrift „Sprache und Sein“ mit Zitaten. Häufig beginnt sie Textabschnitte mit einem Zitat, in diesem Fall mit einem Zitat des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951).
Anmerkungen zur Autorin:
Kübra Gümüşay (geb. 1988 in Hamburg) hat in Hamburg und London Politikwissenschaften studiert. Sie lebt in Hamburg und arbeitet als Journalistin. Kübra Gümüşay schreibt zu den Themen Rassismus, Feminismus, Netzkultur und setzt sich mit Fragen gesellschaftlicher Vielfalt auseinander. Weiterhin betätigt sie sich als politische Aktivistin.
1. Analysieren Sie den vorliegenden Auszug aus Kübra Gümüşays Werk „Sprache und Sein“. (38 Punkte)
Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 2 · Sprachreflexion und Sprachtheorien
Kübra Gümüşay
Sprache und Sein (Auszug 1, 2020)
Stellen Sie sich vor, Folgendes geschieht: Ein Vater und ein Sohn sind mit dem Auto unter-
wegs und haben einen Unfall, bei dem beide schwer verletzt werden. Der Vater stirbt wäh-
rend der Fahrt zum Krankenhaus, der Sohn muss sofort operiert werden. Bei seinem Anblick
jedoch erblasst einer der diensthabenden Chirurgen und sagt: „Ich kann ihn nicht operieren –
5 das ist mein Sohn!“
Wer ist diese Person? Die Wissenschaftlerin Annabell Preussler verwendet dieses Beispiel,
um zu verdeutlichen, welche Bilder sich aufgrund unseres Sprachgebrauchs in unseren Köpfen
festsetzen. Die Antwort lautet: Es ist die Mutter.
Warum sorgt diese Geschichte im ersten Moment für Irritation? Weil wir uns – wenn von
10 einem „Chirurgen“ die Rede ist – einen Mann vorstellen, keine Frau. Wir tun das, weil die
deutsche Sprache nicht nur geschlechtsspezifische Pronomen kennt, sondern auch einen Genus,
also ein grammatikalisches Geschlecht – anders als beispielsweise das Englische, in dem der
teacher sich auf eine Lehrerin oder einen Lehrer beziehen kann. Trotz dieser Unterscheidungs-
möglichkeit gibt es die Konvention des generischen Maskulinums, die dazu führt, dass die
15 Berufsbezeichnung Lehrer Männer wie Frauen umfassen soll.
Der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg argumentiert, dass mit einer solchen Sammel-
bezeichnung weder Männer noch Frauen gemeint seien, sondern eben alle, die lehren. Nur
die Tätigkeit sei interessant. Damit wird jedoch der männliche Standpunkt als neutral univer-
salisiert und die männliche Form als Standard vorgegeben. Wenn also weder Männer noch
20 Frauen gemeint sind – warum dann nicht einfach die weibliche Form nehmen? Das schlägt
Luise F. Pusch vor, Mitbegründerin der feministischen Sprachwissenschaft in Deutschland.
Wenn also die Berufsbezeichnung Lehrerin lautete, ließe sich dann immer noch behaupten,
es seien all jene gemeint, die lehren?
Das Gedankenspiel verdeutlicht die Unzulänglichkeit des generischen Maskulinums. Es
25 reicht nicht aus, dass Frauen – womöglich – mitgemeint sind, wenn sie nicht auch von allen
mitgedacht werden, die den Begriff verwenden.
Die Wissenschaftlerinnen Dagmar Stahlberg, Sabine Sczesny und Friederike Braun haben
den Einfluss geschlechtergerechter Sprache auf unser Denken in folgendem Experiment auf-
gezeigt: Sie legten 50 Frauen und 46 Männern, unterteilt in drei Gruppen, jeweils einen Frage-
30 bogen vor. Die Fragebögen waren alle exakt gleich, sie unterschieden sich einzig in der Ge-
schlechterbezeichnung. Während die einen nach ihren liebsten Romanhelden befragt wurden,
wurde die zweite Gruppe nach ihren liebsten Romanfiguren und die dritte nach ihren liebsten
RomanheldInnen befragt. Also mit männlicher, geschlechtsneutraler und schließlich männ-
lich-weiblicher Begriffsform, dem Binnen-I.
35 Weibliche Romanheldinnen wurden am häufigsten in der geschlechtsneutralen und der
männlich-weiblichen Begriffsform genannt, deutlich weniger dagegen in der ersten Gruppe,
also jener, bei der die männliche Form vermeintlich Figuren beiderlei Geschlechts „neutral“
umfasst. Viele ähnliche Studien, die sich mit dem Gebrauch der männlichen Sprachform be-
schäftigen, haben das gleiche Ergebnis erbracht: Frauen werden gedanklich weniger einbe-
40 zogen.
Wie lässt sich dieses Problem lösen? Darüber wird seit Jahrzehnten gestritten und debat-
tiert. Sollen wir ein Binnen-I verwenden (und damit eine binäre Geschlechterdarstellung
sprachlich zementieren)? Einen Unterstrich (und damit die weibliche Form als Anhängsel
in weite Ferne vom männlichen Wortstamm rücken)? Einen Doppelpunkt? Ein Ausrufezei-
45 chen? Ein Sternchen? Ein X? Und wie sprechen sich diese Schreibweisen jeweils aus? Was
würde sich im Sprachgebrauch durchsetzen? Trotzdem bleibt die Frage: Bekämpfen diese
Vorschläge nur Symptome? Brauchen wir vielleicht eine neue, sichtbar nicht neutrale Endung
für die männlichen Formen? Damit Lehrer tatsächlich all jene meint, die lehren? Damit der
Mann nicht mehr der Standard ist? Oder brauchen wir eine Sprache, die gänzlich darauf ver-
50 zichtet, Menschen nach ihrer Geschlechtsidentität zu kategorisieren? Bei Sprachen wie Swahili,
Usbekisch, Armenisch, Finnisch oder Türkisch ist das der Fall. […]
Klar ist: Wir müssen uns mit der Architektur der Sprache beschäftigen, die unsere Reali-
tät erfassen soll. Damit wir aussprechen können, was ist. Damit wir sein können, wer wir sind.
Damit wir sehen können, wer die jeweils anderen sind.
55 Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen
meiner Welt.
Ludwig Wittgenstein 2
Bei einem Abendessen in einer diversen Runde habe ich über dieses Thema gesprochen –
darüber, wie Sprache Menschen ausgrenzen kann. Viele am Tisch stimmten mir zu und berich-
60 teten von eigenen Erfahrungen, bis sich eine Frau zu Wort meldete, die bis dahin geschwie-
gen hatte. Sie sagte, sie sei überrascht, dass ich und auch andere im Raum sich so für Unge-
rechtigkeiten in der Sprache interessierten. Sie selbst habe sich nie vom generischen Maskuli-
num ausgeschlossen, nie durch Sprache begrenzt gefühlt. […]
Ein bisschen ratlos hörte ich ihr zu. Und dachte: Vielleicht kann sich ein Mensch, der noch
65 nie gegen eine Mauer gelaufen, der noch nie hart auf den Boden der Machtlosigkeit, des Kon-
trollverlusts, der Demütigung, der Einsamkeit oder der Sprachlosigkeit geschlagen ist – viel-
leicht kann so ein Mensch sich die Mauern, die sich tatsächlich durch unsere Gesellschaft zie-
hen, gar nicht vorstellen. Vielleicht läuft dieser Mensch neben einer solchen Mauer entlang,
ohne sie auch nur zu spüren. Ohne zu ahnen, dass sie für viele andere […] real ist.
70 Eine inzwischen berühmte Analogie des US-amerikanischen Autors David Foster Wallace
ist ein bildlicher Ausdruck dessen, was Sprache und ihre Macht für mich bedeuten: „Schwim-
men zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegen-
richtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: ‚Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?‘ Die
zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich wirft der eine dem ande-
75 ren einen Blick zu und sagt: ‚Was zum Teufel ist Wasser?‘“
Sprache in all ihren Facetten – ihr Lexikon, ihre Wortarten, ihre Zeitformen – ist für Men-
schen wie Wasser für Fische. Der Stoff unseres Denkens und Lebens, der uns formt und prägt,
ohne dass wir uns seiner in Gänze bewusst wären. Wenn ich dieses Bewusstsein herstelle,
wenn ich die Grenzen meiner eigenen Wahrnehmung spüre, dann löst das Demut in mir aus.
80 Demut vor der Welt, die ich nur aus meinem eingeschränkten Blickwinkel betrachte. Ich bin
dankbar für das Bewusstsein um die Existenz dieser Grenzen – ich hoffe, sie bewahren mich
davor, mit unwandelbaren Prämissen und Grundannahmen durch die Welt zu gehen. Das Be-
wusstsein für unsere Grenzen relativiert die Dinge, die wir ignorant voraussetzen. Die Dinge,
die wir als universal postulieren – definieren sie doch nichts mehr als die Grenzen unseres
85 Horizonts.
Die Begrenztheit meiner Wahrnehmung ist aber auch Antrieb – sie veranschaulicht mir,
wie viel ich noch lernen, aufsaugen und verstehen kann. Wenn Sprache unsere Betrachtung
der Welt so fundamental lenkt – und damit auch beeinträchtigt –, dann ist sie keine Banalität,
kein Nebenschauplatz politischer Auseinandersetzungen. Wenn sie der Stoff unseres Denkens
90 und Lebens ist, dann müsste es selbstverständlich sein, dass wir uns immer wieder fragen, ob
wir einverstanden sind mit dieser Prägung.
1 Es handelt sich um einen Auszug aus einer Schrift, in der die Autorin Kübra Gümüşay sich mit der Frage beschäftigt, wie Sprache das Denken prägt und in die Politik hineinwirkt. Der Auszug entstammt dem ersten Kapitel, das einführend die Macht von Sprache thematisiert. Fußnoten, die sich im Originaltext finden, wurden aus Gründen der besseren Lesbarkeit nicht übernommen.
2 Kübra Gümüşay beginnt die meisten Kapitel ihrer Schrift „Sprache und Sein“ mit Zitaten. Häufig beginnt sie Textabschnitte mit einem Zitat, in diesem Fall mit einem Zitat des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951).
Anmerkungen zur Autorin:
Kübra Gümüşay (geb. 1988 in Hamburg) hat in Hamburg und London Politikwissenschaften studiert. Sie lebt in Hamburg und arbeitet als Journalistin. Kübra Gümüşay schreibt zu den Themen Rassismus, Feminismus, Netzkultur und setzt sich mit Fragen gesellschaftlicher Vielfalt auseinander. Weiterhin betätigt sie sich als politische Aktivistin.
2. Stellen Sie die Grundzüge der Theorie von Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf über den Zusammenhang von Sprache, Denken und Wirklichkeit dar. Vergleichen Sie diese Theorie mit dem Standpunkt von Kübra Gümüşay. Nehmen Sie abwägend Stellung zu der Frage der Autorin, ob wir eine Sprache benötigen, „die gänzlich darauf verzichtet, Menschen nach ihrer Geschlechtsidentität zu kategorisieren“ (Z. 49 f.). (34 Punkte)
Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 1 · Analyse pragmatischer Texte
Juliane Rebentisch
„Lessings Unruhe“ 1
Mir ist gesagt worden, dass für meinen Dank hier 15 Minuten eingeplant sind, und ich habe
Ihnen dafür eine Miniatur 2 über Lessings Verhältnis zur Wahrheit mitgebracht. Denn mit
Lessing lassen sich, wie ich meine, die Probleme besser verstehen, die heute unter dem höchst
irreführenden Titel eines „post-faktischen Zeitalters“ diskutiert werden.
5 Von der Wahrheit, stellt Hannah Arendt 3 in ihrer Lessing-Preisrede 1959 fest, habe Lessing
eine „sehr unorthodoxe“ Auffassung gehabt. Was die Philosophen traditionell häufig beküm-
mert habe, habe ihn nämlich gefreut. Gemeint ist der Umstand, „dass [sich] die Wahrheit,
sobald sie geäußert wird, sofort in eine Meinung unter Meinungen verwandeln“, dass sie
„bestritten“ und „umformuliert“, also zu einem „Gegenstand des Gesprächs“ gemacht werden
10 kann. Nicht bloß die Einsicht, dass es die eine Wahrheit unter endlichen Wesen nicht geben
kann, sondern die Freude darüber, dass deshalb das „Gespräch nicht aufhören wird, solange
es Menschen überhaupt“ gibt – dies kennzeichne, so Arendt, „die Größe Lessings.“ [...]
Tatsächlich war es Lessings tiefe Überzeugung, dass der vermeintliche Besitz der Wahrheit
die Menschen „ruhig, träge“ und „stolz“, also borniert macht, während die rastlose Suche
15 nach der Wahrheit ihre Kräfte erweitert und so der Vervollkommnung der Menschen dient.
Man sollte das jedoch nicht so verstehen, dass Lessing die eigene geistige Beweglichkeit im
Zweifelsfall immer wichtiger gewesen ist als ein langweiliger Konsens über die Wahrheit.
Denn seine intellektuelle Unruhe war eine Unruhe der Wahrheitsorientierung selbst. Und die
wird erst dann richtig verständlich, wenn man sich darüber hinaus verdeutlicht, dass sich
20 Lessing nie über den öffentlichen Diskurs erhoben hat, sondern vielmehr überaus engagiert
auf ihn bezogen war.
So hat Lessing, wie Arendt auch beobachtet hat, selbst noch dort, wo er sich zum Denken
zurückzog, nicht aufgehört zu anderen hinzusprechen. Das erklärt auch den wesentlich pole-
mischen Zug seines Denkens. Lessings Polemiken 4 sind in der Tat legendär. Der selbst ja
25 bekanntermaßen nicht ganz unpolemische Nietzsche 5 spricht an einer Stelle gar von Lessings
durchaus „unangenehmer Mischung von Zankteufelei und Biederkeit“. Aber Lessings philo-
sophische Rauflust und entschiedene Parteilichkeit sind Hinweise darauf, wie man sein un-
orthodoxes Verhältnis zur Wahrheit genauer verstehen sollte. [...] Die Einsicht, dass es die
eine Wahrheit nicht geben kann, löst nach Lessing nämlich die Wahrheit gerade nicht im Rela-
30 tivismus koexistenter Meinungen 6 auf, vielmehr generiert sie sich allein aus dem leidenschaft-
lichen Streit um sie.
Wie die Alten den Tod gebildet 7 (1769) ist eine Streitschrift gegen Christian Adolph Klotz 8,
dessen Argumente zur antiken Darstellung des Todes von Lessing sehr polemisch zerlegt
werden. In der Vorrede zu dieser Schrift findet sich auch eine höchst interessante Verteidi-
35 gung des Genres der Streitschrift selbst. Lessing beginnt mit einer Art Publikumsbeschimp-
fung, die auf die Streitunlust seiner Zeitgenossen zielt. Dem zeitgenössischen Publikum sei
das Streiten oder „Zanken“ nämlich offenbar peinlicher als die Verleumdung oder der Hass.
Eine solche Einstellung vertrage sich bestens mit einer Kultur des Selbstdünkels und der
Eigenliebe, nicht aber mit der Wahrheit, so Lessing. Tatsächlich habe ein solches Publikum
40 vergessen, „dass es die Aufklärung so mancher wichtiger Punkte dem bloßen Widerspruche
zu danken hat, und dass die Menschen über nichts einig seien, wenn sie noch über nichts in
der Welt gezankt hätten“. Es sei zwar vermutlich noch durch keinen Streit die Wahrheit tat-
sächlich ausgemacht worden, so Lessing weiter. Dennoch aber habe die Wahrheit bei jedem
Streit gewonnen. Denn der Streit habe „den Geist der Prüfung genährt, [...] Vorurteil und
45 Ansehen in einer beständigen Erschütterung erhalten; kurz [...] die geschminkte Unwahrheit
verhindert, sich an der Stelle der Wahrheit festzusetzen.“
Nun könnte man diese Stelle vermutlich auch noch so hören, dass die Wahrheit den Menschen
eben nie erreichbar ist und ihnen daher nichts anderes übrig bleibt als durch die Vermeidung
von Vorurteilen und Missverständnissen zumindest nach ihr zu streben. Unsere endlichen
50 Perspektiven wären dann jedoch immer noch so verstanden, dass sie uns im Weg sind, wenn
es darum geht, zur eigentlichen Wahrheit vorzudringen. Ich möchte die Lessing’sche „Wahr-
heitstendenz“ jedoch noch etwas radikaler verstehen, nämlich im Sinne einer entschieden
diesseitigen Wahrheitsauffassung, die den Gegensatz zwischen der einen Wahrheit und ihrer
bloß perspektivischen Erscheinung hinter sich lässt. Statt die Wahrheit mit der Unabhängig-
55 keit von endlichen Perspektiven überhaupt gleichzusetzen, muss der Streit der Perspektiven
dann als eine notwendige Voraussetzung angenommen werden, die Wahrheit im historischen
Prozess, und das heißt: immer wieder neu, zu erschließen. Der Streit erfolgt nach diesem Ver-
ständnis also gar nicht mehr im Horizont einer unabhängig von ihm gegebenen Wahrheit.
Vielmehr geht dieses Verständnis davon aus, dass es die Wahrheit nur in und durch den Streit
60 selbst geben kann.
Im Rahmen dieses Streits vermögen die jeweiligen perspektivischen Bestimmungen der Wahr-
heit durchaus an Allgemeinheit zu gewinnen; sie sind dann keineswegs mehr nur subjektive,
willkürliche Bestimmungen oder bloße Meinungen. Gleichwohl aber kann keine Bestimmung
der Wahrheit die Bedingung der Endlichkeit aufheben; und das heißt: auch die als allgemein
65 gültig akzeptierten Bestimmungen bleiben prinzipiell an die Möglichkeit ihrer Bestreitung aus-
gesetzt. Diese Möglichkeit zu verteidigen eint denn auch die unruhigen Geister von Lessing
über Nietzsche zu Arendt. Nichts, auch das, was sich als Wahrheit festsetzen mag, ist vor die-
ser Möglichkeit sicher oder sollte es sein. [...]
Anmerkungen zur Autorin:
Juliane Rebentisch (*1970): Die Preisträgerin des Lessing-Preises der Stadt Hamburg 2017 ist Professorin für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main.
1 Ausschnitt aus der Preisrede von Prof. Dr. Juliane Rebentisch anlässlich der Verleihung des Lessing-Preises 2017 am 28. Januar 2018. Im weiteren Verlauf der Rede stellt Rebentisch die Verbindung zu aktuellen Debatten um das Ignorieren einer Orientierung an Gründen und Wahrheit her, die sich mit der Rede von „alternativen Fakten“ oder einem „postfaktischen Zeitalter“ verbinden. Unsere Zeit sei „nicht die erste, in der die Wahrheit unter Druck gerät“. Die Fußnoten, die sich im Originaltext finden, werden aus Gründen der besseren Lesbarkeit nicht übernommen.
2 Miniatur: kleines Bild, hier im Sinne einer knappen Darstellung
3 Hannah Arendt (1906 – 1975): deutsch-amerikanische Publizistin und Philosophin jüdischer Herkunft, leistete nach ihrer Emigration im Jahre 1933 wesentliche Beiträge zur Theorie des Politischen
4 Polemik: zugespitzte Darlegung eigener Überlegungen, die sich in deutlicher Abwertung (häufig innerhalb wissenschaftlicher Auseinandersetzungen) gegen andere Positionen wendet und dabei u. U. auch aggressiv auftritt, ursprünglich im Sinne einer Streitkunst
5 Friedrich Nietzsche (1844 – 1900): deutscher Philosoph
6 Relativismus koexistenter Meinungen: gemeint ist, dass die gleichzeitig bestehenden (koexistierenden) Meinungen beliebig nebeneinanderstehen, weil keine sich gegen eine andere behaupten kann
7 „Wie die alten den Tod gebildet“ ist der Titel einer Streitschrift Lessings aus dem Jahr 1769.
8 Christian Adolph Klotz (1738 – 1771): deutscher Autor und Philologe
1. Analysieren Sie die Rede „Lessings Unruhe“ von Juliane Rebentisch und erschließen Sie dabei, wie sie Gotthold Ephraim Lessings Theorie der Wahrheit versteht. Erläutern Sie außerdem, welche Bedeutung dem Gespräch bzw. dem Diskurs in dieser Auffassung von Wahrheit zukommt. [40 Punkte]
Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 2 · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre
Juliane Rebentisch
„Lessings Unruhe“ 1
Mir ist gesagt worden, dass für meinen Dank hier 15 Minuten eingeplant sind, und ich habe
Ihnen dafür eine Miniatur 2 über Lessings Verhältnis zur Wahrheit mitgebracht. Denn mit
Lessing lassen sich, wie ich meine, die Probleme besser verstehen, die heute unter dem höchst
irreführenden Titel eines „post-faktischen Zeitalters“ diskutiert werden.
5 Von der Wahrheit, stellt Hannah Arendt 3 in ihrer Lessing-Preisrede 1959 fest, habe Lessing
eine „sehr unorthodoxe“ Auffassung gehabt. Was die Philosophen traditionell häufig beküm-
mert habe, habe ihn nämlich gefreut. Gemeint ist der Umstand, „dass [sich] die Wahrheit,
sobald sie geäußert wird, sofort in eine Meinung unter Meinungen verwandeln“, dass sie
„bestritten“ und „umformuliert“, also zu einem „Gegenstand des Gesprächs“ gemacht werden
10 kann. Nicht bloß die Einsicht, dass es die eine Wahrheit unter endlichen Wesen nicht geben
kann, sondern die Freude darüber, dass deshalb das „Gespräch nicht aufhören wird, solange
es Menschen überhaupt“ gibt – dies kennzeichne, so Arendt, „die Größe Lessings.“ [...]
Tatsächlich war es Lessings tiefe Überzeugung, dass der vermeintliche Besitz der Wahrheit
die Menschen „ruhig, träge“ und „stolz“, also borniert macht, während die rastlose Suche
15 nach der Wahrheit ihre Kräfte erweitert und so der Vervollkommnung der Menschen dient.
Man sollte das jedoch nicht so verstehen, dass Lessing die eigene geistige Beweglichkeit im
Zweifelsfall immer wichtiger gewesen ist als ein langweiliger Konsens über die Wahrheit.
Denn seine intellektuelle Unruhe war eine Unruhe der Wahrheitsorientierung selbst. Und die
wird erst dann richtig verständlich, wenn man sich darüber hinaus verdeutlicht, dass sich
20 Lessing nie über den öffentlichen Diskurs erhoben hat, sondern vielmehr überaus engagiert
auf ihn bezogen war.
So hat Lessing, wie Arendt auch beobachtet hat, selbst noch dort, wo er sich zum Denken
zurückzog, nicht aufgehört zu anderen hinzusprechen. Das erklärt auch den wesentlich pole-
mischen Zug seines Denkens. Lessings Polemiken 4 sind in der Tat legendär. Der selbst ja
25 bekanntermaßen nicht ganz unpolemische Nietzsche 5 spricht an einer Stelle gar von Lessings
durchaus „unangenehmer Mischung von Zankteufelei und Biederkeit“. Aber Lessings philo-
sophische Rauflust und entschiedene Parteilichkeit sind Hinweise darauf, wie man sein un-
orthodoxes Verhältnis zur Wahrheit genauer verstehen sollte. [...] Die Einsicht, dass es die
eine Wahrheit nicht geben kann, löst nach Lessing nämlich die Wahrheit gerade nicht im Rela-
30 tivismus koexistenter Meinungen 6 auf, vielmehr generiert sie sich allein aus dem leidenschaft-
lichen Streit um sie.
Wie die Alten den Tod gebildet 7 (1769) ist eine Streitschrift gegen Christian Adolph Klotz 8,
dessen Argumente zur antiken Darstellung des Todes von Lessing sehr polemisch zerlegt
werden. In der Vorrede zu dieser Schrift findet sich auch eine höchst interessante Verteidi-
35 gung des Genres der Streitschrift selbst. Lessing beginnt mit einer Art Publikumsbeschimp-
fung, die auf die Streitunlust seiner Zeitgenossen zielt. Dem zeitgenössischen Publikum sei
das Streiten oder „Zanken“ nämlich offenbar peinlicher als die Verleumdung oder der Hass.
Eine solche Einstellung vertrage sich bestens mit einer Kultur des Selbstdünkels und der
Eigenliebe, nicht aber mit der Wahrheit, so Lessing. Tatsächlich habe ein solches Publikum
40 vergessen, „dass es die Aufklärung so mancher wichtiger Punkte dem bloßen Widerspruche
zu danken hat, und dass die Menschen über nichts einig seien, wenn sie noch über nichts in
der Welt gezankt hätten“. Es sei zwar vermutlich noch durch keinen Streit die Wahrheit tat-
sächlich ausgemacht worden, so Lessing weiter. Dennoch aber habe die Wahrheit bei jedem
Streit gewonnen. Denn der Streit habe „den Geist der Prüfung genährt, [...] Vorurteil und
45 Ansehen in einer beständigen Erschütterung erhalten; kurz [...] die geschminkte Unwahrheit
verhindert, sich an der Stelle der Wahrheit festzusetzen.“
Nun könnte man diese Stelle vermutlich auch noch so hören, dass die Wahrheit den Menschen
eben nie erreichbar ist und ihnen daher nichts anderes übrig bleibt als durch die Vermeidung
von Vorurteilen und Missverständnissen zumindest nach ihr zu streben. Unsere endlichen
50 Perspektiven wären dann jedoch immer noch so verstanden, dass sie uns im Weg sind, wenn
es darum geht, zur eigentlichen Wahrheit vorzudringen. Ich möchte die Lessing’sche „Wahr-
heitstendenz“ jedoch noch etwas radikaler verstehen, nämlich im Sinne einer entschieden
diesseitigen Wahrheitsauffassung, die den Gegensatz zwischen der einen Wahrheit und ihrer
bloß perspektivischen Erscheinung hinter sich lässt. Statt die Wahrheit mit der Unabhängig-
55 keit von endlichen Perspektiven überhaupt gleichzusetzen, muss der Streit der Perspektiven
dann als eine notwendige Voraussetzung angenommen werden, die Wahrheit im historischen
Prozess, und das heißt: immer wieder neu, zu erschließen. Der Streit erfolgt nach diesem Ver-
ständnis also gar nicht mehr im Horizont einer unabhängig von ihm gegebenen Wahrheit.
Vielmehr geht dieses Verständnis davon aus, dass es die Wahrheit nur in und durch den Streit
60 selbst geben kann.
Im Rahmen dieses Streits vermögen die jeweiligen perspektivischen Bestimmungen der Wahr-
heit durchaus an Allgemeinheit zu gewinnen; sie sind dann keineswegs mehr nur subjektive,
willkürliche Bestimmungen oder bloße Meinungen. Gleichwohl aber kann keine Bestimmung
der Wahrheit die Bedingung der Endlichkeit aufheben; und das heißt: auch die als allgemein
65 gültig akzeptierten Bestimmungen bleiben prinzipiell an die Möglichkeit ihrer Bestreitung aus-
gesetzt. Diese Möglichkeit zu verteidigen eint denn auch die unruhigen Geister von Lessing
über Nietzsche zu Arendt. Nichts, auch das, was sich als Wahrheit festsetzen mag, ist vor die-
ser Möglichkeit sicher oder sollte es sein. [...]
Anmerkungen zur Autorin:
Juliane Rebentisch (*1970): Die Preisträgerin des Lessing-Preises der Stadt Hamburg 2017 ist Professorin für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main.
1 Ausschnitt aus der Preisrede von Prof. Dr. Juliane Rebentisch anlässlich der Verleihung des Lessing-Preises 2017 am 28. Januar 2018. Im weiteren Verlauf der Rede stellt Rebentisch die Verbindung zu aktuellen Debatten um das Ignorieren einer Orientierung an Gründen und Wahrheit her, die sich mit der Rede von „alternativen Fakten“ oder einem „postfaktischen Zeitalter“ verbinden. Unsere Zeit sei „nicht die erste, in der die Wahrheit unter Druck gerät“. Die Fußnoten, die sich im Originaltext finden, werden aus Gründen der besseren Lesbarkeit nicht übernommen.
2 Miniatur: kleines Bild, hier im Sinne einer knappen Darstellung
3 Hannah Arendt (1906 – 1975): deutsch-amerikanische Publizistin und Philosophin jüdischer Herkunft, leistete nach ihrer Emigration im Jahre 1933 wesentliche Beiträge zur Theorie des Politischen
4 Polemik: zugespitzte Darlegung eigener Überlegungen, die sich in deutlicher Abwertung (häufig innerhalb wissenschaftlicher Auseinandersetzungen) gegen andere Positionen wendet und dabei u. U. auch aggressiv auftritt, ursprünglich im Sinne einer Streitkunst
5 Friedrich Nietzsche (1844 – 1900): deutscher Philosoph
6 Relativismus koexistenter Meinungen: gemeint ist, dass die gleichzeitig bestehenden (koexistierenden) Meinungen beliebig nebeneinanderstehen, weil keine sich gegen eine andere behaupten kann
7 „Wie die alten den Tod gebildet“ ist der Titel einer Streitschrift Lessings aus dem Jahr 1769.
8 Christian Adolph Klotz (1738 – 1771): deutscher Autor und Philologe
2. Stellen Sie dar, welche zentralen Gedanken die Ringparabel in Lessings Drama „Nathan der Weise“ enthält und welche Bedeutung sie für die Unterredung zwischen Nathan und Saladin hat. Beziehen Sie Rebentischs Darlegungen zu dieser Unterredung darauf. Beachten Sie dabei auch den literarischen Charakter der Szene. [32 Punkte]
Aufgabe HT 3 · Interpretation lyrischer Texte
Aufgabenstellung:
1.
Analysieren Sie das Gedicht „Die Welt ist weit“ von Ingeborg Bachmann und legen Sie dabei einen besonderen Schwerpunkt auf das Motiv der Reise.
(39 Punkte)
2.
Analysieren Sie das Gedicht „Der Reisende blickt zurück“ von Günter Kunert. Vergleichen Sie anschließend die Gedichte von Bachmann und Kunert hinsichtlich ihrer Aussage und ihrer Gestaltung.
(33 Punkte)
Materialgrundlage: Text 1
Ingeborg Bachmann
Die Welt ist weit (1952)
1 Die Welt ist weit und die Wege von Land zu Land,
und der Orte sind viele, ich habe alle gekannt,
ich habe von allen Türmen Städte gesehen,
die Menschen, die kommen werden und die schon gehen.
5 Weit waren die Felder von Sonne und Schnee,
zwischen Schienen und Straßen, zwischen Berg und See.
Und der Mund der Welt war weit und voll Stimmen an meinem Ohr
und schrieb, noch des Nachts, die Gesänge der Vielfalt vor.
Den Wein aus fünf Bechern trank ich in einem Zuge aus,
10 mein nasses Haar trocknen vier Winde in ihrem wechselnden Haus.
Die Fahrt ist zu Ende,
doch ich bin mit nichts zu Ende gekommen,
jeder Ort hat ein Stück von meinem Lieben genommen,
jedes Licht hat mir ein Aug verbrannt,
15 in jedem Schatten zerriß mein Gewand.
Die Fahrt ist zu Ende.
Noch bin ich mit jeder Ferne verkettet,
doch kein Vogel hat mich über die Grenzen gerettet,
kein Wasser, das in die Mündung zieht,
20 treibt mein Gesicht, das nach unten sieht,
treibt meinen Schlaf, der nicht wandern will …
Ich weiß die Welt näher und still.
Hinter der Welt wird ein Baum stehen
mit Blättern aus Wolken
25 und einer Krone aus Blau.
In seine Rinde aus rotem Sonnenband
schneidet der Wind unser Herz
und kühlt es mit Tau.
Hinter der Welt wird ein Baum stehen,
30 eine Frucht in den Wipfeln,
mit einer Schale aus Gold.
Laß uns hinübersehen,
wenn sie im Herbst der Zeit
in Gottes Hände rollt!
Anmerkungen zur Autorin:
Ingeborg Bachmann lebte von 1926 bis 1973. Seit 1952 betätigte sie sich als freie Schriftstellerin. Bachmann verfasste zunächst Gedichte, wandte sich dann aber auch der Prosa zu.
Materialgrundlage: Text 2
Günter Kunert
Der Reisende blickt zurück (2019)
1 verwundert über die zurückgelegte
Strecke, die ungezählten Meilen,
die endlosen Straßen, die einsamen Pfade,
die den Abdruck der Sohlen verleugnen.
5 Alles Irrwege, Umwege des einen
und einzigen Heimwegs. Am Ende
fällt doch die Tür ins Schloss,
verweht das letzte Kalenderblatt,
kraftlos durch die Mühen
10 der hastigen Zeiten
wie ich.
Anmerkungen zum Autor:
Günter Kunert lebte von 1929 bis 2019. Bis 1979 lebte er in der DDR, danach in der Bundesrepublik. Das Gedicht stammt aus Kunerts letztem Lyrik-Band „Zu Gast im Labyrinth“, der kurz nach Kunerts Tod erschienen ist.
Aufgabe HT 4 - Teilaufgabe 1 · Interpretation epischer Texte
Heinrich Böll
An der Brücke (1949)
Die haben mir meine Beine geflickt und haben mir einen Posten gegeben, wo ich sitzen kann:
ich zähle die Leute, die über die neue Brücke gehen. Es macht ihnen ja Spaß, sich ihre Tüchtig-
keit mit Zahlen zu belegen, sie berauschen sich an diesem sinnlosen Nichts aus ein paar Ziffern,
und den ganzen Tag, den ganzen Tag, geht mein stummer Mund wie ein Uhrwerk, indem ich
5 Nummer auf Nummer häufe, um ihnen abends den Triumph einer Zahl zu schenken.
Ihre Gesichter strahlen, wenn ich ihnen das Ergebnis meiner Schicht mitteile, je höher die
Zahl, um so mehr strahlen sie, und sie haben Grund, sich befriedigt ins Bett zu legen, denn
viele Tausende gehen täglich über ihre neue Brücke…
Aber ihre Statistik stimmt nicht. Es tut mir leid, aber sie stimmt nicht. Ich bin ein unzuver-
10 lässiger Mensch, obwohl ich es verstehe, den Eindruck von Biederkeit zu erwecken.
Insgeheim macht es mir Freude, manchmal einen zu unterschlagen, und dann wieder, wenn
ich Mitleid empfinde, ihnen ein paar zu schenken. Ihr Glück liegt in meiner Hand. Wenn ich
wütend bin, wenn ich nichts zu rauchen habe, gebe ich nur den Durchschnitt an, manchmal
unter dem Durchschnitt, und wenn mein Herz aufschlägt, wenn ich froh bin, lasse ich meine
15 Großzügigkeit in einer fünfstelligen Zahl verströmen. Sie sind ja so glücklich! Sie reißen mir
förmlich das Ergebnis jedesmal aus der Hand, und ihre Augen leuchten auf, und sie klopfen
mir auf die Schulter. Sie ahnen ja nichts! Und dann fangen sie an zu multiplizieren, zu divi-
dieren, zu prozentualisieren, ich weiß nicht, was. Sie rechnen aus, wieviel heute jede Minute
über die Brücke gehen und wieviel in zehn Jahren über die Brücke gegangen sein werden. Sie
20 lieben das zweite Futur, das zweite Futur ist ihre Spezialität – und doch, es tut mir leid, daß
alles nicht stimmt…
Wenn meine kleine Geliebte über die Brücke kommt – und sie kommt zweimal am Tage –,
dann bleibt mein Herz einfach stehen. Das unermüdliche Ticken meines Herzens setzt ein-
fach aus, bis sie in die Allee eingebogen und verschwunden ist. Und alle, die in dieser Zeit
25 passieren, verschweige ich ihnen. Diese zwei Minuten gehören mir, mir ganz allein, und ich
lasse sie mir nicht nehmen. Und auch wenn sie abends wieder zurückkommt aus ihrer Eis-
diele – ich weiß inzwischen, daß sie in einer Eisdiele arbeitet –, wenn sie auf der anderen
Seite des Gehsteiges meinen stummen Mund passiert, der zählen, zählen muß, dann setzt
mein Herz wieder aus, und ich fange erst wieder an zu zählen, wenn sie nicht mehr zu sehen
30 ist. Und alle, die das Glück haben, in diesen Minuten vor meinen blinden Augen zu defilieren 1,
gehen nicht in die Ewigkeit der Statistik ein: Schattenmänner und Schattenfrauen, nichtige
Wesen, die im zweiten Futur der Statistik nicht mitmarschieren werden…
Es ist klar, daß ich sie liebe. Aber sie weiß nichts davon, und ich möchte auch nicht, daß
sie es erfährt. Sie soll nicht ahnen, auf welche ungeheure Weise sie alle Berechnungen über
35 den Haufen wirft, und ahnungslos und unschuldig soll sie mit ihren langen braunen Haaren
und den zarten Füßen in ihre Eisdiele marschieren, und sie soll viel Trinkgeld bekommen.
Ich liebe sie. Es ist ganz klar, daß ich sie liebe.
Neulich haben sie mich kontrolliert. Der Kumpel, der auf der anderen Seite sitzt und die
Autos zählen muß, hat mich früh genug gewarnt, und ich habe höllisch aufgepaßt. Ich habe
40 gezählt wie verrückt, ein Kilometerzähler kann nicht besser zählen. Der Oberstatistiker selbst
hat sich drüben auf die andere Seite gestellt und hat später das Ergebnis einer Stunde mit mei-
nem Stundenergebnis verglichen. Ich hatte nur einen weniger als er. Meine kleine Geliebte
war vorbeigekommen, und niemals im Leben werde ich dieses hübsche Kind ins zweite Futur
transponieren lassen, diese meine kleine Geliebte soll nicht multipliziert und dividiert und
45 in ein prozentuales Nichts verwandelt werden. Mein Herz hat mir geblutet, daß ich zählen
mußte, ohne ihr nachsehen zu können, und dem Kumpel drüben, der die Autos zählen muß,
bin ich sehr dankbar gewesen. Es ging ja glatt um meine Existenz.
Der Oberstatistiker hat mir auf die Schulter geklopft und hat gesagt, daß ich gut bin, zuver-
lässig und treu. „Eins in der Stunde verzählt“, hat er gesagt, „macht nicht viel. Wir zählen
50 sowieso einen gewissen prozentualen Verschleiß hinzu. Ich werde beantragen, daß Sie zu
den Pferdewagen versetzt werden.“
Pferdewagen ist natürlich die Masche 2. Pferdewagen ist ein Lenz 3 wie nie zuvor. Pferde-
wagen gibt es höchstens fünfundzwanzig am Tage, und alle halbe Stunde einmal in seinem
Gehirn die nächste Nummer fallen zu lassen, das ist ein Lenz!
55 Pferdewagen wäre herrlich. Zwischen vier und acht dürfen überhaupt keine Pferdewagen
über die Brücke, und ich könnte spazierengehen oder in die Eisdiele, könnte sie mir lange an-
schauen oder sie vielleicht ein Stück nach Hause bringen, meine kleine, ungezählte Geliebte…
1 defilieren: vorbeiziehen
2 Masche: Kniff, Schachzug, Trick
3 Lenz: eigentlich Frühling, hier: Zeit zum Faulenzen
Anmerkungen zum Autor:
Heinrich Böll wurde 1917 in Köln geboren. Kurz nach Antritt des Studiums der Germanistik und klassischen Philologie wurde Böll 1939 in die Wehrmacht einberufen und war bis zum Ende des Krieges 1945 Soldat. Die Erfahrungen des Krieges und die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland bilden die zentralen Themen seines literarischen Werkes, für das er 1972 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Böll starb 1985 in Kreuzau-Langenbroich.
Weitere Anmerkungen:
Bei den „Pünktchen“, die sich im Text finden, handelt es sich nicht um Auslassungspunkte, sie gehören zum Originaltext.
Aufgabenstellung:
1. Analysieren Sie Heinrich Bölls Kurzgeschichte „An der Brücke“ und erschließen Sie dabei, wie der Ich-Erzähler als Figur gestaltet ist. (38 Punkte)
Aufgabe HT 4 - Teilaufgabe 2 · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre
Heinrich Böll
An der Brücke (1949)
Die haben mir meine Beine geflickt und haben mir einen Posten gegeben, wo ich sitzen kann:
ich zähle die Leute, die über die neue Brücke gehen. Es macht ihnen ja Spaß, sich ihre Tüchtig-
keit mit Zahlen zu belegen, sie berauschen sich an diesem sinnlosen Nichts aus ein paar Ziffern,
und den ganzen Tag, den ganzen Tag, geht mein stummer Mund wie ein Uhrwerk, indem ich
5 Nummer auf Nummer häufe, um ihnen abends den Triumph einer Zahl zu schenken.
Ihre Gesichter strahlen, wenn ich ihnen das Ergebnis meiner Schicht mitteile, je höher die
Zahl, um so mehr strahlen sie, und sie haben Grund, sich befriedigt ins Bett zu legen, denn
viele Tausende gehen täglich über ihre neue Brücke…
Aber ihre Statistik stimmt nicht. Es tut mir leid, aber sie stimmt nicht. Ich bin ein unzuver-
10 lässiger Mensch, obwohl ich es verstehe, den Eindruck von Biederkeit zu erwecken.
Insgeheim macht es mir Freude, manchmal einen zu unterschlagen, und dann wieder, wenn
ich Mitleid empfinde, ihnen ein paar zu schenken. Ihr Glück liegt in meiner Hand. Wenn ich
wütend bin, wenn ich nichts zu rauchen habe, gebe ich nur den Durchschnitt an, manchmal
unter dem Durchschnitt, und wenn mein Herz aufschlägt, wenn ich froh bin, lasse ich meine
15 Großzügigkeit in einer fünfstelligen Zahl verströmen. Sie sind ja so glücklich! Sie reißen mir
förmlich das Ergebnis jedesmal aus der Hand, und ihre Augen leuchten auf, und sie klopfen
mir auf die Schulter. Sie ahnen ja nichts! Und dann fangen sie an zu multiplizieren, zu divi-
dieren, zu prozentualisieren, ich weiß nicht, was. Sie rechnen aus, wieviel heute jede Minute
über die Brücke gehen und wieviel in zehn Jahren über die Brücke gegangen sein werden. Sie
20 lieben das zweite Futur, das zweite Futur ist ihre Spezialität – und doch, es tut mir leid, daß
alles nicht stimmt…
Wenn meine kleine Geliebte über die Brücke kommt – und sie kommt zweimal am Tage –,
dann bleibt mein Herz einfach stehen. Das unermüdliche Ticken meines Herzens setzt ein-
fach aus, bis sie in die Allee eingebogen und verschwunden ist. Und alle, die in dieser Zeit
25 passieren, verschweige ich ihnen. Diese zwei Minuten gehören mir, mir ganz allein, und ich
lasse sie mir nicht nehmen. Und auch wenn sie abends wieder zurückkommt aus ihrer Eis-
diele – ich weiß inzwischen, daß sie in einer Eisdiele arbeitet –, wenn sie auf der anderen
Seite des Gehsteiges meinen stummen Mund passiert, der zählen, zählen muß, dann setzt
mein Herz wieder aus, und ich fange erst wieder an zu zählen, wenn sie nicht mehr zu sehen
30 ist. Und alle, die das Glück haben, in diesen Minuten vor meinen blinden Augen zu defilieren 1,
gehen nicht in die Ewigkeit der Statistik ein: Schattenmänner und Schattenfrauen, nichtige
Wesen, die im zweiten Futur der Statistik nicht mitmarschieren werden…
Es ist klar, daß ich sie liebe. Aber sie weiß nichts davon, und ich möchte auch nicht, daß
sie es erfährt. Sie soll nicht ahnen, auf welche ungeheure Weise sie alle Berechnungen über
35 den Haufen wirft, und ahnungslos und unschuldig soll sie mit ihren langen braunen Haaren
und den zarten Füßen in ihre Eisdiele marschieren, und sie soll viel Trinkgeld bekommen.
Ich liebe sie. Es ist ganz klar, daß ich sie liebe.
Neulich haben sie mich kontrolliert. Der Kumpel, der auf der anderen Seite sitzt und die
Autos zählen muß, hat mich früh genug gewarnt, und ich habe höllisch aufgepaßt. Ich habe
40 gezählt wie verrückt, ein Kilometerzähler kann nicht besser zählen. Der Oberstatistiker selbst
hat sich drüben auf die andere Seite gestellt und hat später das Ergebnis einer Stunde mit mei-
nem Stundenergebnis verglichen. Ich hatte nur einen weniger als er. Meine kleine Geliebte
war vorbeigekommen, und niemals im Leben werde ich dieses hübsche Kind ins zweite Futur
transponieren lassen, diese meine kleine Geliebte soll nicht multipliziert und dividiert und
45 in ein prozentuales Nichts verwandelt werden. Mein Herz hat mir geblutet, daß ich zählen
mußte, ohne ihr nachsehen zu können, und dem Kumpel drüben, der die Autos zählen muß,
bin ich sehr dankbar gewesen. Es ging ja glatt um meine Existenz.
Der Oberstatistiker hat mir auf die Schulter geklopft und hat gesagt, daß ich gut bin, zuver-
lässig und treu. „Eins in der Stunde verzählt“, hat er gesagt, „macht nicht viel. Wir zählen
50 sowieso einen gewissen prozentualen Verschleiß hinzu. Ich werde beantragen, daß Sie zu
den Pferdewagen versetzt werden.“
Pferdewagen ist natürlich die Masche 2. Pferdewagen ist ein Lenz 3 wie nie zuvor. Pferde-
wagen gibt es höchstens fünfundzwanzig am Tage, und alle halbe Stunde einmal in seinem
Gehirn die nächste Nummer fallen zu lassen, das ist ein Lenz!
55 Pferdewagen wäre herrlich. Zwischen vier und acht dürfen überhaupt keine Pferdewagen
über die Brücke, und ich könnte spazierengehen oder in die Eisdiele, könnte sie mir lange an-
schauen oder sie vielleicht ein Stück nach Hause bringen, meine kleine, ungezählte Geliebte…
1 defilieren: vorbeiziehen
2 Masche: Kniff, Schachzug, Trick
3 Lenz: eigentlich Frühling, hier: Zeit zum Faulenzen
Anmerkungen zum Autor:
Heinrich Böll wurde 1917 in Köln geboren. Kurz nach Antritt des Studiums der Germanistik und klassischen Philologie wurde Böll 1939 in die Wehrmacht einberufen und war bis zum Ende des Krieges 1945 Soldat. Die Erfahrungen des Krieges und die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland bilden die zentralen Themen seines literarischen Werkes, für das er 1972 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Böll starb 1985 in Kreuzau-Langenbroich.
Weitere Anmerkungen:
Bei den „Pünktchen“, die sich im Text finden, handelt es sich nicht um Auslassungspunkte, sie gehören zum Originaltext.
Aufgabenstellung:
2. Stellen Sie dar, inwiefern die Beziehung zu Margot Neff die Entwicklung Veit Kolbes in Arno Geigers Roman „Unter der Drachenwand“ prägt. Vergleichen Sie auf dieser Grundlage, wie die beiden vom Krieg gezeichneten männlichen Figuren literarisch gestaltet sind. Beziehen Sie dabei auch den Aufbau der Erzählung in beiden Texten mit ein. (34 Punkte)
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Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen und dem IQB-Pool aller Jahre.
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- Interpretation lyrischer Texte · 45 Aufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
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