Abitur NRW Deutsch 2022 · LK · Nachtermin
Abiturprüfung Deutsch in Nordrhein-Westfalen 2022, LK · Nachtermin: 7 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Interpretation lyrischer Texte. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Interpretation lyrischer Texte · Interpretation epischer Texte · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Analyse pragmatischer Texte · Sprachreflexion und Sprachtheorien
Aufgabe 1 · Interpretation lyrischer Texte
Aufgabenstellung:
1.
Analysieren Sie Joseph von Eichendorffs Gedicht „Im Abendrot“ und legen Sie dabei einen besonderen Schwerpunkt auf die Bildsprache. (32 Punkte)
2.
Analysieren Sie Dagmar Nicks Gedicht „Früher“. Vergleichen Sie es danach mit dem Gedicht Eichendorffs und untersuchen Sie dabei, wie jeweils das Reisemotiv gestaltet ist und welche Bildsprache verwendet wird. (40 Punkte)
Materialgrundlage
Joseph von Eichendorff
Im Abendrot (1837)
Wir sind durch Not und Freude
Gegangen Hand in Hand,
Vom Wandern ruhn wir beide
Nun überm stillen Land.
5 Rings sich die Täler neigen,
Es dunkelt schon die Luft,
Zwei Lerchen nur noch steigen
Nachträumend in den Duft.
Tritt her, und laß sie schwirren,
10 Bald ist es Schlafenszeit,
Daß wir uns nicht verirren
In dieser Einsamkeit.
O weiter, stiller Friede!
So tief im Abendrot
15 Wie sind wir wandermüde –
Ist das etwa der Tod?
Anmerkungen zum Autor: Joseph von Eichendorff (*1788, †1857) war ein bedeutender Lyriker und Schriftsteller der deutschen Romantik. Er zählt mit etwa fünftausend Vertonungen zu den meistvertonten deutschsprachigen Lyrikern und ist auch als Prosadichter bis heute gegenwärtig.
Dagmar Nick
Früher (1996)
Früher liebten wir uns
über dem Abgrund, wo anderntags
der Orientexpreß von der Brücke
sprengte; die Wüsten Arabiens
5 durchrasten wir ohne Kompaß und
kamen doch auf den erkorenen
Gipfel, betraten die Arche,
die keine Planken mehr hatte,
und kreuzten damit übers Meer;
10 bei der Ankunft im Hafen
der Albatrosse¹ steckte der Frühling
uns an und wir phosphoreszierten²
mit den Hinterleibern der Leuchtkäfer
um die Wette; eine einzige
15 steingemeißelte Quetzalfeder³
genügte uns, abzuheben
von dieser Welt. Früher
liebten wir uns.
¹ Albatrosse: Vogelart, Seevögel
² phosphoreszieren: nach Bestrahlung, nach Einfall von Lichtstrahlen, im Dunkeln von selbst leuchten
³ Quetzalfeder: Feder eines amerikanischen Vogels, die auch als Kopfschmuck dient
Anmerkungen zur Autorin: Dagmar Nick (*1926) ist eine deutsche Dichterin und Schriftstellerin.
1.
2.
Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1: Interpretation epische… · Interpretation epischer Texte
Heinrich Böll
Mein teures Bein (1948)
Die haben mir jetzt eine Chance gegeben. Sie haben mir eine Karte geschrieben, ich soll zum
Amt kommen, und ich bin zum Amt gegangen. Auf dem Amt waren sie sehr nett. Sie nahmen
meine Karteikarte und sagten: „Hm.“ Ich sagte auch: „Hm.“
„Welches Bein?“ fragte der Beamte.
5 „Rechts.“
„Ganz?“
„Ganz.“
„Hm“, machte er wieder. Dann durchsuchte er verschiedene Zettel. Ich durfte mich setzen.
Endlich fand der Mann einen Zettel, der ihm der richtige zu sein schien. Er sagte: „Ich denke,
10 hier ist etwas für Sie. Eine nette Sache. Sie können dabei sitzen. Schuhputzer in einer Bedürf-
nisanstalt auf dem Platz der Republik. Wie wäre das?“
„Ich kann nicht Schuhe putzen; ich bin immer schon aufgefallen wegen schlechten Schuh-
putzens.“
„Das können Sie lernen“, sagte er. „Man kann alles lernen. Ein Deutscher kann alles. Sie kön-
15 nen, wenn Sie wollen, einen kostenlosen Kursus mitmachen.“
„Hm“, machte ich.
„Also gut?“
„Nein“, sagte ich, „ich will nicht. Ich will eine höhere Rente haben.“
„Sie sind verrückt“, erwiderte er sehr freundlich und milde.
20 „Ich bin nicht verrückt, kein Mensch kann mir mein Bein ersetzen, ich darf nicht einmal mehr
Zigaretten verkaufen, sie machen jetzt schon Schwierigkeiten.“
Der Mann lehnte sich weit in seinen Stuhl zurück und schöpfte eine Menge Atem. „Mein
lieber Freund“, legte er los, „Ihr Bein ist ein verflucht teures Bein. Ich sehe, daß Sie neunund-
zwanzig Jahre sind, von Herzen gesund, überhaupt vollkommen gesund, bis auf das Bein.
25 Sie werden siebzig Jahre alt. Rechnen Sie sich bitte aus, monatlich siebzig Mark, zwölfmal im
Jahr, also einundvierzig mal zwölf mal siebzig. Rechnen Sie das bitte aus, ohne die Zinsen,
und denken Sie doch nicht, daß Ihr Bein das einzige Bein ist. Sie sind auch nicht der einzige,
der wahrscheinlich lange leben wird. Und dann Rente erhöhen! Entschuldigen Sie, aber Sie
sind verrückt.“
30 „Mein Herr“ sagte ich, lehnte mich nun gleichfalls zurück und schöpfte eine Menge Atem,
„ich denke, daß Sie mein Bein stark unterschätzen. Mein Bein ist viel teurer, es ist ein sehr
teures Bein. Ich bin nämlich nicht nur von Herzen, sondern leider auch im Kopf vollkommen
gesund. Passen Sie mal auf.“
„Meine Zeit ist sehr kurz.“
35 „Passen Sie auf!“ sagte ich. „Mein Bein hat nämlich einer Menge von Leuten das Leben
gerettet, die heute eine nette Rente beziehen.
Die Sache war damals so: Ich lag ganz allein irgendwo vorne und sollte aufpassen, wann sie
kämen, damit die anderen zur richtigen Zeit stiftengehen konnten. Die Stäbe hinten waren
am Packen und wollten nicht zu früh, aber auch nicht zu spät stiftengehen. Erst waren wir
40 zwei, aber den haben sie totgeschossen, der kostet nichts mehr. Er war zwar verheiratet, aber
seine Frau ist gesund und kann arbeiten, Sie brauchen keine Angst zu haben. Der war also
furchtbar billig. Er war erst vier Wochen Soldat und hat nichts gekostet als eine Postkarte und
ein bißchen Kommißbrot. Das war einmal ein braver Soldat, der hat sich wenigstens richtig
totschießen lassen. Nun lag ich aber da allein und hatte Angst, und es war kalt, und ich wollte
45 auch stiftengehen, ja, ich wollte gerade stiftengehen, da...“
„Meine Zeit ist sehr kurz“, sagte der Mann und fing an, nach seinem Bleistift zu suchen.
„Nein, hören Sie zu“, sagte ich, „jetzt wird es erst interessant. Gerade als ich stiftengehen
wollte, kam die Sache mit dem Bein. Und weil ich ja doch liegenbleiben mußte, dachte ich,
jetzt kannst du’s auch durchgeben, und ich hab’s durchgegeben, und sie hauten alle ab, schön
50 der Reihe nach, erst die Division, dann das Regiment, dann das Bataillon, und so weiter,
immer hübsch der Reihe nach. Eine dumme Geschichte, sie vergaßen nämlich, mich mitzu-
nehmen, verstehen Sie! Sie hatten’s so eilig. Wirklich eine dumme Geschichte, denn hätte ich
das Bein nicht verloren, wären sie alle tot, der General, der Oberst, der Major, immer schön
der Reihe nach, und Sie brauchten ihnen keine Rente zu zahlen. Nun rechnen Sie mal aus, was
55 mein Bein kostet. Der General ist zweiundfünfzig, der Oberst achtundvierzig und der Major
fünfzig, alle kerngesund, von Herzen und im Kopf, und sie werden bei ihrer militärischen
Lebensweise mindestens achtzig, wie Hindenburg. Bitte rechnen Sie jetzt aus: einhundert
sechzig mal zwölf mal dreißig, sagen wir ruhig durchschnittlich dreißig, nicht wahr? Mein
Bein ist ein wahnsinnig teures Bein geworden, eines der teuersten Beine, die ich mir denken
60 kann, verstehen Sie?“
„Sie sind doch verrückt“, sagte der Mann.
„Nein“, erwiderte ich, „ich bin nicht verrückt. Leider bin ich von Herzen ebenso gesund wie
im Kopf, und es ist schade, daß ich nicht auch zwei Minuten, bevor das mit dem Bein kam,
totgeschossen wurde. Wir hätten viel Geld gespart.“
65 „Nehmen Sie die Stelle an?“ fragte der Mann.
„Nein“, sagte ich und ging.
Anmerkungen zum Autor:
Heinrich Böll wurde 1917 in Köln geboren. Kurz nach Antritt des Studiums der Germanistik und klassischen Philologie wurde Böll 1939 in die Wehrmacht einberufen und war bis zum Ende des Krieges 1945 Soldat. Die Erfahrungen des Krieges und die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland bilden die zentralen Themen seines literarischen Werkes, für das er 1972 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Böll starb 1985 in Kreuzau-Langenbroich.
Worterklärung:
Stiftengehen: umgangssprachlich für fliehen, sich aus dem Staub machen
Arno Geiger
Unter der Drachenwand (Textauszug)
[…] Die Wunde am Oberschenkel heilte ebenfalls nur langsam, sie produzierte viel Eiter,
jeden Morgen war der Verband grüngelb und stinkend. Das Knie konnte ich nicht richtig
abbiegen, sie sagten, das werde sich rasch geben, wenn die Wunde zugeheilt sei. Aber zuerst
musste die Wunde einige Male ausgeschnitten werden, denn in dem vom Splitter gerissenen
5 Spalt wucherte wildes Fleisch, eine Erhöhung über dem Schenkel bildend, ohne dass dort Haut
wuchs. Würde man die Wunde einfach lassen, erklärte der Arzt, würde sich eine Kruste bil-
den, die aussähe wie eine große dunkle Warze. Deshalb musste das wilde Fleisch entfernt
werden, damit das, was zu viel war, abstarb und sich eine Haut bilden konnte. / Der Arzt
schaute es sich alle paar Tage an und schnitt die Wunde aus, dann suppte und triefte wieder
10 alles.
Am wenigsten Sorgen machte mir die Wunde unterhalb des Schlüsselbeins. Im ersten
Moment hatte ich gedacht, dass sie mich umbringt, nun war sie als erstes verheilt.
So ist auch alles Glück auf die Umstände bezogen. Mein Beifahrer war von der Granate,
die mich verletzt hatte, getötet worden. Ich bedauerte seinen Tod, empfand, wenn ich daran
15 dachte, aber auch Erleichterung. Das Unglück der anderen macht das eigene Davonkommen
besonders gut sichtbar.
An einem Sonntag bekamen alle Verwundeten im Lazarett vier Zigaretten: eine vom F., eine
von Keitel undsoweiter. Ich verschenkte sie, denn ich legte keinen Wert auf Zigaretten vom
F. und von Keitel. Auch erhielt ich das Verwundetenabzeichen als Anerkennung für das Pech,
20 das ich gehabt hatte. Vier Jahre Krieg, Mühsal und Plage, ich hatte meinen LKW, einen
Citroën, von Wien bis an die Wolga und von der Wolga zurück an den Dnjepr gebracht. Unge-
zählte Federnbrüche, mehrere Achsenbrüche, abgerissene Kardanwelle, abgerissener Lenk-
schenkel, mehrmals defekte Lichtmaschine, eingefrorene Bremstrommel, Benzinleitung, Ben-
zinpumpe, Ölfilter, Starter, im Winter stundenlang unter dem Wagen, ständig raue Hände von
25 der bestialischen Kälte und vom Benzin. Wenn ich irgendwo anstieß, riss die Haut in Fetzen
herunter. Das Durchhaltevermögen des Citroën war in Wahrheit mein eigenes Durchhalte-
vermögen gewesen, und nie hatte ich die geringste Anerkennung bekommen. Und jetzt ein
Orden dafür, dass ich mich im falschen Moment am falschen Ort aufgehalten hatte, ein Orden
für drei Sekunden Pech und dafür, dass ich nicht abgekratzt war. Ich empfing den Orden mit
30 größtmöglicher Ruhe und nahm ihn ab, sowie ich wieder allein war.
Ein Bäckerjunge aus der Stadt, beauftragt, uns täglich frisches Brot zu bringen, sagte, das
Lazarett sei früher ein Pflegeheim gewesen. Und in seiner völlig entspannten Ortsansässig-
keit, wenn auch das Wesentliche nur andeutend: das Pflegeheim sei vor einigen Jahren geleert
worden, Nebeneffekt, dass Platz für ein Lazarett entstanden war, kriegsdienliche Betten. Und
35 die sanften Schläfer vor uns schliefen vermutlich im Himmel. Der Bäckerjunge sagte, er habe
von einem anderen Bäckerjungen gehört, der eine andere Heilanstalt beliefert habe, dort habe
man omnibusweise Patienten hingeschafft, aber der Brotbedarf sei jeden Tag derselbe geblie-
ben.
Es geht nichts über Lazarettaufenthalte, man trifft dort Menschen aller Waffengattungen,
40 auch rückwärtiges Personal. Der Hauptmann neben mir erzählte Dinge aus seinem Warschauer
Aufenthalt, Verhältnisse, die einem früher nicht glaubhaft vorgekommen wären, Exekutionen
von Zivilisten auf offener Straße.
Aufgabenstellung 1
1. Analysieren Sie Heinrich Bölls Kurzgeschichte „Mein teures Bein“ (1948). [36 Punkte]
Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2: Literarische Erörterun… · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre
Heinrich Böll
Mein teures Bein (1948)
Die haben mir jetzt eine Chance gegeben. Sie haben mir eine Karte geschrieben, ich soll zum
Amt kommen, und ich bin zum Amt gegangen. Auf dem Amt waren sie sehr nett. Sie nahmen
meine Karteikarte und sagten: „Hm.“ Ich sagte auch: „Hm.“
„Welches Bein?“ fragte der Beamte.
5 „Rechts.“
„Ganz?“
„Ganz.“
„Hm“, machte er wieder. Dann durchsuchte er verschiedene Zettel. Ich durfte mich setzen.
Endlich fand der Mann einen Zettel, der ihm der richtige zu sein schien. Er sagte: „Ich denke,
10 hier ist etwas für Sie. Eine nette Sache. Sie können dabei sitzen. Schuhputzer in einer Bedürf-
nisanstalt auf dem Platz der Republik. Wie wäre das?“
„Ich kann nicht Schuhe putzen; ich bin immer schon aufgefallen wegen schlechten Schuh-
putzens.“
„Das können Sie lernen“, sagte er. „Man kann alles lernen. Ein Deutscher kann alles. Sie kön-
15 nen, wenn Sie wollen, einen kostenlosen Kursus mitmachen.“
„Hm“, machte ich.
„Also gut?“
„Nein“, sagte ich, „ich will nicht. Ich will eine höhere Rente haben.“
„Sie sind verrückt“, erwiderte er sehr freundlich und milde.
20 „Ich bin nicht verrückt, kein Mensch kann mir mein Bein ersetzen, ich darf nicht einmal mehr
Zigaretten verkaufen, sie machen jetzt schon Schwierigkeiten.“
Der Mann lehnte sich weit in seinen Stuhl zurück und schöpfte eine Menge Atem. „Mein
lieber Freund“, legte er los, „Ihr Bein ist ein verflucht teures Bein. Ich sehe, daß Sie neunund-
zwanzig Jahre sind, von Herzen gesund, überhaupt vollkommen gesund, bis auf das Bein.
25 Sie werden siebzig Jahre alt. Rechnen Sie sich bitte aus, monatlich siebzig Mark, zwölfmal im
Jahr, also einundvierzig mal zwölf mal siebzig. Rechnen Sie das bitte aus, ohne die Zinsen,
und denken Sie doch nicht, daß Ihr Bein das einzige Bein ist. Sie sind auch nicht der einzige,
der wahrscheinlich lange leben wird. Und dann Rente erhöhen! Entschuldigen Sie, aber Sie
sind verrückt.“
30 „Mein Herr“ sagte ich, lehnte mich nun gleichfalls zurück und schöpfte eine Menge Atem,
„ich denke, daß Sie mein Bein stark unterschätzen. Mein Bein ist viel teurer, es ist ein sehr
teures Bein. Ich bin nämlich nicht nur von Herzen, sondern leider auch im Kopf vollkommen
gesund. Passen Sie mal auf.“
„Meine Zeit ist sehr kurz.“
35 „Passen Sie auf!“ sagte ich. „Mein Bein hat nämlich einer Menge von Leuten das Leben
gerettet, die heute eine nette Rente beziehen.
Die Sache war damals so: Ich lag ganz allein irgendwo vorne und sollte aufpassen, wann sie
kämen, damit die anderen zur richtigen Zeit stiftengehen konnten. Die Stäbe hinten waren
am Packen und wollten nicht zu früh, aber auch nicht zu spät stiftengehen. Erst waren wir
40 zwei, aber den haben sie totgeschossen, der kostet nichts mehr. Er war zwar verheiratet, aber
seine Frau ist gesund und kann arbeiten, Sie brauchen keine Angst zu haben. Der war also
furchtbar billig. Er war erst vier Wochen Soldat und hat nichts gekostet als eine Postkarte und
ein bißchen Kommißbrot. Das war einmal ein braver Soldat, der hat sich wenigstens richtig
totschießen lassen. Nun lag ich aber da allein und hatte Angst, und es war kalt, und ich wollte
45 auch stiftengehen, ja, ich wollte gerade stiftengehen, da...“
„Meine Zeit ist sehr kurz“, sagte der Mann und fing an, nach seinem Bleistift zu suchen.
„Nein, hören Sie zu“, sagte ich, „jetzt wird es erst interessant. Gerade als ich stiftengehen
wollte, kam die Sache mit dem Bein. Und weil ich ja doch liegenbleiben mußte, dachte ich,
jetzt kannst du’s auch durchgeben, und ich hab’s durchgegeben, und sie hauten alle ab, schön
50 der Reihe nach, erst die Division, dann das Regiment, dann das Bataillon, und so weiter,
immer hübsch der Reihe nach. Eine dumme Geschichte, sie vergaßen nämlich, mich mitzu-
nehmen, verstehen Sie! Sie hatten’s so eilig. Wirklich eine dumme Geschichte, denn hätte ich
das Bein nicht verloren, wären sie alle tot, der General, der Oberst, der Major, immer schön
der Reihe nach, und Sie brauchten ihnen keine Rente zu zahlen. Nun rechnen Sie mal aus, was
55 mein Bein kostet. Der General ist zweiundfünfzig, der Oberst achtundvierzig und der Major
fünfzig, alle kerngesund, von Herzen und im Kopf, und sie werden bei ihrer militärischen
Lebensweise mindestens achtzig, wie Hindenburg. Bitte rechnen Sie jetzt aus: einhundert
sechzig mal zwölf mal dreißig, sagen wir ruhig durchschnittlich dreißig, nicht wahr? Mein
Bein ist ein wahnsinnig teures Bein geworden, eines der teuersten Beine, die ich mir denken
60 kann, verstehen Sie?“
„Sie sind doch verrückt“, sagte der Mann.
„Nein“, erwiderte ich, „ich bin nicht verrückt. Leider bin ich von Herzen ebenso gesund wie
im Kopf, und es ist schade, daß ich nicht auch zwei Minuten, bevor das mit dem Bein kam,
totgeschossen wurde. Wir hätten viel Geld gespart.“
65 „Nehmen Sie die Stelle an?“ fragte der Mann.
„Nein“, sagte ich und ging.
Anmerkungen zum Autor:
Heinrich Böll wurde 1917 in Köln geboren. Kurz nach Antritt des Studiums der Germanistik und klassischen Philologie wurde Böll 1939 in die Wehrmacht einberufen und war bis zum Ende des Krieges 1945 Soldat. Die Erfahrungen des Krieges und die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland bilden die zentralen Themen seines literarischen Werkes, für das er 1972 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Böll starb 1985 in Kreuzau-Langenbroich.
Worterklärung:
Stiftengehen: umgangssprachlich für fliehen, sich aus dem Staub machen
Arno Geiger
Unter der Drachenwand (Textauszug)
[…] Die Wunde am Oberschenkel heilte ebenfalls nur langsam, sie produzierte viel Eiter,
jeden Morgen war der Verband grüngelb und stinkend. Das Knie konnte ich nicht richtig
abbiegen, sie sagten, das werde sich rasch geben, wenn die Wunde zugeheilt sei. Aber zuerst
musste die Wunde einige Male ausgeschnitten werden, denn in dem vom Splitter gerissenen
5 Spalt wucherte wildes Fleisch, eine Erhöhung über dem Schenkel bildend, ohne dass dort Haut
wuchs. Würde man die Wunde einfach lassen, erklärte der Arzt, würde sich eine Kruste bil-
den, die aussähe wie eine große dunkle Warze. Deshalb musste das wilde Fleisch entfernt
werden, damit das, was zu viel war, abstarb und sich eine Haut bilden konnte. / Der Arzt
schaute es sich alle paar Tage an und schnitt die Wunde aus, dann suppte und triefte wieder
10 alles.
Am wenigsten Sorgen machte mir die Wunde unterhalb des Schlüsselbeins. Im ersten
Moment hatte ich gedacht, dass sie mich umbringt, nun war sie als erstes verheilt.
So ist auch alles Glück auf die Umstände bezogen. Mein Beifahrer war von der Granate,
die mich verletzt hatte, getötet worden. Ich bedauerte seinen Tod, empfand, wenn ich daran
15 dachte, aber auch Erleichterung. Das Unglück der anderen macht das eigene Davonkommen
besonders gut sichtbar.
An einem Sonntag bekamen alle Verwundeten im Lazarett vier Zigaretten: eine vom F., eine
von Keitel undsoweiter. Ich verschenkte sie, denn ich legte keinen Wert auf Zigaretten vom
F. und von Keitel. Auch erhielt ich das Verwundetenabzeichen als Anerkennung für das Pech,
20 das ich gehabt hatte. Vier Jahre Krieg, Mühsal und Plage, ich hatte meinen LKW, einen
Citroën, von Wien bis an die Wolga und von der Wolga zurück an den Dnjepr gebracht. Unge-
zählte Federnbrüche, mehrere Achsenbrüche, abgerissene Kardanwelle, abgerissener Lenk-
schenkel, mehrmals defekte Lichtmaschine, eingefrorene Bremstrommel, Benzinleitung, Ben-
zinpumpe, Ölfilter, Starter, im Winter stundenlang unter dem Wagen, ständig raue Hände von
25 der bestialischen Kälte und vom Benzin. Wenn ich irgendwo anstieß, riss die Haut in Fetzen
herunter. Das Durchhaltevermögen des Citroën war in Wahrheit mein eigenes Durchhalte-
vermögen gewesen, und nie hatte ich die geringste Anerkennung bekommen. Und jetzt ein
Orden dafür, dass ich mich im falschen Moment am falschen Ort aufgehalten hatte, ein Orden
für drei Sekunden Pech und dafür, dass ich nicht abgekratzt war. Ich empfing den Orden mit
30 größtmöglicher Ruhe und nahm ihn ab, sowie ich wieder allein war.
Ein Bäckerjunge aus der Stadt, beauftragt, uns täglich frisches Brot zu bringen, sagte, das
Lazarett sei früher ein Pflegeheim gewesen. Und in seiner völlig entspannten Ortsansässig-
keit, wenn auch das Wesentliche nur andeutend: das Pflegeheim sei vor einigen Jahren geleert
worden, Nebeneffekt, dass Platz für ein Lazarett entstanden war, kriegsdienliche Betten. Und
35 die sanften Schläfer vor uns schliefen vermutlich im Himmel. Der Bäckerjunge sagte, er habe
von einem anderen Bäckerjungen gehört, der eine andere Heilanstalt beliefert habe, dort habe
man omnibusweise Patienten hingeschafft, aber der Brotbedarf sei jeden Tag derselbe geblie-
ben.
Es geht nichts über Lazarettaufenthalte, man trifft dort Menschen aller Waffengattungen,
40 auch rückwärtiges Personal. Der Hauptmann neben mir erzählte Dinge aus seinem Warschauer
Aufenthalt, Verhältnisse, die einem früher nicht glaubhaft vorgekommen wären, Exekutionen
von Zivilisten auf offener Straße.
Aufgabenstellung 2
2. Ordnen Sie den abgedruckten Auszug aus Arno Geigers Roman „Unter der Drachenwand“ kurz in Inhalt und Thematik des gesamten Romans ein. Vergleichen Sie anschließend die Kurzgeschichte mit dem Romanauszug darauf hin, wie das Motiv der Kriegsverletzung literarisch gestaltet ist und welches Bild vom Krieg jeweils entsteht. [36 Punkte]
Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1: Analyse pragmatischer… · Analyse pragmatischer Texte
Stefanie Schramm & Claudia Wüstenhagen
Das Alphabet des Denkens
Wie Sprache unsere Gedanken und Gefühle prägt (Textauszug)
Die Macht der Bilder
Wie Metaphern einen Kosmos von Assoziationen wecken
[...]
Das Verbrechen ist eine Bestie, die die Stadt Addison heimsucht. Vor fünf Jahren war Addison
in gutem Zustand, ohne offensichtliche Schwachstellen. In den vergangenen fünf Jahren jedoch
sind die Abwehrsysteme der Stadt schwächer geworden, und die Stadt ist dem Verbrechen
erlegen. Heute gibt es mehr als 55 000 kriminelle Zwischenfälle im Jahr – ihre Zahl hat um
5 mehr als 10 000 zugenommen. Es besteht die Befürchtung, dass noch ernstere Probleme ent-
stehen, wenn die Stadt ihre Stärke nicht bald zurückgewinnt.
Was braucht Addison Ihrer Meinung nach, um die Kriminalität zu reduzieren? Denken Sie
ruhig zwei, drei Minuten darüber nach.
Welche Maßnahmen sind Ihnen eingefallen? Und welcher Teil des Berichts hat sie dabei am
10 meisten beeinflusst?
Genau diese Aufgabe haben die Psychologen Paul Thibodeau und Lera Boroditsky ihren
Testpersonen gestellt. 1 Die Probanden antworteten in 71 Prozent der Fälle, man müsse die
Verbrecher jagen, hinter Gitter bringen sowie härtere Strafen durchsetzen.
Ob diese Strategie zum Erfolg führte, konnte nicht überprüft werden – die Stadt Addison
15 existiert nicht. Thibodeau und Boroditsky haben sie erfunden, und sie wollten auch gar nicht
den Einfluss verschiedener Maßnahmen zur Verbrechensbekämpfung testen – sondern den
von Worten, genauer gesagt: von Metaphern.
Metapher, das Wort kommt vom Griechischen „metaphora“ und bedeutet „Übertragung“.
Metaphern übertragen eine konkrete Erfahrung auf ein abstraktes Konzept. So wie das Wort
20 „Bestie“ in dem Bericht: Konkret bezeichnet es ein wildes Tier, abstrakt steht es für das Ver-
brechen.
In einem zweiten Versuch tauschten Thibodeau und Boroditsky diese Metapher gegen eine
andere aus: „Virus“. Der Rest des Textes blieb exakt gleich. Dann legten sie die Aufgabe
neuen Probanden vor. Das Ergebnis: Nur in 54 Prozent ihrer Antworten empfahlen die Teil-
25 nehmer eine strengere Verfolgung der Verbrechen und härtere Strafen. 46 Prozent ihrer Vor-
schläge zielten dagegen auf eine ganz andere Strategie: die Gründe für die Kriminalität zu
untersuchen, die Armut zu bekämpfen und die Bildung zu verbessern. In der Gruppe, der die
Kriminalität als „Bestie“ vorgestellt worden war, waren es dagegen nur 29 Prozent.
Ein einziges Wort hatte den Ausschlag gegeben! Wenige Buchstaben hatten maßgeblich
30 beeinflusst, welche Lösungen die Testpersonen für ein wichtiges gesellschaftliches Problem
vorschlugen: soziale Reformen oder unnachgiebige Strafverfolgung. [...]
Das Interessante dabei: Die Versuchsteilnehmer waren sich der Wirkung der Metapher
überhaupt nicht bewusst. Nur wenige vermuteten, das Wort „Bestie“ oder „Virus“ könnte
ihre Entscheidung gelenkt haben. Fast alle gaben als Einflussfaktor die im Text erwähnte
35 Kriminalstatistik an – doch die war in beiden Versionen vollkommen identisch. [...]
„Stoppt diese Metaphern!“
Auch wenn die Forscher noch lange nicht alle Fragen zur Entstehung und Funktion von Meta-
phern klären konnten, lassen ihre bisherigen Befunde schon einige Schlüsse zu: Erstens haben
Metaphern eine physiologische Basis im Gehirn, die zumindest für einige Ausdrücke auch der
Ursprung gewesen sein könnte. Zweitens werden bei der Verarbeitung von Metaphern auch
40 Hirnregionen für die wörtliche Bedeutung aktiviert, vor allem bei neuen und ungewöhnlichen
Ausdrücken. Und drittens sind Metaphern mit einem gut trainierten Netzwerk von Assozia-
tionen verbunden, das mit wenigen Worten aktiviert werden kann.
Genau das ist es, was Metaphern ihre Macht gibt. So lässt sich auch die erstaunliche Wir-
kung der Metaphern im Experiment von Lera Boroditsky erklären [...]. Darin ging es ja ober-
45 flächlich betrachtet nur um wenige Buchstaben: „Virus“ oder „Bestie“. Doch diese kurzen
Wörter beeinflussten massiv, welche Maßnahmen die Testpersonen für die Verbrechensbe-
kämpfung in der fiktiven Stadt Addison vorschlugen. „Die Metaphern rufen in Erinnerung,
wie sich wilde Tiere und Viren verhalten“, erklärt Boroditsky. „Sie aktivieren damit ein gan-
zes Netz von Assoziationen, welches dann das weitere Denken prägt.“ Denn die Metaphern
50 beeinflussen und strukturieren, welche Informationen wir bei einer Entscheidung einbeziehen.
Alle anderen Informationen werden dem Konzept, das die Metapher wachruft, untergeordnet.
Natürlich fallen dabei auch Informationen unter den Tisch, weil sie nicht ins Konzept passen.
Über die denkt man dann nicht weiter nach. Das birgt die Gefahr, dass wir wichtige Fakten
übersehen und andere überbewerten. „Metaphers hide and highlight“, sagt George Lakoff.
55 „Metaphern verbergen und heben hervor.“
Auf der einen Seite helfen uns Metaphern also beim Denken. Sie fassen große Mengen von
Informationen in kompakter Form zusammen, sortieren sie und bringen sie in einen Zusam-
menhang. All das läuft automatisch ab und deshalb sehr schnell. So machen sie abstrakte und
komplexe Zusammenhänge fassbar und begreifbar. Gerade die großen Themen unserer Zeit,
60 die uns oft so verflochten und undurchdringlich erscheinen, können sie auf einfache und ver-
ständliche Formeln bringen: von den Ursachen des Klimawandels („Treibhauseffekt“) bis zu
den Maßnahmen zur Eindämmung der Eurokrise („Rettungsschirm“). Und neue Metaphern
können uns dazu inspirieren, über alte Probleme anders nachzudenken und neue Lösungen zu
finden.
65 Doch diese Vereinfachung hat auch einen großen Nachteil: Sie kann uns auf falsche Fährten
locken, zum Beispiel wenn die Metapher den jeweiligen Sachverhalt nicht trifft. Und da Meta-
phern naturgemäß immer nur einige wenige Aspekte beleuchten können und andere ausblen-
den müssen, vereinfachen sie mitunter ein Problem zu sehr. Wir unterschätzen es dann, zie-
hen falsche Schlüssel oder treffen schlechte Entscheidungen. [...]
70 Doch Metaphern können auch die Politiker selbst in die Irre führen. Exakt davor warnte der
Nobelpreisträger Paul Krugman: „Schlechte Metaphern führen zu schlechter Politik.“ Der
Wirtschaftswissenschaftler kritisierte damit die Debatte über ein Gesetz zur Steuersenkung
in den USA. „Uns wird gesagt, diese Abmachung werde die Wirtschaft ankurbeln, gebe ihr
Zeit, um sich zu erholen“, schrieb er in der New York Times. „Aber unsere Probleme sind
75 langfristiger, als diese beiden Metaphern implizieren.“ Die Vorstellung, der Wirtschaftsmotor
könne jeden Moment wieder anspringen oder der Patient sich vom Krankenbett erheben, ver-
leite Politiker zu „schlampigen, kurzfristigen Maßnahmen“. Krugman appellierte: „Ich sage:
Stoppt diese Metaphern!“ 2
Doch richtig gefährlich werden Metaphern erst durch eine weitere Eigenschaft, die ebenfalls
80 in Lera Boroditskys Experiment deutlich wurde: Sie wirken unbewusst. Das konnte die Psy-
chologin in einem zweiten, etwas abgewandelten Versuch bestätigen: Nach dem eigentlichen
Experiment prüfte sie, ob sich die Testpersonen an die Metapher erinnerten, indem sie ihnen
einen Satz vorlegte, den sie vervollständigen sollten. „Das Verbrechen ist ein _____, das die
Stadt Addison heimsucht“. Nur knapp die Hälfte konnte sich daran erinnern, das Wort „Bestie“
85 oder „Virus“ gelesen zu haben. Was aber entscheidend war: Egal, ob sich die Probanden er-
innerten oder nicht – ihre Entscheidung wurde von der Metapher beeinflusst, und zwar in bei-
den Fällen gleich stark. 3
Das, was Metaphern zu sehr praktischen Denkwerkzeugen und womöglich gar zu Entwick-
lungshelfern der menschlichen Intelligenz gemacht hat, macht sie also auch gefährlich: Sie
90 wirken schnell und unbewusst; wir bemerken oft nicht, wie groß ihre Macht ist – oder dass
sie uns überhaupt beeinflussen.
1 Paul H. Thibodeau, Lera Boroditsky (2011): Metaphors We Think With: The Role of Metaphor in Reasoning. Plos One, Bd. 6, Nr. 2
2 Paul Krugman (2010): Block Those Metaphors. The New York Times, 12. Dezember 2010
3 Paul H. Thibodeau, Lera Boroditsky (2013): Natural Language Metaphors Covertly Influence Reasoning. Plos One, Bd. 8, Nr. 1
Anmerkungen zu den Autorinnen:
Claudia Wüstenhagen arbeitet als Redakteurin beim Magazin ZEIT WISSEN.
Stefanie Schramm ist freie Wissenschaftsjournalistin und arbeitet u. a. für DIE ZEIT, ZEIT WISSEN, mare, FAZ, NZZ am Sonntag und den Deutschlandfunk.
Anmerkungen zu den im Text erwähnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern:
Paul H. Thibodeau ist Psychologe und Professor am Oberlin College in Ohio, USA.
Lera Boroditsky ist Kognitionswissenschaftlerin und Professorin an der University of California San Diego, USA.
George P. Lakoff ist ein US-amerikanischer Linguist. Er war bis 2016 Professor für Linguistik an der University of California, Berkeley.
Paul R. Krugman ist ein US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler, der an der City University of New York lehrt. 2008 bekam Krugman den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen.
Aufgabenstellung
1.
Analysieren Sie den abgedruckten Textauszug aus der Studie „Das Alphabet des Denkens“ von Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen. (41 Punkte)
Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2: Sprachreflexion und Sp… · Sprachreflexion und Sprachtheorien
Stefanie Schramm & Claudia Wüstenhagen
Das Alphabet des Denkens
Wie Sprache unsere Gedanken und Gefühle prägt (Textauszug)
Die Macht der Bilder
Wie Metaphern einen Kosmos von Assoziationen wecken
[...]
Das Verbrechen ist eine Bestie, die die Stadt Addison heimsucht. Vor fünf Jahren war Addison
in gutem Zustand, ohne offensichtliche Schwachstellen. In den vergangenen fünf Jahren jedoch
sind die Abwehrsysteme der Stadt schwächer geworden, und die Stadt ist dem Verbrechen
erlegen. Heute gibt es mehr als 55 000 kriminelle Zwischenfälle im Jahr – ihre Zahl hat um
5 mehr als 10 000 zugenommen. Es besteht die Befürchtung, dass noch ernstere Probleme ent-
stehen, wenn die Stadt ihre Stärke nicht bald zurückgewinnt.
Was braucht Addison Ihrer Meinung nach, um die Kriminalität zu reduzieren? Denken Sie
ruhig zwei, drei Minuten darüber nach.
Welche Maßnahmen sind Ihnen eingefallen? Und welcher Teil des Berichts hat sie dabei am
10 meisten beeinflusst?
Genau diese Aufgabe haben die Psychologen Paul Thibodeau und Lera Boroditsky ihren
Testpersonen gestellt. 1 Die Probanden antworteten in 71 Prozent der Fälle, man müsse die
Verbrecher jagen, hinter Gitter bringen sowie härtere Strafen durchsetzen.
Ob diese Strategie zum Erfolg führte, konnte nicht überprüft werden – die Stadt Addison
15 existiert nicht. Thibodeau und Boroditsky haben sie erfunden, und sie wollten auch gar nicht
den Einfluss verschiedener Maßnahmen zur Verbrechensbekämpfung testen – sondern den
von Worten, genauer gesagt: von Metaphern.
Metapher, das Wort kommt vom Griechischen „metaphora“ und bedeutet „Übertragung“.
Metaphern übertragen eine konkrete Erfahrung auf ein abstraktes Konzept. So wie das Wort
20 „Bestie“ in dem Bericht: Konkret bezeichnet es ein wildes Tier, abstrakt steht es für das Ver-
brechen.
In einem zweiten Versuch tauschten Thibodeau und Boroditsky diese Metapher gegen eine
andere aus: „Virus“. Der Rest des Textes blieb exakt gleich. Dann legten sie die Aufgabe
neuen Probanden vor. Das Ergebnis: Nur in 54 Prozent ihrer Antworten empfahlen die Teil-
25 nehmer eine strengere Verfolgung der Verbrechen und härtere Strafen. 46 Prozent ihrer Vor-
schläge zielten dagegen auf eine ganz andere Strategie: die Gründe für die Kriminalität zu
untersuchen, die Armut zu bekämpfen und die Bildung zu verbessern. In der Gruppe, der die
Kriminalität als „Bestie“ vorgestellt worden war, waren es dagegen nur 29 Prozent.
Ein einziges Wort hatte den Ausschlag gegeben! Wenige Buchstaben hatten maßgeblich
30 beeinflusst, welche Lösungen die Testpersonen für ein wichtiges gesellschaftliches Problem
vorschlugen: soziale Reformen oder unnachgiebige Strafverfolgung. [...]
Das Interessante dabei: Die Versuchsteilnehmer waren sich der Wirkung der Metapher
überhaupt nicht bewusst. Nur wenige vermuteten, das Wort „Bestie“ oder „Virus“ könnte
ihre Entscheidung gelenkt haben. Fast alle gaben als Einflussfaktor die im Text erwähnte
35 Kriminalstatistik an – doch die war in beiden Versionen vollkommen identisch. [...]
„Stoppt diese Metaphern!“
Auch wenn die Forscher noch lange nicht alle Fragen zur Entstehung und Funktion von Meta-
phern klären konnten, lassen ihre bisherigen Befunde schon einige Schlüsse zu: Erstens haben
Metaphern eine physiologische Basis im Gehirn, die zumindest für einige Ausdrücke auch der
Ursprung gewesen sein könnte. Zweitens werden bei der Verarbeitung von Metaphern auch
40 Hirnregionen für die wörtliche Bedeutung aktiviert, vor allem bei neuen und ungewöhnlichen
Ausdrücken. Und drittens sind Metaphern mit einem gut trainierten Netzwerk von Assozia-
tionen verbunden, das mit wenigen Worten aktiviert werden kann.
Genau das ist es, was Metaphern ihre Macht gibt. So lässt sich auch die erstaunliche Wir-
kung der Metaphern im Experiment von Lera Boroditsky erklären [...]. Darin ging es ja ober-
45 flächlich betrachtet nur um wenige Buchstaben: „Virus“ oder „Bestie“. Doch diese kurzen
Wörter beeinflussten massiv, welche Maßnahmen die Testpersonen für die Verbrechensbe-
kämpfung in der fiktiven Stadt Addison vorschlugen. „Die Metaphern rufen in Erinnerung,
wie sich wilde Tiere und Viren verhalten“, erklärt Boroditsky. „Sie aktivieren damit ein gan-
zes Netz von Assoziationen, welches dann das weitere Denken prägt.“ Denn die Metaphern
50 beeinflussen und strukturieren, welche Informationen wir bei einer Entscheidung einbeziehen.
Alle anderen Informationen werden dem Konzept, das die Metapher wachruft, untergeordnet.
Natürlich fallen dabei auch Informationen unter den Tisch, weil sie nicht ins Konzept passen.
Über die denkt man dann nicht weiter nach. Das birgt die Gefahr, dass wir wichtige Fakten
übersehen und andere überbewerten. „Metaphers hide and highlight“, sagt George Lakoff.
55 „Metaphern verbergen und heben hervor.“
Auf der einen Seite helfen uns Metaphern also beim Denken. Sie fassen große Mengen von
Informationen in kompakter Form zusammen, sortieren sie und bringen sie in einen Zusam-
menhang. All das läuft automatisch ab und deshalb sehr schnell. So machen sie abstrakte und
komplexe Zusammenhänge fassbar und begreifbar. Gerade die großen Themen unserer Zeit,
60 die uns oft so verflochten und undurchdringlich erscheinen, können sie auf einfache und ver-
ständliche Formeln bringen: von den Ursachen des Klimawandels („Treibhauseffekt“) bis zu
den Maßnahmen zur Eindämmung der Eurokrise („Rettungsschirm“). Und neue Metaphern
können uns dazu inspirieren, über alte Probleme anders nachzudenken und neue Lösungen zu
finden.
65 Doch diese Vereinfachung hat auch einen großen Nachteil: Sie kann uns auf falsche Fährten
locken, zum Beispiel wenn die Metapher den jeweiligen Sachverhalt nicht trifft. Und da Meta-
phern naturgemäß immer nur einige wenige Aspekte beleuchten können und andere ausblen-
den müssen, vereinfachen sie mitunter ein Problem zu sehr. Wir unterschätzen es dann, zie-
hen falsche Schlüssel oder treffen schlechte Entscheidungen. [...]
70 Doch Metaphern können auch die Politiker selbst in die Irre führen. Exakt davor warnte der
Nobelpreisträger Paul Krugman: „Schlechte Metaphern führen zu schlechter Politik.“ Der
Wirtschaftswissenschaftler kritisierte damit die Debatte über ein Gesetz zur Steuersenkung
in den USA. „Uns wird gesagt, diese Abmachung werde die Wirtschaft ankurbeln, gebe ihr
Zeit, um sich zu erholen“, schrieb er in der New York Times. „Aber unsere Probleme sind
75 langfristiger, als diese beiden Metaphern implizieren.“ Die Vorstellung, der Wirtschaftsmotor
könne jeden Moment wieder anspringen oder der Patient sich vom Krankenbett erheben, ver-
leite Politiker zu „schlampigen, kurzfristigen Maßnahmen“. Krugman appellierte: „Ich sage:
Stoppt diese Metaphern!“ 2
Doch richtig gefährlich werden Metaphern erst durch eine weitere Eigenschaft, die ebenfalls
80 in Lera Boroditskys Experiment deutlich wurde: Sie wirken unbewusst. Das konnte die Psy-
chologin in einem zweiten, etwas abgewandelten Versuch bestätigen: Nach dem eigentlichen
Experiment prüfte sie, ob sich die Testpersonen an die Metapher erinnerten, indem sie ihnen
einen Satz vorlegte, den sie vervollständigen sollten. „Das Verbrechen ist ein _____, das die
Stadt Addison heimsucht“. Nur knapp die Hälfte konnte sich daran erinnern, das Wort „Bestie“
85 oder „Virus“ gelesen zu haben. Was aber entscheidend war: Egal, ob sich die Probanden er-
innerten oder nicht – ihre Entscheidung wurde von der Metapher beeinflusst, und zwar in bei-
den Fällen gleich stark. 3
Das, was Metaphern zu sehr praktischen Denkwerkzeugen und womöglich gar zu Entwick-
lungshelfern der menschlichen Intelligenz gemacht hat, macht sie also auch gefährlich: Sie
90 wirken schnell und unbewusst; wir bemerken oft nicht, wie groß ihre Macht ist – oder dass
sie uns überhaupt beeinflussen.
1 Paul H. Thibodeau, Lera Boroditsky (2011): Metaphors We Think With: The Role of Metaphor in Reasoning. Plos One, Bd. 6, Nr. 2
2 Paul Krugman (2010): Block Those Metaphors. The New York Times, 12. Dezember 2010
3 Paul H. Thibodeau, Lera Boroditsky (2013): Natural Language Metaphors Covertly Influence Reasoning. Plos One, Bd. 8, Nr. 1
Anmerkungen zu den Autorinnen:
Claudia Wüstenhagen arbeitet als Redakteurin beim Magazin ZEIT WISSEN.
Stefanie Schramm ist freie Wissenschaftsjournalistin und arbeitet u. a. für DIE ZEIT, ZEIT WISSEN, mare, FAZ, NZZ am Sonntag und den Deutschlandfunk.
Anmerkungen zu den im Text erwähnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern:
Paul H. Thibodeau ist Psychologe und Professor am Oberlin College in Ohio, USA.
Lera Boroditsky ist Kognitionswissenschaftlerin und Professorin an der University of California San Diego, USA.
George P. Lakoff ist ein US-amerikanischer Linguist. Er war bis 2016 Professor für Linguistik an der University of California, Berkeley.
Paul R. Krugman ist ein US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler, der an der City University of New York lehrt. 2008 bekam Krugman den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen.
Aufgabenstellung
2.
Stellen Sie die zentralen Annahmen verschiedener Theorien zum Zusammenhang von Sprache, Denken und Wirklichkeit dar. Bringen Sie die Darlegungen von Schramm und Wüstenhagen mit diesen Konzepten in Verbindung. Beurteilen Sie auf dieser Grundlage, wie überzeugend Schramm und Wüstenhagen die Macht der Metaphern darstellen. (31 Punkte)
Aufgabe 4 - Teilaufgabe 1: Analyse pragmatischer… · Analyse pragmatischer Texte
Michael Walzer
Politik der Differenz
Staatsordnung und Toleranz in der multikulturellen Welt (Textauszug) 1
Nach guter Professorensitte beginne ich mit einigen Klarstellungen. Es ist nicht die Toleranz
der Zivilgesellschaft oder des Staates gegenüber dem einzelnen Sonderling oder Abweichler,
die in diesem Text im Zentrum steht. Von ihr wird erst ganz am Schluß die Rede sein. Indi-
vidualrechte mögen zwar zu den Grundvoraussetzungen jeder Toleranz gehören, hier jedoch
5 interessieren mich diese Rechte vor allem dann, wenn sie von freiwilligen Vereinigungen,
Religionsgemeinschaften oder bei kulturellen Betätigungen gemeinschaftlich ausgeübt oder
von Gruppen im Namen ihrer Mitglieder reklamiert werden. Das in seiner Differenz einzig-
artige und aus dem Rahmen fallende Einzelindividuum zu tolerieren, fällt nicht allzu schwer.
Zugleich sind die soziale Ablehnung von Exzentrikern und der Widerstand gegen individuelle
10 Abweichung vielleicht nicht sonderlich vergnüglich, aber auch nicht besonders gefährlich.
Weitaus höher ist der Einsatz dort, wo es um exzentrische und andersdenkende Gruppen geht.
Es geht im folgenden auch nicht um die politische Toleranz, also die Einstellung gegenüber
oppositionellen Bewegungen und Parteien. Diese Gruppen sind Rivalen im Wettstreit um die
politische Macht. Demokratische Regime, die im Wortsinne verlangen, daß es zur politischen
15 Führung alternative Gruppierungen (mit alternativen Programmen) gibt, können auf solche
Konkurrenz grundsätzlich nicht verzichten, selbst wenn diese Opponenten niemals tatsäch-
lich eine Wahl gewinnen. Sie gehören dazu wie die gegnerische Mannschaft zu einem Basket-
ballspiel – ohne Gegenmannschaft kein Match. […]
Mein Interesse hier gilt der Toleranz im Falle von kulturellen oder religiösen Differenzen
20 sowie von Unterschieden in der Lebensweise – wenn „die anderen“ nicht dazugehören, es kein
gemeinsames Spiel gibt und die Differenz kein systemimmanentes Erfordernis darstellt. Ethni-
sche oder religiöse Gruppenvielfalt ist selbst für eine liberale Gesellschaft ebensowenig ein
Muß, wie die einzelnen Gruppen zwingend aufeinander angewiesen sind. Sie mögen zwar mit-
einander konkurrieren, sie mögen unter nicht oder nur lose gebundenen Individuen Prosylete 2
25 oder Anhänger werben, doch ihr Hauptziel ist die Erhaltung einer bestimmten Lebensweise
unter ihren je eigenen Mitgliedern, welche dann auch die Reproduktion ihrer Kultur oder Reli-
gion in den Nachfolgegenerationen sicherstellt. Sie sind mithin binnenzentriert, wie es poli-
tische Parteien grundsätzlich nicht sein können. Und dennoch brauchen auch kulturelle, reli-
giöse oder durch ihre Lebensform bestimmte Gemeinschaften so etwas wie einen erweiterten
30 sozialen Raum (jenseits der privaten Haushalte): einen Raum, in dem sie sich versammeln,
gemeinsam beten, miteinander reden und streiten, Feste feiern, einander helfen, ihr Wissen
weitergeben können und so weiter.
Was heißt es nun konkret, Gruppen dieser Art zu tolerieren? Als Einstellung oder Geistes-
haltung verstanden, kennzeichnet der Toleranzbegriff nicht nur eine, sondern mehrere, durch-
35 aus unterschiedliche Verhaltensweisen. Die erste und zugleich einfachste Variante – sie spiegelt
die Ursprünge religiöser Toleranz im 16. und 17. Jahrhundert wider – ist nichts anderes als
eine aus der Sehnsucht nach Frieden geborene resignierte Hinnahme von Unterschieden. Men-
schen töten einander in Kämpfen, die sie, und sei’s über Jahre hinweg, solange fortführen, bis
jene gnädige Erschöpfung eintritt, die wir als Toleranz bezeichnen. Doch muß es nicht bei
40 dieser ersten simplen Variante bleiben, es gibt eine ganze Skala von immer gehaltvolleren
Duldsamkeiten. Eine zweite Form der Toleranz äußert sich in Zurückhaltung, Entspanntheit
und freundlicher Gleichgültigkeit – nach dem Motto: „Erst die Vielfalt der Arten ergibt eine
Welt!“ Eine dritte Form schlägt sich nieder in Offenheit gegenüber anderen Menschen, in
Neugier, Respekt und der Bereitschaft, zuzuhören und vom anderen zu lernen. Am äußeren
45 Ende der Skala steht die begeisterte Bejahung der Differenz: Es kann eine ästhetische Beja-
hung sein, wenn die Differenz als kulturelle Ausdrucksform der Größe und Vielfalt der Schöp-
fung Gottes oder der Natur gilt; oder aber eine funktionelle Bejahung, wenn sie als notwen-
dige Voraussetzung für ein gedeihliches 3 menschliches Leben angesehen wird, weil erst das
Bestehen von Unterschieden einzelnen Menschen überhaupt die Möglichkeit zu autonomen
50 Entscheidungen gibt.
Anmerkungen zum Autor
Michael Walzer (geb. 1935) ist ein amerikanischer Sozial- und Moralphilosoph, der als Professor lehrte.
1 Es handelt sich bei dem vorliegenden Auszug um den Anfang eines Aufsatzes von Walzer. Dieser 1994 veröffentlichte Aufsatz stellt die Kurzfassung der Argumentation des später erschienenen Buches Walzers „Über Toleranz. Von der Zivilisierung der Differenz“ (1998) dar. Der Text wurde von Hanne Herkommer aus dem Amerikanischen übersetzt.
2 Prosylete: zu einem Glauben bekehrte Menschen
3 gedeihlich: fruchtbar, nützlich
Aufgabenstellung 1
Analysieren Sie den Textauszug aus Michael Walzers Aufsatz daraufhin, welche Vorstellungen von Toleranz der Autor darlegt. Beziehen Sie dabei sowohl den gedanklichen Aufbau der Argumentation als auch die sprachliche und stilistische Machart des Textes ein. [36 Punkte]
Aufgabe 4 - Teilaufgabe 2: Literarische Erörterun… · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre
Michael Walzer
Politik der Differenz
Staatsordnung und Toleranz in der multikulturellen Welt (Textauszug) 1
Nach guter Professorensitte beginne ich mit einigen Klarstellungen. Es ist nicht die Toleranz
der Zivilgesellschaft oder des Staates gegenüber dem einzelnen Sonderling oder Abweichler,
die in diesem Text im Zentrum steht. Von ihr wird erst ganz am Schluß die Rede sein. Indi-
vidualrechte mögen zwar zu den Grundvoraussetzungen jeder Toleranz gehören, hier jedoch
5 interessieren mich diese Rechte vor allem dann, wenn sie von freiwilligen Vereinigungen,
Religionsgemeinschaften oder bei kulturellen Betätigungen gemeinschaftlich ausgeübt oder
von Gruppen im Namen ihrer Mitglieder reklamiert werden. Das in seiner Differenz einzig-
artige und aus dem Rahmen fallende Einzelindividuum zu tolerieren, fällt nicht allzu schwer.
Zugleich sind die soziale Ablehnung von Exzentrikern und der Widerstand gegen individuelle
10 Abweichung vielleicht nicht sonderlich vergnüglich, aber auch nicht besonders gefährlich.
Weitaus höher ist der Einsatz dort, wo es um exzentrische und andersdenkende Gruppen geht.
Es geht im folgenden auch nicht um die politische Toleranz, also die Einstellung gegenüber
oppositionellen Bewegungen und Parteien. Diese Gruppen sind Rivalen im Wettstreit um die
politische Macht. Demokratische Regime, die im Wortsinne verlangen, daß es zur politischen
15 Führung alternative Gruppierungen (mit alternativen Programmen) gibt, können auf solche
Konkurrenz grundsätzlich nicht verzichten, selbst wenn diese Opponenten niemals tatsäch-
lich eine Wahl gewinnen. Sie gehören dazu wie die gegnerische Mannschaft zu einem Basket-
ballspiel – ohne Gegenmannschaft kein Match. […]
Mein Interesse hier gilt der Toleranz im Falle von kulturellen oder religiösen Differenzen
20 sowie von Unterschieden in der Lebensweise – wenn „die anderen“ nicht dazugehören, es kein
gemeinsames Spiel gibt und die Differenz kein systemimmanentes Erfordernis darstellt. Ethni-
sche oder religiöse Gruppenvielfalt ist selbst für eine liberale Gesellschaft ebensowenig ein
Muß, wie die einzelnen Gruppen zwingend aufeinander angewiesen sind. Sie mögen zwar mit-
einander konkurrieren, sie mögen unter nicht oder nur lose gebundenen Individuen Prosylete 2
25 oder Anhänger werben, doch ihr Hauptziel ist die Erhaltung einer bestimmten Lebensweise
unter ihren je eigenen Mitgliedern, welche dann auch die Reproduktion ihrer Kultur oder Reli-
gion in den Nachfolgegenerationen sicherstellt. Sie sind mithin binnenzentriert, wie es poli-
tische Parteien grundsätzlich nicht sein können. Und dennoch brauchen auch kulturelle, reli-
giöse oder durch ihre Lebensform bestimmte Gemeinschaften so etwas wie einen erweiterten
30 sozialen Raum (jenseits der privaten Haushalte): einen Raum, in dem sie sich versammeln,
gemeinsam beten, miteinander reden und streiten, Feste feiern, einander helfen, ihr Wissen
weitergeben können und so weiter.
Was heißt es nun konkret, Gruppen dieser Art zu tolerieren? Als Einstellung oder Geistes-
haltung verstanden, kennzeichnet der Toleranzbegriff nicht nur eine, sondern mehrere, durch-
35 aus unterschiedliche Verhaltensweisen. Die erste und zugleich einfachste Variante – sie spiegelt
die Ursprünge religiöser Toleranz im 16. und 17. Jahrhundert wider – ist nichts anderes als
eine aus der Sehnsucht nach Frieden geborene resignierte Hinnahme von Unterschieden. Men-
schen töten einander in Kämpfen, die sie, und sei’s über Jahre hinweg, solange fortführen, bis
jene gnädige Erschöpfung eintritt, die wir als Toleranz bezeichnen. Doch muß es nicht bei
40 dieser ersten simplen Variante bleiben, es gibt eine ganze Skala von immer gehaltvolleren
Duldsamkeiten. Eine zweite Form der Toleranz äußert sich in Zurückhaltung, Entspanntheit
und freundlicher Gleichgültigkeit – nach dem Motto: „Erst die Vielfalt der Arten ergibt eine
Welt!“ Eine dritte Form schlägt sich nieder in Offenheit gegenüber anderen Menschen, in
Neugier, Respekt und der Bereitschaft, zuzuhören und vom anderen zu lernen. Am äußeren
45 Ende der Skala steht die begeisterte Bejahung der Differenz: Es kann eine ästhetische Beja-
hung sein, wenn die Differenz als kulturelle Ausdrucksform der Größe und Vielfalt der Schöp-
fung Gottes oder der Natur gilt; oder aber eine funktionelle Bejahung, wenn sie als notwen-
dige Voraussetzung für ein gedeihliches 3 menschliches Leben angesehen wird, weil erst das
Bestehen von Unterschieden einzelnen Menschen überhaupt die Möglichkeit zu autonomen
50 Entscheidungen gibt.
Anmerkungen zum Autor
Michael Walzer (geb. 1935) ist ein amerikanischer Sozial- und Moralphilosoph, der als Professor lehrte.
1 Es handelt sich bei dem vorliegenden Auszug um den Anfang eines Aufsatzes von Walzer. Dieser 1994 veröffentlichte Aufsatz stellt die Kurzfassung der Argumentation des später erschienenen Buches Walzers „Über Toleranz. Von der Zivilisierung der Differenz“ (1998) dar. Der Text wurde von Hanne Herkommer aus dem Amerikanischen übersetzt.
2 Prosylete: zu einem Glauben bekehrte Menschen
3 gedeihlich: fruchtbar, nützlich
Aufgabenstellung 2
Erläutern Sie, welchen Toleranzbegriff G. E. Lessing in seinem Drama „Nathan der Weise“ entwickelt, und gehen Sie dabei vom Verhalten der Figur Nathan sowie von der durch ihn vorgetragenen Ringparabel aus. Stellen Sie anschließend einen Bezug zu den Toleranzvorstellungen her, die Michael Walzer darlegt. Beachten Sie dabei, dass die beiden Texte unterschiedlich vorgehen und zu verschiedenen Zeiten entstanden sind. [36 Punkte]
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