Aufgabe 1 - Sprachreflexion · Abitur NRW Deutsch GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022
Thema: Sprachreflexion und Sprachtheorien · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)
Aufgabenstellung
Roland Kaehlbrandt
Logbuch Deutsch. Wie wir sprechen, wie wir schreiben (Textauszug, 2016)
Sprachliche Abgrenzungsjargons brauchen eine wirkungsvolle Sprachkultur als Korrektiv 1 –
schon allein, damit sie überhaupt Gelegenheit zur Reibung haben. Sie wollen ja gar nicht zur
vorherrschenden Sprachform werden. Daran erinnert eine Szene aus einem Band der schwei-
zerischen Vontobel-Stiftung 2 über die „Sprache der Jungen“. Die Autorin, Angelika Overath,
5 berichtet, wie einmal ihre Mutter bei einem Besuch eines Freundes gesagt habe: „Das ist mir
zu viel Action.“ Sie habe sich vor ihrem Freund zu Tode geschämt, schreibt Frau Overath.
„Mit zwei Silben hatte meine Mutter eine ebenso geheime wie sichere Grenze überschritten“.
Derartige Überschreitungen sind aber heute an der Tagesordnung. „Einfach nur geil“ findet
ein führender Politiker das von seiner Partei erzielte Wahlergebnis, „total uncool“ findet eine
10 Enddreißigerin mit Erziehungsverantwortung den letzten Tatort, mit „dick gut“ bewertet ein
jung gebliebener Mittdreißiger sein neues Smartphone, „echt nice“ bestätigt seine etwa gleich-
altrige Begleiterin. Kaum noch ist es den Jugendlichen möglich, sich der Anbiederung von
Seiten der Erwachsenen zu erwehren. Wie sollen sie sich nur wirkungsvoll von ihnen unter-
scheiden? Und jetzt wird auch noch Zuwandererjugendlichen ihre sprachliche Besonderheit
15 genommen, indem das sogenannte Kiezdeutsch zu einem „neuen Dialekt“ aufgewertet und
mit professoralen Weihen versehen wird.
Kiezdeutsch ist eine Entdeckung der Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese. Es ist eine
griffige Bezeichnung für eine Jugendsprache, in der sich das Deutsche mit Einsprengseln aus
Zuwanderersprachen mischt. Für denjenigen, der korrektes Deutsch spricht, ist die Fehler-
20 haftigkeit dieses Jugendslangs sofort erkennbar. So fehlen Präpositionen, etwa bei „Wir ge-
hen Wörlitzer Park“ oder „Heute muss ich wieder Solarium gehen“ 3 (wobei es schlimmere
Verpflichtungen gibt). Das Deutsche gilt als eine stark von Präpositionen mit den zugehöri-
gen Kasus geprägte Sprache. Auf die Präposition zu verzichten bedeutet eine grobe Regel-
verletzung. Heike Wiese wertet den Verzicht jedoch anders, sie verweist auf eine Analogie
25 zur korrekten Kurzform „Da müssen Sie Jakob-Kaiser-Platz umsteigen“. Hierbei handelt es
sich jedoch um eine kontextabhängige Sonderform der Verkürzung im öffentlichen Nahver-
kehr, während die diskutierte Unterdrückung von Präpositionen vielmehr auf türkischen Ein-
fluss zurückzuführen ist. Andere Formen dieses grammatik-vermeidenden Slangs werden be-
schönigend als „grammatische Innovationen“ bezeichnet, wie z. B. „Isch frag mein Schwester“,
30 „Lassma Kino gehen“, „Machst du rote Ampel!“ und „Danach ich ruf dich an.“ Die Autorin
sieht darin Parallelen zu deutschen Dialekten, indem sie von der Sprachnorm abweichende
dialektale Formen oder auch Formen des gesprochenen Deutsch mit dem Slang der Jugend-
lichen vergleicht.
Ausgesprochen witzig ist dabei ein belauschtes Gespräch in einem Kaufhaus, bei dem es
35 um den Hut einer Kundin geht. Junge: „Das ist meiner Mutter sein Hut!“ Kassiererin: „Meiner
Mutter ihr Hut!“ (zustimmendes Gemurmel in der Warteschlange). Immerhin kann man in
meiner Mutter auch einen Genitiv erkennen, jedenfalls einen Kasus mit gebeugtem Personal-
pronomen, was in „Isch frag mein Schwester“ nicht der Fall ist. Kurzformen wie „Isch mach
dich Messer“ sind doch nur in der Parallelität von inhaltlicher und sprachlicher Grobheit be-
40 merkenswert. Warum muss man gleich zeigen wollen, „dass es hier nicht um einen Sprach-
mangel geht, sondern dass wir Zeuge einer faszinierenden neuen Entwicklung in unserer Spra-
che werden: der Entstehung eines neuen deutschen Dialekts.“ Abgesehen davon ist Jugend-
sprache kein Dialekt, weil letzterer regional begrenzt ist, sondern ein Soziolekt. Es ist eins,
sich sprachwissenschaftlich mit den Formen eines Jugendslangs zu befassen, etwas anderes
45 ist es, aus dem Gegenstand nun ein für die ganze Sprachgemeinschaft wegweisendes Faszino-
sum 4 zu machen. Zwischen dem Untergang der Sprachkultur durch Jugendsprachen und
ihrer Aufwertung zu einem neuen Dialekt gibt es noch Raum für harmlosere Deutungen. Symp-
tomatisch 5 an der Aufwertung des Kiezdeutsch ist wieder einmal die Umwertung der Norm:
Nicht die Einhaltung der Norm und der Hinweis auf zwar jugendgeprägtes, aber doch fehler-
50 haftes Deutsch – wenn auch vielleicht gewollt fehlerhaftes Deutsch – ist die Aussage, sondern
eben gerade umgekehrt: Hier entsteht vermeintlich eine neue Sprache, und indirekt täten wir
gut daran, sie rechtzeitig als solche anzuerkennen, weil wir ja sonst das Schlimmste tun, was
man tun kann: ausgrenzen.
Jugendsprachen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Dass sie sich von der
55 Sprache der Erwachsenen unterscheiden, macht sie aus. Deshalb ist Besorgnis in diesem Falle
unberechtigt. Allerdings nützt es der Jugendsprache nicht, wenn man sie mit bester Absicht
aus der Erwachsenenperspektive kulturell und linguistisch erhöht, denn das will sie gar nicht.
Sie will nicht als ausformulierte Sprache anerkannt werden, sondern sie kommt gut damit zu-
recht, wenn Erwachsene mit Naserümpfen reagieren. Sie legt keinen Wert darauf, als sprach-
60 liche Innovation hoffähig gemacht zu werden. Insofern ist es gut gemeint, wenn Frau Wiese
sich dafür stark macht, das „Kiezdeutsch“ als „systematische sprachliche Weiterentwicklung“
in den sprachlichen Olymp 6 zu befördern – in den es überhaupt nicht hineinwill. Ob es hinein
soll, darf aber doch gefragt werden. „Ich geh Arzt“, oder „lassma Viktoriapark gehen“ ist im
Kontrast zum Hochdeutschen markant und vielleicht auch witzig, muss aber keine Anregung
65 für eine neue Norm sein. Interessant wäre die weitergehende Frage, ob die 10 Millionen Mit-
bürger, die zuhause kein Deutsch sprechen, durch die Allgegenwart und Einfachheit des Kiez-
deutsch dem Vorbild der Normsprache so weit entrückt werden, dass sie in einer gesellschaft-
lichen und beruflichen Sackgasse landen.
Anmerkungen zum Autor:
Roland Kaehlbrandt (geb. 1953) ist ein deutscher Sprachwissenschaftler.
1 Korrektiv: Konzept, das dazu dienen kann, einen unerwünschten Zustand zu korrigieren bzw. zu beseitigen
2 Vontobel-Stiftung: Die gemeinnützige Schweizer Stiftung unterstützt u. a. medizinische Forschungsprojekte sowie Projekte in den Bereichen Heimat- und Kulturpflege und Naturschutz.
3 Diese und die folgenden Zitate entnimmt der Autor einer Publikation der Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurden die Fußnoten, die sich im Originaltext finden, nicht übernommen.
4 Faszinosum: etwas, das jemanden auf geheimnisvolle Weise fasziniert, anzieht
5 symptomatisch: hier: typisch, bezeichnend
6 Olymp: höchstes Bergmassiv Griechenlands und in der griechischen Mythologie Wohnsitz der olympischen Götter
Aufgabenstellung 2
Stellen Sie dar, wodurch sich die Sprachvarietäten „Dialekt“, „Soziolekt“ und „Jugendsprache“ jeweils von der Standardsprache unterscheiden. Setzen Sie sich auf dieser Grundlage abwägend damit auseinander, wie Kaehlbrandt einerseits zu Sprachnormen und andererseits zu „Kiezdeutsch“ und zur Jugendsprache steht. [34 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Stellen Sie dar, wodurch sich die Sprachvarietäten „Dialekt“, „Soziolekt“ und „Jugendsprache“ jeweils von der Standardsprache unterscheiden. Setzen Sie sich auf dieser Grundlage abwägend damit auseinander, wie Kaehlbrandt einerseits zu Sprachnormen und andererseits zu „Kiezdeutsch“ und zur Jugendsprache steht.
Lösung: Erwartet wird eine fundierte Fachdarstellung und abwägende Auseinandersetzung gemäß den offiziellen Bewertungskriterien: 1. Überleitung und Darstellung der Sprachvarietäten (15 Punkte): - *Aufgabenbezogene Überleitung (1 Punkt):* Sinnvolle Verknüpfung von Textanalyse und Sprachreflexion. - *Dialekt (6 Punkte):* Regional/geografisch begrenzte Mundart im Kontrast zur Standardsprache (Lautung, Grammatik, Lexik); primär mündlich und privat verwendet; traditionelle, identitätsstiftende Funktion und Ausdruck regionaler Verbundenheit. - *Soziolekt (4 Punkte):* Sprachform einer bestimmten sozialen Gruppe oder Schicht (nicht geographisch begrenzt; z. B. Fachsprachen, Milieusprachen); gruppenkonstituierend und abgrenzend. - *Jugendsprache (4 Punkte):* Spezifischer Soziolekt einer Altersgruppe; gekennzeichnet durch dynamischen, oft kurzlebigen Wortschatz, expressive Formen, emotionale Verstärker, Regelverkürzungen; dient der Identitätsbildung und Abgrenzung zur Erwachsenenwelt. 2. Abwägende Auseinandersetzung mit Kaehlbrandts Position (16 Punkte): - *Bestätigende Aspekte (8 Punkte):* * Berechtigung des Hinweises auf soziale Nachteile: Die sichere Beherrschung der Standardsprache ist unabdingbar für Bildungs- und Berufserfolg sowie chancengleiche gesellschaftliche Teilhabe. * Funktion von Sprachnormen: Sie sichern die überregionale Verständigung und verhindern Fragmentierung. * Berechtigte Kritik an der Anbiederung Erwachsener, die den jugendlichen Abgrenzungsimpuls entwertet. * Linguistisch begründete Unterscheidung: Kiezdeutsch ist ein Soziolekt/Multiethnolekt und kein historisch gewachsener regionaler Dialekt. - *Kritische / Infragestellende Aspekte (8 Punkte):* * Sprachwandel als natürlicher, dynamischer Prozess: Sprachkontakte durch Migration führen legitim zu neuen Ausdrucksformen. * Mehrsprachigkeit und Codeswitching: Jugendliche beherrschen häufig situationsangemessen sowohl den Slang/Soziolekt als auch die Standardsprache; Kiezdeutsch schließt Standardkompetenz keineswegs automatisch aus. * Vorwurf der Ausgrenzung: Eine pauschale Abwertung als ‚fehlerhaft‘ und ‚grob‘ kann Stigmatisierung und soziale Exklusion verstärken, statt Integration zu fördern. 3. Schlussbetrachtung (3 Punkte): - Eigenständiges Fazit, das zwischen Sprachpflege/Normerhalt und sprachwissenschaftlicher Akzeptanz von Sprachwandel differenziert abwägt.
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