Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Deutsch GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Analyse pragmatischer Texte · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Marius Buhl
Zwischen Schwund und Renaissance. Warum Dialekte nicht aussterben
[...] Dass es die deutschen Dialekte schwer haben, das ist, wie man heute sagen würde,
common knowledge, weeß jeda. Die Entwicklung ist nicht neu, schon 1988 sagte Gerhard
Polt 1 dem Magazin „Tempo“: „Ein Münchner Kind ist heute praktisch vom Dialekt entsorgt.“
Und wenn man in den Archiven kramt, findet man schon in den 30er-Jahren Bedenkenträger.
5 Die Dialekte leiden also schon lange. Wann sie tot sind?
Vielleicht gar nicht so bald, zumindest wenn man den anderen glaubt. Jenen, die eine Renais-
sance des Dialekts versprechen und Anzeichen dafür überall entdecken. Nachrichtensprecher
lassen plötzlich Sprachfärbungen zu, im „Tatort“ sächseln und schwäbeln immerhin die Sekre-
tärinnen, und sowohl Heimatkrimis als auch Landlustmagazine sind schon lang der Renner.
10 Wer jetzt recht hat?
Ein Anruf beim Sprachwissenschaftler Sebastian Kürschner 2. Der erforscht die deutschen
Dialekte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. [...]
„Dass die Zahl der Dialektsprecher schrumpft, ist schwer von der Hand zu weisen“, sagt er.
Zwar beherrschten 60 Prozent der Deutschen bis heute einen Dialekt. „Seit der Nachkriegs-
15 zeit ist die Nutzung aber stark zurückgegangen.“ Während in Ostdeutschland 1991 noch
41 Prozent der Menschen „fast immer“ Dialekt sprachen, sank der Anteil der aktiven Sprecher
bis 2008 auf 33 Prozent – und dürfte bis heute weiter gesunken sein.
Im Westen verkleinerte sich die Zahl im selben Zeitraum von 28 auf 24 Prozent. Für Rhein-
land-Pfalz fand eine Studie heraus, dass neun Prozent des dialektalen Wortschatzes pro Gene-
20 ration verloren gingen.
Ein Schwarzer, der Platt spricht, wird zum Star
Mütter, Medien, Mobilität seien schuld, sagen Sprachforscher. Erstere 3, weil sie ihren Kin-
dern Mundart vorenthielten (Väter übrigens auch). Zweitere, weil sie die Standardsprache
noch ins letzte Loch verbreiteten. Und Letztere, weil sie zu Austausch führt und [...] stets der
25 Feind des Status Quo ist. [...]
Vielleicht gibt eine Anekdote aus Ostfriesland Aufschluss. Dort lebt Keno Veith, ein Lohner,
so nennen sie dort die Arbeiter in der Landwirtschaft. Neulich blieb Veith stecken, bei der
Maisernte grub sich sein Trecker in den Klei. Er sprang von seiner Maschine und begutach-
tete den Schlamassel (süddeutsch übrigens: das Schlamassel).
30 Und weil ihm beim Begutachten, wie er später sagen würde, langweilig wurde, kramte er
sein Handy aus der Tasche und nahm eine Videobotschaft auf. „Mooooin“, sagte Veith in
die Kamera. „Nu mööt wi luern luern luern, bit en kummt un uns ruttrecken deit.“ Er müsse
also warten, warten, warten, bis einer komme und ihn rausziehe. Dann lud Veith das Video
bei YouTube hoch.
35 Innerhalb weniger Tage wurde er zum Star. Zehntausende klickten seinen Clip, Jan Böhmer-
mann empfahl ihn, Zeitungen schickten Reporter, „Bauer sucht Frau“ wollte ihn fürs Fernsehen
verpflichten. Keno Veith sagte ab, was seiner Beliebtheit nicht schadete: 200.000 Klicks hat das
Filmchen bis heute gesammelt, und er hat dutzende weitere gedreht. Immer op Platt.
Veith glaubt, der Erfolg des Videos liege an seinem Äußeren. Seine Haut ist schwarz, sein
40 Vater stammt aus Kamerun. „Ich bin waschechter Ostfriese, nur in anderer Verpackung“,
sagt er.
Vielleicht hat er recht. Ein Schwarzer, der Platt spricht, ist ungewöhnlich. Vielleicht kann man
aus dem Erfolg von Veiths Video aber noch etwas Zweites ableiten: Es gibt da draußen im
Land einen großen Hunger auf Dialekt. Weil er echt ist. Weil ihm der Zauber eines besseren
45 Frühers innewohnt. Und weil er klare Zuordnung ermöglicht, in einer Welt, die immer unor-
dentlicher zu werden scheint. Buy local, speak local. [...]
Könnte der Dialekt also zurückkehren, weil er unsere kalte Welt ein bisschen wärmer macht?
So einfach ist es auch wieder nicht. Davon kann Patricia Kühfuss erzählen. Sie ist Fotografin,
30 Jahre alt – und Schwäbin. Kühfuss ist ein besonderer Fall: Sie studierte in Hamburg, und
50 weil sie es nicht anders konnte, sprach sie in Seminaren und Vorlesungen Schwäbisch. Kein
besonders breites Schwäbisch, aber doch so, dass jeder erkannte, wo sie herkommt.
„Meine Kommilitonen“, sagt Kühfuss, „haben mich ausgelacht.“ Sie begann zu zweifeln. Dass
es Studien gibt, die belegen, dass Dialektsprecher weniger intellektuell scheinen, davon hatte
sie gehört. [...]
55 Kühfuss’ Geschichte ist beides – Regel und Ausnahme. Das zeigt die größte Studie zum
Thema Dialekt, erhoben 2008 vom Institut für deutsche Sprache. Zuerst zur Regel: Die meis-
ten Dialektsprecher kommen aus dem deutschen Süden, hier geben 59 Prozent der Befragten
an, ihren Dialekt „immer“ oder „oft“ anzuwenden. Im Norden – wo es ohnehin weniger Dia-
lektsprecher gibt – sind es nur 15 Prozent. Besonders Brandenburg und Sachsen-Anhalt sind
60 laut Studie Notstandsgebiete.
Auch dass Kühfuss für ihren Dialekt ausgelacht wurde, passt zur Erhebung. Schwäbisch,
Bairisch und Sächsisch polarisieren. Je weiter weg man sich von der Heimat befindet, desto
unsympathischer bewerten andere den Dialekt. Krassestes Beispiel: Ostdeutsche finden Säch-
sisch viel sympathischer als Westdeutsche, die Witze über die zu Goethes Zeiten edelste deut-
65 sche Mundart machen. [...]
Die Ausnahme ist Patricia Kühfuss, weil sie irgendwann beschloss, sich vom Lachen der
Kommilitonen nicht mehr einschüchtern zu lassen. Sie war für ein Semester nach Norwegen
gezogen, wo es vollkommen normal ist, dass Menschen auch an der Universität Mundart
sprechen. „Ich habe da begriffen, dass man kein minderwertiger Mensch ist, wenn man im
70 Hörsaal Dialekt spricht“, sagt Kühfuss.
Unreiner Dialekt und unreine Standardsprache
Der klassische Fall wäre wohl ein anderer. Nehmen wir eine Frau aus Hessen. In ihrer Kind-
heit hört sie Sätze wie „Hald de Sabbel“, wenn sie zu laut schreit, spricht selbst aber in Wort-
wahl und Grammatik nicht mehr so ausgeprägt wie ihre Großeltern. In der Schule wechselt
75 sie zu einem gefärbten Standarddeutsch, das wirkt professioneller, zum Studium in München
oder Berlin legt sie den Dialekt ganz ab.
Fährt sie heute zu ihren Eltern, freut sie sich in der Regionalbahn schon über die Schaffner-
ansagen. Sie weiß: Jetzt ist es Zeit, die Mundart wieder auszupacken.
„Die Dialekte sterben nicht, eher ändert sich das Konzept“, sagt auch Sprachforscher Kürsch-
80 ner. „Wir wenden sie an, wenn es situativ passt.“ Zwei Pfeile im Köcher. Zwischen Schwund
und Renaissance sieht er keinen Widerspruch.
Zwar verschwinde – im Norden schneller als im Süden – der tiefe Dialekt, der sich von Dorf
zu Dorf unterscheide. An seine Stelle trete dafür eine Art Regiolekt. „Man wird in Deutsch-
land noch lange hören können, woher jemand kommt“, sagt Kürschner. Gleichzeitig verliere
85 auch die Standardsprache an Perfektion, lasse regionale Schnörkel zu. Unreiner Dialekt und
unreine Standardsprache – Heimathype und das Bedürfnis, verstanden zu werden, existieren
parallel. [...]
Anmerkungen zum Autor
Marius Buhl (geb. 1992) ist Journalist beim Tagesspiegel.
1 Gerhard Polt: geb. 1942 in München; deutscher Kabarettist, Autor, Fernseh- und Filmschauspieler
2 Sebastian Kürschner: geb. 1976, seit 2016 Professor für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Eichstätt; einer seiner Forschungsschwerpunkte ist der Sprach- und Dialektkontakt
3 „Erstere“ bezieht sich auf Mütter, „Zweitere“ auf Medien und „Letztere“ auf Mobilität.
1. Analysieren Sie den Artikel „Zwischen Schwund und Renaissance. Warum Dialekte nicht aussterben“ von Marius Buhl, indem Sie die Hauptaussagen und die Weise ihrer Entfaltung darstellen und außerdem die sprachliche Gestaltung des Textes untersuchen. (36 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie den Artikel „Zwischen Schwund und Renaissance. Warum Dialekte nicht aussterben“ von Marius Buhl, indem Sie die Hauptaussagen und die Weise ihrer Entfaltung darstellen und außerdem die sprachliche Gestaltung des Textes untersuchen.
Lösung: Ausführliche Textanalyse des Artikels von Marius Buhl gemäß den inhaltlichen und sprachlichen Analysekriterien der amtlichen Vorgaben.
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