Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Deutsch GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)

Aufgabenstellung

John von Düffel

Houwelandt (Textauszug)

Der 2004 veröffentlichte Roman zeichnet ein Bild der Familie Houwelandt und umfasst dabei drei Generationen. Der Großvater und Patriarch Jorge lebt gemeinsam mit seiner Frau Esther nicht mehr auf dem Familiensitz im Norden Deutschlands, sondern an der spanischen Küste, wo er bald seinen achtzigsten Geburtstag feiert. Sein Sohn Thomas kümmert sich währenddessen um das Elternhaus. Der Auszug gibt den Anfang des vierten Kapitels wieder. Vorher wird erzählt, dass Thomas verschlafen hat und durch die Türklingel des Postboten aufgeweckt wird. Als es erneut klingelt, beschließt er schließlich, aufzustehen und dem Postboten die Tür zu öffnen.

Thomas

Er erwischte den Postboten auf halbem Weg über den Hof vor der „Hundehütte“, wie die

Geschwister ihr Elternhaus nannten, einen zweistöckigen Bau aus der Vorgründerzeit, der zu

schmal, zu grau und zu verwinkelt geraten war, um eine Villa am Stadtrand zu sein. Fast schien

es, als habe ihr Erbauer seinerzeit voller Mißtrauen in die Zukunft geblickt und für sich und die

5 Seinen keine Vermehrung von Reichtum und Ansehen erwartet. Die „Hundehütte“ war eine

Trutzburg 1 des Erreichten. Weder Personal noch Gäste hatten in ihr Platz, weshalb sämtliche

de Houwelandts, deren Geschäfte prosperierten 2, mit Anbauten wie dem Gesindehaus 3 um

1900 und dem Kinderhaus Anfang der siebziger Jahre eine Spur von Großzügigkeit in die

gotische Verschmocktheit 4 und pastorale Enge ihres Familiensitzes zu bringen versuchten.

10 Doch Bedienstete gab es, wenn Thomas von sich selbst einmal absah, schon lange nicht mehr.

Soweit seine Erinnerung reichte, wohnten im Gesindehaus ältliche Paare und einsame Pen-

sionäre, die geräuschlos vor sich hinstarben. Auch wurde das Kinderhaus entgegen seiner

Bestimmung nie von ihm oder den Geschwistern bezogen. Sie alle hatten das steingewordene

Angebot, sich mit ihren Familien an der Seite ihres Vaters niederzulassen, abgelehnt. Zwar

15 standen pro Wohnung zwei Kinderzimmer bereit, was einer Aufforderung zur Fortpflanzung

gleichkam, doch mieteten sich auch dort wiederum nur alte Leute ein, die offenbar zu schwach

und hinfällig waren, um gegen die reizlosen schuhkartonförmigen Siebziger-Jahre-Räume

aufzubegehren. Thomas war nicht nur der einzige de Houwelandt, der hier lebte. Er war mit

seinen siebenundfünfzig Jahren auch der Jüngste, was ihm noch immer das Gefühl gab, ein

20 Rebell zu sein.

Jetzt stand er in Bademantel und Pantoffeln auf dem Hof, den Blicken der argwöhnischen

Mieterschaft preisgegeben, die vermutlich noch Tage von diesem Auftritt reden würde. Thomas

knotete die Enden des Frotteegürtels notdürftig vor seinem Bauch zusammen und fuhr sich

mit einer flüchtigen Geste durchs Haar, um wenigstens den Willen zu einer Frisur erkennen

25 zu lassen. Es war fast zehn, hellichter Tag. Die Sonne blendete, und das Unkraut zwischen

den Steinplatten schoß unverschämt grün bis auf Knöchelhöhe empor. Ein leichter Niesreiz

lag in der Luft. Vom Garten her roch es nach blühender Wiese und Gräserpollen. Es roch, mit

einem Wort, ungemäht. Thomas versuchte, den Postboten möglichst unauffällig in eine Ecke

zu ziehen, die den Mietern ringsum weniger Einsicht bot, doch die Gesten, die er aus den

30 Ärmeln seines Bademantels schüttelte, wurden von dem Beamten nicht verstanden. Mutlos

schaute er die grauen, moosbefleckten Mauern der Hundehütte hinauf und hoffte insgeheim,

der Giebel würde sich ein Stück weit vor die Sonne schieben, um ihn mit seinem spitzen

Schatten zu verschlucken. Doch auch diesen Gefallen tat ihm sein Vaterhaus nicht. Stattdessen

schaute es ungerührt mit seinen vor Staub und Wasserflecken erblindenden Fenstern auf ihn

35 herab.

„Hier unterschreiben“, forderte ihn der Postbote auf. Thomas ergriff den gezückten Kugel-

schreiber wortlos. Ihm war auf einmal kalt, trotz der sommerlichen Temperaturen. Seine

Hände zitterten. Er überlegte kurz, ob er nicht besser versuchen sollte, als erste Handlung des

Tages eine Zigarette zu schnorren, doch sein Gegenüber machte ein zutiefst entmutigendes

40 Nichtrauchergesicht.

Es war kein Wunder, daß er es nicht aushielt an diesem unwirtlichen 5 und von der Zeit ver-

gessenen Ort, wenn sogar sein zäher, unbeugsamer Vater hier nicht länger leben wollte und

in südliche Gefilde gezogen war, nachdem er seine Kinder und Kindeskinder allesamt ver-

trieben hatte. Niemand blieb aus freien Stücken hier, weder die greisen Pärchen und Pensio-

45 näre, für die es zu spät war, um zum Sterben das Land zu verlassen, noch er, Thomas, der

Erstgeborene. Ihn ereilte der Auftrag, hier nach dem Rechten zu sehen, ausgerechnet zu einem

Zeitpunkt, als er seinem Vater nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Er war so gut wie geschie-

den, ohne Bleibe und feste Anstellung, so daß er nun die Leere und den Tod auf dem einsti-

gen Familiensitz verwaltete, als hätte er nie ein eigenes Leben gelebt. [...]

Worterklärungen

1 Trutzburg: in der mittelalterlichen Verwendung Bezeichnung für einen Burgentyp, der zur Sicherung von Machtansprüchen oder zur Belagerung errichtet wurde; heutzutage wird das Wort oft als Metapher für Dinge, die sich als besonders widerständig erweisen, verwendet

2 prosperieren: sich günstig entwickeln, gut vorankommen

3 Gesindehaus: Bezeichnung für das Haus auf einem Gutshof, in dem das Gesinde (z. B. Mägde und Knechte) übernachtete

4 verschmockt: auf die vordergründige Wirkung, den Effekt hin angelegt

5 unwirtlich: durch Kargheit, Öde, Kälte unattraktiv, abstoßend

Anmerkungen zum Autor

John von Düffel ist ein deutscher Schriftsteller und Dramaturg. Er wurde 1966 in Göttingen geboren.

2. Stellen Sie dar, welchen Stellenwert das Landhaus in Kleists Novelle „Die Marquise von O....“ bei der Darstellung der Lebenssituation der Marquise einnimmt. Vergleichen Sie diesen Stellenwert mit der Rolle, die das Wohnhaus für die Darstellung der Lebenssituation von Thomas spielt. [27 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Deutsch GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Stellen Sie dar, welchen Stellenwert das Landhaus in Kleists Novelle „Die Marquise von O....“ bei der Darstellung der Lebenssituation der Marquise einnimmt. Vergleichen Sie diesen Stellenwert mit der Rolle, die das Wohnhaus für die Darstellung der Lebenssituation von Thomas spielt.

Lösung: Darstellung der Bedeutung des Landhauses in Kleists „Die Marquise von O....“ und fundierter Vergleich mit Düffels „Houwelandt“ hinsichtlich Gemeinsamkeiten und Unterschieden.

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