Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Psychologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023
Thema: Psychische Störungen und Psychotherapie · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)
Aufgabenstellung
Annehmen statt Vermeiden
Denken Sie auf keinen Fall an Donuts! Donuts sind nicht gut, denken Sie stattdessen
an … Bananen. Einfach Bananen! Und jetzt stellen Sie sich bitte vor, dass es bei dem zu
vermeidenden Gedanken nicht um Donuts geht, sondern um irgendeinen Teil von Ihnen
selbst, den Sie nicht mögen, ja für den Sie sich womöglich schämen.
5 Sich von bestimmten Gedanken abzulenken, klappt manchmal für gewisse Zeit. Doch
sobald Sie sich daran erinnern, weshalb Sie das tun, fallen Ihnen die „Donuts“ wieder
ein. Mist!
Das zeigt: Unsere Assoziationen und Gedanken sind stets eingebettet in ein Netzwerk
anderer Konzepte, Erinnerungen und Gefühle. Negative mentale Zustände bewusst abzu-
10 streifen, ist daher nicht nur sehr schwierig. Der Versuch kann sie im Gegenteil sogar ver-
stärken.
Auch all jene Situationen zu meiden, die Ängste oder Grübeleien auslösen könnten, hilft
auf Dauer nicht weiter. Solche Abwehrstrategien verleihen den negativen Gedanken großes
Gewicht, immerhin richtet man das eigene Handeln danach aus. Das Vermeidungsverhalten
15 erhält zudem psychische Probleme oft aufrecht: Wer etwa an sozialer Ängstlichkeit leidet,
geht nie auf andere Menschen zu und macht somit kaum die Erfahrung, dass solche Begeg-
nungen sehr schön sein können.
Wie wir mit regelmäßig aufkommenden unangenehmen Gedanken umgehen und wozu
sie uns bewegen, hat große Bedeutung für viele psychische Störungen. Folglich steht das
20 im Zentrum vieler Therapieansätze. Die meisten Betroffenen versuchen zunächst, ihre als
belastend empfundenen Zustände zu bekämpfen. Sie wollen Ängste loswerden, Hoffnungs-
losigkeit und selbstabwertende Urteile durch positive Gedanken ersetzen. Allerdings gibt es
keinen Knopf, mit dem man sie ausschalten oder gar löschen könnte. Niemand kann sich
letztlich selbst dazu bringen, nicht wütend, traurig oder nervös zu sein. Der Wunsch läuft
25 somit ins Leere.
Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT; gesprochen wie englisch „act“) legt
einen anderen Schwerpunkt. Statt das eigene Erleben zu kontrollieren und zu steuern, sollen
Patienten lernen, ihre Gefühle und Gedanken aufmerksam wahrzunehmen, sie zu akzeptieren
und loszulassen, ohne ihnen allzu große Bedeutung beizumessen. Das eröffnet neue Mög-
30 lichkeiten, gemäß den eigenen Werten und Zielen zu leben – weg von Vermeidung und un-
produktiven Kämpfen hin zu dem, was einem wirklich wichtig ist.
Entwickelt wurde die ACT von Steven Hayes, Professor für Klinische Psychologie an
der University of Nevada in Reno, zusammen mit seinen Kollegen Kelly Wilson und Kirk
Strosahl. Angelehnt an Methoden der Mindfulness (zu Deutsch: Achtsamkeit) sowie der
35 Kognitiven Verhaltenstherapie entwarf das Forschertrio ein umfangreiches Behandlungs-
programm, das sich seither in mehr als 450 Wirksamkeitsstudien bewährt hat.
Anders als viele Therapieansätze zielt die ACT nicht primär darauf ab, die Symptome
etwa einer Depression oder Angststörung abzustellen. Vielmehr übt der Patient, eine akzep-
tierende Haltung einzunehmen und sein bisheriges Vermeidungsverhalten aufzugeben.
40 Parallel dazu gilt es, die persönlich wichtigen Werte und Motive genauer zu identifizie-
ren. Je besser die Person erkennt, was ihr am Herzen liegt, desto eher gelingt es ihr auch,
die Dinge zu tun, die sie wirklich will – und nicht nur solche, die andere von ihr verlangen.
Schließlich geht es darum, wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen, das mehr durch
die eigenen Wünsche und Ziele als durch Selbstzweifel und Überforderung geprägt ist.
45 Die ACT zielt somit auf eine Balance zwischen Akzeptanz und Veränderung. Durch die
Einsicht, dass nicht alle negativen Zustände verschwinden müssen, damit man den Alltag
erfolgreich meistern kann, stößt sie bei den Betreffenden eine Neuorientierung an.
Viele psychische Probleme gründen in einer mangelnden Flexibilität. Die ACT unter-
scheidet hierbei sechs Bereiche: Vermeidung, unklare Werte, Passivität, Gedankenfusion,
50 starres Selbstkonzept und geringe Achtsamkeit […]. Im Verlauf der Therapie setzen ver-
schiedene Methoden auf all diesen Ebenen an, um die Flexibilität zu fördern.
Dominierender Fokus: Bloß weg damit!
Zu Beginn ist das Verhalten der Patienten meist stark darauf gerichtet, ihre Symptome
zu beseitigen und möglichst nie mehr damit zu tun zu haben. Durch diesen alles dominie-
55 renden Fokus verlieren sie leicht aus dem Blick, was ihnen im Leben etwas bedeutet. Folg-
lich bleiben die Patienten oft untätig in Bezug auf ihre Werte, ihren individuellen Lebens-
kompass.
Aber woher weiß man, was einem wirklich wichtig ist? Denken Sie an einen Bereich
Ihres Lebens, der Ihnen besonders bedeutsam erscheint. Wollen Sie ein guter Elternteil
60 sein, ein guter Kumpel oder gut in Ihrem Beruf? Was haben Sie gemacht, wenn Sie einmal
das Gefühl hatten, dieses Ziel erreicht zu haben? Was machte Sie stolz? Wie haben Sie es
geschafft, dass jener Tag gut lief? Denken Sie nun an das Gegenteil: Wie haben Sie an
schlechteren Tagen gehandelt? Was hat Sie daran gehindert, der Mensch zu sein, der Sie
sein wollten?
65 Wenn sich Patienten etwa auf diese Weise ihrer eigenen Werte bewusst werden, können
sie sich vermehrt auf ihre Kurz- und Langzeitziele konzentrieren. Sie erleben zwar weiter-
hin negative Gedanken und Gefühle. Doch indem sie offen dafür sind und sie zulassen,
ohne etwas verändern zu müssen, gewinnen sie neue Energie für ein zielgeleitetes Handeln.
Wissenschaftliche Studien haben gezeigt: In aller Regel nimmt dann auch ihr Leiden ab.
70 Dafür ist es wichtig, sich aus der Verstrickung mit den eigenen Gedanken zu lösen. Man
spricht hier von kognitiver Defusion. Oft identifizieren sich Patienten stark mit ihren Urtei-
len, sie besitzen kaum Distanz zu ihnen und sehen ihre Gedanken als Tatsachen an. Das ist
etwa so, als würde jemand auf einem Computerbildschirm Sätze lesen wie „Du bist dumm“
oder „Lass es lieber, Versager“ – und derjenige glaubt sie wortwörtlich.
75 Man kann nun panisch Tasten drücken, damit der Satz verschwindet. Oder man sagt
sich: Was immer da steht, es muss nicht stimmen; Gedanken kommen und gehen, wie ein
Regenschauer. Gewinnt der Patient den nötigen Abstand zum Inhalt seiner Gedanken, kann
er freier entscheiden, ob und wie er darauf reagieren will.
Das lässt sich auch auf das Selbstbild übertragen. Hält jemand bestimmte Erklärungsmus-
80 ter für unbezweifelbar, so entwickelt er häufig rigide Vorstellungen von sich selbst.
Etwa: „Weil ich als Kind nie gelobt wurde, habe ich so große Angst zu versagen – ich sollte
mir besser nichts zumuten.“ Im Rahmen der Therapie geht es dann darum, eine beobach-
tende Außenperspektive einzunehmen und so eine neue Sicht auf sich zu gewinnen. In
Selbsterfahrungsübungen kann der Patient zudem seinen Sinn dafür schärfen, welche Anteile
85 des eigenen Ichs eher stabil sind – ähnlich wie eine Vase, die alle möglichen „Blumen“ (Zu-
stände oder Emotionen) enthalten kann: Trauer ebenso wie Freude, Momente des Schei-
terns, aber auch Erfolge.
Durch ihre Vermeidung und die beschriebene „Gedankenfusion“ stehen Patienten oft
wenig in Kontakt mit ihrer unmittelbaren Umwelt. Sie beschäftigen sich viel mit vergange-
90 nen Missgeschicken oder Versäumnissen und grübeln darüber nach, wie sie vermeintliche
Bedrohungen in der Zukunft abwenden können. Um dem entgegenzuwirken, praktiziert
man in der ACT eine Reihe von Achtsamkeits- und Imaginationsübungen. Die Patienten
sollen sich zum Beispiel vorstellen, aufkommende Gedanken einzeln auf ein Blatt zu setzen
und den „Gedankenfluss“ hinuntertreiben zu lassen.
95 Entscheidend ist es, keine bewertende Haltung gegenüber dem eigenen Empfinden ein-
zunehmen und nicht mehr nur Symptome der Störung, sondern auch andere Aspekte der je-
weiligen Situation wahrzunehmen. Die ACT nutzt dabei viele Metaphern und Bilder. Ein
Beispiel ist das „Tauziehen mit dem Angstmonster“. Der Therapeut bittet den Patienten,
das Ende eines Seils festzuhalten, dessen anderes Ende er selbst hält. Der Patient soll sich
100 vorstellen, dass zwischen beiden ein Abgrund liegt, in dem Ängste und negative Empfin-
dungen lauern. Nun zieht der Therapeut am Seil und bringt den Patienten damit näher an
den „Abgrund“.
Der Patient wiederum kann zunächst nichts anderes tun, als dagegenzuhalten und zu
kämpfen. Nach einiger Zeit des Zerrens fragt der Therapeut, was passieren würde, wenn der
105 Patient das Seil einfach losließe, statt weiter daran zu ziehen. Das veranschaulicht, welche
Vorteile die Akzeptanz gegenüber den eigenen Gedanken hat: Sie strengt weniger an und
eröffnet die Freiheit, seine Energie auf anderes zu richten.
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, der eigenen inneren Stimme einen Namen zu ge-
ben. Steven Hayes selbst erzählt in Vorträgen oft, dass er seine innere Stimme „George“
110 nennt und dass er Georges Vorschlägen respektvoll zuhört, sich dafür bedankt, aber nicht
allzu viel darauf gibt. So schafft er Abstand zu Gedanken wie „Ich kann das nicht“.
„Red nur, George“
Die Idee dahinter ist, dass wir täglich Tausende von Gedanken produzieren. Doch längst
nicht jeder verdient es, auf die Goldwaage gelegt zu werden. So wie Hayes seinen „George“
115 einfach reden lässt, können wir unsere Selbstkritik wahrnehmen und vorbeiziehen lassen.
Abwertende Urteile wie „Ich kann nichts“ oder „Ich bin wertlos“ bestimmen oft das
Denken von Menschen mit einer Depression. Um diesen Worten die Kraft zu nehmen, kann
man sie mehrmals schnell hintereinander wiederholen. So hört sich die Aussage rasch selt-
sam an und verliert an Wirkung. Eine andere Möglichkeit ist, mit verstellter Donald-Duck-
120 Stimme zu sprechen oder zur Melodie von „Alle meine Entchen“ zu singen. Diese Techniken
helfen, belastende Gedanken zu verfremden und so die Distanzierung zu erleichtern.
[…]
Wie wir heute wissen, ist das Vermeiden von negativen Gedanken nicht nur ineffektiv,
sondern kann sogar psychische Probleme aufrechterhalten. So bringt es oft mehr Erleichte-
125 rung, nicht gegen unangenehme Zustände anzukämpfen. Wer sich von seiner Ängstlichkeit
distanziert, die eigene Unsicherheit hinnimmt oder den Gedanken, er sei zu nichts zu gebrau-
chen, gelassen quittiert („Danke, George!“), den suchen sie auf lange Sicht seltener heim.
2. Vergleichen Sie die Akzeptanz- und Commitmenttherapie mit der Psychoanalyse nach Freud im Hinblick auf Grundannahmen, Ziele und Methoden; beziehen Sie dabei auch Freuds tiefenpsychologisches Persönlichkeitsmodell mit ein. (30 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Vergleichen Sie die Akzeptanz- und Commitmenttherapie mit der Psychoanalyse nach Freud im Hinblick auf Grundannahmen, Ziele und Methoden; beziehen Sie dabei auch Freuds tiefenpsychologisches Persönlichkeitsmodell mit ein.
Lösung: Eine vollständige Ausarbeitung beinhaltet: - Tiefenpsychologisches Persönlichkeitsmodell (Freud): Zentrale Bedeutung des Unbewussten; Schichtenmodell (Bewusstes, Vorbewusstes, Unbewusstes); Instanzenmodell (Es mit Triebansprüchen/Lustprinzip, Über-Ich mit moralischen Geboten, Ich als Vermittler/Realitätsprinzip); innerpsychische Dynamik (Triebenergie, Phasen der psychosexuellen Entwicklung, Abwehrmechanismen zur Angstbewältigung). - Grundlagen, Methoden und Ziele der Psychoanalyse: Aufdeckung unbewusster, verdrängter Kindheitskonflikte; freie Assoziation, Traumdeutung, Deutung von Widerstand und Übertragungsprozessen; Ziel ist die Ich-Stärkung ('Wo Es war, soll Ich werden') und emotionale Nachreifung. - Vergleich der Grundannahmen: Gemeinsamkeit: Verdrängung/Vermeidung angstauslösender Inhalte hilft dauerhaft nicht; assoziative Gedankennatur. Unterschied: ACT sieht Störungen in Vermeidungsverhalten, mangelnder Flexibilität und Überbewertung negativer Kognitionen; Psychoanalyse führt Störungen auf unbewusste, ungelöste frühkindliche Konflikte zurück. - Vergleich der Ziele: Gemeinsamkeit: Patient hinterfragt Selbstkonzepte (Ich-Stärkung vs. flexibles Selbstkonzept). Unterschied: ACT strebt keine Ursachenklärung oder Symptombekämpfung an, sondern werteorientiertes Handeln trotz Symptomen; Psychoanalyse zielt auf tiefgehende Ursachenaufdeckung und Konfliktlösung ab. - Vergleich der Methoden: Gemeinsamkeit: Gedanken unzensiert bzw. unbewertet fließen lassen (freie Assoziation vs. 'Gedankenfluss' auf Blättern). Unterschied: ACT ist gegenwarts- und lösungsorientiert (Achtsamkeit, kognitive Defusion, Metaphern); Psychoanalyse ist vergangenheitsorientiert und deutend (Introspektion, Übertragungsanalyse).
Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium
Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.
‹ Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 1 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023 · Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 3 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023 ›
Mehr Aufgaben zu Psychische Störungen und Psychotherapie
- Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 2 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023
- Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 3 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023
- Aufgabe 2 · GK · Nachtermin 2023
- Aufgabe 3 · LK · Haupttermin 2023
- Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 1 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023
- Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 3 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023
- Aufgabe 3 · LK · Nachtermin 2023
- Aufgabe HT 3 - Aufgabe 1 · GK · Haupttermin 2022
- Aufgabe HT 3 - Aufgabe 2 · GK · Haupttermin 2022
- Aufgabe HT 3 - Aufgabe 3 · GK · Haupttermin 2022