Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Psychologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Thema: Sozialpsychologische Theorien anwenden · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)

Aufgabenstellung

Hätte, wäre, könnte

Edith Piafs weltberühmtes Chanson „No[n], je ne regrette rien“ 1 ist eine Hymne gegen

die Reue. Auch James Bonds Chefin „M“, dargestellt von Judi Dench, findet die Regung

höchst unprofessionell. Und in Friedrich Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ stellt der Dich-

ter gleich zu Beginn klar, Reue sei nur am Kreuz möglich. Das sind lediglich einige Bei-

5 spiele dafür, welch schlechten Ruf es hat zu bereuen. Letzteres liegt vor allem daran, dass

uns dieses Gefühl typischerweise nach einem Scheitern überkommt.

Man versuchte etwas, strebte nach einem Ziel, doch es misslang. Man hätte dieses oder

jenes tun sollen, unterließ es jedoch – oder entschied sich schlichtweg für das Falsche. Oft

leidet der Reumütige selbst darunter, manchmal aber auch andere, etwa die Opfer eines von

10 ihm verschuldeten Unfalls. Gewissensbisse bedürfen dabei stets der Einsicht, dass man einen

Fehler beging. Im Idealfall weiß der Betreffende sogar ganz genau, was er hätte anders

machen sollen. Darüber nachzudenken, ist zwar meist unangenehm, hilft allerdings, ähnliche

Vorfälle zukünftig zu vermeiden.

Immer wieder liest man Berichte von Krankenschwestern oder -pflegern, die notiert haben,

15 was Menschen am Lebensende besonders bereuten. „Ich habe zu wenig Zeit mit der Fami-

lie verbracht“, findet sich häufig darunter, so wie „Ich habe mich zu wenig um mich selbst

gekümmert“ oder „Ich bin nicht genug gereist“. Forscher versuchen durch Interviews oder

Fragebogen mehr über solche „life regrets“ – verpasste oder bereute Lebensereignisse – zu

erfahren.

20 Mike Morrison vom King’s University College in London (Kanada) und Neal Roese von

der Northwestern University in Evanston (USA) untersuchten in einer repräsentativen US-

amerikanischen Stichprobe, auf welchen Feldern Menschen typischerweise bereuen. Zu den

am häufigsten genannten Lebensbereichen zählten: Partnerschaft (19 Prozent), Familie (17

Prozent), Karriere (14 Prozent), Finanzen (10 Prozent) und Elternschaft (9 Prozent).

25 Gemeinsam mit Morrison und Roese fand ich in mehreren Studien auffällige Unterschiede

zwischen zwei großen Lebensbereichen: Arbeit und private Beziehungen. Meist hadern

Menschen im beruflichen Kontext viel weniger als im zwischenmenschlichen. Das liegt

vermutlich daran, dass in letzterem unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit stärker bedroht ist.

Typische Situationen sind etwa Konflikte mit dem Partner, den Eltern oder den Kindern.

30 Diese empfinden wir oft als belastender als etwa Fehlentscheidungen im Job. Mitunter gibt

es aber auch hier Konflikte, die das Bedürfnis nach Zugehörigkeit betreffen: So bringt ein

Arbeitsplatzwechsel häufig soziale Umbrüche mit sich. Spielt dieser Aspekt eine besondere

Rolle, fällt die Reue ebenfalls stärker aus.

Eine wichtige Unterscheidung ist die zwischen der Reue darüber, was man getan hat,

35 und die darüber, was man unterließ. Fragt man Menschen, was sie bereuen, fallen den meis-

ten zunächst mehr Beispiele für bestimmte Handlungen ein. Hat jemand etwa eine Reise

gebucht, die sich später als völlig überteuert und schlecht organisiert erwies, prägt sich dies

ins Gedächtnis ein. Allerdings ergaben Studien der Psychologen Victoria Medvec und

Thomas Gilovich an der Cornell University, dass wir verpasste Chancen, also Momente, in

40 denen wir nicht aktiv wurden, auf lange Sicht sogar stärker bereuen.

Nichtstun ist auch keine Lösung

Die Forscher befragten Probanden nicht nur danach, was ihnen in ihrem Leben leidtat,

sondern auch danach, wie weit das jeweilige Ereignis zurücklag. Bei der Reue über kürzlich

Geschehenes standen aktive Handlungen im Vordergrund; unter den länger zurückliegen-

45 den Patzern fanden sich dagegen mehr „Nicht-Handlungen“ – und diese wurden stärker

bereut als Taten. Verpasste Chancen beschäftigen uns demnach langfristig oft mehr als aktiv

begangene Fehler.

Wie erwähnt löst das Nachdenken über einen persönlichen Fauxpas meist Unwohlsein

aus. Dennoch kann es für die Zukunft wichtig sein. Nehmen wir das folgende Beispiel: Sie

50 verpassen die einmalige Gelegenheit, sich auf eine frei gewordene Position in Ihrem Unter-

nehmen zu bewerben. Es dauerhaft zu bereuen, bringt nichts, denn Sie können die Uhr nun

mal nicht zurückdrehen – die betreffende Stelle ist inzwischen anderweitig besetzt. Zudem

ist unklar, ob die Wahl am Ende wirklich auf Sie gefallen wäre.

Wie Amy Summerville von der Miami University und Neal Roese in einer Studie be-

55 richteten, bereuen wir etwas im Schnitt weniger, wenn das entsprechende Ziel in unerreich-

bare Ferne rückt. Das kann entweder an der speziellen Situation liegen, wie im genannten

Beispiel, aber auch an der Person selbst. Dies haben insbesondere Alternsforscher unter-

sucht. Denn mit zunehmendem Alter schwinden die Chancen, bestimmte Entscheidungen

nachzuholen oder zu korrigieren.

60 Ein Team um Carsten Wrosch von der Concordia University in Toronto (Kanada) fand

heraus, dass Senioren im Schnitt viel weniger bereuen – vor allem nicht solche Dinge, die

kaum (noch) veränderbar erscheinen. Eine sportliche Höchstleistung oder ein grundlegend

neuer Karriereweg scheint jenseits der Sechzig doch eher unrealistisch. An der Fähigkeit,

unerreichbar gewordene Ziele aufzugeben, beweist sich womöglich sogar gesundes Altern.

65 Senioren investieren einfach weniger Herzblut in große Ambitionen und konzentrieren sich

stärker auf das für sie Machbare.

Doch welche gedanklichen Prozesse liegen der Reue überhaupt zu Grunde? Furcht bei-

spielsweise entsteht, wenn man eine akute Bedrohung wahrnimmt und keine Möglichkeit

sieht, sich zu verteidigen. Beim Bereuen ist die Sache komplexer: Blieb ein angestrebtes

70 oder wünschenswertes Ereignis aus, muss man diesen Umstand erstens auf das eigene Ver-

halten zurückführen und zweitens wissen oder zumindest ahnen, was man stattdessen hätte

tun sollen. Hier geht es also um ein hypothetisches Wenn-Dann; Psychologen bezeichnen

das als kontrafaktisches Denken.

Vom Nutzen der Selbstkritik

75 „Wenn ich früher zu lernen angefangen hätte, wäre ich nicht durch die Prüfung gefal-

len.“ Oder: „Wenn ich nicht so stur gewesen wäre, hätte der Abend mit Petra und Karl nett

werden können.“ Derlei Alternativszenarien sind mit ziemlich konkreten Handlungsanwei-

sungen für die Zukunft verknüpft. Reue steigert somit die Wahrscheinlichkeit, dass man die

nächste Prüfung besteht oder sich nicht rettungslos verkracht.

80 Die genannten Beispiele erfordern noch etwas: Selbstkritik. Der Betreffende hat sich un-

geschickt angestellt und sieht das auch ein. Dies zu erkennen, fällt uns beileibe nicht immer

leicht. Häufig fühlen wir uns im Gegenteil von anderen oder vom Schicksal ungerecht be-

handelt und sind nicht bereit, bei uns selbst die Verantwortung zu suchen. So mancher gibt

zum Beispiel lieber dem Lehrer oder Professor die Schuld an der verpatzten Prüfung. Das

85 mag in Einzelfällen gerechtfertigt sein, ist für den weiteren Studienerfolg aber meist nicht

sonderlich hilfreich.

Es kommt hierbei sehr darauf an, welches Ziel man verfolgt: Will ich mich trotz

schlechter Note einfach gut fühlen, nutzt es durchaus, anderen den schwarzen Peter zuzu-

schieben. Will ich es in Zukunft besser machen, sollte ich allerdings selbstkritisch genug

90 sein, um Reue zu empfinden.

Nun könnte man fragen, ob dies nicht langfristig doch zu mehr Wohlbefinden führt als

das fröhliche Ausblenden eigener Fehler und Schwächen. Die Psychologin Laura King von

der University of Missouri (USA) hat sich damit eingehend beschäftigt. Sie untersuchte

Menschen, die einen tief greifenden Umbruch im Leben durchgemacht hatten. Darunter

95 etwa homosexuelle Männer, die ein spätes Comingout hatten, oder Frauen, die sich nach

vielen Jahren von ihrem Ehepartner trennten. Laut King lässt sich subjektives Wohlbefin-

den nicht isoliert von der persönlichen Reifung im Erwachsenenalter betrachten. Für diese

sei es wichtig, über das Geschehene nachzudenken, seine Ziele neu zu justieren und alterna-

tive Pläne für die Zukunft zu schmieden – kurzum: nicht in der Vergangenheit verhaftet zu

100 bleiben. Begangene Fehler und Verluste zu ignorieren, dient diesem Ziel kaum, denn um

beispielsweise nach dem Scheitern einer Beziehung eine neue, glückliche Partnerschaft ein-

zugehen, muss man sein früheres Verhalten kritisch hinterfragen. Daraus erwächst häufig

ein komplexeres, reiferes Selbst, das für eine stabile Gemütslage wichtig ist.

[...]

105 [Im Alltag] ist [...] nicht immer eine klare Ursache [eines Ereignisses, das bereut wird]

erkennbar. Hier spielen daher subjektive Interpretationen und Zuschreibungen eine Rolle –

und diese haben oftmals negative Konsequenzen. Ein drastisches Beispiel lieferte Mitte der

1990er Jahre eine Studie von Christopher Davis von der University of British Columbia in

Vancouver (Kanada) und seinen Kollegen. Sie befragten Eltern, die ihr Baby durch den so

110 genannten plötzlichen Kindstod verloren hatten. Die genaue Todesursache war also unbe-

kannt, und den Eltern war dies auch bewusst. Trotzdem dachten sie sehr viel darüber nach,

was sie hätten anders machen können. Und je mehr sie grübelten, desto schlechter ging es

ihnen. Denn solche Gedanken sind meist von starken Schuldgefühlen begleitet – obwohl

die Eltern nach allem, was man weiß, gar keine Schuld traf.

115 Offenbar bestimmen längst nicht nur die objektiven Gegebenheiten darüber, was man

bereut und ob man darüber grübelt, was man hätte anders machen können. In den beschrie-

benen Situationen sind solche Gedanken oft so belastend, dass die Betreffenden therapeuti-

scher Hilfe bedürfen.

[...]

120 Wie sieht es nun aus, wenn die Betreffenden zwar durchaus etwas für ihre Malaise 2 kön-

nen, diese aber kaum veränderbar erscheint? Gemeinsam mit dem Psychologen Kai Jonas

von der Universität Maastricht befragte ich niederländische Männer, die sich durch unge-

schützten Geschlechtsverkehr mit HIV infiziert hatten. Hier war das eigene Verhalten also

tatsächlich der ausschlaggebende Faktor. Wie zu erwarten, dachten sie meist intensiv über

125 die Umstände ihrer Ansteckung nach. Und je mehr sie sich damit befassten, warum sie auf

Kondome verzichtet hatten, desto geringer war ihr Wohlbefinden.

Schaden begrenzen statt die Zeit zurückdrehen

An der Infektion an sich war nun nichts mehr zu ändern, auch wenn HIV heute nicht

mehr ganz so dramatische Folgen hat wie noch vor einigen Jahren. Das eigene Verhalten zu

130 hinterfragen, erscheint für die befragten Männer allerdings nach wie vor relevant, da unge-

schützter Verkehr mit HIV-Infizierten natürlich gravierende Folgen für den Sexualpartner

haben kann. Zudem können sich die HIV-Träger mit weiteren sexuell übertragbaren Keimen

infizieren, was bei einem geschwächten Immunsystem durchaus gefährlich ist.

Die Untersuchung zeigte: Je mehr die Probanden bereuten und über die Ansteckung

135 nachdachten, desto eher waren sie bereit, in Zukunft Kondome zu benutzen. Reue sorgt also

einerseits für negatives Befinden, trägt jedoch andererseits dazu bei, dass man Konsequen-

zen zieht und sich die Situation nicht noch weiter verschlimmert.

[...]

Bereuen hat einen schlechten Ruf. Doch statt eines trotzigen „No regrets!“ ist es oft

140 klüger, über die Ursachen des Scheiterns nachzudenken und abzuwägen, was man anders

machen will. Genau dabei hilft Reue. Wichtig ist bei alldem, darauf zu achten, ob eine Situa-

tion nicht mehr zu ändern ist, und das gegebenenfalls zu akzeptieren. Reue nützt vor allem

dann, wenn ähnliche Fälle erneut auftreten werden. Oder wie der Dramatiker Arthur Miller

einmal sagte: „Am Ende bleibt uns nur zu hoffen, dass wir die richtigen Dinge bereuen.“

1 Nein, ich bereue nichts.

2 hier: missliche Lage

Aus: Kai Epstude: Hätte, wäre, könnte. In: Gehirn&Geist, 10/2019, S. 32–37.

Aufgabenstellung 1

Arbeiten Sie aus dem Text strukturiert heraus, was der Autor zum Thema Reue darlegt, und bringen Sie die Möglichkeiten, mit Reuegefühlen umzugehen, mit der Kausalattribution in Zusammenhang. (26 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Psychologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Arbeiten Sie aus dem Text strukturiert heraus, was der Autor zum Thema Reue darlegt, und bringen Sie die Möglichkeiten, mit Reuegefühlen umzugehen, mit der Kausalattribution in Zusammenhang.

Lösung: Ausführliche Textanalyse zu Reue sowie fundierte Verknüpfung mit Konzepten der Kausalattribution gemäß den Kriterien der Abiturvorgaben.

Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium

Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.

‹ Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 2 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023 · Aufgabe 1 - Teilaufgaben 2 und 3 · LK · Nachtermin 2023 ›

Mehr Aufgaben zu Sozialpsychologische Theorien anwenden