Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 3 · Abitur NRW Psychologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023
Thema: Sozialpsychologische Theorien anwenden · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)
Aufgabenstellung
Für mich bist du Luft!
Wie reagieren wir, wenn andere uns ignorieren? Die Ergebnisse von sozialpsychologischen Studien sind alarmierend.
[...] Kip geht im Park spazieren. Ein verirrter Frisbee trifft ihn am Rücken. Kip hebt ihn
auf und wirft ihn zurück zu den beiden jungen Männern, denen die Scheibe gehört. Zu seiner
Überraschung kommt der Frisbee sofort zu ihm zurückgeflogen, Kip wird von einem unbe-
teiligten Spaziergänger zum Mitspieler. Doch nach drei oder vier Würfen ist der Spaß
5 schon wieder vorbei: Die beiden anderen spielen nur für sich und beachten Kip nicht mehr.
Der lässt die Schultern hängen und fühlt sich erbärmlich. Aber warum eigentlich? Weshalb
tut es so weh, von einem Moment auf den nächsten komplett ignoriert zu werden?
Heute gehört Kip Williams zu den angesehensten Sozialpsychologen der Welt. Seine
Karriere verdankt er nicht zuletzt der Episode im Park. „Auf dem Nachhauseweg“, sagt er,
10 „wurde mir klar: Ich hatte eine Methode gefunden, Ostrazismus im Labor zu untersuchen.“
Ostrazismus? Damit bezeichnen Psychologen eine Situation, in der Menschen von anderen
nicht beachtet oder ausgeschlossen werden. Das Wort stammt aus dem Griechischen und
geht zurück auf ein seltsames Ritual im alten Athen. Einmal im Jahr stimmten dort die
Bürger darüber ab, ob sie ein „Scherbengericht“ abhalten wollten, um sich etwaiger Stören-
15 friede zu entledigen. War die Mehrheit dafür, konnte jeder Stimmberechtigte den Namen
eines unangenehmen Mitbürgers in eine Tonscherbe (ostrakon) ritzen. Wer eine bestimmte
Anzahl von Stimmen erhielt, wurde für zehn Jahre in die Verbannung geschickt. Kein be-
sonders freundlicher Brauch.
Ein Spiel namens Cyberball
20 Was passiert mit uns, wenn andere uns die kalte Schulter zeigen? Um das zu untersu-
chen, verlegte Kip Williams sein Frisbeerlebnis ins Labor. Er programmierte ein Compu-
terspiel namens „Cyberball“. Drei Computerfiguren werfen sich dabei einen virtuellen Ball
zu, eine der Figuren wird von der Versuchsperson gesteuert. Bei der Hälfte der Probanden
geht dieses mäßig aufregende Spiel ohne Störung seinen Gang. Doch der anderen Hälfte
25 widerfährt genau das, was Kip Williams im Park erlebte: Man bekommt schon bald keinen
einzigen Ball mehr zugeworfen – die beiden anderen Figuren tun so, als sei man überhaupt
nicht da. Nach zwei bis drei Minuten beendet der Versuchsleiter das grausame Treiben und
stellt den unglücklichen Probanden eine einfache Frage: „Wie haben Sie sich gefühlt?“ Die
erste Reaktion ist immer dieselbe – unabhängig von der Persönlichkeit der Probanden: Man
30 fühlt sich extrem traurig und zugleich extrem wütend.
„Offenbar ruft Ostrazismus in uns eine sehr, sehr elementare Reaktion hervor“, folgert
Williams. Er hält die Wut-und-Trauer-Reaktion, die er tausendfach im Labor hat messen
können, für eine Art biologisches Frühwarnsystem, eine archaische 1 und ziemlich laute
innere Warnsirene. Sie signalisiert Lebensgefahr: Bei unseren Jäger-und-Sammler-Vor-
35 fahren kam der Ausschluss aus dem schützenden Clan einem Todesurteil gleich. Noch im
antiken Rom galt die Verbannung im Vergleich zur Todesstrafe als das härtere Los.
„Ostrazismus bedroht eine Reihe ganz fundamentaler menschlicher Bedürfnisse“, erklärt
Kip Williams. Zum einen das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, das im Herdentier Mensch
ähnlich tief verankert ist wie das Bedürfnis nach Nahrung und Schlaf. Aber auch das Be-
40 dürfnis nach Kontrolle wird massiv verletzt, also der Wunsch, das eigene Schicksal selbst
in der Hand zu haben.
Was tun wir, um diese Bedrohungen abzuwenden? Wie verändert sich unser Verhalten?
Wir werden mit einem Schlag extrem aufmerksam für die subtilsten sozialen Signale: Ob
ein Lächeln echt oder nur gespielt ist, erkennen wir jetzt deutlich besser als sonst. Wir imi-
45 tieren verstärkt die Körpersprache der Menschen, die uns umgeben. All das geschieht, weil
wir wieder Teil der Gruppe werden wollen – mit allen Mitteln. [...]
Die Folgen: Von Sekten bis Amoklauf
„Ostrazismus“, schreibt Kip Williams, „kann ein derart starkes Verlangen in uns wecken,
dazuzugehören und von irgendwem gemocht zu werden, dass unsere Fähigkeit schwindet,
50 zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Das geht sogar so weit, dass wir uns von so
ziemlich jeder Gruppe angezogen fühlen, die bereit ist, uns aufzunehmen – sogar von
Sekten und Extremisten.“ [...]
Doch was geschieht, wenn all diese Bemühungen scheitern? Wenn man trotz seines
Wohlverhaltens noch immer keine Beachtung findet? Man reagiert nach dem Motto: „Und
55 willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein.“
Man hilft nicht mehr, wenn anderen aus Versehen ein paar Bleistifte herunterfallen. Man
meldet sich nicht mehr freiwillig für ehrenamtliche Aufgaben und spendet weniger Geld für
mildtätige Zwecke. Und man wird aggressiv. Kip Williams gab einigen seiner Probanden
die Chance, sich für die Zurückweisung zu rächen. Zum Beispiel mit einer extrem scharfen
60 Soße. Der Forscher hatte sie zu Hause persönlich zubereitet – schon ein einziger Tropfen
davon führte zu Schweißausbrüchen.
Die Rache fiel deutlicher aus als erwartet. Wer zuvor Ostrazismus erlebt hatte, servierte
den anderen Probanden die fünffache Menge dieser Höllenbrühe. Bemerkenswert: Das
blindwütige Rachegefühl der Probanden richtete sich gegen Unschuldige, gegen Personen,
65 die mit der zuvor erlebten Kränkung überhaupt nichts zu tun hatten. Als der Sozialpsycho-
loge Mark Leary eine Serie von Amokläufen an Schulen untersuchte, fand er heraus: 87
Prozent aller Täter waren zuvor Opfer von wiederholtem Ostrazismus geworden. [...]
Doch Konformismus und Aggression sind noch nicht alles: Wer ausgegrenzt wird,
scheint unmittelbar danach auch große Probleme zu haben, sich zu beherrschen – unsere
70 Fähigkeit zur „Selbstregulation“ schwindet. Stellt man eine Schüssel mit Keksen vor die
Versuchspersonen, futtern zuvor ausgegrenzte Probanden fast doppelt so viel wie ihre
Kollegen aus der Kontrollgruppe. Sie geben auch deutlich früher auf, wenn es darum geht,
ein Rätsel zu knacken. Auch schneiden ausgegrenzte Probanden in IQ-Tests auf einmal
deutlich schlechter ab, besonders bei Übungen, die ein gewisses Maß an Konzentration und
75 Disziplin erfordern. „Ausgrenzung hat auf die Intelligenz eine ähnliche Wirkung, als
hätte uns jemand einen Backstein auf den Kopf gehauen“, sagt der Sozialpsychologe
Roy Baumeister.
1 frühzeitlich
3. Prüfen Sie unter Heranziehung des Drei-Komponenten-Modells der Einstellung, ob man Ostrazismus im schulischen Umfeld wirksam verhindern kann. (20 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3. Prüfen Sie unter Heranziehung des Drei-Komponenten-Modells der Einstellung, ob man Ostrazismus im schulischen Umfeld wirksam verhindern kann.
Lösung: Eine vollständige Ausarbeitung beinhaltet folgende Aspekte: 1. Skizzierung des Drei-Komponenten-Modells (4 P.): - Einstellungen setzen sich aus drei Komponenten zusammen: * *Kognitive Komponente:* Wissen, Überzeugungen, Vorstellungen und Fakten über das Einstellungsobjekt. * *Affektive Komponente:* Emotionale Reaktionen, Gefühle und Stimmungen, die mit dem Objekt verknüpft sind. * *Verhaltenskomponente (konativ):* Verhaltensabsichten bzw. tatsächliches Handeln bezüglich des Objekts. 2. Prüfung der Möglichkeiten schulischer Prävention (6 P.): - *Kognitive Ebene:* Aufklärung über das Phänomen Ostrazismus und dessen psychische/physische Folgen sensibilisiert Schülerinnen und Schüler, insbesondere gegen unabsichtliches Ausschließen. - *Affektive Ebene:* Empathieförderung durch Selbsterfahrungsübungen, Rollenspiele oder Workshops (z. B. Nachempfinden von Ausgrenzungssituationen), um emotionale Betroffenheit zu erzeugen. - *Verhaltensebene:* Etablierung konkreter Verhaltensregeln, Klassenvereinbarungen und angstfreier Kommunikationsstrukturen, die aktives Integrieren einüben. 3. Prüfung der Grenzen schulischer Prävention (6 P.): - *Kognitive Grenze:* Reines Wissen über Ostrazismus führt nicht zwangsläufig zu einer Änderung der impliziten Einstellungen oder des realen Gruppenverhaltens (Einstellungs-Verhaltens-Diskrepanz). - *Affektive Grenze:* Künstlich inszenierte Schulsituationen können das reale Erleben oft nicht authentisch abbilden; Abwehrmechanismen können echtes Mitgefühl blockieren. - *Gruppendynamische Aspekte:* Unter Schülern herrschen oft informelle Normen, Statuskämpfe oder Cliquenbildung vor, die pädagogischen Maßnahmen entgegenwirken. 4. Eigener Standpunkt (4 P.): - Differenzierte Schlussfolgerung darüber, in welchem Maße und unter welchen Bedingungen (z. B. ganzheitlicher Schulansatz statt Einzelmaßnahmen) Prävention wirksam sein kann.
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