Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Psychologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Thema: Psychische Störungen und Psychotherapie · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)

Aufgabenstellung

Metamorphose im Puppenhaus oder

Wenn Gespenster ausziehen

Die Mutter der elfjährigen Patricia rief mich an, weil ihre Tochter seit ca. eineinhalb Jahren

über ständige Übelkeit klagte. Damals, im 3. Schuljahr, hatte sie sich aufgrund eines Magen-

Darm-Infektes in der Schulklasse übergeben müssen. Im Anschluss an dieses für Patricia

sehr kränkende Erlebnis stellten sich Übelkeit und Brechreiz ein. Beides dauerte inzwischen

5 auch während der Ferien und an den Wochenenden an.

Patricia war die einzige Tochter ihrer Eltern. Sowohl der Vater als auch die Mutter arbeiteten

im Angestelltenverhältnis. Zum Zeitpunkt der Geburt von Patricia waren sie im Alter von

Ende Dreißig. Patricia kam nach einer normal verlaufenen Schwangerschaft durch einen

Kaiserschnitt zur Welt, „weil sie zu groß war“. Sie war durch das fast vollständige Fehlen

10 ihrer Schilddrüse körperlich schwer beeinträchtigt. Patricia musste seitdem ständig medika-

mentös behandelt werden. Halbjährlich wurden die Medikamente nach einer Blutuntersu-

chung neu eingestellt. Ihre körperliche und geistige Entwicklung war durch die rechtzeitige

Medikation nach Aussage der Eltern aber nicht beeinträchtigt worden.

Aus den Erzählungen der Mutter entstand schon bald das Bild einer sehr engen Beziehung

15 zwischen ihr und Patricia. So zeigten sich im Spielkreis und im Kindergarten deutliche

Trennungsschwierigkeiten. Die Einschulung mit sechsdreiviertel Jahren und die erste Zeit

in der Schule verliefen ohne Auffälligkeiten. Nach dem Infekt in der 3. Klasse trat dann

häufig, fast täglich, die Übelkeit auf. Die Mutter beschrieb Patricia als ein Mädchen, das

schon früher auf dem Spielplatz sehr empfindlich reagierte, wenn andere Kinder sie hänsel-

20 ten. Sie fühlte sich in solchen Situationen sehr schnell ausgeschlossen. Patricia wechselte

nach der 4. Klasse auf Empfehlung der Grundschule zur Realschule. Ihr eigentlicher Wunsch

war, auf das Gymnasium zu gehen. In der Realschule entwickelte sie sich dann zu einer

sehr guten Schülerin und hatte bald eines der besten Zeugnisse. Aber auch dort stellte sich

bei ihr bald das Gefühl ein, von den anderen nicht gemocht zu werden. Ganz anders erlebten

25 die Eltern Patricia zu Hause. Dort geriet sie schon bei geringfügigen Anlässen in heftige

Wut und „bollerte los“.

Patricia war für ihr Alter immer sehr klein und zart, ganz im Gegensatz zu ihrer „Größe“

am Beginn ihres Lebens. Die von den Eltern vermutete Kleinwüchsigkeit bestätigte sich

nach der Untersuchung in einer großen Spezialklinik allerdings nicht. Bei der Schilderung

30 von Patricias Problemen betonte die Mutter, dass Patricia das Negative suche und alles auf

sich beziehe. Immer wieder tauchten in den Erzählungen der Mutter Hinweise auf die große

Kränkbarkeit und die heftige Wut des Mädchens auf.

Eine umfassende medizinische Diagnostik bezüglich der andauernden Übelkeit brachte

keine Ergebnisse. Die Mutter wurde durch ein Gespräch mit der zuständigen Psychologin

35 im Krankenhaus auf die Möglichkeit einer psychotherapeutischen Behandlung hingewiesen.

In den ersten Stunden bei mir zeichnete sich die Notwendigkeit einer längeren Behandlungs-

dauer ab. So entschieden wir uns für zunächst 50 Stunden Behandlungsdauer mit der Option

einer Verlängerung.

Es entstand schon bald bei mir der Eindruck heftiger latenter Aggressionen bei Patricia, die

40 sie daran hinderten, die anstehenden Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz zu meistern.

Ihre Symptomatik spiegelte sowohl das Gefühl, dass ihr „zum Kotzen“ zumute war, als

auch den Wunsch nach immer wiederkehrender körperlicher Versorgung, so wie Säuglinge

sie erfahren. Um den nächsten Entwicklungsschritt zu unterstützen, schien es notwendig, den

Behandlungsfokus auf das Bewusstwerden ihrer narzisstischen 1 Wut zu richten, diese als

45 einen Teil ihres Selbst begreifbar zu machen, um sie schließlich in ihre Persönlichkeit in-

tegrieren und die konstruktive Nutzung im Sinne ihrer Autonomieentwicklung bahnen zu

können. Die im Zusammenhang mit dieser angestrebten progressiven Entwicklung auftau-

chenden regressiven Bedürfnisse sollten ebenfalls in der Therapie Raum bekommen.

Patricia lächelte mich strahlend an, als sie zur ersten Sitzung ins Zimmer huschte. Im Flur

50 hatte ihre Mutter sie schnell noch mit einem Schluck Apfelschorle versorgt. Patricia trug ihre

schwarzen langen Haare offen und war sehr klein und zart für ihr Alter. Sie wirkte körper-

lich jünger als elf Jahre, im Gesicht erschien sie schon älter. In der Szene vor dem Behand-

lungsraum erinnerte mich Patricia einerseits an ein frisch geschlüpftes Vögelchen, das von

seiner Mutter gefüttert wurde und noch nicht flügge war, andererseits war sie dafür schon

55 zu groß und blickte mich mit fast erwachsenen, ernsten Augen an. Sie bemühte sich im wei-

teren Verlauf der Stunde, besonders höflich zu sein, indem sie bei jedem Husten meinerseits

„Gesundheit“ sagte und mich anstrahlte. Sie versetzte mich dadurch in eine gewisse Ratlosig-

keit ob der Widersprüchlichkeit zwischen ihrer überangepassten Höflichkeit und ihrem unbe-

streitbaren Charme, dem ich schließlich nicht widerstehen konnte und zurücklächelte.

60 Sceno-Test [...]

Als ich Patricia anbot, den Sceno-Test 2 aufzubauen, war sie sofort bei der Sache und stellte

eifrig und zielbewusst mehrere Szenen auf (vgl. Abb. 3.1). Auffällig war, dass sie die Mitte

leer ließ, während alle Ecken von ihr besetzt wurden. Die leere Mitte nahm ich als Hinweis

auf ein Grundgefühl der Einsamkeit. Die bebauten Ecken zeigten hingegen Struktur. Dort

65 waren verschiedene Szenen aufgebaut, die allerdings durch ihre Beziehungslosigkeit auffie-

len. Die Mutter hatte auf ihrer Sitzgelegenheit keine Stabilität, sondern kippte nach hinten

weg. Vater und Mutter hatten keine Verbindung, die Mutter schaute zwar in Richtung des

Kindes, sah es aber nicht wirklich. Der Vater saß allein vor dem Fernseher. Er schien in dem

gestellten Bild isoliert und war in seiner Bedeutung nicht einschätzbar. An mehreren Stel-

70 len saßen oder lagen Kinder allein. Sie waren allerdings mit Nahrung oder Lernmaterial

versorgt. Hier gab es Hinweise auf eine emotionale Unterversorgung, die durch ein übermä-

ßiges Augenmerk auf die körperliche Versorgung kompensiert wurde. Der Fuchs als Sym-

bol für aggressive Anteile stand außerhalb des Rahmens, „soll aber reinkommen“, betonte

Patricia. [...]

Ankommen und kein Maß finden

In die erste Stunde nach den probatorischen Sitzungen 3 kam Patricia mit verschiedenen

Wunden und blauen Flecken, die sie sich im Zusammenhang mit einer „Pechsträhne“, wie

sie es nannte, zugezogen hatte. Sie erzählte, während sie mir die Arme entgegenstreckte,

dass sie sich mehrmals gestoßen habe und einige Male gestolpert sei. So zeigte sie mir un-

80 vermittelt ihre Bedürftigkeit, allerdings auf der körperlichen Ebene, ohne dass die damit

verbundenen Gefühle für sie oder für mich im Kontakt spürbar wurden, geschweige denn

ausgesprochen werden konnten.

Nachdem sie einige Regelspiele ausprobiert hatte, die sie von zu Hause kannte, spielte sie

mit mir eine Art Tennis mit einem Schaumstoffball. Es war auffällig, dass sie ohne Gefühl

85 für die Richtung und für ihre Kraftdosierung spielte. Hierbei zeigte sich exemplarisch, dass

es ihr nicht gelang, einen angemessenen Kontakt zu mir herzustellen. Es fehlte offenbar

eine basale 4 Schwingungsfähigkeit, und ich ging davon aus, dass sie selbst diese in ihren

frühen Beziehungen vermisst hatte. In der Gegenübertragung löste dieses Tennisspiel Irrita-

tion und Ärger aus. Ich fühlte mich überhaupt nicht gesehen, geschweige denn in meiner

90 Person ernst genommen. Patricia „donnerte“ die Bälle teilweise mit einer ungeheuren

Wucht zu mir, ohne dass auch nur die kleinste Chance bestand, sie anzunehmen. Gleichzei-

tig lief ich Gefahr, heftig getroffen zu werden. Ich konnte in diesen Situationen zunächst

nur auf der Handlungsebene reagieren, indem ich mich bemühte, Regeln zu installieren.

Auffällig war, dass Patricia, nachdem sie mich getroffen oder nur knapp verfehlt hatte, zu

95 mir gelaufen kam, um die Bälle aufzuheben. Es schien in diesen Momenten so, als wollte

sie ihre aggressiven „Angriffe“ durch eine Reaktionsbildung ungeschehen machen. War in

meiner Gegenübertragung vielleicht etwas von Patricias frühem Lebensgefühl zu spüren,

nämlich dem Gefühl, von unkontrollierbaren Ereignissen überrollt zu werden? Und fühlten

sich die Eltern vielleicht genauso wie ich zunächst gezwungen, reflexhaft und pragmatisch

100 zu reagieren? Obgleich ich Patricias Lebensgeschichte bisher nur ausschnittweise im Rahmen

der Vorgespräche kennengelernt hatte, war ich mit ihrer Inszenierung und meinen Gegen-

übertragungsgefühlen offenbar schon mittendrin.

Patricia experimentierte am Anfang auch mit den vorhandenen Musikinstrumenten, insbe-

sondere mit den Trommeln und dem Gong. Dabei zeigte sie ein ähnliches Muster wie beim

105 Tennisspielen. Sie schlug sehr aggressiv auf Trommeln und Gong, so laut, dass mir nach

einer der ersten Stunden die Ohren schmerzten. Nach meinem Intervenieren akzeptierte sie

zwar, dass die Lautstärke untragbar war, weil sie Schmerzen verursachte, aber sie schien

dies nicht wirklich mit dem Gefühl nachvollziehen zu können. Insbesondere ihre eigene

Schmerzgrenze war offenbar für sie nicht spürbar. Sie zeigte mir, dass sie in der Bezie-

110 hungsaufnahme auf keine innere Struktur zurückgreifen konnte und ihre Impulse zum Teil

unkontrollierbar entgleisten.

1 selbstverliebt, eigensüchtig

2 Verfahren, das mit Spielmaterial Probleme bei Kindern und Erwachsenen erfasst. Das Kind bzw. der Proband wird aufgefordert, irgendeine Szene zu stellen.

3 die anfänglichen Sitzungen vor dem eigentlichen Beginn einer Psychotherapie

4 grundlegend

2. Erklären Sie den Fall Patricia aus tiefenpsychologischer Perspektive, indem Sie das passende Persönlichkeitsmodell und die passende Angsttheorie heranziehen. Erläutern Sie mithilfe der Psychoanalyse, wie Patricia und die Therapeutin wechselseitig aufeinander wirken. (26 Punkte)

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Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Erklären Sie den Fall Patricia aus tiefenpsychologischer Perspektive, indem Sie das passende Persönlichkeitsmodell und die passende Angsttheorie heranziehen. Erläutern Sie mithilfe der Psychoanalyse, wie Patricia und die Therapeutin wechselseitig aufeinander wirken. (26 Punkte)

Lösung: Tiefenpsychologische Fallanalyse unter Anwendung von Instanzenmodell, Signalangst sowie Konzepten von Übertragung und Gegenübertragung.

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