Aufgabe NT 4 - Aufgabe 2 · Abitur NRW Psychologie LK · Nachtermin 2022

Thema: Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Die Wurzeln der Freundschaft

Im Juni 2016 fiel an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich der Start-

schuss zu einem sozialpsychologischen Experiment. Forscher hatten Studierende des neuen

Jahrgangs zu einer Informationsveranstaltung eingeladen und würfelten die Teilnehmer per

Zufallslos zu Kleingruppen zusammen. Mit der jeweiligen Hand voll Kommilitonen machten

5 die Erstsemester eine Tour über den Campus, diskutierten miteinander und aßen gemeinsam in

der Mensa.

Als man die Probanden drei Monate später fragte, welche guten Freunde sie in ihrem Jahr-

gang gefunden hatten, nannten sehr viele von ihnen jemanden aus ihrer damaligen Begrüßungs-

gruppe – deutlich mehr, als angesichts der Vielzahl anderer Kommilitonen statistisch zu er-

10 warten gewesen wäre. Allerdings waren viele dieser frühen Freundschaften nicht von Dauer,

wie Studienautor Christoph Stadtfeld, Professor für soziale Netzwerke in Zürich, und seine

Mitarbeiterin Zsofia Boda feststellten. Mehr als jede zweite Freundschaft ging innerhalb des

ersten Studienjahrs in die Brüche. Zugleich gewannen die Studienanfänger zahlreiche neue

Freunde hinzu.

15 Der Zufall beeinflusst zwar sicherlich, mit wem wir uns zunächst lose befreunden. Ob

daraus eine längerfristige Bindung entsteht, hängt aber von weiteren Faktoren ab. […]

Was bestimmt darüber, welche Beziehung Bestand hat? Und warum haben wir überhaupt

Freunde? […]

[…] »Der evolutionäre Ursprung von Freundschaft hat sicher etwas damit zu tun, dass sie

20 beiden Beteiligten nutzt«, erklärt Oliver Schülke, Verhaltensökologe an der Universität

Göttingen. »Ist dieser Nutzen zu ungleich verteilt, kracht es irgendwann. Dann ist auf einen

Schlag Feierabend, egal wie gut das Verhältnis zuvor gewesen sein mag.«

Das strategische Element des Helfens

Niemand lässt sich gern ausnutzen. Wenn wir einen anderen unterstützen, erwarten wir in

25 der Regel, dass er sich uns gegenüber ebenso verhält, sobald wir in Not geraten. Unsere Hilfe,

so selbstlos sie sich im Moment anfühlen mag, enthält also ein strategisches Element.

Das spiegelt sich sogar in der Hirnaktivität wider, wie eine 2020 erschienene Studie von

Forschern der Universität Bern nahelegt. Demnach spielt bei Hilfeleistungen unter Freunden –

nicht aber unter Fremden – eine Region im Stirnhirn eine wichtige Rolle: der dorsolaterale

30 präfrontale Kortex (DLPFC). Aus anderen Arbeiten weiß man, dass dieses Areal vermehrt

aktiv wird, wenn wir strategische Entscheidungen treffen – sobald wir zum Beispiel selbst-

süchtige Impulse für langfristige Vorteile zurückstellen.

Freunde unterstützen einander; sie sind Gesprächspartner, Umzugshelfer oder Retter aus

finanziellen Notlagen. Wenn es hart auf hart kommt, riskieren sie füreinander sogar die Haut.

35 Selbst bei unseren nächsten Verwandten, den großen Menschenaffen, ist das nicht anders.

»Wir wissen, dass Schimpansen sehr tragfähige, langanhaltende Beziehungen zueinander

aufbauen können«, sagt Roman Wittig vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropo-

logie in Leipzig. »Sie teilen dann beispielsweise Futter miteinander oder stehen im Kampf

füreinander ein – und riskieren dabei sogar Verletzungen.«

40 Ein gutes soziales Netz erhöht so die Chancen, unter widrigen Umständen zu überleben.

Die US-amerikanische Primatenforscherin Joan Silk legte dazu mit zwei Kolleginnen inte-

ressante Daten aus Beobachtungen einer Pavian-Gruppe am Fuß des Kilimandscharo vor.

Über viele Jahre hatten die Wissenschaftlerinnen die Sozialkontakte zwischen den Weibchen

und anderen Tieren in der Gruppe minutiös protokolliert. Je mehr Beziehungspflege die

45 Mütter betrieben, desto größer war die Chance, dass ihre Jungtiere das kritische erste Lebens-

jahr überstanden. Ein engmaschiges soziales Netz scheint sich auszuzahlen. Weshalb genau,

ließ die Studie allerdings offen. Denkbar ist, dass gut vernetzte Mütter mitsamt ihren Jungen

besser vor Übergriffen etwa von gewalttätigen Männchen geschützt sind. Womöglich senken

starke soziale Bande aber auch ganz allgemein den Stresslevel der Tiere.

50 Auch beim Menschen wirken Beziehungen als Puffer gegen Stress. […]

Freundschaften sind also nicht nur emotional wichtig, sondern stärken ebenso die Gesund-

heit. […] Dennoch haben die wenigsten Menschen mehr als eine Hand voll wirklich guter

Freunde (wozu übrigens auch Familienangehörige oder Ehepartner zählen können). Um

diese gruppiert sich meist ein größerer Kreis guter Bekannter. […]

In 200 Stunden vom Bekannten zum Freund

Dunbar schätzt, dass ungefähr 200 Stunden direkte Interaktion nötig sind, damit aus einem

Bekannten ein Freund wird. Um uns zu befreunden, müssen wir also erst einmal Zeit inves-

tieren – […].

Unser begrenztes Zeitbudget lässt es kaum zu, dass wir sehr viele Freundschaften parallel

60 unterhalten. Deren Pflege ist zudem kognitiv fordernd. Denn damit andere zu uns Vertrauen

aufbauen, müssen wir erkennen, wie sie unser Handeln interpretieren – ob sie etwa einen

Kommentar, den wir abgeben, möglicherweise als Affront auffassen. Somit setzen enge

Freundschaften die Gabe voraus, sich in andere hineinzuversetzen – eine Fähigkeit, die man

als »Theory of Mind« oder kurz ToM bezeichnet. Sie entstand erst spät im Lauf der Evolution

65 und ist vermutlich in der Großhirnrinde lokalisiert. Interessanterweise ist bei Primaten, die

in größeren Gruppen leben, dieser Hirnabschnitt besonders voluminös, obwohl ein enger

Zusammenhang zwischen Hirn- und Gruppengröße in Fachkreisen umstritten ist.

Fest steht: Auch Menschenaffen verbringen reichlich Zeit mit der Beziehungspflege. So

kann die gegenseitige Säuberung des Fells Stunden dauern. Das ausgiebige Grooming¹ dient

70 nicht nur dazu, lästiges Ungeziefer loszuwerden. »Schimpansen bestätigen sich damit ihre

Freundschaft«, erklärt Max-Planck-Forscher Roman Wittig, der eine große Primaten-Feld-

studie in einem westafrikanischen Nationalpark leitet.

Ist Oxytozin der Schlüssel?

Besondere Bedeutung scheint dabei das Bindungshormon Oxytozin zu haben. Schimpansen

75 schütten das Neuropeptid² bei der sozialen Fellpflege vermehrt aus, allerdings nur dann, wenn

zwischen ihnen bereits eine engere Beziehung besteht. »Grooming verstärkt bestehende

Freundschaften, stiftet aber keine neuen«, erklärt Wittig.

Oxytozin entfaltet verschiedene Wirkungen im Gehirn; unter anderem verbessert es das

Gedächtnis für soziale Erfahrungen. Möglicherweise dient das Hormon der »emotionalen

80 Buchführung«, glaubt der Göttinger Verhaltensökologe Schülke: Nach einer positiven Be-

gegnung sorgt es dafür, dass wir dem anderen zukünftig mehr Vertrauen schenken.

[…] Wichtig ist zudem das Gefühl, in vielen Fragen einer Meinung zu sein, über diesel-

ben Dinge lachen zu können, sich für ähnliche Aktivitäten zu interessieren. Andernfalls ver-

laufen Begegnungen oft steif oder unerfreulich. Und wer verbringt schon gern Zeit mit je-

85 mandem, der ganz anders tickt als er selbst? Folglich befreunden wir uns vor allem mit

Menschen, die uns ähnlich sind.

Gleich und Gleich gesellt sich gern

[…]

Robin Dunbar nennt sieben Faktoren, die für stabile Beziehungen wichtig sind – die

90 »sieben Säulen der Freundschaft«: eine gemeinsame Sprache (noch besser: ein gemeinsamer

Dialekt). In derselben Gegend groß geworden zu sein. Ähnliche Schulen besucht zu haben.

Vergleichbare Hobbys und Interessen. Ein übereinstimmender Musikgeschmack. Über die

gleichen Dinge lachen zu können. Ähnliche politische und moralische Ansichten. »Letztlich

erkennen wir an diesen Dingen Menschen, deren Denkweise wir verstehen.« Das sei eine

95 wichtige Voraussetzung, um erfolgreich zu kooperieren.

[…]

Zeigen lässt sich das bei Schimpansen: Je enger die Beziehung zwischen den Tieren, desto

besser harmonieren sie bei Testaufgaben, die abgestimmtes Verhalten erfordern. »Im Frei-

land, etwa bei der Jagd, ist das nicht viel anders«, sagt Affenforscher Wittig.

100 Unsere Persönlichkeit wird zum Teil durch die Gene bestimmt. Vor diesem Hintergrund

verwundert es nicht, dass wir unseren Freunden im Erbgut ähneln. Der Soziologe Nicholas

Christakis analysierte vor einigen Jahren zusammen mit seinem Kollegen James Fowler das

Genom von fast 2000 Männern und Frauen. Freunde glichen sich dabei im Schnitt etwa so

sehr wie Cousins vierten Grades. Eine Gruppe von Erbanlagen wies eine besonders hohe

105 Übereinstimmung auf: die Gene für den Geruchssinn – etwa solche für bestimmte Riechre-

zeptoren.

Womöglich nehmen Freunde ihre Umgebung also sogar auf vergleichbare Weise wahr.

In diese Richtung deutet außerdem ein Befund der Sozialpsychologin Carolyn Parkinson

von der University of California. Sie spielte Studierenden verschiedene Videoclips vor:

110 Ausschnitte aus Dokumentationen oder Sportübertragungen, Comedy-Einlagen oder die

Auswertung einer Rede Barack Obamas. Unterdessen zeichnete sie die Hirnaktivität der

Teilnehmer mittels Magnetresonanztomografie (fMRT) auf. Bei befreundeten Probanden

glichen sich die neuronalen Muster stärker als bei Studierenden, die einander kaum kannten.

Parkinsons Fazit: »Vermutlich ähneln sich Freunde stark darin, wie sie die Welt um sich

115 herum empfinden, interpretieren und auf sie reagieren.«

1 hier: Fellpflege

2 Botenstoff von Nervenzellen

2. Erklären Sie, welche Faktoren dazu beitragen, dass Freundschaften entstehen und fortbestehen, und zwar sowohl aus ganzheitlich-humanistischer als auch aus kognitivistischer Perspektive; beziehen Sie dabei jeweils die zugehörige Persönlichkeitstheorie mit ein. (28 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe NT 4 - Aufgabe 2 · Abitur NRW Psychologie LK · Nachtermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Erklären Sie, welche Faktoren dazu beitragen, dass Freundschaften entstehen und fortbestehen, und zwar sowohl aus ganzheitlich-humanistischer als auch aus kognitivistischer Perspektive; beziehen Sie dabei jeweils die zugehörige Persönlichkeitstheorie mit ein.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den Kriterien der amtlichen Vorgaben.

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