Aufgabe NT 1 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Psychologie LK · Nachtermin 2022

Thema: Experimente und Studien analysieren · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Mach es verkehrt, aber richtig!

Christian Ankowitsch wundert sich manchmal über sich selbst. Auf die Nachricht, das Handy

eines Freundes sei kaputt, fällt ihm nichts Besseres ein, als diesen umgehend anzurufen –

auf dem Handy. Der österreichische Journalist und Schriftsteller begibt sich daraufhin auf

eine Spurensuche nach dem alltäglichen Irrsinn und stellt beruhigt fest, dass er nicht der

5 einzige Tölpel ist. [...]

Lange galt der Mensch als rationaler Nutzenmaximierer, der weiß, was am besten für ihn

ist, und entsprechend handelt. Anfang des 20. Jahrhunderts tauften Wirtschaftswissenschaftler

diesen Typus „Homo oeconomicus“. Nach gut einem Jahrhundert Verhaltensforschung ist

dagegen klar: Homo sapiens ist auch nur ein Mensch. Wir nehmen gedankliche Abkürzun-

10 gen, statt Fakten objektiv abzuwägen, bringen uns unnötig in Gefahr oder setzen uns über

gute Ratschläge hinweg. Dennoch schrieb unsere Gattung eine beeindruckende Erfolgs-

geschichte. Warum nur blieb der Hang zum Übermut so tief in uns verankert?

Unvernunft macht kreativ

Um Neues in die Welt zu bringen, muss man ausgetretene Denkpfade verlassen. Viele Wunder-

15 kinder mit revolutionären Ideen wurden deshalb von ihren Zeitgenossen verspottet. So auch

Albert Einstein: Der Physiker stellte die geltende Vorstellung vom Universum auf den Kopf

und ging als Querdenker in die Wissenschaftsgeschichte ein. Als kleiner Junge wurde Ein-

stein vom Kindermädchen oft „der Depperte“ genannt, und seine spätere Hauslehrerin soll

er in einem Wutanfall mit einem Stuhl attackiert haben, so dass sich diese nie mehr blicken

20 ließ.

Eine gewisse Exzentrik zeichnet viele Dichter und Denker aus. Salvador Dalí etwa hielt

sich für die Reinkarnation seines toten Bruders und trug gern einen Laib Brot als Hut.

Alexander Graham Bell wollte seinem Hund das Sprechen beibringen und erfand nebenbei

das Telefon.

25 Braucht es einen Funken Wahnsinn, um Geniales zu vollbringen? Laut Studien zeigen

außergewöhnlich kreative Menschen oft zumindest psychologische Auffälligkeiten. Der

britische Psychiater Felix Post analysierte die Biografien von 291 Berühmtheiten aus Wissen-

schaft, Musik, Kunst, Politik und Literatur, darunter Charles Darwin, Gustav Mahler,

Wassily Kandinsky, Sigmund Freud und Ernest Hemingway. Häufig erfüllten sie auf Grund

30 ihres wunderlichen Verhaltens einige Kriterien für eine psychische Störung – für eine echte

Diagnose reichte dies jedoch nur selten.

[...]

Dies scheint buchstäblich in der DNA zu wurzeln. Offenbar begünstigen bestimmte Erb-

faktoren nicht nur die Entwicklung einer Psychose – wenn das geordnete Denken und der

35 Sinn für die Realität schwinden –, sondern zugleich eine besonders ausgeprägte kreative

Ader. So entdeckte ein Forscherteam um Kári Stefánsson von der Universität Reykjavik bei

der Analyse des Erbguts von 150 000 Menschen, dass die Träger von Risikogenen für Schizo-

phrenie überdurchschnittlich oft kreative Berufe ausübten. Die erhöhte Schaffenskraft als

positiver Nebeneffekt könnte ein Grund dafür sein, warum sich solche pathogenen Erbgut-

40 varianten erhalten haben.

Unvernunft fördert Entwicklungspotenziale

S-Bahn-Surfer – also Leute, die sich außen an einen fahrenden Zug klammern – leben ge-

fährlich. Auf Baukräne zu klettern und aus schwindelnder Höhe in einen Fluss zu springen,

sollte man tunlichst unterlassen. Dass fast ausschließlich Jugendliche zu solchen halsbrecheri-

45 schen Aktionen neigen, ist wohl kein Zufall.

In der Pubertät sind viele Menschen regelrecht unzurechnungsfähig. „Ich wollte, es gäbe

gar kein Alter zwischen 10 und 23, oder die jungen Leute verschliefen die ganze Zeit: Denn

dazwischen ist nichts als den Dirnen Kinder schaffen 1, die Alten ärgern, stehlen, balgen“,

schrieb schon der englische Dichter William Shakespeare. Der Staat begegnet der Jugend

50 sogar mit besonderer Nachsicht: Von 14 bis 17, manchmal auch noch mit 20 Jahren gilt das

mildere Jugendstrafrecht. Im alten Rom dagegen waren Kinder bereits ab sieben strafmündig.

„Kinder lernen die Welt kennen, indem sie Dinge ausprobieren“, sagt der Psychologe

Jürg Frick von der Pädagogischen Hochschule Zürich. „Was davon unvernünftig war, er-

kennen sie erst an der Reaktion der anderen – oder wenn es schiefgeht.“ Gerade Teenager

55 fordern ihr Glück daher heraus. In dieser Hinsicht handeln sie oft sogar törichter als Kinder,

als hätten sie in Sachen Vernunftgebrauch Rückschritte gemacht. Schuld daran ist vermut-

lich die ungleichmäßige Reifung der verschiedenen Teile unseres Denkorgans. Das Beloh-

nungssystem, das sich erst relativ spät entwickelt, reift während der Pubertät schneller als

der präfrontale Kortex, der am abwägenden Denken beteiligt ist, Impulse im Zaum hält und

60 besonnenes Entscheiden und Planen fördert.

Dieses Ungleichgewicht führt zu überschießender Risikobereitschaft, der das „Resthirn“

nicht viel entgegensetzen kann, glaubt die Neurologin Kerstin Konrad vom Universitäts-

klinikum Aachen. Vor allem in emotional aufgeladenen Situationen gewinne das für Lust-

empfinden und Motivation zuständige Belohnungssystem leicht die Oberhand.

65 Dabei sind Jugendliche nicht per se unfähig, rationale Entscheidungen zu treffen. Frage-

bogenstudien lassen vermuten, dass sie viele Risiken ähnlich gut abschätzen wie Erwach-

sene. Der Verstand setzt vor allem dann aus, wenn Gleichaltrige anwesend sind. Das ergaben

Experimente, bei denen die Teilnehmer in einem virtuellen Autorennen möglichst schnell

und unfallfrei ans Ziel kommen sollten. Schauten Freunde zu, rasten Jugendliche viel eher

70 über rote Ampeln und riskierten einen Crash. Soziale Anerkennung ist in dieser Phase ein

extrem wichtiger Anreiz. Nur warum?

Laut einer Theorie trägt das risikoreiche Verhalten in der Adoleszenz dazu bei, dass sich

Jugendliche aus dem sicheren Nest der Familie lösen, um selbstständig die Welt zu erkunden

und einen Partner zu suchen. Dabei bestimmen die jeweilige Epoche und die Gesellschaft

75 allerdings stark darüber mit, was wir für vernünftig halten. [...]

Unvernunft ist attraktiv

James Byron Dean brachte die Frauen in den 1950er Jahren reihenweise um den Verstand.

Er drehte nur drei Filme und mimte darin stets den Rebellen. Die Hollywood-Legende ver-

körperte die Revolte der Jugend gegen die Werte der Erwachsenen. Auch sein Kleidungsstil

80 war eigenwillig: Er wollte nichts von Krawatten und Manschettenhemden wissen, die die

damalige Männermode bestimmten. Immer dabei: die obligatorische Zigarette im Mund-

winkel. Heute kaum salonfähig, aber – zugegeben – irgendwie cool. Das Leben der Ikone

der Freiheit und Unvernunft fand ein jähes Ende, als Dean 24-jährig mit seinem Sportwagen

verunglückte.

85 Der unvernünftige Herzensbrecher – bloß eine Ausnahme? Forschern zufolge fördert

Rebellion im Gegenteil die Anziehungskraft: Sich anzupassen oder aus der Menge heraus-

zustechen, sind konkurrierende Motive. Wenn wir Gefahr wittern, orientieren wir uns eher

an anderen; geht es jedoch darum, einen potenziellen Partner zu bezirzen, geben wir uns

unangepasst.

90 Laut Vladas Griskevicius und Robert Cialdini sei es für den Fortpflanzungserfolg wichtig,

sich von Rivalen abzuheben. Das testeten die beiden US-Psychologen mit einem Experiment.

Sie brachten Probanden in romantische Stimmung, indem sie ihnen ein Szenario vorlegten,

in das diese sich möglichst gut hineinversetzen sollten: „Du bist mit deinen Freunden im

Urlaub und lernst eine attraktive Person des anderen Geschlechts kennen. Ihr verbringt einen

95 romantischen Tag, der mit einem leidenschaftlichen Kuss im Mondlicht endet.“ Andere

Probanden lasen eine Geschichte, die ihr Bedürfnis nach Sicherheit wecken sollte: „Du bist

nachts allein zu Hause. Seltsame Geräusche ertönen zuerst draußen und später auch inner-

halb des Hauses.“ Der Text endete damit, dass jemand die Schlafzimmertür öffnet. Der Rest

der Teilnehmer las entweder eine alltägliche Geschichte oder gar nichts. Anschließend sollten

100 alle ein abstraktes Gemälde bewerten. Die Abstimmung lief dabei vermeintlich öffentlich

ab, so dass die (fingierten) Bewertungen der anderen Teilnehmer zu sehen waren. Tatsäch-

lich vergaben die Versuchsleiter nach dem Zufallsprinzip hohe oder niedrige Wertungen.

Die Forscher wollten herausfinden, wann die Teilnehmer eher der Herde folgten oder

gegen den Strom schwammen. Jene Probanden, die in eine ängstliche Stimmung gebracht

105 worden waren, orientierten sich stärker an der Gruppenmeinung und passten ihre eigene

Einschätzung daran an. Der romantische Flirt veränderte das Rating der Probanden allerdings

markant, zumindest bei den Männern: Sie wichen nun stark von der Meinung der Gruppe

ab; Frauen verhielten sich hingegen noch angepasster. Fazit: Männer setzen auf Nonkonfor-

mismus, um eine potenzielle Partnerin zu beeindrucken. Damit demonstrieren sie Unabhän-

110 gigkeit und Durchsetzungsstärke, so die Autoren. Frauen wählen offenbar häufig die gegen-

teilige Strategie.

Doch die Zeiten haben sich möglicherweise gewandelt. Ein Team um Matthew Hornsey

von der University of Queensland in Brisbane legte Studierenden Dating-Profile vor, die

verschiedene Facetten von Nonkonformität und Konformität widerspiegelten. Das Ergebnis:

115 Frauen wie Männer bevorzugten gleichermaßen die eigensinnigeren Singles. Weitere Studien

bestätigten, dass Unangepasste im Schnitt erfolgreicher in der Liebe waren. Und auch Ex-

partner hatten Probanden als attraktiver in Erinnerung, als je „eigenwilliger“ sie diese ein-

schätzten.

[...]

120 Unvernunft beweist uns, dass wir frei sind

[...]

Der Wunsch nach Selbstbestimmung, der dem Reiz des Verbotenen zu Grunde liegt,

wurzelt tief in uns. „Wer Schilder aufhängt, die davor warnen, etwas sei frisch gestrichen,

signalisiert uns indirekt, dass es ab sofort ein paar Dinge gibt, von denen wir uns fernhalten

125 sollten“, erklärt Christian Ankowitsch. Und wagt es jemand, unseren Handlungsspielraum

derart einzuschränken, wollen wir erst recht unsere Freiheit beweisen. Psychologen nennen

dies Reaktanz. Sie mag manchmal kindisch erscheinen, hat aber Vorteile: Sie sorgt dafür,

dass wir nicht blind Autoritäten folgen.

[...]

130 Auch wenn sie Gefahren birgt, Neugier bringt uns voran. „Vor 5000 Jahren stiegen Men-

schen im heutigen Taiwan in Boote und begaben sich auf die Suche nach einer neuen Heimat

jenseits des Pazifiks. Sie konnten nicht sicher sein, dass sie je irgendwo ankommen“, sagt

Karl-Heinz Kohl über die Entdeckung abgelegener Südseeinseln. „Das geht gegen jede Ver-

nunft, war aber entscheidend für die Besiedlung der Erde.“

1 Im Sinne von Sexualität als für Jugendliche dominantes Thema (Dirne = Prostituierte)

Aufgabe 1

Fassen Sie die Grundaussagen des Textes zu den Gründen für den menschlichen Übermut zusammen, analysieren Sie in diesem Kontext das Experiment von Vladas Griskevicius und Robert Cialdini und setzen Sie die Ergebnisse des Experiments in Beziehung zum psychobiologischen Paradigma. [30 Punkte]

a)

b)

c)

Aufgabenstellung: Aufgabe NT 1 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Psychologie LK · Nachtermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Fassen Sie zusammen, welche Grundaussagen der Text zu den Ursachen menschlichen Übermuts trifft.

Lösung: Die zentralen Aussagen des Textes umfassen: - Ein Zusammenhang zwischen Kreativität und psychischen Auffälligkeiten beruht vermutlich auf Erbfaktoren (Risikogene für Schizophrenie sind bei Kreativen überdurchschnittlich vertreten). - Riskantes Verhalten verschafft Jugendlichen soziale Anerkennung und fördert Selbstständigkeit; neurologisch begünstigt durch ungleichzeitige Reifung von Belohnungssystem und präfrontalem Kortex. - Eigensinniges und nonkonformes Verhalten wirkt attraktiv auf potenzielle Geschlechtspartner (insbesondere Männer profilieren sich bei romantischer Motivation). - Unvernünftiges und nicht regelkonformes Verhalten ist Ausdruck des Wunsches nach Freiheit und Selbstbestimmung (Reaktanz).

Analysieren Sie vor diesem Hintergrund das Experiment von Vladas Griskevicius und Robert Cialdini hinsichtlich Problemstellung, Hypothesen, Variablen, Verlauf und Ergebnissen.

Lösung: - Problemstellung: Ist unangepasstes/nonkonformes Verhalten eine evolutionäre Strategie für den Fortpflanzungserfolg? Wie wirkt sich romantische Stimmung auf die Neigung zu unangepasstem Verhalten aus? - Hypothesen: Wenn Versuchspersonen (insbesondere Männer) in romantische Stimmung versetzt werden, weichen sie häufiger von einer vorgegebenen Gruppenmeinung ab, als wenn sie in ängstliche Stimmung versetzt werden. - Variablen und Operationalisierung: - *uV1:* Induzierte Stimmung (romantisch vs. ängstlich vs. alltäglich/neutral), operationalisiert durch Lese-Szenarien, in die sich die Probanden hineinversetzen sollten. - *uV2:* Geschlecht der Versuchspersonen (männlich vs. weiblich). - *aV:* Nonkonformes Verhalten, operationalisiert durch das Ausmaß der Abweichung des eigenen Urteils von einer vorgegebenen fingierten Gruppenbewertung eines abstrakten Gemäldes. - Verlauf: Probanden lesen spezifische Szenarien zur Stimmungsinduktion (romantischer Flirt vs. Angst vor Einbrecher). Anschließend bewerten alle Probanden ein abstraktes Gemälde bei scheinbar öffentlich sichtbaren, manipulierten Gruppenwertungen. - Ergebnisse: Probanden mit ängstlicher Stimmung passten ihre Einschätzung stark an die Gruppenmeinung an. In romantischer Stimmung wichen Männer stark von der Gruppe ab (Nonkonformismus zur Demonstration von Unabhängigkeit), während Frauen sich noch konformer verhielten.

Setzen Sie die Versuchsergebnisse zum psychobiologischen Paradigma in Beziehung.

Lösung: - Grundannahmen des Paradigmas: Menschliches Verhalten und psychische Prozesse werden auf biologische Strukturen, neuronale Vorgänge sowie evolutionär entstandene Mechanismen (Anpassungs- und Selektionsvorteile) zurückgeführt. - Bezug der Ergebnisse: - Das Konformitätsverhalten bei Angst besitzt einen klaren Überlebenswert: In Gefahrensituationen schützt die Gruppe das Individuum vor Bedrohungen (Herdenverhalten zur Risikominimierung). - Die Nonkonformität bei Männern unter romantischer Stimmung aktiviert ein evolutionäres Balzmuster: Um sich von Konkurrenten abzuheben und für das andere Geschlecht als durchsetzungsstarker, unabhängiger Partner attraktiv zu erscheinen, demonstrieren sie Risikobereitschaft und Eigenständigkeit.

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