Aufgabe NT 3 - Aufgabe 3 · Abitur NRW Psychologie LK · Nachtermin 2022
Thema: Psychische Störungen und Psychotherapie · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2022)
Aufgabenstellung
Flexibler Denken
Stellen Sie sich vor, Sie sind mit Freunden unterwegs und verbringen gemeinsam einen schö-
nen Abend. Plötzlich verabschiedet sich einer aus der Gruppe mit knappen Worten und geht.
Ihnen fällt auf, dass derjenige bereits die ganze Zeit ungewöhnlich still gewesen ist. Viel-
leicht fragen Sie sich: „Hat er was? Hat jemand in der Runde etwas Falsches gesagt? Oder
5 belastet den Freund womöglich etwas, von dem ich nichts weiß?“ In diesem Moment tun
Sie, was die britischen Psychoanalytiker Peter Fonagy und Mary Target als „mentalisieren“
bezeichnen. Sie denken über die Beweggründe für Ihr eigenes oder das Verhalten anderer
Menschen nach. Wer mentalisiert, sucht nach Motiven und Erklärungen, und die vermuten
wir zumeist in mentalen Prozessen wie Gefühlen oder Überzeugungen. Vereinfacht ausge-
10 drückt, verleiht das Mentalisieren unserem oder fremdem Handeln Sinn.
Wenn Sie zum Beispiel wissen, dass Ihr Freund gerade eine schwere Zeit durchmacht, weil
ihn seine Freundin sitzen ließ oder weil er seinen Job verlor, dann wird Ihnen sein vorzeitiges
Verlassen der Runde eher verständlich und nachvollziehbar erscheinen. Wir mentalisieren
ständig, auch ohne es zu bemerken; es handelt sich um eine Art psychische Grundausstattung.
15 Da Mentalisieren jedoch Energie kostet, reflektieren wir nur dann bewusst, wenn wir müs-
sen. Hätte der Freund beim Verabschieden etwa gesagt, dass er am nächsten Tag einen wich-
tigen Vortrag halten muss, hätten Sie sich alle weiteren Erklärungsversuche sparen können.
Wer trotzdem fieberhaft nach weiteren Begründungen sucht, gerät schnell ins Überinterpre-
tieren oder „Hypermentalisieren“.
20 Mit anderen Worten: Die Fähigkeit allein führt im Alltag nicht immer zum Ziel. Manchmal
können wir einfach nicht entscheiden, was genau hinter dem Tun eines anderen steckt. [...]
Mitunter sind wir uns der feindseligen Absicht [eines] anderen allerdings so sicher, dass
Wut und Empörung in uns aufsteigen. Einen solchen Zustand, in dem wir überzeugt sind, dass
unsere Gedanken und Gefühle auf jeden Fall zutreffen und berechtigt sind, nennen Fonagy
25 und sein Team den „Äquivalenz-Modus“. Er ist ein weiteres gutes Beispiel für ineffektives
Mentalisieren.
Äquivalent, also gleichbedeutend oder deckungsgleich, wird in diesem Fall unsere eigene
Innensicht (was wir über den Kollegen denken) mit der Außensicht (was der Kollege wirk-
lich tat). Mitunter schenken wir unserer Innensicht absoluten Glauben: So, wie ich die Welt
30 gerade erlebe, muss es sein!
Im Äquivalenz-Modus befinden wir uns alle von Zeit zu Zeit. Häufig kommt das in Stress-
situationen vor, in denen wir schnell enttäuscht, traurig oder zornig sind. Dann gelingt es uns
kaum, die Perspektive des anderen einzunehmen oder alternative Erklärungen in Betracht
zu ziehen. Unser Denken ist in solchen Momenten eingeengt und starr.
35 Während die Fähigkeit zu mentalisieren, diese wichtige Grundlage gelingender Beziehun-
gen, bei Gesunden nur in gewissem Rahmen schwankt, ist sie bei Menschen mit psychischen
Störungen, insbesondere Persönlichkeitsstörungen, meist dauerhaft oder systematisch einge-
schränkt. Für die Betroffenen entwickelte Fonagy gemeinsam mit seinem Kollegen Anthony
Bateman am University College London die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT). Ihr
40 Hauptziel: die Mentalisierungsfähigkeit fördern und damit einen wichtigen persönlichen
Entwicklungsschritt nachholen.
Denn wie viele Psychoanalytiker gehen Bateman und Fonagy davon aus, dass Erfahrungen
in der Kindheit dieses Vermögen entscheidend beeinflussen. Seine Wurzeln reichen bis ins
Säuglingsalter zurück, wenn das Kind und seine Bezugspersonen miteinander in Kontakt
45 treten.
Nehmen wir an, ein Neugeborenes wacht auf und beginnt zu schreien. Die Mutter kommt
herbei, nimmt es in den Arm und beruhigt es. Vielleicht sagt sie etwas wie „Schsch… alles
gut. Du hast dich bestimmt erschreckt, weil du hier allein aufgewacht bist, aber ich bin bei
dir“ – und wiegt das Kind sanft.
50 Diese Szene ist längst nicht so trivial, wie es auf den ersten Blick erscheint. Ein Kind lernt
aus solchen Situationen nämlich nach und nach sehr viel. Mit Hilfe der Ammensprache spie-
gelt die Mutter dem Kind sein Gefühl zurück. Sie tut das in einer Art und Weise, die ihm
deutlich macht, dass es selbst und nicht die Mutter erschrocken oder ängstlich ist. Die Be-
zugsperson „markiert“ also das Gefühl als dem Kind zugehörig.
55 [...]
Dadurch, so die Annahme, bildet das Kind allmählich ein Konzept des eigenen Selbst. Zu-
gleich unterstützt das Wiegen und das beruhigende Sprechen eine frühe Form der Gefühls-
regulation. Die Bezugsperson „verdaut“ sozusagen stellvertretend die Gefühle des Babys,
macht sie unschädlich und gibt sie ihm in erträglicherer Form zurück. Zudem erwirbt das
60 Kind so ein Vokabular für die eigenen inneren Zustände („Wenn ich mich so fühle, nennt
man das Angst“) und bekommt ein Gespür dafür, wie es auf diese Zustände einwirken kann
(„Wenn ich schreie, kommt jemand und beruhigt mich“).
Gemäß der Mentalisierungstheorie haben Menschen mit psychischen Störungen eine sol-
che „markierte Affektspiegelung“ oft nur eingeschränkt oder verzerrt erfahren. Bei fehlender
65 Affektspiegelung reagiert die Bezugsperson gar nicht auf Äußerungen des Kindes. Es kann
seine Gefühle somit nicht einordnen und auch nicht regulieren. Zurück bleibt eine ebenso
unerklärliche wie unkontrollierbare Anspannung.
Ähnliches tritt bei der „unmarkierten Affektspiegelung“ auf: Hier spiegelt die Bezugs-
person zwar die Gefühle des Kindes, lässt sich aber selbst davon anstecken. Zeigt die Mutter
70 beispielsweise ebenso viel Angst wie das Kind, findet keine effektive Regulation statt. Außer-
dem fällt es dem Kind dann schwer, zwischen sich und anderen zu unterscheiden, denn es
lernt, dass sich die eigene Angst auf andere überträgt.
Von verzerrter Affektspiegelung schließlich spricht man, wenn die Gefühle des Kindes
von der Bezugsperson fehlinterpretiert werden. Beispielsweise ist eine Spiegelung nicht
75 schlüssig, wenn die Eltern Schmerz als Hunger missverstehen und anfangen, das Kind zu
füttern, obwohl das gar nicht das Problem ist. Eine solche Reaktion erschwert es dem Kind
auf lange Sicht, seine Gefühle zu regulieren und die Grenzen zwischen sich und anderen ab-
zustecken. Dauerhaft untergraben wird das Mentalisieren durch frühe traumatische Erfah-
rungen, wenn ein Kind nicht erlebt, dass seine Fürsorgeperson es als denkendes und fühlen-
80 des Wesen spiegelt und respektiert.
Auch wenn eine seelische Verletzung in der Kindheit, etwa durch den Verlust eines Eltern-
teils oder Gewalterfahrungen, nicht ausreichend anerkannt und aufgefangen wird [...], kann
es der betreffenden Person im Erwachsenenalter an emotionaler Sicherheit mangeln. Sie
orientiert sich dann oft übermäßig stark am Verhalten anderer und fühlt sich schnell ange-
85 griffen, statt zu mentalisieren. Zudem haben manche dieser Menschen sehr rigide Vorstel-
lungen davon, wie andere ihnen gegenüber agieren sollten.
[...]
Sind während der frühkindlichen Entwicklung solche Hemmnisse für die Mentalisierungs-
fähigkeit entstanden, können sie mit Hilfe der MBT 1 therapeutisch angegangen werden. Die
90 Methode wurde ursprünglich für eine bestimmte psychische Störung konzipiert, nämlich die
Borderline-Persönlichkeitsstörung [...]. Um das Anfangsbeispiel aufzugreifen: Eine Person
mit Borderline-Persönlichkeitsstörung könnte sich durch einen Freund, der einfach geht, plötz-
lich verlassen und versetzt fühlen.
[...]
95 Eine gute Mentalisierungsstrategie würde es in diesem Moment erlauben, innerlich einen Schritt
zurückzutreten. Durch den Perspektivwechsel („Was könnte den Freund noch bewogen haben,
wortlos zu gehen? Hat das Verhalten wirklich mit mir zu tun?“) werden die eigenen Gefühle
spürbar, ohne dass die betreffende Person von ihnen überwältigt wird. Sie könnte so etwa zu
dem Schluss kommen: „Das war keine gute Verabschiedung, beim nächsten Treffen frage ich
100 mal nach, was los war.“
Ein zentrales Werkzeug der MBT ist die Beziehung zwischen Klient und Therapeut. Die
Mentalisierungsfähigkeit ist schließlich etwas, was wir nur zusammen mit anderen Personen
entwickeln. Deshalb kann sie auch am besten in einer Beziehung trainiert werden. Im Fokus
stehen dabei Gefühle, die zwischen den Beteiligten entstehen. Das kann Ärger über eine ab-
105 gesagte Therapiestunde sein oder Misstrauen bezüglich einer bestimmten Nachfrage. Die
MBT konzentriert sich immer auf den gegenwärtigen Moment; es geht also nicht um das
Ausdeuten vergangener biografischer Ereignisse [...].
Die therapeutische Haltung der MBT ist durchweg empathisch, neugierig und nachfragend.
Mit anderen Worten: Die Therapeutin oder der Therapeut agiert von einem Standpunkt des
110 Nichtwissens aus – es ist ja tatsächlich nicht gesagt, ob ihre Annahmen über das Erleben des
Klienten stimmen. Der Behandelnde wird somit selbst zum Rollenmodell für die Art des
Mentalisierens, die dem Gegenüber nahegebracht werden soll. Im Fall einer Borderline-Per-
sönlichkeitsstörung könnte das Therapiegespräch etwa so ablaufen:
Patient: „Dieser Idiot! Der weiß doch ganz genau, wie wichtig mir diese gemeinsamen
115 Abende sind. Ich hätte echt nicht erwartet, dass er einfach abhaut. Aber wahrscheinlich bin
ich ihm einfach egal. Und wie es mir damit geht, interessiert ihn überhaupt nicht. Der hat
doch nur darauf gewartet, mich fallen zu lassen wie eine heiße Kartoffel. Und wissen Sie,
eigentlich ist er mir auch egal. Solche Menschen habe ich schon zu Genüge kennen gelernt.
Der kann mir gestohlen bleiben.“ (Das beschreibt den psychischen Äquivalenz-Modus).
120 Therapeut: „Ich kann Ihre Enttäuschung nachvollziehen. Das muss schwierig für Sie sein,
wenn Sie sich plötzlich so verlassen fühlen.“ (Die Bestätigung der Gefühle des Patienten
nennt man in der MBT „empathische Validierung“).
P: „Ja, das hätte ich ihm nie zugetraut.“
T: „Was macht Sie so sicher, dass es Ihrem Freund egal war, wie es Ihnen geht?“ (Hier
125 wird die psychische Äquivalenz angesprochen.)
P: „Na, er ist ja ohne ein Wort einfach verschwunden. So etwas macht man doch nicht.“
T: „Wie haben Sie sich denn im Nachhinein das Verhalten erklärt?“ (Versuch, die Per-
spektive zu erweitern).
P: „Hm. Jetzt, wo Sie es sagen. Er hat sich in letzter Zeit viele Sorgen um seinen Vater
130 gemacht. Der wurde letzte Woche ins Krankenhaus eingeliefert. Vielleicht hat er ja etwas
Neues erfahren und wollte uns nicht den Abend verderben. Er war auf jeden Fall ziemlich
blass, als er losgefahren ist.“
T: „Wie geht es Ihnen jetzt, wenn Sie mit mir darüber sprechen?“
P: „Ich glaube, dass ich gestern wieder in das Schwarz-Weiß-Denken gefallen bin. Jetzt
135 kann ich mir vorstellen, noch mal nachzufragen, was los war. Aber ich bin trotzdem sauer,
dass er mich so im Ungewissen gelassen hat.“
T: „Das kann ich sehr gut verstehen, das würde jeden verunsichern.“ (Das affektive Er-
leben des Patienten wird eingeordnet und „normalisiert“.)
[...]
140 Es gibt erste Bemühungen, die Therapieform auf die Behandlung anderer psychischer
Störungen zu übertragen. [...]
Unklar ist noch, ob die positiven Effekte der MBT tatsächlich durch eine Veränderung
der Mentalisierungsfähigkeit erzielt werden, also durch einen sozialen Lernprozess, oder
eher durch allgemeine Faktoren wie eine gute therapeutische Beziehung oder die Hoffnung
145 auf Veränderung. [...]
1 Mentalisierungsbasierte Therapie
3. Erörtern Sie, ob sich die mentalisierungsbasierte Therapie auch zur Behandlung einer sozialen Angststörung anwenden lässt. (22 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3. Erörtern Sie, ob sich die mentalisierungsbasierte Therapie auch zur Behandlung einer sozialen Angststörung anwenden lässt. (22 Punkte)
Lösung: Ausarbeitung mit Skizzierung der sozialen Angststörung nach DSM-5, dialektischer Erörterung (Pro- und Contra-Argumente) zur Eignung der MBT und begründeter Schlussfolgerung.
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