Aufgabe NT 2 - Aufgabe 2 · Abitur NRW Psychologie LK · Nachtermin 2022

Thema: Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Echt jetzt

Evi ist ganz bei sich. Trifft man sie in unserem Viertel auf der Straße, lässt sie einen zum

Beispiel umstandslos wissen: »Ich hab Schokolade – lecker!« Kein »Wie geht’s?« oder

»Probier mal!«. Sie wartet auch nicht, ob man etwas erwidert, sondern läuft grußlos weiter.

Die Gefühle von anderen interessieren Evi kaum, weshalb sie schon mal Dinge fragt wie:

5 »Warum bist du so dick?« Aber das verzeiht man Evi gern. Sie ist schließlich erst vier.

Kinder sind der Inbegriff des Authentischen. Und dafür lieben wir sie. Sie verkörpern ein

Ideal, von dem wir Erwachsene uns oft eine Scheibe abschneiden möchten: einfach ganz

man selbst sein! Den eigenen Gefühlen und Wünschen folgen, ohne danach zu schielen, was

angebracht oder opportun ist! Doch so beneidenswert das erscheint, es hat durchaus Nach-

10 teile: Derart authentische Menschen stoßen ihre Nächsten leicht vor den Kopf und können

sich schlecht auf Situationen einstellen, in denen Verstellung gefragt ist. Wenn man über-

zeugen oder eigene Ziele durchsetzen will, ist kompromissloses »Echtsein« eher hinderlich.

Vielleicht denken Sie jetzt, das sei reichlich überzeichnet. Mit Authentizität verbinden wir

im Allgemeinen keine so radikale Ich-Bezogenheit, sondern eine Art naturbelassene Unschuld.

15 Eben zu wissen, was man will, und danach zu handeln. Authentisch sein hat ein überaus

positives Image. So schreibt der britische Psychologe und Coach Stephen Joseph: »Authen-

tische Menschen sind absolut ehrlich zu sich selbst. Sie sind fähig, auf ihre innere Stimme –

ihr Bauchgefühl – zu hören. Und sie sind sich der Komplexität ihrer Gefühlslage bewusst,

weil sie einen guten Zugang zu ihrer tieferen Weisheit besitzen. [...]

20 Anders als populäre Ratgeber kennt die wissenschaftliche Psychologie kein Persönlich-

keitsmerkmal namens Authentizität. Schließlich müsste man dazu wissen, was dem wahren

Wesen eines Menschen entspricht. Allerdings haben wir subjektiv durchaus das Gefühl, mehr

oder weniger authentisch, also unverfälscht und dem eigenen Ich treu zu sein. Wann sich

dieses Gefühl einstellt und was es bewirkt, verrät eine Menge darüber, wozu es gut ist – und

25 wie es sich womöglich fördern lässt.

[...]

Heutige Forscher [...] erklären das verbreitete Lob der Authentizität etwa so: Sich ver-

stellen zu müssen, strengt an. Äußere Ansprüche, seien es die der Eltern, des Chefs oder der

Etikette, prägen unseren Alltag. Die Vorstellung, wir könnten (oder würden) authentisch leben,

30 wirkt da wie ein Druckventil. »Sei einfach du, statt dich verbiegen zu lassen!« Am Ende

brechen wir aus unseren sozialen Zwängen zwar trotzdem nicht aus – aber der bloße Gedanke,

wir könnten es, entlastet.

Wahres Ich hin oder her, bin ich mir denn nicht immer treu, solange ich meinem eigenen

Willen folge? Halte ich zum Beispiel im Meeting den Mund, obwohl es in mir brodelt, oder

35 schmeichle ich dem nervigen Nachbarn, weil ich mich mit ihm gutstellen will, dann tue ich

das, weil mir das jeweilige Ziel wichtiger ist als die Wahrheit. Wir verteilen ständig Kom-

plimente und Lob, heucheln Interesse und Anteilnahme; wir sind, kurz gesagt, oft »falsche

Fünfziger«. Wäre es nicht wahrhaft authentisch, sich das einzugestehen?

Dass uns dies so schwerfällt, zeigt, um wie viel mehr es geht: Wir meinen nicht nur, authen-

40 tisch sein zu können, sondern es auch zu sollen. Denn das sei moralischer. [...]

[L]ässt sich Authentizität auch objektiv messen – und wenn ja, wie? Hierfür betrachten

Psychologen das Verhältnis zwischen bewussten und unbewussten Wünschen.

[...]

Der Motivationspsychologe Oliver Schultheiss von der Universität Erlangen-Nürnberg

45 hat erforscht, wie viel die offen geäußerten Ziele von Menschen mit den per impliziten Tests

gemessenen Leistungs-, Anschluss- und Machtmotiven zu tun haben. Antwort: überraschend

wenig! Laut einer Überblicksarbeit von 2014, in die 49 Studien mit insgesamt mehr als

6000 Teilnehmern einflossen, liegt die Korrelation (ein Maß für den Zusammenhang zwi-

schen zwei Größen) bei durchschnittlich 0,13 – kaum über Zufallsniveau.

50 [...].

Dass implizite Motive das wahre Ich darstellten, explizite Ziele dagegen bloß anerzogen

oder auferlegt seien, verneint Schultheiss: »Mein bewusstes Ich ist ebenso echt wie meine

impliziten Motive.« Denn so wie sich unbewusste Wünsche durchaus verändern, kann man

sich auch äußere Pflichten und Vorbilder zu eigen machen. Die strikte Trennung von authen-

55 tisch und aufgesetzt, echt und falsch wird der Realität nicht gerecht.

Wohl jeder hat bisweilen den Verdacht, dass er sich für Dinge abmüht, die ihm innerlich

wenig bedeuten. Wozu all die Überstunden, wenn so wenig Zeit für Hobbys oder die Familie

bleibt? [...]. Bereits 2005 hatte eine Arbeitsgruppe um Nicola Baumann und Julius Kuhl an

der Universität Osnabrück herausgefunden, dass die so genannte Ziel-Motiv-Inkongruenz auf

60 das Wohlbefinden drückt. In ihrer Studie empfanden Teilnehmer, deren explizite und impli-

zite Leistungsorientierung auseinanderklafften, mehr Stress und entwickelten eher psychoso-

matische Beschwerden.

Eine spannende Frage lautet daher: Lässt sich das bewusste mit dem unbewussten Ich

besser verbinden? Laut Schultheiss und seinem Kollegen Joachim Brunstein besteht eine

65 Möglichkeit darin, die Imagination anzuregen. Die Forscher baten Probanden in einer Studie,

sich das Erreichen eines persönlichen Ziels möglichst detailliert und lebhaft vor dem inneren

Auge zu vergegenwärtigen. Wie wäre es zum Beispiel, in einem sozialen Projekt mit Obdach-

losen zu arbeiten? Was genau heißt es, Abteilungsleiter mit prallvollem Terminkalender zu

sein? Die Teilnehmer sollten sich dabei vor allem auf ihr Empfinden konzentrieren: Wie fühlt

70 es sich an, sich um Hilfsbedürftige zu kümmern, ein Team zu leiten oder die Bilanzzahlen

zu präsentieren? Verspürt man bei dieser Vorstellung Lust oder Unwohlsein, Nervenkitzel

oder Panik?

Anscheinend helfen [auch] die körperlichen Reaktionen bei solchen Übungen dabei, die

eigenen unbewussten Motive einzuschätzen. [...]

Mit Bauchgefühl zu mehr Kongruenz

75 Die eigene somatische Erregung – gewissermaßen das Bauchgefühl – zu spüren, kann offen-

bar mehr Klarheit darüber verschaffen, was einem wichtig ist. [...]. Zumindest in diesem Punkt

scheint der oben zitierte Coach Stephen Joseph also recht zu haben: Wer von äußeren Erfor-

dernissen und Bedenken eher absieht, spürt besser, was ihm liegt.

Ein weiterer bedeutsamer Faktor ist Schultheiss zufolge das Verbalisierungsvermögen.

80 Denn um zu verstehen, was man eigentlich will, muss man sein Empfinden in Worte fassen

können. Laut einer 2011 veröffentlichten Studie besitzen verbal begabtere Menschen durch-

schnittlich auch eine größere Ziel-Motiv-Kongruenz.

[...]

Dennoch ist Authentizität alias hohe Selbstkongruenz nicht nur positiv zu bewerten. So

85 resümieren etwa Thrash und seine Kollegen: »Was schlecht für die Motivkongruenz ist, kann

gut sein für die soziale Harmonie.« Es gibt vermutlich Gründe dafür, warum sich unser be-

wusstes Denken oft um andere Ambitionen dreht als jene, die uns intuitiv umtreiben. Mit

anderen Worten: Sich anzupassen und fremden Ansprüchen gerecht zu werden, ist wichtig,

um mit anderen gut auszukommen und sie für seine persönlichen Ziele zu gewinnen.

Lob der Anpassung

Der kanadische Psychologe Delroy Paulhus prägte den Begriff »funktionale Flexibilität«.

Das klingt netter als »sich verstellen«, meint aber etwas Ähnliches: die Kunst, sich an ver-

schiedene Situationen anzupassen, egal wie man »eigentlich« ist. Der Introvertierte sollte

bei der Festrede schon etwas aus sich herausgehen, der Extrovertierte auch mal zuhören

95 können. Selbst impulsive Naturen sollten bei Bedarf besonnen bleiben und Schüchterne Mut

haben. Anders zu agieren, als es einem an sich entspricht, stellt eine wichtige Kompetenz

dar.

Zudem sind explizite und implizite Motive nicht streng voneinander getrennt. Von Kindes-

beinen an übernehmen wir fremde Erwartungen: nicht in die Hose machen, ordentlich essen,

100 keine Karos zu Streifen tragen, etwas aus sich machen... Anfangs ist uns das schnurz, erst

allmählich integrieren wir es in unser persönliches Wertesystem. Menschen verwandeln

ständig äußere Anforderungen in eigene Wünsche. Schon allein aus diesem Grund gibt es

keine absolute Authentizität.

Wie sehr wir aus dem schöpfen, was andere uns vormachen und was uns die Familie,

Freunde oder die Gesellschaft auferlegen, zeigt ein weiterer, paradox anmutender Studien-

105 befund: Anpassung fördert die Authentizität. So haben viele Menschen ausgerechnet dann

das Gefühl, ihr eigenes Ich auszuleben, wenn sie in Kleidung und Habitus Zigtausenden an-

deren gleichen.

Ein Team um Constantine Sedikides an der University of Southampton untersuchte, wann

sich Menschen besonders echt fühlen. Laut der 2016 veröffentlichten Studie ist das vor allem

110 der Fall, wenn sie sich in Gemeinschaft mit anderen aufgehoben fühlen. Die Psychologen

William Fleeson und Joshua Wilt hatten 2010 die gleiche Beobachtung gemacht. Ihre Pro-

banden fühlten sich selbst dann am nächsten, wenn sie mit anderen Erlebnisse teilten oder

auf ein kollektives Ziel hinarbeiteten. Mit Selbstverwirklichung im engeren Sinn hat das

wenig zu tun. Wer introvertiert war, fand sich also nicht dann authentisch, wenn er sich zu-

115 rückzog, Ängstliche lebten sich nicht darin aus, dass sie Konflikte mieden. Egal, wie wir in

Wahrheit sind, authentisch erscheint uns das, was uns ein gutes Gefühl vermittelt [...].

2. Erklären Sie, was unter funktionaler Flexibilität zu verstehen ist, und erklären Sie die damit zusammenhängenden Forschungsbefunde sowohl anhand des kognitivistischen als auch des tiefenpsychologischen Persönlichkeitsmodells. [26 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe NT 2 - Aufgabe 2 · Abitur NRW Psychologie LK · Nachtermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Erklären Sie, was unter funktionaler Flexibilität zu verstehen ist, und erklären Sie die damit zusammenhängenden Forschungsbefunde sowohl anhand des kognitivistischen als auch des tiefenpsychologischen Persönlichkeitsmodells.

Lösung: Ausarbeitung gemäß den Vorgaben der Korrekturrichtlinien.

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