Aufgabe HT 1 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Psychologie GK · Haupttermin 2022
Thema: Experimente und Studien analysieren · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)
Aufgabenstellung
Entscheidungen in Gruppen
Auch bei Gruppenentscheidungen gibt es das Phänomen der Eskalation des Commitments 1. Gruppen, die für den Misserfolg einer Investitionsentscheidung verantwortlich waren, waren eher bereit, weitere Investitionen in das gleiche Projekt zu tätigen, als Gruppen, die dafür nicht verantwortlich waren (Bazerman, Giuliano & Appelman, 1984).
Rutledge (1994) führte eine ähnliche Untersuchung durch, erweiterte das experimentelle Design aber um die Variable positives vs. negatives Framing 2. Die Versuchsteilnehmer bearbeiteten in Dreiergruppen einen Fall, in dem vor kurzem eine Investition von 4 Millionen (Option B). Im Falle einer zusätzlichen Investition wäre die Wahrscheinlichkeit, dass ein Produkt entwickelt werden könnte, das für 6 Millionen \frac{1}{3}\frac{2}{3}$. Die Gruppen sollten den Fall diskutieren und anschließend angeben, in welchem Maße sie welche der beiden Optionen präferierten. Die Versuchsteilnehmer wurden vier experimentellen Bedingungen zugeordnet:
Verantwortung und positives Framing: Die Gruppe wurde als verantwortlich für die vorherige Entscheidung dargestellt und erhielt die Information, dass bei zusätzlicher Investition mit 33-prozentiger Wahrscheinlichkeit das zu entwickelnde Produkt für 6 Millionen $ verkauft werden könnte.
Verantwortung und negatives Framing: Die Gruppe wurde als verantwortlich für die vorherige Entscheidung dargestellt und erhielt die Information, dass bei zusätzlicher Investition mit 66-prozentiger Wahrscheinlichkeit kein Gewinn zu erwarten wäre.
Keine Verantwortung und positives Framing: In der Bedingung 3 wurde die Gruppe als nicht verantwortlich für die bisherigen Investitionen dargestellt und erhielt ein positives Framing.
Keine Verantwortung und negatives Framing: In der Bedingung 4 wurde die Gruppe als nicht verantwortlich für die bisherigen Investitionen dargestellt und erhielt ein negatives Framing.
Die Ergebnisse (siehe Abbildung 5.14) bestätigen den Effekt der Verantwortlichkeit, wie er von Bazerman u. a. gefunden worden war. Verantwortlichkeit für die initiale 3 Investition führte zu einer größeren Bereitschaft, erneut zu investieren 4.
Aber der Effekt der Verrahmung war sogar noch stärker. Wurden die Konsequenzen einer erneuten Investition als Verlust dargestellt, präferierten die Versuchsteilnehmer deutlich stärker eine neue Investition als wenn die Konsequenzen als Gewinn präsentiert wurden. Ein negatives Framing veranlasste auch die nicht verantwortlichen Gruppen zu einer Eskalation des Commitments.
Dieses Ergebnis bestätigt auch für Gruppen die größere Risikofreudigkeit bei Verlusten, wie sie von Kahneman und Tversky in ihrer Prospect-Theorie 5 postuliert worden ist.
Wie die Experimente zum Risikoschub [...] gezeigt haben, sind Gruppen entgegen der Erwartung risikofreudiger als Einzelpersonen. Eigentlich könnte man annehmen, dass Gruppen, da sie sich auf mehr Informationen stützen können als eine einzelne Person, ihre Entscheidung abgewogener und vorsichtiger treffen. Tatsächlich führt aber eine kollaborative 6 Entscheidungsfindung zu einer extremeren Position. Durch die Diskussion in der Gruppe wird die bei den Mitgliedern vorherrschende Tendenz verstärkt. Die Gruppenmeinung rückt auf diese Weise stärker zu einem der beiden Pole des Meinungskontinuums. [...]
Verantwortlich dafür sind vor allem zwei Mechanismen. Zum einen führt die Identifikation mit der Gruppe dazu, dass die Meinungen der anderen Gruppenmitglieder wichtige Bezugspunkte darstellen, die das individuelle Gruppenmitglied akzeptiert und bestätigt, aus dem Bedürfnis dazuzugehören. Damit setzt ein wechselseitiger Verstärkungsprozess ein, der den Prozess der Polarisation befördert.
Zum anderen wirkt hier ein Effekt der Informationsverarbeitung in Gruppen, auf den schon an verschiedenen Stellen hingewiesen worden ist. Es ist die Tatsache, dass geteilte Informationen häufiger in die Diskussion eingebracht werden als ungeteilte Informationen. Ideen, die mit dem gemeinsamen Wissen der Gruppenmitglieder übereinstimmen, werden häufiger in Diskussionen besprochen und beeinflussen stärker die Diskussion.
Anmerkungen
1 Engagement, freiwillige Bindung
2 Rahmen
3 anfängliche / erste
4 Je höher der Zahlenwert auf der y-Achse, desto höher ist die Investitionsbereitschaft.
5 Die Theorie erlaubt die Beschreibung der Entscheidungsfindung in Situationen mit Risiko. Sie beruht auf dem Verständnis, dass das individuelle Risikoverhalten je nach eingeschätzter Sicherheit eines auftretenden Ereignisses variiert. Versuchspersonen bevorzugen bei positiven Ereignissen sichere Zahlungen gegenüber höheren, aber unsicheren Gewinnen. Beispielsweise ist es ihnen lieber, sicher 50 Euro zu erhalten als mit 50 % Wahrscheinlichkeit 100 Euro und mit 50 % Wahrscheinlichkeit 0 Euro. Bei negativen Ereignissen hingegen handeln Individuen risikofreudiger. In der Theorie wird die These vertreten, dass häufig auftretende kognitive Verzerrungen das Verhalten unter Ungewissheit beeinflussen. Insbesondere sollen Menschen stärker durch Verluste als durch Gewinne motiviert werden und demnach mehr Energie in die Vermeidung von Verlusten als in die Erzielung von Gewinnen investieren.
6 in der Gruppe herbeigeführt
1. Analysieren Sie das von Rutledge durchgeführte Experiment und belegen Sie, dass ihm kognitivistische Annahmen zugrunde liegen. (24 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie das von Rutledge durchgeführte Experiment und belegen Sie, dass ihm kognitivistische Annahmen zugrunde liegen. (24 Punkte)
Lösung: Eine vollständige Lösung umfasst folgende Aspekte: 1. Wissenschaftliche Kriterien des Experiments: - Problemstellung (2 P.): Fördert Verantwortung und die sprachlich negative Verrahmung eines drohenden Verlusts das Risikoverhalten bei Investitionsentscheidungen? - Hypothese (4 P.): Wenn Personen in Gruppen verantwortlich für eine Entscheidung sind und gleichzeitig die Verlustwahrscheinlichkeit sprachlich in den Fokus gesetzt ist, dann erhöht sich die Bereitschaft erneut zu investieren. - Variablen und Operationalisierung (4 P.): - *uV 1:* Verantwortung in Gruppen für den Misserfolg einer Investitionsentscheidung (operationalisiert über verantwortlich vs. nicht verantwortlich für den bisherigen Misserfolg), - *uV 2:* Framing (operationalisiert über sprachlich positive Darstellung mit 33 % Gewinnwahrscheinlichkeit vs. negative Darstellung mit 66 % Verlustwahrscheinlichkeit), - *aV:* Entscheidungsbereitschaft für ein Investment (operationalisiert über Zustimmung zum Projektabbruch [Option A] vs. zusätzliche Investition von 2 Mio. Dollar [Option B]). - Verlauf (4 P.): Dreiergruppen bearbeiten einen Fall (bisher 4 Mio. $ investiert ohne Gewinn, überlegener Konkurrent). Zuteilung zu vier Versuchsbedingungen (2x2-Design). Gruppendiskussion und Angabe des Grads der Präferenz. - Ergebnisse (2 P.): Verantwortliche Gruppen investieren eher erneut als nicht-verantwortliche Gruppen; negatives Framing erhöht die Risikobereitschaft deutlich (stärkerer Effekt als Verantwortung). 2. Bezug zum kognitiven Paradigma: - Annahmen des Paradigmas (4 P.): Der Mensch wird als informationsverarbeitendes und vernunftbegabtes Wesen betrachtet; interne kognitive Prozesse (Wahrnehmung, Bewertung, Urteilsbildung) steuern das Verhalten. - Beleg am Experiment (4 P.): Durch variierte sprachliche Einbettung (Framing) verändern sich kognitive Bewertungsvorgänge und Entscheidungen systematisch; Entscheidungen unterliegen kognitiven Verzerrungen.
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