Aufgabe HT 3 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Psychologie GK · Haupttermin 2022

Thema: Psychische Störungen und Psychotherapie · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

Wenn Anna Angst vor der Angst hat 1

Seit sechs Jahren leidet Anna unter einer Angststörung, seit sechs Jahren hofft sie auf eine Therapie, die ihr hilft. Dann beginnt sie, sich selbst zu helfen. Bei Instagram.

Die Bilder zeigen eine scheinbar glückliche Frau. Anna lacht. Sie dreht die Nase nach links,

streckt die gepiercte Zunge raus, schaut in die Kamera. „War fast zwölf Kilometer laufen“,

schreibt sie. „Bin sehr stolz.“ 358 Instagram-Likes bekommt sie dafür. Für ein Bild, das sie

drei Monate später postet, sogar 824. Da fotografiert sie sich im Spiegel, von hinten, in einem

5 weißen Body. „Show what you’ve got and always be proud of who you are“, schreibt sie dazu.

Zeig, was du hast und sei stolz auf dich.

Schön, sportlich, glücklich, selbstbewusst. Das alles ist Anna aus Koblenz. Das alles ist

annafoxdevilswild, wie sie sich auf Instagram nennt. Doch Anna ist auch eine Frau mit einer

[...] Angststörung. Einer Erkrankung, die ihr viele nicht abnehmen. Dafür wirkt Anna zu

10 glücklich.

Anna ist 26. Seit sechs Jahren gehören Angstattacken zu ihrem Alltag. „Was wollen Sie denn?“,

sagte einmal ein Therapeut zu ihr, „Sie sind jung, sehen gut aus, haben einen Job, einen

Freund. Lachen Sie doch mal.“

Doch Annas Angst beginnt immer mit einem Gedanken. Irgendwas tut weh, irgendwo drückt

15 es. Ein eingeschlafener Arm, ein Zucken. „Was passiert mit meinem Körper? Bin ich krank?“

Manchmal kann sie den Gedanken abschütteln. Manchmal nicht. Dann kommt die Panik.

„Was ist, wenn ich gleich sterbe?“

Sie versucht, sich zu beruhigen. „Nein, das kann gar nicht sein.“ Kurzes Durchatmen. „Aber

was, wenn doch?“ Erst werden ihre Hände schwitzig, dann beginnt ihr Herz zu rasen. Sie hat

20 das Gefühl, nicht mehr Anna zu sein. Als würde sie von oben auf sich selbst runterschauen.

Als würde ihr Körper einen Kampf gegen den eigenen Kopf ausfechten. Wenn es ganz

schlimm kommt, dauert der Kampf zwei Stunden. Danach ist Anna vollkommen fertig.

Dreimal hat sie versucht, sich Hilfe zu holen. Das erste Mal vor sechs Jahren. Über Monate

sprach sie mit ihrem Therapeuten. Immer wieder fragte er sie nach ihrer Familie. Nach einer

25 Weile hatte Anna das Gefühl, er wolle unbedingt beweisen, dass in ihrer Kindheit etwas

Schreckliches passiert ist.

Da hatte sie erst mal genug. Für die nächsten fünf Jahre schluckte sie einfach die Tabletten,

die ihr Hausarzt verschrieb. 15 Kilo nahm sie davon zu. Irgendwann halfen auch die Medika-

mente nicht mehr. Anna hatte fast jeden Abend Panikattacken.

30 Doch auch der zweite Therapeut nahm sie nicht ernst. Es gehe ihr doch gut, sagte er. Sie solle

positiver denken. Da nahm Anna einfach weiter die Tabletten.

Im Sommer 2016 ging sie in eine Tagesklinik. Dort war sie die Einzige mit (...) [dieser Art

der] Angststörung. Auch dort sagte man ihr: „Du hast doch ein gutes Leben, mach was draus.“

Nur die Gespräche mit den anderen Patienten halfen. „Auch wenn man nicht dieselbe Krank-

35 heit hat, ist es schön zu sehen, dass man nicht allein ist“, sagt Anna.

Neulich passierte es im Café. Es war ein ganz normaler Nachmittag mit einer Freundin, Kaffee,

Zigaretten, Musik. Plötzlich schlich etwas in ihr hoch. „Das geht nicht gut aus“, dachte Anna.

Die Hände, das Herz. Die Freundin nahm ihre Hand, atmete mit ihr – langsam ein, langsam

aus. Hätte sie mit jemandem im Café gesessen, der sie nicht so gut kennt, sagt Anna, wäre

40 sie einfach gegangen.

Sie schafft es trotz der Panikattacke noch heimzuradeln. Dort setzt sie sich aufs Sofa, in ihre

Ecke, hinten rechts. Aussitzen nennt sie das. So zeigt sie ihrem Körper, dass nichts passiert.

Wenn sie die Panikattacke abblockt, sagt sie, lernt er nichts dazu. Also atmet Anna tief ein

und aus. Bis es vorbei ist.

45 Wenn ihr Freund da ist, nimmt er sie in den Arm und krault ihren Kopf. Ihn ruft Anna an,

wann immer sie spürt, dass die Angst kommt. Er nimmt immer ab. Fragt, ob sie abends Pizza

bestellen sollen und einen witzigen Film schauen, und lenkt sie damit ab. „Lichtblicke“, nennt

Anna das. Nur er kann das. Meistens hilft es.

Eigentlich wollte Anna im Mai mit ein paar Freunden nach Florida fliegen. Aber sie sagte ab.

50 Die Angst vor dem Flug war doch zu groß. „Der Start ist das Schlimmste. Der Moment, in

dem du weißt, du kannst nichts mehr machen. Du gibst einem anderen Menschen dein Leben

in die Hand.“ Schon der letzte Flug war eine Katastrophe. In der Nacht zuvor hatte Anna

Schweißausbrüche, Kopfschmerzen, konnte vor Nervosität kaum schlafen. Vor dem Abflug

rauchte sie eine halbe Packung Zigaretten. Als der Flieger abhob, klammerte sie sich an ihre

55 Freundin, weinte. „Ich sah aus, als würde man mich in die Todeszelle bringen, nicht, als

würde ich in den Urlaub fliegen.“

Anna will andere nicht enttäuschen. Nicht bei der Arbeit, nicht im Freundeskreis. Sie will nicht

gehen müssen wegen der Angst oder kurzfristig Termine absagen. Jetzt bloß keine Panik-

attacke bekommen, denkt sie dann und hat Angst vor der Angst.

60 Nachdem sie in der Tagesklinik war, hat sie bei 50 oder 60 Therapie-Praxen angerufen – bei

vielen erfolglos. Sie fühlt sich allein gelassen. „Vielleicht muss ich irgendwann mal heulend

anrufen und sagen, dass ich mich gleich umbringe, damit ich einen Platz bekomme. Aber

das will ich gar nicht. Es stimmt ja nicht.“ Immerhin ist sie bei manchen auf der Warteliste

gelandet.

65 Im Winter 2015 schrieb sie das erste Mal auf Instagram über ihre Angst. Zwei Wochen lang

lag sie im Bett, hatte die Grippe, fühlte sich elend. „Da habe ich angefangen, über mich nach-

zudenken.“ Sie schrieb einfach drauf los. Was soll passieren, dachte sie. Im schlimmsten Fall

hören die Leute einfach auf, dir zu folgen. Doch das taten sie nicht. Im Gegenteil. „Du bist

immer so tough und siehst so glücklich aus. Und dann hört man so was“, schrieb einer. „Mir

70 geht es auch so. Gut, dass du darüber schreibst“, eine andere.

Anna versucht jetzt, ihre Ängste bewusster auszuhalten. Sie setzt sich Situationen aus, bei

denen sie weiß, dass etwas passieren könnte. Nur so kann sie ihren Körper und ihre Angst

irgendwann als Einheit sehen, sagt sie. Sie hat mal gelesen, man solle die Angst wie einen

Freund behandeln.

75 Es geht ihr besser, dem Kopf und dem Körper. Sie hat angefangen, Sport zu machen. Viermal

die Woche geht sie ins Fitnessstudio. Die 15 Kilo hat sie wieder verloren. Ihren Körper zeigt

sie bei Instagram – auch im Bikini oder Unterwäsche. Manche ihrer beinahe 9000 Abonnenten

folgen ihr vielleicht deshalb, mögen ihre Tattoos und ihren Look.

Doch selbst wenn es nicht jedem um die Posts, in denen Anna über ihre Angststörung schreibt,

80 geht: Sie zeigt trotzdem ihre Bilder, es ist ihre eigene Mini-Therapie. „Es ist etwas anderes,

jemandem eine Sache persönlich ins Gesicht zu sagen, oder sie sich von der Seele zu schreiben“,

sagt sie. Für andere mag eine Therapie der bessere Weg sein.

Anna hat aufgehört, sich für ihre Krankheit zu schämen. „Viele Leute denken, man bildet sich

die Angst ein. Dann heißt es, spring doch über deinen Schatten. Das verstehe ich nicht. Ich

85 wäre glücklich, wenn ich das nicht hätte. Psychische Krankheiten“, sagt Anna, „werden den

Patienten noch immer viel zu sehr als eigene Schuld angelastet. Als Einbildung. Als Schwäche.“

Auch das ist ein Grund, warum sie öffentlich über ihre Angststörung schreibt. Damit mal

jemand redet. Damit andere auch anfangen. Damit die, die noch allein sind, merken, dass sie

nicht die Einzigen sind. „Sonst“, sagt Anna, „denkt man manchmal selbst, man sei verrückt.“

1 Dieser Text gehört zum Projekt „Was Angst macht“ der Deutschen Journalistenschule. Die Schüler der Lehrredaktion 55K wollen die Krankheiten damit fassbar machen und sie in all ihren Schattierungen zeigen.

Aufgabe 1

Arbeiten Sie in systematischer Form heraus, welche Symptome Anna zeigt, wie ihre Lebensumstände aussehen und mit welchen Strategien sie ihrer Angst begegnet, und stellen Sie anschließend einen Bezug zwischen Annas Symptomen und den DSM-5-Kriterien einer Panikstörung her. [20 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 3 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Psychologie GK · Haupttermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Arbeiten Sie in systematischer Form heraus, welche Symptome Anna zeigt, wie ihre Lebensumstände aussehen und mit welchen Strategien sie ihrer Angst begegnet, und stellen Sie anschließend einen Bezug zwischen Annas Symptomen und den DSM-5-Kriterien einer Panikstörung her. (20 Punkte)

Lösung: Eine ausführliche schriftliche Ausarbeitung, die folgende Aspekte umfasst: 1. Systematisierung der Symptome: - Kognitionen: Katastrophisierende Gedanken („Was passiert mit meinem Körper?“, „Bin ich krank?“, „Was ist, wenn ich gleich sterbe?“). - Emotionen: Panik, intensive Angst, Gefühl von Entfremdung/Depersonalisation („nicht mehr Anna zu sein, als würde sie von oben auf sich selbst runterschauen“). - Körperliche Reaktionen: Schwitzige Hände, Herzrasen, Zucken, eingeschlafener Arm, Schweißausbrüche, Kopfschmerzen; nach einer Attacke vollkommene körperliche Erschöpfung. - Verhaltensweisen: Versuche sich zu beruhigen (tiefes Durchatmen), Aussitzen, Fluchtgedanken, Suche nach therapeutischer Unterstützung, Tabletteneinnahme. 2. Lebensumstände: - Aktuell: 26 Jahre alt, wirkt nach außen sportlich, glücklich und selbstbewusst; hat einen festen Job, einen unterstützenden Partner („Lichtblicke“); nutzt Instagram unter „annafoxdevilswild“ als Mini-Therapie; treibt viermal pro Woche Sport im Fitnessstudio. - Retrospektiv: Angstattacken bestehen seit 6 Jahren; langjährige medikamentöse Behandlung mit Nebenwirkungen (15 kg Gewichtszunahme); erfolglose Therapieversuche bzw. Unverständnis von Behandlern; ausgeprägte Flugangst mit psychosomatischen Reaktionen. 3. Vorgehensweisen zum Umgang mit der Angst: - Mehrere erfolglose Psychotherapieversuche sowie Klinikaufenthalt. - Zeitweise Einnahme von Psychopharmaka. - Unterstützung durch den Freund (Körperkontakt, Ablenkung durch Filme/Essen). - Vermeidungs- und Kontrollversuche (Vorsatz, keine Attacke zu bekommen, um andere nicht zu enttäuschen; Absage der Florida-Reise). - Konfrontatives Aushalten („Aussitzen“) auf dem Sofa und bewusstes Atmen, um dem Körper zu zeigen, dass nichts passiert. - Öffentlichmachen der Angststörung auf Instagram zum Austausch, Entstigmatisierung und emotionalen Entlastung („von der Seele schreiben“). - Körperliche Aktivität (Sport/Fitnessstudio). 4. Zentrale Merkmale einer Panikstörung nach DSM-5: - Wiederkehrende, unerwartete Panikattacken. - Auf mindestens eine Attacke folgt über mindestens einen Monat anhaltende Besorgnis über weitere Attacken (Erwartungsangst / „Angst vor der Angst“) oder deren Konsequenzen (z. B. Kontrollverlust, Sterben) und/oder eine deutliche, fehlangepasste Verhaltensänderung. - Die Attacken sind nicht auf die physiologische Wirkung von Substanzen oder einen medizinischen Krankheitsfaktor zurückzuführen. - Keine bessere Erklärung durch eine andere psychische Störung. 5. Bezug / Diagnoseabgleich: - Annas Panikattacken treten häufig ohne konkreten äußeren Auslöser unerwartet auf (z. B. gemütlich im Café). - Sie leidet seit sechs Jahren darunter und zeigt eine ausgeprägte Erwartungsangst („Angst vor der Angst“). - Es liegen deutliche Beeinträchtigungen im sozialen und persönlichen Funktionsbereich vor (Absage der Reise, Verlassenwollen sozialer Situationen, Mehraufwand im Alltag).

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