Aufgabe HT 4 - Aufgabe 3 · Abitur NRW Psychologie GK · Haupttermin 2022
Thema: Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)
Aufgabenstellung
Je schlauer, desto Chef
Was unterscheidet Top-Kräfte von 08/15-Mitarbeitern? Glück, Skrupellosigkeit, emotionales
Geschick? Auch, aber weniger, als man denkt. Köpfchen zählt! Deshalb sollten Firmen den
IQ von Bewerbern testen. […]
Was zählt schon Intelligenz, wenn man ein Arschloch ist?
5 In der Tat: Mit der Intelligenz scheinen die Deutschen so ihre Probleme zu haben. Wenn man
versucht, mit Freunden oder Kollegen darüber zu sprechen, wird schnell abgelenkt, höhnisch
gelacht, bestimmt reißt jemand ein Witzchen. Die meisten Deutschen kennen ihren IQ nicht.
Und die wenigen anderen behalten ihn lieber für sich. Im Zweifel würde ein Mitarbeiter wohl
lieber sein Gehalt als seinen IQ preisgeben.
10 Der Gedanke, dass sich Geisteskraft mittels eines Messwertes ausdrücken lässt, löst offenbar
allgemeines Unbehagen aus. Ist der Mensch nicht viel mehr als sein IQ? Was zählt schon
Intelligenz, wenn jemand ein Arschloch ist? Und kommt es nicht im Leben, auch im Berufs-
leben, auf ganz andere Fähigkeiten an?
Wie wichtig ist sie also, die Intelligenz? Ist sie nur ein überflüssiger Messwert, ersonnen von
15 Psychologen, die ihre Existenzberechtigung daraus ziehen, Menschen irgendwie in Schub-
laden zu sortieren? Borderliner versus Bodenständige, Ehrgeizlinge versus Antriebsschwache,
und eben: Oberschlaue versus Dummerjane?
Oder ist die Intelligenz das Ideal, die innere Kraft, die, wenn ausreichend vorhanden, dem
Menschen erst Esprit, Glanz, Attraktivität verleiht?
20 Viele zweifeln bereits daran, dass sie überhaupt existiert: die eine Intelligenz eines Menschen,
die sich messen und in einem Quotienten abbilden lässt – betrage dieser nun 100 wie bei einem
durchschnittlichen Testteilnehmer oder liege er eben weit darüber […].
Es ist unbekannt, ob dies aus Frust über den eigenen IQ geschah, aber manche Autoren haben
sich an einer Ausweitung der Intelligenzzone versucht. Die soziale Intelligenz ist ihnen zu-
25 folge wichtiger als die kognitive, der EQ 1 bedeutsamer als der IQ. In den letzten 15 bis 20
Jahren habe es die Tendenz gegeben, „jede Begabung, jede Fertigkeit einer Person auf unter-
schiedlichen Gebieten als eine Form von Intelligenz zu bezeichnen“, resümiert die renom-
mierte Zürcher Forscherin Elsbeth Stern mit ihrem Co-Autor Aljoscha Neubauer in einem
neuen Buch zur Intelligenz.
30 Zuletzt seien immer „absurdere Vorschläge“ gemacht worden, schreiben die beiden Forscher.
„Da war von einer Party-Intelligenz die Rede, von kosmischer Intelligenz bis zur sexuellen
Intelligenz, frei nach dem Motto: Jeder, der irgendeine Disziplin (vermeintlich) gut beherrscht,
kreiert sich eine Form der Intelligenz, in der er (oder sie) dann glänzen kann.“
Auf der Suche nach dem G-Faktor
35 […]
Intelligenz bezieht sich, so sieht es die seriöse Wissenschaft, auf die kognitiven Fähigkeiten.
„Intelligenz ist eine sehr allgemeine geistige Kapazität, die unter anderem die Fähigkeit um-
fasst, Schlüsse zu ziehen, zu denken, zu planen, Probleme zu lösen, abstrakt zu denken,
komplexe Ideen zu verstehen, schnell zu lernen und aus Erfahrung zu lernen“ – das schrieben
40 führende Forscher, als sie 1994 eine gemeinsame Definition versuchten.
Wenn Forscher heute von Intelligenz sprechen, ist oft vom G-Faktor die Rede: dem General-
faktor oder Allgemeinen Faktor der Intelligenz. Die Bezeichnung geht zurück auf den briti-
schen Psychologen Charles Spearman, der die Leistungen von Schülern in verschiedenen
Fächern verglich. Nach seiner Beobachtung waren viele Schüler in vielen Fächern jeweils
45 ähnlich gut oder schlecht; wer Mathe kann, jongliert auch souveräner mit Sprache. Darauf
baute Spearman seine Theorie von der allgemeinen Intelligenz.
Bleibt die Frage, wie wichtig dieser G-Faktor eigentlich ist. Nicht so sehr, könnte man meinen,
wenn man sich am Arbeitsplatz umguckt. Da wimmelt es doch vor Gegenbeispielen, oder?
All die Dummen, die nach oben kommen, und die Schlauen, die scheitern? Schnell entsteht
50 der Eindruck: Intelligenz ist nicht schädlich, aber zu viel sollte es vielleicht dann doch nicht
sein. Und schließlich entscheiden in Wahrheit ganz andere Faktoren: Fleiß, Charme, Skrupel-
losigkeit, Manieren, Netzwerk, Geschlecht oder auch Glück.
Der Dumme bleibt unten, der Schlaue kommt nach oben
Das ist der Eindruck, aber die Empirie kommt zu einem anderen Ergebnis. Wer wissen will,
55 wie wichtig Intelligenz für den beruflichen Erfolg ist, kann Jochen Kramer fragen. Der Wissen-
schaftler, heute an der Universität Tübingen tätig, fasste 2009 in einer Metaanalyse nicht
weniger als 244 Studien aus Deutschland zusammen. Und bestätigte eine Erkenntnis, die für
die USA schon zuvor gewonnen worden war: Wer intelligenter ist, ist erfolgreicher.
Fünf Jahre lang hatte Kramer die Daten für seine Dissertation zusammengetragen. Das Ergeb-
60 nis, ganz klar: „Je intelligenter ein Mitarbeiter ist, desto eher liefert er gute Arbeit und ist
beruflich erfolgreich.“ Eine Erkenntnis, die andere Forscher nicht überraschen kann, wohl
aber alle, die ihre Chefs für Idioten und sich selbst für oberschlau halten. Ihnen bleibt nur die
tröstliche Erkenntnis, dass solche Studien ja keine Gültigkeit im Einzelfall beanspruchen.
Metaanalysen schließen nicht aus, dass ein Dummkopf zur rechten Zeit am richtigen Ort war
65 und Karriere machte, während der hochbegabte Kollege mit fiesen Mitteln ausgebootet wurde.
Aber wahrscheinlicher ist eben ein anderer Verlauf: Der Dumme bleibt unten, der Schlaue
kommt nach oben.
Das gilt laut Wissenschaftlern auch in Berufen, die gemeinhin als nicht sonderlich anspruchs-
voll angesehen werden. Ob jemand als Postbote Erfolg hat oder als Müllmann reüssiert 2, ist
70 keineswegs unabhängig von seiner Intelligenz. Noch ausgeprägter zeigt sich der statistische
Zusammenhang bei komplexen Berufen, in denen Anforderungen häufig wechseln: Sag mir
deinen IQ, und ich sage dir, wie groß deine Erfolgsaussichten sind.
So gesehen liegt es nahe, Bewerber zum Intelligenztest zu bitten. „Bei Personalentscheidungen
auf solche Tests zu verzichten und sich stattdessen nur auf den persönlichen Eindruck beim
75 Gespräch zu verlassen, das wäre so ähnlich, als würde ein Arzt seinem Patienten eine Gehirn-
tumoroperation vorschlagen, nur weil dieser über wiederholte und heftige Kopfschmerzen
klagt“, urteilen die beiden Forscher Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer.
Bei Bewerbungen sind IQ-Tests selten
Doch in Deutschland werden Bewerber nur selten mit Intelligenztests konfrontiert. Meist sind
80 es andere Hürden, die sie überwinden müssen: Der beliebteste Test in deutschen Firmen wie
auch Dax-100-Unternehmen ist eine Präsentation (89 Prozent der Unternehmen nutzen sie),
es folgen Zweiergespräch (71 Prozent) und Fallstudie (69 Prozent), Interview (66 Prozent)
und Gruppendiskussion (62 Prozent); das ergab eine Studie der Psychologen Christof Ober-
mann und Stefan Höft.
85 Einen Intelligenztest setzte nicht mal jedes dritte Unternehmen ein. Nach einer anderen Unter-
suchung, die Firmen aller Branchen und Größen einbezieht, liegt der Anteil bei gerade mal
rund zehn Prozent.
In anderen Ländern scheinen IQ-Tests viel häufiger verwendet zu werden als in deutschen
Unternehmen. Die Haltung hierzulande dürfte ziemlich dumm sein. Natürlich sei es sinnvoll,
90 Intelligenz zu testen, sagte Christof Obermann dem „Harvard Business Manager“, nachdem
er die Dax-100-Unternehmen untersucht hatte. Denn wenn ein Manager „in puncto Komplexi-
tätsbewältigung nur mittelmäßig ist, wird aus ihm wohl nie eine erfolgreiche Führungskraft“.
Dass IQ-Tests so selten eingesetzt werden, führt der Wirtschaftspsychologe auch darauf zu-
rück, „dass in Deutschland noch immer das Weltbild der Personaler die Inhalte dominiert –
95 mit einseitigem Fokus auf Sozialkompetenz“, daher die Vorliebe für Rollenspiele oder
Gruppendiskussionen. „Intelligenz- und Persönlichkeitstests dagegen galten lange als Geheim-
wissen der Psychologen“, so Christof Obermann.
[…]
1 Maßzahl für emotionale Intelligenz
2 Erfolg haben, Anerkennung finden
3. Setzen Sie die im Text geforderte Messung von Intelligenz bei der Auswahl von Bewerberinnen und Bewerbern in Beziehung zu den Testgütekriterien und prüfen Sie abschließend, ob ein IQ-Test ebenfalls zur Feststellung der Eignung für eine bestimmte Schulform eingesetzt werden sollte. (26 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3. Setzen Sie die im Text geforderte Messung von Intelligenz bei der Auswahl von Bewerberinnen und Bewerbern in Beziehung zu den Testgütekriterien und prüfen Sie abschließend, ob ein IQ-Test ebenfalls zur Feststellung der Eignung für eine bestimmte Schulform eingesetzt werden sollte.
Lösung: Ausarbeitung: 1. Erläuterung der Testgütekriterien: - Objektivität: Unabhängigkeit der Testergebnisse von der durchführenden, auswertenden und interpretierenden Person (Durchführungs-, Auswertungs- und Interpretationsobjektivität). - Reliabilität: Messgenauigkeit und Zuverlässigkeit des Messinstruments (geringer Messfehler bei Wiederholung). - Validität: Gültigkeit, d. h. der Test misst tatsächlich das Merkmal, das er zu messen vorgibt (z. B. Konstruktvalidität, Kriteriumsvalidität/Prognosevalidität). 2. Bezug zum Text (Personalauswahl): - Standardisierte IQ-Tests weisen eine hohe Objektivität und Reliabilität auf und besitzen nachweislich hohe prognostische Validität für beruflichen Erfolg. - Im Text wird kritisiert, dass deutsche Unternehmen dennoch subjektivere Verfahren wie freie Interviews oder Gruppendiskussionen vorziehen, die anfällig für Urteilsfehler sind und geringere Gütekriterien aufweisen. 3. Prüfung des Einsatzes für Schulformempfehlungen / Schullaufbahnentscheidungen: Pro-Argumente: - Standardisierte Messung kognitiver Basiskapazitäten vermeidet soziale oder herkunftsbezogene Urteilsverzerrungen durch Lehrkräfte. - Hohe Gütekriterien bieten faire Vergleichbarkeit und fundierte Prognosefähigkeit für schulisches Lernpotenzial (Schutz vor Über- oder Unterforderung). Contra-Argumente: - Einseitige Fokussierung auf kognitive Aspekte vernachlässigt motivationale Faktoren, Arbeitshaltung, soziale Kompetenzen (EQ) und Kreativität. - Gefahr der Stigmatisierung und Determinierung von Kindern durch ein starres IQ-Label (Self-fulfilling Prophecy). - Momentaufnahmen bei Kindern können durch Tagesform oder Prüfungsangst verfälscht sein; Entwicklungsverläufe sind dynamisch. 4. Begründetes Gesamturteil: - Abwägendes Fazit, z. B. Ablehnung als alleiniges Selektionskriterium, jedoch denkbare Nutzung als ergänzendes diagnostisches Instrument bei uneindeutigen Einzelfällen.
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