Abitur NRW Psychologie 2021 · LK · Nachtermin
Abiturprüfung Psychologie in Nordrhein-Westfalen 2021, LK · Nachtermin: 12 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Experimente und Studien analysieren. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Experimente und Studien analysieren · Texte auswerten und Paradigmen zuordnen · Sozialpsychologische Theorien anwenden · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen · Psychische Störungen und Psychotherapie · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl
Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1 · Experimente und Studien analysieren
Rache ist allgegenwärtig
von Klaus Wilhelm
Vergeltung soll das Gefühl für Gerechtigkeit wiederherstellen. Und manchmal erleichtert sie sogar das Verzeihen, sagen Psychologen
In der U-Bahn lässt der eine den anderen nicht durch; der andere tritt ihm dafür absichtlich
auf den Fuß: Rache! Die Mieter über Ihnen haben nächtelang so laut Sex, dass es Ihnen den
Schlaf raubt. Sie drehen das Radio morgens maximal auf, so dass die beiden auf jeden Fall
aufwachen: Rache! Ein Kollege schwärzt den anderen beim Chef an, der andere hetzt die
5 restliche Belegschaft gegen ihn auf: Rache! Wir sind umgeben von Vergeltung. Im Straßen-
verkehr. Im Fußball. Wenn die Liebe gescheitert ist und man sich betrogen fühlt – das kann
zu Rosenkriegen führen, schlimmstenfalls zu Mord und Totschlag. Rache ist allgegenwärtig.
„Doch wenn Sie die Leute fragen, ob sie sich schon mal gerächt haben, sind viele fast em-
pört“, erklärt der Psychologe Mario Gollwitzer, Professor an der Universität München.
10 „Offenbar löst das Wort etwas Aversives und Unmoralisches aus. Aber jeder tut es trotz-
dem gelegentlich.“
Und wenn die Wissenschaft nach Jahren der Forschung eines über das „faszinierende Phä-
nomen“ herausgefunden hat, dann das: Rache ist eine ebenso komplexe wie zwiespältige
Angelegenheit, die sich langfristig nur selten auszahlt. Aber sie ist auch nicht so schlecht,
15 wie Psychologen einst dachten. „Heute würde kaum jemand mehr von Rache als einem wil-
den, inhumanen Trieb sprechen, den man immer und überall zügeln muss“, sagt Gollwitzer.
Denn Rache „ist für das menschliche Leben funktional und stark verbunden mit unserem
Verlangen nach Gerechtigkeit“ – oder dem, was wir dafür halten.
Wir verstehen die, die sich rächen
20 Statt die Aggression zu verurteilen, sind wir offenbar in der Lage, „Rache intuitiv nachzu-
vollziehen“, fasst Gollwitzer das Ergebnis einer seiner jüngsten Studien zusammen. Dabei
wurden Probanden mit einer trickreichen Versuchsstrategie zu intuitiven Bewertungen ei-
nes realen Vergeltungsaktes „gezwungen“ 1. Es ging um den Fall der Iranerin Ameneh Bahr-
ami, die von einem verschmähten Verehrer mit Säure geblendet wurde. Danach erstritt sie
25 vor Gericht das Recht, es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. Ameneh Bahrami ver-
zichtete letzten Endes auf dieses Recht, aus verschiedenen Gründen, wie es hieß.
Dieser Versuch von Mario Gollwitzer und seinen Forschungskollegen zeigt nicht nur, dass
wir Rache verstehen und nachempfinden können, sondern auch: Wenn wir länger über die
Sinnhaftigkeit der Vergeltung nachdenken, kommen uns Zweifel daran.
30 Die Definition des Phänomens ist jedoch nicht so klar, wie man denken würde. Vergeltungs-
experte Mario Gollwitzer fasst den Rachebegriff sehr weit. Für ihn gehören schon die kleinen
Racheakte des Alltags dazu. Denn für ihn zählt vor allem eines: Ein Mensch, das „Opfer“,
fühlt sich, in welcher Weise auch immer, geschädigt, genervt oder verletzt – und will sicher-
stellen, dass der Verursacher, der „Täter“, gleichermaßen leidet. Dafür muss man ihm eins
35 auswischen.
Die niederländische Forscherin Maartje Elshout bevorzugt einen eng gefassten Begriff der
Rache. Die Psychologin hat Rachefantasien und Vergeltungsakte von ganz normalen Menschen
analysiert und immer wieder Probanden ins Labor gebeten, um die daraus gewonnenen
Erkenntnisse experimentell zu sezieren.
40 Große Rache ist geplant
Echte, große Rache ist demnach „persönlich“, fasst Elshout die Kernbotschaft ihrer Ergeb-
nisse zusammen. Will heißen: Es geht nicht nur darum, dass sich das Opfer vom Täter ge-
schädigt, sondern sich auch beleidigt und gedemütigt fühlt, so dass sein Selbstwert leidet
und es seine Identität bedroht sieht. „Die mit Rachefantasien einhergehenden Emotionen
45 sind deshalb sehr intensiv und aggressiv“, meint die Holländerin: Es seien vor allem Er-
niedrigung, Neid und Zorn. Hinzu kommt nach Ansicht der Psychologin, dass echte Rache
oft entsprechend exzessiv mit Grübeln verbunden und sorgfältig geplant wird. So formt
sich ein Prototyp der Rache im engeren Sinn, der sich auch in klassischen und modernen
Rachegeschichten in Literatur und Film widerspiegelt. Zorn ist demnach nur eine Triebfe-
50 der für eine Rachehandlung. Anders als bei rein zorngetriebener Aggression richtet sich die
Rachehandlung zusätzlich darauf, Selbstwert und Identität des Täters zu demolieren. Aus-
schließlich auf Wut und Ärger basierend wäre zum Beispiel der Stinkefinger, nachdem einem
jemand die Vorfahrt genommen hat. Oder wenn Eltern ihr Kind maßregeln, nachdem es etwas
geklaut hat. Niemand würde in solchen Fällen von Rache sprechen, Maartje Elshout aller-
55 dings davon, dass zornbefeuerte Antworten vor allem darauf zielen, das Verhalten des Täters
zu ändern.
„Meine Forschung sagt, dass Rache von beiden Motiven gleichzeitig angespornt wird“, erklärt
dagegen salomonisch Mario Gollwitzer: „Rache ist eine Mischung aus Selbstwertbefriedigung
und dem Bedürfnis nach Gerechtigkeit.“ Prinzipiell laufen viele Racheversuche in seinem
60 Labor nach ähnlichem Muster ab wie bei den meisten experimentellen Psychologen, die von
einem weitgefassten Rachebegriff ausgehen. Die Forscher stellen möglichst realistische
Szenarien her, in denen die einen Probanden von anderen Versuchspersonen unfair behan-
delt werden. Die „Opfer“ bekommen dann die Chance, sich zu rächen. Am Ende fragen die
Forscher nach, wie sich die Rächer fühlten, was sie dachten und was sie getrieben hat. Auf
65 Basis solcher Versuche erklärt Gollwitzer, dass sich eine Racheaktion in der Realität oft
nicht positiv in der Stimmung niederschlägt.
Anders sehen das David Chester und Nathan DeWall von der University of Kentucky. Die
Aussicht, den eigenen angeschlagenen Emotionshaushalt zu frisieren, scheint manche Men-
schen, die sich nicht gewollt fühlen, regelrecht in die Rache zu treiben. Die Wissenschaftler
70 ließen ihre Probanden Texte schreiben, die dann von anderen entweder sehr kritisch oder
extrem positiv bewertet wurden. Die Stimmung der Teilnehmer wurde vor und nach einem
Vergeltungsakt 2 gegen die Kritiker gemessen. Die Kritisierten fühlten demnach einen ste-
chenden Schmerz der Zurückweisung. Die Vergeltungsaggression aber verbesserte ihre
Stimmung auf Höhen, wie sie auch die gelobten Probanden empfanden.
75 In einem zweiten Versuch bekamen die Probanden eine Pille, von der sie dachten, sie friere
ihre Stimmung ein, das heißt: Von dem Moment an, in dem die Arznei zu wirken beginnt,
verändert sich die Stimmung nicht mehr. In Wahrheit handelte es sich nur [um] ein Placebo.
Der Effekt war allerdings immens. Anders als die Probanden einer Kontrollgruppe ohne
Pille, die sich intensiv rächten, verzichteten die Teilnehmer der Placebogruppe auf Vergeltung.
80 Sie dachten, sie würden das befriedigende Gefühl später nicht spüren können, und entwickel-
ten auch keine Vorfreude darauf.
Ein Hochgefühl, aber ein kurzes
Unter Normalbedingungen, so die Forscher, nutzten zurückgestoßene „Opfer“ die Aggression
der Vergeltung gezielt als Stimmungsdoping. Das passt zu Befunden aus den Neurowissen-
schaften: Der Hirnscanner zeigt bei Racheakten eine starke neuronale Erregung in jenen
85 Bereichen, die auch bei Drogenkonsum oder Sex ein gutes Gefühl verschaffen. Leider aber
„handelt es sich nur um ein kurzfristiges Hochgefühl“, fasst Chester die Ergebnisse einer
weiteren Untersuchung zusammen. Später wird es durchsetzt von vielen negativen Emotionen:
Schuld, Scham, Bedauern und Zweifeln am Sinn der Vergeltung.
Das zeigt den problematischen Charakter der Rache. Zum einen ist Gollwitzer zufolge Ver-
90 geltung nur dann zumindest kurzfristig süß, „wenn man weiß, dass sie beim Täter ankommt“.
Genugtuung empfindet man als Rächer nur, wenn man dem Täter eine Lektion erteilt und
ihm verdeutlicht hat: „Mit mir darfst du so etwas nicht machen, merk dir das!“ Zum zweiten
müssen die ursprünglichen Täter ihre Reue ausdrücken und den Racheakt verstehen. Nur
unter diesen Voraussetzungen fühlen sich Rächende besser als die Studienteilnehmer, die
95 auf Rache verzichteten. Solche Umstände kommen im Alltag aber „sehr selten“ vor, wie der
Psychologe unterstreicht.
[...]
Rache reguliert unser Verhalten
100 Letzten Endes, sagt auch Gollwitzer, ändert die Rache am ursprünglichen Ärger, Zorn und
Frust meist nur wenig. Trotzdem hält sie sich beharrlich in der menschlichen Verhaltenswelt.
Warum? Der renommierte US-Verhaltensforscher Dan Ariely meint, Vergeltung helfe dabei,
eine vertrauensvollere und weniger chaotische Gesellschaft zu schaffen und gutes Verhalten
zu regulieren. In diesem Sinne fungiere jeder Mensch „als ein kleiner Polizist“, erklärt Ariely.
105 Sein Kollege Michael McCullough von der University of Miami proklamiert: Rache bringe
im Sinne der darwinschen Evolutionstheorie einen Überlebensvorteil und resultiere in einem
kulturellen Nutzen, ungeachtet oft hoher individueller Kosten. Anthropologische Studien
unter eingeborenen Stämmen in Venezuela stützen die These: Gehören zu einer Gruppe weit-
hin als rachlüstern bekannte Menschen, „dann passiert insgesamt weniger“, sagt Mario Goll-
110 witzer. Sprich: Diese Menschen, die als rachsüchtig bekannt sind, werden seltener attackiert.
Gegen derlei Theorien sprechen allerdings die vielfach ritualisierten Formen von Blutrache
– etwa im nördlichen Albanien. Nach festgelegten Regeln reagieren dort manche Familien
mit Morden, wenn sie Handlungen anderer Familien als kränkend, respektlos und entehrend
empfinden. „Es ist klar, dass so etwas nicht zu einer Befriedung verfeindeter Parteien bei-
115 trägt“, sagt Gollwitzer, dessen Team das Phänomen in einer Arbeit beleuchtet hat. Danach
lehnen viele Leute die gewaltsame Rache einerseits ab, weil sie sehen, wie viele Unbetei-
ligte leiden. Andererseits sind sie gefangen in ihren traditionellen sozialen Normen. Neue
Gesetze und ein Eingreifen der Polizei lehnen sie ab.
Die Gerechtigkeitslücke verkleinern
120 Jüngst musste auch der langgediente Rachefachmann Gollwitzer staunen – über die Ergeb-
nisse einer seiner neuen Studien. Selbst das scheinbare Gegenteil von Vergeltung – die Ver-
gebung – kann durch Rachegelüste motiviert sein. Bei dem in Fachkreisen „hohle Verge-
bung“ genannten Phänomen handelt es sich „unter Umständen nur oberflächlich betrachtet
um konstruktives Verhalten“. Hinter der Nettigkeit signalisiert der Vergebende anderen
125 Menschen wie Kollegen oder Freunden: „Ich bin moralisch hochwertig, und der, der mich
verletzt hat, ist moralisch minderwertig, und ihr, alle anderen, wisst das jetzt.“ So wischt
man dem ursprünglichen Täter eins aus.
Vielleicht sind Vergebungsprozeduren noch schwieriger als gedacht. Nur zu sagen, „ich
vergebe dir“, reicht nicht. Es könnte sogar sein, „dass für die Lösung eines Konfliktes ein
130 wenig Rache nötig ist“, glaubt der Münchner Psychologe. Dass man als Opfer nach einer
Verletzung wirklich loslassen kann, „klappt vielleicht nur, wenn ich die Gerechtigkeitslücke
ein wenig verkleinert habe“, so Gollwitzer, „und diese Rache muss wohldosiert sein.“
1 Durch „Belastungsaufgaben“ wurde bei einer Versuchspersonengruppe eine kognitive, reflektierte Bearbeitung des Vergeltungsaktes verhindert, dies führte zu einer deutlich positiveren Zustimmung zur Vergeltung, die hier als intuitiv bezeichnet wird.
2 Im ersten Teil der Studie konnten 156 Teilnehmer eine symbolische Form der Aggression zum Ausdruck bringen: Stecknadeln in eine virtuelle Voodoo-Puppe stecken, die sie sich als die Person vorstellen sollten, die ihnen das Feedback gegeben hatte. Im zweiten Teil der Studie konnten 154 andere Teilnehmer den „Täter“ bei einem erneuten Spiel immer mit einem Knall von Geräuschen über Kopfhörer bestrafen, bis hin zur Lautstärke eines Presslufthammers.
Aufgabe 1
1. Arbeiten Sie heraus, welche Auffassungen von Rache bestehen und welche Funktionen ihr zugeschrieben werden, analysieren Sie die Versuche von Chester und DeWall und bringen Sie deren Ergebnisse mit dem Drei-Komponenten-Modell der Einstellung in Zusammenhang. (30 Punkte)
Aufgabe 1 - Teilaufgabe 2 · Sozialpsychologische Theorien anwenden
Rache ist allgegenwärtig
von Klaus Wilhelm
Vergeltung soll das Gefühl für Gerechtigkeit wiederherstellen. Und manchmal erleichtert sie sogar das Verzeihen, sagen Psychologen
In der U-Bahn lässt der eine den anderen nicht durch; der andere tritt ihm dafür absichtlich
auf den Fuß: Rache! Die Mieter über Ihnen haben nächtelang so laut Sex, dass es Ihnen den
Schlaf raubt. Sie drehen das Radio morgens maximal auf, so dass die beiden auf jeden Fall
aufwachen: Rache! Ein Kollege schwärzt den anderen beim Chef an, der andere hetzt die
5 restliche Belegschaft gegen ihn auf: Rache! Wir sind umgeben von Vergeltung. Im Straßen-
verkehr. Im Fußball. Wenn die Liebe gescheitert ist und man sich betrogen fühlt – das kann
zu Rosenkriegen führen, schlimmstenfalls zu Mord und Totschlag. Rache ist allgegenwärtig.
„Doch wenn Sie die Leute fragen, ob sie sich schon mal gerächt haben, sind viele fast em-
pört“, erklärt der Psychologe Mario Gollwitzer, Professor an der Universität München.
10 „Offenbar löst das Wort etwas Aversives und Unmoralisches aus. Aber jeder tut es trotz-
dem gelegentlich.“
Und wenn die Wissenschaft nach Jahren der Forschung eines über das „faszinierende Phä-
nomen“ herausgefunden hat, dann das: Rache ist eine ebenso komplexe wie zwiespältige
Angelegenheit, die sich langfristig nur selten auszahlt. Aber sie ist auch nicht so schlecht,
15 wie Psychologen einst dachten. „Heute würde kaum jemand mehr von Rache als einem wil-
den, inhumanen Trieb sprechen, den man immer und überall zügeln muss“, sagt Gollwitzer.
Denn Rache „ist für das menschliche Leben funktional und stark verbunden mit unserem
Verlangen nach Gerechtigkeit“ – oder dem, was wir dafür halten.
Wir verstehen die, die sich rächen
20 Statt die Aggression zu verurteilen, sind wir offenbar in der Lage, „Rache intuitiv nachzu-
vollziehen“, fasst Gollwitzer das Ergebnis einer seiner jüngsten Studien zusammen. Dabei
wurden Probanden mit einer trickreichen Versuchsstrategie zu intuitiven Bewertungen ei-
nes realen Vergeltungsaktes „gezwungen“ 1. Es ging um den Fall der Iranerin Ameneh Bahr-
ami, die von einem verschmähten Verehrer mit Säure geblendet wurde. Danach erstritt sie
25 vor Gericht das Recht, es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. Ameneh Bahrami ver-
zichtete letzten Endes auf dieses Recht, aus verschiedenen Gründen, wie es hieß.
Dieser Versuch von Mario Gollwitzer und seinen Forschungskollegen zeigt nicht nur, dass
wir Rache verstehen und nachempfinden können, sondern auch: Wenn wir länger über die
Sinnhaftigkeit der Vergeltung nachdenken, kommen uns Zweifel daran.
30 Die Definition des Phänomens ist jedoch nicht so klar, wie man denken würde. Vergeltungs-
experte Mario Gollwitzer fasst den Rachebegriff sehr weit. Für ihn gehören schon die kleinen
Racheakte des Alltags dazu. Denn für ihn zählt vor allem eines: Ein Mensch, das „Opfer“,
fühlt sich, in welcher Weise auch immer, geschädigt, genervt oder verletzt – und will sicher-
stellen, dass der Verursacher, der „Täter“, gleichermaßen leidet. Dafür muss man ihm eins
35 auswischen.
Die niederländische Forscherin Maartje Elshout bevorzugt einen eng gefassten Begriff der
Rache. Die Psychologin hat Rachefantasien und Vergeltungsakte von ganz normalen Menschen
analysiert und immer wieder Probanden ins Labor gebeten, um die daraus gewonnenen
Erkenntnisse experimentell zu sezieren.
40 Große Rache ist geplant
Echte, große Rache ist demnach „persönlich“, fasst Elshout die Kernbotschaft ihrer Ergeb-
nisse zusammen. Will heißen: Es geht nicht nur darum, dass sich das Opfer vom Täter ge-
schädigt, sondern sich auch beleidigt und gedemütigt fühlt, so dass sein Selbstwert leidet
und es seine Identität bedroht sieht. „Die mit Rachefantasien einhergehenden Emotionen
45 sind deshalb sehr intensiv und aggressiv“, meint die Holländerin: Es seien vor allem Er-
niedrigung, Neid und Zorn. Hinzu kommt nach Ansicht der Psychologin, dass echte Rache
oft entsprechend exzessiv mit Grübeln verbunden und sorgfältig geplant wird. So formt
sich ein Prototyp der Rache im engeren Sinn, der sich auch in klassischen und modernen
Rachegeschichten in Literatur und Film widerspiegelt. Zorn ist demnach nur eine Triebfe-
50 der für eine Rachehandlung. Anders als bei rein zorngetriebener Aggression richtet sich die
Rachehandlung zusätzlich darauf, Selbstwert und Identität des Täters zu demolieren. Aus-
schließlich auf Wut und Ärger basierend wäre zum Beispiel der Stinkefinger, nachdem einem
jemand die Vorfahrt genommen hat. Oder wenn Eltern ihr Kind maßregeln, nachdem es etwas
geklaut hat. Niemand würde in solchen Fällen von Rache sprechen, Maartje Elshout aller-
55 dings davon, dass zornbefeuerte Antworten vor allem darauf zielen, das Verhalten des Täters
zu ändern.
„Meine Forschung sagt, dass Rache von beiden Motiven gleichzeitig angespornt wird“, erklärt
dagegen salomonisch Mario Gollwitzer: „Rache ist eine Mischung aus Selbstwertbefriedigung
und dem Bedürfnis nach Gerechtigkeit.“ Prinzipiell laufen viele Racheversuche in seinem
60 Labor nach ähnlichem Muster ab wie bei den meisten experimentellen Psychologen, die von
einem weitgefassten Rachebegriff ausgehen. Die Forscher stellen möglichst realistische
Szenarien her, in denen die einen Probanden von anderen Versuchspersonen unfair behan-
delt werden. Die „Opfer“ bekommen dann die Chance, sich zu rächen. Am Ende fragen die
Forscher nach, wie sich die Rächer fühlten, was sie dachten und was sie getrieben hat. Auf
65 Basis solcher Versuche erklärt Gollwitzer, dass sich eine Racheaktion in der Realität oft
nicht positiv in der Stimmung niederschlägt.
Anders sehen das David Chester und Nathan DeWall von der University of Kentucky. Die
Aussicht, den eigenen angeschlagenen Emotionshaushalt zu frisieren, scheint manche Men-
schen, die sich nicht gewollt fühlen, regelrecht in die Rache zu treiben. Die Wissenschaftler
70 ließen ihre Probanden Texte schreiben, die dann von anderen entweder sehr kritisch oder
extrem positiv bewertet wurden. Die Stimmung der Teilnehmer wurde vor und nach einem
Vergeltungsakt 2 gegen die Kritiker gemessen. Die Kritisierten fühlten demnach einen ste-
chenden Schmerz der Zurückweisung. Die Vergeltungsaggression aber verbesserte ihre
Stimmung auf Höhen, wie sie auch die gelobten Probanden empfanden.
75 In einem zweiten Versuch bekamen die Probanden eine Pille, von der sie dachten, sie friere
ihre Stimmung ein, das heißt: Von dem Moment an, in dem die Arznei zu wirken beginnt,
verändert sich die Stimmung nicht mehr. In Wahrheit handelte es sich nur [um] ein Placebo.
Der Effekt war allerdings immens. Anders als die Probanden einer Kontrollgruppe ohne
Pille, die sich intensiv rächten, verzichteten die Teilnehmer der Placebogruppe auf Vergeltung.
80 Sie dachten, sie würden das befriedigende Gefühl später nicht spüren können, und entwickel-
ten auch keine Vorfreude darauf.
Ein Hochgefühl, aber ein kurzes
Unter Normalbedingungen, so die Forscher, nutzten zurückgestoßene „Opfer“ die Aggression
der Vergeltung gezielt als Stimmungsdoping. Das passt zu Befunden aus den Neurowissen-
schaften: Der Hirnscanner zeigt bei Racheakten eine starke neuronale Erregung in jenen
85 Bereichen, die auch bei Drogenkonsum oder Sex ein gutes Gefühl verschaffen. Leider aber
„handelt es sich nur um ein kurzfristiges Hochgefühl“, fasst Chester die Ergebnisse einer
weiteren Untersuchung zusammen. Später wird es durchsetzt von vielen negativen Emotionen:
Schuld, Scham, Bedauern und Zweifeln am Sinn der Vergeltung.
Das zeigt den problematischen Charakter der Rache. Zum einen ist Gollwitzer zufolge Ver-
90 geltung nur dann zumindest kurzfristig süß, „wenn man weiß, dass sie beim Täter ankommt“.
Genugtuung empfindet man als Rächer nur, wenn man dem Täter eine Lektion erteilt und
ihm verdeutlicht hat: „Mit mir darfst du so etwas nicht machen, merk dir das!“ Zum zweiten
müssen die ursprünglichen Täter ihre Reue ausdrücken und den Racheakt verstehen. Nur
unter diesen Voraussetzungen fühlen sich Rächende besser als die Studienteilnehmer, die
95 auf Rache verzichteten. Solche Umstände kommen im Alltag aber „sehr selten“ vor, wie der
Psychologe unterstreicht.
[...]
Rache reguliert unser Verhalten
100 Letzten Endes, sagt auch Gollwitzer, ändert die Rache am ursprünglichen Ärger, Zorn und
Frust meist nur wenig. Trotzdem hält sie sich beharrlich in der menschlichen Verhaltenswelt.
Warum? Der renommierte US-Verhaltensforscher Dan Ariely meint, Vergeltung helfe dabei,
eine vertrauensvollere und weniger chaotische Gesellschaft zu schaffen und gutes Verhalten
zu regulieren. In diesem Sinne fungiere jeder Mensch „als ein kleiner Polizist“, erklärt Ariely.
105 Sein Kollege Michael McCullough von der University of Miami proklamiert: Rache bringe
im Sinne der darwinschen Evolutionstheorie einen Überlebensvorteil und resultiere in einem
kulturellen Nutzen, ungeachtet oft hoher individueller Kosten. Anthropologische Studien
unter eingeborenen Stämmen in Venezuela stützen die These: Gehören zu einer Gruppe weit-
hin als rachlüstern bekannte Menschen, „dann passiert insgesamt weniger“, sagt Mario Goll-
110 witzer. Sprich: Diese Menschen, die als rachsüchtig bekannt sind, werden seltener attackiert.
Gegen derlei Theorien sprechen allerdings die vielfach ritualisierten Formen von Blutrache
– etwa im nördlichen Albanien. Nach festgelegten Regeln reagieren dort manche Familien
mit Morden, wenn sie Handlungen anderer Familien als kränkend, respektlos und entehrend
empfinden. „Es ist klar, dass so etwas nicht zu einer Befriedung verfeindeter Parteien bei-
115 trägt“, sagt Gollwitzer, dessen Team das Phänomen in einer Arbeit beleuchtet hat. Danach
lehnen viele Leute die gewaltsame Rache einerseits ab, weil sie sehen, wie viele Unbetei-
ligte leiden. Andererseits sind sie gefangen in ihren traditionellen sozialen Normen. Neue
Gesetze und ein Eingreifen der Polizei lehnen sie ab.
Die Gerechtigkeitslücke verkleinern
120 Jüngst musste auch der langgediente Rachefachmann Gollwitzer staunen – über die Ergeb-
nisse einer seiner neuen Studien. Selbst das scheinbare Gegenteil von Vergeltung – die Ver-
gebung – kann durch Rachegelüste motiviert sein. Bei dem in Fachkreisen „hohle Verge-
bung“ genannten Phänomen handelt es sich „unter Umständen nur oberflächlich betrachtet
um konstruktives Verhalten“. Hinter der Nettigkeit signalisiert der Vergebende anderen
125 Menschen wie Kollegen oder Freunden: „Ich bin moralisch hochwertig, und der, der mich
verletzt hat, ist moralisch minderwertig, und ihr, alle anderen, wisst das jetzt.“ So wischt
man dem ursprünglichen Täter eins aus.
Vielleicht sind Vergebungsprozeduren noch schwieriger als gedacht. Nur zu sagen, „ich
vergebe dir“, reicht nicht. Es könnte sogar sein, „dass für die Lösung eines Konfliktes ein
130 wenig Rache nötig ist“, glaubt der Münchner Psychologe. Dass man als Opfer nach einer
Verletzung wirklich loslassen kann, „klappt vielleicht nur, wenn ich die Gerechtigkeitslücke
ein wenig verkleinert habe“, so Gollwitzer, „und diese Rache muss wohldosiert sein.“
1 Durch „Belastungsaufgaben“ wurde bei einer Versuchspersonengruppe eine kognitive, reflektierte Bearbeitung des Vergeltungsaktes verhindert, dies führte zu einer deutlich positiveren Zustimmung zur Vergeltung, die hier als intuitiv bezeichnet wird.
2 Im ersten Teil der Studie konnten 156 Teilnehmer eine symbolische Form der Aggression zum Ausdruck bringen: Stecknadeln in eine virtuelle Voodoo-Puppe stecken, die sie sich als die Person vorstellen sollten, die ihnen das Feedback gegeben hatte. Im zweiten Teil der Studie konnten 154 andere Teilnehmer den „Täter“ bei einem erneuten Spiel immer mit einem Knall von Geräuschen über Kopfhörer bestrafen, bis hin zur Lautstärke eines Presslufthammers.
Aufgabe 1
2. Erklären Sie, welche Funktionen Rache hat, und ziehen Sie dazu sowohl das Konzept der impliziten und expliziten Einstellungen als auch die Theorie des reziproken Altruismus heran. (20 Punkte)
Aufgabe 1 - Teilaufgabe 3 · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen
Rache ist allgegenwärtig
von Klaus Wilhelm
Vergeltung soll das Gefühl für Gerechtigkeit wiederherstellen. Und manchmal erleichtert sie sogar das Verzeihen, sagen Psychologen
In der U-Bahn lässt der eine den anderen nicht durch; der andere tritt ihm dafür absichtlich
auf den Fuß: Rache! Die Mieter über Ihnen haben nächtelang so laut Sex, dass es Ihnen den
Schlaf raubt. Sie drehen das Radio morgens maximal auf, so dass die beiden auf jeden Fall
aufwachen: Rache! Ein Kollege schwärzt den anderen beim Chef an, der andere hetzt die
5 restliche Belegschaft gegen ihn auf: Rache! Wir sind umgeben von Vergeltung. Im Straßen-
verkehr. Im Fußball. Wenn die Liebe gescheitert ist und man sich betrogen fühlt – das kann
zu Rosenkriegen führen, schlimmstenfalls zu Mord und Totschlag. Rache ist allgegenwärtig.
„Doch wenn Sie die Leute fragen, ob sie sich schon mal gerächt haben, sind viele fast em-
pört“, erklärt der Psychologe Mario Gollwitzer, Professor an der Universität München.
10 „Offenbar löst das Wort etwas Aversives und Unmoralisches aus. Aber jeder tut es trotz-
dem gelegentlich.“
Und wenn die Wissenschaft nach Jahren der Forschung eines über das „faszinierende Phä-
nomen“ herausgefunden hat, dann das: Rache ist eine ebenso komplexe wie zwiespältige
Angelegenheit, die sich langfristig nur selten auszahlt. Aber sie ist auch nicht so schlecht,
15 wie Psychologen einst dachten. „Heute würde kaum jemand mehr von Rache als einem wil-
den, inhumanen Trieb sprechen, den man immer und überall zügeln muss“, sagt Gollwitzer.
Denn Rache „ist für das menschliche Leben funktional und stark verbunden mit unserem
Verlangen nach Gerechtigkeit“ – oder dem, was wir dafür halten.
Wir verstehen die, die sich rächen
20 Statt die Aggression zu verurteilen, sind wir offenbar in der Lage, „Rache intuitiv nachzu-
vollziehen“, fasst Gollwitzer das Ergebnis einer seiner jüngsten Studien zusammen. Dabei
wurden Probanden mit einer trickreichen Versuchsstrategie zu intuitiven Bewertungen ei-
nes realen Vergeltungsaktes „gezwungen“ 1. Es ging um den Fall der Iranerin Ameneh Bahr-
ami, die von einem verschmähten Verehrer mit Säure geblendet wurde. Danach erstritt sie
25 vor Gericht das Recht, es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. Ameneh Bahrami ver-
zichtete letzten Endes auf dieses Recht, aus verschiedenen Gründen, wie es hieß.
Dieser Versuch von Mario Gollwitzer und seinen Forschungskollegen zeigt nicht nur, dass
wir Rache verstehen und nachempfinden können, sondern auch: Wenn wir länger über die
Sinnhaftigkeit der Vergeltung nachdenken, kommen uns Zweifel daran.
30 Die Definition des Phänomens ist jedoch nicht so klar, wie man denken würde. Vergeltungs-
experte Mario Gollwitzer fasst den Rachebegriff sehr weit. Für ihn gehören schon die kleinen
Racheakte des Alltags dazu. Denn für ihn zählt vor allem eines: Ein Mensch, das „Opfer“,
fühlt sich, in welcher Weise auch immer, geschädigt, genervt oder verletzt – und will sicher-
stellen, dass der Verursacher, der „Täter“, gleichermaßen leidet. Dafür muss man ihm eins
35 auswischen.
Die niederländische Forscherin Maartje Elshout bevorzugt einen eng gefassten Begriff der
Rache. Die Psychologin hat Rachefantasien und Vergeltungsakte von ganz normalen Menschen
analysiert und immer wieder Probanden ins Labor gebeten, um die daraus gewonnenen
Erkenntnisse experimentell zu sezieren.
40 Große Rache ist geplant
Echte, große Rache ist demnach „persönlich“, fasst Elshout die Kernbotschaft ihrer Ergeb-
nisse zusammen. Will heißen: Es geht nicht nur darum, dass sich das Opfer vom Täter ge-
schädigt, sondern sich auch beleidigt und gedemütigt fühlt, so dass sein Selbstwert leidet
und es seine Identität bedroht sieht. „Die mit Rachefantasien einhergehenden Emotionen
45 sind deshalb sehr intensiv und aggressiv“, meint die Holländerin: Es seien vor allem Er-
niedrigung, Neid und Zorn. Hinzu kommt nach Ansicht der Psychologin, dass echte Rache
oft entsprechend exzessiv mit Grübeln verbunden und sorgfältig geplant wird. So formt
sich ein Prototyp der Rache im engeren Sinn, der sich auch in klassischen und modernen
Rachegeschichten in Literatur und Film widerspiegelt. Zorn ist demnach nur eine Triebfe-
50 der für eine Rachehandlung. Anders als bei rein zorngetriebener Aggression richtet sich die
Rachehandlung zusätzlich darauf, Selbstwert und Identität des Täters zu demolieren. Aus-
schließlich auf Wut und Ärger basierend wäre zum Beispiel der Stinkefinger, nachdem einem
jemand die Vorfahrt genommen hat. Oder wenn Eltern ihr Kind maßregeln, nachdem es etwas
geklaut hat. Niemand würde in solchen Fällen von Rache sprechen, Maartje Elshout aller-
55 dings davon, dass zornbefeuerte Antworten vor allem darauf zielen, das Verhalten des Täters
zu ändern.
„Meine Forschung sagt, dass Rache von beiden Motiven gleichzeitig angespornt wird“, erklärt
dagegen salomonisch Mario Gollwitzer: „Rache ist eine Mischung aus Selbstwertbefriedigung
und dem Bedürfnis nach Gerechtigkeit.“ Prinzipiell laufen viele Racheversuche in seinem
60 Labor nach ähnlichem Muster ab wie bei den meisten experimentellen Psychologen, die von
einem weitgefassten Rachebegriff ausgehen. Die Forscher stellen möglichst realistische
Szenarien her, in denen die einen Probanden von anderen Versuchspersonen unfair behan-
delt werden. Die „Opfer“ bekommen dann die Chance, sich zu rächen. Am Ende fragen die
Forscher nach, wie sich die Rächer fühlten, was sie dachten und was sie getrieben hat. Auf
65 Basis solcher Versuche erklärt Gollwitzer, dass sich eine Racheaktion in der Realität oft
nicht positiv in der Stimmung niederschlägt.
Anders sehen das David Chester und Nathan DeWall von der University of Kentucky. Die
Aussicht, den eigenen angeschlagenen Emotionshaushalt zu frisieren, scheint manche Men-
schen, die sich nicht gewollt fühlen, regelrecht in die Rache zu treiben. Die Wissenschaftler
70 ließen ihre Probanden Texte schreiben, die dann von anderen entweder sehr kritisch oder
extrem positiv bewertet wurden. Die Stimmung der Teilnehmer wurde vor und nach einem
Vergeltungsakt 2 gegen die Kritiker gemessen. Die Kritisierten fühlten demnach einen ste-
chenden Schmerz der Zurückweisung. Die Vergeltungsaggression aber verbesserte ihre
Stimmung auf Höhen, wie sie auch die gelobten Probanden empfanden.
75 In einem zweiten Versuch bekamen die Probanden eine Pille, von der sie dachten, sie friere
ihre Stimmung ein, das heißt: Von dem Moment an, in dem die Arznei zu wirken beginnt,
verändert sich die Stimmung nicht mehr. In Wahrheit handelte es sich nur [um] ein Placebo.
Der Effekt war allerdings immens. Anders als die Probanden einer Kontrollgruppe ohne
Pille, die sich intensiv rächten, verzichteten die Teilnehmer der Placebogruppe auf Vergeltung.
80 Sie dachten, sie würden das befriedigende Gefühl später nicht spüren können, und entwickel-
ten auch keine Vorfreude darauf.
Ein Hochgefühl, aber ein kurzes
Unter Normalbedingungen, so die Forscher, nutzten zurückgestoßene „Opfer“ die Aggression
der Vergeltung gezielt als Stimmungsdoping. Das passt zu Befunden aus den Neurowissen-
schaften: Der Hirnscanner zeigt bei Racheakten eine starke neuronale Erregung in jenen
85 Bereichen, die auch bei Drogenkonsum oder Sex ein gutes Gefühl verschaffen. Leider aber
„handelt es sich nur um ein kurzfristiges Hochgefühl“, fasst Chester die Ergebnisse einer
weiteren Untersuchung zusammen. Später wird es durchsetzt von vielen negativen Emotionen:
Schuld, Scham, Bedauern und Zweifeln am Sinn der Vergeltung.
Das zeigt den problematischen Charakter der Rache. Zum einen ist Gollwitzer zufolge Ver-
90 geltung nur dann zumindest kurzfristig süß, „wenn man weiß, dass sie beim Täter ankommt“.
Genugtuung empfindet man als Rächer nur, wenn man dem Täter eine Lektion erteilt und
ihm verdeutlicht hat: „Mit mir darfst du so etwas nicht machen, merk dir das!“ Zum zweiten
müssen die ursprünglichen Täter ihre Reue ausdrücken und den Racheakt verstehen. Nur
unter diesen Voraussetzungen fühlen sich Rächende besser als die Studienteilnehmer, die
95 auf Rache verzichteten. Solche Umstände kommen im Alltag aber „sehr selten“ vor, wie der
Psychologe unterstreicht.
[...]
Rache reguliert unser Verhalten
100 Letzten Endes, sagt auch Gollwitzer, ändert die Rache am ursprünglichen Ärger, Zorn und
Frust meist nur wenig. Trotzdem hält sie sich beharrlich in der menschlichen Verhaltenswelt.
Warum? Der renommierte US-Verhaltensforscher Dan Ariely meint, Vergeltung helfe dabei,
eine vertrauensvollere und weniger chaotische Gesellschaft zu schaffen und gutes Verhalten
zu regulieren. In diesem Sinne fungiere jeder Mensch „als ein kleiner Polizist“, erklärt Ariely.
105 Sein Kollege Michael McCullough von der University of Miami proklamiert: Rache bringe
im Sinne der darwinschen Evolutionstheorie einen Überlebensvorteil und resultiere in einem
kulturellen Nutzen, ungeachtet oft hoher individueller Kosten. Anthropologische Studien
unter eingeborenen Stämmen in Venezuela stützen die These: Gehören zu einer Gruppe weit-
hin als rachlüstern bekannte Menschen, „dann passiert insgesamt weniger“, sagt Mario Goll-
110 witzer. Sprich: Diese Menschen, die als rachsüchtig bekannt sind, werden seltener attackiert.
Gegen derlei Theorien sprechen allerdings die vielfach ritualisierten Formen von Blutrache
– etwa im nördlichen Albanien. Nach festgelegten Regeln reagieren dort manche Familien
mit Morden, wenn sie Handlungen anderer Familien als kränkend, respektlos und entehrend
empfinden. „Es ist klar, dass so etwas nicht zu einer Befriedung verfeindeter Parteien bei-
115 trägt“, sagt Gollwitzer, dessen Team das Phänomen in einer Arbeit beleuchtet hat. Danach
lehnen viele Leute die gewaltsame Rache einerseits ab, weil sie sehen, wie viele Unbetei-
ligte leiden. Andererseits sind sie gefangen in ihren traditionellen sozialen Normen. Neue
Gesetze und ein Eingreifen der Polizei lehnen sie ab.
Die Gerechtigkeitslücke verkleinern
120 Jüngst musste auch der langgediente Rachefachmann Gollwitzer staunen – über die Ergeb-
nisse einer seiner neuen Studien. Selbst das scheinbare Gegenteil von Vergeltung – die Ver-
gebung – kann durch Rachegelüste motiviert sein. Bei dem in Fachkreisen „hohle Verge-
bung“ genannten Phänomen handelt es sich „unter Umständen nur oberflächlich betrachtet
um konstruktives Verhalten“. Hinter der Nettigkeit signalisiert der Vergebende anderen
125 Menschen wie Kollegen oder Freunden: „Ich bin moralisch hochwertig, und der, der mich
verletzt hat, ist moralisch minderwertig, und ihr, alle anderen, wisst das jetzt.“ So wischt
man dem ursprünglichen Täter eins aus.
Vielleicht sind Vergebungsprozeduren noch schwieriger als gedacht. Nur zu sagen, „ich
vergebe dir“, reicht nicht. Es könnte sogar sein, „dass für die Lösung eines Konfliktes ein
130 wenig Rache nötig ist“, glaubt der Münchner Psychologe. Dass man als Opfer nach einer
Verletzung wirklich loslassen kann, „klappt vielleicht nur, wenn ich die Gerechtigkeitslücke
ein wenig verkleinert habe“, so Gollwitzer, „und diese Rache muss wohldosiert sein.“
1 Durch „Belastungsaufgaben“ wurde bei einer Versuchspersonengruppe eine kognitive, reflektierte Bearbeitung des Vergeltungsaktes verhindert, dies führte zu einer deutlich positiveren Zustimmung zur Vergeltung, die hier als intuitiv bezeichnet wird.
2 Im ersten Teil der Studie konnten 156 Teilnehmer eine symbolische Form der Aggression zum Ausdruck bringen: Stecknadeln in eine virtuelle Voodoo-Puppe stecken, die sie sich als die Person vorstellen sollten, die ihnen das Feedback gegeben hatte. Im zweiten Teil der Studie konnten 154 andere Teilnehmer den „Täter“ bei einem erneuten Spiel immer mit einem Knall von Geräuschen über Kopfhörer bestrafen, bis hin zur Lautstärke eines Presslufthammers.
Aufgabe 1
3. Erklären Sie aus tiefenpsychologischer Sicht, welche Funktionen Rache erfüllt, und beziehen Sie dabei das zugehörige Persönlichkeitsmodell ein. Prüfen Sie anschließend, ob dieser persönlichkeitspsychologischen Erklärung gegenüber der sozialpsychologischen Erklärung aus Aufgabe 2 der Vorzug zu geben ist. (30 Punkte)
Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1 · Sozialpsychologische Theorien anwenden
Freunde im Doppelpack
Anstrengend, verstaubt und spießig – um das Image des Pärchenabends steht es nicht gut. Zu Unrecht: Die Freundschaft unter Paaren bereichert nicht nur die Freizeit. Ihre Dynamiken beleben die Beziehung
[...]
Egal ob Kabarett, Kino, Theater oder Literatur – das Aufeinandertreffen zweier Paare dient
gerne als Vorlage für satirische Scherze und hämischen Spott. Dabei ist die Paarfreund-
schaft weit mehr als eine Lachnummer. Die Begegnung zwei plus zwei lässt uns wachsen,
5 bereichert unser Leben und stärkt unsere Beziehung – oder führt zu Tragödien. Trennt sich
ein Paar, eckt ein neuer Partner an oder kommt Neid ins Spiel, zeigt sich, wie komplex und
fragil diese Konstellationen sind. Wer um ihre Besonderheiten weiß, kann die Fallstricke
vermeiden.
„Das Bedürfnis, uns mit anderen zu verbünden, ist tief in uns verwurzelt“, sagt die Kölner
10 Paartherapeutin Marina Gardini. „Wir brauchen den Zusammenschluss mit Freunden – auch
als Paar.“ Das gilt besonders für westliche Gesellschaften. Denn sie sind geprägt von „einer
Abkehr vom gemeinschaftsorientierten Leben, hin zu einem zunehmenden Maß an Privati-
sierung und Individualismus“, wie der Familienforscher Allen Barton von der University of
Georgia beobachtet. Dieser Kulturwandel zieht nach sich, dass Paare selten ein Teil größerer
15 Gemeinschaften sind, etwa der Kirche oder des Dorfs. Entsprechend bedeutsamer wird die
Rolle von kleineren sozialen Einheiten. Einheiten wie der Freundschaft im Doppelpack. Das
zeigt auch eine der wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich mit dieser Konstel-
lation beschäftigen. Mehr als 400 Personen haben Geoffrey Greif und Kathleen Holtz Deal,
Professoren an der University of Maryland School of Social Work, für ihr Buch Two Plus
20 Two. Couples and Their Couple Friendships interviewt. 78 Prozent der 246 vergebenen
Personen in der Stichprobe gaben an, die Freundschaft mit anderen Paaren sei ihnen wichtig
oder sogar sehr wichtig.
[...]
„Paarfreundschaften spielen im Laufe des Lebens mal eine größere, mal eine kleinere Rolle.
25 Am wichtigsten sind sie jedoch zu Beginn der ersten Ehe, wenn sich ein Paar neu als Paar
definieren muss.“ Während die meisten Menschen in ihrer Jugend und den frühen Zwanzigern
einzelne Freunde oder ganze Cliquen als Bezugspunkte haben, etablieren sich mit den ersten
langfristigen und ernsthaften Beziehungen auch Paare im Freundeskreis. Sie dienten als
Vergleichsbasis, so Greif, um die eigene Identität der Partnerschaft zu festigen, und spielten
30 eine wichtige Rolle im sozialen Gefüge.
Paare in den mittleren Jahren hätten hingegen oft Schwierigkeiten, diese Freundschaften
aufrechtzuerhalten. Neben Karriere, Kindern und pflegebedürftigen Eltern bleibt in der
Rushhour des Lebens nicht viel Zeit, in soziale Kontakte zu investieren. „Sobald aber der
Nachwuchs das Haus verlassen hat und die berufliche Position gesichert ist, haben Paare
35 mehr Kapazitäten“, sagt Greif. „Ältere Menschen schätzen diese Art der Verbindung wieder
sehr.“ Das gilt auch für das letzte Viertel des Lebens. Doch fällt es Ehepaaren dann zuneh-
mend schwer, sich mit anderen zu vernetzen. „Wenn im Bekanntenkreis schon einige ver-
witwet sind und die Freunde immobiler werden, werden Paarfreundschaften seltener.“
Doch egal in welchem Alter – die Rechnung zwei plus zwei geht nicht immer auf. „Sie
40 glauben, dass es schwer ist, einen echten Freund zu finden?“, fragt etwa Irene Levine,
Psychologin an der New York University School of Medicine und Autorin eines Freund-
schaftsblogs. „Multiplizieren Sie diese Komplexität mit zwei und versuchen Sie dann, ein
Paar zu finden, mit dem Sie und Ihr Partner harmonieren.“ Damit die Suche erfolgreich ver-
laufen kann, hilft es, vor allem auf eines zu achten: Ähnlichkeit. „In einer extrem pluralisti-
45 schen Gesellschaft fühlen sich Paare in der Gegenwart ähnlicher Menschen wohler“, sagt
Gardini. Buchliebhaber möchten mit Buchliebhabern, Triathleten mit Triathleten und FDP-
Wählern mit FDP-Wählern ihre Freizeit verbringen. „Natürlich können auch Unterschiede
bereichern, aber nur wenn sie nicht zu groß sind.“
Stimmen Wertevorstellungen, sozioökonomischer Status und Bildungshintergrund halbwegs
50 überein, müssen sich schließlich auch noch die Erwartungen an die Freundschaft decken. So
haben Greif und Holtz Deal herausgefunden, dass sich Paare in den USA zwischen zwei Polen
bewegen: Spaßorientierung und emotionaler Teilhabe. „Die meisten Paare suchen ein anderes
Paar, mit dem sie sich amüsieren können“, sagt Greif. „Ihre Freundschaft basiert auf gemein-
samen Aktivitäten und gleicht eher der Herangehensweise von Männern.“ Eine kleinere
55 Gruppe von Paaren definiert ihre Freundschaft hingegen über Empathie und Selbstoffenba-
rung – dem typischeren Interaktionsstil von Frauen. Gardini nimmt an, dass dieses Verhältnis
hierzulande ähnlich ausfällt. Denn: „Paarfreundschaften fokussieren sich oft auf Hobbys“,
sagt die Psychologin. „Sie brauchen keine sonderliche Tiefe und beruhen nicht unbedingt
darauf, dass man sich bei schweren Lebensereignissen unterstützt.“
[...]
Paarfreundschaften tun uns gut. „Menschen mit Freunden leben länger und glücklicher“, sagt
Greif. „Denn Freunde halten uns auf Trab, sozial und geistig. Sie achten auf unsere Gesund-
heit und sorgen dafür, dass wir in Bewegung bleiben.“ Gefüttert mit aktuellen Studienergeb-
nissen, ließe sich die Liste der Wohltaten noch eine ganze Weile fortsetzen: vom sinkenden
65 Risiko für Bluthochdruck und Depressionen über ein gesteigertes Selbstwertgefühl bis hin
zum gestärkten Immunsystem. Im Vergleich zur klassischen Sandkasten-, Fußball- oder
Frühstücksfreundschaft hat die Konstellation aus zwei Paaren aber noch einen weiteren, ent-
scheidenden Vorteil: Sie steigert die Beziehungsqualität. „Paare, die Freunde teilen, werden
stärker in ein soziales Netzwerk integriert, und das kann ihre eigene Beziehung stärken“,
70 schreiben Greif und Holtz Deal. „Wir glauben deshalb, dass Paare durch ihre Freundschaften
mit anderen Paaren nicht nur viel Spaß haben, sondern sich auch gegenseitig mehr schätzen.“
Empirisch belegt wurde diese Vermutung durch den Psychologen Keith Welker an der
University of Colorado Boulder. In einer Studie mit 176 Probanden untersuchte er, ob die
Interaktion zwischen zwei Paaren das Gefühl von Nähe innerhalb der Partnerschaften ver-
75 stärken kann. Tatsächlich zeigten seine Experimente, dass gemeinsame Aktivitäten die Zu-
neigung zwischen den jeweiligen Partnern erhöhen. „Paarfreundschaften können damit eine
Möglichkeit sein, das Gefühl von leidenschaftlicher Liebe in romantischen Beziehungen neu
zu entfachen“, schreibt Welker.
[...]
80 Doch natürlich schlagen in solchen Konstellationen auch schwierige Erscheinungen auf, etwa
das Like him, hate her -Phänomen. So bezeichnen Greif und Holtz Deal es, „wenn ein Paar
mit einem anderen Paar befreundet ist, von dem es einen der beiden mag, den anderen aber
nicht“. Variationen seien das Like him but don’t talk about politics - oder das Don’t get her
started on her work -Syndrom 1. In diesen Fällen, das zeigt ihre Studie, versuchen Paare den
85 Kontakt zu reduzieren oder sich nur noch in einer größeren Gruppe zu treffen. Ein Konflikt-
herd nicht nur für die Viererrunde, sondern auch für beide Partnerschaften. Denn: „Manch-
mal möchte der eine seine knappe Freizeit nicht für einen anstrengenden Kontakt opfern, der
andere fühlt sich aber dem Freund zur Loyalität verpflichtet“, sagt Greif. Das zweite Paar
wiederum muss damit umgehen, dass der oder die Neue nicht mit offenen Armen in den Kreis
90 der Freunde aufgenommen wird. In manchen Fällen gelingt es dann, den Kontakt auf be-
stimmte Aktivitäten zu begrenzen. Findet sich gar keine gemeinsame Ebene, kann es eine
Lösung sein, die Beziehung in einen Eins-zu-eins-Kontakt unter den Männern oder Frauen
auszulagern. Doch auch dieser Schritt müsse behutsam erfolgen, meint Gardini: „Es ist sehr
schwer zu ertragen, wenn der eigene Partner abgelehnt wird. Die Freizeit ist ein Luxusgut,
95 da soll es reibungsfrei laufen.“
Noch schwieriger wird es, wenn größere Brocken in das Getriebe der Freundschaft gelangen:
Lebenskrisen wie Arbeitslosigkeit, Krankheit – oder Trennung. Geht eine der Beziehungen
in die Brüche, stellt das die Freundschaft des ganzen Quartetts auf die Probe. Wer hält zu
wem, wenn der Abschied kein einvernehmlicher war? Wer trifft wen, wenn es die übliche
100 Runde nicht mehr gibt? Und wer teilt welche Informationen, wenn plötzlich Fronten auftau-
chen, die es vorher nicht gab? Greif und Holtz Deal haben 58 geschiedene Personen und
123 Paare dazu befragt, was diese Herausforderungen mit ihrer Viererrunde machten. Über
die Hälfte der Paare berichtete, dass die Freundschaft mit einem der beiden Expartner in die
Brüche ging. Und 13 Prozent erlebten, dass der Kontakt sogar zu beiden Personen abbrach.
[...]
Ein typischer Verlauf, glaubt Psychologin Gardini. Denn wenn sich die Lebenssituation o-
der Interessenslage bei einem der Paare ändere, setze das viel Kooperationsbereitschaft und
Einsatz bei allen Beteiligten voraus. „Alte Strukturen, Aktivitäten und Dynamiken passen
dann einfach nicht mehr, und es wird schnell deutlich: Geht es nur um gemeinsame Aktivi-
110 täten oder auch um ein Interesse an den Menschen?“ Wem die Freundschaft etwas bedeutet,
der sollte ihr ausreichend Zeit geben, sich auf einer neuen Ebene einzupendeln. Und akzep-
tieren, dass Geben und Nehmen – etwa nach einer Trennung – für eine Weile unausgeglichen
sind.
[...]
1 sinngemäß: Lass sie gar nicht erst anfangen, über ihre Arbeit zu sprechen
1. Stellen Sie dar, wie sich Paarfreundschaften im Lebensverlauf entwickeln, arbeiten Sie heraus, welche Gründe für Paarfreundschaften sprechen und welche Einflüsse sie gefährden (einschließlich der denkbaren Folgen), und erläutern Sie beide Aspekte anhand der Grundbegriffe der Systemtheorie. (28 Punkte)
a)
b)
Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2 · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen
Freunde im Doppelpack
Anstrengend, verstaubt und spießig – um das Image des Pärchenabends steht es nicht gut. Zu Unrecht: Die Freundschaft unter Paaren bereichert nicht nur die Freizeit. Ihre Dynamiken beleben die Beziehung
[...]
Egal ob Kabarett, Kino, Theater oder Literatur – das Aufeinandertreffen zweier Paare dient
gerne als Vorlage für satirische Scherze und hämischen Spott. Dabei ist die Paarfreund-
schaft weit mehr als eine Lachnummer. Die Begegnung zwei plus zwei lässt uns wachsen,
5 bereichert unser Leben und stärkt unsere Beziehung – oder führt zu Tragödien. Trennt sich
ein Paar, eckt ein neuer Partner an oder kommt Neid ins Spiel, zeigt sich, wie komplex und
fragil diese Konstellationen sind. Wer um ihre Besonderheiten weiß, kann die Fallstricke
vermeiden.
„Das Bedürfnis, uns mit anderen zu verbünden, ist tief in uns verwurzelt“, sagt die Kölner
10 Paartherapeutin Marina Gardini. „Wir brauchen den Zusammenschluss mit Freunden – auch
als Paar.“ Das gilt besonders für westliche Gesellschaften. Denn sie sind geprägt von „einer
Abkehr vom gemeinschaftsorientierten Leben, hin zu einem zunehmenden Maß an Privati-
sierung und Individualismus“, wie der Familienforscher Allen Barton von der University of
Georgia beobachtet. Dieser Kulturwandel zieht nach sich, dass Paare selten ein Teil größerer
15 Gemeinschaften sind, etwa der Kirche oder des Dorfs. Entsprechend bedeutsamer wird die
Rolle von kleineren sozialen Einheiten. Einheiten wie der Freundschaft im Doppelpack. Das
zeigt auch eine der wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich mit dieser Konstel-
lation beschäftigen. Mehr als 400 Personen haben Geoffrey Greif und Kathleen Holtz Deal,
Professoren an der University of Maryland School of Social Work, für ihr Buch Two Plus
20 Two. Couples and Their Couple Friendships interviewt. 78 Prozent der 246 vergebenen
Personen in der Stichprobe gaben an, die Freundschaft mit anderen Paaren sei ihnen wichtig
oder sogar sehr wichtig.
[...]
„Paarfreundschaften spielen im Laufe des Lebens mal eine größere, mal eine kleinere Rolle.
25 Am wichtigsten sind sie jedoch zu Beginn der ersten Ehe, wenn sich ein Paar neu als Paar
definieren muss.“ Während die meisten Menschen in ihrer Jugend und den frühen Zwanzigern
einzelne Freunde oder ganze Cliquen als Bezugspunkte haben, etablieren sich mit den ersten
langfristigen und ernsthaften Beziehungen auch Paare im Freundeskreis. Sie dienten als
Vergleichsbasis, so Greif, um die eigene Identität der Partnerschaft zu festigen, und spielten
30 eine wichtige Rolle im sozialen Gefüge.
Paare in den mittleren Jahren hätten hingegen oft Schwierigkeiten, diese Freundschaften
aufrechtzuerhalten. Neben Karriere, Kindern und pflegebedürftigen Eltern bleibt in der
Rushhour des Lebens nicht viel Zeit, in soziale Kontakte zu investieren. „Sobald aber der
Nachwuchs das Haus verlassen hat und die berufliche Position gesichert ist, haben Paare
35 mehr Kapazitäten“, sagt Greif. „Ältere Menschen schätzen diese Art der Verbindung wieder
sehr.“ Das gilt auch für das letzte Viertel des Lebens. Doch fällt es Ehepaaren dann zuneh-
mend schwer, sich mit anderen zu vernetzen. „Wenn im Bekanntenkreis schon einige ver-
witwet sind und die Freunde immobiler werden, werden Paarfreundschaften seltener.“
Doch egal in welchem Alter – die Rechnung zwei plus zwei geht nicht immer auf. „Sie
40 glauben, dass es schwer ist, einen echten Freund zu finden?“, fragt etwa Irene Levine,
Psychologin an der New York University School of Medicine und Autorin eines Freund-
schaftsblogs. „Multiplizieren Sie diese Komplexität mit zwei und versuchen Sie dann, ein
Paar zu finden, mit dem Sie und Ihr Partner harmonieren.“ Damit die Suche erfolgreich ver-
laufen kann, hilft es, vor allem auf eines zu achten: Ähnlichkeit. „In einer extrem pluralisti-
45 schen Gesellschaft fühlen sich Paare in der Gegenwart ähnlicher Menschen wohler“, sagt
Gardini. Buchliebhaber möchten mit Buchliebhabern, Triathleten mit Triathleten und FDP-
Wählern mit FDP-Wählern ihre Freizeit verbringen. „Natürlich können auch Unterschiede
bereichern, aber nur wenn sie nicht zu groß sind.“
Stimmen Wertevorstellungen, sozioökonomischer Status und Bildungshintergrund halbwegs
50 überein, müssen sich schließlich auch noch die Erwartungen an die Freundschaft decken. So
haben Greif und Holtz Deal herausgefunden, dass sich Paare in den USA zwischen zwei Polen
bewegen: Spaßorientierung und emotionaler Teilhabe. „Die meisten Paare suchen ein anderes
Paar, mit dem sie sich amüsieren können“, sagt Greif. „Ihre Freundschaft basiert auf gemein-
samen Aktivitäten und gleicht eher der Herangehensweise von Männern.“ Eine kleinere
55 Gruppe von Paaren definiert ihre Freundschaft hingegen über Empathie und Selbstoffenba-
rung – dem typischeren Interaktionsstil von Frauen. Gardini nimmt an, dass dieses Verhältnis
hierzulande ähnlich ausfällt. Denn: „Paarfreundschaften fokussieren sich oft auf Hobbys“,
sagt die Psychologin. „Sie brauchen keine sonderliche Tiefe und beruhen nicht unbedingt
darauf, dass man sich bei schweren Lebensereignissen unterstützt.“
[...]
Paarfreundschaften tun uns gut. „Menschen mit Freunden leben länger und glücklicher“, sagt
Greif. „Denn Freunde halten uns auf Trab, sozial und geistig. Sie achten auf unsere Gesund-
heit und sorgen dafür, dass wir in Bewegung bleiben.“ Gefüttert mit aktuellen Studienergeb-
nissen, ließe sich die Liste der Wohltaten noch eine ganze Weile fortsetzen: vom sinkenden
65 Risiko für Bluthochdruck und Depressionen über ein gesteigertes Selbstwertgefühl bis hin
zum gestärkten Immunsystem. Im Vergleich zur klassischen Sandkasten-, Fußball- oder
Frühstücksfreundschaft hat die Konstellation aus zwei Paaren aber noch einen weiteren, ent-
scheidenden Vorteil: Sie steigert die Beziehungsqualität. „Paare, die Freunde teilen, werden
stärker in ein soziales Netzwerk integriert, und das kann ihre eigene Beziehung stärken“,
70 schreiben Greif und Holtz Deal. „Wir glauben deshalb, dass Paare durch ihre Freundschaften
mit anderen Paaren nicht nur viel Spaß haben, sondern sich auch gegenseitig mehr schätzen.“
Empirisch belegt wurde diese Vermutung durch den Psychologen Keith Welker an der
University of Colorado Boulder. In einer Studie mit 176 Probanden untersuchte er, ob die
Interaktion zwischen zwei Paaren das Gefühl von Nähe innerhalb der Partnerschaften ver-
75 stärken kann. Tatsächlich zeigten seine Experimente, dass gemeinsame Aktivitäten die Zu-
neigung zwischen den jeweiligen Partnern erhöhen. „Paarfreundschaften können damit eine
Möglichkeit sein, das Gefühl von leidenschaftlicher Liebe in romantischen Beziehungen neu
zu entfachen“, schreibt Welker.
[...]
80 Doch natürlich schlagen in solchen Konstellationen auch schwierige Erscheinungen auf, etwa
das Like him, hate her -Phänomen. So bezeichnen Greif und Holtz Deal es, „wenn ein Paar
mit einem anderen Paar befreundet ist, von dem es einen der beiden mag, den anderen aber
nicht“. Variationen seien das Like him but don’t talk about politics - oder das Don’t get her
started on her work -Syndrom 1. In diesen Fällen, das zeigt ihre Studie, versuchen Paare den
85 Kontakt zu reduzieren oder sich nur noch in einer größeren Gruppe zu treffen. Ein Konflikt-
herd nicht nur für die Viererrunde, sondern auch für beide Partnerschaften. Denn: „Manch-
mal möchte der eine seine knappe Freizeit nicht für einen anstrengenden Kontakt opfern, der
andere fühlt sich aber dem Freund zur Loyalität verpflichtet“, sagt Greif. Das zweite Paar
wiederum muss damit umgehen, dass der oder die Neue nicht mit offenen Armen in den Kreis
90 der Freunde aufgenommen wird. In manchen Fällen gelingt es dann, den Kontakt auf be-
stimmte Aktivitäten zu begrenzen. Findet sich gar keine gemeinsame Ebene, kann es eine
Lösung sein, die Beziehung in einen Eins-zu-eins-Kontakt unter den Männern oder Frauen
auszulagern. Doch auch dieser Schritt müsse behutsam erfolgen, meint Gardini: „Es ist sehr
schwer zu ertragen, wenn der eigene Partner abgelehnt wird. Die Freizeit ist ein Luxusgut,
95 da soll es reibungsfrei laufen.“
Noch schwieriger wird es, wenn größere Brocken in das Getriebe der Freundschaft gelangen:
Lebenskrisen wie Arbeitslosigkeit, Krankheit – oder Trennung. Geht eine der Beziehungen
in die Brüche, stellt das die Freundschaft des ganzen Quartetts auf die Probe. Wer hält zu
wem, wenn der Abschied kein einvernehmlicher war? Wer trifft wen, wenn es die übliche
100 Runde nicht mehr gibt? Und wer teilt welche Informationen, wenn plötzlich Fronten auftau-
chen, die es vorher nicht gab? Greif und Holtz Deal haben 58 geschiedene Personen und
123 Paare dazu befragt, was diese Herausforderungen mit ihrer Viererrunde machten. Über
die Hälfte der Paare berichtete, dass die Freundschaft mit einem der beiden Expartner in die
Brüche ging. Und 13 Prozent erlebten, dass der Kontakt sogar zu beiden Personen abbrach.
[...]
Ein typischer Verlauf, glaubt Psychologin Gardini. Denn wenn sich die Lebenssituation o-
der Interessenslage bei einem der Paare ändere, setze das viel Kooperationsbereitschaft und
Einsatz bei allen Beteiligten voraus. „Alte Strukturen, Aktivitäten und Dynamiken passen
dann einfach nicht mehr, und es wird schnell deutlich: Geht es nur um gemeinsame Aktivi-
110 täten oder auch um ein Interesse an den Menschen?“ Wem die Freundschaft etwas bedeutet,
der sollte ihr ausreichend Zeit geben, sich auf einer neuen Ebene einzupendeln. Und akzep-
tieren, dass Geben und Nehmen – etwa nach einer Trennung – für eine Weile unausgeglichen
sind.
[...]
1 sinngemäß: Lass sie gar nicht erst anfangen, über ihre Arbeit zu sprechen
2. Erläutern Sie mithilfe des kognitivistischen Persönlichkeitsmodells, warum Paarfreundschaften entstehen, erklären Sie anhand der Theorie der kognitiven Dissonanz, welche Folgen Einflüsse haben, die Paarfreundschaften bedrohen, und prüfen Sie, ob diese kognitivistischen Erklärungen gegenüber der ganzheitlichen Erläuterung aus Aufgabe 1 zu bevorzugen sind. (34 Punkte)
a)
b)
c)
Aufgabe 2 - Teilaufgabe 3 · Psychische Störungen und Psychotherapie
Freunde im Doppelpack
Anstrengend, verstaubt und spießig – um das Image des Pärchenabends steht es nicht gut. Zu Unrecht: Die Freundschaft unter Paaren bereichert nicht nur die Freizeit. Ihre Dynamiken beleben die Beziehung
[...]
Egal ob Kabarett, Kino, Theater oder Literatur – das Aufeinandertreffen zweier Paare dient
gerne als Vorlage für satirische Scherze und hämischen Spott. Dabei ist die Paarfreund-
schaft weit mehr als eine Lachnummer. Die Begegnung zwei plus zwei lässt uns wachsen,
5 bereichert unser Leben und stärkt unsere Beziehung – oder führt zu Tragödien. Trennt sich
ein Paar, eckt ein neuer Partner an oder kommt Neid ins Spiel, zeigt sich, wie komplex und
fragil diese Konstellationen sind. Wer um ihre Besonderheiten weiß, kann die Fallstricke
vermeiden.
„Das Bedürfnis, uns mit anderen zu verbünden, ist tief in uns verwurzelt“, sagt die Kölner
10 Paartherapeutin Marina Gardini. „Wir brauchen den Zusammenschluss mit Freunden – auch
als Paar.“ Das gilt besonders für westliche Gesellschaften. Denn sie sind geprägt von „einer
Abkehr vom gemeinschaftsorientierten Leben, hin zu einem zunehmenden Maß an Privati-
sierung und Individualismus“, wie der Familienforscher Allen Barton von der University of
Georgia beobachtet. Dieser Kulturwandel zieht nach sich, dass Paare selten ein Teil größerer
15 Gemeinschaften sind, etwa der Kirche oder des Dorfs. Entsprechend bedeutsamer wird die
Rolle von kleineren sozialen Einheiten. Einheiten wie der Freundschaft im Doppelpack. Das
zeigt auch eine der wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich mit dieser Konstel-
lation beschäftigen. Mehr als 400 Personen haben Geoffrey Greif und Kathleen Holtz Deal,
Professoren an der University of Maryland School of Social Work, für ihr Buch Two Plus
20 Two. Couples and Their Couple Friendships interviewt. 78 Prozent der 246 vergebenen
Personen in der Stichprobe gaben an, die Freundschaft mit anderen Paaren sei ihnen wichtig
oder sogar sehr wichtig.
[...]
„Paarfreundschaften spielen im Laufe des Lebens mal eine größere, mal eine kleinere Rolle.
25 Am wichtigsten sind sie jedoch zu Beginn der ersten Ehe, wenn sich ein Paar neu als Paar
definieren muss.“ Während die meisten Menschen in ihrer Jugend und den frühen Zwanzigern
einzelne Freunde oder ganze Cliquen als Bezugspunkte haben, etablieren sich mit den ersten
langfristigen und ernsthaften Beziehungen auch Paare im Freundeskreis. Sie dienten als
Vergleichsbasis, so Greif, um die eigene Identität der Partnerschaft zu festigen, und spielten
30 eine wichtige Rolle im sozialen Gefüge.
Paare in den mittleren Jahren hätten hingegen oft Schwierigkeiten, diese Freundschaften
aufrechtzuerhalten. Neben Karriere, Kindern und pflegebedürftigen Eltern bleibt in der
Rushhour des Lebens nicht viel Zeit, in soziale Kontakte zu investieren. „Sobald aber der
Nachwuchs das Haus verlassen hat und die berufliche Position gesichert ist, haben Paare
35 mehr Kapazitäten“, sagt Greif. „Ältere Menschen schätzen diese Art der Verbindung wieder
sehr.“ Das gilt auch für das letzte Viertel des Lebens. Doch fällt es Ehepaaren dann zuneh-
mend schwer, sich mit anderen zu vernetzen. „Wenn im Bekanntenkreis schon einige ver-
witwet sind und die Freunde immobiler werden, werden Paarfreundschaften seltener.“
Doch egal in welchem Alter – die Rechnung zwei plus zwei geht nicht immer auf. „Sie
40 glauben, dass es schwer ist, einen echten Freund zu finden?“, fragt etwa Irene Levine,
Psychologin an der New York University School of Medicine und Autorin eines Freund-
schaftsblogs. „Multiplizieren Sie diese Komplexität mit zwei und versuchen Sie dann, ein
Paar zu finden, mit dem Sie und Ihr Partner harmonieren.“ Damit die Suche erfolgreich ver-
laufen kann, hilft es, vor allem auf eines zu achten: Ähnlichkeit. „In einer extrem pluralisti-
45 schen Gesellschaft fühlen sich Paare in der Gegenwart ähnlicher Menschen wohler“, sagt
Gardini. Buchliebhaber möchten mit Buchliebhabern, Triathleten mit Triathleten und FDP-
Wählern mit FDP-Wählern ihre Freizeit verbringen. „Natürlich können auch Unterschiede
bereichern, aber nur wenn sie nicht zu groß sind.“
Stimmen Wertevorstellungen, sozioökonomischer Status und Bildungshintergrund halbwegs
50 überein, müssen sich schließlich auch noch die Erwartungen an die Freundschaft decken. So
haben Greif und Holtz Deal herausgefunden, dass sich Paare in den USA zwischen zwei Polen
bewegen: Spaßorientierung und emotionaler Teilhabe. „Die meisten Paare suchen ein anderes
Paar, mit dem sie sich amüsieren können“, sagt Greif. „Ihre Freundschaft basiert auf gemein-
samen Aktivitäten und gleicht eher der Herangehensweise von Männern.“ Eine kleinere
55 Gruppe von Paaren definiert ihre Freundschaft hingegen über Empathie und Selbstoffenba-
rung – dem typischeren Interaktionsstil von Frauen. Gardini nimmt an, dass dieses Verhältnis
hierzulande ähnlich ausfällt. Denn: „Paarfreundschaften fokussieren sich oft auf Hobbys“,
sagt die Psychologin. „Sie brauchen keine sonderliche Tiefe und beruhen nicht unbedingt
darauf, dass man sich bei schweren Lebensereignissen unterstützt.“
[...]
Paarfreundschaften tun uns gut. „Menschen mit Freunden leben länger und glücklicher“, sagt
Greif. „Denn Freunde halten uns auf Trab, sozial und geistig. Sie achten auf unsere Gesund-
heit und sorgen dafür, dass wir in Bewegung bleiben.“ Gefüttert mit aktuellen Studienergeb-
nissen, ließe sich die Liste der Wohltaten noch eine ganze Weile fortsetzen: vom sinkenden
65 Risiko für Bluthochdruck und Depressionen über ein gesteigertes Selbstwertgefühl bis hin
zum gestärkten Immunsystem. Im Vergleich zur klassischen Sandkasten-, Fußball- oder
Frühstücksfreundschaft hat die Konstellation aus zwei Paaren aber noch einen weiteren, ent-
scheidenden Vorteil: Sie steigert die Beziehungsqualität. „Paare, die Freunde teilen, werden
stärker in ein soziales Netzwerk integriert, und das kann ihre eigene Beziehung stärken“,
70 schreiben Greif und Holtz Deal. „Wir glauben deshalb, dass Paare durch ihre Freundschaften
mit anderen Paaren nicht nur viel Spaß haben, sondern sich auch gegenseitig mehr schätzen.“
Empirisch belegt wurde diese Vermutung durch den Psychologen Keith Welker an der
University of Colorado Boulder. In einer Studie mit 176 Probanden untersuchte er, ob die
Interaktion zwischen zwei Paaren das Gefühl von Nähe innerhalb der Partnerschaften ver-
75 stärken kann. Tatsächlich zeigten seine Experimente, dass gemeinsame Aktivitäten die Zu-
neigung zwischen den jeweiligen Partnern erhöhen. „Paarfreundschaften können damit eine
Möglichkeit sein, das Gefühl von leidenschaftlicher Liebe in romantischen Beziehungen neu
zu entfachen“, schreibt Welker.
[...]
80 Doch natürlich schlagen in solchen Konstellationen auch schwierige Erscheinungen auf, etwa
das Like him, hate her -Phänomen. So bezeichnen Greif und Holtz Deal es, „wenn ein Paar
mit einem anderen Paar befreundet ist, von dem es einen der beiden mag, den anderen aber
nicht“. Variationen seien das Like him but don’t talk about politics - oder das Don’t get her
started on her work -Syndrom 1. In diesen Fällen, das zeigt ihre Studie, versuchen Paare den
85 Kontakt zu reduzieren oder sich nur noch in einer größeren Gruppe zu treffen. Ein Konflikt-
herd nicht nur für die Viererrunde, sondern auch für beide Partnerschaften. Denn: „Manch-
mal möchte der eine seine knappe Freizeit nicht für einen anstrengenden Kontakt opfern, der
andere fühlt sich aber dem Freund zur Loyalität verpflichtet“, sagt Greif. Das zweite Paar
wiederum muss damit umgehen, dass der oder die Neue nicht mit offenen Armen in den Kreis
90 der Freunde aufgenommen wird. In manchen Fällen gelingt es dann, den Kontakt auf be-
stimmte Aktivitäten zu begrenzen. Findet sich gar keine gemeinsame Ebene, kann es eine
Lösung sein, die Beziehung in einen Eins-zu-eins-Kontakt unter den Männern oder Frauen
auszulagern. Doch auch dieser Schritt müsse behutsam erfolgen, meint Gardini: „Es ist sehr
schwer zu ertragen, wenn der eigene Partner abgelehnt wird. Die Freizeit ist ein Luxusgut,
95 da soll es reibungsfrei laufen.“
Noch schwieriger wird es, wenn größere Brocken in das Getriebe der Freundschaft gelangen:
Lebenskrisen wie Arbeitslosigkeit, Krankheit – oder Trennung. Geht eine der Beziehungen
in die Brüche, stellt das die Freundschaft des ganzen Quartetts auf die Probe. Wer hält zu
wem, wenn der Abschied kein einvernehmlicher war? Wer trifft wen, wenn es die übliche
100 Runde nicht mehr gibt? Und wer teilt welche Informationen, wenn plötzlich Fronten auftau-
chen, die es vorher nicht gab? Greif und Holtz Deal haben 58 geschiedene Personen und
123 Paare dazu befragt, was diese Herausforderungen mit ihrer Viererrunde machten. Über
die Hälfte der Paare berichtete, dass die Freundschaft mit einem der beiden Expartner in die
Brüche ging. Und 13 Prozent erlebten, dass der Kontakt sogar zu beiden Personen abbrach.
[...]
Ein typischer Verlauf, glaubt Psychologin Gardini. Denn wenn sich die Lebenssituation o-
der Interessenslage bei einem der Paare ändere, setze das viel Kooperationsbereitschaft und
Einsatz bei allen Beteiligten voraus. „Alte Strukturen, Aktivitäten und Dynamiken passen
dann einfach nicht mehr, und es wird schnell deutlich: Geht es nur um gemeinsame Aktivi-
110 täten oder auch um ein Interesse an den Menschen?“ Wem die Freundschaft etwas bedeutet,
der sollte ihr ausreichend Zeit geben, sich auf einer neuen Ebene einzupendeln. Und akzep-
tieren, dass Geben und Nehmen – etwa nach einer Trennung – für eine Weile unausgeglichen
sind.
[...]
1 sinngemäß: Lass sie gar nicht erst anfangen, über ihre Arbeit zu sprechen
3. Erörtern Sie, ob sich ein systemisch-therapeutisches Vorgehen dazu eignet, Paarfreundschaften, die in Gefahr geraten sind, zu festigen. (18 Punkte)
a)
b)
Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1 · Psychische Störungen und Psychotherapie
Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy
Schulenübergreifende Psychotherapie der chronischen Depression
Erste Therapiesitzung: Patient Herr P. (lächelnd und mit abschätzigem Tonfall zu seinem Therapeuten): „Sie glauben doch nicht, dass Sie mir etwa helfen können? Ich habe Ihre Doktorarbeit gelesen und recherchiert. Sie sind viel zu jung und doch gar kein Experte in Psychotherapie.“
5 Erste Therapiesitzung: Patientin Frau H. (mit leiser Stimme, schaut ihre Therapeutin nicht an): „Oh je, mir geht es so schlecht und es wird immer schlimmer. So viele Medikamente und Therapien habe ich schon ausprobiert. Nichts hat bisher geholfen. Also bitte, bitte helfen Sie mir. Ich mache auch alles, was Sie wollen.“
Das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP) ist die erste störungs- 10 spezifische Psychotherapie für die Behandlung chronisch depressiver Patienten. CBASP wurde von James P. McCullough […] entwickelt und kombiniert als integrative Therapie kognitive, verhaltensorientierte, interpersonelle und psychodynamisch-analytische Strategien, um direkt an der spezifischen Psychopathologie 1 chronisch depressiver Patienten anzusetzen. […]
15 McCullough hat sich vor der Entwicklung von CBASP Jahrzehnte lang mit dieser Patientengruppe beschäftigt und folgende Besonderheiten entdeckt:
ein wiederholter Ausdruck von Hilflosigkeit und Elend,
ein submissives 2 und überfordertes oder feindseliges und abwertendes Verhalten,
ein auffälliges Misstrauen in zwischenmenschlichen Beziehungen,
20 eine nahezu unverrückbare Überzeugung, dass nichts getan werden kann, um die Depression unter Kontrolle zu bringen,
rigide und verfestigte Verhaltensmuster, die weder durch positive noch durch negative Ereignisse beeinflussbar zu sein scheinen.
25 Diese Merkmale treffen auch auf die beiden Patientenzitate zu, wobei sich die Patienten bezüglich des zweiten Punktes klar unterscheiden: Frau H. zeigte zu Behandlungsbeginn vorwiegend submissives und überfordertes und Herr P. überwiegend feindseliges und abwertendes Verhalten. Aufgrund dieser Besonderheiten der Patienten und auf der Basis von Studienergebnissen hat McCullough zwei Grundannahmen über die Psychopathologie dieser Patienten- 30 gruppe formuliert, auf denen CBASP basiert.
1.
Viele chronisch depressive Patienten haben in der Kindheit frühe traumatisierende Beziehungserfahrungen erlebt. Sie berichten häufig, dass sie insbesondere emotionale Vernachlässigung, emotionalen Missbrauch, jedoch auch körperlichen Missbrauch und Vernachlässigung erfahren haben. McCullough geht davon aus, dass chronisch depressive 35 Menschen durch diese frühen traumatisierenden Beziehungserfahrungen ein hohes Misstrauen gegenüber Mitmenschen entwickelt haben und sich generell von Menschen eher zurückziehen bzw. diese abwerten, da sie nichts Gutes erwarten. Sie bauen eine Art Mauer zwischen sich und der Umwelt auf und entkoppeln dadurch ihre Wahrnehmung von der Umwelt. Infolgedessen fehlt ihnen zunehmend das Bewusstsein dafür, dass dieses 40 dysfunktionale Verhalten und ihre dysfunktionalen Interpretationen von Situationen dazu führen, dass sie sich immer wieder als hilflos, erfolglos und abgewiesen erleben.
2.
[…] McCullough [nimmt] zudem an, dass der kognitiv-emotionale Zustand chronisch depressiver Patienten präoperatorisch und somit vergleichbar mit dem kognitiv-emotionalen Zustand von Kindern zwischen vier und sieben Jahren sei. Das präoperatorische 45 Niveau ist gekennzeichnet durch folgende Aspekte: globales und prälogisches Denken,
Denkprozesse, die kaum durch die Denkweise und Logik ihrer Gesprächspartner beeinflusst werden können,
eine ich-zentrierte Sicht von sich und anderen,
50 monologisierende verbale Kommunikation,
Mangel an authentischer interpersoneller Empathie sowie
wenig affektive Kontrolle in Stresssituationen […].
Das auf diesen Annahmen basierende ätiologische 3 Modell […] postuliert, dass es aufgrund der ungünstigen, traumatisierenden Sozialisations- und Lernerfahrungen zu der Entkopplung 55 der Wahrnehmung von der Umwelt kommt, was korrigierende positive Lernerfahrungen erschwert. Daher wiederholen sich im Leben chronisch Depressiver immer wieder schwierige Beziehungserfahrungen, was eine chronische zwischenmenschliche Ineffektivität und schließlich die resistente Hilflosigkeit bzw. die therapieresistente chronische Depression triggert 4 und aufrecht erhält.
60 […]
[Fallbeispiel]
Herr P. ist ein 23-jähriger Patient, der sich eigenständig aufgrund einer chronifizierten depressiven Symptomatik zur stationären CBASP-Behandlung vorstellte. Der Patient berichtet, dass er bereits seit dem 12. Lebensjahr unter depressiven Symptomen mit Antriebslosigkeit, Schlaf- 65 und Konzentrationsstörungen und sozialen Rückzug leide. Weiterhin habe er unkontrollierte Essanfälle. Aufgrund einer daraus resultierenden schweren Adipositas habe er sich einer Magenbypass-OP unterzogen. Insgesamt seien drei stationär-psychiatrische Behandlungen mit verschiedenen Antidepressivabehandlungen […] erfolgt sowie zwei verhaltenstherapeutische Psychotherapien. Zu keinem Zeitpunkt habe sich unter der Behandlung eine Verbes- 70 serung der Symptomatik ergeben. […] In der psychiatrischen Vorgeschichte liegen zusätzlich ein stationärer Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie wegen gestörten Sozialverhaltens […]. Bereits in den ersten Gesprächen stellten sich interaktionelle Besonderheiten in der Beziehungsgestaltung heraus. Herr P. war ausgesprochen fordernd gegenüber seinem Einzeltherapeuten, jedoch auch gegenüber Mitpatienten, teilweise überheblich, aber 75 gleichzeitig auch schnell kränkbar. Die Interaktion war geprägt von Ironie und Zynismus sowie immer wieder auf Spielebene stattfindenden Beziehungstests.
[…]
Herr P. kommt in die Sitzung und der Therapeut fragt nach einer Situationsanalyse, die der Patient vorbereiten sollte. Zum wiederholten Male berichtet Herr P., er habe es nicht ge- 80 schafft diese vorzubereiten, wirkt dabei sehr selbstsicher und sagt dann: „Sie sind jetzt sicher böse auf mich.“ Auf die Frage, warum er es nicht geschafft habe, antwortet Herr P., er habe es vergessen. […]
TH: „Herr P., können Sie sich vorstellen, wie es mir gerade geht?“
Herr P. antwortet: „Sie sind sicher wütend und wollen nicht mehr mit mir arbeiten.“
85 TH: „Schauen Sie mich doch mal an, was sehen Sie denn?“
Herrn P. fällt es schwer den Therapeuten anzuschauen.
TH: „Was sehen Sie denn?“ (TH schaut traurig)
Herr P. kann nur kurz Augenkontakt halten und missdeutet den Gesichtsausdruck als Ärger.
TH: „Darf ich Ihnen sagen, wie ich mich gerade fühle?“
90 Herr P.: „Meinetwegen, auch wenn das schon wieder nervt.“
TH: „Ich merke gerade, dass ich richtig traurig werde, dass sie wieder keine Situationsanalyse mitgebracht haben. Denn so nehmen Sie mir die Möglichkeit mit Ihnen zu arbeiten, um wirklich etwas zu verändern. Und eigentlich will ich Ihnen helfen, dass es Ihnen besser geht. Aber wenn Sie so in der Therapie sind, merke ich, dass mir richtig die Energie verloren 95 geht mit Ihnen zu arbeiten. Und das macht mich richtig traurig.“
Herr P. wirkt plötzlich deutlich weniger selbstsicher und überheblich. Ihm scheint die Situation geradezu unangenehm.
TH: „Können Sie meine Gefühle aus meiner Sicht nachvollziehen?“
Herr P.: „Ach, ich bin doch auch nur irgendein Patient. Es ändert sich sowieso nichts, ob 100 ich was mitbringe oder nicht.“
TH: „Doch, genau das tut es. Ich möchte Ihnen helfen, weil ich Sie mag und Sie mir wichtig sind. Daher möchte ich Sie fragen: Wollen Sie, dass Sie mich traurig machen und mir die Lust nehmen, Ihnen zu helfen?“
Herr P.: „Nein, das will ich natürlich nicht.“
105 TH: „Aber warum machen Sie das dann?“
Herr P., fühlt sich sichtlich unwohl: „Ach, ich weiß es ja auch nicht“
TH: „Besteht möglicherweise eine Verbindung zwischen ihren Prägungen und ihrem Verhalten?“
Herr P.: „Naja, meine Mutter hat mich hängen lassen und mir nie gezeigt, dass ich ihr 110 wichtig bin. Mein Vater denkt sowieso, dass ich eine Flasche bin und hat immer mit Wut und Ablehnung reagiert, wenn ich was falsch gemacht habe. Vielleicht spielt das hier auch eine Rolle, wenn ich vertrauen und mich einlassen soll.“
[…]
TH: „Können Sie sich an eine ähnliche Situation wie heute erinnern, aber mit Ihrer Mutter 115 oder Ihrem Vater – also eine Situation, wo sie etwas vergessen oder falsch gemacht haben?“
Herr P.: „Ja klar. Das ist oft passiert. Meine Mutter hat sich ja irgendwann nur noch für meinen Stiefvater interessiert. Der war ich doch dann egal. Ob ich was gemacht hab oder nicht, hat sie nicht interessiert. Höchstens wenn es wieder Streit und Ärger gab, ist sie wütend geworden und hat mich immer gefragt, warum ich ihr das antue.“
120 TH: „Und Ihr Vater?“
Herr P.: „Der hat doch eh gedacht ich bin zu blöd um irgendwas hinzubekommen. Da hab ich mir dann immer Geschichten ausgedacht, warum ich irgendwas nicht mache. Es wäre ja so oder so nicht gut genug gewesen. Da hab ich dann immer eine Show gespielt, um nicht wieder gesagt zu bekommen, dass ich sowieso nicht fähig wäre irgendwas hinzukommen.“
125 TH: „Und wie hat Ihr Stiefvater reagiert?“
Herr P.: „Der hat mich ja komplett ignoriert, bei allem. Der hat dann nur immer zu meiner Mutter gesagt: Was ist das nur für ein Kind? Teilweise hat er sich über mich lustig gemacht. Dann hab ich ihn immer heftig angegriffen bis er damit aufgehört hat und am Ende nur noch ignoriert.“
130 TH: „Und wie habe ich heute reagiert?“
Herr P.: „Sie waren traurig, irgendwie betroffen.“
TH: „Ja, weil ich ihnen helfen will, weil Sie mir wichtig sind! Ich denke sogar, dass Sie die Therapie sehr gut hinbekommen würden. Welche Unterschiede sehen Sie denn zwischen meinem heutigen Verhalten und dem Verhalten Ihrer Familie früher?“
135 Herr P.: „Da ist alles anders. Ihnen war es nicht egal, aber sie haben auch nicht gesagt, dass ich es sowieso nicht schaffen würde und waren nicht wütend, haben mich nicht angeschrien und ausgelacht.“
TH: „Und können Sie schon sagen, was es für Sie bedeutet, wenn ich so anders reagiere?“
Herr P.: „Mm, das fühlt sich seltsam an, anders als ich es kenne und erwartet habe. Viel- 140 leicht sind manche Menschen heute doch anders als ich es bisher erlebt habe und haben doch Interesse an mir und meinen Problemen.“
[…]
Nachdem Herr P. diese Erkenntnis mit dem Therapeuten erarbeiten konnte, war er sichtlich betroffen. Es stellte sich ein Moment der Ruhe in der Therapiestunde ein, in der Herr P. 145 sichtlich bewegt von seinen eigenen Gefühlen war und erstmals in der Lage in der Therapie „Schwäche“ zu zeigen. […]
1 Lehre von den psychischen Erkrankungen
2 unterwürfiges
3 Ätiologie = Die Lehre der Ursachen von Krankheiten
4 aktivieren/auslösen
1. Arbeiten Sie aus dem Text die Kennzeichen der chronischen Depression, die zwei Grundannahmen zur Psychopathologie von Patientinnen und Patienten mit chronischer Depression und die Merkmale der CBASP heraus. Weisen Sie anschließend nach, dass in den Grundannahmen kognitivistische Anteile enthalten sind. (20 Punkte)
Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2 · Psychische Störungen und Psychotherapie
Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy
Schulenübergreifende Psychotherapie der chronischen Depression
Erste Therapiesitzung: Patient Herr P. (lächelnd und mit abschätzigem Tonfall zu seinem Therapeuten): „Sie glauben doch nicht, dass Sie mir etwa helfen können? Ich habe Ihre Doktorarbeit gelesen und recherchiert. Sie sind viel zu jung und doch gar kein Experte in Psychotherapie.“
5 Erste Therapiesitzung: Patientin Frau H. (mit leiser Stimme, schaut ihre Therapeutin nicht an): „Oh je, mir geht es so schlecht und es wird immer schlimmer. So viele Medikamente und Therapien habe ich schon ausprobiert. Nichts hat bisher geholfen. Also bitte, bitte helfen Sie mir. Ich mache auch alles, was Sie wollen.“
Das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP) ist die erste störungs- 10 spezifische Psychotherapie für die Behandlung chronisch depressiver Patienten. CBASP wurde von James P. McCullough […] entwickelt und kombiniert als integrative Therapie kognitive, verhaltensorientierte, interpersonelle und psychodynamisch-analytische Strategien, um direkt an der spezifischen Psychopathologie 1 chronisch depressiver Patienten anzusetzen. […]
15 McCullough hat sich vor der Entwicklung von CBASP Jahrzehnte lang mit dieser Patientengruppe beschäftigt und folgende Besonderheiten entdeckt:
ein wiederholter Ausdruck von Hilflosigkeit und Elend,
ein submissives 2 und überfordertes oder feindseliges und abwertendes Verhalten,
ein auffälliges Misstrauen in zwischenmenschlichen Beziehungen,
20 eine nahezu unverrückbare Überzeugung, dass nichts getan werden kann, um die Depression unter Kontrolle zu bringen,
rigide und verfestigte Verhaltensmuster, die weder durch positive noch durch negative Ereignisse beeinflussbar zu sein scheinen.
25 Diese Merkmale treffen auch auf die beiden Patientenzitate zu, wobei sich die Patienten bezüglich des zweiten Punktes klar unterscheiden: Frau H. zeigte zu Behandlungsbeginn vorwiegend submissives und überfordertes und Herr P. überwiegend feindseliges und abwertendes Verhalten. Aufgrund dieser Besonderheiten der Patienten und auf der Basis von Studienergebnissen hat McCullough zwei Grundannahmen über die Psychopathologie dieser Patienten- 30 gruppe formuliert, auf denen CBASP basiert.
1.
Viele chronisch depressive Patienten haben in der Kindheit frühe traumatisierende Beziehungserfahrungen erlebt. Sie berichten häufig, dass sie insbesondere emotionale Vernachlässigung, emotionalen Missbrauch, jedoch auch körperlichen Missbrauch und Vernachlässigung erfahren haben. McCullough geht davon aus, dass chronisch depressive 35 Menschen durch diese frühen traumatisierenden Beziehungserfahrungen ein hohes Misstrauen gegenüber Mitmenschen entwickelt haben und sich generell von Menschen eher zurückziehen bzw. diese abwerten, da sie nichts Gutes erwarten. Sie bauen eine Art Mauer zwischen sich und der Umwelt auf und entkoppeln dadurch ihre Wahrnehmung von der Umwelt. Infolgedessen fehlt ihnen zunehmend das Bewusstsein dafür, dass dieses 40 dysfunktionale Verhalten und ihre dysfunktionalen Interpretationen von Situationen dazu führen, dass sie sich immer wieder als hilflos, erfolglos und abgewiesen erleben.
2.
[…] McCullough [nimmt] zudem an, dass der kognitiv-emotionale Zustand chronisch depressiver Patienten präoperatorisch und somit vergleichbar mit dem kognitiv-emotionalen Zustand von Kindern zwischen vier und sieben Jahren sei. Das präoperatorische 45 Niveau ist gekennzeichnet durch folgende Aspekte: globales und prälogisches Denken,
Denkprozesse, die kaum durch die Denkweise und Logik ihrer Gesprächspartner beeinflusst werden können,
eine ich-zentrierte Sicht von sich und anderen,
50 monologisierende verbale Kommunikation,
Mangel an authentischer interpersoneller Empathie sowie
wenig affektive Kontrolle in Stresssituationen […].
Das auf diesen Annahmen basierende ätiologische 3 Modell […] postuliert, dass es aufgrund der ungünstigen, traumatisierenden Sozialisations- und Lernerfahrungen zu der Entkopplung 55 der Wahrnehmung von der Umwelt kommt, was korrigierende positive Lernerfahrungen erschwert. Daher wiederholen sich im Leben chronisch Depressiver immer wieder schwierige Beziehungserfahrungen, was eine chronische zwischenmenschliche Ineffektivität und schließlich die resistente Hilflosigkeit bzw. die therapieresistente chronische Depression triggert 4 und aufrecht erhält.
60 […]
[Fallbeispiel]
Herr P. ist ein 23-jähriger Patient, der sich eigenständig aufgrund einer chronifizierten depressiven Symptomatik zur stationären CBASP-Behandlung vorstellte. Der Patient berichtet, dass er bereits seit dem 12. Lebensjahr unter depressiven Symptomen mit Antriebslosigkeit, Schlaf- 65 und Konzentrationsstörungen und sozialen Rückzug leide. Weiterhin habe er unkontrollierte Essanfälle. Aufgrund einer daraus resultierenden schweren Adipositas habe er sich einer Magenbypass-OP unterzogen. Insgesamt seien drei stationär-psychiatrische Behandlungen mit verschiedenen Antidepressivabehandlungen […] erfolgt sowie zwei verhaltenstherapeutische Psychotherapien. Zu keinem Zeitpunkt habe sich unter der Behandlung eine Verbes- 70 serung der Symptomatik ergeben. […] In der psychiatrischen Vorgeschichte liegen zusätzlich ein stationärer Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie wegen gestörten Sozialverhaltens […]. Bereits in den ersten Gesprächen stellten sich interaktionelle Besonderheiten in der Beziehungsgestaltung heraus. Herr P. war ausgesprochen fordernd gegenüber seinem Einzeltherapeuten, jedoch auch gegenüber Mitpatienten, teilweise überheblich, aber 75 gleichzeitig auch schnell kränkbar. Die Interaktion war geprägt von Ironie und Zynismus sowie immer wieder auf Spielebene stattfindenden Beziehungstests.
[…]
Herr P. kommt in die Sitzung und der Therapeut fragt nach einer Situationsanalyse, die der Patient vorbereiten sollte. Zum wiederholten Male berichtet Herr P., er habe es nicht ge- 80 schafft diese vorzubereiten, wirkt dabei sehr selbstsicher und sagt dann: „Sie sind jetzt sicher böse auf mich.“ Auf die Frage, warum er es nicht geschafft habe, antwortet Herr P., er habe es vergessen. […]
TH: „Herr P., können Sie sich vorstellen, wie es mir gerade geht?“
Herr P. antwortet: „Sie sind sicher wütend und wollen nicht mehr mit mir arbeiten.“
85 TH: „Schauen Sie mich doch mal an, was sehen Sie denn?“
Herrn P. fällt es schwer den Therapeuten anzuschauen.
TH: „Was sehen Sie denn?“ (TH schaut traurig)
Herr P. kann nur kurz Augenkontakt halten und missdeutet den Gesichtsausdruck als Ärger.
TH: „Darf ich Ihnen sagen, wie ich mich gerade fühle?“
90 Herr P.: „Meinetwegen, auch wenn das schon wieder nervt.“
TH: „Ich merke gerade, dass ich richtig traurig werde, dass sie wieder keine Situationsanalyse mitgebracht haben. Denn so nehmen Sie mir die Möglichkeit mit Ihnen zu arbeiten, um wirklich etwas zu verändern. Und eigentlich will ich Ihnen helfen, dass es Ihnen besser geht. Aber wenn Sie so in der Therapie sind, merke ich, dass mir richtig die Energie verloren 95 geht mit Ihnen zu arbeiten. Und das macht mich richtig traurig.“
Herr P. wirkt plötzlich deutlich weniger selbstsicher und überheblich. Ihm scheint die Situation geradezu unangenehm.
TH: „Können Sie meine Gefühle aus meiner Sicht nachvollziehen?“
Herr P.: „Ach, ich bin doch auch nur irgendein Patient. Es ändert sich sowieso nichts, ob 100 ich was mitbringe oder nicht.“
TH: „Doch, genau das tut es. Ich möchte Ihnen helfen, weil ich Sie mag und Sie mir wichtig sind. Daher möchte ich Sie fragen: Wollen Sie, dass Sie mich traurig machen und mir die Lust nehmen, Ihnen zu helfen?“
Herr P.: „Nein, das will ich natürlich nicht.“
105 TH: „Aber warum machen Sie das dann?“
Herr P., fühlt sich sichtlich unwohl: „Ach, ich weiß es ja auch nicht“
TH: „Besteht möglicherweise eine Verbindung zwischen ihren Prägungen und ihrem Verhalten?“
Herr P.: „Naja, meine Mutter hat mich hängen lassen und mir nie gezeigt, dass ich ihr 110 wichtig bin. Mein Vater denkt sowieso, dass ich eine Flasche bin und hat immer mit Wut und Ablehnung reagiert, wenn ich was falsch gemacht habe. Vielleicht spielt das hier auch eine Rolle, wenn ich vertrauen und mich einlassen soll.“
[…]
TH: „Können Sie sich an eine ähnliche Situation wie heute erinnern, aber mit Ihrer Mutter 115 oder Ihrem Vater – also eine Situation, wo sie etwas vergessen oder falsch gemacht haben?“
Herr P.: „Ja klar. Das ist oft passiert. Meine Mutter hat sich ja irgendwann nur noch für meinen Stiefvater interessiert. Der war ich doch dann egal. Ob ich was gemacht hab oder nicht, hat sie nicht interessiert. Höchstens wenn es wieder Streit und Ärger gab, ist sie wütend geworden und hat mich immer gefragt, warum ich ihr das antue.“
120 TH: „Und Ihr Vater?“
Herr P.: „Der hat doch eh gedacht ich bin zu blöd um irgendwas hinzubekommen. Da hab ich mir dann immer Geschichten ausgedacht, warum ich irgendwas nicht mache. Es wäre ja so oder so nicht gut genug gewesen. Da hab ich dann immer eine Show gespielt, um nicht wieder gesagt zu bekommen, dass ich sowieso nicht fähig wäre irgendwas hinzukommen.“
125 TH: „Und wie hat Ihr Stiefvater reagiert?“
Herr P.: „Der hat mich ja komplett ignoriert, bei allem. Der hat dann nur immer zu meiner Mutter gesagt: Was ist das nur für ein Kind? Teilweise hat er sich über mich lustig gemacht. Dann hab ich ihn immer heftig angegriffen bis er damit aufgehört hat und am Ende nur noch ignoriert.“
130 TH: „Und wie habe ich heute reagiert?“
Herr P.: „Sie waren traurig, irgendwie betroffen.“
TH: „Ja, weil ich ihnen helfen will, weil Sie mir wichtig sind! Ich denke sogar, dass Sie die Therapie sehr gut hinbekommen würden. Welche Unterschiede sehen Sie denn zwischen meinem heutigen Verhalten und dem Verhalten Ihrer Familie früher?“
135 Herr P.: „Da ist alles anders. Ihnen war es nicht egal, aber sie haben auch nicht gesagt, dass ich es sowieso nicht schaffen würde und waren nicht wütend, haben mich nicht angeschrien und ausgelacht.“
TH: „Und können Sie schon sagen, was es für Sie bedeutet, wenn ich so anders reagiere?“
Herr P.: „Mm, das fühlt sich seltsam an, anders als ich es kenne und erwartet habe. Viel- 140 leicht sind manche Menschen heute doch anders als ich es bisher erlebt habe und haben doch Interesse an mir und meinen Problemen.“
[…]
Nachdem Herr P. diese Erkenntnis mit dem Therapeuten erarbeiten konnte, war er sichtlich betroffen. Es stellte sich ein Moment der Ruhe in der Therapiestunde ein, in der Herr P. 145 sichtlich bewegt von seinen eigenen Gefühlen war und erstmals in der Lage in der Therapie „Schwäche“ zu zeigen. […]
1 Lehre von den psychischen Erkrankungen
2 unterwürfiges
3 Ätiologie = Die Lehre der Ursachen von Krankheiten
4 aktivieren/auslösen
2. Arbeiten Sie die Symptome von Herrn P. und das Zusammenspiel zwischen ihm und seinem Therapeuten strukturiert aus dem Text heraus und erklären Sie beides tiefenpsychologisch, indem Sie das passende Persönlichkeitsmodell und das passende Therapieverständnis heranziehen. (34 Punkte)
Aufgabe 3 - Teilaufgabe 3 · Psychische Störungen und Psychotherapie
Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy
Schulenübergreifende Psychotherapie der chronischen Depression
Erste Therapiesitzung: Patient Herr P. (lächelnd und mit abschätzigem Tonfall zu seinem Therapeuten): „Sie glauben doch nicht, dass Sie mir etwa helfen können? Ich habe Ihre Doktorarbeit gelesen und recherchiert. Sie sind viel zu jung und doch gar kein Experte in Psychotherapie.“
5 Erste Therapiesitzung: Patientin Frau H. (mit leiser Stimme, schaut ihre Therapeutin nicht an): „Oh je, mir geht es so schlecht und es wird immer schlimmer. So viele Medikamente und Therapien habe ich schon ausprobiert. Nichts hat bisher geholfen. Also bitte, bitte helfen Sie mir. Ich mache auch alles, was Sie wollen.“
Das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP) ist die erste störungs- 10 spezifische Psychotherapie für die Behandlung chronisch depressiver Patienten. CBASP wurde von James P. McCullough […] entwickelt und kombiniert als integrative Therapie kognitive, verhaltensorientierte, interpersonelle und psychodynamisch-analytische Strategien, um direkt an der spezifischen Psychopathologie 1 chronisch depressiver Patienten anzusetzen. […]
15 McCullough hat sich vor der Entwicklung von CBASP Jahrzehnte lang mit dieser Patientengruppe beschäftigt und folgende Besonderheiten entdeckt:
ein wiederholter Ausdruck von Hilflosigkeit und Elend,
ein submissives 2 und überfordertes oder feindseliges und abwertendes Verhalten,
ein auffälliges Misstrauen in zwischenmenschlichen Beziehungen,
20 eine nahezu unverrückbare Überzeugung, dass nichts getan werden kann, um die Depression unter Kontrolle zu bringen,
rigide und verfestigte Verhaltensmuster, die weder durch positive noch durch negative Ereignisse beeinflussbar zu sein scheinen.
25 Diese Merkmale treffen auch auf die beiden Patientenzitate zu, wobei sich die Patienten bezüglich des zweiten Punktes klar unterscheiden: Frau H. zeigte zu Behandlungsbeginn vorwiegend submissives und überfordertes und Herr P. überwiegend feindseliges und abwertendes Verhalten. Aufgrund dieser Besonderheiten der Patienten und auf der Basis von Studienergebnissen hat McCullough zwei Grundannahmen über die Psychopathologie dieser Patienten- 30 gruppe formuliert, auf denen CBASP basiert.
1.
Viele chronisch depressive Patienten haben in der Kindheit frühe traumatisierende Beziehungserfahrungen erlebt. Sie berichten häufig, dass sie insbesondere emotionale Vernachlässigung, emotionalen Missbrauch, jedoch auch körperlichen Missbrauch und Vernachlässigung erfahren haben. McCullough geht davon aus, dass chronisch depressive 35 Menschen durch diese frühen traumatisierenden Beziehungserfahrungen ein hohes Misstrauen gegenüber Mitmenschen entwickelt haben und sich generell von Menschen eher zurückziehen bzw. diese abwerten, da sie nichts Gutes erwarten. Sie bauen eine Art Mauer zwischen sich und der Umwelt auf und entkoppeln dadurch ihre Wahrnehmung von der Umwelt. Infolgedessen fehlt ihnen zunehmend das Bewusstsein dafür, dass dieses 40 dysfunktionale Verhalten und ihre dysfunktionalen Interpretationen von Situationen dazu führen, dass sie sich immer wieder als hilflos, erfolglos und abgewiesen erleben.
2.
[…] McCullough [nimmt] zudem an, dass der kognitiv-emotionale Zustand chronisch depressiver Patienten präoperatorisch und somit vergleichbar mit dem kognitiv-emotionalen Zustand von Kindern zwischen vier und sieben Jahren sei. Das präoperatorische 45 Niveau ist gekennzeichnet durch folgende Aspekte: globales und prälogisches Denken,
Denkprozesse, die kaum durch die Denkweise und Logik ihrer Gesprächspartner beeinflusst werden können,
eine ich-zentrierte Sicht von sich und anderen,
50 monologisierende verbale Kommunikation,
Mangel an authentischer interpersoneller Empathie sowie
wenig affektive Kontrolle in Stresssituationen […].
Das auf diesen Annahmen basierende ätiologische 3 Modell […] postuliert, dass es aufgrund der ungünstigen, traumatisierenden Sozialisations- und Lernerfahrungen zu der Entkopplung 55 der Wahrnehmung von der Umwelt kommt, was korrigierende positive Lernerfahrungen erschwert. Daher wiederholen sich im Leben chronisch Depressiver immer wieder schwierige Beziehungserfahrungen, was eine chronische zwischenmenschliche Ineffektivität und schließlich die resistente Hilflosigkeit bzw. die therapieresistente chronische Depression triggert 4 und aufrecht erhält.
60 […]
[Fallbeispiel]
Herr P. ist ein 23-jähriger Patient, der sich eigenständig aufgrund einer chronifizierten depressiven Symptomatik zur stationären CBASP-Behandlung vorstellte. Der Patient berichtet, dass er bereits seit dem 12. Lebensjahr unter depressiven Symptomen mit Antriebslosigkeit, Schlaf- 65 und Konzentrationsstörungen und sozialen Rückzug leide. Weiterhin habe er unkontrollierte Essanfälle. Aufgrund einer daraus resultierenden schweren Adipositas habe er sich einer Magenbypass-OP unterzogen. Insgesamt seien drei stationär-psychiatrische Behandlungen mit verschiedenen Antidepressivabehandlungen […] erfolgt sowie zwei verhaltenstherapeutische Psychotherapien. Zu keinem Zeitpunkt habe sich unter der Behandlung eine Verbes- 70 serung der Symptomatik ergeben. […] In der psychiatrischen Vorgeschichte liegen zusätzlich ein stationärer Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie wegen gestörten Sozialverhaltens […]. Bereits in den ersten Gesprächen stellten sich interaktionelle Besonderheiten in der Beziehungsgestaltung heraus. Herr P. war ausgesprochen fordernd gegenüber seinem Einzeltherapeuten, jedoch auch gegenüber Mitpatienten, teilweise überheblich, aber 75 gleichzeitig auch schnell kränkbar. Die Interaktion war geprägt von Ironie und Zynismus sowie immer wieder auf Spielebene stattfindenden Beziehungstests.
[…]
Herr P. kommt in die Sitzung und der Therapeut fragt nach einer Situationsanalyse, die der Patient vorbereiten sollte. Zum wiederholten Male berichtet Herr P., er habe es nicht ge- 80 schafft diese vorzubereiten, wirkt dabei sehr selbstsicher und sagt dann: „Sie sind jetzt sicher böse auf mich.“ Auf die Frage, warum er es nicht geschafft habe, antwortet Herr P., er habe es vergessen. […]
TH: „Herr P., können Sie sich vorstellen, wie es mir gerade geht?“
Herr P. antwortet: „Sie sind sicher wütend und wollen nicht mehr mit mir arbeiten.“
85 TH: „Schauen Sie mich doch mal an, was sehen Sie denn?“
Herrn P. fällt es schwer den Therapeuten anzuschauen.
TH: „Was sehen Sie denn?“ (TH schaut traurig)
Herr P. kann nur kurz Augenkontakt halten und missdeutet den Gesichtsausdruck als Ärger.
TH: „Darf ich Ihnen sagen, wie ich mich gerade fühle?“
90 Herr P.: „Meinetwegen, auch wenn das schon wieder nervt.“
TH: „Ich merke gerade, dass ich richtig traurig werde, dass sie wieder keine Situationsanalyse mitgebracht haben. Denn so nehmen Sie mir die Möglichkeit mit Ihnen zu arbeiten, um wirklich etwas zu verändern. Und eigentlich will ich Ihnen helfen, dass es Ihnen besser geht. Aber wenn Sie so in der Therapie sind, merke ich, dass mir richtig die Energie verloren 95 geht mit Ihnen zu arbeiten. Und das macht mich richtig traurig.“
Herr P. wirkt plötzlich deutlich weniger selbstsicher und überheblich. Ihm scheint die Situation geradezu unangenehm.
TH: „Können Sie meine Gefühle aus meiner Sicht nachvollziehen?“
Herr P.: „Ach, ich bin doch auch nur irgendein Patient. Es ändert sich sowieso nichts, ob 100 ich was mitbringe oder nicht.“
TH: „Doch, genau das tut es. Ich möchte Ihnen helfen, weil ich Sie mag und Sie mir wichtig sind. Daher möchte ich Sie fragen: Wollen Sie, dass Sie mich traurig machen und mir die Lust nehmen, Ihnen zu helfen?“
Herr P.: „Nein, das will ich natürlich nicht.“
105 TH: „Aber warum machen Sie das dann?“
Herr P., fühlt sich sichtlich unwohl: „Ach, ich weiß es ja auch nicht“
TH: „Besteht möglicherweise eine Verbindung zwischen ihren Prägungen und ihrem Verhalten?“
Herr P.: „Naja, meine Mutter hat mich hängen lassen und mir nie gezeigt, dass ich ihr 110 wichtig bin. Mein Vater denkt sowieso, dass ich eine Flasche bin und hat immer mit Wut und Ablehnung reagiert, wenn ich was falsch gemacht habe. Vielleicht spielt das hier auch eine Rolle, wenn ich vertrauen und mich einlassen soll.“
[…]
TH: „Können Sie sich an eine ähnliche Situation wie heute erinnern, aber mit Ihrer Mutter 115 oder Ihrem Vater – also eine Situation, wo sie etwas vergessen oder falsch gemacht haben?“
Herr P.: „Ja klar. Das ist oft passiert. Meine Mutter hat sich ja irgendwann nur noch für meinen Stiefvater interessiert. Der war ich doch dann egal. Ob ich was gemacht hab oder nicht, hat sie nicht interessiert. Höchstens wenn es wieder Streit und Ärger gab, ist sie wütend geworden und hat mich immer gefragt, warum ich ihr das antue.“
120 TH: „Und Ihr Vater?“
Herr P.: „Der hat doch eh gedacht ich bin zu blöd um irgendwas hinzubekommen. Da hab ich mir dann immer Geschichten ausgedacht, warum ich irgendwas nicht mache. Es wäre ja so oder so nicht gut genug gewesen. Da hab ich dann immer eine Show gespielt, um nicht wieder gesagt zu bekommen, dass ich sowieso nicht fähig wäre irgendwas hinzukommen.“
125 TH: „Und wie hat Ihr Stiefvater reagiert?“
Herr P.: „Der hat mich ja komplett ignoriert, bei allem. Der hat dann nur immer zu meiner Mutter gesagt: Was ist das nur für ein Kind? Teilweise hat er sich über mich lustig gemacht. Dann hab ich ihn immer heftig angegriffen bis er damit aufgehört hat und am Ende nur noch ignoriert.“
130 TH: „Und wie habe ich heute reagiert?“
Herr P.: „Sie waren traurig, irgendwie betroffen.“
TH: „Ja, weil ich ihnen helfen will, weil Sie mir wichtig sind! Ich denke sogar, dass Sie die Therapie sehr gut hinbekommen würden. Welche Unterschiede sehen Sie denn zwischen meinem heutigen Verhalten und dem Verhalten Ihrer Familie früher?“
135 Herr P.: „Da ist alles anders. Ihnen war es nicht egal, aber sie haben auch nicht gesagt, dass ich es sowieso nicht schaffen würde und waren nicht wütend, haben mich nicht angeschrien und ausgelacht.“
TH: „Und können Sie schon sagen, was es für Sie bedeutet, wenn ich so anders reagiere?“
Herr P.: „Mm, das fühlt sich seltsam an, anders als ich es kenne und erwartet habe. Viel- 140 leicht sind manche Menschen heute doch anders als ich es bisher erlebt habe und haben doch Interesse an mir und meinen Problemen.“
[…]
Nachdem Herr P. diese Erkenntnis mit dem Therapeuten erarbeiten konnte, war er sichtlich betroffen. Es stellte sich ein Moment der Ruhe in der Therapiestunde ein, in der Herr P. 145 sichtlich bewegt von seinen eigenen Gefühlen war und erstmals in der Lage in der Therapie „Schwäche“ zu zeigen. […]
1 Lehre von den psychischen Erkrankungen
2 unterwürfiges
3 Ätiologie = Die Lehre der Ursachen von Krankheiten
4 aktivieren/auslösen
3. Entwickeln Sie für Herrn P. Bausteine einer systemischen Therapie und prüfen Sie, ob diese innerhalb des CBASP eine sinnvolle Ergänzung zur therapeutischen Behandlung von Herrn P. darstellen könnten. (26 Punkte)
Aufgabe 4 - Teilaufgabe 1 · Texte auswerten und Paradigmen zuordnen
Anfänge der beruflichen Entwicklung von der Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter
Ein wichtiger Auslöser individueller Entwicklungsprozesse sind sog. Entwicklungsaufgaben,
die als geteilte normative Erwartungen von der sozialen Umgebung an das Individuum her-
angetragen werden. Beispielsweise erwartet man von einem Kind ab einem bestimmten Alter,
dass es sich selbst anziehen kann, dass es lernt »bitte und danke« zu sagen etc. Entwicklungs-
5 aufgaben begleiten uns entlang unserer gesamten Lebensspanne. Die erfolgreiche Bewälti-
gung einer Entwicklungsaufgabe führt zu Zufriedenheit und Anerkennung, während das
Versagen bei einer Entwicklungsaufgabe das Individuum unglücklich macht, auf Ablehnung
durch die Gesellschaft stößt und zu Schwierigkeiten bei der Bewältigung späterer Entwick-
lungsaufgaben führt. Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen sind beispielsweise der Auf-
10 bau von Beziehungen zu Gleichaltrigen, die Akzeptanz des eigenen Körpers, das Erreichen
emotionaler Unabhängigkeit von den Eltern, die Vorbereitung auf das Berufsleben und die
Auswahl eines Berufes sowie Bemühungen zur Sicherung der späteren wirtschaftlichen Un-
abhängigkeit.
In der Laufbahnentwicklungstheorie (Savickas, 2002) wird das Alter zwischen 4 und 13
15 Jahren als Wachstumsphase der beruflichen Entwicklung bezeichnet. Mit zunehmendem
Alter erwartet man von Heranwachsenden, dass sie sich mit ihrer eigenen beruflichen Zu-
kunft befassen, diese als persönliche Herausforderung begreifen lernen, Kriterien für ihre
Ausbildungs- und Berufswahlentscheidungen entwickeln und das Selbstvertrauen haben,
eine für sie angemessene und realistische berufliche Weichenstellung vorzunehmen. Die
20 eigenen Berufswünsche der Heranwachsenden äußern sich in Tagträumen.
Eine sichere psychische Bindung 1 an die primären Bezugspersonen stärkt das Zutrauen der
Heranwachsenden zu sich selbst, fördert ihren Optimismus sowie ihr Vertrauen in andere
Personen. Damit werden eine vorausschauende Haltung und planende Einstellung gegen-
über der eigenen beruflichen Zukunft gebahnt und die Grundlagen für die spätere berufli-
25 che Planungskompetenz gelegt. Die sichere Bindung an die primären Bezugspersonen
schafft auch die Voraussetzung für spätere vertrauensvolle Beziehungen zu Mentoren, Vor-
gesetzten und Kollegen. Unsichere Bindungen an die primären Bezugspersonen führen da-
gegen zu einem negativen Selbstkonzept bei den Heranwachsenden, erhöhter Ängstlichkeit,
ambivalenten oder sogar gleichgültigen Einstellungen gegenüber der eigenen beruflichen
30 Zukunft und z. T. zu antisozialen Einstellungen (»Man kann alles machen, solange man
nicht erwischt wird.«).
Wenn eine heranwachsende Person den Freiraum bekommt, eigene Entscheidungen zu
treffen, wenn sie dazu ermutigt wird, kleine kurzfristige Annehmlichkeiten zugunsten grö-
ßerer langfristiger Belohnungen aufzuschieben, wenn sie lernt, mit anderen zu verhandeln
35 und für ihre eigenen Rechte einzutreten, entwickelt sich bei ihr ein Gefühl der persönlichen
Autonomie und der Kontrolle über die eigenen Entscheidungen. Dies fördert auch die emo-
tionale Unabhängigkeit und stärkt die persönliche Willenskraft. Insgesamt werden damit die
Grundlagen für die spätere berufliche Entscheidungskompetenz gelegt.
Von einer heranwachsenden Person wird auch erwartet, dass sie Kriterien für die Ausbil-
40 dungs- und Berufswahl entwickelt. Solche Kriterien können ganz unterschiedlich sein, wie
z. B. »Hauptsache, es macht Spaß!«, »Man soll das als Beruf wählen, worin man gut ist!«,
»Ich will etwas lernen, wo ich unabhängig und auf niemand angewiesen bin«, »Den Beruf,
den man wählt, hat man sein ganzes Leben«, »Man kann den Beruf auch wechseln, wenn er
keinen Spaß mehr macht«, »Ich will nie arbeitslos werden!«, etc. Die Herausbildung solcher
45 Kriterien fördert das Wissen über die eigene Person und erleichtert es damit, später eine
bessere Übereinstimmung zwischen den eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten mit den An-
geboten in der Berufswelt herstellen zu können.
Die erfolgreiche Problembewältigung in Alltagsdingen zu Hause, in der Schule oder bei
Hobbys erhöht die eigene Selbstwirksamkeitseinschätzung, fördert die Selbstakzeptanz und
50 steigert das Selbstwertgefühl. Dies schafft die Grundlagen für das Zutrauen zu sich selbst,
die Herausforderungen der Berufswahl und der erforderlichen beruflichen Anpassungen er-
folgreich bewältigen zu können.
Das Alter zwischen 14 und 24 Jahren wird in der Laufbahnentwicklungstheorie (Savickas,
2002) als Explorationsphase der beruflichen Entwicklung bezeichnet. In dieser Zeit sollen
55 die Personen den Weg von ihren beruflichen Wünschen und Tagträumen zu einer konkreten
Stelle in der Arbeitswelt finden. Die Entwicklungsaufgabe besteht also darin, eine Berufs-
wahlentscheidung treffen und umsetzen zu sollen. Man unterscheidet dabei drei Aspekte
dieser Entwicklungsaufgabe: Kristallisation, Spezifikation und Aktualisierung.
Die Kristallisationsaufgabe besteht einerseits darin, durch gezielte Selbsterprobungen zu einer
60 differenzierteren Einschätzung der eigenen beruflichen Interessensfelder (z. B. primär Um-
gang mit Menschen oder primär Umgang mit Dingen), der eigenen berufsrelevanten Fähig-
keiten (liegen z. B. Stärken eher im sprachlichen Bereich oder im mathematischen Bereich)
sowie der Ausprägung der eigenen Arbeitswerte (z. B. Sicherheit des Arbeitsplatzes vs. Ab-
wechslung am Arbeitsplatz) zu gelangen. Es besteht also die Aufgabe, ein differenziertes be-
65 rufliches Selbstkonzept zu entwickeln. Andererseits soll die berufssuchende Person gezielt
Informationen über die Anforderungen, Routinen und Belohnungen, die bestimmte Berufs-
felder und Berufe stellen und bieten, sammeln, um damit eine individuelle kognitive Land-
karte über die Berufswelt zu entwickeln. Aus dem Vergleich von Selbstkonzept und indivi-
dueller kognitiver Berufslandkarte sollen sich vorläufige Präferenzen für bestimmte Berufs-
70 felder ergeben. Die Spezifikationsaufgabe beinhaltet dann die Auswahl einer spezifischen
Wunschtätigkeit aus den vorläufigen Präferenzen. Die Aktualisierungsaufgabe besteht
schließlich darin, den Weg vom Wunsch zu dessen aktiver Realisierung tatsächlich – auch
gegen Widerstände und angesichts von Schwierigkeiten – zu gehen.
Für die Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben haben Jobs von Jugendlichen in Ergän-
75 zung zur Schule eine wichtige Bedeutung (Kirkpatrick Johnson & Mortimer, 2002): Jugend-
liche gewinnen so erste Erfahrungen im Erwerbsleben und können besser für sich ihre beruf-
lichen Interessen und individuellen Arbeitswerte klären. Empirische Studien zeigen, dass
diese Jobs bei den Jugendlichen zu einer verbesserten Pünktlichkeit, einem stärkeren Verant-
wortungsbewusstsein, höherer Zuverlässigkeit, einem größeren Selbstvertrauen und einem
80 verbesserten Bewerbungsverhalten führen. Wenn die Arbeitszeiten im Job allerdings zu lange
dauern, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit von Substanzmissbrauch (Tabak und Alkohol),
Delinquenz und eines Absinkens der schulischen Leistungen. Gute Schüler haben relativ
kurze Arbeitszeiten in ihren Jobs und können deshalb stark davon profitieren. Schlechte
Schüler haben oft zu lange Arbeitszeiten parallel zur Schule, was mit den genannten
85 negativen Effekten einhergeht.
Savickas (2002) berichtet über drei Stile, mit den Entwicklungsaufgaben der Explorations-
phase umzugehen:
• Der informationsorientierte Stil zeichnet sich durch ein aktives Suchverhalten sowie
ein eigenständiges, stark problemorientiertes Vorgehen aus.
90 • Der normorientierte Stil zeichnet sich durch eine sehr enge Anlehnung an die Vorga-
ben und Erwartungen signifikanter anderer Personen und eine enge Bindung an die Her-
kunftsfamilie aus.
• Der vermeidende Stil äußert sich in hinauszögernden und vermeidenden Verhaltensweisen
gegenüber beruflichen Entscheidungen. Den Betroffenen fehlen positive Rollenmodelle.
95 Ihr Verhalten hat Defizite beim problemorientierten Vorgehen und zeichnet sich durch
emotionszentrierte Bewältigungsversuche aus.
Wenn ein informationsorientierter Stil vorliegt, kann man von einer hohen sog. Berufswahl-
reife ausgehen. Damit bezeichnet man die Bereitschaft und die Fähigkeit, die Entwicklungs-
aufgabe der Berufswahl in Angriff zu nehmen und erfolgreich zu bewältigen. Berufswahl-
100 reife umfasst folgende Aspekte: Planungskompetenz, Entscheidungskompetenz, Wissen
über das Selbst und die relevante berufliche Umwelt sowie die Berufswahlzuversicht.
In der Bundesrepublik Deutschland dürfte der Alterskorridor von jungen Erwachsenen ohne
Hochschulausbildung für die Explorationsphase in der Tat zwischen 14 und 24 Jahren liegen.
Da Hochschulabsolventen hierzulande ihr Studium aber häufig erst nach dem 25. Lebens-
105 jahr abschließen, ist für diesen Teil des Berufsnachwuchses die Explorationsphase länger.
Durch eine Verkürzung der Gymnasialzeit sowie die Einführung des 3-jährigen Bachelor-
studiums als erstem berufsqualifizierendem Hochschulabschluss wurden in jüngster Zeit
aber zielgerichtet berufspolitische Maßnahmen initiiert, um eine frühere Berufseinmündung
bei Hochschulabsolventen herbeizuführen.
1 Im Sinne des Konzepts von Bowlby et al. ist Bindung eine enge, emotionale Beziehung zwischen Menschen, welche vor allem durch Sicherheit und Vertrauen geprägt ist. Die Qualität des Bindungsverhaltens entwickelt sich vor allem im ersten Lebensjahr im Kontakt mit wichtigen Bezugspersonen (meist den Eltern).
1. Arbeiten Sie aus dem Text zum einen die allgemeinen Entwicklungsaufgaben sowie die Rolle der Bindung für die Ausbildungs- und Berufswahl heraus, zum anderen gezielt die Merkmale der Explorationsphase. Weisen Sie außerdem nach, dass einzelne Passagen des Textes auf humanistischen Grundannahmen beruhen.
(22 Punkte)
Aufgabe 4 - Teilaufgabe 2 · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen
Anfänge der beruflichen Entwicklung von der Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter
Ein wichtiger Auslöser individueller Entwicklungsprozesse sind sog. Entwicklungsaufgaben,
die als geteilte normative Erwartungen von der sozialen Umgebung an das Individuum her-
angetragen werden. Beispielsweise erwartet man von einem Kind ab einem bestimmten Alter,
dass es sich selbst anziehen kann, dass es lernt »bitte und danke« zu sagen etc. Entwicklungs-
5 aufgaben begleiten uns entlang unserer gesamten Lebensspanne. Die erfolgreiche Bewälti-
gung einer Entwicklungsaufgabe führt zu Zufriedenheit und Anerkennung, während das
Versagen bei einer Entwicklungsaufgabe das Individuum unglücklich macht, auf Ablehnung
durch die Gesellschaft stößt und zu Schwierigkeiten bei der Bewältigung späterer Entwick-
lungsaufgaben führt. Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen sind beispielsweise der Auf-
10 bau von Beziehungen zu Gleichaltrigen, die Akzeptanz des eigenen Körpers, das Erreichen
emotionaler Unabhängigkeit von den Eltern, die Vorbereitung auf das Berufsleben und die
Auswahl eines Berufes sowie Bemühungen zur Sicherung der späteren wirtschaftlichen Un-
abhängigkeit.
In der Laufbahnentwicklungstheorie (Savickas, 2002) wird das Alter zwischen 4 und 13
15 Jahren als Wachstumsphase der beruflichen Entwicklung bezeichnet. Mit zunehmendem
Alter erwartet man von Heranwachsenden, dass sie sich mit ihrer eigenen beruflichen Zu-
kunft befassen, diese als persönliche Herausforderung begreifen lernen, Kriterien für ihre
Ausbildungs- und Berufswahlentscheidungen entwickeln und das Selbstvertrauen haben,
eine für sie angemessene und realistische berufliche Weichenstellung vorzunehmen. Die
20 eigenen Berufswünsche der Heranwachsenden äußern sich in Tagträumen.
Eine sichere psychische Bindung 1 an die primären Bezugspersonen stärkt das Zutrauen der
Heranwachsenden zu sich selbst, fördert ihren Optimismus sowie ihr Vertrauen in andere
Personen. Damit werden eine vorausschauende Haltung und planende Einstellung gegen-
über der eigenen beruflichen Zukunft gebahnt und die Grundlagen für die spätere berufli-
25 che Planungskompetenz gelegt. Die sichere Bindung an die primären Bezugspersonen
schafft auch die Voraussetzung für spätere vertrauensvolle Beziehungen zu Mentoren, Vor-
gesetzten und Kollegen. Unsichere Bindungen an die primären Bezugspersonen führen da-
gegen zu einem negativen Selbstkonzept bei den Heranwachsenden, erhöhter Ängstlichkeit,
ambivalenten oder sogar gleichgültigen Einstellungen gegenüber der eigenen beruflichen
30 Zukunft und z. T. zu antisozialen Einstellungen (»Man kann alles machen, solange man
nicht erwischt wird.«).
Wenn eine heranwachsende Person den Freiraum bekommt, eigene Entscheidungen zu
treffen, wenn sie dazu ermutigt wird, kleine kurzfristige Annehmlichkeiten zugunsten grö-
ßerer langfristiger Belohnungen aufzuschieben, wenn sie lernt, mit anderen zu verhandeln
35 und für ihre eigenen Rechte einzutreten, entwickelt sich bei ihr ein Gefühl der persönlichen
Autonomie und der Kontrolle über die eigenen Entscheidungen. Dies fördert auch die emo-
tionale Unabhängigkeit und stärkt die persönliche Willenskraft. Insgesamt werden damit die
Grundlagen für die spätere berufliche Entscheidungskompetenz gelegt.
Von einer heranwachsenden Person wird auch erwartet, dass sie Kriterien für die Ausbil-
40 dungs- und Berufswahl entwickelt. Solche Kriterien können ganz unterschiedlich sein, wie
z. B. »Hauptsache, es macht Spaß!«, »Man soll das als Beruf wählen, worin man gut ist!«,
»Ich will etwas lernen, wo ich unabhängig und auf niemand angewiesen bin«, »Den Beruf,
den man wählt, hat man sein ganzes Leben«, »Man kann den Beruf auch wechseln, wenn er
keinen Spaß mehr macht«, »Ich will nie arbeitslos werden!«, etc. Die Herausbildung solcher
45 Kriterien fördert das Wissen über die eigene Person und erleichtert es damit, später eine
bessere Übereinstimmung zwischen den eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten mit den An-
geboten in der Berufswelt herstellen zu können.
Die erfolgreiche Problembewältigung in Alltagsdingen zu Hause, in der Schule oder bei
Hobbys erhöht die eigene Selbstwirksamkeitseinschätzung, fördert die Selbstakzeptanz und
50 steigert das Selbstwertgefühl. Dies schafft die Grundlagen für das Zutrauen zu sich selbst,
die Herausforderungen der Berufswahl und der erforderlichen beruflichen Anpassungen er-
folgreich bewältigen zu können.
Das Alter zwischen 14 und 24 Jahren wird in der Laufbahnentwicklungstheorie (Savickas,
2002) als Explorationsphase der beruflichen Entwicklung bezeichnet. In dieser Zeit sollen
55 die Personen den Weg von ihren beruflichen Wünschen und Tagträumen zu einer konkreten
Stelle in der Arbeitswelt finden. Die Entwicklungsaufgabe besteht also darin, eine Berufs-
wahlentscheidung treffen und umsetzen zu sollen. Man unterscheidet dabei drei Aspekte
dieser Entwicklungsaufgabe: Kristallisation, Spezifikation und Aktualisierung.
Die Kristallisationsaufgabe besteht einerseits darin, durch gezielte Selbsterprobungen zu einer
60 differenzierteren Einschätzung der eigenen beruflichen Interessensfelder (z. B. primär Um-
gang mit Menschen oder primär Umgang mit Dingen), der eigenen berufsrelevanten Fähig-
keiten (liegen z. B. Stärken eher im sprachlichen Bereich oder im mathematischen Bereich)
sowie der Ausprägung der eigenen Arbeitswerte (z. B. Sicherheit des Arbeitsplatzes vs. Ab-
wechslung am Arbeitsplatz) zu gelangen. Es besteht also die Aufgabe, ein differenziertes be-
65 rufliches Selbstkonzept zu entwickeln. Andererseits soll die berufssuchende Person gezielt
Informationen über die Anforderungen, Routinen und Belohnungen, die bestimmte Berufs-
felder und Berufe stellen und bieten, sammeln, um damit eine individuelle kognitive Land-
karte über die Berufswelt zu entwickeln. Aus dem Vergleich von Selbstkonzept und indivi-
dueller kognitiver Berufslandkarte sollen sich vorläufige Präferenzen für bestimmte Berufs-
70 felder ergeben. Die Spezifikationsaufgabe beinhaltet dann die Auswahl einer spezifischen
Wunschtätigkeit aus den vorläufigen Präferenzen. Die Aktualisierungsaufgabe besteht
schließlich darin, den Weg vom Wunsch zu dessen aktiver Realisierung tatsächlich – auch
gegen Widerstände und angesichts von Schwierigkeiten – zu gehen.
Für die Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben haben Jobs von Jugendlichen in Ergän-
75 zung zur Schule eine wichtige Bedeutung (Kirkpatrick Johnson & Mortimer, 2002): Jugend-
liche gewinnen so erste Erfahrungen im Erwerbsleben und können besser für sich ihre beruf-
lichen Interessen und individuellen Arbeitswerte klären. Empirische Studien zeigen, dass
diese Jobs bei den Jugendlichen zu einer verbesserten Pünktlichkeit, einem stärkeren Verant-
wortungsbewusstsein, höherer Zuverlässigkeit, einem größeren Selbstvertrauen und einem
80 verbesserten Bewerbungsverhalten führen. Wenn die Arbeitszeiten im Job allerdings zu lange
dauern, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit von Substanzmissbrauch (Tabak und Alkohol),
Delinquenz und eines Absinkens der schulischen Leistungen. Gute Schüler haben relativ
kurze Arbeitszeiten in ihren Jobs und können deshalb stark davon profitieren. Schlechte
Schüler haben oft zu lange Arbeitszeiten parallel zur Schule, was mit den genannten
85 negativen Effekten einhergeht.
Savickas (2002) berichtet über drei Stile, mit den Entwicklungsaufgaben der Explorations-
phase umzugehen:
• Der informationsorientierte Stil zeichnet sich durch ein aktives Suchverhalten sowie
ein eigenständiges, stark problemorientiertes Vorgehen aus.
90 • Der normorientierte Stil zeichnet sich durch eine sehr enge Anlehnung an die Vorga-
ben und Erwartungen signifikanter anderer Personen und eine enge Bindung an die Her-
kunftsfamilie aus.
• Der vermeidende Stil äußert sich in hinauszögernden und vermeidenden Verhaltensweisen
gegenüber beruflichen Entscheidungen. Den Betroffenen fehlen positive Rollenmodelle.
95 Ihr Verhalten hat Defizite beim problemorientierten Vorgehen und zeichnet sich durch
emotionszentrierte Bewältigungsversuche aus.
Wenn ein informationsorientierter Stil vorliegt, kann man von einer hohen sog. Berufswahl-
reife ausgehen. Damit bezeichnet man die Bereitschaft und die Fähigkeit, die Entwicklungs-
aufgabe der Berufswahl in Angriff zu nehmen und erfolgreich zu bewältigen. Berufswahl-
100 reife umfasst folgende Aspekte: Planungskompetenz, Entscheidungskompetenz, Wissen
über das Selbst und die relevante berufliche Umwelt sowie die Berufswahlzuversicht.
In der Bundesrepublik Deutschland dürfte der Alterskorridor von jungen Erwachsenen ohne
Hochschulausbildung für die Explorationsphase in der Tat zwischen 14 und 24 Jahren liegen.
Da Hochschulabsolventen hierzulande ihr Studium aber häufig erst nach dem 25. Lebens-
105 jahr abschließen, ist für diesen Teil des Berufsnachwuchses die Explorationsphase länger.
Durch eine Verkürzung der Gymnasialzeit sowie die Einführung des 3-jährigen Bachelor-
studiums als erstem berufsqualifizierendem Hochschulabschluss wurden in jüngster Zeit
aber zielgerichtet berufspolitische Maßnahmen initiiert, um eine frühere Berufseinmündung
bei Hochschulabsolventen herbeizuführen.
1 Im Sinne des Konzepts von Bowlby et al. ist Bindung eine enge, emotionale Beziehung zwischen Menschen, welche vor allem durch Sicherheit und Vertrauen geprägt ist. Die Qualität des Bindungsverhaltens entwickelt sich vor allem im ersten Lebensjahr im Kontakt mit wichtigen Bezugspersonen (meist den Eltern).
2. Vergleichen Sie die Entwicklungsaufgaben sowie die Rolle der Bindung im Prozess der Ausbildungs- und Berufswahl mit der Persönlichkeitsentwicklung aus tiefenpsychologischer Sicht und beziehen Sie dabei das zugehörige Persönlichkeitsmodell ein.
(32 Punkte)
Aufgabe 4 - Teilaufgabe 3 · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl
Anfänge der beruflichen Entwicklung von der Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter
Ein wichtiger Auslöser individueller Entwicklungsprozesse sind sog. Entwicklungsaufgaben,
die als geteilte normative Erwartungen von der sozialen Umgebung an das Individuum her-
angetragen werden. Beispielsweise erwartet man von einem Kind ab einem bestimmten Alter,
dass es sich selbst anziehen kann, dass es lernt »bitte und danke« zu sagen etc. Entwicklungs-
5 aufgaben begleiten uns entlang unserer gesamten Lebensspanne. Die erfolgreiche Bewälti-
gung einer Entwicklungsaufgabe führt zu Zufriedenheit und Anerkennung, während das
Versagen bei einer Entwicklungsaufgabe das Individuum unglücklich macht, auf Ablehnung
durch die Gesellschaft stößt und zu Schwierigkeiten bei der Bewältigung späterer Entwick-
lungsaufgaben führt. Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen sind beispielsweise der Auf-
10 bau von Beziehungen zu Gleichaltrigen, die Akzeptanz des eigenen Körpers, das Erreichen
emotionaler Unabhängigkeit von den Eltern, die Vorbereitung auf das Berufsleben und die
Auswahl eines Berufes sowie Bemühungen zur Sicherung der späteren wirtschaftlichen Un-
abhängigkeit.
In der Laufbahnentwicklungstheorie (Savickas, 2002) wird das Alter zwischen 4 und 13
15 Jahren als Wachstumsphase der beruflichen Entwicklung bezeichnet. Mit zunehmendem
Alter erwartet man von Heranwachsenden, dass sie sich mit ihrer eigenen beruflichen Zu-
kunft befassen, diese als persönliche Herausforderung begreifen lernen, Kriterien für ihre
Ausbildungs- und Berufswahlentscheidungen entwickeln und das Selbstvertrauen haben,
eine für sie angemessene und realistische berufliche Weichenstellung vorzunehmen. Die
20 eigenen Berufswünsche der Heranwachsenden äußern sich in Tagträumen.
Eine sichere psychische Bindung 1 an die primären Bezugspersonen stärkt das Zutrauen der
Heranwachsenden zu sich selbst, fördert ihren Optimismus sowie ihr Vertrauen in andere
Personen. Damit werden eine vorausschauende Haltung und planende Einstellung gegen-
über der eigenen beruflichen Zukunft gebahnt und die Grundlagen für die spätere berufli-
25 che Planungskompetenz gelegt. Die sichere Bindung an die primären Bezugspersonen
schafft auch die Voraussetzung für spätere vertrauensvolle Beziehungen zu Mentoren, Vor-
gesetzten und Kollegen. Unsichere Bindungen an die primären Bezugspersonen führen da-
gegen zu einem negativen Selbstkonzept bei den Heranwachsenden, erhöhter Ängstlichkeit,
ambivalenten oder sogar gleichgültigen Einstellungen gegenüber der eigenen beruflichen
30 Zukunft und z. T. zu antisozialen Einstellungen (»Man kann alles machen, solange man
nicht erwischt wird.«).
Wenn eine heranwachsende Person den Freiraum bekommt, eigene Entscheidungen zu
treffen, wenn sie dazu ermutigt wird, kleine kurzfristige Annehmlichkeiten zugunsten grö-
ßerer langfristiger Belohnungen aufzuschieben, wenn sie lernt, mit anderen zu verhandeln
35 und für ihre eigenen Rechte einzutreten, entwickelt sich bei ihr ein Gefühl der persönlichen
Autonomie und der Kontrolle über die eigenen Entscheidungen. Dies fördert auch die emo-
tionale Unabhängigkeit und stärkt die persönliche Willenskraft. Insgesamt werden damit die
Grundlagen für die spätere berufliche Entscheidungskompetenz gelegt.
Von einer heranwachsenden Person wird auch erwartet, dass sie Kriterien für die Ausbil-
40 dungs- und Berufswahl entwickelt. Solche Kriterien können ganz unterschiedlich sein, wie
z. B. »Hauptsache, es macht Spaß!«, »Man soll das als Beruf wählen, worin man gut ist!«,
»Ich will etwas lernen, wo ich unabhängig und auf niemand angewiesen bin«, »Den Beruf,
den man wählt, hat man sein ganzes Leben«, »Man kann den Beruf auch wechseln, wenn er
keinen Spaß mehr macht«, »Ich will nie arbeitslos werden!«, etc. Die Herausbildung solcher
45 Kriterien fördert das Wissen über die eigene Person und erleichtert es damit, später eine
bessere Übereinstimmung zwischen den eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten mit den An-
geboten in der Berufswelt herstellen zu können.
Die erfolgreiche Problembewältigung in Alltagsdingen zu Hause, in der Schule oder bei
Hobbys erhöht die eigene Selbstwirksamkeitseinschätzung, fördert die Selbstakzeptanz und
50 steigert das Selbstwertgefühl. Dies schafft die Grundlagen für das Zutrauen zu sich selbst,
die Herausforderungen der Berufswahl und der erforderlichen beruflichen Anpassungen er-
folgreich bewältigen zu können.
Das Alter zwischen 14 und 24 Jahren wird in der Laufbahnentwicklungstheorie (Savickas,
2002) als Explorationsphase der beruflichen Entwicklung bezeichnet. In dieser Zeit sollen
55 die Personen den Weg von ihren beruflichen Wünschen und Tagträumen zu einer konkreten
Stelle in der Arbeitswelt finden. Die Entwicklungsaufgabe besteht also darin, eine Berufs-
wahlentscheidung treffen und umsetzen zu sollen. Man unterscheidet dabei drei Aspekte
dieser Entwicklungsaufgabe: Kristallisation, Spezifikation und Aktualisierung.
Die Kristallisationsaufgabe besteht einerseits darin, durch gezielte Selbsterprobungen zu einer
60 differenzierteren Einschätzung der eigenen beruflichen Interessensfelder (z. B. primär Um-
gang mit Menschen oder primär Umgang mit Dingen), der eigenen berufsrelevanten Fähig-
keiten (liegen z. B. Stärken eher im sprachlichen Bereich oder im mathematischen Bereich)
sowie der Ausprägung der eigenen Arbeitswerte (z. B. Sicherheit des Arbeitsplatzes vs. Ab-
wechslung am Arbeitsplatz) zu gelangen. Es besteht also die Aufgabe, ein differenziertes be-
65 rufliches Selbstkonzept zu entwickeln. Andererseits soll die berufssuchende Person gezielt
Informationen über die Anforderungen, Routinen und Belohnungen, die bestimmte Berufs-
felder und Berufe stellen und bieten, sammeln, um damit eine individuelle kognitive Land-
karte über die Berufswelt zu entwickeln. Aus dem Vergleich von Selbstkonzept und indivi-
dueller kognitiver Berufslandkarte sollen sich vorläufige Präferenzen für bestimmte Berufs-
70 felder ergeben. Die Spezifikationsaufgabe beinhaltet dann die Auswahl einer spezifischen
Wunschtätigkeit aus den vorläufigen Präferenzen. Die Aktualisierungsaufgabe besteht
schließlich darin, den Weg vom Wunsch zu dessen aktiver Realisierung tatsächlich – auch
gegen Widerstände und angesichts von Schwierigkeiten – zu gehen.
Für die Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben haben Jobs von Jugendlichen in Ergän-
75 zung zur Schule eine wichtige Bedeutung (Kirkpatrick Johnson & Mortimer, 2002): Jugend-
liche gewinnen so erste Erfahrungen im Erwerbsleben und können besser für sich ihre beruf-
lichen Interessen und individuellen Arbeitswerte klären. Empirische Studien zeigen, dass
diese Jobs bei den Jugendlichen zu einer verbesserten Pünktlichkeit, einem stärkeren Verant-
wortungsbewusstsein, höherer Zuverlässigkeit, einem größeren Selbstvertrauen und einem
80 verbesserten Bewerbungsverhalten führen. Wenn die Arbeitszeiten im Job allerdings zu lange
dauern, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit von Substanzmissbrauch (Tabak und Alkohol),
Delinquenz und eines Absinkens der schulischen Leistungen. Gute Schüler haben relativ
kurze Arbeitszeiten in ihren Jobs und können deshalb stark davon profitieren. Schlechte
Schüler haben oft zu lange Arbeitszeiten parallel zur Schule, was mit den genannten
85 negativen Effekten einhergeht.
Savickas (2002) berichtet über drei Stile, mit den Entwicklungsaufgaben der Explorations-
phase umzugehen:
• Der informationsorientierte Stil zeichnet sich durch ein aktives Suchverhalten sowie
ein eigenständiges, stark problemorientiertes Vorgehen aus.
90 • Der normorientierte Stil zeichnet sich durch eine sehr enge Anlehnung an die Vorga-
ben und Erwartungen signifikanter anderer Personen und eine enge Bindung an die Her-
kunftsfamilie aus.
• Der vermeidende Stil äußert sich in hinauszögernden und vermeidenden Verhaltensweisen
gegenüber beruflichen Entscheidungen. Den Betroffenen fehlen positive Rollenmodelle.
95 Ihr Verhalten hat Defizite beim problemorientierten Vorgehen und zeichnet sich durch
emotionszentrierte Bewältigungsversuche aus.
Wenn ein informationsorientierter Stil vorliegt, kann man von einer hohen sog. Berufswahl-
reife ausgehen. Damit bezeichnet man die Bereitschaft und die Fähigkeit, die Entwicklungs-
aufgabe der Berufswahl in Angriff zu nehmen und erfolgreich zu bewältigen. Berufswahl-
100 reife umfasst folgende Aspekte: Planungskompetenz, Entscheidungskompetenz, Wissen
über das Selbst und die relevante berufliche Umwelt sowie die Berufswahlzuversicht.
In der Bundesrepublik Deutschland dürfte der Alterskorridor von jungen Erwachsenen ohne
Hochschulausbildung für die Explorationsphase in der Tat zwischen 14 und 24 Jahren liegen.
Da Hochschulabsolventen hierzulande ihr Studium aber häufig erst nach dem 25. Lebens-
105 jahr abschließen, ist für diesen Teil des Berufsnachwuchses die Explorationsphase länger.
Durch eine Verkürzung der Gymnasialzeit sowie die Einführung des 3-jährigen Bachelor-
studiums als erstem berufsqualifizierendem Hochschulabschluss wurden in jüngster Zeit
aber zielgerichtet berufspolitische Maßnahmen initiiert, um eine frühere Berufseinmündung
bei Hochschulabsolventen herbeizuführen.
1 Im Sinne des Konzepts von Bowlby et al. ist Bindung eine enge, emotionale Beziehung zwischen Menschen, welche vor allem durch Sicherheit und Vertrauen geprägt ist. Die Qualität des Bindungsverhaltens entwickelt sich vor allem im ersten Lebensjahr im Kontakt mit wichtigen Bezugspersonen (meist den Eltern).
3. Prüfen Sie, ob und wie sich Aspekte der Explorationsphase bei der Planung eines Assessment-Centers für Abiturienten erfassen lassen, und nehmen Sie abschließend Stellung dazu, inwieweit die Schule zu einer hohen Berufswahlreife beitragen kann.
(26 Punkte)
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