Aufgabe 1 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Psychologie LK · Nachtermin 2021
Thema: Sozialpsychologische Theorien anwenden · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2021)
Aufgabenstellung
Rache ist allgegenwärtig
von Klaus Wilhelm
Vergeltung soll das Gefühl für Gerechtigkeit wiederherstellen. Und manchmal erleichtert sie sogar das Verzeihen, sagen Psychologen
In der U-Bahn lässt der eine den anderen nicht durch; der andere tritt ihm dafür absichtlich
auf den Fuß: Rache! Die Mieter über Ihnen haben nächtelang so laut Sex, dass es Ihnen den
Schlaf raubt. Sie drehen das Radio morgens maximal auf, so dass die beiden auf jeden Fall
aufwachen: Rache! Ein Kollege schwärzt den anderen beim Chef an, der andere hetzt die
5 restliche Belegschaft gegen ihn auf: Rache! Wir sind umgeben von Vergeltung. Im Straßen-
verkehr. Im Fußball. Wenn die Liebe gescheitert ist und man sich betrogen fühlt – das kann
zu Rosenkriegen führen, schlimmstenfalls zu Mord und Totschlag. Rache ist allgegenwärtig.
„Doch wenn Sie die Leute fragen, ob sie sich schon mal gerächt haben, sind viele fast em-
pört“, erklärt der Psychologe Mario Gollwitzer, Professor an der Universität München.
10 „Offenbar löst das Wort etwas Aversives und Unmoralisches aus. Aber jeder tut es trotz-
dem gelegentlich.“
Und wenn die Wissenschaft nach Jahren der Forschung eines über das „faszinierende Phä-
nomen“ herausgefunden hat, dann das: Rache ist eine ebenso komplexe wie zwiespältige
Angelegenheit, die sich langfristig nur selten auszahlt. Aber sie ist auch nicht so schlecht,
15 wie Psychologen einst dachten. „Heute würde kaum jemand mehr von Rache als einem wil-
den, inhumanen Trieb sprechen, den man immer und überall zügeln muss“, sagt Gollwitzer.
Denn Rache „ist für das menschliche Leben funktional und stark verbunden mit unserem
Verlangen nach Gerechtigkeit“ – oder dem, was wir dafür halten.
Wir verstehen die, die sich rächen
20 Statt die Aggression zu verurteilen, sind wir offenbar in der Lage, „Rache intuitiv nachzu-
vollziehen“, fasst Gollwitzer das Ergebnis einer seiner jüngsten Studien zusammen. Dabei
wurden Probanden mit einer trickreichen Versuchsstrategie zu intuitiven Bewertungen ei-
nes realen Vergeltungsaktes „gezwungen“ 1. Es ging um den Fall der Iranerin Ameneh Bahr-
ami, die von einem verschmähten Verehrer mit Säure geblendet wurde. Danach erstritt sie
25 vor Gericht das Recht, es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. Ameneh Bahrami ver-
zichtete letzten Endes auf dieses Recht, aus verschiedenen Gründen, wie es hieß.
Dieser Versuch von Mario Gollwitzer und seinen Forschungskollegen zeigt nicht nur, dass
wir Rache verstehen und nachempfinden können, sondern auch: Wenn wir länger über die
Sinnhaftigkeit der Vergeltung nachdenken, kommen uns Zweifel daran.
30 Die Definition des Phänomens ist jedoch nicht so klar, wie man denken würde. Vergeltungs-
experte Mario Gollwitzer fasst den Rachebegriff sehr weit. Für ihn gehören schon die kleinen
Racheakte des Alltags dazu. Denn für ihn zählt vor allem eines: Ein Mensch, das „Opfer“,
fühlt sich, in welcher Weise auch immer, geschädigt, genervt oder verletzt – und will sicher-
stellen, dass der Verursacher, der „Täter“, gleichermaßen leidet. Dafür muss man ihm eins
35 auswischen.
Die niederländische Forscherin Maartje Elshout bevorzugt einen eng gefassten Begriff der
Rache. Die Psychologin hat Rachefantasien und Vergeltungsakte von ganz normalen Menschen
analysiert und immer wieder Probanden ins Labor gebeten, um die daraus gewonnenen
Erkenntnisse experimentell zu sezieren.
40 Große Rache ist geplant
Echte, große Rache ist demnach „persönlich“, fasst Elshout die Kernbotschaft ihrer Ergeb-
nisse zusammen. Will heißen: Es geht nicht nur darum, dass sich das Opfer vom Täter ge-
schädigt, sondern sich auch beleidigt und gedemütigt fühlt, so dass sein Selbstwert leidet
und es seine Identität bedroht sieht. „Die mit Rachefantasien einhergehenden Emotionen
45 sind deshalb sehr intensiv und aggressiv“, meint die Holländerin: Es seien vor allem Er-
niedrigung, Neid und Zorn. Hinzu kommt nach Ansicht der Psychologin, dass echte Rache
oft entsprechend exzessiv mit Grübeln verbunden und sorgfältig geplant wird. So formt
sich ein Prototyp der Rache im engeren Sinn, der sich auch in klassischen und modernen
Rachegeschichten in Literatur und Film widerspiegelt. Zorn ist demnach nur eine Triebfe-
50 der für eine Rachehandlung. Anders als bei rein zorngetriebener Aggression richtet sich die
Rachehandlung zusätzlich darauf, Selbstwert und Identität des Täters zu demolieren. Aus-
schließlich auf Wut und Ärger basierend wäre zum Beispiel der Stinkefinger, nachdem einem
jemand die Vorfahrt genommen hat. Oder wenn Eltern ihr Kind maßregeln, nachdem es etwas
geklaut hat. Niemand würde in solchen Fällen von Rache sprechen, Maartje Elshout aller-
55 dings davon, dass zornbefeuerte Antworten vor allem darauf zielen, das Verhalten des Täters
zu ändern.
„Meine Forschung sagt, dass Rache von beiden Motiven gleichzeitig angespornt wird“, erklärt
dagegen salomonisch Mario Gollwitzer: „Rache ist eine Mischung aus Selbstwertbefriedigung
und dem Bedürfnis nach Gerechtigkeit.“ Prinzipiell laufen viele Racheversuche in seinem
60 Labor nach ähnlichem Muster ab wie bei den meisten experimentellen Psychologen, die von
einem weitgefassten Rachebegriff ausgehen. Die Forscher stellen möglichst realistische
Szenarien her, in denen die einen Probanden von anderen Versuchspersonen unfair behan-
delt werden. Die „Opfer“ bekommen dann die Chance, sich zu rächen. Am Ende fragen die
Forscher nach, wie sich die Rächer fühlten, was sie dachten und was sie getrieben hat. Auf
65 Basis solcher Versuche erklärt Gollwitzer, dass sich eine Racheaktion in der Realität oft
nicht positiv in der Stimmung niederschlägt.
Anders sehen das David Chester und Nathan DeWall von der University of Kentucky. Die
Aussicht, den eigenen angeschlagenen Emotionshaushalt zu frisieren, scheint manche Men-
schen, die sich nicht gewollt fühlen, regelrecht in die Rache zu treiben. Die Wissenschaftler
70 ließen ihre Probanden Texte schreiben, die dann von anderen entweder sehr kritisch oder
extrem positiv bewertet wurden. Die Stimmung der Teilnehmer wurde vor und nach einem
Vergeltungsakt 2 gegen die Kritiker gemessen. Die Kritisierten fühlten demnach einen ste-
chenden Schmerz der Zurückweisung. Die Vergeltungsaggression aber verbesserte ihre
Stimmung auf Höhen, wie sie auch die gelobten Probanden empfanden.
75 In einem zweiten Versuch bekamen die Probanden eine Pille, von der sie dachten, sie friere
ihre Stimmung ein, das heißt: Von dem Moment an, in dem die Arznei zu wirken beginnt,
verändert sich die Stimmung nicht mehr. In Wahrheit handelte es sich nur [um] ein Placebo.
Der Effekt war allerdings immens. Anders als die Probanden einer Kontrollgruppe ohne
Pille, die sich intensiv rächten, verzichteten die Teilnehmer der Placebogruppe auf Vergeltung.
80 Sie dachten, sie würden das befriedigende Gefühl später nicht spüren können, und entwickel-
ten auch keine Vorfreude darauf.
Ein Hochgefühl, aber ein kurzes
Unter Normalbedingungen, so die Forscher, nutzten zurückgestoßene „Opfer“ die Aggression
der Vergeltung gezielt als Stimmungsdoping. Das passt zu Befunden aus den Neurowissen-
schaften: Der Hirnscanner zeigt bei Racheakten eine starke neuronale Erregung in jenen
85 Bereichen, die auch bei Drogenkonsum oder Sex ein gutes Gefühl verschaffen. Leider aber
„handelt es sich nur um ein kurzfristiges Hochgefühl“, fasst Chester die Ergebnisse einer
weiteren Untersuchung zusammen. Später wird es durchsetzt von vielen negativen Emotionen:
Schuld, Scham, Bedauern und Zweifeln am Sinn der Vergeltung.
Das zeigt den problematischen Charakter der Rache. Zum einen ist Gollwitzer zufolge Ver-
90 geltung nur dann zumindest kurzfristig süß, „wenn man weiß, dass sie beim Täter ankommt“.
Genugtuung empfindet man als Rächer nur, wenn man dem Täter eine Lektion erteilt und
ihm verdeutlicht hat: „Mit mir darfst du so etwas nicht machen, merk dir das!“ Zum zweiten
müssen die ursprünglichen Täter ihre Reue ausdrücken und den Racheakt verstehen. Nur
unter diesen Voraussetzungen fühlen sich Rächende besser als die Studienteilnehmer, die
95 auf Rache verzichteten. Solche Umstände kommen im Alltag aber „sehr selten“ vor, wie der
Psychologe unterstreicht.
[...]
Rache reguliert unser Verhalten
100 Letzten Endes, sagt auch Gollwitzer, ändert die Rache am ursprünglichen Ärger, Zorn und
Frust meist nur wenig. Trotzdem hält sie sich beharrlich in der menschlichen Verhaltenswelt.
Warum? Der renommierte US-Verhaltensforscher Dan Ariely meint, Vergeltung helfe dabei,
eine vertrauensvollere und weniger chaotische Gesellschaft zu schaffen und gutes Verhalten
zu regulieren. In diesem Sinne fungiere jeder Mensch „als ein kleiner Polizist“, erklärt Ariely.
105 Sein Kollege Michael McCullough von der University of Miami proklamiert: Rache bringe
im Sinne der darwinschen Evolutionstheorie einen Überlebensvorteil und resultiere in einem
kulturellen Nutzen, ungeachtet oft hoher individueller Kosten. Anthropologische Studien
unter eingeborenen Stämmen in Venezuela stützen die These: Gehören zu einer Gruppe weit-
hin als rachlüstern bekannte Menschen, „dann passiert insgesamt weniger“, sagt Mario Goll-
110 witzer. Sprich: Diese Menschen, die als rachsüchtig bekannt sind, werden seltener attackiert.
Gegen derlei Theorien sprechen allerdings die vielfach ritualisierten Formen von Blutrache
– etwa im nördlichen Albanien. Nach festgelegten Regeln reagieren dort manche Familien
mit Morden, wenn sie Handlungen anderer Familien als kränkend, respektlos und entehrend
empfinden. „Es ist klar, dass so etwas nicht zu einer Befriedung verfeindeter Parteien bei-
115 trägt“, sagt Gollwitzer, dessen Team das Phänomen in einer Arbeit beleuchtet hat. Danach
lehnen viele Leute die gewaltsame Rache einerseits ab, weil sie sehen, wie viele Unbetei-
ligte leiden. Andererseits sind sie gefangen in ihren traditionellen sozialen Normen. Neue
Gesetze und ein Eingreifen der Polizei lehnen sie ab.
Die Gerechtigkeitslücke verkleinern
120 Jüngst musste auch der langgediente Rachefachmann Gollwitzer staunen – über die Ergeb-
nisse einer seiner neuen Studien. Selbst das scheinbare Gegenteil von Vergeltung – die Ver-
gebung – kann durch Rachegelüste motiviert sein. Bei dem in Fachkreisen „hohle Verge-
bung“ genannten Phänomen handelt es sich „unter Umständen nur oberflächlich betrachtet
um konstruktives Verhalten“. Hinter der Nettigkeit signalisiert der Vergebende anderen
125 Menschen wie Kollegen oder Freunden: „Ich bin moralisch hochwertig, und der, der mich
verletzt hat, ist moralisch minderwertig, und ihr, alle anderen, wisst das jetzt.“ So wischt
man dem ursprünglichen Täter eins aus.
Vielleicht sind Vergebungsprozeduren noch schwieriger als gedacht. Nur zu sagen, „ich
vergebe dir“, reicht nicht. Es könnte sogar sein, „dass für die Lösung eines Konfliktes ein
130 wenig Rache nötig ist“, glaubt der Münchner Psychologe. Dass man als Opfer nach einer
Verletzung wirklich loslassen kann, „klappt vielleicht nur, wenn ich die Gerechtigkeitslücke
ein wenig verkleinert habe“, so Gollwitzer, „und diese Rache muss wohldosiert sein.“
1 Durch „Belastungsaufgaben“ wurde bei einer Versuchspersonengruppe eine kognitive, reflektierte Bearbeitung des Vergeltungsaktes verhindert, dies führte zu einer deutlich positiveren Zustimmung zur Vergeltung, die hier als intuitiv bezeichnet wird.
2 Im ersten Teil der Studie konnten 156 Teilnehmer eine symbolische Form der Aggression zum Ausdruck bringen: Stecknadeln in eine virtuelle Voodoo-Puppe stecken, die sie sich als die Person vorstellen sollten, die ihnen das Feedback gegeben hatte. Im zweiten Teil der Studie konnten 154 andere Teilnehmer den „Täter“ bei einem erneuten Spiel immer mit einem Knall von Geräuschen über Kopfhörer bestrafen, bis hin zur Lautstärke eines Presslufthammers.
Aufgabe 1
2. Erklären Sie, welche Funktionen Rache hat, und ziehen Sie dazu sowohl das Konzept der impliziten und expliziten Einstellungen als auch die Theorie des reziproken Altruismus heran. (20 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Erklären Sie, welche Funktionen Rache hat, und ziehen Sie dazu sowohl das Konzept der impliziten und expliziten Einstellungen als auch die Theorie des reziproken Altruismus heran.
Lösung: Umfassende schriftliche Ausarbeitung entsprechend den inhaltlichen Kriterien des Erwartungshorizonts.
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